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FG061 Persönlichkeitsentwicklung

Über unsere Persönlichkeit und den Wert der Unterschiede

Jule Specht ist Psychologin und Professorin an der Berliner Humboldt-Universität. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Persönlichkeitsentwicklung, Wohlbefinden, Persönlichkeit und soziale Beziehungen. Sie ist zudem Mitglied der „Jungen Akademie“, einem Thinktank für wissenschaftliche und wissenschaftspolitische Fragen, die besonders den wissenschaftlichen Nachwuchs betreffen.

In dieser Episode sprechen wir mit Jule Specht darüber, was Persönlichkeit in einem wissenschaftlichen Sinne ist, was unsere Persönlichkeit formt, wie sich eine Persönlichkeit im Laufe des Lebens entwickelt oder wie sich Männer und Frauen in Ihrer Persönlichkeit unterscheiden. Wir werfen einen Blick auf das Berufsleben, das Teile unserer Persönlichkeit besonders fordert oder formt, beispielsweise bezüglich unserer Gewissenhaftigkeit. Und auf welche Persönlichkeitsmerkmale achten eigentlich Unternehmen bei der Mitarbeiterauswahl?

Zum Ende hin streifen wir noch die Frage, wie man mit Big Data Rückschlüsse auf die Persönlichkeit ziehen und uns damit vielleicht auch manipulieren kann, und erkennen wenig überrascht: Wir sind nicht mehr weit entfernt davon, dass uns unser Smartphone sagen kann, wie glücklich wir gerade sind.

https://forschergeist.de/podcast/fg061-persoenlichkeitsentwicklung/
Veröffentlicht am: 27. Juli 2018
Dauer: 1:56:30


Kapitel

  1. Intro 00:00:00.000
  2. Vorstellung 00:00:42.517
  3. Persönlicher Hintergrund 00:01:56.136
  4. Junge Akademie 00:07:11.509
  5. Was ist Persönlichkeit? 00:23:12.479
  6. Kann man seine Persönlichkeit ändern? 00:36:45.852
  7. Wie bildet sich Persönlichkeit? 00:40:55.591
  8. Selbstoptimierung 00:56:30.732
  9. Autisten 01:02:57.692
  10. Männer und Frauen 01:07:20.444
  11. Generationen 01:13:53.457
  12. Traumatische Erlebnisse 01:17:41.190
  13. Berufsleben 01:25:13.972
  14. Bewerbung und Mitarbeiterauswahl 01:29:54.207
  15. Big Data 01:37:56.466
  16. Datenschutz und Ethisch-moralische Fragen 01:45:25.144
  17. Zukunftsfragen 01:50:57.460

Transkript

Tim Pritlove
0:00:43
Jule Specht
0:01:14
Tim Pritlove
0:01:16
Jule Specht
0:01:18
Tim Pritlove
0:01:19
Jule Specht
0:01:28
Tim Pritlove
0:01:33
Jule Specht
0:01:41
Tim Pritlove
0:01:56
Jule Specht
0:02:01

Ja.

Tim Pritlove
0:02:01
Jule Specht
0:02:22
Tim Pritlove
0:02:38
Jule Specht
0:02:42
Tim Pritlove
0:02:55
Jule Specht
0:02:55
Tim Pritlove
0:03:16
Jule Specht
0:03:18
Tim Pritlove
0:03:34
Jule Specht
0:03:36
Tim Pritlove
0:04:09
Jule Specht
0:04:14
Tim Pritlove
0:04:31
Jule Specht
0:04:32
Tim Pritlove
0:04:33
Jule Specht
0:04:36
Tim Pritlove
0:05:05
Jule Specht
0:05:07
Tim Pritlove
0:05:09
Jule Specht
0:05:11
Tim Pritlove
0:05:25
Jule Specht
0:05:33
Tim Pritlove
0:06:08
Jule Specht
0:06:15
Tim Pritlove
0:06:16
Jule Specht
0:06:22
Tim Pritlove
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Jule Specht
0:06:36
Tim Pritlove
0:06:53
Jule Specht
0:06:54
Tim Pritlove
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Jule Specht
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Tim Pritlove
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Jule Specht
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Tim Pritlove
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Jule Specht
0:07:23
Tim Pritlove
0:07:24
Jule Specht
0:07:26

Genau, also das ist eine Gruppe von jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, 50 Personen sind das und jedes Jahr werden zehn neue reingewählt und zehn, die schon fünf Jahre dabei sind, werden verabschiedet. Und das ist eigentlich einfach nur ein Zusammenschluss von jungen Leuten, die Lust haben, interdisziplinär da zu forschen oder sich auszutauschen, die sich an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Gesellschaft engagieren wollen, also Wissenschaft vermitteln wollen. Und die sich eben, gerade in den letzten Jahren, vermehrt mit wissenschaftspolitischen Themen auseinandergesetzt haben. Und genau das finde ich natürlich interessant, weil wir ja in Deutschland diese absurde Situation haben, dass wir lauter gute Leute haben, die hoch qualifiziert sind, aber keine realistische Chance haben, langfristig in der Wissenschaft zu sein. Und die dann irgendwann, wenn sie, keine Ahnung, in ihren 40ern sind, mitkriegen, dass einfach keine Stelle für sie da ist. Und diese absurde Situation zu verändern, das ist eben was, was uns in der jungen Akademie, auch wenn wir alle aus unterschiedlichen Fächern kommen, zu großen Teilen beschäftigt und genau, das wird dann natürlich recht schnell auch politisch, wenn man sich dann überlegt, wie können wir denn eine Uni so gestalten oder wie müsste denn die moderne Uni aussehen, damit die Missstände, die wir zurzeit haben, nicht mehr da sind. Und da entstehen dann so politische Forderungen oder Vorschläge, wenn man es nicht ganz so radikal sagen will.

