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NOTE
Podcast: Forschergeist
Episode: FG078 Angst und Zukunft
Publishing Date: 2020-04-01T11:00:00+02:00
Podcast URL: https://forschergeist.de
Episode URL: https://forschergeist.de/podcast/fg078-angst-und-zukunft/

00:00:43.301 --> 00:00:48.800
<v Tim Pritlove>Hallo und herzlich willkommen zu Forschergeist dem Podcast des Stifterverbands für die deutsche Wissenschaft.

00:00:48.801 --> 00:00:56.600
<v Tim Pritlove>Mein Name ist Tim Pritlove und ich begrüße alle zu Ausgabe 78 hier bei Forschergeist.

00:00:56.601 --> 00:01:04.600
<v Tim Pritlove>Und ja, wie es so unsere Art ist, sprechen wir hier viel über Wissenschaft und manchmal konkreter und manchmal ein bisschen meta.

00:01:04.601 --> 00:01:09.800
<v Tim Pritlove>Ich habe so den Eindruck, heute ist beides dran.

00:01:09.801 --> 00:01:17.600
<v Tim Pritlove>Denn heute sprechen wir über Ängste aller Art, die Ängste, die die Gesellschaft so hat,

00:01:17.601 --> 00:01:26.600
<v Tim Pritlove>die vielleicht aber auch die Wissenschaft mit sich herumträgt und vor allem wie man damit umgeht.

00:01:26.601 --> 00:01:30.000
<v Tim Pritlove>Und dazu begrüße ich meinen Gesprächspartner, nämlich den Jan Kalbitzer, hallo Jan.

00:01:30.001 --> 00:01:31.000
<v Jan Kalbitzer>Hallo.

00:01:31.001 --> 00:01:32.700
<v Tim Pritlove>Jan, du bist Psychologe.

00:01:32.701 --> 00:01:33.600
<v Jan Kalbitzer>Psychiater.

00:01:33.601 --> 00:01:34.700
<v Jan Kalbitzer>Psychiater?

00:01:34.701 --> 00:01:37.700
<v Jan Kalbitzer>Psychiater, gut, dass du Psychologe sagst, weil das eine Verwechslung ist, die oft kommt.

00:01:37.701 --> 00:01:38.400
<v Tim Pritlove>Ja.

00:01:38.401 --> 00:01:45.200
<v Jan Kalbitzer>Es gibt ja so mehrere Begriffe, die durch die Gegend laufen und ich werde in den Medien immer Psychologe genannt, wenn es schiefgeht.

00:01:45.201 --> 00:01:48.200
<v Jan Kalbitzer>Und ich bin Psychiater, das heißt, ich bin Arzt.

00:01:48.201 --> 00:01:54.300
<v Jan Kalbitzer>Es gibt diejenigen, die Medizin studieren, die können dann Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie werden.

00:01:54.301 --> 00:01:58.700
<v Jan Kalbitzer>Und es gibt diejenigen, die Psychologie studieren, die können dann auch eine psychotherapeutische Weiterbildung machen

00:01:58.701 --> 00:01:59.600
<v Jan Kalbitzer>und sind dann auch Psychotherapeuten.

00:01:59.601 --> 00:02:06.900
<v Jan Kalbitzer>Also sowohl Psychologen als auch Ärzte können Psychotherapeuten sein, aber Psychiater können nur Ärzte sein, das ist ein Facharzt.

00:02:06.901 --> 00:02:09.300
<v Jan Kalbitzer>Das heißt, wir können Medikamente zum Beispiel verschreiben.

00:02:09.301 --> 00:02:14.300
<v Jan Kalbitzer>Und es gibt ja auch, wenn es in diese psychiatriekritischen Diskussionen geht, dann sind wir diejenigen,

00:02:14.301 --> 00:02:23.000
<v Jan Kalbitzer>die häufig mehr Diagnosen vergeben, die Medikamente auch zwangsvergeben in Akutpsychiatrien.

