FG074 Stoffwechselforschung

Das neue Verständnis unseres Ernährungssystems, die ausgebremste Evolution und die Volkskrankheit Übergewicht

Jens Claus Brüning
Jens Claus Brüning
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Fettleibigkeit wird im wahrsten Sinne des Wortes zu einem immer gewichtigeren Thema. Alleine in den USA bringt mittlerweile jeder Zweite zuviel auf die Waage. Betroffenen haftet das Stigma an, dass es ihnen an Willensstärke fehlt, die Kalorienaufnahme zu zügeln. Doch die Ursachen von Übergewicht sind vielschichtiger – und sie haben vor allem etwas mit der evolutionären Optimierung des Organismus zu tun, die aus der Zeit stammt, als Nahrung ein knappes Gut war. Auf unsere heutige Wohlstandsgesellschaft, in der in aller Regel kein Nahrungsmangel herrscht, ist der Mensch eben nicht angepasst.

Erst seit wenigen Jahrzehnten beginnt die Wissenschaft genauer zu verstehen, wie zum Beispiel das Insulinhormon im Körper seine Wirkung entfaltet. Wie der Mechanismus des Stoffwechsels im Einzelnen funktioniert, ist das Forschungsfeld des Mediziners Jens Claus Brüning. Er leitet das Max-Planck-Institut für Stoffwechselforschung und ist Direktor der Poliklinik für Endokrinologie, Diabetes und Präventivmedizin (PEDP) an der Universitätsklinik Köln.

Als Endokrinologe, also als Hormonfoscher nimmt Brüning keineswegs nur die Organe in den Blick, die man landläufig mit dem Thema Stoffwechsel in Verbindung bringt, wie die Bauchspeicheldrüse oder die Leber. Das Gehirn spielt tatsächlich eine entscheidende Rolle bei der Regulierung des Energiehaushalts und somit auch für die Nahrungsaufnahme. In den letzten Jahren gab es eine geradezu revolutionäre Weiterentwicklung an Werkzeugen, um zu untersuchen, wie bestimmte Hirnzellen als Steuerungszentrale für den Stoffwechsel dienen. Ein weiterer Schritt, um nicht nur das komplexe Hormonsystem, sondern auch den Schalt- und Bauplan des Gehirns zu entschlüsseln.

6 Gedanken zu „FG074 Stoffwechselforschung

  1. Wow, Danke.
    Keiner anderen Sendung habe ich aufmerksamer zugehört, als dieser.
    Das Thema ist mir als Adipöser Person auch sehr wichtig.
    Danke für die Anregungen mit dem Leptin, die einem irgendwie kein Arzt näherbringt.

  2. Eine absolut interessante Folge mit einem Gesprächspartner, der die Sache interessant, verständlich und spannend schildern kann. Herzlichen Dank dafür!

  3. So schade, (vorsichtig ausgedrückt), dass gar keine Idee davon besteht, dass das Konzept der Komplexität bzw. des Systemischen im Menschen ja auch auf das Verhältnis Biologie-Psyche-Gesellschaft anzuwenden ist, also neudeutsch gesagt, auf die Schnittstellen dieser Systeme. Da das biologistischerweise nicht stattfindet, wird dann das Adipositas-Problem ausschließlich als persönliches Problem (nicht etwa als gesellschaftliches) adressiert. Und schlimmer noch: Die Kur wird ausschließlich als Therapie (nicht etwa als Prävention) verstanden. Da sind wir aber schon weiter gesellschaftlich, denn dass zB. die Zuckerindustrie (wie alle Wirtschaft in unserem nicht alternativlosen Wirtschaftssystem) aggressiv wachsen muss, ist zB nachweislich ein gesellschaftliche Treiber, den die Gesellschaft entschieden zurückweisen bzw. abschalten könnte.
    Heraus kommt hier aber ein bisschen das, was analog im Umweltverschmutzungs-Business passiert: Müllentsorgung statt -Vermeidung.
    Ein Beispiel für deterministisches Verständnis auch insofern, dass Evolution ausschließlich biologisch verstanden wird (anstatt beim Menschen gesellschaftlich formatiert) und auch das individuelle Verhalten ausschließlich biologisch-neurologisch. Da freut sich die Pharma-Industrie.

    • Tim Pritlove versucht jzwar ab und zu vorsichtig auf gesellschaftliche Umweltfaktoren hinzuweisen, aber da es “nicht unser Spezialgebiet ist”, denkt der Forscher nicht daran, es in seine Rechnung (also in den Verständnisrahmen) einzubeziehen. Denn dafür wären andere zuständig. Das ist für mich nicht ausreichend transdisziplinär gedacht und an die Öffentlichkeit vermittelt.

      • Wie kommt es zB., dass früher die Reichen dick waren und heute eher die Armen? Das kann nicht biologisch begründet sein, es sei denn, man glaubt, dass Reich- oder Armsein mit der Biologie begründbar wäre oder gar genetisch angelegt. Auch ist das Problem nicht, dass zuviel gegessen würde, sondern zuviel vom Falschen. Zucker macht süchtig. Kohl nicht. Mit Zucker kann viel Geld verdient werden. Warum können mehr gut gebildete und sozio-ökonomisch gut situierte Menschen ihren Zukerkonsum bewusst kontrollieren (ebenso wie das Rauchen sein lassen), andere eher nicht? usw usf.
        Auch Grundlagenforschung darf nicht kompartmentalisieren und an der Grenze zwischen Naturwissenschaft und Gesellschaftswissenschaft ihr wissenschaftliches Vorgehen beenden. “Wer nur von Chemie etwas versteht, versteht auch die nicht recht”. Dieser Lichtenberg-Spruch gilt nicht nur innerhalb der Naturwissenschaften. Interdisziplinarität ist nötig für das Gesamtverständnis eines Gegenstands, und das begründet auch die Apriori der Grundlagenforschung.

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