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Podcast: Forschergeist
Episode: FG090 Angeln und Naturschutz
Publishing Date: 2022-01-03T07:00:00+01:00
Podcast URL: https://forschergeist.de
Episode URL: https://forschergeist.de/podcast/fg090-angeln-und-naturschutz/

00:00:42.901 --> 00:00:47.100
<v Tim Pritlove>Hallo und herzlich willkommen zu Forschergeist, dem Podcast des Stifterverbands für die deutsche Wissenschaft.

00:00:47.101 --> 00:00:52.500
<v Tim Pritlove>Mein Name ist Tim Pritlove und ich begrüße alle zur 90. Ausgabe dieser Gesprächsserie.

00:00:52.501 --> 00:00:59.900
<v Tim Pritlove>Und ja, heute wollen wir uns mal einem ganz speziellen Sport zuwenden.

00:00:59.901 --> 00:01:02.900
<v Tim Pritlove>Nein, keine Angst, natürlich geht es auch hier um Wissenschaft.

00:01:02.901 --> 00:01:10.400
<v Tim Pritlove>Aber im Mittelpunkt des heutigen Gesprächs steht das Angeln oder die Angelfischerei, sollte man vielleicht sagen.

00:01:10.401 --> 00:01:15.100
<v Tim Pritlove>Und da gibt es sicherlich auch noch einige andere Aspekte und die bespreche ich heute mit Robert Arlinghaus.

00:01:15.101 --> 00:01:15.600
<v Tim Pritlove>Schönen guten Tag.

00:01:15.601 --> 00:01:17.000
<v Robert Arlinghaus>Guten Tag.

00:01:17.001 --> 00:01:26.600
<v Tim Pritlove>Herr Arlinghaus, Sie sind unter anderem Professur für integratives Fischereimanagement an der HU in Berlin, stimmt das?

00:01:26.601 --> 00:01:27.100
<v Robert Arlinghaus>Das stimmt.

00:01:27.101 --> 00:01:28.800
<v Tim Pritlove>Das stimmt.

00:01:28.801 --> 00:01:31.600
<v Tim Pritlove>Und seit wann?

00:01:31.601 --> 00:01:37.300
<v Robert Arlinghaus>Ich bin in der Juniorprofessur gestartet, da hieß das noch Binnenfischereimanagement, das war 2006.

00:01:37.301 --> 00:01:42.900
<v Robert Arlinghaus>Und seit 2013 habe ich diese integrative Fischereimanagement Professur.

00:01:42.901 --> 00:01:49.100
<v Tim Pritlove>Aber konkret lokalisiert sind Sie, glaube ich, am Leibnitz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei?

00:01:49.101 --> 00:01:51.700
<v Robert Arlinghaus>Da ist jemand sehr gut informiert, das stimmt auch.

00:01:51.701 --> 00:01:59.300
<v Tim Pritlove>Ja, IGB, da war ich sogar schon mal und habe mit Rita Adrian gesprochen, da ging es aber mehr um den Klimawandel und die Seen.

00:01:59.301 --> 00:02:05.900
<v Tim Pritlove>Heute, wie schon angedroht, wollte ich mich ein bisschen mehr auf das Angeln konzentrieren.

00:02:05.901 --> 00:02:08.900
<v Tim Pritlove>Und ja, damit müssen wir vielleicht mal anfangen.

00:02:08.901 --> 00:02:15.900
<v Tim Pritlove>Ich bin ja bekennende Landratte und diese Angelwelt, muss ich zugeben, ist so ein bisschen so ein Bereich,

00:02:15.901 --> 00:02:24.400
<v Tim Pritlove>wenn man da so nichts direkt mit zu tun hat, dann kommt einem das immer so ein bisschen,

00:02:24.401 --> 00:02:28.000
<v Tim Pritlove>ist so ein bisschen so ein Buch mit sieben Siegeln.

00:02:28.001 --> 00:02:33.800
<v Tim Pritlove>Man denkt sich halt immer so, was ist eigentlich da so der Kick?

00:02:33.801 --> 00:02:38.400
<v Tim Pritlove>Die Frage kennen Sie wahrscheinlich schon.

00:02:38.401 --> 00:02:39.500
<v Tim Pritlove>Wer will angeln?

00:02:39.501 --> 00:02:43.300
<v Robert Arlinghaus>Ja, das stimmt natürlich, das ist ein bisschen verborgen für denjenigen, der nicht angelt.

00:02:43.301 --> 00:02:48.200
<v Robert Arlinghaus>Wir haben in Deutschland 3,3 Millionen Personen, die tatsächlich angeln, ganz überwiegend Männer.

00:02:48.201 --> 00:02:50.800
<v Robert Arlinghaus>Nur sieben Prozent Frauen.

00:02:50.801 --> 00:02:55.700
<v Robert Arlinghaus>Und es ist nicht ganz klar, wer sich sozusagen diesem Hobby verschreibt und wer nicht.

00:02:55.701 --> 00:02:58.000
<v Robert Arlinghaus>Es gibt so ein paar Hinweise, dass das sehr viel mit Sozialisierung zu tun hat,

00:02:58.001 --> 00:02:59.900
<v Robert Arlinghaus>also der Vater, der den Sohn und so weiter.

00:02:59.901 --> 00:03:00.600
<v Tim Pritlove>Ja, wie mit Fußball sozusagen.

00:03:00.601 --> 00:03:04.100
<v Robert Arlinghaus>Mitschleppt, genau.

00:03:04.101 --> 00:03:06.900
<v Robert Arlinghaus>Und wir haben sehr stark untersucht, warum es einige halt packt und andere nicht.

00:03:06.901 --> 00:03:09.200
<v Robert Arlinghaus>Bzw. mehr, warum es einige packt.

00:03:09.201 --> 00:03:15.700
<v Robert Arlinghaus>Und da zeigt sich eigentlich, dass die Leute, die zum Angler werden oder Anglerin ganz viele Dinge damit in Verbindung bringen oder erfahren.

00:03:15.701 --> 00:03:18.700
<v Robert Arlinghaus>Also es ist ein sehr reiches Hobby so an Erlebnissen.

00:03:18.701 --> 00:03:23.400
<v Robert Arlinghaus>Also man kennt ja dieses Naturerlebnis, das kann man natürlich auch nicht angelnd machen,

00:03:23.401 --> 00:03:28.300
<v Robert Arlinghaus>aber das Angeln ist eben Vehikel, um Natur und Umwelt zu erfahren, sich einfach zu entspannen,

00:03:28.301 --> 00:03:30.400
<v Robert Arlinghaus>draußen an den Gewässern zu sein und das macht was mit Menschen.

00:03:30.401 --> 00:03:32.900
<v Robert Arlinghaus>Das ist, glaube ich, ein großer Antrieb für viele.

00:03:32.901 --> 00:03:38.100
<v Robert Arlinghaus>Aber natürlich auch das Angeln von Fischen und am Ende auch der Verzehr von Fischen,

00:03:38.101 --> 00:03:43.700
<v Robert Arlinghaus>dieses Selbstverwerten und dieser Selbstverzehr ist ein großes Motiv für viele.

00:03:43.701 --> 00:03:46.100
<v Robert Arlinghaus>Und das Ganze ist eben auch sehr spannend, das glaubt man nicht, wer nicht angelt,

00:03:46.101 --> 00:03:50.500
<v Robert Arlinghaus>aber wer tatsächlich angelt, es ist einfach so ein Hobby, was immer Überraschungen bereit hält,

00:03:50.501 --> 00:03:55.200
<v Robert Arlinghaus>man weiß nie, ob man was fängt an dem Tag, die Fische können einen austricksen

00:03:55.201 --> 00:03:58.800
<v Robert Arlinghaus>und dieser Überraschungsmoment ist auch eine sehr hohe Motivation.

00:03:58.801 --> 00:04:02.000
<v Robert Arlinghaus>Also man meistert da auch so persönliche Herausforderungen.

00:04:02.001 --> 00:04:05.700
<v Robert Arlinghaus>Also kann ich diese eine Forelle überlisten, ja oder nein.

00:04:05.701 --> 00:04:07.900
<v Robert Arlinghaus>Kann ich an diesen neuen Gewässern einen Fisch fangen, ja oder nein.

00:04:07.901 --> 00:04:15.600
<v Robert Arlinghaus>Wie wirkt sich das Wetter und diese Unwägbarkeiten ist bei vielen Anglern eben auch sehr stark treibend.

00:04:15.601 --> 00:04:18.200
<v Tim Pritlove>Eine bestimmte Forelle überlisten oder die Forellen als solches?

00:04:18.201 --> 00:04:20.800
<v Robert Arlinghaus>Gibt es beides.

00:04:20.801 --> 00:04:25.800
<v Robert Arlinghaus>Also es gibt bei den forellenartigen Fischen auch so was wie zum Beispiel den Donaulachs, den Huchen.

00:04:25.801 --> 00:04:29.300
<v Robert Arlinghaus>Da ist zum Beispiel sehr genau bekannt, unter welchem Loch welche Fische stehen.

00:04:29.301 --> 00:04:34.700
<v Robert Arlinghaus>Und man weiß, da ist ein großer Fisch, der einfach nicht mehr anbeißt oder nie angebissen hat.

00:04:34.701 --> 00:04:40.500
<v Robert Arlinghaus>Und dann angelt man ganz gezielt auf einzelne Tiere, aber im Regelfall geht es natürlich über die Art als solches.

00:04:40.501 --> 00:04:45.600
<v Robert Arlinghaus>Und man kennt natürlich nicht die einzelnen Individuen da drin, aber es gibt eben bei einigen Arten,

00:04:45.601 --> 00:04:51.000
<v Robert Arlinghaus>wie bei Huchen oder bei Karpfen Tal auch den Fall, dass man einzelne Fische beangelt.

00:04:51.001 --> 00:04:55.800
<v Tim Pritlove>Wie war denn das bei Ihnen, wie kam denn das dazu zu dieser ganzen Anlage?

00:04:55.801 --> 00:05:00.100
<v Robert Arlinghaus>Totaler Zufall, also das ist ein gutes Beispiel, ich wurde nicht sozialisiert durch Familie,

00:05:00.101 --> 00:05:06.100
<v Robert Arlinghaus>sondern wir haben, meine Mutter ist Spanierin, im Prinzip im Spanienurlaub verbracht,

00:05:06.101 --> 00:05:10.500
<v Robert Arlinghaus>vier Wochen, weil beides Pädagogen, gab es also einen Sommerurlaub.

00:05:10.501 --> 00:05:14.000
<v Robert Arlinghaus>Und wir waren immer in Spanien an der Küste und ich kann gar nicht sagen warum,

00:05:14.001 --> 00:05:20.500
<v Robert Arlinghaus>ich habe einfach das geliebt, diesen Angeln zuzugucken, die da irgendwie auf den Küsten standen und so kleine Fische gefangen haben.

00:05:20.501 --> 00:05:22.300
<v Tim Pritlove>Ja, die nichts tun.

00:05:22.301 --> 00:05:27.600
<v Robert Arlinghaus>Genau, die da stehen, irgendwie den Wurm wechseln und einen Köter irgendwie ins Wasser halten,

00:05:27.601 --> 00:05:30.400
<v Robert Arlinghaus>aber das hat was meditatives spannendes.

00:05:30.401 --> 00:05:33.500
<v Robert Arlinghaus>Also ich fand das halt faszinierend und habe mir halt irgendwann eine Angel gewünscht

00:05:33.501 --> 00:05:39.300
<v Robert Arlinghaus>und da war ich irgendwie so fünf, sechs Jahre und habe dann in diesen Familienurlauben dann eben jeden Tag geangelt

00:05:39.301 --> 00:05:41.400
<v Robert Arlinghaus>und irgendwie ein Essen zusammengeangelt.

00:05:41.401 --> 00:05:45.300
<v Robert Arlinghaus>Nach vier Wochen gab es dann ein Abendessen, das erfüllte mich mit Stolz.

00:05:45.301 --> 00:05:49.600
<v Robert Arlinghaus>Und dann habe ich auch in meiner Heimat Südoldenburg dann eben angefangen,

00:05:49.601 --> 00:05:53.700
<v Robert Arlinghaus>erst schwarzangelnd, darf man gar nicht sagen, aber das war so.

00:05:53.701 --> 00:05:57.700
<v Robert Arlinghaus>Die bäuerlichen Karpfenteiche da zu plündern in der Gegend.

00:05:57.701 --> 00:06:04.900
<v Robert Arlinghaus>Ja und so entstand halt eine Passion, das war einfach, ja, am Wasser sein, Fisch überlisten,

00:06:04.901 --> 00:06:07.500
<v Robert Arlinghaus>am Ende dann eben auch die Frage, wie kann ich das optimieren?

00:06:07.501 --> 00:06:10.400
<v Robert Arlinghaus>Also da kam dieses wissenschaftliche dann auch.

00:06:10.401 --> 00:06:16.600
<v Robert Arlinghaus>Also kann ich Köder irgendwie so zusammenstellen, dass der Karpfen besonders darauf abfährt?

00:06:16.601 --> 00:06:18.000
<v Robert Arlinghaus>Wo stehen die Fische?

00:06:18.001 --> 00:06:22.600
<v Robert Arlinghaus>Also für mich war das dann nachher auch eben der Grund für wissenschaftliches Interesse.

00:06:22.601 --> 00:06:26.300
<v Robert Arlinghaus>Ich wollte einfach verstehen, was die Fische so machen, um sie besser zu angeln.

00:06:26.301 --> 00:06:29.000
<v Robert Arlinghaus>Also das war so meine Genese.

00:06:29.001 --> 00:06:32.100
<v Tim Pritlove>Und dann gab es ein passendes Studium dazu?

00:06:32.101 --> 00:06:37.500
<v Robert Arlinghaus>Genau, am Anfang gab es das mangels Internet nicht so einfach herauszufinden.

00:06:37.501 --> 00:06:42.900
<v Robert Arlinghaus>Also ich war nie so richtig der Biologe, ich habe zwar geangelt, aber ich war jetzt nicht derjenige,

00:06:42.901 --> 00:06:46.700
<v Robert Arlinghaus>der, weiß ich nicht, die Fische auch seziert hat und sich die Schwimmblase angeguckt hat,

00:06:46.701 --> 00:06:50.400
<v Robert Arlinghaus>das war gar nicht so sehr meins, aber ich wollte gerne was mit Fischerei machen,

00:06:50.401 --> 00:06:53.300
<v Robert Arlinghaus>aber es gab aus meiner Sicht gar keinen Studiengang dafür.

00:06:53.301 --> 00:06:58.600
<v Robert Arlinghaus>Das heißt, ich bin dann, das was ich finden konnte bei den Berufsinformationszentren damals,

00:06:58.601 --> 00:07:02.800
<v Robert Arlinghaus>war irgendwie so in Berlin gab es Umwelttechnik und das war so ein Ingenieurstudiengang,

00:07:02.801 --> 00:07:06.700
<v Robert Arlinghaus>da ging es im weitesten Sinne um Wasserreinhaltung auch und das fand ich irgendwie interessant,

00:07:06.701 --> 00:07:09.900
<v Robert Arlinghaus>weil ich damit was für die Gewässer tun wollte.

00:07:09.901 --> 00:07:17.400
<v Robert Arlinghaus>Und habe dann eher zufällig auf einer Studentenparty hier in Berlin mit einem alten Angelfreund, Jens Packmann aus Vechta,

00:07:17.401 --> 00:07:22.600
<v Robert Arlinghaus>den habe ich da getroffen, der sagte, Mensch die Humboldt die bietet da so einen Studiengang Fischerei an.

00:07:22.601 --> 00:07:26.600
<v Robert Arlinghaus>Und ich habe ihn dann irgendwie für bekloppt gehalten, ich so, das kann doch nicht wahr sein,

00:07:26.601 --> 00:07:29.200
<v Robert Arlinghaus>dass sich jemand mit Fischerei auseinandersetzt.

00:07:29.201 --> 00:07:36.300
<v Robert Arlinghaus>Studienordnung angeschaut, tatsächlich es gab also da so einen alten aus der DDR-Zeit sozusagen überdauernden Studiengang für,

00:07:36.301 --> 00:07:41.500
<v Robert Arlinghaus>damals nannte sich das Fischwirtschaft und Gewässerbewirtschaftung bei den Landwirten angesiedelt

00:07:41.501 --> 00:07:45.400
<v Robert Arlinghaus>und das war eben eine Verbindung auch mit dem IGB, wo ich jetzt arbeite.

00:07:45.401 --> 00:07:50.500
<v Robert Arlinghaus>Und ja das habe ich dann also kurzerhand direkt Umwelttechnik wieder geschmissen nach einem Semester

00:07:50.501 --> 00:07:54.200
<v Robert Arlinghaus>und habe gesagt, das ist mein Ding, also Fischerei will ich studieren.

00:07:54.201 --> 00:07:56.800
<v Tim Pritlove>Und ist der aktuelle Lehrstuhl dann quasi die direkte Nachfolge davon?

00:07:56.801 --> 00:07:59.200
<v Robert Arlinghaus>Kann man sagen, ja.

00:07:59.201 --> 00:08:03.200
<v Robert Arlinghaus>Also das ist eine ganz Interessante Historie, das war immer so eine außeruniversitäre Forschungseinrichtung,

00:08:03.201 --> 00:08:09.900
<v Robert Arlinghaus>nämlich IGB bzw. die Vorgängereinrichtung, zu DDR-Zeiten hieß das Institut für Binnenfischerei.

00:08:09.901 --> 00:08:15.400
<v Robert Arlinghaus>Und die hatten in den 50er Jahren eine Kooperation mit der landwirtschaftlichen Hochschule dort geschlossen

00:08:15.401 --> 00:08:22.300
<v Robert Arlinghaus>und einen Studiengang gegründet, der aber überwiegend von dieser außeruniversitären Einrichtung getragen wurde von der Lehrkapazität.

00:08:22.301 --> 00:08:28.200
<v Robert Arlinghaus>Und das ist nach der Wende so geblieben, bis heute ist es eigentlich so, dass die außeruniversitären Einrichtungen

00:08:28.201 --> 00:08:34.700
<v Robert Arlinghaus>die Professoren über gemeinsame Berufungen und so weiter stellen und die Lehre dann eben gewährleisten.