00:02:23.001 --> 00:02:30.800
<v Jan Kalbitzer>Das heißt, in dieser Debatte um die Psychiatrie sind wir diejenigen, die diesen ganzen medizinischen Teil machen.

00:02:30.801 --> 00:02:36.600
<v Jan Kalbitzer>Und Psychologen sind dann auch Psychotherapeuten, auch in Kliniken tätig, machen auch ganz viel Forschung,

00:02:36.601 --> 00:02:39.900
<v Jan Kalbitzer>und das Interessante ist, ich habe in …

00:02:39.901 --> 00:02:42.200
<v Jan Kalbitzer>eigentlich habe ich angefangen zu forschen in Kopenhagen.

00:02:42.201 --> 00:02:48.100
<v Jan Kalbitzer>Ich bin nach der Uni, nach dem Studium der Medizin in Hannover, bin ich dann nach Kopenhagen gegangen für ein PHD,

00:02:48.101 --> 00:02:52.700
<v Jan Kalbitzer>aus privaten Gründen eigentlich nach Kopenhagen, weil ich da jemanden kannte.

00:02:52.701 --> 00:02:55.800
<v Jan Kalbitzer>Und das ist eigentlich eine ganz interessante Geschichte.

00:02:55.801 --> 00:03:02.000
<v Jan Kalbitzer>Also ich bin da an die Uniklinik Kopenhagen, die hatten eine Stelle ausgeschrieben in Neurowissenschaften, wo es um Hirnforschung ging

00:03:02.001 --> 00:03:09.100
<v Jan Kalbitzer>mit Positronen Emissionstomographie, das ist eine Technik, wo man etwas radioaktives injiziert, was im Gehirn landet,

00:03:09.101 --> 00:03:16.400
<v Jan Kalbitzer>zum Beispiel an die Serotonin-Rezeptoren oder -Transporter bindet, misst dann die Radioaktivität außerhalb des Gehirns

00:03:16.401 --> 00:03:21.900
<v Jan Kalbitzer>und kann dann sagen, wie aktiv sind zum Beispiel die Serotonin-Transporter und sagt was über den Hirnstoffwechsel aus.

00:03:21.901 --> 00:03:26.900
<v Jan Kalbitzer>Auf jeden Fall bin ich zum Institut hin und wusste gar nicht was die machen, ich wollte ja nur da jemanden besuchen in Kopenhagen

00:03:26.901 --> 00:03:34.700
<v Jan Kalbitzer>und habe gesagt, ich würde gerne nach Dänemark kommen, um Dänisch zu lernen und Kierkegaard, den Philosophen, im Original zu lesen.

00:03:34.701 --> 00:03:39.800
<v Jan Kalbitzer>Und das fanden die irgendwie cool und haben mich dann angenommen und damit fing meine wissenschaftliche Karriere an.

00:03:39.801 --> 00:03:45.400
<v Jan Kalbitzer>Also ich habe vorher in Hannover studiert und einen mittelmäßigen Abschluss gehabt und wäre nie in diese wissenschaftliche Laufbahn gekommen.

00:03:45.401 --> 00:03:47.200
<v Tim Pritlove>Was denn studiert?

00:03:47.201 --> 00:03:51.300
<v Jan Kalbitzer>Medizin habe ich studiert und ein bisschen Philosophie nebenbei, aber nicht fertig.

00:03:51.301 --> 00:03:59.100
<v Jan Kalbitzer>Und bin eigentlich über diese Abgebrühtheit in Kopenhagen in eine wissenschaftliche Laufbahn rein.

00:03:59.101 --> 00:04:01.200
<v Jan Kalbitzer>Von Kopenhagen dann per Austausch nach Oxford.

00:04:01.201 --> 00:04:06.900
<v Jan Kalbitzer>Und wenn man so ein paar Sachen auf seinem Lebenslauf stehen hat, so ein paar Stationen, dann wirkt sich das sehr positiv aus.