Tim Pritlove
0:08:50
Jule Specht
0:08:54
Tim Pritlove
0:08:55
Jule Specht
0:08:55
Tim Pritlove
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Jule Specht
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Tim Pritlove
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Jule Specht
0:10:13
Tim Pritlove
0:10:19
Jule Specht
0:10:22
Tim Pritlove
0:10:44
Jule Specht
0:10:46
Tim Pritlove
0:10:51
Jule Specht
0:10:52
Tim Pritlove
0:10:54
Jule Specht
0:11:05

Genau, na eine Sache, die uns total beschäftigt, oder zum Glück nicht nur uns, sondern viele, ist, dass wir relativ wenig Geld haben für Stellen, die unbefristet sind. Das heißt, wir haben relativ wenig Professuren im deutschen Wissenschaftssystem und immer mehr Gelder, die über sogenannte Drittmittel ins System fließen. Also zum Beispiel Mittel vom Bund, die zeitlich befristet in Projekte investiert werden. Das ist an sich natürlich erst mal gut, dass man eine Geldquelle hat, die einem Geld zuschießt, um Projekte zu machen. Das ist aber völlig aus dem Ruder gelaufen, so dass wir jetzt super viel Geld auf dieser Drittmittelseite haben und ganz wenig Geld auf der sogenannten Grundmittelseite. Und das führt eben dazu, dass die Zahlen der Stellen, die zeitlich befristet ist, immer mehr gestiegen, gestiegen, gestiegen ist und die Zahl der Professuren und der langfristigen Stellen aber stabil geblieben ist. Und so kommt es, dass wir jetzt einen riesigen Mittelbau haben, also Personen, die zeitlich befristet beschäftigt sind und eine gleichbleibende Anzahl an Professuren, und dadurch kommt es, dass wir ungefähr fünf Leute haben, die sich schon in zig Verfahren durchgesetzt haben als, keine Ahnung, ERC-Grant bekommen haben oder eine Emmy Noether-Gruppe? oder irgendwie eine eigene Stelle von der DFG oder irgendwas, also gezeigt haben, dass sie supergute Sachen machen, aber gleichzeitig immer noch zu wenig Professuren. Und dieses Missverhältnis muss aufgelöst werden, weil wir sonst einfach vier von fünf Leuten, so ist das zur Zeit, nicht halten können in der Wissenschaft, sondern die sind dann ewig dabei und dann mit 40, wenn so das Durchschnittsalter ist, wenn man auf eine Professur berufen wird, dann merkt man, okay für diese Person haben wir keine Stelle mehr, dann kommt das Wissenschaftszeitvertragsgesetz, das sagt, man darf nur eine bestimmte Anzahl an Jahren im Wissenschaftssystem befristet sein. Und das führt einfach dazu, dass wir viel zu viel Geld für zeitlich befristete Stellen ausgeben und viel zu wenig Geld für unbefristete Stellen. Und das müssen wir irgendwie ändern und da haben einige Mitglieder der jungen Akademie mehrer Vorschläge gemacht, wie man das hinkriegen könnte.

Tim Pritlove
0:13:09
Jule Specht
0:13:13
Tim Pritlove
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Jule Specht
0:14:19

Richtig genau, also das war eben so eine Idee, dass wir sagen, okay die Unis haben eben die Zahl der Professuren stabil gehalten oder halbwegs stabil, haben nicht mehr Professuren geschaffen und im Gegenteil, nutzen immer mehr Geld, um auch an der Uni, die ja nun eigentlich langfristig Geld zur Verfügung hat, auch die investiert immer mehr Geld in befristete Stellen. Und wir haben zum einen gesagt, das ist ein Missverhältnis, wir haben schon so viele Drittmittel, wir brauchen dann nicht auch noch an der Uni weitere Geldquellen, die auch zeitlich befristete Stellen nur schaffen. Die Uni soll sich doch mal darauf konzentrieren, die Professuren als Standardpersonalkategorie zu stärken und mehr Gelder in Professuren stecken. Und eben nicht noch weitere Gelder in den Mittelbau. Und das geht einher mit dieser Vision einer neuen Universität, die eben nicht durch Hierarchien geprägt ist, wo ein Sonnenkönig an der Spitze steht, der so eine Traube an abhängig Beschäftigten unter sich vereint, sondern dass wir zum einen heutzutage und in der Wissenschaft sowieso nicht Hierarchien brauchen, sondern einen Wettbewerb der Ideen. Also wenn man sich mit Doktorandinnen und Doktoranden und Postdocs unterhält, hat ja nicht zum Schluss der Prof recht, sondern der mit der besten Idee oder der mit dem interessanten Studiendesign. Und diese Denkweise in der Wissenschaft muss sich irgendwie auch in der Personalstruktur widerspiegeln. Dass es eben nicht so ist, dass einer bestimmt, was richtig ist, sondern dass man viele Personen hat, die auf Augenhöhe gleichberechtigt forschen und lehren und die eine langfristige Perspektive in der Wissenschaft haben.

Tim Pritlove
0:15:56
Jule Specht
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Tim Pritlove
0:15:59
Jule Specht
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Tim Pritlove
0:17:04
Jule Specht
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Richtig, also so ein bisschen Wanderschaft braucht man glaube ich schon. Also dieses, ich studiere irgendwo, promoviere dann da und dann werde ich da Prof, hat immer den Nachteil, dass man dann sehr wieder in diese Schulen kommt und dann man wenig Ideendurchmischung hat. Oder das ist so eine Befürchtung der Kritikerinnen von dieser mangelnden Wanderschaft, aber zurzeit ist es ja so, dass die Wanderschaft sehr lange dauert und an sehr viele Stellen geht. Dann ist man ein Jahr hier und dann nochmal zwei Jahre hier und das ist super schwierig zu vereinen mit dem Leben, was man nebenher zum Beruf idealerweise auch noch führt. Also Familie zum Beispiel. Und da gibt es ganz erschreckende Zahlen, die dann zeigen, dass Personen im Wissenschaftssystem sich genauso häufig Kinder wünschen, wie Personen, die hochqualifiziert sind und außerhalb der Wissenschaft arbeiten, aber viel seltener endgültig kinderlos bleiben, weil sie eben sagen, ich kriege das überhaupt nicht hin, hier ein Kind in die Welt zu setzen, wenn ich nicht weiß, wo ich morgen bin und ständig hin und her pendeln muss und eine Beziehung führe, die dauerhaft auf Distanz ausgelegt ist und so. Und da würden natürlich solche früheren Perspektiven hilfreich sein, weil wenn ich schon mit Anfang 30 weiß, ich habe jetzt hier eine Stelle und wenn ich darin gut bin, dann kann ich da bleiben, dann kann ich meine Zukunft ganz anders planen, als wenn ich das eben mit Mitte 40 gesagt kriege und dann als Frau gar nicht mehr unbedingt Kinder kriegen kann.

Tim Pritlove
0:18:33
Jule Specht
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Tim Pritlove
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Jule Specht
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Tim Pritlove
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Jule Specht
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Tim Pritlove
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Jule Specht
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Tim Pritlove
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Jule Specht
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Tim Pritlove
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Jule Specht
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Tim Pritlove
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Jule Specht
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Tim Pritlove
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Jule Specht
0:23:23
Tim Pritlove
0:23:23
Jule Specht
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Tim Pritlove
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Jule Specht
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Tim Pritlove
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Jule Specht
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Tim Pritlove
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Jule Specht
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Tim Pritlove
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Jule Specht
0:25:25
Tim Pritlove
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Jule Specht
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Tim Pritlove
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Jule Specht
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Tim Pritlove
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Jule Specht
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Tim Pritlove
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Jule Specht
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Tim Pritlove
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Jule Specht
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Tim Pritlove
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Jule Specht
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Tim Pritlove
0:26:38

Ja.