00:08:34.701 --> 00:08:39.300
<v Robert Arlinghaus>Das ist bis heute so gewesen, und ich bin sozusagen Nachfolger von den älteren Professoren,

00:08:39.301 --> 00:08:40.700
<v Robert Arlinghaus>die mich damals ausgebildet haben.

00:08:40.701 --> 00:08:46.700
<v Tim Pritlove>Ja, der IGB malerisch gelegen da am Müggelsee, ist ja quasi so direkt am Einsatzort.

00:08:46.701 --> 00:08:55.700
<v Tim Pritlove>Und hat man gleich gemerkt, so der Ort atmet sozusagen auch seine Profession ordentlich durch.

00:08:55.701 --> 00:09:02.700
<v Tim Pritlove>Gut, kommen wir noch mal so zu den Anglern, ist ja schon mal das Stichwort gefallen so,

00:09:02.701 --> 00:09:07.500
<v Tim Pritlove>kann man halt auch schwarz machen, sprich es gibt halt auch klare Regularien.

00:09:07.501 --> 00:09:12.700
<v Tim Pritlove>So Angeln ist jetzt nichts, was man einfach mal so machen kann oder sollte oder dürfte.

00:09:12.701 --> 00:09:14.600
<v Tim Pritlove>Wie ist denn das überhaupt geregelt?

00:09:14.601 --> 00:09:22.900
<v Tim Pritlove>Also wer darf angeln, was muss man eigentlich können und an Prüfungen über sich ergehen lassen gegebenenfalls,

00:09:22.901 --> 00:09:28.600
<v Tim Pritlove>um da mitzuspielen, welche Gruppen kommen da zum Einsatz?

00:09:28.601 --> 00:09:31.700
<v Robert Arlinghaus>Ja, das können wir vielleicht mal kurz erläutern, vielleicht noch mal warum wir uns mit dem Angeln beschäftigen.

00:09:31.701 --> 00:09:37.700
<v Robert Arlinghaus>Also wie gesagt, unser Institut ist ja so ein Binnenfischereiinstitut unter anderem mit der Gewässerökologie zusammen.

00:09:37.701 --> 00:09:44.200
<v Robert Arlinghaus>Aber es ist eben so, dass in allen Industrienationen, also wo eben Menschen Geld und Wohlstand erreicht haben,

00:09:44.201 --> 00:09:51.000
<v Robert Arlinghaus>überall auf der ganzen Welt findet man, dass die traditionellen berufliche Nutzung von Seen und Flüssen eher abnimmt

00:09:51.001 --> 00:09:53.100
<v Robert Arlinghaus>und dafür eben mehr und mehr geangelt wird.

00:09:53.101 --> 00:09:58.900
<v Robert Arlinghaus>Also ist das Angeln eigentlich die dominante Fischereiform in Seen und Flüssen in allen Industrienationen.

00:09:58.901 --> 00:10:06.800
<v Tim Pritlove>Also es ziehen quasi mehr private Angler Fische aus den Gewässern als es die an den Küsten oder auch an den Seen mit größeren Booten machen?

00:10:06.801 --> 00:10:11.800
<v Robert Arlinghaus>Ich rede jetzt nur von der Binnenfischerei, genau, und da ist es so wie Sie es gerade gesagt haben.

00:10:11.801 --> 00:10:15.400
<v Robert Arlinghaus>Zum Beispiel für Deutschland zehnmal mehr Fisch wird geangelt als beruflich gefangen.

00:10:15.401 --> 00:10:21.100
<v Robert Arlinghaus>Und wir haben ökonomisch gesehen reden wir da über Milliardenumsätze,

00:10:21.101 --> 00:10:24.700
<v Robert Arlinghaus>während es nur so wenige Millionen in der beruflichen Fischerei sind.

00:10:24.701 --> 00:10:30.100
<v Robert Arlinghaus>Also deswegen ist es auch von der Größe ein bedeutender Sektor und deswegen beschäftigen wir uns wissenschaftlich damit.

00:10:30.101 --> 00:10:34.600
<v Robert Arlinghaus>Wer kann jetzt angeln, das ist in allen Ländern unterschiedlich geregelt.

00:10:34.601 --> 00:10:39.300
<v Robert Arlinghaus>In Deutschland ist es so, dass wir eigentlich private Fischereirechte haben,

00:10:39.301 --> 00:10:46.200
<v Robert Arlinghaus>das heißt, die Seen und Flüsse, die Fischereirechte der Seen und Flüsse gehören dem Gewässereigentümer, der Gewässereigentümerin.

00:10:46.201 --> 00:10:53.100
<v Robert Arlinghaus>Und die kann dann sozusagen per Vertrag einer Person zubilligen, daraus Fische zu fangen.

00:10:53.101 --> 00:11:00.100
<v Robert Arlinghaus>Diese Person kann dann ein Angler sein oder einen Anglerin, die muss aber in Deutschland eine gewisse Ausbildung mitbringen,

00:11:00.101 --> 00:11:03.200
<v Robert Arlinghaus>also vor allen Dingen gelernt haben, mit einem Fisch umzugehen, Fisch vernünftig zu töten und so weiter.

00:11:03.201 --> 00:11:09.000
<v Robert Arlinghaus>Und das macht man mit einer sogenannten Anglerprüfung, die 30 Stunden in der Regel dauert.

00:11:09.001 --> 00:11:13.700
<v Robert Arlinghaus>Mittlerweile kann man den Kurs auch teilweise online machen, aber so der klassische Fall ist,

00:11:13.701 --> 00:11:21.900
<v Robert Arlinghaus>dass man da ein halbes Jahr in den Landgasthöfen sitzt und dann entsprechend ausgebildet wird in Angeltechniken,

00:11:21.901 --> 00:11:26.100
<v Robert Arlinghaus>in Natur- und Umweltrecht, wie tötet man Fische in Fanggerät und so weiter und so fort.

00:11:26.101 --> 00:11:31.000
<v Robert Arlinghaus>Macht dann eine Prüfung und hat dann so eine allgemeine Legitimation, eine Angelkarte zu kaufen.

00:11:31.001 --> 00:11:35.800
<v Robert Arlinghaus>Also das ist ähnlich wie ein Führerschein, man hat also so einen Schein, der einen legitimiert,

00:11:35.801 --> 00:11:43.700
<v Robert Arlinghaus>dann an den Gewässereigentümer ranzutreten und zu sagen, gebt mir doch für ein Jahr zum Beispiel die Genehmigung, bei dir zu angeln.

00:11:43.701 --> 00:11:49.200
<v Robert Arlinghaus>Und diese Gewässereigentümer sind in Deutschland ganz überwiegend Angelvereine oder auch Anglerverbände,

00:11:49.201 --> 00:11:54.700
<v Robert Arlinghaus>wir haben in Deutschland 10.000 an der Zahl, die die Gewässer entweder gekauft haben

00:11:54.701 --> 00:12:01.200
<v Robert Arlinghaus>oder aber gepachtet haben, die Fischereirechte von dem Gewässereigentümer für in der Regeln 12-15 Jahre.

00:12:01.201 --> 00:12:06.200
<v Robert Arlinghaus>Und derjenige, der nun angeln will, muss dann also in der Regel entweder bei diesem Verein/Verband Mitglied werden

00:12:06.201 --> 00:12:08.300
<v Robert Arlinghaus>oder kann da eine Angelkarte kaufen.

00:12:08.301 --> 00:12:09.900
<v Tim Pritlove>Also so tagesmäßig.

00:12:09.901 --> 00:12:13.100
<v Robert Arlinghaus>Tages-, Wochen- oder auch Jahreskarten.

00:12:13.101 --> 00:12:18.100
<v Robert Arlinghaus>In Ostdeutschland haben wir gerade in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern auch noch eine funktionierende Seen- und Flussfischerei,

00:12:18.101 --> 00:12:22.200
<v Robert Arlinghaus>da ist eben auch so ein Berufsfischereiunternehmen Gewässerpächter

00:12:22.201 --> 00:12:26.100
<v Robert Arlinghaus>und dann kann man eben bei diesem Berufsfischereiunternehmen sich die Angelkarte kaufen.

00:12:26.101 --> 00:12:32.200
<v Robert Arlinghaus>Etwas anders ist das an der Küste, dort ist in der Regel, zum Beispiel in Mecklenburg, das Land derjenige,

00:12:32.201 --> 00:12:37.200
<v Robert Arlinghaus>der das Fischereirecht hat und dann kauft man sich diese Angelkarte beim Land.

00:12:37.201 --> 00:12:41.000
<v Robert Arlinghaus>So und dann gibt es eben so noch ein paar Ausnahmen, also gerade Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern,

00:12:41.001 --> 00:12:47.700
<v Robert Arlinghaus>die haben so Touristenfischereischeine ins Leben gerufen, um eben die Eintrittshürden etwas zu reduzieren,

00:12:47.701 --> 00:12:53.700
<v Robert Arlinghaus>weil eine Anglerprüfung zu machen natürlich relativ hoher Aufwand ist und gerade so touristische Bundesländer,

00:12:53.701 --> 00:12:58.000
<v Robert Arlinghaus>die also gerne den Familienvater mit seinem Sohn anziehen wollen zum Angeltrip,

00:12:58.001 --> 00:13:06.100
<v Robert Arlinghaus>die haben dann eben diese zeitlich befristeten Möglichkeiten installiert, dort eben für 28 Tage in Mecklenburg-Vorpommern zum Beispiel,

00:13:06.101 --> 00:13:08.900
<v Robert Arlinghaus>so eine Ausnahmegenehmigung zu haben.

00:13:08.901 --> 00:13:13.200
<v Robert Arlinghaus>Und man braucht dann diesen Touristenfischereischein und dann zusätzlich eben die Angelkarte,

00:13:13.201 --> 00:13:17.000
<v Robert Arlinghaus>von der ich gerade sprach, um dann angeln gehen zu können.

00:13:17.001 --> 00:13:19.200
<v Tim Pritlove>Setzt das irgendwelche Kenntnisse voraus oder?

00:13:19.201 --> 00:13:25.300
<v Robert Arlinghaus>Genau, in dem Fall ist es, das hat tatsächlich auch zu Konflikten geführt, weil die traditionellen Anglerverbände gesagt haben,

00:13:25.301 --> 00:13:29.800
<v Robert Arlinghaus>Mensch da kommen jetzt Leute, die vielleicht nicht so eine Ausbildung erfahren haben, das ist vielleicht nicht so gut.

00:13:29.801 --> 00:13:35.100
<v Robert Arlinghaus>Es wird so geregelt, dass man sich so eine Broschüre durchlesen muss in dem Fall,

00:13:35.101 --> 00:13:37.500
<v Robert Arlinghaus>wo eben die wichtigsten Dinge drin sind.

00:13:37.501 --> 00:13:43.700
<v Robert Arlinghaus>Und in der Mehrzahl der Fälle ist es so, dass natürlich Leute kommen, die irgendwie schon die Technik gelernt haben,

00:13:43.701 --> 00:13:49.900
<v Robert Arlinghaus>von Freunden, von Kollegen, die vielleicht auch eine geführte Angeltour buchen, also mit einem Experten zusammen auf dem Boot sind,

00:13:49.901 --> 00:13:56.700
<v Robert Arlinghaus>so dass ich eigentlich davon ausgehe, dass in den seltensten Fällen wirklich eine ganz naive Person die Angel in die Hand bekommt.

00:13:56.701 --> 00:14:01.900
<v Robert Arlinghaus>Aber es ist natürlich ein Konfliktfeld, weil einige sagen, das ist jetzt auch ungerecht einerseits

00:14:01.901 --> 00:14:05.900
<v Robert Arlinghaus>und andererseits muss man eben sicherstellen, dass alle irgendwie so eine Mindestkenntnis haben,

00:14:05.901 --> 00:14:13.000
<v Robert Arlinghaus>gerade beim Umgang mit dem Fisch und das ist eine Debatte, die in den entsprechenden Bundesländern bis heute läuft.

00:14:13.001 --> 00:14:15.800
<v Robert Arlinghaus>Das ist durchaus kontrovers.

00:14:15.801 --> 00:14:19.700
<v Tim Pritlove>Diese Debatte geht ja sicherlich in beide Richtungen.

00:14:19.701 --> 00:14:27.300
<v Tim Pritlove>Also auf der einen Seite gibt es so die erfahrenen Angler in ihrer Welt, die sich dann vielleicht erst mal ein bisschen fürchten,

00:14:27.301 --> 00:14:34.200
<v Tim Pritlove>wenn dann so die unerfahrenen ankommen und wie wir hören ist das vielleicht auch nicht unbedingt so ein Problem.

00:14:34.201 --> 00:14:38.600
<v Tim Pritlove>Auf der anderen Seite, glaube ich, stehen sicherlich ja auch die Angler unter Feuer.

00:14:38.601 --> 00:14:43.500
<v Tim Pritlove>Wir haben ja immer so eine sehr lebendige Diskussion darüber, was denn jetzt der richtige Tierschutz,

00:14:43.501 --> 00:14:50.600
<v Tim Pritlove>der richtige Naturschutz ist irgendwie, ja muss man denn jetzt hier irgendwie überall diese Tiere fangen,

00:14:50.601 --> 00:14:55.200
<v Tim Pritlove>sollte man die Natur sich nicht selbst überlassen?

00:14:55.201 --> 00:15:00.400
<v Tim Pritlove>So ein bisschen ähnlich ist es ja auch in der Jägerwelt.

00:15:00.401 --> 00:15:05.500
<v Tim Pritlove>Welche Stakeholder sind da sozusagen in dieser Debatte unterwegs?

00:15:05.501 --> 00:15:12.500
<v Robert Arlinghaus>Genau, also das ist tatsächlich auf mehreren Ebenen gibt diese verschiedenen Debatten.

00:15:12.501 --> 00:15:15.700
<v Robert Arlinghaus>Also wir haben Konfliktpotenzial, wie Sie schon sagten, innerhalb der Angler.

00:15:15.701 --> 00:15:18.600
<v Robert Arlinghaus>Zwischen Vereinsangler und nicht organisiertem Angler.

00:15:18.601 --> 00:15:21.700
<v Robert Arlinghaus>Zwischen dem Angeltouristen und dem einheimischen Angler.

00:15:21.701 --> 00:15:24.800
<v Robert Arlinghaus>Zwischen Anglern unterschiedlicher Spezialisierungsgraden.

00:15:24.801 --> 00:15:31.400
<v Robert Arlinghaus>Weil man sich gegenseitig vielleicht vorhält, nicht den eigenen Normen zu entsprechen beim Angelverhalten und so weiter.

00:15:31.401 --> 00:15:33.700
<v Robert Arlinghaus>Man hat Konflikte zwischen Anglern und Berufsfischern.

00:15:33.701 --> 00:15:40.500
<v Robert Arlinghaus>In den Fällen vor allen Dingen, wo es noch eine Co-Nutzung gibt und wo nicht der Berufsfischer profitiert von den Anglern.

00:15:40.501 --> 00:15:44.800
<v Robert Arlinghaus>Also Binnengewässer hatte ich gerade gesagt, ist so ein Berufsfischereiunternehmen daran interessiert,

00:15:44.801 --> 00:15:48.100
<v Robert Arlinghaus>auch Einkommen zu generieren über die Angelkarten.

00:15:48.101 --> 00:15:51.000
<v Robert Arlinghaus>Da sind die Konflikte nicht so stark wie an der Küste.

00:15:51.001 --> 00:15:56.900
<v Robert Arlinghaus>Wir arbeiten zum Beispiel gerade vor Rügen, da gibt es enorme Konflikte zwischen der klassischen Küstenfischerei und den Anglern.

00:15:56.901 --> 00:16:01.600
<v Robert Arlinghaus>Also das sind einfach Verteilungskonflikte, aber auch Normenkonflikte.

00:16:01.601 --> 00:16:07.700
<v Robert Arlinghaus>Dann gibt es eine Debatte zwischen Naturschutz und Angelfischerei und das sehen wir auch sehr stark an der Küste,

00:16:07.701 --> 00:16:13.100
<v Robert Arlinghaus>aber auch in Binnengewässern, wo eben sehr viele Naturschutzgebiete das auch beabsichtigen,

00:16:13.101 --> 00:16:18.300
<v Robert Arlinghaus>sagen wir mal, die Fischerei einzugrenzen, wenn nicht gar auszugrenzen.

00:16:18.301 --> 00:16:23.000
<v Robert Arlinghaus>Und es gibt dann den Tierschutzkonflikt, den Sie gerade ansprachen, das ist sozusagen die letzte Ebene.

00:16:23.001 --> 00:16:32.600
<v Robert Arlinghaus>Wo eben nicht die Natur oder der Populationserhalt im Vordergrund steht, sondern das Wohlergehen eines einzelnen Tieres.

00:16:32.601 --> 00:16:39.700
<v Robert Arlinghaus>Nämlich ist es legitim, einem einzelnen Tier Schmerzen, Schäden oder Leiden zuzufügen?

00:16:39.701 --> 00:16:42.500
<v Robert Arlinghaus>Und ist das sozusagen ethisch und moralisch akzeptabel?

00:16:42.501 --> 00:16:50.600
<v Robert Arlinghaus>und diese Debatte ist relativ aufgeheizt, sowohl zwischen Angelfischerei und vielleicht auch Tierrechtsgruppierungen,

00:16:50.601 --> 00:16:54.100
<v Robert Arlinghaus>aber durchaus aus innerhalb der Angelfischerei.

00:16:54.101 --> 00:16:59.200
<v Robert Arlinghaus>Wenn Sie mal in den sozialen Medien sich das anschauen wollen, also da gibt es dann eben viele Konflikte

00:16:59.201 --> 00:17:04.100
<v Robert Arlinghaus>zwischen zum Beispiel einer Person, die einen großen Fisch fängt, abschlägt und damit posiert.

00:17:04.101 --> 00:17:05.400
<v Tim Pritlove>Abschlägt heißt was?