00:04:06.901 --> 00:04:10.400
<v Jan Kalbitzer>Und ich glaube, ohne diese Zwischenstation wäre ich dann nachher auch nie an der Charité gelandet,

00:04:10.401 --> 00:04:15.600
<v Jan Kalbitzer>um da irgendwie meine Weiterbildung zum Facharzt zu machen und zu forschen.

00:04:15.601 --> 00:04:20.200
<v Jan Kalbitzer>Und deswegen muss man sagen, diese eine Aussage in diesem Institut.

00:04:20.201 --> 00:04:24.300
<v Jan Kalbitzer>Ich hatte in einer Jugendherberge übernachtet und eine relativ schlechte Nacht gehabt, mir war wirklich alles egal.

00:04:24.301 --> 00:04:28.000
<v Jan Kalbitzer>Und ich habe nur gesagt, ich möchte gern Kierkegaard im Original lesen und da haben die mich genommen

00:04:28.001 --> 00:04:30.200
<v Jan Kalbitzer>und da bin ich in die Wissenschaft gekommen.

00:04:30.201 --> 00:04:35.500
<v Jan Kalbitzer>Und das hat meinen wissenschaftlichen Weg sehr geprägt.

00:04:35.501 --> 00:04:40.500
<v Jan Kalbitzer>Und da habe ich gemerkt, dass Psychologen, wenn wir jetzt nochmal über das Thema Psychologen, Psychiater reden,

00:04:40.501 --> 00:04:46.200
<v Jan Kalbitzer>also mir geht es jetzt darum, wie beurteilen Leser einer Zeitung zum Beispiel, wenn es um einen Experten geht,

00:04:46.201 --> 00:04:47.900
<v Jan Kalbitzer>den Unterschied zwischen Psychologen und Psychiater.

00:04:47.901 --> 00:04:52.100
<v Jan Kalbitzer>Psychologen haben viel mehr methodische Kenntnisse als Psychiater meistens.

00:04:52.101 --> 00:04:57.800
<v Jan Kalbitzer>Weil die Psychologiestudenten ganz viel über Methodik lernen, die machen ganz viel Statistik und Analyse,

00:04:57.801 --> 00:05:01.500
<v Jan Kalbitzer>das lernen Ärzte in ihrem Studium nur sehr sehr wenig.

00:05:01.501 --> 00:05:04.900
<v Jan Kalbitzer>Ärzte sehen dafür Patienten und kommen auch mit so einer gewissen Autorität daher,

00:05:04.901 --> 00:05:09.100
<v Jan Kalbitzer>weil sie Ärzte sind und sagen, ja ich bin doch Arzt, ich sage das jetzt.

00:05:09.101 --> 00:05:14.500
<v Jan Kalbitzer>Oft sind Psychologen aber mit einem besseren wissenschaftlichen Grundverständnis ausgestattet.

00:05:14.501 --> 00:05:21.500
<v Jan Kalbitzer>In der Wahrnehmung ist es dann oft anders, dass die Ärzte mehr Autorität zugeordnet kriegen, wenn sie als Experten irgendwo auftreten,

00:05:21.501 --> 00:05:28.000
<v Jan Kalbitzer>was auch teilweise deswegen gerechtfertigt ist, weil sie eben den Alltag sehen, den Patientenkontakt haben,

00:05:28.001 --> 00:05:33.400
<v Jan Kalbitzer>aber wissenschaftlich denke ich, dass Psychologen, die in so Felder reingehen, oft nochmal eine bessere Anfangsausstattung haben.

00:05:33.401 --> 00:05:38.900
<v Jan Kalbitzer>Das ändert sich dann, wenn man länger forscht, aber Psychologen haben da, um jetzt diesen Kreis zu schließen

00:05:38.901 --> 00:05:47.300
<v Jan Kalbitzer>mit dem Unterschied zwischen Psychiatern und Psychologen, vom Studium her eine sehr viel bessere Grundausstattung als Ärzte meistens.