Jule Specht
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Tim Pritlove
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Jule Specht
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Tim Pritlove
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Jule Specht
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Tim Pritlove
0:27:00
Jule Specht
0:27:07
Tim Pritlove
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Jule Specht
0:27:24

Ach so, na gut aus meiner Perspektive sind die 90er Jahre echt lange her. Also es gab halt, es hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte, da ist es so entstanden, dass man gemerkt hat, okay es gibt zig Arbeitsgruppen auf der Welt, die sich mit Persönlichkeitseigenschaften beschäftigen und die dann alle so vor sich hin tüfteln und irgendwelche interessanten Sachen rausfinden, aber gar nicht merken, dass die Arbeitsgruppe eine Stadt weiter genau das gleiche macht und ihre Persönlichkeitseigenschaft bloß anders nennt, aber im Prinzip das gleiche meint. Oder mehrere Personen von dem gleichen Konstrukt gesprochen haben und damit aber ganz unterschiedliche Sachen meinten und dann irgendwie ganz konfligierende Ergebnisse rauskamen. Und dann hat man sich eben irgendwann gedacht, okay irgendwie ist das hier alles zu einzeln und zerstückelt und jetzt müssen wir mal wirklich die ganze Persönlichkeit analysieren. Und dann kamen so Leute, die gesagt haben, okay, was ist denn eigentlich Persönlichkeit? Und die dann gesagt haben, eigentlich müsste doch alles, was uns unterschiedlich macht, irgendwie nach Sprache repräsentiert sein. Weil wenn irgendwas wichtig ist, was Menschen voneinander unterscheidet, dann muss es auch ein Wort dafür geben und die haben dann eben Wörterbücher durchgeblättert und alle Worte, die Unterschiede zwischen Menschen im Denken, Fühlen und Verhalten beschreiben, rausgeschrieben, kamen dann eben auf mehrere tausend Worte und haben das dann so eingedampft über verschiedene statistische Verfahren und sind dann bei den Big Five geblieben. Und das war so ein bisschen ein kontinuierlicher Prozess, weil eben nicht irgendwann ein Superpsychologe kam und gesagt hat, ab heute gibt es die Big Five, sondern viele sich da so dem angenähert haben. Aber so ab 1990 war das so die gängige Terminologie.

Tim Pritlove
0:29:01
Jule Specht
0:29:04
Tim Pritlove
0:29:05
Jule Specht
0:29:10
Tim Pritlove
0:29:16
Jule Specht
0:29:31

Genau, ja und das ist eben auch Teil des Buches, dass man in dem Buch so erklärt bekommt, was sind das überhaupt für Persönlichkeitseigenschaften? Wie zeichnen die sich aus, womit hängen die zusammen? Und dann so kleine Tests, wo die Leute dann auch selber gucken können, was für eine Persönlichkeit sie denn eigentlich selber haben und inwiefern das mit ihrem Selbstbild zusammenpasst. Und dann geht es aber, also in der Psychologie gibt es so einen Konflikt zwischen den Persönlichkeits- und den Sozialpsychologen, zumindest in den USA, die da lange Vorreiter waren, weil wegen Zweiten Weltkrieg und so in Deutschland ja nicht viel lief an Forschung. Und da haben immer die Sozialpsychologen, die in den USA sehr stark sind, gesagt, ach es gibt überhaupt keine Persönlichkeit, Die Situation macht den Menschen und je nach Situation verhält man sich unterschiedlich. Und die Persönlichkeitspsychologie musste da ganz schön strampeln, um klarzumachen, dass es eben Unterschiede zwischen Personen gibt, selbst wenn die in der gleichen Situation sind und dass die auch stabil sind über viele Situationen hinweg. Und in diesem psychologieinternen Kampf ist man dann in der Persönlichkeitspsychologie so ein bisschen davon weggekommen zu sehen, dass Persönlichkeit natürlich nicht perfekt stabil ist, sondern auch nur so mittelstabil ist und hat erst so in den letzten Jahren und Jahrzehnten wieder näher in den Fokus gerückt, dass sich natürlich die eigentlich recht stabil Persönlichkeit auch wieder verändern kann. Und diese Veränderungssensibilität oder überhaupt die Veränderungen, die man beobachten kann in der Persönlichkeit, das ist das, was mich in der Forschung beschäftigt und was ich da jetzt auch in dieses Buch, in dieses Charakterfragebuch eben habe einfließen lassen, weil das finde ich total spannend.

Tim Pritlove
0:31:09
Jule Specht
0:31:31
Tim Pritlove
0:32:19
Jule Specht
0:32:29
Tim Pritlove
0:33:02
Jule Specht
0:33:13
Tim Pritlove
0:33:22
Jule Specht
0:33:23
Tim Pritlove
0:33:27
Jule Specht
0:33:30
Tim Pritlove
0:33:35
Jule Specht
0:33:41

Aber genau, dann gibt es viele Fragen, die gestellt werden, dann wird irgendwie gefragt, ja wie häufig machen Sie sich denn Sorgen auf einer Skala von 1-7? Wie häufig sind Sie traurig? Wie häufig sind Sie deprimiert? Oder hängen Sie ewig Gedanken nach, auch wenn die Situation schon längst vorbei ist oder irgendwie so. Hat man also viele Fragen, bildet darüber den Mittelwert und sagt dann, diese Person hat eben eine 4 und diese Person eine 3. Und das ist aber natürlich immer noch eine sehr reduzierte Betrachtung von der emotionalen Stabilität zum Beispiel und deshalb kommt dann das, was Sie eben gesagt haben, trotzdem noch auch ins Spiel, dass man nämlich sagt, okay wir können nicht nur von emotionaler Stabilität sprechen, sondern es gibt noch so Facetten, so nennen wir die. Also zum Beispiel die Ängstlichkeit und die Depressivität als Subkomponenten der emotionalen Stabilität. Und je mehr Zeit man hat, um sein Forschungsprojekt oder seinen Probanden oder Klienten oder Patienten oder wer da auch immer sitzt, sich genauer anzugucken, je mehr Zeit man hat, desto mehr Facetten würde man differenzieren und eben nicht bei den Big Five, so nennen wir die, also diesen fünf globalen Merkmalen stehenbleiben, sondern immer differenzierter fragen, weil der Gedanke dahinter ist, dass wir, also dass Personen, die zu Ängstlichkeit neigen, häufig auch zu Depressivität neigen. Und wenn ich wenig Zeit habe, frage ich eben nur, wie ängstlich die sind, weil ich mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit dann schon weiß, was die für eine Depressivität haben, aber natürlich mach ich dabei Fehler. Weil nicht jeder, der ängstlich ist, hat auch eine hohe Depressivität und andersrum. Und deshalb, je mehr Zeit ich habe, desto fehlerfreier kann ich messen und mir dann eben die einzelnen Komponenten der emotionalen Stabilität zum Beispiel genauer angucken.

