Forschergeist
Horizonte für Bildung und Forschung
https://forschergeist.de


FG084 Evidenzbasierte Medizin

Die schrittweise Einführung der Empirie in der Medizin

Woher weiß man eigentlich, welche Therapie wirkt? Dafür gibt es klinische Studien, in denen zum Beispiel ein neues Medikament geprüft wird, ob es hilft und was für Nebenwirkungen auftreten. Doch ganz so simpel ist die Anlage einer solche Untersuchung eben nicht. Es gibt viele Fallstricke, die die Ergebnisse unbrauchbar machen – zum Beispiel wenn die Gruppe, die das Medikament bekommt, und die Kontrollgruppe, die nur ein Placebo erhält, unterschiedlich zusammengesetzt sind. Ohne sauberes wissenschaftliches Arbeiten gewinnt man zwar Daten, aber keine gesicherte Erkenntnis.

Fehler und Verzerrungen in wissenschaftlichen Studienergebnissen systematisch auszuschalten, ist der Kern des evidenzbasierten Ansatzes in der medizinischen Forschung. Gerd Antes (71) gilt als ihr Wegbereiter in Deutschland. Der Mathematiker und langjährige Direktor des Deutschen Cochrane Zentrums am Universitätsklinikum Freiburg hat sich während seines Berufslebens dafür stark gemacht, den empirischen Nachweis von Wirksamkeit in der Forschung ins Zentrum zu stellen und auch Ärzte in der Ausbildung das Know-how beizubringen, Studien kritisch zu lesen. Hier hat es tatsächlich gewaltige Fortschritte gegeben, aber: Qualität ist kein Selbstläufer, und gerade in Pandemie-Zeiten scheint in der Forschung Geschwindigkeit oft vor Gründlichkeit zu gehen. Und wenn man etwa die Wirkung einer Intervention zur Eindämmung des Infektionsgeschehens messen will, der Effekt sich aber in einem Knäuel von Maßnahmen nicht sauber herausfiltern lässt, wird die Untersuchung nicht viel taugen.

Auch Big Data und maschinelles Lernen sind da leider nicht die Lösung, denn was ein plausibler Zusammenhang zwischen zwei Faktoren ist, weiß eine künstliche Intelligenz eben nicht von sich aus, mangels eigener Lebenserfahrung. Nicht jede statistische Korrelation begründet eine Kausalität. Neben der verlässlichen Erhebung von Daten geht es bei evidenzbasierter Forschung eben auch um den Sinn.

Das Gespräch wurde am 28. Oktober 2020 aufgezeichnet.

https://forschergeist.de/podcast/fg084-evidenzbasierte-medizin/
Veröffentlicht am: 11. Dezember 2020
Dauer: 1:32:08


Kapitel

  1. Intro 00:00:00.000
  2. Begrüßung 00:00:44.486
  3. Persönliche Entwicklung 00:01:38.069
  4. Evidenzbasierte Medizin 00:17:07.020
  5. Deutsches Cochrane Zentrum 00:28:00.611
  6. Methodik 00:29:54.845
  7. Messbarkeit von Qualität 00:37:26.769
  8. Studienqualität in der Ausbildung 00:46:03.406
  9. Intervention in der Corona-Pandemie 00:52:39.775
  10. Data und Big Data 01:14:28.372
  11. Auswirkungen der evidenzbasierten Medizin 01:28:24.343
  12. Ausklang 01:30:45.673

Transkript

Tim Pritlove
0:00:45
Gerd Antes
0:01:36
Tim Pritlove
0:01:37
Gerd Antes
0:01:53
Tim Pritlove
0:01:58

Ja.

Gerd Antes
0:01:59
Tim Pritlove
0:02:22
Gerd Antes
0:02:26
Tim Pritlove
0:03:37
Gerd Antes
0:03:41
Tim Pritlove
0:04:34
Gerd Antes
0:04:39
Tim Pritlove
0:05:19
Gerd Antes
0:05:24
Tim Pritlove
0:05:28

Ja.

Gerd Antes
0:05:29
Tim Pritlove
0:06:38
Gerd Antes
0:06:46
Tim Pritlove
0:07:11
Gerd Antes
0:07:12
Tim Pritlove
0:07:42
Gerd Antes
0:07:48

Also ich habe erst mal von der ersten Station ein Jahr angehängt in Edinburgh. Weil Großbritannien heute wie damals immer viele Jahre voraus war, was diese ganzen Arbeitsgebiete angeht. Also das hat tiefliegende Gründe. Die Empirie ist nicht Deutschlands Stärke. Da gibt es viele Versuche von Philosophen und auch Wissenschaftshistorikern, die das versuchen zu erklären, aber nicht richtig erfolgreich. Das geht zurück bis Jung??? zum Beispiel, ein Wissenschaftsphilosoph. Die Zahl hat in Großbritannien mehr Ansehen als bei uns. Und wir sind immer viel mehr grundlagenorientiert und ganz stark auf dem Bein. Und da liegen wirklich Welten dazwischen, was man von außen kaum sieht. Aber darüber, dass ich dann nach Edinburgh ging, und zudem der das damals gerade neue Buch geschrieben hatte zu diesen Dosis-Wirkungs-Beziehungen, wo ich meine Diplomarbeit gemacht habe, habe ich mich sozusagen wirklich an der Stelle so in die erste Reihe katapultiert, was das Wissen darum angeht. Und dann, als ich dann zurückkam, wäre eigentlich normal gewesen, wieder an die Uni zu gehen und eine universitäre Karriere anzustreben. Das habe ich nur auch untypischerweise nicht gemacht. In diesem Bewerbungskarussell, in dem ich dann da drin war, hat Schering, die Pharmafirma und Chemiefirma aus Berlin, die es damals noch gab, positiv geantwortet und dann habe ich dort Gespräche geführt und bin dann bei Schering gelandet und bin wieder in so einer Pionierphase aufgegangen. Also heute haben die, glaube ich, 80 Biostatistiker und Biometriker, also der Teil, der jetzt von Bayer übernommen worden ist und damals war ich der vierte. Das war auch da Stunde 0 und alle anderen waren Quereinsteiger. Der Leiter von dieser kleinen Einheit war ein Chemiker und dann gab es, glaube ich, einen Psychologen und ich kam jetzt mit der wirklich sehr sehr guten Zusatzausbildung aus Edinburgh zurück und auch darüber ging es dann wieder gewaltig vorwärts.