00:05:47.301 --> 00:05:54.000
<v Tim Pritlove>Das heißt, du hast auch nicht unbedingt so ein Selbstverständnis als Wissenschaftler gehabt,

00:05:54.001 --> 00:06:00.700
<v Tim Pritlove>jetzt nur von dem, was du studiert hast, also Medizinstudium kann man natürlich auch so und so verfolgen.

00:06:00.701 --> 00:06:05.300
<v Jan Kalbitzer>Nein, ich bin da überhaupt nicht wissenschaftlich eingestiegen ursprünglich.

00:06:05.301 --> 00:06:11.300
<v Jan Kalbitzer>Also ich habe dann da angefangen in Kopenhagen, es ging um die Analyse von Gehirnen.

00:06:11.301 --> 00:06:17.800
<v Jan Kalbitzer>Also so Hirnscans zu untersuchen, eben mit Positronen-Emissions-Tomografie, PAT.

00:06:17.801 --> 00:06:24.300
<v Jan Kalbitzer>Und ich wusste nicht genau wie das geht, ich kannte die Technik, aber ich hatte keine Ahnung, wie das genau geht.

00:06:24.301 --> 00:06:26.700
<v Jan Kalbitzer>Und ich habe da wahnsinnig viel darüber gelernt, wie Forschung an sich stattfindet.

00:06:26.701 --> 00:06:29.700
<v Jan Kalbitzer>Und damals, muss man sagen, war die Hirnforschung noch so ein bisschen hiper.

00:06:29.701 --> 00:06:34.900
<v Jan Kalbitzer>Ich bin irgendwann mal abends in eine Kneipe gegangen und wollte da die Frau hinter der Bar anbaggern und meinte,

00:06:34.901 --> 00:06:39.600
<v Jan Kalbitzer>ich bin Wissenschaftler an der Uni Kopenhagen und forsche über Gehirne und dann meinte sie nur so ganz trocken,

00:06:39.601 --> 00:06:43.900
<v Jan Kalbitzer>das machen hier viele, bin ich total abgeblitzt.

00:06:43.901 --> 00:06:45.900
<v Tim Pritlove>Stell dich hinten an.

00:06:45.901 --> 00:06:49.200
<v Jan Kalbitzer>Genau, und das war peinlich, aber es war heilsam.

00:06:49.201 --> 00:06:56.700
<v Jan Kalbitzer>Und die Sachen, die wir da machen mussten, waren zum Beispiel, man muss ja so ein Gehirn, was dreidimensional ist,

00:06:56.701 --> 00:06:58.300
<v Jan Kalbitzer>irgendwie vergleichbar machen.

00:06:58.301 --> 00:07:05.200
<v Jan Kalbitzer>Wenn man sagt, wir messen jetzt die Gehirne von 20 Menschen mit Depressionen und 20 Menschen, die keine Depression haben,

00:07:05.201 --> 00:07:09.800
<v Jan Kalbitzer>und wollen gucken, was passiert da in bestimmten Hirnregionen, dann muss man es ja irgendwie vergleichbar machen.

00:07:09.801 --> 00:07:15.400
<v Jan Kalbitzer>Da gibt es zwei Ansätze, entweder man morpht die Gehirne, dass sie alle gleich aussehen.

00:07:15.401 --> 00:07:20.600
<v Jan Kalbitzer>Das heißt, man nimmt die individuellen Gehirne, die völlig unterschiedlich sind und quetscht die solange, bis die alle ähnlich aussehen,

00:07:20.601 --> 00:07:26.100
<v Jan Kalbitzer>auf so einen Standardspace, wo man gar nicht, also mittlerweile hat man da so ein paar Studien dazu gemacht,

00:07:26.101 --> 00:07:30.200
<v Jan Kalbitzer>das ist so ein bisschen verzerrt, aber auch so ein bisschen kann man auch Effekte sehen.