00:17:05.401 --> 00:17:08.900
<v Robert Arlinghaus>Töten und ihn dann zeigt zum Beispiel, hier ich habe einen großen Hecht gefangen.

00:17:08.901 --> 00:17:14.300
<v Robert Arlinghaus>Da werden Sie enorme Aversionen sehen, Wortmeldungen, die sagen, wie konntest du nur?

00:17:14.301 --> 00:17:18.200
<v Robert Arlinghaus>Wie konntest du so ein Tier töten und setz den doch bitte zurück.

00:17:18.201 --> 00:17:22.700
<v Robert Arlinghaus>Wo hingegen dann gesagt wird, nein nein, wir haben hier einen vernünftigen Grund, essen von Fisch

00:17:22.701 --> 00:17:27.700
<v Robert Arlinghaus>und ich habe einfach nur tierschutzrechtlich alles korrekt gemacht, du kannst mir gar nichts.

00:17:27.701 --> 00:17:32.600
<v Robert Arlinghaus>Also auch innerhalb der Angler gibt es da irgendwie so einen Riss durch die Gemeinde, würde ich sagen,

00:17:32.601 --> 00:17:37.500
<v Robert Arlinghaus>gerade bei der Frage Tierschutz ist es enorm kontrovers.

00:17:37.501 --> 00:17:44.800
<v Tim Pritlove>Heißt denn das, dass eigentlich die meisten geangelten Fische auch privat konsumiert werden?

00:17:44.801 --> 00:17:48.000
<v Robert Arlinghaus>Das kann man also nach unseren Studien schon so sagen, das hängt so ein bisschen von der Fischart ab,

00:17:48.001 --> 00:17:50.800
<v Robert Arlinghaus>aber im Großen und Ganzen ist es so.

00:17:50.801 --> 00:17:55.900
<v Robert Arlinghaus>Natürlich nur die Entnahmefähigen, also es gibt sehr viele, die man zurücksetzen muss, weil sie zu klein sind zum Beispiel,

00:17:55.901 --> 00:18:01.500
<v Robert Arlinghaus>es gibt so Schonbestimmungen, man muss eine gewisse Länge erreichen bei den meisten Arten.

00:18:01.501 --> 00:18:05.200
<v Robert Arlinghaus>Dass man also mindestens ein- oder zweimal abgelaicht hat, also Eier abgegeben hat,

00:18:05.201 --> 00:18:12.100
<v Robert Arlinghaus>um zum Populationsgehalt beizutragen und danach sind die Fische in der Regel zu entnehmen.

00:18:12.101 --> 00:18:18.800
<v Robert Arlinghaus>Und nach unseren Umfragestudien sind etwa so 90 Prozent der Anglerinnen und Angler, die das eben dann auch tun,

00:18:18.801 --> 00:18:23.100
<v Robert Arlinghaus>und zu etwa 10 Prozent, die die meisten oder vielleicht auch alle Fische dann nicht mehr mitnehmen.

00:18:23.101 --> 00:18:27.500
<v Robert Arlinghaus>Also es gibt tatsächlich eben auch so einen Anteil von Anglern, die dann keinen Fisch mitnehmen.

00:18:27.501 --> 00:18:35.700
<v Robert Arlinghaus>Aber die Mehrzahl nimmt die Fische mit und bei solchen Arten wie Zander oder Forelle oder Aal, Dorsch…

00:18:35.701 --> 00:18:36.500
<v Tim Pritlove>Lecker Zeug.

00:18:36.501 --> 00:18:44.000
<v Robert Arlinghaus>Das ist dann einfach auch sehr lecker und sehr beliebt und so was wird dann auch bei der Mehrzahl der Angler mitgenommen.

00:18:44.001 --> 00:18:47.900
<v Robert Arlinghaus>Nicht bei allen und deswegen gibt es eben auch Konflikte innerhalb der Anglerschaft.

00:18:47.901 --> 00:18:56.600
<v Robert Arlinghaus>Gerade die sehr aktiven Angler, die auch viel fangen, die wenden häufig die Technik der selektiven Entnahme an.

00:18:56.601 --> 00:19:00.700
<v Robert Arlinghaus>Also die sozusagen nur einen Teil der Fische mitnehmen, einen anderen Teil zurücksetzen,

00:19:00.701 --> 00:19:07.600
<v Robert Arlinghaus>im Extremfall auch alles zurücksetzen und sich sozusagen den Fisch aussuchen, den sie mitnehmen.

00:19:07.601 --> 00:19:11.000
<v Robert Arlinghaus>Also da kann man dann nicht von einer Subsistenz mehr reden, sondern es ist wirklich eine Auswahl,

00:19:11.001 --> 00:19:15.100
<v Robert Arlinghaus>eine gezielte Auswahl häufig von mittelgroßen sogenannten Küchenfischen, die dann entnommen werden.

00:19:15.101 --> 00:19:20.200
<v Robert Arlinghaus>Die ganz großen werden dann auch selektiv wieder zurückgesetzt, weil man findet,

00:19:20.201 --> 00:19:24.700
<v Robert Arlinghaus>dass diese Fische eher sozusagen zum Bestandserhalt beitragen und man den nicht essen möchte.

00:19:24.701 --> 00:19:27.100
<v Robert Arlinghaus>Also das gibt es natürlich auch.

00:19:27.101 --> 00:19:30.200
<v Tim Pritlove>Wenn so ein Fisch gefangen wird, ich meine, in der Regel beißt der doch auf irgendsoeinen Haken oder?

00:19:30.201 --> 00:19:32.000
<v Robert Arlinghaus>Ja, in der Regel schon.

00:19:32.001 --> 00:19:38.600
<v Tim Pritlove>Ja, ist der dann nicht auch verletzt, also ist dieses Rücksetzen dann auch unproblematisch?

00:19:38.601 --> 00:19:45.900
<v Robert Arlinghaus>Genau, das haben wir sehr intensiv untersucht, das ist also eins in unserem Forschungsbereich der am intensivsten untersuchten Bereiche.

00:19:45.901 --> 00:19:52.100
<v Robert Arlinghaus>Und da kann man schon sagen, wenn der Fisch flach gehakt ist, wie wir sagen, also im Maulbereich gehakt ist

00:19:52.101 --> 00:19:56.000
<v Robert Arlinghaus>und das kann man mit den meisten Angelmethoden im Prinzip gewährleisten.

00:19:56.001 --> 00:19:59.400
<v Tim Pritlove>Also dass der Haken nicht tief eindringt?

00:19:59.401 --> 00:20:05.100
<v Robert Arlinghaus>Dass der nicht tief eindringt in die Kiemen oder in den Schlund, in solchen Fällen muss man den Fisch entnehmen.

00:20:05.101 --> 00:20:10.700
<v Robert Arlinghaus>Aber wenn der Fisch flach gehakt ist, ist die Überlebenswahrscheinlichkeit sehr sehr hoch.

00:20:10.701 --> 00:20:17.700
<v Robert Arlinghaus>Also 95 Prozent und höher zum Beispiel bei den Karpfen, bei Welsen, beim Hecht, das haben wir selbst untersucht.

00:20:17.701 --> 00:20:20.600
<v Robert Arlinghaus>Nahe 100 Prozent Überlebensrate.

00:20:20.601 --> 00:20:21.300
<v Tim Pritlove>Wie kann man das untersuchen?

00:20:21.301 --> 00:20:26.500
<v Robert Arlinghaus>Das wird untersucht, wir haben den Fischen Sender implantiert, also es gibt verschiedene Untersuchungsmethoden,

00:20:26.501 --> 00:20:32.400
<v Robert Arlinghaus>man kann zum Beispiel die Fische experimentell angeln und dann einen Teil nicht angeln und einen Teil schon angeln

00:20:32.401 --> 00:20:37.500
<v Robert Arlinghaus>und dann observieren in Teichen oder Tanks, das ist eine Methode.

00:20:37.501 --> 00:20:41.900
<v Robert Arlinghaus>Die Methode, die wir präferieren ist das Aussetzen von Fischen mit Sendern, so dass wir wirklich verfolgen können,

00:20:41.901 --> 00:20:45.900
<v Robert Arlinghaus>ob der Fisch noch lebt und man angelt dann einen Teil davon.

00:20:45.901 --> 00:20:49.300
<v Robert Arlinghaus>Und schaut dann über mehrere Monate, ob die Fische überleben.

00:20:49.301 --> 00:20:52.100
<v Robert Arlinghaus>Und das haben wir zum Beispiel bei Barschen gemacht, bei Hechten, bei Karpfen und Welsen

00:20:52.101 --> 00:20:57.200
<v Robert Arlinghaus>und da ist die Überlebensrate 95 bis häufig 100 Prozent.

00:20:57.201 --> 00:21:03.300
<v Robert Arlinghaus>Aber wenn der Fisch tief gehakt ist, blutet oder bei einigen Arten auch eine sehr große Tiefe kommt,

00:21:03.301 --> 00:21:11.100
<v Robert Arlinghaus>sagen wir mal beim Zander alles unter 10-15 Meter Gewässertiefe, dann sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit,

00:21:11.101 --> 00:21:12.800
<v Robert Arlinghaus>und es gibt eben sehr hohe Sterblichkeiten.

00:21:12.801 --> 00:21:17.800
<v Robert Arlinghaus>Das heißt, es ist wirklich art- und geräteabhängig und der Angler muss dann auch einschätzen können,

00:21:17.801 --> 00:21:21.200
<v Robert Arlinghaus>und das können sie auch, weil sie einfach da ausgebildet sind,

00:21:21.201 --> 00:21:26.500
<v Robert Arlinghaus>unter welchen Bedingungen das einfach auch nicht mehr okay ist, den Fisch zurückzusetzen.

00:21:26.501 --> 00:21:29.300
<v Tim Pritlove>Inwiefern ist da die Fangtiefe ein Faktor?

00:21:29.301 --> 00:21:34.300
<v Robert Arlinghaus>Ist einer der Faktoren, der Verletzungen hervorbringt, das ist wie auch gesagt auch artabhängig.

00:21:34.301 --> 00:21:41.200
<v Robert Arlinghaus>Aber die Fangtiefe führt eben, ähnlich wie beim Tauchen, wenn man da also zu schnell einen Fisch hochzieht aus der Tiefe,

00:21:41.201 --> 00:21:42.900
<v Robert Arlinghaus>kann das eben zu dieser Taucherkrankheit führen.

00:21:42.901 --> 00:21:43.900
<v Tim Pritlove>Also durch die Druckunterschiede ganz konkret.

00:21:43.901 --> 00:21:45.000
<v Robert Arlinghaus>Durch die Druckunterschiede ganz konkret.

00:21:45.001 --> 00:21:45.900
<v Tim Pritlove>Okay.

00:21:45.901 --> 00:21:51.300
<v Robert Arlinghaus>Und einige Arten können das besser, zum Beispiel der Dorsch kann das besser vertragen als zum Beispiel der Zander.

00:21:51.301 --> 00:21:56.400
<v Robert Arlinghaus>Das ist jetzt von der Art abhängig, aber große Tiefe ist ein großes Problem.

00:21:56.401 --> 00:21:59.900
<v Robert Arlinghaus>Das heißt, in solchen Fällen kann man nicht mehr mit gutem Gewissen die Fische zurücksetzen,

00:21:59.901 --> 00:22:04.500
<v Robert Arlinghaus>die sind dann einfach zu entnehmen, weil einfach die Überlebenswahrscheinlichkeit zu gering ist.

00:22:04.501 --> 00:22:06.500
<v Tim Pritlove>Aber das ist ja dann auch schon ein gezielter Vorgang.

00:22:06.501 --> 00:22:15.100
<v Tim Pritlove>Man kann ja regeln, wie tief man fischt und wenn man jetzt in die Tiefe geht, kann man das dann dadurch mitigieren,

00:22:15.101 --> 00:22:19.100
<v Tim Pritlove>indem man dann langsamer rauszieht oder?

00:22:19.101 --> 00:22:20.900
<v Robert Arlinghaus>Da gibt es eine Forschung zu.

00:22:20.901 --> 00:22:26.300
<v Robert Arlinghaus>Es gibt so eine decompressions devices, also Möglichkeiten, diese Schwimmblase zu dekomprimieren.

00:22:26.301 --> 00:22:28.400
<v Robert Arlinghaus>Im Prinzip die Luft wieder rauszulassen.

00:22:28.401 --> 00:22:34.400
<v Robert Arlinghaus>In den USA gibt es auch solche Methoden, den Fisch sehr schnell wieder auf Tiefe zu bringen mit so einem Gewicht.

00:22:34.401 --> 00:22:38.500
<v Robert Arlinghaus>Alle Studien, die ich kenne, zeigen eigentlich marginale Effekte.

00:22:38.501 --> 00:22:45.500
<v Robert Arlinghaus>Also es gibt kaum messbare Effekte, das heißt, in solchen Fällen mit großer Tiefe jetzt aus meiner wissenschaftlichen Sicht zu sagen,

00:22:45.501 --> 00:22:47.800
<v Robert Arlinghaus>ist der Fisch eigentlich in der Regel einfach zu entnehmen.

00:22:47.801 --> 00:22:52.900
<v Robert Arlinghaus>Das sind alles so ein bisschen Makulatur, da zu versuchen, den Fisch noch wieder zu retten.

00:22:52.901 --> 00:22:56.100
<v Robert Arlinghaus>Also in solchen Fällen muss der Angler einfach den Fisch mitnehmen.

00:22:56.101 --> 00:23:01.200
<v Robert Arlinghaus>Oder wenn er irgendwie zu viele untermaßige Fische fängt, ist der Angelplatz zu wechseln,

00:23:01.201 --> 00:23:04.300
<v Robert Arlinghaus>weil man sonst zu viele Sterblichkeiten produziert.

00:23:04.301 --> 00:23:09.900
<v Tim Pritlove>Jetzt merkt man ja schon so, einfach nur die Angel in den See schmeißen und warten bis der Fisch kommt

00:23:09.901 --> 00:23:14.000
<v Tim Pritlove>und dann nimmt man ihn mit und das war es, so einfach ist es jetzt nicht, sondern es ist schon,

00:23:14.001 --> 00:23:20.900
<v Tim Pritlove>wenn man dieser Tätigkeit nachgeht ist es durchaus geboten, noch eine ganze Menge Kenntnisse mitzunehmen,

00:23:20.901 --> 00:23:26.500
<v Tim Pritlove>die vielleicht jetzt auch nicht unbedingt immer so vorliegen, ich meine, da mag es dann viel, wie sagt man,

00:23:26.501 --> 00:23:37.300
<v Tim Pritlove>Anglerlatein geben, jetzt sind Sie ja in dieser wissenschaftlichen Position sozusagen und eben, ich sage mal,

00:23:37.301 --> 00:23:48.100
<v Tim Pritlove>mit so einem eher untypischen Studiengang, der ja sehr viel anwendungsorientierter ist als jetzt, was weiß ich,

00:23:48.101 --> 00:23:56.400
<v Tim Pritlove>theoretische Physik oder so, um mal gleich das andere Ende des Spektrums zu nennen.

00:23:56.401 --> 00:24:05.600
<v Tim Pritlove>Wie schafft man es, diese Brücke zu schlagen in so eine relativ große Szene?

00:24:05.601 --> 00:24:11.600
<v Tim Pritlove>Ich meine, 3,3 Millionen Leute werden sich jetzt nicht alle täglich wissenschaftliche Papers zu diesem Thema durchlesen.

00:24:11.601 --> 00:24:13.500
<v Robert Arlinghaus>Schön wäre es.

00:24:13.501 --> 00:24:17.500
<v Tim Pritlove>Ja, gut, probieren kann man es ja mal.

00:24:17.501 --> 00:24:22.400
<v Robert Arlinghaus>Genau, also vielleicht noch einen Schritt zurück, also Sie haben völlig recht, das ist ein komplexes Thema

00:24:22.401 --> 00:24:26.500
<v Robert Arlinghaus>und nicht jeder, der jetzt angelt, steigt da so tief ein, einerseits.

00:24:26.501 --> 00:24:33.600
<v Robert Arlinghaus>Andererseits gibt es ja so Leute wie mich, also die nicht nur angeln, sondern sich auch für das Drumherum interessieren.

00:24:33.601 --> 00:24:39.200
<v Robert Arlinghaus>Und Sie werden überrascht sein, es gibt 10.000 Angelvereine, da gibt es dann auch Leute, die bestellt sind,

00:24:39.201 --> 00:24:40.900
<v Robert Arlinghaus>die Bewirtschaftung zu übernehmen.

00:24:40.901 --> 00:24:44.700
<v Robert Arlinghaus>Also wir haben in Deutschland ja nicht nur Angeln, sondern der Angler bewirtschaftet ja auch die Gewässer.

00:24:44.701 --> 00:24:53.100
<v Robert Arlinghaus>Setzt Fische aus, verbessert die Lebensräume, ändert die Fangbestimmungen selbstmotiviert und selbstorganisiert in 10.000 Angelvereinen.

00:24:53.101 --> 00:24:56.900
<v Robert Arlinghaus>Da gibt es also Leute, die diese Aufgabe übernehmen und entsprechend natürlich auch geschult werden

00:24:56.901 --> 00:25:02.300
<v Robert Arlinghaus>von Verbänden, sich auch selbst schulen und sozusagen auf die Suche gehen nach Informationen,

00:25:02.301 --> 00:25:06.000
<v Robert Arlinghaus>um ihr Praktikerwissen natürlich auch noch ein bisschen zu vertiefen.

00:25:06.001 --> 00:25:09.000
<v Robert Arlinghaus>Und das gleiche findet man eben auch bei sehr vielen normalen Anglern.

00:25:09.001 --> 00:25:15.000
<v Robert Arlinghaus>Also es gibt einige Anglergruppen, Fliegenfischer zum Beispiel, das sind halbe Entomologen.

00:25:15.001 --> 00:25:19.200
<v Robert Arlinghaus>Also die wissen ganz genau, welche Insekten in den Gewässern vorkommen, wann die schlüpfen,

00:25:19.201 --> 00:25:26.800
<v Robert Arlinghaus>die observieren die Natur und Umwelt und ich würde sagen, in vielen Fällen kommt so ein Erfahrungs- und Praktikerwissen ran,

00:25:26.801 --> 00:25:32.200
<v Robert Arlinghaus>dass dem wissenschaftlichen also sehr nahe kommt und das haben wir auch untersucht zum Beispiel.