Tim Pritlove
0:09:58
Gerd Antes
0:10:00
Tim Pritlove
0:11:19
Gerd Antes
0:11:27
Tim Pritlove
0:12:13
Gerd Antes
0:12:17
Tim Pritlove
0:12:27
Gerd Antes
0:12:31

Wir reden über das Ende der 70er und Anfang der 90er Jahre in Berlin und wenn ich gewusst hätte, dass ich nur sechs Jahre hätte warten müssen oder sieben Jahre und die Mauer fiel, dann wäre die Überlegung wahrscheinlich anders ausgegangen. Ja, ich habe mich dort nicht unwohl gefühlt, aber ich konnte mir nicht vorstellen, Jahrzehnte so weiter zu leben. Und immer anzustehen, wenn man in den Westen wollte und drei Stunden an der Grenze zu warten, bis man kontrolliert wurde. Also insofern, das war dann sozusagen die Gewalt der größeren Geschichte. Und dann bin ich wieder an die Uni zurückgegangen, ich habe noch einen kleinen Schlenker gemacht, weil ich immer davon, man kann schon sagen, genervt war von schlechten Vorträgen und schlechtem Unterricht und dann habe ich eine kleine Schleife gemacht, und habe das zweite Staatsexamen in Mathe und Physik gemacht. Das war damals mal wieder eine der großen Phasen von Lehrermangel. Und ich konnte praktisch alle Scheine aus dieser Elektrotechnikzeit einsammeln und war damit für die Physik völlig qualifiziert und für die Mathematik natürlich durch das Diplom sowieso und habe dann wirklich auf das zweite Staatsexamen gemacht und alle Klassen einmal durch unterrichtet, auch in Niedersachsen. Und dann habe ich aber gemerkt, dass das doch auch auf Dauer nicht mein Ding ist. Und bin dann wieder rein geschwenkt und dann wirklich in eine akademische Umgebung. Und habe dann ein paar Jahre in Bremen verbracht, das war dann eher in der mathematischen Statistik. Und dann kam irgendwann ein Anruf aus Freiburg und das war dort seinerzeit, ich würde sagen, in der Rangfolge der akademischen Anerkennung die Nummer 1 in Deutschland. Und hatte dann, nachdem der Vorgänger sozusagen im Amt gestorben ist, in Freiburg den Lehrstuhl übernommen und dann kam es zu einer Lebensentscheidung, wenn man angerufen wird und gefragt wird, ob man nicht kommen möchte, dann muss man entweder sagen, ja und hat sich dafür entschieden und wenn man aber nein sagt, dann ist man auch irgendwie draußen aus der Hierarchiestufe, weil sich das natürlich sofort rum spricht. Und dann hat man gezeigt, dass man irgendwie doch da nicht voll leistungsbereit ist und auch nicht irgendwie auf dem Weg nach oben.

Tim Pritlove
0:14:47
Gerd Antes
0:14:49
Tim Pritlove
0:15:44
Gerd Antes
0:15:49

Nein, auch wieder ganz untypisch. Ich war damals noch nicht mal promoviert. Ich bin ja auch praktisch ein Spätachtundsechziger, also ich habe auch immer gedacht, naja so eine formale Qualifikation brauche ich nicht, ich will Sinn produzieren. Und habe dann aber doch irgendwann promoviert, damit ich einfach aus formalen Gründen, man war bei gewissen Forschungsprojekte nicht antragsberechtigt ohne Promotion, das ist praktisch der Meisterbrief im normalen Leben. Aber da habe ich mich nie drum gekümmert, eine Professur zu kriegen, sondern habe fleißig publiziert und habe alles gemacht, was mir in den Weg kam. Und irgendwann, aber Jahre später, ich glaube, das war 2011, hat dann die Fakultät gemerkt, wenn sie nicht aufpasst, dann könnte es auch sein, dass ich nochmals einem anderen Ort gehe. Und das stand auch zweimal wirklich auf der Kippe, dass das nicht passiert ist. Und dann was ist das billigste, um jemanden zu halten, man gibt ihm eine Honorarprofessur. Nulltarif, kein Gehaltsaufschlag und gar nichts. Und insofern kam ich dann ganz spät zur akademischen Ehren, die ich natürlich nicht abgelehnt habe. Aber auch das war sehr untypisch. Also ich bin nicht auf einen Lehrstuhl berufen worden, sondern ich habe mich wirklich da hoch gedient. Und ein Teil dieser Entwicklung war eben die Gründung des Deutschen Cochrane-Zentrums. Und dann sind wir damit beim Thema evidenzbasierten Medizin, weil ich das, klingt ein bisschen hochmäßig, aber ich habe es eigentlich importiert, als der Begriff in Deutschland noch gar nicht bekannt war.

Tim Pritlove
0:17:24
Gerd Antes
0:17:31
Tim Pritlove
0:17:32

Ja.

Gerd Antes
0:17:33

Gegründet worden oder begründet worden ist er konzeptionell, kann man sagen, 68, 1968 in einer mittelgroßen Stadt nördlich, nordwestlich von Toronto in Kanada, die zu dem Zeitpunkt und der Name ist eigentlich der Gründungsvater der evidenzbasierten Medizin, Dave Sackett, der hat es geschafft, die Universität dort zu überzeugen, dass sie ein neues Modell beginnen auf der Basis von problemorientiertem Lernen unter anderem. Mit Aufnahmeprüfungen, die nicht per Test geschahen, sondern im Gespräch. Also sehr sehr moderne Konzepte. Und der Hintergrund war der, er war US-amerikanischer Internist, der irgendwann gemerkt hat, so im mittleren Berufsalter, dass er nicht nur nicht mehr dazulernt, sondern dass seine Leistungsfähigkeit abnimmt, weil der Wissenszuwachs ihn überholt. Und als Oberarzt, der für Dienstpläne verantwortlich ist und 1000 organisatorische Sachen machen muss, hat er gemerkt, dass er abhängt. Gibt es so ganz berühmte Zitate von ihm. Und irgendwie ist er dann, das ist auch eine Glücksache, und das sind Momente von der Geschichte, dann hat er dann in Hamilton, so heißt diese Stadt, die Leute gefunden, die ihm zugehört haben, die er überzeugen konnte. Und das war die Geburtsstunde der evidenzbasierten Medizin, ohne dass sie zu dem Zeitpunkt schon so hieß. Das war dann erst mal sehr stark verbunden mit problemorientiertem Lernen, aber dann war das Schlagwort klinische Epidemiologie. Clinical Epidemiology. Das ist sozusagen zusammengebaut, die Epidemiologie hat eigentlich, die klassische, einen anderen Zusammenhang, die ist die Wissenschaft von Populationen, Public Health, also was mache ich eigentlich mit Bevölkerungen, das, was heute Thema ist, ist eigentlich ein ganz klassisches Thema der Epidemiologie. Seuchen, wie schütze ich ganze Bevölkerungen vor irgendwas oder auch Malaria, das ist die klassische Epidemiologie. Und die klinische Epidemiologie zieht die Verbindung zur Klinik. Also brachte die beiden Begriffe zusammen, das waren auch Kliniker, die es gegründet haben. Und die zogen dann ihre Bahnen, das war 68, zum gleichen Zeitpunkt. Das wird meistens zusammen geworfen, aber ist auch kulturell zwei völlig verschiedene Standpunkte und Standorte, Hat Archie Cochrane, der der Cochrane-Colaboration den Namen gegeben hat, in Oxford und damals aber vor allen Dingen auch in Bristol, die erste Station war Bristol in Großbritannien, ein Buch geschrieben über die Anforderungen sozusagen das, was der Arzt in der Medizin macht, sozusagen lückenlos in klinischen vergleichenden Studien zu prüfen. Dieses Buch ist weltberühmt, Anfang der 80er Jahre nachgedruckt worden und das war so das zweite Standbein. Deutschland ist von dieser ganzen Entwicklung völlig unbeleckt geblieben. Aus zwei Gründen, einmal hat Deutschland nicht hier geschrien, wir wollen auch mitmachen, aber die anderen haben auch nicht wichtig gefunden, Deutschland mit einzubeziehen. Und da kommt ein Aspekt rein, den man auch nicht gleich sieht, wenn man sich damit nicht beschäftigt. Es gibt eine Teilung der Welt in, ich sage mal eine Dreiteilung, die erste ist eben diese empirisch orientierte datenliebende Welt Großbritannien, Skandinavien, Holland, Australien, Neuseeland, dann auch Kanada.