Tim Pritlove
0:35:15
Jule Specht
0:35:18
Tim Pritlove
0:35:20
Jule Specht
0:35:25

Genau, das ist tatsächlich so eine Schwierigkeit, die wir haben, dass viele Leute mit bestimmten Merkmalsausprägungen assoziieren, dass das besser sei als andere. Also die Gesellschaft findet ordentlich besser als unordentlich und freundlich besser als unfreundlich und wenig sorgenvoll besser als sorgenvoll und das ist natürlich super fehleranfällig, weil wir als Persönlichkeitspsychologen sagen, die Diversität ist gerade das Schöne. Zum Glück sind wir nicht alle gleich, sondern wir sind unterschiedlich und jede Merkmalsausprägung ist irgendwann mal von Vorteil. Und deshalb ist es gut, dass wir so unterschiedlich sind und es gibt eben keine gute Seite und keine schlechte Seite und trotzdem ist es so, dass es Studien gibt, die zeigen, wenn man Personen fragt, ob sie ihre Persönlichkeit verändern wollen, sagen über 90%, sie wollen ihre Persönlichkeit verändern und fast alle in die gleiche Richtung. Also das heißt, die Menschen haben ein sehr einseitiges Bild davon, was eine gute Persönlichkeit ist und das ist für mich als Persönlichkeitspsychologin natürlich total fürchterlich, weil ich dann denke, oh Gott, wenn man sich mal vorstellt, die Menschen kriegen das tatsächlich hin, ihre Persönlichkeit zu verändern, alle in die gleiche Richtung und wir haben irgendwann eine Gesellschaft, wo alle Menschen die gleiche Persönlichkeit haben, dann ist das eine ganz fürchterliche Vorstellung, weil dann natürlich ganz viel wertvolle Unterschiedlichkeit verloren geht.

Tim Pritlove
0:36:45
Jule Specht
0:36:49
Tim Pritlove
0:38:01
Jule Specht
0:38:08
Tim Pritlove
0:39:16
Jule Specht
0:39:26
Tim Pritlove
0:39:28
Jule Specht
0:39:35
Tim Pritlove
0:40:31
Jule Specht
0:40:32
Tim Pritlove
0:40:55
Jule Specht
0:41:28
Tim Pritlove
0:41:41
Jule Specht
0:41:42
Tim Pritlove
0:41:43
Jule Specht
0:41:45

Da bleibt noch relativ viel übrig für Umwelterfahrungen, also für Lebensereignisse oder die Situation, in der man sich befindet. Das heißt, so genetische Aspekte haben einen Einfluss und das sieht man ja auch manchmal, wenn man sich so umguckt, dann sieht man ja, irgendwie es gibt gewisse Ähnlichkeiten zwischen Geschwistern oder zwischen Kindern und ihren Eltern und da kann man eben so interessante Schätzungen an Zwillingen machen, wie hoch denn jetzt eigentlich dieser genetische Anteil ist und dann kommt man eben auf diese 30-50% und gleichzeitig sieht man aber, okay da ist noch ganz viel Raum für nicht genetischen Einfluss. Und eine Hypothese, die auch relativ prominent, zumindest so in der Öffentlichkeit, ist, ist, dass man ja denkt, okay die Kitajahre oder die ersten drei Lebensjahre sind total relevant für das, was aus einem Menschen mal wird. In meinem Freundeskreis höre ich das auch ganz häufig, dass man sagt, naja das war schon früher, als ich oder meine Eltern haben das und dann war das eben besonders gut oder besonders ungut und dann hat man sich auf die eine oder andere Weise entwickelt. Da würde man aus der persönlichkeitspsychologischen Sicht sagen, okay das wird wahrscheinlich maßlos überschätzt dieser Einfluss, den diese führen Kindheitserfahrungen haben, die sind wichtig, aber wichtig ist eben auch alles, was danach kommt. Und es ist jetzt nicht so, dass ein Lebensjahr, was früh im Leben ist, viel wichtiger sei als ein Lebensjahr, was später im Leben ist. Und deshalb ist es viel aussagekräftiger oder viel relevanter für die Persönlichkeit, die man gerade hat, was in den letzten paar Jahren passiert ist, als das, was schon Jahrzehnte zurückliegt. Genau und was besonders relevant ist, ist also die Lebenssituation, in der man sich zurzeit befindet, also womit verbringt man seine Zeit? Welchen Beruf hat man, lebt man in einer Beziehung, in was für einer, welchen Hobbys geht man nach, also was beschäftigt einen, in welcher Situation ist man? Das beeinflusst ganz stark, was wir für eine Persönlichkeit haben oder eben auch in den nächsten Jahren haben werden.

Tim Pritlove
0:43:42
Jule Specht
0:43:48
Tim Pritlove
0:44:01
Jule Specht
0:44:07
Tim Pritlove
0:44:21
Jule Specht
0:44:24
Tim Pritlove
0:44:25
Jule Specht
0:44:28
Tim Pritlove
0:45:08
Jule Specht
0:45:13
Tim Pritlove
0:45:14
Jule Specht
0:45:21
Tim Pritlove
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Jule Specht
0:45:49
Tim Pritlove
0:46:52
Jule Specht
0:47:03
Tim Pritlove
0:47:10
Jule Specht
0:47:24
Tim Pritlove
0:47:24
Jule Specht
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Tim Pritlove
0:47:47
Jule Specht
0:47:49
Tim Pritlove
0:47:56
Jule Specht
0:48:35
Tim Pritlove
0:49:21
Jule Specht
0:50:10
Tim Pritlove
0:50:17
Jule Specht
0:50:18
Tim Pritlove
0:51:05
Jule Specht
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Tim Pritlove
0:51:30
Jule Specht
0:51:36
Tim Pritlove
0:52:00
Jule Specht
0:52:01
Tim Pritlove
0:52:27
Jule Specht
0:52:27
Tim Pritlove
0:52:46
Jule Specht
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Tim Pritlove
0:53:12
Jule Specht
0:53:29
Tim Pritlove
0:53:44
Jule Specht
0:53:53
Tim Pritlove
0:53:59
Jule Specht
0:54:07