00:25:32.201 --> 00:25:36.800
<v Robert Arlinghaus>In einer Studie haben wir mal verglichen, wie ist eigentlich das wissenschaftliche Wissen,

00:25:36.801 --> 00:25:42.900
<v Robert Arlinghaus>in unserem Fall ging es da um die Hechte, wie vergleichbar ist das eigentlich mit dem gebündelten Wissen,

00:25:42.901 --> 00:25:43.600
<v Robert Arlinghaus>was so die Angler mitbringen.

00:25:43.601 --> 00:25:49.800
<v Robert Arlinghaus>Und da konnten wir zeigen, dass gerade wenn mehrere Angler sozusagen zusammen darüber nachdenken,

00:25:49.801 --> 00:25:54.000
<v Robert Arlinghaus>wie Ursache-Wirkungs-Beziehungen sind, dann ist das Ergebnis relativ nah dran an dem,

00:25:54.001 --> 00:25:56.400
<v Robert Arlinghaus>wie Wissenschaftler über den gleichen Sachverhalt denken.

00:25:56.401 --> 00:26:02.900
<v Robert Arlinghaus>Also natürlich gibt es da auch fehlerhafte Vorstellungen, aber in vielen Fällen eben durchaus auch sehr interessante Homologien

00:26:02.901 --> 00:26:05.400
<v Robert Arlinghaus>zwischen Praktikerwissen und wissenschaftlichen Wissen.

00:26:05.401 --> 00:26:07.100
<v Robert Arlinghaus>Das nur so als Vorrede.

00:26:07.101 --> 00:26:13.200
<v Robert Arlinghaus>Trotzdem war ich genervt oder frustriert als junger Wissenschaftler, gerade nachdem ich meine Doktorarbeit beendet habe,

00:26:13.201 --> 00:26:21.900
<v Robert Arlinghaus>auch ein paar Jahre danach habe ich versucht, eben über wissenschaftliche Publikationen das neueste sozusagen zu kommunizieren in die Praxis herein.

00:26:21.901 --> 00:26:28.800
<v Robert Arlinghaus>Und das kann man sagen ist im Rahmen einer schnellen Durchdringung der Praxis eigentlich zum Scheitern verurteilt.

00:26:28.801 --> 00:26:34.200
<v Robert Arlinghaus>Weil allein die Sprachbarriere, dass die meisten Publikationen auf Englisch sind, verhindern eigentlich auch schon,

00:26:34.201 --> 00:26:36.000
<v Robert Arlinghaus>dass so was schnell durchschlägt.

00:26:36.001 --> 00:26:37.800
<v Robert Arlinghaus>Das war also das erste Problem.

00:26:37.801 --> 00:26:42.100
<v Robert Arlinghaus>Und das zweite war, viele unserer Studien waren an Forschungsseen.

00:26:42.101 --> 00:26:47.400
<v Robert Arlinghaus>Und da haben wir auch festgestellt, das ist irgendwie so eine abstrakte Ebene, wo viele Menschen sagen,

00:26:47.401 --> 00:26:54.800
<v Robert Arlinghaus>ja das gilt aber nicht bei mir vor Ort, das ist irgendwo da Elfenbeinturm am Brandenburg eingezäunten Forschungssee.

00:26:54.801 --> 00:26:57.400
<v Robert Arlinghaus>Und irgendwie gilt das nicht, bei uns ist das alles anders.

00:26:57.401 --> 00:27:05.100
<v Robert Arlinghaus>So dass dann relativ schnell so nach etwa 10 Jahren im Business, also im Forscherleben,

00:27:05.101 --> 00:27:08.200
<v Robert Arlinghaus>bei mir die Erkenntnis gereift ist, ich muss eigentlich die Forschung zu den Leuten bringen.

00:27:08.201 --> 00:27:11.700
<v Robert Arlinghaus>Also ich muss mit den Anglerinnen und Anglern vor Ort forschen.

00:27:11.701 --> 00:27:16.600
<v Robert Arlinghaus>Gemeinsam Experimente entwickeln und durchsetzen zu Themen, die die Leute interessieren.

00:27:16.601 --> 00:27:21.900
<v Robert Arlinghaus>Zum Beispiel das Einsetzen von Fischen ist so ein großes Thema, das nennt sich Fischbesatz.

00:27:21.901 --> 00:27:27.300
<v Robert Arlinghaus>Das ist eine ganz lange traditionelle fischereiliche Bewirtschaftungsmaßnahme,

00:27:27.301 --> 00:27:31.000
<v Robert Arlinghaus>die flächendeckend in Deutschland von den Angelvereinen durchgesetzt wird.

00:27:31.001 --> 00:27:36.600
<v Robert Arlinghaus>Mit anderen Worten, man hat das Gefühl, in meinem Gewässer kommen keine Fische oder zu wenig Fische vor.

00:27:36.601 --> 00:27:43.800
<v Robert Arlinghaus>Man kauft sich dann Wildfische aus Fängen von Berufsfischerei oder gezüchtete Fische und setzt die aus.

00:27:43.801 --> 00:27:48.500
<v Robert Arlinghaus>Und da wissen wir eigentlich aus der ökologischen Theorie, dass in sehr wenigen Fällen

00:27:48.501 --> 00:27:52.900
<v Robert Arlinghaus>und nur Ausnahmefällen so was wirklich den Bestand steigert.

00:27:52.901 --> 00:27:56.600
<v Robert Arlinghaus>Aber das an die Angler zu kommunizieren war eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit.

00:27:56.601 --> 00:28:02.100
<v Robert Arlinghaus>Weil immer diese kognitive Barriere kam, ja das, was du da wissenschaftlich am Gewässer X rausgefunden hast,

00:28:02.101 --> 00:28:04.700
<v Robert Arlinghaus>das zählt bei uns nicht.

00:28:04.701 --> 00:28:07.600
<v Robert Arlinghaus>Und die Lösung war dann wirklich zusammen zu forschen.

00:28:07.601 --> 00:28:14.200
<v Robert Arlinghaus>Also Angelvereine zu suchen, Mensch wer hat Gewässer, wer möchte denn für seine Gewässer mal ein Experiment machen,

00:28:14.201 --> 00:28:19.800
<v Robert Arlinghaus>Fische aussetzen, die markiert sind, um mal zu gucken, wie ist denn das bei mir vor Ort unter praktischen Bedingungen?

00:28:19.801 --> 00:28:24.200
<v Robert Arlinghaus>Und diese Forschungsphilosophie, das nennen wir transdisziplinäres Forschen,

00:28:24.201 --> 00:28:28.500
<v Robert Arlinghaus>also Forschen in der Praxis mit der Praxis, ist jetzt eigentlich unser Credo.

00:28:28.501 --> 00:28:33.200
<v Robert Arlinghaus>Wir machen eigentlich nur noch so was, wo wir eben Dinge, die die Leute vor Ort interessiert,

00:28:33.201 --> 00:28:35.700
<v Robert Arlinghaus>wirklich an ihren Gewässern umsetzen.

00:28:35.701 --> 00:28:38.700
<v Robert Arlinghaus>Und das ist für mich die beste Form dann auch von Wissenschaftskommunikation,

00:28:38.701 --> 00:28:41.800
<v Robert Arlinghaus>weil das wirklich zu einem Aha-Erlebnis wird auch bei den Leuten.

00:28:41.801 --> 00:28:43.100
<v Tim Pritlove>Und zu einer ganz anderen Akzeptanz der Ergebnisse.

00:28:43.101 --> 00:28:45.300
<v Robert Arlinghaus>Ganz andere Akzeptanz, genau.

00:28:45.301 --> 00:28:48.800
<v Robert Arlinghaus>Man ist sozusagen zusammen Lernender.

00:28:48.801 --> 00:28:52.000
<v Robert Arlinghaus>Ich komme jetzt nicht in den Verein rein und sage, ich habe die Weisheit mit Löffeln gefressen,

00:28:52.001 --> 00:28:58.400
<v Robert Arlinghaus>sondern ich sage auch, ich habe auch keine Ahnung, ihr habt keine Ahnung oder zumindest nicht vollständige Ahnung…

00:28:58.401 --> 00:28:59.200
<v Tim Pritlove>… lass doch mal gemeinsam rausfinden.

00:28:59.201 --> 00:29:01.500
<v Robert Arlinghaus>… lass uns das mal gemeinsam rausfinden.

00:29:01.501 --> 00:29:06.300
<v Robert Arlinghaus>Ich kann reinbringen meine wissenschaftliche Methodik, die ist ein bisschen anders als eure Praktikerdenke,

00:29:06.301 --> 00:29:10.500
<v Robert Arlinghaus>aber ihr habt das Praktikerwissen und zusammen finden wir eine Lösung.

00:29:10.501 --> 00:29:15.300
<v Tim Pritlove>Und ihr kennt die Bedingungen vor Ort, ihr könnt da ein Teil davon sein.

00:29:15.301 --> 00:29:17.200
<v Tim Pritlove>Ja, das ist eigentlich eine sehr motivierende Geschichte.

00:29:17.201 --> 00:29:21.500
<v Tim Pritlove>Das ist so ein bisschen ein anderes Buzzword, was mir gerade kommt, ist so diese Idee des Citizen Science,

00:29:21.501 --> 00:29:27.400
<v Tim Pritlove>die aber in gewisser Hinsicht auch noch mal so eher entkoppelt ist und für sich forscht

00:29:27.401 --> 00:29:30.400
<v Tim Pritlove>und vielleicht Ergebnisse liefert, die dann später woanders ausgewertet werden.

00:29:30.401 --> 00:29:36.600
<v Tim Pritlove>Aber hier ist es ja wirklich eine totale Kooperation.

00:29:36.601 --> 00:29:43.500
<v Tim Pritlove>Wie muss man denn das jetzt einschätzen, wie die das…

00:29:43.501 --> 00:29:46.300
<v Tim Pritlove>ich weiß gar nicht, wie ich diesen ganzen Bereich nennen soll.

00:29:46.301 --> 00:30:01.500
<v Tim Pritlove>So das Beangeln unserer Binnengewässer, ist das eher ein hilfreicher Beitrag zur Stabilisierung einer Kulturlandschaft,

00:30:01.501 --> 00:30:07.600
<v Tim Pritlove>die ja letzten Endes auch die Gewässer sind, auch wenn das vielleicht jetzt nicht so ausgeprägt ist wie auf dem Land.

00:30:07.601 --> 00:30:16.200
<v Tim Pritlove>Also ist das eher so ein notwendiges Regulativ oder ist es eigentlich ein zwar irgendwie natürlicher Vorgang,

00:30:16.201 --> 00:30:24.500
<v Tim Pritlove>der aber eher zum Problem werden kann für die Natur und damit ja auch für den Rest der Ökosysteme.

00:30:24.501 --> 00:30:26.300
<v Tim Pritlove>Wie ist das einzuschätzen?

00:30:26.301 --> 00:30:28.100
<v Robert Arlinghaus>Beides.

00:30:28.101 --> 00:30:36.000
<v Robert Arlinghaus>Also es ist, glaube ich, zunächst mal zu konstatieren, dass der Haupteinflussfaktor auf die biologische Vielfalt an den Gewässern,

00:30:36.001 --> 00:30:42.000
<v Robert Arlinghaus>auf die Fischgemeinschaften, auf die Biodiversität, wie wir heute sagen, nicht in der Fischerei

00:30:42.001 --> 00:30:44.900
<v Robert Arlinghaus>und nicht in der Angelfischerei in den Binnengewässern zu suchen ist.

00:30:44.901 --> 00:30:52.900
<v Robert Arlinghaus>Das ist etwas anders als bei den marinen Situationen, wo Überfischung stärker als Ursache für Probleme bei den Fischen gilt.

00:30:52.901 --> 00:30:57.400
<v Robert Arlinghaus>Bei den Binnengewässern ist das etwas anders, wir haben also hier die Situation,

00:30:57.401 --> 00:31:02.300
<v Robert Arlinghaus>dass fast alle Seen und Flüsse massiv von unserem Lebensstil, nicht von der Fischerei,

00:31:02.301 --> 00:31:05.600
<v Robert Arlinghaus>sondern von der Art und Weise wie wir als Gesellschaft leben, beeinflusst worden sind.

00:31:05.601 --> 00:31:09.600
<v Robert Arlinghaus>Alle Flüsse, die wir kennen in Deutschland, sind begradigt.

00:31:09.601 --> 00:31:13.200
<v Robert Arlinghaus>Wir haben überall Querverbauung, wir haben überall künstliche Uferschüttung.

00:31:13.201 --> 00:31:19.300
<v Robert Arlinghaus>Wenn Sie hier durch Berlin gehen, ist das sogar häufig noch mit Stahlspundwänden eingemauert.

00:31:19.301 --> 00:31:24.700
<v Robert Arlinghaus>Alle Gewässer liegen in der Landschaft und sammeln Schadstoffe ein, die aus der Landwirtschaft ausgewaschen werden.

00:31:24.701 --> 00:31:29.700
<v Robert Arlinghaus>Also wenn man wirklich mal schaut, welche massiven Veränderungen für die Fischabundanz,

00:31:29.701 --> 00:31:34.900
<v Robert Arlinghaus>für die Häufigkeit von Fischen, aber auch für die Fische an Vielfalt von nichtfischereilichen Faktoren ausgehen,

00:31:34.901 --> 00:31:38.700
<v Robert Arlinghaus>dann ist das alles was wir in der Fischerei versuchen zu regeln Makulatur.

00:31:38.701 --> 00:31:41.900
<v Robert Arlinghaus>Das ist einfach „Pipifax“.

00:31:41.901 --> 00:31:43.500
<v Robert Arlinghaus>Also die Hauptprobleme liegen woanders.

00:31:43.501 --> 00:31:48.600
<v Robert Arlinghaus>Das heißt nicht, dass Angelfischerei und Fischerei ohne Wirkung ist auf Ökosysteme.

00:31:48.601 --> 00:31:51.200
<v Robert Arlinghaus>Natürlich ist eine Überfischung denkbar.

00:31:51.201 --> 00:31:57.200
<v Robert Arlinghaus>Überfischung wird in der Regel dadurch indiziert oder angezeigt, dass die Menge an Fisch einer Art zurückgeht

00:31:57.201 --> 00:32:00.400
<v Robert Arlinghaus>und vor allem die Größenverteilung dieser Fischart zurückgehen.

00:32:00.401 --> 00:32:05.300
<v Robert Arlinghaus>Wir haben häufig auch Effekte, die zusammenwirken.

00:32:05.301 --> 00:32:11.600
<v Robert Arlinghaus>Zum Beispiel der Verbau der Gewässer, die Veränderung durch Wanderbarkeit zusammen mit Befischungsdruck.

00:32:11.601 --> 00:32:16.600
<v Robert Arlinghaus>Das war beim Stör zum Beispiel einer der Gründe, weswegen diese Art ausgestorben ist.

00:32:16.601 --> 00:32:25.000
<v Robert Arlinghaus>Also natürlich kann auch zu starke Fischerei die Gewässer verändern oder über Bewirtschaftungsmaßnahmen falsche Entscheidungen gefällt werden.

00:32:25.001 --> 00:32:31.600
<v Robert Arlinghaus>Zum Beispiel können nichtheimische Arten durch schlecht sortierten Fischbesatz in Gewässer kommen.

00:32:31.601 --> 00:32:36.300
<v Robert Arlinghaus>Und da muss natürlich Fischereimanagement ansetzen und sagen, wie gestalte ich das Fischereimanagement,

00:32:36.301 --> 00:32:42.100
<v Robert Arlinghaus>das diese negativen Wirkungen verhindert und nicht umgesetzt werden.

00:32:42.101 --> 00:32:46.400
<v Robert Arlinghaus>Und da gibt es ein ganzes Arsenal an Möglichkeiten und da setzt auch unsere Forschung an.

00:32:46.401 --> 00:32:51.400
<v Robert Arlinghaus>Auf der anderen Seite ist eben Fischerei und die Präsenz von Anglern auch ein Vehikel dafür,

00:32:51.401 --> 00:32:56.500
<v Robert Arlinghaus>dass überhaupt so ein gesellschaftliches Gedächtnis noch da ist für die Dinge da unter Wasser.

00:32:56.501 --> 00:33:02.400
<v Robert Arlinghaus>Denn im Unterschied zu den Landlebewesen, den Vögeln, die jeder sieht,

00:33:02.401 --> 00:33:05.800
<v Robert Arlinghaus>jeder Mensch in der Gesellschaft hat da irgendwie ein Fabel für, die meisten zumindest.

00:33:05.801 --> 00:33:07.400
<v Tim Pritlove>Das Reh und so weiter.

00:33:07.401 --> 00:33:08.000
<v Robert Arlinghaus>Das Reh und so weiter und so fort.

00:33:08.001 --> 00:33:09.700
<v Tim Pritlove>Der Fuchs.

00:33:09.701 --> 00:33:13.300
<v Robert Arlinghaus>Selbst die Insektendebatte, die wir hatten, diese 80-prozentige Abnahme der Biomasse,

00:33:13.301 --> 00:33:16.400
<v Robert Arlinghaus>ging medial durch die Decke oder die Bienenstory.

00:33:16.401 --> 00:33:21.000
<v Robert Arlinghaus>Also das ist etwas, was jeder so ein bisschen, was jeden „toucht“.

00:33:21.001 --> 00:33:22.500
<v Robert Arlinghaus>Bei den Fischen ist das anders.

00:33:22.501 --> 00:33:23.600
<v Tim Pritlove>Weil man die nicht sieht.

00:33:23.601 --> 00:33:28.100
<v Robert Arlinghaus>Man sieht die nicht und die sehen irgendwie so anders aus und sind irgendwie so kaltblütig,

00:33:28.101 --> 00:33:35.600
<v Robert Arlinghaus>sind nicht so wechselwarm und die sind so ein bisschen im Verborgenen und das haben wir auch durch eine ganze Reihe von Umfragestudien gezeigt,

00:33:35.601 --> 00:33:39.700
<v Robert Arlinghaus>also wir konnten über zufällige Bevölkerungsbefragung tatsächlich nachweisen,

00:33:39.701 --> 00:33:43.400
<v Robert Arlinghaus>dass kein Mensch irgendwie unsere Arten mehr kennt zum Beispiel die Fischarten.