Tim Pritlove
0:21:27
Gerd Antes
0:21:29

Die USA nicht, die USA spielt eine völlig diffuse Rolle. Also im Prinzip mit Einzelwissenschaftlern und Universitäten auch, aber das Gesamtkonzept zum Beispiel hat Großbritannien, das dieses Thema unendlich befruchtet, ein National Health Service, NHS. In den USA hat man als armer Mensch überhaupt das riesige Problem, überhaupt eine ärztliche Versorgung zu kriegen, völlig undenkbar in Großbritannien. Also die Grundphilosophie, die das fördert, die könnte nicht verschiedener sein. Und Deutschland, wie sagt man salopp, flattert irgendwo in dieser Welt zwischen diesen Blöcken, ähnlich wie Frankreich und Italien Und früher wurde es immer genannt, das erste ist die, in der Entwicklung, evidenzbasierte Welt und die zweite, wo wir sind, ist die eminenzbasierte Welt. Übermächtige Klinikchefs und Platzhirsche, die auch ihre Sichtweise der Welt ihrer Umgebung aufdrücken. Und das war zu Anfang unglaublich verschieden. Ich erinnere mich noch, als ich in England mir noch zwei andere Studienorte angesehen habe, da war einer der ganz berühmten aus dieser Welt der Leiter von der London School of Hygiene und Tropcial Medicine, die ist heute dauernd im Gespräch im Zusammenhang mit der Pandemie. Und da ging ich rein und kam mir ein Herr entgegen, dann fragte ich, ob ich den leitenden Professor sprechen könnte. Ich wollte einfach abtesten, ob das für mich der Ort wäre statt Edinburgh. Und dann stellte ich zu meinem Erstaunen fest, dass er mir ganz bescheiden sagte, das bin ich. Ja, also das ist einfach symbolisch bei uns, klingt jetzt sehr böse, aber da geht kein Professor vor die Tür, um jemanden zu empfangen, da sitzt eine Dame, die das dann macht. Also da sind einfach die Welten völlig anders. Und das waren so die ersten Zeiten und das war die erste Phase, wo das personell, aber auch schon in den Grundkonzepten gemacht wurde. Und dann ist in Kanada diese klassische evidenzbasierten Medizin als Konzept entstanden, aber unter dem Namen clinical epidemiology. Und der Name, evidenzbasierte Medizin, der ist 91 entstanden und zwar auf ganz obskure Art und Weise. Es war klar, wenn man so was macht, dann muss man irgendwann einen neuen Namen kreieren, um die Wahrnehmung zu erhöhen und so weiter und so fort, das sind einfach so grundsätzliche Dinge, die man am Anfang machen muss. Und dann dachten die Schlauberger in Kanada, naja das nennen wir jetzt scienced based medicine. Und die Folge davon war, das haben sie auch versucht, dass sie fast zu Tode gekommen wären durch Grundlagenwissenschaftler. Ja, also das war eine dermaßener Aufstand von den Grundlagenwissenschaftlern, die jetzt irgendwie den Verrat sahen, dass ihnen da jemand irgendwas von ihrem Terrain abzwacken will. Und das war so mächtig, dass sie sofort eingesehen haben, dass sie das nicht durchstehen können, sowohl aus politischen Einflüssen, aber auch was die finanziellen Grundstrukturen angeht. Und dann haben sie rumgesonnen, was die denn jetzt für einen Namen sich überlegen könnten, und so ist diese evidenzbasierte Medizin entstanden. Und die Geschichte, da gibt es ein sehr sehr gutes Editorial, wirklich auch lesenswert, wo das einfach so ganz locker und spaßig beschrieben wird, aber das war eine extrem harte Auseinandersetzung und so wurde dieser Begriff dann 91 geboren. Und damit war der dann auf dem Tisch und drang auch so langsam nach Deutschland ein. Auch wieder gleichzeitig wurde 91 das UK Cochrane-Centre gegründet, nach - 71 bis 91 - 20 Jahren Entwicklungsarbeit, wie ich das in Studien vorhandene Wissen global identifiziere und zusammenfasse und wie ich die richtigen da reintue und die schlechten wegwerfe, diese Methodik. Und die ist untrennbar verbunden mit dem Namen Ean Charmers??? Das Ergebnis war, das war ein Geburtshelfer von der Fachrichtung her und Kinderarzt und das Ergebnis war, dass er 88 ca. zwei riesige Bücher, also wirklich kiloschwer geschaffen hatte mit Zusammenfassungen von Studien zu wirklich fast allen relevanten Fragen der Kinderheilkunde, der Pädiatrie und der Geburtshilfe. Und das war der Ast, von dem das stammt, mit riesiger Unterstützung von den wirklich dominierenden Wissenschaftlern in Großbritannien. Das Typische, sofort sprang er über der Funke, genau in die Länder, die ich vorhin genannt habe, Kopenhagen, Amsterdam, Adelaide und ich glaube seinerzeit war es Milan, aber das lag daran, dass da ein sehr sehr aktiver Rückkehrer aus den USA war, und ich glaube, den sechsten habe ich gerade vergessen, aber es war überhaupt nirgendwo auf dem Schirm, dass Deutschland dabei sein könnte. Und dann drang die Begrifflichkeit so langsam bei uns ein und dann gibt es jetzt eine Geschichte, die würde etwas mehr Zeit erfordern, wenn ich die erzählen würde, aber man ist irgendwann mal auf mich gestoßen in völlig anderen Zusammenhängen und als dann ein Projekt kam, Deutschland mit reinzukriegen in die Entwicklung der Evidenzbasierung, dann ist das wieder bei mir gelandet. Da war ich seinerzeit mit beim Aufbau einer Krebsklinik beteiligt und hat dann seinen Weg genommen, hat noch mal drei Jahre gedauert, bis es 98 zur Gründung vom Deutschen Cochrane-Zentrum kam.