Genau, also das hat einen Einfluss, werde ich kränke oder kriege ich eine bestimmte Krankheit, das hat einen Einfluss darauf, wie ich Dinge bewerte, welche Dinge mir wichtiger werden, wie ich meinen Alltag lebe und dann eben auch auf die Persönlichkeit. Und ein Befund, den ich in meiner Dissertation, war das noch, gefunden habe, war, dass Personen sich im hohen Alter gerade besonders stark nochmal verändern. Und da liegt es ja nahe zu sagen, naja die Persönlichkeit ändert sich im hohen Alter, weil die Leute halt krank werden und ganz so einfach ist es aber nicht, aber es ist eben ein Einflussfaktor. Allerdings scheint es so zu sein, je älter wir werden, desto geringer ist vielleicht auch die Bedeutung, die gesundheitliche Veränderung für die Persönlichkeitsveränderung spielen, aber okay, auf jeden Fall Gesundheit ist ein Einflussfaktor, aber eben auch so was wie der Übergang von der Ausbildung oder Studium zum Beruf führt dazu, dass Personen im Durchschnitt gewissenhaft werden. Oder wenn Personen den Job wechseln, dann ändert sich häufig die Extraversion und Offenheit für neue Erfahrungen, je nachdem welche Extraversion, Offenheit der Job eben von einem verlangt. Oder wenn ich in Rente gehe, werde ich wieder weniger gewissenhaft und wieder so ein bisschen relaxter, da sagt man auch „la dolce Vita“-Effekt dazu, weil man irgendwie jetzt nicht mehr so unter diesem Produktivitätsdruck steht, sondern jetzt auch mal so ein bisschen relaxen kann und im höheren Alter sich dann auf wichtigere Dinge als Gewissenhaftigkeit konzentrieren kann. Oder wenn Personen eine feste Beziehung eingehen, dann sieht man häufig, dass sie weniger extravertiert und weniger offen für neue Erfahrungen werden, was ja irgendwie auch einen gewissen Vorteil vielleicht mit sich bringt, dass man dann eben nicht mehr so viel unter Leuten ist und so viele Sachen ausprobieren möchte, weil man ja jetzt jemanden gefunden hat, mit dem man gerne viel Zeit verbringt, während wenn man sich dann wieder trennt, kehrt sich das dann wieder um, das ist dann irgendwie so die Partnersuchpersönlichkeit vielleicht auch oder man wird verträglicher dann auch wieder, weil man dann ja irgendwie, weil es sich lohnt, freundlich zu sein, wenn man Single ist und einen Partner sucht. Also solche Anpassungsmechanismen gibt es dann im Laufe des Lebens, wo man in einer bestimmten Situation ist oder ein bestimmtes Ziel verfolgt oder bestimmten Situationen ausgesetzt ist, die dazu führen, dass bestimme Persönlichkeitseigenschaften adaptiver sind oder belohnt werden oder sich besser anfühlen oder so und dann ändert sich das eben je nachdem in welcher Situation ich bin.

Tim Pritlove
0:56:29
Jule Specht
0:56:52
Tim Pritlove
0:57:36
Jule Specht
0:57:37
Tim Pritlove
0:57:38
Jule Specht
0:57:46
Tim Pritlove
0:58:23
Jule Specht
0:58:25
Tim Pritlove
0:59:14
Jule Specht
0:59:19

Na zum Beispiel, im Prinzip ist das der Gedanke, den es in der Therapie schon ganz lange gibt, also jemand ist super schüchtern zum Beispiel, das muss ja jetzt nicht klinisch schüchtern sein, sondern einfach ist ein schüchterner Mensch und sagt, ich wäre total gerne Radiomoderatorin und bin aber so schüchtern, ich kriege immer kein Wort über die Lippen, wenn ich mit anderen Menschen rede, das ist dann unpraktisch, weil die Person in einer Situation sein möchte, in der ihre Persönlichkeit ihr ein Bein stellt. Und dann kann man natürlich sagen, na okay, wie kriegt man das denn hin zu trainieren, dass die Person mehr auf Leute zugeht? Und dann kann man sich eben überlegen, okay in welchen Situationen ist die Person denn schüchtern? In welchen Situationen nicht? was führt denn dazu, dass sie da schüchtern ist? Dann kann man sich so Aufgaben stellen und sagen, so heute spreche ich mal drei unbekannte Personen an und meistens, wenn man das mal ausprobiert, kriegt man ja mit, die Leute reagieren eigentlich recht positiv und dann fühlt man sich bestärkt und dann macht man das noch mehr und merkt, dass man als Person, die auf andere Menschen zugeht, doch irgendwie damit gut klar kommt und da gute Rückmeldungen bekommt und kann das dann immer mehr ausprobieren, und je mehr eine Person dafür verstärkt wird und merkt, das kommt eigentlich ganz gut an, wenn ich Leute einfach mal anlächle oder anspreche, ich muss da gar nicht so zurückhaltend sein, desto leichter wird es dieser Person auch fallen, diese Extraversion in dem Fall dann in ihren Alltag zu übernehmen. Und auch, wenn sie dann einfach auf einer Party ist, wo es überhaupt nicht um Radiomoderation geht, dann einfach auf die Leute zuzugehen, weil sie das so verinnerlicht hat. Dann hat man also von einzelnen Situationen, die einen gewissen Handlungsdruck hatten, also ich will mehr auf die Leute zugehen, weil ich gerne Radiomoderatorin werden will, hat man sich so entlang gehangelt und die Person zu einem extravertierteren Menschen hat werden lassen. Und das ist schon denkbar und eben aus der klinischen Psychologie wissen wir, das funktioniert auch, wenn Personen einen ganz starken Druck haben, weil es ihnen einfach schlecht geht in ihrer Situation, aber Menschen, die einfach eine ganz normale Persönlichkeit haben und ein ganz normales Leben führen, haben halt meistens diesen krassen Druck nicht, sich unbedingt verändern zu müssen. Und dann muss man sich schon fragen, inwiefern, wenn jetzt jemand sagt, oh ich will unbedingt irgendwie gewissenhafter werden, ich bin immer so unordentlich, dann ist eben die Frage, was nützt dir das jetzt eigentlich, wirklich diese Persönlichkeit zu verändern, ist das nicht auch ganz gut so wie es ist? Oder reicht es vielleicht, wenn sich dieser und dieser Aspekt verändert? Und die anderen Aspekte der Persönlichkeit, die auch zu Gewissenhaftigkeit zählen, können aber so bleiben. Also es gibt da immer mehr Forschung und Bestrebung, was zu tun und die ganze Selbstoptimierungsindustrie außerhalb der Wissenschaft gibt es natürlich noch zusätzlich dazu, also die Bücherregale sind ja voll davon, von solchen Ratgebern.