00:33:43.401 --> 00:33:45.900
<v Robert Arlinghaus>Keiner weiß was eine Barbe und eine Esche ist.

00:33:45.901 --> 00:33:52.200
<v Robert Arlinghaus>Oder solche Arten, die künstlich aus Nordamerika eingeführt worden sind Anfang des 19. Jahrhunderts.

00:33:52.201 --> 00:33:56.500
<v Robert Arlinghaus>Die Regenbogenforelle wird als heimische Art wahrgenommen, die kennt jeder aus dem Supermarkt,

00:33:56.501 --> 00:33:58.600
<v Robert Arlinghaus>das ist doch irgendwie was heimisches.

00:33:58.601 --> 00:34:01.600
<v Tim Pritlove>Aus dem heimischen Supermarkt.

00:34:01.601 --> 00:34:07.300
<v Robert Arlinghaus>Oder wo hingegen der atlantische Lachs irgendwie, da denken die Leute, das ist irgendwie Norwegen, das gibt es bei uns gar nicht.

00:34:07.301 --> 00:34:11.800
<v Robert Arlinghaus>Also das ist eine heimische Fischart, die ist leider ausgestorben, weil wir unsere Gewässer verändert haben.

00:34:11.801 --> 00:34:16.000
<v Robert Arlinghaus>Und da kommt jetzt der Angler ins Spiel und die Angelgemeinschaft für Fischerei,

00:34:16.001 --> 00:34:21.400
<v Robert Arlinghaus>dass eben mehrere Millionen Leute da irgendwie erstens ihre Nutzen daraus ziehen

00:34:21.401 --> 00:34:27.700
<v Robert Arlinghaus>und dann natürlich auch ein Interesse haben, diese Bestände wieder aufzubauen, Fischartenschutz zu betreiben

00:34:27.701 --> 00:34:32.800
<v Robert Arlinghaus>und das machen dann die Angelvereine mit ihren Mitteln, sind ja häufig nicht in der Lage, Gewässer umzubauen,

00:34:32.801 --> 00:34:38.500
<v Robert Arlinghaus>aber sie tun mindestens einen Lobbyismus der da ist in der Sache Fisch zu wirken.

00:34:38.501 --> 00:34:43.600
<v Robert Arlinghaus>Und da, finde ich, ist die gesellschaftliche Bedeutung für die Leute außerhalb der Fischerei,

00:34:43.601 --> 00:34:48.500
<v Robert Arlinghaus>wo man sagt, da kümmert sich jemand um Umwelt, nämlich in dem Fall die Wasserumwelt,

00:34:48.501 --> 00:34:55.400
<v Robert Arlinghaus>die sonst ja einfach aus dem Gedächtnis verschwindet und einfach so nicht richtig präsent ist.

00:34:55.401 --> 00:35:01.300
<v Tim Pritlove>So wie Jägern, glaube ich, auch oft so ein bisschen unterstellt wird, so ein bisschen Feind des Tieres zu sein,

00:35:01.301 --> 00:35:05.500
<v Tim Pritlove>ist es ja eigentlich genau andersherum.

00:35:05.501 --> 00:35:12.400
<v Tim Pritlove>Die Jäger setzen sich sehr viel intensiver mit der Tierwelt auseinander und haben vor allem auch so eine unmittelbare Beziehung zu diesen Tieren.

00:35:12.401 --> 00:35:20.200
<v Tim Pritlove>Allein schon weil man ja auch dem Tod und damit sozusagen auch dem Leben des Tieres sehr viel näher kommt,

00:35:20.201 --> 00:35:27.400
<v Tim Pritlove>als wenn man jetzt irgendwie seinen ganzen Nahrungsmittel, im besten Fall noch in prozessierten Nahrungsmitteln,

00:35:27.401 --> 00:35:31.400
<v Tim Pritlove>konsumiert und überhaupt gar keinen Bezug mehr dazu hat, wo es eigentlich herkommt.

00:35:31.401 --> 00:35:34.600
<v Tim Pritlove>Und ähnlich ist es ja beim Angeln dann auch.

00:35:34.601 --> 00:35:40.900
<v Tim Pritlove>Man hat einfach unmittelbaren Kontakt zu den Fischen, ja okay gut, dann gibt es halt die Entscheidung,

00:35:40.901 --> 00:35:44.800
<v Tim Pritlove>du gehst jetzt wieder zurück oder in den Kochtopf, gar keine Frage.

00:35:44.801 --> 00:35:48.700
<v Tim Pritlove>Aber man hat ja dann eine Vorstellung davon, was ist das überhaupt, wie groß ist das überhaupt?

00:35:48.701 --> 00:35:54.400
<v Tim Pritlove>Man kann sich ja manchmal auch einfach die schiere Größe dieser Fische gar nicht so richtig vorstellen.

00:35:54.401 --> 00:36:01.200
<v Tim Pritlove>Ich denke, wenn man in Deutschland die Leute mal nach dem typischen Durchschnittsgewicht von verschiedenen Fischarten fragen würde,

00:36:01.201 --> 00:36:04.800
<v Tim Pritlove>ging es wahrscheinlich komplett in alle Richtungen falsch hin und her so.

00:36:04.801 --> 00:36:06.200
<v Robert Arlinghaus>Genauso sehe ich das auch.

00:36:06.201 --> 00:36:12.200
<v Robert Arlinghaus>Es gibt leider keine gute Übersetzung dafür, aber im Englischsprachigen gibt es den Begriff des Stewardship.

00:36:12.201 --> 00:36:16.600
<v Robert Arlinghaus>Ich kann es nicht übersetzen, aber es ist irgendwie eine Verbindung, eine ethische moralische …

00:36:16.601 --> 00:36:18.800
<v Tim Pritlove>So eine leitende Begleitung.

00:36:18.801 --> 00:36:22.000
<v Robert Arlinghaus>Genau, und die kann man auf verschiedenen Ebenen haben.

00:36:22.001 --> 00:36:28.900
<v Robert Arlinghaus>Die kann man auf der Ebene der Naturerfahrung haben bis hin zu der Kompetenzentwicklung

00:36:28.901 --> 00:36:33.200
<v Robert Arlinghaus>oder der Einschätzbarkeit auch von ökologischen Prozessen.

00:36:33.201 --> 00:36:39.100
<v Robert Arlinghaus>Und ich finde, so Jäger und Angeln, die haben diese ganze Kette, diese ganze Nahrungskette wird durchgezogen.

00:36:39.101 --> 00:36:44.800
<v Robert Arlinghaus>Man hat die eigene Erfahrungsumwelt, man erlebt, wie Natur und Umwelt sich ändert.

00:36:44.801 --> 00:36:48.800
<v Robert Arlinghaus>Was auch passiert, wenn die kleine Wasserkraft da zu einem Gewässerumbau führt.

00:36:48.801 --> 00:36:54.200
<v Robert Arlinghaus>Dann erlebt eine Person, die jetzt irgendwie 10-20 Jahre so ein Gewässer befischt, Veränderung.

00:36:54.201 --> 00:36:56.200
<v Robert Arlinghaus>Man erlebt …

00:36:56.201 --> 00:36:58.700
<v Tim Pritlove>Steigende Wasserspiegel, sinkende Wasserspiegel.

00:36:58.701 --> 00:37:06.000
<v Robert Arlinghaus>Austrocknungseffekte jetzt durch Klimawandel, das merken die Leute vor Ort, diese Seespiegel sinken und so.

00:37:06.001 --> 00:37:08.600
<v Robert Arlinghaus>Also man hat diese gesamten komplexen Erfahrungen da.

00:37:08.601 --> 00:37:10.800
<v Robert Arlinghaus>Andererseits merkt man auch, was kann ich tun?

00:37:10.801 --> 00:37:14.900
<v Robert Arlinghaus>Man entwickelt Kompetenzen oder zumindest Verständnis dafür.

00:37:14.901 --> 00:37:19.700
<v Robert Arlinghaus>Mensch, wir müssen hier vielleicht einen Laichplatz anlegen oder die Durchwanderbarkeit schaffen.

00:37:19.701 --> 00:37:22.600
<v Robert Arlinghaus>Das ist etwas, was keine andere Gesellschaftsgruppe so richtig erfährt.

00:37:22.601 --> 00:37:28.600
<v Robert Arlinghaus>Und drittens, diese Erdung, was Sie gerade sagten mit dem Töten und dem Erfahren des selbsterlegten Tieres,

00:37:28.601 --> 00:37:33.200
<v Robert Arlinghaus>das kann man jetzt grausam finden und einige finden das grausam.

00:37:33.201 --> 00:37:38.300
<v Robert Arlinghaus>Die grundsätzlich die Nutzung von Tieren ablehnen, die werden alle meine Argumente nicht überzeugen.

00:37:38.301 --> 00:37:46.100
<v Robert Arlinghaus>Das verstehe ich, aber derjenige, der sich Fleischkonsum, in welcher Form auch immer, sozusagen zuwendet,

00:37:46.101 --> 00:37:52.100
<v Robert Arlinghaus>für den gibt es ja nichts erdenderes und auch ehrfürchtigeres als sich das eigene Tier zu besorgen.

00:37:52.101 --> 00:37:58.000
<v Robert Arlinghaus>Also und dann auch zu sehen, wie geht es dem Fisch, wie kann ich auch Leiden ganz kurz halten

00:37:58.001 --> 00:38:00.100
<v Robert Arlinghaus>und das ist aus meiner Sicht in der Angelkultur sehr stark verankert.

00:38:00.101 --> 00:38:04.200
<v Robert Arlinghaus>Also gerade in Deutschland, das ist nicht international unbedingt immer der Fall.

00:38:04.201 --> 00:38:09.400
<v Robert Arlinghaus>Aber die Deutschen haben durch diese Anglerprüfung und durch das Thema Tierschutz eigentlich bei der Mehrzahl der Leute

00:38:09.401 --> 00:38:16.300
<v Robert Arlinghaus>diese starke Verankerung, den Fisch sofort zu töten, schnell zu töten und nicht irgendwie in einer Tüte rumzappeln zu lassen.

00:38:16.301 --> 00:38:18.100
<v Robert Arlinghaus>Das sieht man nur in Ausnahmefällen.

00:38:18.101 --> 00:38:20.000
<v Robert Arlinghaus>Das ist in den USA völlig anders.

00:38:20.001 --> 00:38:24.400
<v Robert Arlinghaus>Und das gehört irgendwie zu so einem Thema Nachhaltigkeit mit dazu.

00:38:24.401 --> 00:38:30.900
<v Robert Arlinghaus>Also aus meiner Sicht gibt es nichts nachhaltigeres als selbst erlegten oder selbst gefangenen Fisch

00:38:30.901 --> 00:38:32.500
<v Robert Arlinghaus>oder selbst erlegtes Wildbret.

00:38:32.501 --> 00:38:37.200
<v Robert Arlinghaus>Also das hat auch eine edukative Komponente.

00:38:37.201 --> 00:38:42.800
<v Tim Pritlove>Wie kann man denn das jetzt noch weiter nutzen?

00:38:42.801 --> 00:38:53.400
<v Tim Pritlove>Weil im Prinzip hat man ja jetzt so 3,3 Millionen kostenlose Umweltsensoren in der Landschaft herumstehen.

00:38:53.401 --> 00:38:59.600
<v Tim Pritlove>Und klar, wir hatten das jetzt schon angesprochen, dass man halt so gemeinsame Experimente macht,

00:38:59.601 --> 00:39:08.400
<v Tim Pritlove>das ist natürlich auch eine sehr aktive Rolle, die jetzt wahrscheinlich auch abgesehen vom IGB jetzt an so vielen Orten auch nicht gemacht wird,

00:39:08.401 --> 00:39:10.600
<v Tim Pritlove>das heißt, das erreicht ja jetzt auch nicht alle Anglervereine.

00:39:10.601 --> 00:39:18.700
<v Tim Pritlove>Also mit denen man es macht, mag man gute Ergebnisse haben, bleiben aber wahrscheinlich noch 95 Prozent über oder mehr.

00:39:18.701 --> 00:39:28.200
<v Tim Pritlove>Gibt es einen Ansatz, wie man generell den Angelbetrieb an der Stelle wissenschaftlicher machen kann

00:39:28.201 --> 00:39:31.400
<v Tim Pritlove>oder mehr Anbindung schaffen kann?

00:39:31.401 --> 00:39:39.200
<v Tim Pritlove>Vielleicht gibt es in der Hinsicht eine automatische Anbindung, dass das sozusagen noch weiter Früchte trägt.

00:39:39.201 --> 00:39:44.200
<v Robert Arlinghaus>Ja, also erstens, genau diese fehlende Breitenwirkung war auch ein Grund,

00:39:44.201 --> 00:39:49.200
<v Robert Arlinghaus>weswegen wir vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert auch so Anschlussprojekte hatten,

00:39:49.201 --> 00:39:52.400
<v Robert Arlinghaus>wo es nur darum ging, Wissenschaftskommunikation zu machen.

00:39:52.401 --> 00:39:56.200
<v Robert Arlinghaus>Also wir haben so eine Roadshow gemacht zum Beispiel in ganz Deutschland.

00:39:56.201 --> 00:39:59.300
<v Robert Arlinghaus>Oder so einen Dokumentarfilm gemacht.

00:39:59.301 --> 00:40:06.700
<v Robert Arlinghaus>Also diese Erkenntnisse, die wir dort in dem Fall zu Fischbesatz in Niedersachsen realisiert haben, in die Breite zu bringen.

00:40:06.701 --> 00:40:13.900
<v Robert Arlinghaus>Und auch das erreicht jetzt nicht alle, aber diese Initiativen, die wir gemacht haben, haben schon eine Breitenwirkung gehabt.

00:40:13.901 --> 00:40:18.100
<v Robert Arlinghaus>Also das ist, glaube ich, schon in viele Vereine mit eingedrungen, das ist eine Möglichkeit.

00:40:18.101 --> 00:40:24.300
<v Robert Arlinghaus>Also dass der Wissenschaftler, die Wissenschaftlerin Wissenschaftskommunikation mit eindeckt in seine Projekte

00:40:24.301 --> 00:40:28.400
<v Robert Arlinghaus>und nicht nur ein Paper schreibt, einen Aufsatz schreibt, sondern eben auch sagt, wie kann ich das vermitteln.

00:40:28.401 --> 00:40:32.400
<v Robert Arlinghaus>Die zweite Ebene ist für Multiplikatoren zu sorgen.

00:40:32.401 --> 00:40:37.700
<v Robert Arlinghaus>Also mit anderen Worten, Leute, Studenten, Studierende auszubilden, Doktorierende,

00:40:37.701 --> 00:40:43.600
<v Robert Arlinghaus>die dann in die Verbände gehen, das heißt, in jedem Bundesland gibt es nicht nur Angelvereine,

00:40:43.601 --> 00:40:47.800
<v Robert Arlinghaus>sondern darüber gelagert Verbände, die also diese Angelvereine organisieren,

00:40:47.801 --> 00:40:53.400
<v Robert Arlinghaus>dass also dort Kompetenzen geschaffen werden, die diese Vermittlungsrolle dann leisten können.

00:40:53.401 --> 00:40:58.000
<v Robert Arlinghaus>Und die ihrerseits dann zum Beispiel gemeinsame Experimente machen können

00:40:58.001 --> 00:41:03.300
<v Robert Arlinghaus>oder auch Wissenschaft übersetzen können in Handlungsleitfäden in der Bewirtschaftung.

00:41:03.301 --> 00:41:05.300
<v Robert Arlinghaus>Und das findet tatsächlich auch statt.

00:41:05.301 --> 00:41:11.000
<v Robert Arlinghaus>Also wir ganz konkret arbeiten intensiv mit dem Anglerverband Niedersachsen zusammen, aber auch mit anderen,

00:41:11.001 --> 00:41:16.800
<v Robert Arlinghaus>mit dem Verband aber seit vielen Jahren und dort sehen wir, dass zum Teil promovierte Fischereibiologen,

00:41:16.801 --> 00:41:23.300
<v Robert Arlinghaus>teilweise auch Leute mit einem Master, diese Rolle übernehmen und dann beratend wirken in der Fläche.

00:41:23.301 --> 00:41:28.100
<v Robert Arlinghaus>Und wir haben zum Beispiel ein Projekt dort laufen, wo wir Alternativen zum Fischbesatz machen,

00:41:28.101 --> 00:41:30.400
<v Robert Arlinghaus>nämlich das Aufwerten von Uferlebensräumen.

00:41:30.401 --> 00:41:36.800
<v Robert Arlinghaus>Das heißt, in dem Fall sind diese künstlich geschaffenen Seen, Baggerseen, die relativ steilscharige Ufer haben,

00:41:36.801 --> 00:41:41.600
<v Robert Arlinghaus>das ist schlecht für Fische, dort haben die Angelvereine gesagt, wir bringen dort Totholz ein.

00:41:41.601 --> 00:41:48.500
<v Robert Arlinghaus>Also im Prinzip Baumkronen oder andere Strukturelemente, die zum Lebensraum werden für Fische.

00:41:48.501 --> 00:41:52.500
<v Robert Arlinghaus>Die können sich da verstecken, wo sich wirbellose Tiere ansiedeln können und so weiter.

00:41:52.501 --> 00:41:56.100
<v Robert Arlinghaus>Als Alternative zum Einsetzen von Fischbesatz.

00:41:56.101 --> 00:42:00.200
<v Robert Arlinghaus>Und das Projekt haben wir gestartet, also über den Anglerverband Niedersachsen als Praxispartner,

00:42:00.201 --> 00:42:08.400
<v Robert Arlinghaus>flankiert mit einer Öffentlichkeitsarbeit und innerhalb eines Jahres gab es da 20, 30,40 Vereine über ganz Deutschland,

00:42:08.401 --> 00:42:12.200
<v Robert Arlinghaus>die gesagt haben, wir machen mit, wir ahmen nach.