Tim Pritlove
0:27:10
Gerd Antes
0:27:15
Tim Pritlove
0:28:01
Gerd Antes
0:28:12

Am Anfang war es erst mal überhaupt nur, die Basics, also die Grundstrukturen zu installieren. Und begonnen haben wir, also ich habe erst mal alleine begonnen und dann gab es eine Kollegin, die dann als sozusagen, hieß damals noch nicht so, aber als Geschäftsführerin mit einstieg. Und dann haben wir mit Studenten angefangen und alles immer auf einem ganz ganz niedrigem Niveau. Und ich habe das immer als Pionieraufgabe der Methodik gesehen. Also wir haben auch ganz früh dann schon sehr viele Artikel geschrieben dazu, weil und das kann man in wenigen Sätzen beschreiben, es eigentlich völliger Irrsinn war über viele Zeiten, wir hatten eine enorme Zunahme an klinischen Studien und wenn man wollte, konnte man eigentlich, da die natürlich aus statistischen Gründen auch bei gleichen Fragestellungen nicht das gleiche sagten, konnte man sich eigentlich immer aussuchen, was man sagen wollte, man musste dann nur die richtige Studie auswählen. Und je mehr Studien es gab, was ja eigentlich gut ist, desto kritischer wurde diese Lage und desto verworrener war auch dann in der Öffentlichkeit die Wahrnehmung von Studienergebnissen. Und deswegen war völlig logisch, also mir war es nach einmal drauf gucken völlig klar, dass das passieren muss, dass man auch schon um zu würdigen, wieviele Patienten in diesen vielen Studien eingeschlossen waren, dass man diese Studienergebnisse, letztlich damit dann eben auch pro Fragestellung, tausende Patienten zusammenfassen muss und das ist das, was letztlich das Rückgrat von Cochrane ist, systematische Übersichtsarbeiten der existierenden Evidenz. Das heißt der vorhandnen Studien.

Tim Pritlove
0:29:55

Bleiben wir doch mal bei diesem Begriff und was das jetzt sozusagen auch konkret bedeutet. Also zunächst einmal haben wir ja so ein bisschen so diese kleine sprachliche Falle, dass, wenn wir was als evident bezeichnen im Deutschen, dann heißt es ja nicht selten, dass es irgendwie was ganz offensichtliches und ganz klares ist. Die Evidenz, die hier gemeint ist, ist natürlich eher die aus dem englischen Sprachgebrauch, wo es halt wirklich um Beweise, um eine Belegbarkeit geht. Jetzt würde man ja meinen, so ja gut, belegen lässt sich im Prinzip ja alles und man kann ja nicht davon ausgehen, dass jetzt vielleicht die klassische Grundlagenforschung jetzt komplett beweisfrei arbeitet. Also irgendwo muss ja hier auch eine Grenze gezogen werden, eine methodische Grenze gezogen werden, wo quasi dieses Feld beginnt oder wo andere Felder nicht reinreichen. Jetzt hatte das Ganze ja so ein bisschen, wenn ich es richtig verstanden habe, seinen Ursprung eben in dieser Epidemiologie, aus der klinischen Sicht, also was ja im Prinzip bedeutet, aus der konkreten Anwendung, aus dem konkreten Erfahrungsfeld dessen, was konkret passiert in Krankenhäusern, Kliniken aller Art und was in dem Zusammenhang dort an konkreten Zahlen erzeugt wird. Und das dann systematisch aufzuarbeiten, mehrere Studien auszuwerten und darauf neue Erkenntnisse zu generieren, das würde ich jetzt erst mal so mitnehmen, ist quasi die Grunddefinition dieser evidenzbasierten Medizin. Jetzt frage ich mich natürlich, was macht diese Quantifizierbarkeit aus? Also woran erkennt man, dass man hier quasi an einem Ziel angekommen ist? Welche Methodiken müssen denn hier zum Einsatz gebracht werden oder ist es einfach nur dieses Zusammenfassen von Studien, so der klassische Revue und Overview über bisher getätigte Felder? Wie würden Sie das definieren, wo fängt die evidenzbasierte Methodik an, was zeichnet sie aus?