Tim Pritlove
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Jule Specht
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Jule Specht
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Jule Specht
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Jule Specht
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Genau, also es gibt immer dieses, was uns nicht umbringt, macht uns stärker, Bild, also ich muss erst mal durchs tiefste Tal gehen, um das größte Glück zu spüren, das ist auch ein Trugschluss. Also es gibt Studien, die zeigen, dass Personen, die was schwerwiegendes, negatives, einschneidendes, traumatisches erleben, dadurch weniger emotional stabil werden, also neurotizistischer werden, also ängstlicher, sorgenvoller werden, eher zu Traurigkeit neigen, kann man sich ja auch vorstellen, ich erlebe was schlimmes, dann werde ich natürlich eher niedergeschlagen, das ist glaube ich intuitiv gut nachvollziehbar und man sieht eben auch, dass das eine tiefgreifende Veränderung in der Persönlichkeit auslösen kann, eben dass man dauerhaft sorgenvoller wird, was auch damit zusammenhängt, dass es Studien gibt, die zeigen, dass ein negatives Ereignis selten allein kommt, also die Wahrscheinlichkeit etwas negatives zu erleben, steigt, wenn ich was negatives erlebt habe. Und andersrum genauso, wenn ich was positives erlebe, habe ich eine höhere Wahrscheinlichkeit noch was positives zu erleben. Die Dinge im Leben passieren also nicht zufällig, sondern sind so eine Verkettung von Umständen. Und da ist es ja durchaus nachvollziehbar, dass ein Körper oder ein Mensch oder ein Organismus sich anpasst und sich denkt, okay ich habe was schlimmes erlebt, ich werde jetzt neurotizistischer, sorgenvoller, um gewappnet zu sein für das nächste, was jetzt kommen kann, weil das Risiko eben höher ist, dass noch was schlimmes passiert. Das heißt, diesen Zusammenhang gibt es und das ist genau das Gegenteil davon, dass jemand stärker wird und wächst, sondern eher fühlt die Person sich geschwächt und sorgenvoll und eigentlich die besten Voraussetzungen für Stärke, Wachstum, Selbstsicherheit, Zufriedenheit, Selbstbewusstsein, Veränderungswillen oder Veränderungen hinsichtlich dessen, dass man sich anpasst an neue Herausforderungen, sieht man vor allem bei den Personen, die es eher leicht hatten im Leben, wo eben nicht viele schlimme Dinge passiert sind, sondern wo sich viele Chancen geboten haben und positive Dinge passiert sind, die verstärkt wurden und belohnt wurden. Also es ist gerade im Gegenteil so, Personen, die was schlechtes, schlimmes, niederschmetterndes erleben, denen fällt es deutlich schwerer, sich so zu entwickeln wie Personen, die eben vor allem die Sonnenseite erlebt haben. Aber gleichzeitig, um das noch hinzuzufügen, ist es so, dass wenn man sich jetzt nur die Personen anguckt, die was sehr schwerwiegendes erlebt oder traumatisches sogar erlebt haben, dann ist es so, dass die Personen, die dann im Rückblick berichten, dass sie das Gefühl haben, dass sie eigentlich das Gefühl haben, sie sind in der Situation gewachsen, sie haben daraus was für sich mitnehmen können, sie haben jetzt irgendwie das Gefühl, sie können auch mit sehr schwierigen Situationen umgehen und so eine Bewertung eben haben, dass sie da irgendwie auch was positives dran sehen, was sie weitergebracht hat. Das sind die Personen, die am besten mit der Situation umgehen. Also wenn es Personen schaffen, wenn sie schon mit so was schwerwiegendem konfrontiert sind, daraus für sich einen Sinn zu finden und etwas zu finden, wie sie daran gewachsen sind, die kommen deutlich besser mit der Situation klar, als die Person, die sagen, mich hat das total zurückgeworfen und ich kam aus dieser Situation überhaupt nicht raus. Also man muss immer genau sich angucken, wen man genau betrachtet. vielen Personen gelingt es eben, auch aus schlimmen Dingen etwas positives aus sich herauszuziehen und das ist, wenn einem das gelingt, das ist gerade die Kunst, dass man das schafft, damit man eben nicht nur dieser Negativität so ausgeliefert ist.

Tim Pritlove
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Jule Specht
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Tim Pritlove
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Jule Specht
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Tim Pritlove
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Jule Specht
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Genau, also es scheint tatsächlich so zu sein, dass das Berufsleben einen ganz entscheidenden Einfluss auf die Persönlichkeit hat. Und das ist natürlich auch hier wieder so ein Wechselspiel, oder vielleicht, um was anderes noch vorzuschieben, es gibt irgendwie zwei Veränderungen, die man im Berufsleben beobachten kann, das eine ist so die allgemeine Anforderung, die typischerweise mit dem Berufsleben einhergeht. Also von mir wird verlangt, dass ich in vielen Berufen relativ gewissenhaft bin, dass ich pünktlich zur Arbeit komme oder überhaupt zur Arbeit komme, dass ich da die Aufgaben, die an mich gestellt werden, gewissenhaft bearbeite, dass ich, wenn ich sage, ich bin dann und dann fertig, dann auch dann und dann fertig bin und irgendwie mich an Regeln innerhalb des Unternehmens halte. Und das ist also ein Persönlichkeitsmerkmal, was sich durch den Eintritt ins Berufsleben typischerweise erhöht. Das heißt, wir haben gewisse Rollenanforderungen, die das Berufsleben mit sich bringt, die dazu führen, dass sich Personen im Durchschnitt verändern und dann gibt es gleichzeitig aber natürlich ganz unterschiedliche Berufe und unterschiedliche Berufe führen auch zu unterschiedlichen Veränderungen. Und da ist es zum einen so, dass man sich an die Berufe anpasst und zum anderen sucht man sich im Allgemeinen ja Berufe, die zu einem passen. Also wir hatten vorhin ja die introvertierte Radiomoderatorin, wo man sagen würde, das ist jetzt erst mal kein perfekter Match, sondern normalerweise würde man denken, eine extravertierte Person sucht sich so was wie Radiomoderation, eine introvertierte Person, die ungern mit Personen interagiert, arbeitet vielleicht gerne, keine Ahnung, im Archiv oder wir hatten vorhin dieses Beispiel von Personen, die so ganz viel am Computer machen und da irgendwelche Sachen austüfteln, die dann introvertiert sein können und diesem Beruf nachgehen können. Das heißt, wir haben eine Studie gemacht, wo wir gezeigt haben, dass unterschiedliche Berufe mit ganz unterschiedlichen Anforderungen einhergehen und ganz unterschiedliche Anforderungen an die Persönlichkeit stellen und dass Menschen mit unterschiedlichen Persönlichkeitsprofilen in unterschiedlichen Berufen erfolgreich sind. Das heißt, man kann nicht generell sagen, wäre total super, wenn man, keine Ahnung, verträglich ist oder gewissenhaft oder so ist, sondern es kommt immer darauf an, in welchem Beruf man sich befindet und manchmal kann man eben auch zu gewissenhaft oder zu verträglich oder so für einen Job sein. Und da haben wir eben dann gezeigt, dass je nachdem, ob die Persönlichkeit zu dem Jobprofil passt, man mehr oder weniger Geld verdient und dass Personen, die top zu ihrem Job passen, 3000-4000 Euro mehr im Jahr verdienen als Personen, die eben zu starke oder zu niedrige Ausprägungen in ihrer Persönlichkeit haben. Und da sieht man auch wieder, zum Glück sind wir nicht alle gleich, sondern zum Glück haben wir unterschiedliche Persönlichkeiten, denn es gibt eben unterschiedliche Berufe, wo unterschiedliches von uns verlangt wird.