00:42:12.201 --> 00:42:17.000
<v Robert Arlinghaus>Die waren gar nicht Teil des Projektes, sondern haben das irgendwo mitgekriegt und haben gesagt, das machen wir auch.

00:42:17.001 --> 00:42:22.000
<v Robert Arlinghaus>Und das können Sie sich gar nicht vorstellen, wie schnell gerade diese lokalen Gemeinschaften,

00:42:22.001 --> 00:42:28.300
<v Robert Arlinghaus>die haben Zugänge zu schwerem Arbeitsgerät, da kennt sich jeder in den ländlichen Gebieten.

00:42:28.301 --> 00:42:29.500
<v Tim Pritlove>Kurze Entscheidungswege.

00:42:29.501 --> 00:42:34.600
<v Robert Arlinghaus>Kurze Entscheidungswege, da wird im Nu so was aufgesetzt.

00:42:34.601 --> 00:42:41.800
<v Robert Arlinghaus>Und da bin ich also hochgradig begeistert, wie sozusagen ein kleiner Impuls dann eben auf diesen Handlungs- und Gestaltungswillen trifft,

00:42:41.801 --> 00:42:45.300
<v Robert Arlinghaus>der da vor Ort da ist und dann eine Umsetzung stattfindet.

00:42:45.301 --> 00:42:51.800
<v Robert Arlinghaus>Also ich glaube, für die Zukunft ist diese Vermittlung über die Verbände, die dann sozusagen diese Projekte mit anleiten

00:42:51.801 --> 00:42:59.700
<v Robert Arlinghaus>oder Impulsgeber sind, eine starke Möglichkeit, Innovationen aus der Wissenschaft dann eben auch relativ schnell in die Praxis zu bringen.

00:42:59.701 --> 00:43:05.000
<v Tim Pritlove>Da geht es ja auch über Fischerei hinaus, ich meine, wir sprechen ja jetzt im Prinzip schon von Gewässerökologie

00:43:05.001 --> 00:43:10.000
<v Tim Pritlove>und entsprechenden Maßnahmen, wenn man dann auf einmal solche Flachwasserzonen schafft,

00:43:10.001 --> 00:43:15.600
<v Tim Pritlove>wo sie vielleicht vorher so nicht da waren, das hat ja dann nicht nur auf die Fische eine Auswirkung oder?

00:43:15.601 --> 00:43:21.700
<v Robert Arlinghaus>Ganz genau, genau das war der Ansatz und das ist ja auch das, was eigentlich das Interessante an Angelfischerei,

00:43:21.701 --> 00:43:23.800
<v Robert Arlinghaus>oder einer der Punkte der Angelfischerei ist.

00:43:23.801 --> 00:43:28.300
<v Robert Arlinghaus>Man denkt immer, das ist irgendwie die Interaktion zwischen einem einzelnen Angler und einem Fisch.

00:43:28.301 --> 00:43:33.800
<v Robert Arlinghaus>Aber eigentlich ist es eine Mensch-Umwelt-Interaktion, eine Mensch-Umwelt-Wechselwirkung

00:43:33.801 --> 00:43:38.700
<v Robert Arlinghaus>und obwohl das Fischereirecht eigentlich nur das Recht gibt Fische zu fangen

00:43:38.701 --> 00:43:44.500
<v Robert Arlinghaus>und als Angelverein oder Pächter sie zu bewirtschaften, sind Fische ein Produkt ökologischer Prozesse.

00:43:44.501 --> 00:43:49.000
<v Robert Arlinghaus>Man hat nur widerstandsfähige Fischbestände, wenn die Umwelt intakt ist.

00:43:49.001 --> 00:43:54.000
<v Robert Arlinghaus>Und dann kann ich auch relativ stark fischen bzw. über Fangbestimmungen den Fischereidruck regeln,

00:43:54.001 --> 00:43:59.400
<v Robert Arlinghaus>was eh flächendeckend gemacht wird und habe eigentlich gar keine Überfischungsproblematik mehr,

00:43:59.401 --> 00:44:03.700
<v Robert Arlinghaus>sondern habe dann sich selbst erhaltende Ressourcen, die dann auch genutzt werden.

00:44:03.701 --> 00:44:08.100
<v Robert Arlinghaus>Und hier verstehen sich Angelvereine als Naturschutzverbände.

00:44:08.101 --> 00:44:12.400
<v Robert Arlinghaus>Viele der Verbände, der Angelverbände, sind auch gesetzlich anerkannte Naturschutzverbände,

00:44:12.401 --> 00:44:17.600
<v Robert Arlinghaus>aber im Grunde machen sie Natur- und Artenschutz natürlich am Ende auch mit dem Ziel,

00:44:17.601 --> 00:44:20.000
<v Robert Arlinghaus>ihre Fische, die sie fangen wollen, zu steigern.

00:44:20.001 --> 00:44:24.500
<v Robert Arlinghaus>Aber es gibt eben diese Nebeneffekte, die über die Fische weit hinausgehen.

00:44:24.501 --> 00:44:30.500
<v Robert Arlinghaus>Und dieses Beispiel, was ich gerade brachte, das Verbessern der Lebensräume, ist genau so ein Ding.

00:44:30.501 --> 00:44:37.700
<v Robert Arlinghaus>Selbst wenn man das fischereilich motiviert macht, hat es eben diese Nebeneffekte auf andere Organismengruppen

00:44:37.701 --> 00:44:43.300
<v Robert Arlinghaus>und das ist das, was das Angeln dann eben auch für die Gesellschaft dann liefert über die Fische hinaus.

00:44:43.301 --> 00:44:47.100
<v Robert Arlinghaus>Und deswegen hat das eben eine größere Wirkung.

00:44:47.101 --> 00:44:56.000
<v Tim Pritlove>Größere Wirkung, und vor allem auch so ein Instrument der Gesellschaft, die doch relativ starken Auswirkungen auf die Gesamtökologie,

00:44:56.001 --> 00:45:01.200
<v Tim Pritlove>zumindest in Teilbereichen dann auch gezielt gegenzusteuern, einfach um auch die Fehlentwicklungen,

00:45:01.201 --> 00:45:08.700
<v Tim Pritlove>die wir definitiv in den letzten paar hundert Jahren gehabt haben, in irgendeiner Form auch wieder zurückzufahren.

00:45:08.701 --> 00:45:15.200
<v Robert Arlinghaus>Ganz genau, und vielleicht zurückkommend auf eins der Themen, die wir vor ein paar Minuten hatten,

00:45:15.201 --> 00:45:20.100
<v Robert Arlinghaus>leider Gottes sind die Fische eben Produkt der Umwelt und wenn die Umwelt zerstört wurde,

00:45:20.101 --> 00:45:25.000
<v Robert Arlinghaus>Kanalisierung von Flüssen als Stichwort, dann kommen da eben weniger Arten vor

00:45:25.001 --> 00:45:27.500
<v Robert Arlinghaus>und dann sind die Arten nicht mehr so dominant und so weiter.

00:45:27.501 --> 00:45:32.400
<v Robert Arlinghaus>Natürlich ist die Hoffnung, dass das Angeln dann teilweise lokal helfen kann

00:45:32.401 --> 00:45:36.200
<v Robert Arlinghaus>und teilweise kann es das auch durch Schaffung von Lebensräumen und so weiter.

00:45:36.201 --> 00:45:41.300
<v Robert Arlinghaus>Viel wichtiger wird die Wirkung aber dann über Lobbyismus, über politische Einflussnahme, zu sagen,

00:45:41.301 --> 00:45:49.400
<v Robert Arlinghaus>zum Beispiel den Finger in die Wunde zu legen, ob die kleine Wasserkraft, die vielleicht einen Klimaschutzbeitrag hat,

00:45:49.401 --> 00:45:53.400
<v Robert Arlinghaus>aber auf der anderen Seite die Gewässer massiv und unwiderruflich zerstört,

00:45:53.401 --> 00:45:58.400
<v Robert Arlinghaus>ob das vielleicht wirklich die Zukunft irgendwie der Klimaschutzdebatte ist.

00:45:58.401 --> 00:46:07.000
<v Robert Arlinghaus>Also da wirkt das Angeln eben auch als „Lobbyist“ im Sinne des Biodiversitätserhalts und der Biodiversitätsförderung.

00:46:07.001 --> 00:46:10.900
<v Robert Arlinghaus>Und dann gibt es natürlich die kleinen aber feinen Maßnahmen, wie Sie gerade sagten,

00:46:10.901 --> 00:46:16.400
<v Robert Arlinghaus>Lebensraumschaffung in abgeschlossenen Baggerseen, das ist natürlich unbenommen,

00:46:16.401 --> 00:46:22.700
<v Robert Arlinghaus>das kann jeder Angelverein leisten und damit eben seinen Beitrag auch zur Bekämpfung dieser Biodiversitätskrise leisten.

00:46:22.701 --> 00:46:28.200
<v Robert Arlinghaus>Wir haben in einer Studie jetzt auch festgestellt, zum Beispiel gerade an diesen künstlich geschaffenen Baggerseen,

00:46:28.201 --> 00:46:33.700
<v Robert Arlinghaus>dass diese Gewässer die anglerisch bewirtschaftet waren, wir haben sie verglichen mit Bewässern,

00:46:33.701 --> 00:46:41.100
<v Robert Arlinghaus>die unbewirtschaftet in der Landschaft liegen geblieben sind, dass diese bewirtschafteten Seen sehr artenreich waren,

00:46:41.101 --> 00:46:46.300
<v Robert Arlinghaus>bei den Fischen, und zwar von heimischen Fischarten, sieben bis elf Fischarten beherbergten,

00:46:46.301 --> 00:46:50.700
<v Robert Arlinghaus>die in der Fischgemeinschaftszusammensetzung den von Naturseen entsprachen,

00:46:50.701 --> 00:46:53.900
<v Robert Arlinghaus>also im Prinzip waren das neue Naturseen, wenn man so will,

00:46:53.901 --> 00:47:00.100
<v Robert Arlinghaus>während die unbewirtschafteten Seen nur drei bis fünf Fischarten beherbergten, häufig einzelne Arten dominierten

00:47:00.101 --> 00:47:03.800
<v Robert Arlinghaus>und völlig unnatürliche Fischgemeinschaftszusammensetzungen da waren.

00:47:03.801 --> 00:47:08.600
<v Robert Arlinghaus>Und das ist eben eine direkte Konsequenz von anglerischer Bewirtschaftung.

00:47:08.601 --> 00:47:13.700
<v Robert Arlinghaus>Und es ist eben nicht so in den Fällen, dass jetzt irgendwie künstliche Tischgemeinschaften dort entstanden sind

00:47:13.701 --> 00:47:20.600
<v Robert Arlinghaus>mit nicht heimischen Fischarten, sondern ganz im Gegenteil, die Angler haben einfach als Beschleuniger der Evolution

00:47:20.601 --> 00:47:26.400
<v Robert Arlinghaus>des Initiierens einer Fischgemeinschaft in neu geschaffenen Baggerseen oder Gewässertypen beigetragen.

00:47:26.401 --> 00:47:30.500
<v Robert Arlinghaus>Und das ist eben ein positiver Beitrag zum Arten- und Naturschutz.

00:47:30.501 --> 00:47:43.300
<v Tim Pritlove>Das sind ja jetzt alles so Prozesse, die so eine eigene Dynamik entwickeln, aber quasi freiwillige Beiträge sind im Rahmen des Erlaubten.

00:47:43.301 --> 00:47:49.800
<v Tim Pritlove>Ich könnte mir jetzt auch vorstellen, dass jetzt der Zustand, den wir jetzt quasi versuchen ein bisschen gegenzusteuern,

00:47:49.801 --> 00:47:57.100
<v Tim Pritlove>ja auch durch Gesetzgebung letzten Endes so gekommen ist und man eigentlich aus diesen Erkenntnissen ja dann auch neue politische Maßnahmen,

00:47:57.101 --> 00:48:02.100
<v Tim Pritlove>und damit auch neue Regelungen eigentlich ableiten müsste.

00:48:02.101 --> 00:48:09.900
<v Tim Pritlove>Inwiefern fließen denn jetzt diese Erfahrungen, die jetzt zunächst einmal zwischen, ich sage mal, den Naturschützern,

00:48:09.901 --> 00:48:17.900
<v Tim Pritlove>der Angelgemeinde, ja, oder vielleicht ist das nicht der richtige Begriff, so Naturverwalter in gewisser Hinsicht,

00:48:17.901 --> 00:48:24.800
<v Tim Pritlove>ist das vielleicht wirklich dieses steward’sche, dass man so ein bisschen Hausmeister für die Gewässer wird,

00:48:24.801 --> 00:48:31.900
<v Tim Pritlove>und der Wissenschaft, das ist ja eine schöne Kooperation, wie verhält sich diese neugeschaffene Gruppe dann quasi gegenüber der Politik?

00:48:31.901 --> 00:48:34.000
<v Tim Pritlove>Hat das dann da Auswirkungen?

00:48:34.001 --> 00:48:35.500
<v Robert Arlinghaus>Das können wir belegen.

00:48:35.501 --> 00:48:41.300
<v Robert Arlinghaus>Also wir haben ja zwei Ebenen, einerseits Natur- und Wassergesetze und andererseits Fischereigesetze.

00:48:41.301 --> 00:48:47.200
<v Robert Arlinghaus>Das unmittelbarere die Fischereigesetze, das ist eine Landeshoheit bei der Binnenfischerei.

00:48:47.201 --> 00:48:54.900
<v Robert Arlinghaus>Und da kann man zeigen, im Prinzip sind das Rahmengesetze, die regeln sozusagen die Mindeststandards,

00:48:54.901 --> 00:48:57.200
<v Robert Arlinghaus>die ein nachhaltiges Fischereimanagement kennzeichnen.

00:48:57.201 --> 00:49:02.800
<v Robert Arlinghaus>Zum Beispiel steht da für die meisten Arten Mindestgrößen, sogenannte Mindestmaße drin.

00:49:02.801 --> 00:49:08.300
<v Robert Arlinghaus>Die sind so hoch gesetzt, dass alle Fische dieser stark befischten Arten mindestens ein- oder zweimal ablaichen können.

00:49:08.301 --> 00:49:11.100
<v Robert Arlinghaus>Und damit ist schon Bestandszusammenbruch ausgeschlossen.

00:49:11.101 --> 00:49:16.500
<v Robert Arlinghaus>Also das Fischereigesetz regelt diese Mindestgeschichten und dann können die lokalen Vereine,

00:49:16.501 --> 00:49:21.400
<v Robert Arlinghaus>die Gewässerpächter diese Regeln verschärfen, das gilt zumindest in fast allen Bundesländern.

00:49:21.401 --> 00:49:23.400
<v Tim Pritlove>Das sind Mindestgrößen für bestimmte Fischarten?

00:49:23.401 --> 00:49:28.700
<v Robert Arlinghaus>Richtig, zum Beispiel so ein Hecht 45-50 Zentimeter, wenn der Fisch drunter ist, muss er zurückgesetzt werden,

00:49:28.701 --> 00:49:31.000
<v Robert Arlinghaus>wenn er drüber ist, kann er entnommen werden.

00:49:31.001 --> 00:49:36.800
<v Robert Arlinghaus>Und die Einhaltung dieser Regel wird in den Angelvereinen in der Regel sehr stark kontrolliert und so weiter,

00:49:36.801 --> 00:49:39.100
<v Robert Arlinghaus>und sichert schon mal einen Bestandserhalt.

00:49:39.101 --> 00:49:44.000
<v Robert Arlinghaus>Aber das heißt nicht zwangsläufig, dass das die optimale Fischschonbestimmung ist.

00:49:44.001 --> 00:49:48.900
<v Robert Arlinghaus>Weil jedes Gewässer ja auch ein Eigenleben hat, unterschiedliche Produktivitäten hat,

00:49:48.901 --> 00:49:53.100
<v Robert Arlinghaus>unterschiedliche Arten vielleicht auch vorkommen, unterschiedlich stark befischt wird.

00:49:53.101 --> 00:49:59.100
<v Robert Arlinghaus>Und unsere Forschung zum Beispiel hat gezeigt, dass auch der Erhalt der großen Fische,

00:49:59.101 --> 00:50:05.500
<v Robert Arlinghaus>also zum Beispiel Hechte 90 Zentimeter und mehr oder ein Meter Hecht und größer,

00:50:05.501 --> 00:50:11.600
<v Robert Arlinghaus>dass diese großen Fische wichtig sind in Situationen, wo ein Bestand sehr stark befischt wird,

00:50:11.601 --> 00:50:15.000
<v Robert Arlinghaus>wo diese Art also sehr intensiv auch nachgestellt wird.

00:50:15.001 --> 00:50:22.400
<v Robert Arlinghaus>Und dann ist zum Beispiel eine alternative Herangehensweise zu sagen, man macht eine Kombination aus Mindestanlandegröße

00:50:22.401 --> 00:50:29.100
<v Robert Arlinghaus>und einer Maximalgröße und man setzt die Fische dann oberhalb, die ganz großen Tiere, zurück, aber auch die Jungfische.

00:50:29.101 --> 00:50:32.500
<v Robert Arlinghaus>Das nennt sich Küchenfenster oder Entnahmefenster.

00:50:32.501 --> 00:50:37.900
<v Robert Arlinghaus>Ist wie gesagt nicht für alle Gewässer geeignet, aber für einige schon.

00:50:37.901 --> 00:50:42.200
<v Robert Arlinghaus>Und da sieht man zum Beispiel in Niedersachsen, dass durch unsere Forschung, durch die Kooperationen mit den Angelvereinen,

00:50:42.201 --> 00:50:49.100
<v Robert Arlinghaus>jetzt sehen wir mittlerweile schon fast 16 Prozent nach einer aktuellen Umfrage der Vereine, die diese Alternative umsetzen.