Gerd Antes
0:32:11

Also einmal ein ganz rigides Umgehen mit der Verlässlichkeit dessen, was man da einschließt. Und da gibt es einen Begriff, der wirklich dominiert das ganze Thema, im Englischen oder im Englischsprachigen, Bias. Inzwischen auch eingedeutscht, viele Kollegen sagen inzwischen Bias. Und das ist die systematische Verzerrung. Und es gibt viele Ursachen, das ist völlig unabhängig auch von dem inhaltlichen Fachgebiet. Als wir sagen, evidenzbasierte Medizin, der modernere Begriff ist evidenzbasierte Gesundheitsversorgung, Evidence Based Health Care. Aber das Ganze hat sich inzwischen noch viel weiter entwickelt und eigentlich ist dieses Herangehen, Evidenzbasierung als Grundlage zu wählen, um Entscheidungen zu fällen, inzwischen auch in viele andere Gebiete eingedrungen. Es war immer schon, also zum Beispiel der technische Begriff ist die sogenannte Metaanalyse, wo ich etwas zusammenfasse, der kommt ursprünglich nicht aus der Medizin, sondern aus den Edukationswissenschaften. Aber die Medizin ist immer sehr geschickt und gierig und hat immer mehr Geld, wenn sie irgendwann glaubt, da ist was, was sinnvoll ist, dann greift sie sich das, das ist da auch passiert und viele neigen dann auch dazu, das als Eigenproduktion darzustellen. Also die Erziehungswissenschaften sind, kann man schon sagen, nicht nur tendenziell, sondern auch historisch immer arm. Das sind irgendwelche kleinen Lehrstühle, dann haben sie irgendwo die großen Kliniken daneben und dann wird sie eben eingemeindet, das Thema. Und das ist eigentlich ein einfaches Gerüst. Also bei den Studien, die man einschließen muss, hat sich auch so in den 80er Jahren schon herauskristallisiert, ist eine Grundbedingung, nicht ohne Kontrolle zu arbeiten und keine historischen Kontrollen zu akzeptieren. Das Naheliegende ist ja, ich behandle 1000 Patienten mit irgendwas und da kommt heraus, dass ich vielleicht bei 350 einen guten Verlauf sehe. Da ist ja die Frage, was sagt mir das? Und dann sagt einer hier, ah ja, wenn ich das aber nicht behandelt hätte, dann wären es wahrscheinlich nur 250 gewesen. Dann hätten wir 100 mehr. Und dann neigen viele Mediziner dazu, das als Erfolg zu verkünden und zu sagen, das ist eine gute Behandlung, die nehmen wir jetzt. Und da gibt es x Beispiele dafür, das sind sogenannte historische Kontrollen, die ich irgendwo aus der Schublade ziehe. Dass ich da, weil ich dann zu dem Zeitpunkt völlig andere Bedingungen hatte… Also plumpes Beispiel ist, ich will wissen, ob eine Grippeimpfung funktioniert und vergleiche das irgendwie mit gar nichts machen und das eine mache ich dann in der Grippesaison und das andere irgendwie im Spätsommer. Also Wetter, Ernährung und und und, Lebensumstände, da gibt es x Beispiele. Deswegen ist eines dieser Grundkonzepte, dass ich zeitgleiche Kontrollen brauche und das heißt, zeitgleich, könnte ich jetzt auch wieder auf die Nase fallen und sagen, ich nehme eine zeitgleiche Kontrolle und dann habe ich, wenn ich Pech habe, zum Beispiel wenn ich irgendwas um die Wechseljahre herum bei den Frauen untersuchen will, wenn ich Pech habe, habe ich dann in der einen Gruppe Frauen mit einem Durchschnittsalter von 55 und in der anderen Gruppe ein Durchschnittsalter von 42 und dann kann ich mit Medikamenten machen was ich will, der Hauptfaktor ist der Altersunterschied. Und deswegen muss man diese beiden Gruppen strukturell gleich gestalten und das ist das große Geheimnis dieser Randomisierung. Also ich habe dann da Frauen, die ich in die Studien reinnehmen kann und verteile die in die beiden Gruppen randomisiert und dann kriegt die eine Gruppe die Behandlung und die andere kriegt dann entweder einen Placebo oder keine Behandlung oder irgendwie eine allgemeine Betreuung und wenn man das so macht, dann hat man im Mittel die Bedingung geschaffen, dass der entscheidende Faktor, wo die beiden Gruppen sich unterscheiden, eben nur die Behandlung ist. Sonst habe ich alles andere drin. Da gibt es dann jede Menge Schlagworte, da ist zum Beispiel Confounding immer ein Schlachtwort.

Tim Pritlove
0:36:35
Gerd Antes
0:36:36
Tim Pritlove
0:37:27
Gerd Antes
0:38:49

Ja, das gibt es, also es gibt kein evidenzbasiert ja oder nein, sondern es gibt eine Skala. Und da sind dann einige Faktoren, die sich über die Jahre, auch aus der methodischen Forschung heraus, ergeben haben. Den einen habe ich schon genannt, das ist der wichtigste, das ist die Fehleranfälligkeit, Bias, ganz systematisch und wenn ich das zu Beginn vermassele bei der Planung schon, dann ist es praktisch irreparabel. Und wir waren sozusagen dann die Polizisten, die gut darin waren, dass zu entdecken und die richtigen Fragen zu stellen. Und das drückt dann in alle Dinge rein. Das drückt dann, wenn ich eine Studie mache in der Medizin, muss ich zur Ethikkommission gehen, da haben wir ganz viele auch Schulungen für die Ethikkommission gemacht, damit die begreifen, worauf sie achten müssen. Also diese normale, wie Sie es gerade formuliert haben, die Ansicht, dass ich, wenn eine Studie gemacht wird, ist doch klar, dann muss ich alle diese Kriterien machen, da gibt es unglaubliche Arbeiten und eine davon ist wirklich, ich glaube, die ist die meistzitierte Arbeit der Welt inzwischen, „The scandale of poor medical research“. Es gibt noch eine andere Arbeit, die auch gegenwärtig sehr stark im Gespräch ist, von einem John Ioannidis, die lautet „Why Most Published Researches Are Wrong“. Und die andere Arbeit, diese „poor medical research“, die ist von Dough Altman geschrieben worden und unglaublich oft zitiert. Und die drückt genau aus, dass dieses, was man naiverweise sogar annehmen müsste, auch als Steuerzahler, dass die Leute, die mit meinen Steuern Forschung machen, auch Qualität liefern. Das ist leider überhaupt nicht so. Ein ganz schnell sichtbarer Parameter ist, wie viel von dem, was an Forschung gemacht wird, ist eigentlich publiziert? Und ich habe Jahre damit verbracht, ich habe Jahre auch bei der WHO mit verbracht, einzufädeln, dass Studien, bevor sie begonnen werden, registriert werden müssen. Und wir haben es auch in Freiburg einmal durchgezogen über die Ethikkommission. Das ist so weltweit, dass im Mittel von Studien, die gemacht werden, nur 50 Prozent publiziert werden. Und jetzt würde man wieder natürlich naiverweise sagen, naja okay, dann fehlt halt die Hälfte. Das Dumme ist nur, und das ist auch völlig klar, dass es so ist, dass natürlich die publiziert werden, wo mir das Ergebnis gefällt, und die, wo mir das Ergebnis nicht gefällt oder wo der Geldgeber sagt, das will ich auf keinen Fall in der Öffentlichkeit sehen, die verschwinden. Und ich habe Jahre damit verbracht, dieses Loch zu stopfen.

Tim Pritlove
0:41:33
Gerd Antes
0:41:39
Tim Pritlove
0:41:57
Gerd Antes
0:42:03
Tim Pritlove
0:42:04
Gerd Antes
0:42:05
Tim Pritlove
0:42:05
Gerd Antes
0:42:07
Tim Pritlove
0:43:17
Gerd Antes
0:43:25
Tim Pritlove
0:43:37
Gerd Antes
0:43:39
Tim Pritlove
0:44:39
Gerd Antes
0:45:05
Tim Pritlove
0:45:06

Ja.