Tim Pritlove
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Jule Specht
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Tim Pritlove
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Jule Specht
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Tim Pritlove
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Jule Specht
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Tim Pritlove
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Ja.

Jule Specht
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Und auf welchem Weg, Facebook wäre jetzt natürlich schwierig, weil das ja keine Daten sind, die man dem Unternehmen wissentlich zur Verfügung stellt unbedingt, aber generell sind so Persönlichkeitsmessungen gar nicht so schlecht. Weil was man häufig beobachtet bei der Auswahl von Personen ist, dass eine Person führt 10 Bewerbungsgespräche mit Personen und sucht sich nachher die aus, die genauso ist wie sie selbst, weil man immer diese Tendenz hat, Leute cool zu finden, oder viele Menschen die Tendenz haben, Leute cool zu finden und eine Passung zu vermuten, bei Personen, die einem selbst ähnlich sind. Und das führt dann dazu, dass zum Beispiel Frauen sich weniger durchsetzen können als Männer, weil Männer Männer einstellen und Männer befördern und dann, wenn man sich mal so die Führungsetage in vielen oder überhaupt einflussreiche Personen in Deutschland anguckt, sieht man, dass die relativ ähnlich sind in vielen Merkmalen. Da kann jetzt so was wie eine Persönlichkeitssache schon nochmal weiterhelfen, weil man eben nicht nur so dem Gefühl nachgeht und sagt, ich nehme den, bei dem ich ein gutes Gefühl habe, sprich, der mir irgendwie ähnlich ist oder der mir sympathisch ist, sondern ich kann Studien machen, gerade in größeren Unternehmen, die mir zeigen, Personen, die hier arbeiten, sind besonders dann zufrieden mit ihrem Job, wenn sie diese und diese Merkmale haben. Oder es gibt fünf Profile von Personen, die in dieser Firma besonders happy sind und das sind Gruppe 1, Gruppe 2, Gruppe 3, Gruppe 4, Gruppe 5 und dann kann man dieses Wissen nutzen, um im Bewerbungsgespräch eben nicht nur auf Sympathie zu gehen, sondern zu gucken, okay wir haben jetzt hier eine Stelle, da sind besonders diese Merkmale gefragt, und wir haben auch gefunden, besonders Personen mit diesen Merkmalen sind da glücklich in diesem Job, also präferieren wir jetzt Personen, die sich dadurch auszeichnen, dass sie lieber nicht so viel mit Menschen zu tun haben wollen, oder gerade viel mit Menschen zu tun haben wollen oder lieber Routinetätigkeiten machen wollen oder gerade nicht, sondern viel ausprobieren wollen und viel Experimentierraum benötigen in ihrem Job. Und deshalb kann es schon von Vorteil sein, sowas wie Persönlichkeitsmerkmale auch mit zu erheben, was ja in so Assessement-Centern häufig auch gemacht wird. Da scrollt man jetzt nicht unbedingt durch Facebook durch das Facebook-Verhalten, sondern guckt sich dann eher an, wie verhalten sich Personen in unterschiedlichen sozialen Situationen.

Tim Pritlove
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Jule Specht
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Tim Pritlove
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Jule Specht
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Tim Pritlove
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Jule Specht
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Genau, also ich meine, für mich als Persönlichkeitspsychologin ist das schon ein interessantes Feld, mir anzugucken, also ein Problem, über das wir vorhin auch schon kurz gesprochen habe, ist, wenn ich Leute immer nur nach ihrer Persönlichkeit befrage, habe ich da Fehlerquellen drin. Leute finden sich selbst ganz gut in vielen Fällen, stellen sich dann besser dar als sie sind und dann kommt es zu Verzerrungen und dann ist mein Ergebnis oder meine Schätzung der eigentlichen Persönlichkeit ungenau. Das heißt, ich selbst finde es total cool, wenn ich Informationen über Personen habe, die möglichst unbewusst gemessen sind und die mir Informationen über die Verhaltensmuster von den Personen zur Verfügung stellen. Das heißt, das ist ein Zukunftsfeld für die Persönlichkeitspsychologie, sich anzugucken, wie kann ich die Daten, die Personen sowieso aufzeichnen die ganze Zeit, bei Facebook, bei Twitter, mit ihrem Aktivitätstracker, den sie ums Handgelenk haben, mit was sie eben die ganze Zeit an sich tracken, sowieso aufzeichnen, wie kann ich diese Informationen nutzen, um daraus was über die Persönlichkeit zu erfahren. Und gleichzeitig hat das natürlich ein riesiges Missbrauchspotenzial, dass man eben, sobald man viel über Menschen weiß und die sich vielleicht manchmal gar nicht so sicher sind, dass sie Teil eines großen Datensammlungsunternehmens sind, jetzt wie zum Beispiel Facebook, dass man dieses Wissen auch für sich nutzen kann und das Verhalten von Menschen in Richtungen lenken kann, ohne dass die Menschen davon wissen. Und das wird natürlich, wenn man dann in so was kommt wie Werbung oder Wahlbeeinflussung, dann gibt es eben viele, die sich daran stören und das infrage stellen, was wer eigentlich darf und wer davon wissen muss. Und da muss man jetzt sehr genau gucken, wie kriegen wir das hin, dass wir einerseits die Daten nutzen können, wenn es sinnvoll ist und andererseits den Menschen die Wahl lassen, die Daten freizugeben oder auch nicht freizugeben, da sind wir schon wieder bei der Datenschutzgrundverordnung.