00:50:49.101 --> 00:50:55.500
<v Robert Arlinghaus>Und in Hamburg zum Beispiel ist das gesamte Fischereigesetz umgeschrieben worden, auch wegen unserer Forschung,

00:50:55.501 --> 00:51:02.500
<v Robert Arlinghaus>das ist jetzt eine Spezialsituation, weil dort vor allen Dingen die Elbe, also ein System, im Fokus steht

00:51:02.501 --> 00:51:06.300
<v Robert Arlinghaus>und der Zander da im Fokus steht, der wird also relativ scharf befischt.

00:51:06.301 --> 00:51:11.200
<v Robert Arlinghaus>Und da hat die Fischereibehörde dann nach reiflicher Überlegung auch Rückmeldung aus der Wissenschaft entschieden,

00:51:11.201 --> 00:51:21.200
<v Robert Arlinghaus>dass sie komplett die Mindestmaße abschafft und die Entnahmefenster einsetzt und das war im Gesetz oder ist jetzt im Gesetz reingeschrieben worden.

00:51:21.201 --> 00:51:27.200
<v Robert Arlinghaus>Und so sehen wir peu a peu, dass sowohl auf den lokalen Gesetzen, das sind diese Gewässerordnungen,

00:51:27.201 --> 00:51:33.300
<v Robert Arlinghaus>die sich die Fischereipächter selbst auferlegen, als auch auf der gesetzlichen Ebene des Bundeslandes

00:51:33.301 --> 00:51:37.000
<v Robert Arlinghaus>sukzessive diese Erkenntnisse auch umgesetzt werden.

00:51:37.001 --> 00:51:41.500
<v Robert Arlinghaus>Und ja, das ist natürlich angenehm, wenn die Wissenschaft halt auch diesen Input liefert,

00:51:41.501 --> 00:51:46.400
<v Robert Arlinghaus>aber ja ist denke ich auch angeraten, weil in manchen Fällen eben tatsächlich diese Innovationen besser sind

00:51:46.401 --> 00:51:48.500
<v Robert Arlinghaus>als das, was wir bisher haben.

00:51:48.501 --> 00:51:53.800
<v Tim Pritlove>Wirkt sich das im Bereich Naturschutz auch ähnlich aus?

00:51:53.801 --> 00:51:58.100
<v Robert Arlinghaus>Ja gut, einerseits was Sie gerade gesagt haben ist ja erst mal, Naturschutz dieser befischten Art.

00:51:58.101 --> 00:52:02.400
<v Robert Arlinghaus>Ich weiß nicht, Ihre Frage geht wahrscheinlich auf Habitat-, Lebensraumschutz.

00:52:02.401 --> 00:52:07.300
<v Tim Pritlove>Ja, aber weil wir ja jetzt auch schon diesen Aspekt der Pflege der Gewässerökologie hier auch mit angesprochen haben.

00:52:07.301 --> 00:52:14.300
<v Tim Pritlove>Und wenn es auf der einen Seite eben die konkreten Fischereigesetze betrifft, die halt jetzt konkret eben das Befischen regeln,

00:52:14.301 --> 00:52:22.800
<v Tim Pritlove>gibt es ja dann auch sicherlich Gesetzgebung im Bereich Naturschutz, die vielleicht aus den neuen Erkenntnissen heraus mehr oder weniger Sinn ergeben

00:52:22.801 --> 00:52:26.200
<v Tim Pritlove>und gegebenenfalls noch Überarbeitung bedürfen.

00:52:26.201 --> 00:52:28.100
<v Tim Pritlove>Und das ist ja wahrscheinlich auch eher auf Bundesebene angelegt oder?

00:52:28.101 --> 00:52:32.200
<v Robert Arlinghaus>Ja, gibt beides, es gibt die Bundesebene, es gibt Landesnaturschutzgesetze,

00:52:32.201 --> 00:52:35.900
<v Robert Arlinghaus>und dann gibt es auch wieder die Verordnungen in Naturschutzgebieten.

00:52:35.901 --> 00:52:44.400
<v Robert Arlinghaus>Das ist ein etwas schwieriges Thema, weil wir hier häufig leider Gottes auch zum Leidwesen von uns sehr starke ideologische Grabenkämpfe haben.

00:52:44.401 --> 00:52:51.300
<v Robert Arlinghaus>Also sehr häufig finden wir in der Naturschutzdebatte so einen Konflikt zwischen Naturnutzung und Naturschutz

00:52:51.301 --> 00:52:54.300
<v Robert Arlinghaus>durch Ausklammern von Nutzung.

00:52:54.301 --> 00:52:57.400
<v Robert Arlinghaus>Und das ist aus meiner Sicht eine sehr unproduktive Dichotomie.

00:52:57.401 --> 00:53:01.700
<v Robert Arlinghaus>So häufig wird versucht, von zumindest ausgewählten Naturschutzvertretern zu sagen,

00:53:01.701 --> 00:53:07.000
<v Robert Arlinghaus>wir installieren neue Naturschutzgebiete oder FFH-Gebiete, Fauna, Flora, Habitat Richtlinie,

00:53:07.001 --> 00:53:10.100
<v Robert Arlinghaus>das ist EU-Gesetzgebung und klammern die Fischerei aus.

00:53:10.101 --> 00:53:15.400
<v Robert Arlinghaus>Weil wir erst mal davon ausgehen per se, dass sie stört, also sie stört die Fische,

00:53:15.401 --> 00:53:22.000
<v Robert Arlinghaus>aber auch durch die Aktivitäten am Ufer, Trampelschäden, Störungen von Vögeln und ähnliche Dinge.

00:53:22.001 --> 00:53:28.800
<v Robert Arlinghaus>Und das untersuchen wir gerade im Detail, wie diese Entscheidungsprozesse laufen, aber so erste Ergebnisse deuten darauf hin,

00:53:28.801 --> 00:53:31.200
<v Robert Arlinghaus>dass sehr viel eben ideologisch geprägt ist.

00:53:31.201 --> 00:53:36.600
<v Robert Arlinghaus>Und wir haben genau deswegen gerade so eine Metastudie gemacht, um einfach mal zu analysieren,

00:53:36.601 --> 00:53:40.000
<v Robert Arlinghaus>wie stark sind denn jetzt eigentlich diese Störeffekte?

00:53:40.001 --> 00:53:46.400
<v Robert Arlinghaus>Weil wir sehr häufig die Situation haben, dass in den Naturschutzverordnungen, was ja im Prinzip Gesetzesakte sind,

00:53:46.401 --> 00:53:51.500
<v Robert Arlinghaus>dass Angeln und die Fischerei selektiv ausgeklammert werden, während andere Naturnutzungen,

00:53:51.501 --> 00:53:58.800
<v Robert Arlinghaus>Spazieren gehen mit und ohne Hund, im Sommer ins Wasser steigen und schwimmen nicht verboten werden

00:53:58.801 --> 00:54:01.800
<v Robert Arlinghaus>und häufig deswegen nicht verboten werden können, weil es eben ein Fischereirecht gibt,

00:54:01.801 --> 00:54:04.400
<v Robert Arlinghaus>aber es gibt kein äquivalentes Nutzungsrecht, sagen wir mal.

00:54:04.401 --> 00:54:05.600
<v Tim Pritlove>Kein Baderecht.

00:54:05.601 --> 00:54:06.400
<v Robert Arlinghaus>Kein Baderecht, das ist Gemeingebrauch.

00:54:06.401 --> 00:54:09.000
<v Tim Pritlove>Spazierrecht.

00:54:09.001 --> 00:54:12.200
<v Robert Arlinghaus>Und da zeigt sich jetzt eigentlich, wir haben gerade publiziert die Studie,

00:54:12.201 --> 00:54:19.500
<v Robert Arlinghaus>dass die relativen Störwirkungen dieser einzelnen Naturfreizeitaktivitäten sich gar nicht so stark unterscheiden.

00:54:19.501 --> 00:54:24.900
<v Robert Arlinghaus>Und gerade beim Angeln diese Störwirkungen häufig nicht pauschal gelten,

00:54:24.901 --> 00:54:28.900
<v Robert Arlinghaus>sondern es ist sehr stark von den lokalen Bedingungen und so weiter abhängig.

00:54:28.901 --> 00:54:32.100
<v Robert Arlinghaus>Also man braucht eigentlich wirklich eine Einzelfallbetrachtung, um zu sagen,

00:54:32.101 --> 00:54:35.500
<v Robert Arlinghaus>in welchen Gebieten macht das Sinn einzuschränken und in welchen nicht.

00:54:35.501 --> 00:54:39.100
<v Robert Arlinghaus>Und das ist jetzt noch zu frisch, dass das irgendwie durchgeschlagen ist.

00:54:39.101 --> 00:54:43.200
<v Robert Arlinghaus>Ist hoffe einfach, dass diese Forschung, die wir gerade zu dem Thema machen,

00:54:43.201 --> 00:54:48.500
<v Robert Arlinghaus>eben zu einer differenzierteren Betrachtungsweise beiträgt und dass man dann eben wirklich Gebiete identifiziert,

00:54:48.501 --> 00:54:55.200
<v Robert Arlinghaus>wo man versucht, wirklich Wildnis Wildnis sein zu lassen, wo alle Formen von Naturfreizeit vielleicht eingeschränkt werden

00:54:55.201 --> 00:55:00.100
<v Robert Arlinghaus>und andere, wo eben eine Koexistenz vollzogen wird.

00:55:00.101 --> 00:55:05.000
<v Robert Arlinghaus>Denn wir konnten zum Beispiel wiederum an Baggerseen nachweisen, dass die Artenvielfalt von Amphibien,

00:55:05.001 --> 00:55:10.600
<v Robert Arlinghaus>von Libellen, von Wasserpflanzen, von Uferpflanzen, von Singvögeln sich überhaupt nicht unterschied

00:55:10.601 --> 00:55:13.600
<v Robert Arlinghaus>zwischen anglerisch bewirtschafteten und unbewirtschafteten Seen.

00:55:13.601 --> 00:55:21.000
<v Robert Arlinghaus>Also es gab da auf der Ebene der Artenvielfalt überhaupt keine Störwirkung, aber es wird häufig unterstellt bei den entsprechenden Entscheidungen

00:55:21.001 --> 00:55:27.300
<v Robert Arlinghaus>und das ist eigentlich unproduktiv, weil man verliert so ein bisschen durch diese Konflikte eben die Unterstützung,

00:55:27.301 --> 00:55:30.600
<v Robert Arlinghaus>auch der Angler und anderer Naturnutzer für Naturschutzfragen.

00:55:30.601 --> 00:55:34.300
<v Robert Arlinghaus>Weil man immer die Angst hat, dass man rausgedrängt wird aus bestimmten Gebieten.

00:55:34.301 --> 00:55:38.300
<v Robert Arlinghaus>Das ist natürlich für einen Angler sehr bedrohlich, wenn man gar nicht mehr ans Wasser rankommt.

00:55:38.301 --> 00:55:45.800
<v Robert Arlinghaus>Auf der Ebene der Gewässerökologie, die Sie ansprachen, also gibt es eigentlich die Wasserrahmenrichtlinie.

00:55:45.801 --> 00:55:52.300
<v Robert Arlinghaus>Eigentlich gibt es ein sehr gutes europäisches Regelwerk mittlerweile, was auch in die deutschen Wasserhaushaltsgesetze

00:55:52.301 --> 00:55:56.500
<v Robert Arlinghaus>und Naturschutzgesetze übertragen worden ist, was eigentlich fordert,

00:55:56.501 --> 00:56:02.900
<v Robert Arlinghaus>dass alle deutschen Seen und alle deutschen Flüsse in einen guten ökologischen Zustand überführt werden müssen.

00:56:02.901 --> 00:56:10.700
<v Robert Arlinghaus>Das ist also gesetzlich eigentlich schon formuliert, da braucht es diesen Input jetzt der Angelfischerei gar nicht mehr zwangsläufig.

00:56:10.701 --> 00:56:12.400
<v Robert Arlinghaus>Aber wir haben ein Umsetzungsproblem.

00:56:12.401 --> 00:56:19.000
<v Robert Arlinghaus>Also wir haben, trotzdem dieses Gesetzeswerk seit vielen Jahren schon vorliegt, eigentlich Zielverfehlungen,

00:56:19.001 --> 00:56:24.700
<v Robert Arlinghaus>ich habe jetzt die Zahl nicht im Kopf, aber die Mehrzahl der deutschen Gewässer verfehlt diesen guten ökologischen Zustand.

00:56:24.701 --> 00:56:30.300
<v Robert Arlinghaus>Und von daher ist das eigentlich eine über die Angelfischerei hinausgehende Debatte, die wir da haben,

00:56:30.301 --> 00:56:34.900
<v Robert Arlinghaus>nämlich der Frage, wie kriegen wir eigentlich die Gewässer wieder in einen guten ökologischen Zustand.

00:56:34.901 --> 00:56:38.900
<v Robert Arlinghaus>Und ja, da haben wir es einfach mit Zielkonflikten in der Gesellschaft zu tun,

00:56:38.901 --> 00:56:44.800
<v Robert Arlinghaus>die eben diesen an sich schon vorherrschenden guten Gesetzesgrundlagen entgegenstehen.

00:56:44.801 --> 00:56:47.000
<v Robert Arlinghaus>Beispiel Oderausbau.

00:56:47.001 --> 00:56:52.100
<v Robert Arlinghaus>Wir haben gerade riesige Pläne, die Oder wieder auszubauen, wo man sagt, das zerstört dieses Ökosystem.

00:56:52.101 --> 00:56:59.100
<v Tim Pritlove>Also sozusagen die Bedürfnisse der Wasserstraßen, der Verkehrsnutzung der Flüsse im Verhältnis zum Gewässerschutz.

00:56:59.101 --> 00:57:04.300
<v Robert Arlinghaus>Ganz genau. Das sind diese Zielkonflikte, die man einfach landauf landab hat.

00:57:04.301 --> 00:57:09.500
<v Robert Arlinghaus>Es ist keine Frage mehr der gesetzlichen Grundlagen, die sind eigentlich gut.

00:57:09.501 --> 00:57:19.300
<v Tim Pritlove>Und ist denn der Gesamtzustand in Deutschland zumindest in den Binnengewässern okay?

00:57:19.301 --> 00:57:24.400
<v Tim Pritlove>Also wie sieht es denn so aus derzeit?

00:57:24.401 --> 00:57:30.800
<v Tim Pritlove>Also bessert sich die Situation, bleibt es stabil, ist es gefährdet, wird es schlechter?

00:57:30.801 --> 00:57:33.800
<v Tim Pritlove>Wie muss man das einschätzen wohin die Reise geht?

00:57:33.801 --> 00:57:39.300
<v Tim Pritlove>Mal jetzt noch unabhängig von den Klimawandelauswirkungen, die natürlich auch noch kommen.

00:57:39.301 --> 00:57:42.200
<v Robert Arlinghaus>Ja, also ganz grundsätzlich kann man eigentlich für die meisten Gewässer sagen,

00:57:42.201 --> 00:57:48.900
<v Robert Arlinghaus>dass wir sozusagen die Phase der bedrohlichen chemischen Wasserqualität eigentlich im weitesten Sinne überwunden haben.

00:57:48.901 --> 00:57:52.300
<v Robert Arlinghaus>Also wir hatten in den 70er/80er Jahren so den Peak …

00:57:52.301 --> 00:57:54.200
<v Tim Pritlove>Ausleitungen aus Industrie und so.

00:57:54.201 --> 00:57:58.700
<v Robert Arlinghaus>Genau, das ist sehr stark durch verbesserte Reinigungsleistungen verbessert worden.

00:57:58.701 --> 00:58:04.400
<v Robert Arlinghaus>Die chemische Wasserqualität, einige Schadstoffe mal ausgenommen, ist eigentlich flächendeckend ganz gut.

00:58:04.401 --> 00:58:12.300
<v Robert Arlinghaus>Aber man muss doch mit Klimawandel zusammen denken, weil Klimawandel natürlich auch die Gewässerphysik ändert

00:58:12.301 --> 00:58:16.000
<v Robert Arlinghaus>und damit eben auch in bestimmten Fällen auch wieder zu Algenblüten beitragen kann.

00:58:16.001 --> 00:58:21.800
<v Robert Arlinghaus>Also die Debatte gibt es schon noch, da gibt es einen Zusammenhang mit der Temperaturstory.

00:58:21.801 --> 00:58:27.700
<v Robert Arlinghaus>Aber was für die meisten Gewässer, gerade die Fließgewässer immer noch wirklich schwierig bis ganz schlecht ist,

00:58:27.701 --> 00:58:33.500
<v Robert Arlinghaus>ist die sogenannte hydromorphologische Gewässerqualität, also die Struktur der Gewässer.

00:58:33.501 --> 00:58:40.600
<v Robert Arlinghaus>Das hat was eben mit Verbau der Ufer zu tun, mit fehlenden Überflutungsflächen in den Auen,

00:58:40.601 --> 00:58:46.800
<v Robert Arlinghaus>mit Eindeichung, mit Begradigungen, also mit wirklich fundamentalen Veränderungen der Gewässerökologie.

00:58:46.801 --> 00:58:55.700
<v Robert Arlinghaus>Und da sind wir also bei den Fischtreppen vorangekommen, da gibt es schon flächendeckend Initiativen und auch Umsetzungen,

00:58:55.701 --> 00:59:01.400
<v Robert Arlinghaus>aber das reicht natürlich bei weitem nicht aus, um zum Beispiel den Lachs,

00:59:01.401 --> 00:59:04.900
<v Robert Arlinghaus>der also früher hier mal heimisch war und auch sich vermehrt hat, um den wiederzubringen.

00:59:04.901 --> 00:59:08.100
<v Robert Arlinghaus>Also das ist undenkbar unter den gegenwärtigen Bedingungen.

00:59:08.101 --> 00:59:13.200
<v Robert Arlinghaus>Von daher ist eigentlich unter Wasser die Biodiversitätskrise schon massiv, muss man sagen.

00:59:13.201 --> 00:59:19.200
<v Robert Arlinghaus>Das betrifft nicht nur die Fische, sondern auch die ganzen Invertebraten, also da ist hoher Handlungsbedarf.

00:59:19.201 --> 00:59:23.200
<v Tim Pritlove>Mit anderen Worten, da ist auch noch ein hoher Kommunikationsbedarf.