Gerd Antes
0:45:07
Tim Pritlove
0:46:03
Gerd Antes
0:46:51
Tim Pritlove
0:48:21
Gerd Antes
0:48:33

Die Diskussion läuft ewig, brauchen wir zwei Arzttypen? Den behandelnden Arzt, niedergelassenen oder den forschenden Arzt? Also wenn ich jetzt genau auf diese Punkte, die wir besprochen haben, großen Wert lege, dann würde ich natürlich Ärzten, die das nie wieder anfassen, was Falsches beibringen, die müssen keine Studien mehr planen. Die sollten und das ist ein großes Anliegen der evidenzbasierten Medizin, die soll das, was da ist, richtig lesen. Deswegen es gibt zum Beispiel ein Buch, das war in der ersten Zeit der evidenzbasierten Medizin, „How to read a Paper“. Eins der Pionierbücher von einer Professorin aus Großbritannien natürlich wieder geschrieben. Was ich eigentlich richtig in meiner begrenzten Zeit die Dinge so zu lesen, dass ich die Behandlung meiner Patienten verbessere. Das ist eigentlich in einem Satz gesagt das Anliegen. Und das hat enorme Fortschritte gemacht in der letzten Zeit. Gegenwärtig, wenn man jetzt die Pandemie kurz anspricht, bricht das gerade wieder zusammen, weil der Zeitdruck irgendwie die Berechtigung zu geben scheint, die ganzen Qualitätsansprüche wieder einzustampfen. Also wir habe gerade gegenwärtigen ein völliges Planungs- und Durchführungschaos weltweit. Aber die Grundideen sind eigentlich sehr einfach und sie sind auch weit jetzt über die Medizin hinaus geschwappt. Es gibt ja die Cochrane-Collaboration, aber es gibt daneben und da gibt es jetzt eine Kooperation, Cochrane hatte die auf der Schulbank, die Campbell-Collaboration. Und die umschließt die Sozial- und Edukationswissenschaften. Und das Grundprinzip ist dann und das ist dann wirklich generell und kann man völlig verallgemeinern, ist, ist eine Intervention wirksam? Und diese Intervention ist in der Medizin das Medikament, völlig naheliegend. Schon in der Physiotherapie ist es ein bisschen weitergehend, dann gibt es auch so Beispiele und auch das ist zum Beispiel in Schottland gemacht worden, eine Bewährungshilfe. Also wenn ich jetzt einen entlassenen Sträfling oder wie nennt sich so was in politisch korrekter Form, jemand der ja im Gefängnis war, wenn der entlassen wird, bringt dem was ein Bewährungshelfer oder ein, ich weiß nicht wie die technisch heißen in den sozialen Zusammenhängen. Also jemand, der einem hilft und unterstützt, wieder ins Leben zurückzufinden. Wie heißen die Menschen?

Tim Pritlove
0:51:16
Gerd Antes
0:51:20

Sozialarbeiter ja, diese Unterstützung, bringt das was? Und dann kann man das gleiche Prinzip anwenden, was ich vorhin beschrieben habe, wo aber jetzt nicht der Chirurg mit dem Messer arbeitet, sondern der Sozialarbeiter wirklich mithilft. Und dann würde man jetzt sozusagen bei der Entlassung von Leuten, die ihre Haftzeit verbüßt haben, randomisieren, wer einen kriegt und wer nicht. Und jetzt sehr verkürzt dargestellt messe ich die Zeit bis er wieder einsitzt, weil die Rückfallquote ja relativ hoch ist. Und wenn der Effekt richtig gut ist, dann müssten die einen deutlich sichtbar länger draußen bleiben oder vielleicht sogar für immer. Und das wäre so ein Beispiel. Die gibt es aber auch in allen anderen sozialen … Also zum Beispiel und wenn man genau hinguckt, weiß man, dass an vielen Stellen völlig unklar ist, ob man es richtig macht. Klassengröße in der Schule, ich bin noch groß geworden in Klassen, die waren mit knapp 40, jetzt sagt man, das muss 20 sein. Wenn man mal nachsucht, wo ist eigentlich die Begründung dafür, läuft man meist ins Leere. Deswegen gibt es auch eine evidenzbasierte Edukationswissenschaft. Und das kann man durchziehen durch alles, an vielen Stellen ist es völlig klar. Und gegenwärtig, und damit bin ich gerade heute auch beschäftigt, weil jetzt heute Morgen entschieden wird, Lockdown oder nicht. Und diese AHA-Regel die ist nicht evidenzbasierten. Die ist einmal extrem schwer auseinander zu kriegen, also wir haben vorhin kurz über das Confounding gesprochen, und jetzt haben Sei bei dem AHA heftige sozusagen komplexe Zusammenhänge, die sie nicht auseinander kriegen. Also was passiert jetzt eigentlich, wenn ich den Abstand nicht halten kann, dann müsste ich eigentlich mit der Maske sorgfältiger sein. Wenn der Abstand größer ist, dann kann ich sie mal so ein bisschen hier rumhängen lassen oder die Nase draußen haben. Und diese Effekte die sind nicht auseinander zu kriegen, aber trotzdem ist klar, dass sie beide allein irgendwie einen Effekt haben. Aber wie groß ist das jetzt, wie eng muss die da sein und bringt eigentlich jetzt, und das ist heute eine massive Frage, bringt eigentlich dieser Lockdown was oder sollte ich nicht die Einzelmaßnahmen eigentlich wieder viel intensiver anwenden? Und das ist alles eine Frage der Evidenzbasierung, hängt in dem Zusammenhang natürlich auch extrem mit der Medizin zusammen, aber ist zum Glück völlig raus aus dem, wie man mal die Evidenzbasierung gestartet hat, wo man einfach versucht hat, Medikamente richtig anzuwenden.