Tim Pritlove
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Jule Specht
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Tim Pritlove
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Jule Specht
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Tim Pritlove
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Jule Specht
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Tim Pritlove
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Jule Specht
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Jule Specht
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Tim Pritlove
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Jule Specht
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Tim Pritlove
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Jule Specht
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Ja, ich bin gespannt, wie unsere Disziplin damit umgeht, weil es halt noch ein Aushandlungsprozess ist. Also generell, wenn wir jetzt an so was wie Datenschutzgrundverordnung denken, dann lässt die für die Forschung schon auch viele Möglichkeiten offen, aber welche genau und wie man damit umgeht und wie und so, das ist dann schon wieder relativ schwierig. Also da stellt sich dann schon … Also man ist immer wieder an der Schwelle oder an dem Ausdiskutieren von Grenzen zwischen dem Bedürfnis nach Wissensgewinn und den ethischen Grenzen, die sich dann eben auch stellen. Und das ist eben jetzt durch diese digitalen Tracker ist das eben immer mehr so, dass die Daten prinzipiell greifbar sind und deshalb natürlich auch der Wunsch besteht, die Daten, wenn sie schon aufgezeichnet sind, dann auch auswerten zu können oder sie eben auch an den Unis auswerten zu können, damit nicht nur die Unternehmen vorpreschen und die Unis, die ja im Dienste der Gesellschaft idealerweise stehen, dann da nicht weiter vorwärts kommen, aber da so ein Gleichgewicht herzukriegen ist ein kontinuierlicher Aushandlungsprozess. Und ich bin mal gespannt, wo das hinführt. Also einige Dinge, die wir gerne tun würden, waren bisher schwierig, aber könnten jetzt auch wieder einfacher werden, also man muss sich dann immer angucken, was hat man genau vor. Also in der Wissenschaft ist es häufig so, dass wenn die Personen selbst einwilligen, also wenn die Personen erwachsen und gesund sind und aktiv sagen, ich finde, das ist eine wichtige Forschungsfrage, ich stelle mich dafür zur Verfügung und wenn ihr mir zusichert, dass ihr die Daten sorgsam behandelt und die ordentlich schützt und dann niemand ran kann, den es nichts angeht, dann mache ich mit, dann ist es in vielen Fällen unproblematisch. Aber gerade bei diesem digitalen Tracken ist das halt manchmal schwierig. Also was es zum Beispiel total cooles gibt ist das "Heard", das ist so ein kleines Mikrofon, das man als App auf dem Smartphone hat, und das nimmt alle 12 Minuten 30 Sekunden Ton auf, das ist für uns Persönlichkeitspsychologen super, weil wir dann lauter Tonschnipsel von Personen im Laufe des Tages haben und dann sehen wir eben, wie häufig nutzen die selbstbezogene Worte, wie häufig sind die mit Leuten unterwegs, wie häufig nutzen die positive Affektworte, wie häufig negative, wie häufig reden die über ihren Job, wie häufig über ihre Kinder und lachen sie viel und so weiter und so fort. Gleichzeitig ist das natürlich was, was jetzt zum Beispiel in den Niederlanden und vor allem in den USA eine riesige Konjunktur hat, also da gibt es super viele coole Studien, die so was nutzen. Gleichzeitig hat man natürlich das Problem, okay wenn jetzt da alle paar Minuten aufgenommen wird, ohne dass man weiß wann, weil das ist ja gerade der Witz, dass man sich dann eben nicht verstellt, dann kann ja die Person, die dieses Mikro trägt, da zustimmen, aber die Person, die neben ihr in der S-Bahn sitzt, die weiß ja davon gar nichts. Und dann ist die Frage, naja können wir das machen, ist die anonym genug und so weiter und da stellen sich lauter sehr schwierige Fragen, und da muss man sehr genau gucken, in welchen Kontexten kann man das machen, in welchen nicht und inwiefern überwiegt da das Forschungsinteresse vor anderen ethischen Interessen. Und das ist eben ein schwieriger Aushandlungsprozess. Aber an sich ist das der Weg der Zukunft, auch für die Persönlichkeitspsychologie meines Erachtens, dass man diese elektronischen Tracker nutzt, um mehr über das Verhalten von Personen im Alltag zu erfahren. Weil wenn wir die immer nur in unser Labor einladen und gucken, wie verhalten die sich, wenn wir denen eine Situation basteln, die sie in ihrem echten Leben nie erleben, dann ist das eben auch nicht so besonders aussagekräftig.

Tim Pritlove
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Jule Specht
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Tim Pritlove
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Jule Specht
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Tim Pritlove
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Jule Specht
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… eigentlich kein großes Problem ist, aber ich habe jetzt auch neulich so gedacht, jetzt 2015, als so das alles anfing, dass da viel Migrationsbewegung auch nach Deutschland hin waren, da meine ich mich zu erinnern, oder zumindest ist das meine Erinnerung, war das eigentlich so, dass wir alle dachten, boah ist das eine Welle der Solidarität, die hier durch Deutschland geht. Die Leute fangen an, die neu hinzukommenden willkommen zu heißen und auszuhelfen, Sprachkurse anzubieten, Leute bei sich aufzunehmen, Sachen zu spenden, für die Menschen da zu sein, Ämter zu unterstützen, die heillos überfordert sind. Das war doch eigentlich eine Stimmung von, krass Leute, die eigentlich wenig Zeit haben oder sich sonst gar nicht unbedingt engagieren, waren auf einmal total solidarisch und haben sich engagiert und das ist eigentlich die Erinnerung, die ich an 2015 habe. Wenn man jetzt so rumguckt, dann sieht man, dass ich mit dieser Erinnerung relativ alleine da stehe oder dass die zumindest nicht dominant ist in den Medien. Viele assoziieren jetzt vielleicht auch wieder mehr das irgendwie mit Angst und Vermeidungsverhalten und Abschottung und Rassismus kriegt wieder mehr Zulauf und wird irgendwie gesellschaftlich gar nicht mehr so verpönt, sondern Standard in Talkshows oder so. Und das sind alles Prozesse, die ja auch ganz anders hätten laufen können eigentlich und wo man sich fragt, welche Prozesse stehen denn eigentlich dahinter, dass sich die Sorgen der Menschen nun in die eine oder auch andere Richtung bewegen? Oder ist das überhaupt so oder kommt das nur bestimmten wichtigen Entscheidungsträgern so vor? Und dadurch werden bestimmte Dinge in den Medien oder in der Politik stärker gepusht oder woran liegt das eigentlich? Da hoffe ich mal, dass die Psychologie auch viele Beiträge leisten kann, weil sie sich mit Menschen ja gut auskennt.

Tim Pritlove
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Jule Specht
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Tim Pritlove
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Jule Specht
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Tim Pritlove
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