00:59:23.201 --> 00:59:32.400
<v Tim Pritlove>Deutsche Forschungsgemeinschaft und der Stifterverband haben Sie ja mit dem Kommunikatorpreis im letzten Jahr schon ausgestattet

00:59:32.401 --> 00:59:41.000
<v Tim Pritlove>für diese Aktivität, auch für diesen Ansatz der integrativen…

00:59:41.001 --> 00:59:44.100
<v Tim Pritlove>Ich versuche gerade, einen neuen Begriff zu bilden.

00:59:44.101 --> 00:59:49.200
<v Tim Pritlove>Also integrativ nicht das Fischereimanagement, sondern eben einfach diese Zusammenarbeit mit den Angelverbänden.

00:59:49.201 --> 00:59:55.500
<v Tim Pritlove>Einfach auch Wissenschaft, würde ich mal salopp sagen, ein bisschen auf eine nicht traditionelle Art und Weise zu leben.

00:59:55.501 --> 01:00:00.700
<v Tim Pritlove>Die vielleicht in gewisser Hinsicht jetzt sicherlich nicht auf alle Bereiche so zu erweitern,

01:00:00.701 --> 01:00:07.800
<v Tim Pritlove>aber glaube ich vielleicht grundsätzlich auch mal eine Idee wäre als Modell für viele wissenschaftliche Bereiche,

01:00:07.801 --> 01:00:15.000
<v Tim Pritlove>einfach mehr in den, ja, Laienbereich oder sagen wir mal, in den Teil der Gesellschaft reingehen,

01:00:15.001 --> 01:00:20.000
<v Tim Pritlove>die in irgendeiner Form mittelbar mit den eigenen Themen auch was zu tun haben.

01:00:20.001 --> 01:00:25.100
<v Tim Pritlove>Um dort mehr Kooperationen zu haben, und damit eben auch für eine andere Akzeptanz zu sorgen.

01:00:25.101 --> 01:00:30.800
<v Tim Pritlove>Was, glaube ich, gerade in unserer problematischen Gesamtdebatte der Pandemie,

01:00:30.801 --> 01:00:37.300
<v Tim Pritlove>die ja auch so ein bisschen so eine Krise der Wissenschaft, also auf der einen Seite riesige Erfolge der Wissenschaft gefeiert hat,

01:00:37.301 --> 01:00:41.900
<v Tim Pritlove>aber auf der anderen Seite auch gezeigt hat, wie schwierig das manchmal ist, diese Brücke zu schlagen,

01:00:41.901 --> 01:00:45.600
<v Tim Pritlove>für Erkenntnisse auch eine gesellschaftliche Akzeptanz zu finden.

01:00:45.601 --> 01:00:54.300
<v Tim Pritlove>Und da könnte ich mir durchaus vorstellen, dass diesen Dialog zu suchen und eben auch versuchen,

01:00:54.301 --> 01:01:00.800
<v Tim Pritlove>vielleicht auch das experimentelle wissenschaftliche Leben mehr auf so eine gesellschaftliche Breite zu stellen,

01:01:00.801 --> 01:01:02.700
<v Tim Pritlove>dass das durchaus auch eine Perspektive sein kann.

01:01:02.701 --> 01:01:04.800
<v Robert Arlinghaus>Unbedingt, ja, also sehe ich genauso.

01:01:04.801 --> 01:01:09.700
<v Robert Arlinghaus>Das hat Nutzen und Kosten, aber die Nutzen liegen auf der Hand, Sie hatten das eigentlich ganz gut zusammenfasst.

01:01:09.701 --> 01:01:15.300
<v Robert Arlinghaus>Und ich denke schon, dass es im Bereich der landwirtschaftlichen Forschung, vielleicht auch in anderen Umweltbereichen,

01:01:15.301 --> 01:01:20.200
<v Robert Arlinghaus>wo es mit Raumplanung oder so was zu tun hat, dass es da ähnliche Möglichkeiten gibt.

01:01:20.201 --> 01:01:28.900
<v Robert Arlinghaus>Und es gibt durchaus einige Gruppen, die so was, man nennt das auch Reallabore, diese Art von Forschung, eben jetzt stärker machen.

01:01:28.901 --> 01:01:34.300
<v Robert Arlinghaus>Die Vorteile liegen auf der Hand, die Nachteile muss man allerdings auch ansprechen.

01:01:34.301 --> 01:01:36.300
<v Robert Arlinghaus>Nachteile gibt es dann, wenn…

01:01:36.301 --> 01:01:39.500
<v Robert Arlinghaus>Also man kann Normen nicht mehr entgehen.

01:01:39.501 --> 01:01:45.000
<v Robert Arlinghaus>Also man landet zwangsläufig bei Erwartungshaltungen und vielleicht auch Interessenskonflikten,

01:01:45.001 --> 01:01:46.800
<v Robert Arlinghaus>manchmal auch Instrumentalisierung.

01:01:46.801 --> 01:01:51.300
<v Robert Arlinghaus>Also immer, wenn man sozusagen mit Menschen, die jetzt nicht Wissenschaftler sind, zusammenarbeitet,

01:01:51.301 --> 01:01:56.400
<v Robert Arlinghaus>gibt es Interessen und da landet man als Wissenschaftler natürlich in diesem Interessenspielball.

01:01:56.401 --> 01:02:02.500
<v Robert Arlinghaus>In meinem konkreten Fall wird man dann auch vielleicht zum „Anglerprofessor“, wie der Spiegel dann irgendwann sagte.

01:02:02.501 --> 01:02:08.100
<v Robert Arlinghaus>Und vielleicht ist man dann als Naturschutzakteur, wird man irgendwie in einer gewissen Weise wahrgenommen so.

01:02:08.101 --> 01:02:14.400
<v Robert Arlinghaus>Also das ist die erste Problematik, die zweite Problematik, Kommunikation sprachen Sie an,

01:02:14.401 --> 01:02:17.100
<v Robert Arlinghaus>wenn man das ernsthaft betreibt, muss man natürlich ernsthaft kommunizieren.

01:02:17.101 --> 01:02:20.000
<v Robert Arlinghaus>Das bindet enorme Ressourcen.

01:02:20.001 --> 01:02:24.100
<v Robert Arlinghaus>Das hat Konsequenzen für die zeitlichen Verfügbarkeiten, die man für Forschung und Lehre hat.

01:02:24.101 --> 01:02:27.500
<v Robert Arlinghaus>Das hat starke Konsequenzen für Doktorierende.

01:02:27.501 --> 01:02:32.800
<v Robert Arlinghaus>Also ich habe schlechte Erfahrungen gemacht, Doktorarbeiten in diesen Projektzyklen zu machen,

01:02:32.801 --> 01:02:38.900
<v Robert Arlinghaus>weil eben sehr viel Energie in die Aufrechterhaltung der Beziehungen, der Vertrauensschaffung,

01:02:38.901 --> 01:02:40.400
<v Robert Arlinghaus>der Arbeit vor Ort reingeht.

01:02:40.401 --> 01:02:46.100
<v Robert Arlinghaus>Also da muss man eben auch von der Forschungsförderung darüber nachdenken, solche Projekte länger laufen zu lassen

01:02:46.101 --> 01:02:50.500
<v Robert Arlinghaus>oder sich zu verabschieden, dass jemand in drei Jahren promovieren kann.

01:02:50.501 --> 01:02:55.700
<v Tim Pritlove>Oder auch gezielter die mediale Komponente solcher Studien auch zu unterstützen.

01:02:55.701 --> 01:03:02.400
<v Robert Arlinghaus>Genau. Und die dritte Ebene ist, man will ja natürlich weiterhin starke Forschung machen,

01:03:02.401 --> 01:03:07.000
<v Robert Arlinghaus>also darf man natürlich auch die Qualitätsansprüche an die Forschung nicht runterschrauben,

01:03:07.001 --> 01:03:08.500
<v Robert Arlinghaus>und das setzt manchmal Grenzen.

01:03:08.501 --> 01:03:12.500
<v Robert Arlinghaus>also zum Beispiel bei unseren Seen geht es darum zu replizieren, zu wiederholen.

01:03:12.501 --> 01:03:18.400
<v Robert Arlinghaus>Also dass man nicht nur einen See manipuliert, Fische aussetzt oder die Ufer verändert, sondern multiple Seen.

01:03:18.401 --> 01:03:23.600
<v Robert Arlinghaus>Damit steigt exponentiell fast schon der Aufwand, der Planungsaufwand, die Genehmigungen ranzuholen,

01:03:23.601 --> 01:03:28.400
<v Robert Arlinghaus>der Umbau der Gewässer, die Gewässer sind nicht identisch, das ist einfach Fakt,

01:03:28.401 --> 01:03:34.100
<v Robert Arlinghaus>natürlich auch Teil der Forschungsfrage, wie verallgemeinerbar ist denn jetzt mein Ergebnis.

01:03:34.101 --> 01:03:40.000
<v Robert Arlinghaus>Aber das führt eben zu hohen Aufwänden und das macht man nicht mal eben nebenher

01:03:40.001 --> 01:03:45.200
<v Robert Arlinghaus>und das hat halt dann auch gewisse Grenzen, in dem wie eine Arbeitsgruppe oder eine Professur oder so leisten kann.

01:03:45.201 --> 01:03:51.600
<v Robert Arlinghaus>Also bin ich jetzt sehr dankbar, dass ich durch das BMBF da gute Förderung, gute Projektförderung hatte,

01:03:51.601 --> 01:03:57.100
<v Robert Arlinghaus>das sind Dinge, die die DFG also wahrscheinlich nie fördern würde, das sind auch sehr teure Projekte.

01:03:57.101 --> 01:04:01.100
<v Robert Arlinghaus>Also muss man so ein bisschen abwägen, da ist das BMBF sicherlich da der beste Ansprechpartner.

01:04:01.101 --> 01:04:03.500
<v Tim Pritlove>Aber es ist der Weg raus aus dem Elfenbeinturm sozusagen.

01:04:03.501 --> 01:04:04.800
<v Robert Arlinghaus>Das ist definitiv der Weg…

01:04:04.801 --> 01:04:06.400
<v Tim Pritlove>Direkt an den Wasserrand.

01:04:06.401 --> 01:04:11.700
<v Robert Arlinghaus>Definitiv der Weg raus aus dem Elfenbeinturm, mit allen Fallstricken, die das auch mit sich bringt.

01:04:11.701 --> 01:04:15.200
<v Robert Arlinghaus>Ich meine, Sie hatten Pandemie angesprochen, auch die Schwierigkeit der Wissenschaftskommunikation,

01:04:15.201 --> 01:04:18.900
<v Robert Arlinghaus>das ist bei uns ja das gleiche, also im Mikrokosmos Angeln.

01:04:18.901 --> 01:04:25.100
<v Robert Arlinghaus>Das ist natürlich jetzt nicht mit Drostens Pandemiedebatte, um es mal vereinfacht darzustellen, zu vergleichen.

01:04:25.101 --> 01:04:29.200
<v Robert Arlinghaus>Aber im Grunde laufen bei uns auf einem kleinen Niveau die gleichen Dinge ab.

01:04:29.201 --> 01:04:37.500
<v Robert Arlinghaus>Da wird instrumentalisiert, da werden Daten dann im falschen Kontext wieder rezipiert und so weiter und so fort.

01:04:37.501 --> 01:04:44.000
<v Robert Arlinghaus>Also wenn man sich da rausbewegt aus seinem Elfenbeinturm, landet man natürlich auch in diesen Zwickmühlen.

01:04:44.001 --> 01:04:49.100
<v Robert Arlinghaus>Und damit muss man halt auch Lust habe, sich damit zu beschäftigen.

01:04:49.101 --> 01:04:54.000
<v Robert Arlinghaus>Und dann eben auch Instrumentalisierung und so weiter mit einplanen, das passiert dann irgendwann.

01:04:54.001 --> 01:05:02.800
<v Tim Pritlove>Ja. Das ist definitiv eine Phase, in der sich auch nicht nur unsere Gesellschaft befindet,

01:05:02.801 --> 01:05:09.600
<v Tim Pritlove>sondern die einfach eine Folge ist der medialen Änderungen der Welt durch Technologie,

01:05:09.601 --> 01:05:12.700
<v Tim Pritlove>durch das Internet und andere Kanäle.

01:05:12.701 --> 01:05:19.500
<v Tim Pritlove>Ich denke, das ist etwas, was erst mal noch von einer Generation auch in irgendeiner Form noch verarbeitet und umgesetzt werden muss,

01:05:19.501 --> 01:05:23.600
<v Tim Pritlove>um dort neue Wege zu finden.

01:05:23.601 --> 01:05:29.400
<v Tim Pritlove>Derzeit führt es auf jeden Fall zu einer Menge Verstörung so, die teilweise vielleicht auch nachvollziehbar ist,

01:05:29.401 --> 01:05:31.200
<v Tim Pritlove>weil einfach der Wandel so schnell geht.

01:05:31.201 --> 01:05:39.600
<v Tim Pritlove>Aber letztlich muss es wahrscheinlich auch Teil der Wissenschaft und natürlich Untersuchungsgegenstand der Wissenschaft werden.

01:05:39.601 --> 01:05:44.500
<v Robert Arlinghaus>Würde ich absolut unterschreiben, gerade bei solchen Themen wie Umweltbereich finde ich ist fast alternativlos.

01:05:44.501 --> 01:05:50.000
<v Robert Arlinghaus>Weil fast alle Probleme, mit denen wir zu tun haben, komplex sind und vom menschlichen Verhalten am Ende abhängig sind.

01:05:50.001 --> 01:05:55.800
<v Robert Arlinghaus>Und wenn ich sozusagen diese Menschen nicht mit einbinde, dann ist eben auch kaum an Veränderung zu denken.

01:05:55.801 --> 01:06:03.100
<v Robert Arlinghaus>Also ich bin wirklich frustriert von der Haltung, gute Wissenschaft ist, tolle Paper publizieren

01:06:03.101 --> 01:06:07.600
<v Robert Arlinghaus>und dann hoffen wir, dass irgendeiner das aufnimmt.

01:06:07.601 --> 01:06:10.100
<v Robert Arlinghaus>Also selbst für meinen kleinen Bereich des Fischereimanagements kann ich sagen,

01:06:10.101 --> 01:06:14.100
<v Robert Arlinghaus>also von meinen Papers auf Englisch ist nichts angekommen vor Ort

01:06:14.101 --> 01:06:19.600
<v Robert Arlinghaus>oder es dauert 25 Jahre, ich meine, dann ist eine Art ausgestorben zum Beispiel.

01:06:19.601 --> 01:06:23.400
<v Robert Arlinghaus>Also das ist alternativlos.

01:06:23.401 --> 01:06:28.600
<v Robert Arlinghaus>Und zweitens, ja die Hürden sind hoch, aber auf der anderen Seite, mir persönlich hat das enorm geholfen,

01:06:28.601 --> 01:06:34.400
<v Robert Arlinghaus>mich mit den Leuten vor Ort auseinanderzusetzen, die die Probleme zu verstehen,

01:06:34.401 --> 01:06:40.600
<v Robert Arlinghaus>sie auch umzuformulieren in konkreten Forschungsfragen, die nicht abstrakt sind und an den Leuten vorbei forschen,

01:06:40.601 --> 01:06:43.900
<v Robert Arlinghaus>sondern wirklich deren Probleme angehen vor Ort im Fischereimanagement.

01:06:43.901 --> 01:06:50.700
<v Robert Arlinghaus>Das fordert mich auch, Themen klar zu formulieren, klar abzustecken, Forschungsfragen einzugrenzen,

01:06:50.701 --> 01:06:57.800
<v Robert Arlinghaus>und am Ende ist es eben auch sehr erfrischend, mit den Leuten vor Ort auch deren Erfahrungswissen zu partizipieren

01:06:57.801 --> 01:06:59.300
<v Robert Arlinghaus>und davon habe ich enorm gelernt.

01:06:59.301 --> 01:07:03.200
<v Robert Arlinghaus>Also da sind ganz viele Dinge, die stehen in keiner Fachzeitschrift

01:07:03.201 --> 01:07:10.500
<v Robert Arlinghaus>und die kann ich nur durch das Mitarbeiten und das Zusammenarbeiten mit Praktikern irgendwie überhaupt verstehen.

01:07:10.501 --> 01:07:13.900
<v Robert Arlinghaus>Also das hilft am Ende auch, Erkenntnis zu realisieren.

01:07:13.901 --> 01:07:18.300
<v Robert Arlinghaus>Das hat ganz viele positive Ebenen, die mir gar nicht bewusst waren, als wir diese ersten Sachen angefangen haben.

01:07:18.301 --> 01:07:23.500
<v Tim Pritlove>Und viele kostengünstige wissenschaftliche Hilfsarbeiter, die man sonst erst mal in den Antrag schreiben müsste.

01:07:23.501 --> 01:07:26.400
<v Robert Arlinghaus>Ja okay, wobei das echt Grenzen hat.

01:07:26.401 --> 01:07:28.800
<v Tim Pritlove>Klar, das muss natürlich auch alles noch verwaltet werden.

01:07:28.801 --> 01:07:34.600
<v Tim Pritlove>Aber ich denke, ich kann mir das ganz gut vorstellen, dass das auch, sagen wir mal, für die Motivation der eigenen Arbeit einfach auch sehr hilfreich ist.

01:07:34.601 --> 01:07:37.200
<v Robert Arlinghaus>Ganz genau, ganz genau.

01:07:37.201 --> 01:07:46.200
<v Tim Pritlove>Gut, ich denke, jetzt haben wir den Themenbereich ordentlich durchfischt und ein paar schöne Aspekte auch herausangeln können.

01:07:46.201 --> 01:07:47.400
<v Tim Pritlove>Ich sage, vielen Dank Robert Arlinghaus.

01:07:47.401 --> 01:07:48.400
<v Robert Arlinghaus>Sehr gerne, hat Spaß gemacht.

01:07:48.401 --> 01:07:53.200
<v Tim Pritlove>Und vielen Dank fürs Zuhören bei Forschergeist, bald geht es wieder weiter

01:07:53.201 --> 01:07:56.200
<v Tim Pritlove>und bis dahin sage ich, tschüss und bis bald.