Tim Pritlove
0:53:54
Gerd Antes
0:55:18
Tim Pritlove
0:56:52
Gerd Antes
0:56:54
Tim Pritlove
0:58:16
Gerd Antes
0:58:37

Naja, es gibt erst mal ganz verschiedene Studientypen, zum Beispiel wissen wir ja immer noch nicht, wie groß die Dunkelziffer ist. Und die Zahlen schwanken unglaublich und es gibt eine teilweise bittere Diskussion in den Wissenschaftlerkreisen darum. Ich weiß noch, also ich glaube, vor einem halben Jahr gab es mal eine japanische Studie, die kam irgendwie auf den Faktor 800. 800. Aber das war klar, das war nicht ernst zu nehmen, aber was sehr ernst zu nehmen ist, hat man dann, was weiß ich, bei uns kursiert dann noch die Zahl 10 und wenn man noch ein bisschen weiter runtergeht 7, aber dann gibt es auch 20-40. Da gibt es eine ganz berühmte Studie in Santa Monica, die auch sofort zerlegt worden ist, die hat, glaube ich, das 20-fache festgestellt. Und das hat extreme Konsequenzen und da gehen zwei Tendenzen gegeneinander, was das so schwierig macht. Wenn ich eine größere Dunkelziffer habe, dann ist die Situation weniger gefährlich, weil ich habe ja viel mehr infizierte und damit habe ich eine geringere Todesrate und deswegen ist dieser Nenner so wichtig. Und an der Stelle kommen dann die ganzen methodischen Sachen rein. Aber jetzt zurück zur Evidenzbasierung, die Faktoren heißen NPIs, Non Pharmacological Interventions???. Und die Methodik dafür, das einzuschätzen, da muss man nichts neues machen, da nimmt man das Standardrepertoire und guckt, was kann ich eigentlich machen, wo kriege ich die Daten, um das anzuwenden her und kann das funktionieren? Und das ist eigentlich kein Hexenwerk.

Tim Pritlove
1:00:16
Gerd Antes
1:00:18

Eine Maske ist ein NPI, die App ist eine NPI, Abstandhalten ist eine NPI, also alle diese AHA-Dinger, das sind so … Jetzt gibt es gerade eine neue Arbeit, so diese Primitive Low Level Tools???, nichts komplexes. Also da wird jetzt nicht irgendwie schon mal ein präventives Medikament gegeben oder so ähnlich, sondern das sind einfach so in den Alltag zu integrierende Dinge und was ist jetzt wirksam auch quantitativ? Zum Beispiel haben die Österreicher einen Mindestabstand von einem Meter, aber eins muss ja besser sein, 1 oder 1,5 oder der Abstand spielt keine Rolle. Also jetzt ist man auch in der Logik von den Sachen, aber ich sehe das extrem ernst die Situation, da ist nichts was lustig ist. Und deswegen ist auch um so erschütternder, wie wenig Anstrengung wir da reintun, die Dinge so zu erforschen, dass sie damit arbeiten können. Da haben wir auch wieder ein deutsches Beispiel, das BMBF hat im, ich glaube, im April 150 Millionen Euro als Budget für Corona-Forschung bereitgestellt. Da würde man ja denken, das ist jetzt die Forschung, die uns vielleicht im Herbst schon hilft, da über die Klippen zu kommen. Die wurden dann der Charité gegeben, damit sie das koordinieren inhaltlich. Diese 150 Millionen haben noch kein einziges Ergebnis gebracht, was uns irgendwie helfen würde, es hat aber auch darüber hinausgehend fast noch kein einziges Projekt begonnen. Wenn man dann anstatt irgendwie jetzt eine krisenangepasste Struktur zu schaffen die übliche Bürokratiekrake auf die Verwalter und Koordinierer losgelassen hat, die die weitgehend gelähmt hat.

Tim Pritlove
1:02:14
Gerd Antes
1:02:40
Tim Pritlove
1:03:39
Gerd Antes
1:03:40

Die Gesundheitswerker, die zum Beispiel natürlich immer für Tropenreisen die Impfungen machten und so und alles das hat ja auch gut funktioniert. Aber die sind natürlich jetzt, weil die überhaupt keine Reserven haben, sowohl von der Kompetenz her wie auch von der Kapazität her, weitgehend überfordert, deswegen hätte man denen ganz früh straff aufgestellte Assistenten, was auch wieder politisch wahrscheinlich schwierig geworden wäre, zur Seite stellen müssen, also auch teilweise mit Top-Down-Projekten, was Robert Koch ja eigentlich machen müsste, aber die auch völlig überfordert sind, was muss ich jetzt eigentlich mithaben, und das ist, soweit ich es von außen sehen kann, weitgehend schiefgegangen. Von dem Menschen, der jetzt infiziert ist, gefragt wird, wo ist es passiert, ist natürlich klar, dass die Daten, die man da dann rauszieht, von der Datenqualität nicht die besten sein können, aber da kommt man jetzt zurück auf den Bias und das ist gerade jetzt heute ein Mordsthema, wahrscheinlich ist das, was man in den Talkshows immer hört, dass das Ganze jetzt überall im privaten Bereich passiert, ein fundamentaler Fehlschluss, weil es so einfach ist, diese Daten zu haben. Und dann ist man genau da drin, was auch in der Evidenzbasierung, was wir vorhin besprochen haben. Ich habe es einmal miterlebt, dass hier in Freiburg eine Geburtstagsparty, 60. Geburtstag mit 60 Leuten, infiziert waren, ich glaube, 53. Und das war interessant, weil ich bin deswegen da rangekommen, weil das eins der ersten Interviews, was ich im Februar gemacht habe, das war mit einer Journalistin, die rief mich dann an und sagte, sie hat schlechte Nachrichten für mich, sie war zu dem Zeitpunkt, wo wir das Interview gemacht haben, infiziert. Und dann habe ich deswegen das alles mitverfolgen können, auch mit der Einladenden und das war extrem einfach. Die waren kooperationsbereit, die hat sofort eine Liste gemacht, das Gesundheitsamt hatte mehr oder weniger nach ein oder zwei Tagen eine komplette Liste mit denen, die da waren, also alles komplett. Wenn man jetzt hört, ist ja oft in den Medien, wie die da hinterher kämpfen müssen, dann ist das natürlich völlig anders, und wenn man jetzt die andere Seite sieht, ja, wenn ich einen Vergleich machen will, wenn ich die andere Seite sehe in Bars, falsche Angaben über die Identität oder die sind einfach verschwunden oder wovon man ausgehen kann, dieses Schlagwort, testen, testen, testen, ist ja auch nicht durchdacht, dann prescht noch jeder Landesfürst vor oder zurück oder in die andere Richtung. Aber dass es sehr naheliegend ist, dass die Rückkehrer aus dem ehemaligen Jugoslawien, die zuerst in Bayern dann in Deutschland eintreffen, die keine Lust haben auf eine Isolierung oder auf eine Quarantäne, dass die versuchen, die Tests zu vermeiden, ist auch völlig klar. Und dann kommen alle diese statistischen Riesenprobleme, die man kennt, zum Beispiel dass die Sichtbarmachung eines Ergebnisses vom Ergebnis abhängt. Also dann haben Sie genau diese ganzen Confounding-Strukturen, dann kommen die Leute rein. Und alles das spielt dann eine Rolle und mir ist nicht bekannt, dass über alles das, was ich gerade angesprochen habe, kompetent nachgedacht worden ist. Und das hätte man in der ersten Minute machen müssen, die Institute haben wir und dann hätte man auch, und dann wäre aber die ganze Entscheidungsstruktur umgedreht worden, dann wären die Vorgaben gekommen davon, was jetzt wirklich sinnvoll ist und was wir machen müssten und nicht zu glauben, auf einem extrem wissenschaftsfreien Niveau, testen, testen, testen. Und langsam begreifen wir, jetzt ist es ja auch überall in den Diskussionen, dass wir zum Beispiel uns die Ressourcen kaputt testen und die, die getestet werden müssten, dass die nicht getestet werden und das kann ich Ihnen so runter deklinieren. Und dann ist man mittendrin gegenwärtig und deswegen ist auch eigentlich diese Evidenzbasierung ein Topthema dafür, aber es gibt einen wunderbaren Artikel, weil gegenwärtig alles so daneben ist, dieser Artikel ist geschrieben worden von der Autorin des Buches, was ich vorhin erwähnt habe, „How to read a Paper“, „Will evidence based medicine survive Corona?“, weil das gerade gegenwärtig alles in die andere Richtung geht und das ist natürlich jetzt wieder rein akademisch gesehen sehr spannend, und im Moment rüttelt sich gerade so ein bisschen zurecht.

Tim Pritlove
1:08:17
Gerd Antes
1:08:43
Tim Pritlove
1:08:55
Gerd Antes
1:08:57

Was die Evidenzbasierung angeht, die haben Weltklasse Epidemiologen. Und dann ist man an dem Punkt, dass man wirklich diese Evidenzbasierung ernst nehmen muss, was bei uns nicht gemacht wird. Neuseeland ist völlig verrückt. Die waren 105 Tage coronafrei. Waren wirklich in dem Bewusstsein, es ist frei und um den Preis, dass sie die Grenzen zugemacht haben. Also auch da ist völlig klar, sie müssen ihre Schafe verkaufen, sie können die Grenzen nicht zuhalten auf Dauer, sonst sind sie auch ruiniert. Deswegen greifen die ganzen Dinge so ineinander. Aber nach 105 Tagen ist das Viech wieder aufgetaucht. Und 105 Tage, wenn man zum Beispiel sagt, die durchschnittliche Übertragungszeit ist vier Tage, vier oder fünf Tage, dann sind das schon 20-30 Generationen von Zwischenträgern, dass die symptomfrei passiert ist, gegenwärtig sind wir bei einer symptomfreien Übertragung von ungefähr 19 Prozent, waren noch bis vor kurzem 40 Prozent, egal wie man es nimmt, die Wahrscheinlichkeit, dass so eine lange Kette symptomfrei geht, dass sich das sozusagen in neuseeländischen Körpern versteckt hat, ist fast unmöglich, ist nahe bei null. Das Ding hätte mal irgendwo symptomatisch hochkommen müssen. Ja und ich habe den Neuseeländer gefragt, habt ihr eine leiseste Idee, wo dieses verdammte Viech sich bei euch versteckt hat? Die sagen, nein. Also jetzt mal ins Unreine gesprochen, ich denke ja so banale Sachen, sie haben da auch jetzt Frachtschiffe, wo sie natürlich wollen, dass die Besatzungen an Bord bleiben, aber die Bars und die Damen locken ja trotzdem, wahrscheinlich ist mal nachts einer über den Zaun gesprungen und das war nicht sauber abgeriegelt und hat es dann reingeholt, aber irgendwie so muss es ja passiert sein. Also insofern, aber die Qualität des Umgangs damit, die haben ja dann, als das wieder auftauchte, Aukland sofort hart komplett zugemacht. Melbourne ist das australische Cochrane-Zentrum, wo auch diese riesige Übersicht ist, hat nach vier Wochen, glaube ich, heute Morgen wieder aufgemacht. Und die Bars wieder auf und gleich wieder Party und so und mit denen habe ich auch oft gesprochen. Und ich hatte vor vier Wochen mit der Kollegin da ein langes Telefonat und sie war so völlig entspannt, dass nichts ist und drei Tage später kam ein harter Lockdown und der Lockdown war, was ja auch bei uns gar nicht sichtbar ist, maximaler Bewegungsspielraum um die Wohnung fünf Kilometer. Kontrolliert auf der Straße mit der Polizei. Und dann macht man das vier Wochen und unverständlicherweise, wenn man jetzt mal so eine Landestabelle zeichnet, nur eine Tabelle macht mit den NPI und dann guckt, wie hart sind die Maßnahmen und wie sehen die Opferzahlen aus, dann ist schon zwischen Italien, Spanien, Frankreich, Deutschland, können wir noch Holland dazunehmen oder Dänemark und Schweden, dann ist es so verwirrend, dass wir irgendwas noch nicht ansatzweise begriffen haben. Und dann ist man genau mitten in der Evidenzbasierung.

Tim Pritlove
1:12:08
Gerd Antes
1:12:38
Tim Pritlove
1:14:28
Gerd Antes
1:15:50
Tim Pritlove
1:16:43
Gerd Antes
1:16:45
Tim Pritlove
1:16:47

Ja.

Gerd Antes
1:16:48
Tim Pritlove
1:17:23
Gerd Antes
1:17:27
Tim Pritlove
1:19:07
Gerd Antes
1:20:20
Tim Pritlove
1:21:00
Gerd Antes
1:21:07
Tim Pritlove
1:22:06
Gerd Antes
1:22:09
Tim Pritlove
1:23:40
Gerd Antes
1:23:43
Tim Pritlove
1:23:48

Ja.

Gerd Antes
1:23:50
Tim Pritlove
1:24:16
Gerd Antes
1:24:33
Tim Pritlove
1:25:47
Gerd Antes
1:25:49
Tim Pritlove
1:26:46
Gerd Antes
1:26:59
Tim Pritlove
1:27:09
Gerd Antes
1:27:23
Tim Pritlove
1:28:24
Gerd Antes
1:28:41
Tim Pritlove
1:28:43
Gerd Antes
1:28:46
Tim Pritlove
1:29:36
Gerd Antes
1:29:38
Tim Pritlove
1:30:46
Gerd Antes
1:30:54
Tim Pritlove
1:30:59
Gerd Antes
1:31:01
Tim Pritlove
1:31:04