00:07:30.201 --> 00:07:33.900
<v Jan Kalbitzer>Das ist die eine Methode, die man macht, man quetscht es auf einen Standardspace, was ganz interessant ist,

00:07:33.901 --> 00:07:43.000
<v Jan Kalbitzer>weil damals der Standardspace, diese MNI-Standardspace vom Montreal Neurological Institute,

00:07:43.001 --> 00:07:47.100
<v Jan Kalbitzer>der bestand vor allem aus Gehirnen von männlichen Wissenschaftlern, die sich da zur Verfügung gestellt hatten.

00:07:47.101 --> 00:07:51.400
<v Jan Kalbitzer>Da muss man auch fragen, ist das das allgemeine Standardgehirn, auf das man die Gehirne aller Menschen quetschen sollte,

00:07:51.401 --> 00:07:54.900
<v Jan Kalbitzer>wenn man sie vergleichbar machen will?

00:07:54.901 --> 00:08:01.700
<v Jan Kalbitzer>Und dann untersucht man das Gehirn, indem es in einmal Regionen einteilt, die man anatomisch kennt,

00:08:01.701 --> 00:08:06.400
<v Jan Kalbitzer>zum Beispiel das Frontalhirn oder den Hirnstamm und zum anderen macht man Voxel-Analysen, das heißt,

00:08:06.401 --> 00:08:11.900
<v Jan Kalbitzer>man unterteilt das so in kleine Würfel, wenn man ein Bild untersucht, guckt man sich ja Pixel an, die sind zweidimensional,

00:08:11.901 --> 00:08:18.300
<v Jan Kalbitzer>im Gehirn untersucht man Würfel, Voxel genannt, das sind so zum Beispiel 1x1x1 Millimeter große Kästchen

00:08:18.301 --> 00:08:22.100
<v Jan Kalbitzer>und die vergleicht man alle einzeln statistisch miteinander.

00:08:22.101 --> 00:08:24.600
<v Tim Pritlove>Also so ein dreidimensionales Pixel sozusagen.

00:08:24.601 --> 00:08:26.900
<v Jan Kalbitzer>Genau, ein dreidimensionales Pixel.

00:08:26.901 --> 00:08:33.400
<v Jan Kalbitzer>Und damals war es noch so, dass Gehirne oft einfach so ganz breit alle Voxel gleichzeitig untersucht wurden.

00:08:33.401 --> 00:08:35.600
<v Jan Kalbitzer>Man guckte, wo kam da ein Effekt raus.

00:08:35.601 --> 00:08:42.800
<v Jan Kalbitzer>Die meisten hätten das nicht überlebt, wenn man das für die multiple Testung korrigiert hätte.

00:08:42.801 --> 00:08:48.100
<v Jan Kalbitzer>Also wenn irgendwie eine Frage tausendmal wiederholt, sagt irgendwann immer jemand ja, so ist es auch in der Statistik,

00:08:48.101 --> 00:08:52.300
<v Jan Kalbitzer>wenn man alles mögliche testet, kommt immer was raus und dafür muss man dann korrigieren,

00:08:52.301 --> 00:08:58.100
<v Jan Kalbitzer>was in den Zeiten noch ganz oft unzureichend gemacht wurde, als ich angefangen habe Neuroforschung zu machen.

00:08:58.101 --> 00:09:04.600
<v Jan Kalbitzer>Was mir ziemlich schnell aufgefallen ist, dass das irgendwie weird ist, dass immer irgendwas rauskommt bei diesen ganzen Gehirnuntersuchungen.

00:09:04.601 --> 00:09:08.200
<v Jan Kalbitzer>Oft in Regionen, von denen man das nicht erwartet hätte.

00:09:08.201 --> 00:09:12.700
<v Jan Kalbitzer>Mittlerweile hat man das deutlich verbessert, man muss Studien präregistrieren, also vorher anmelden,

00:09:12.701 --> 00:09:16.000
<v Jan Kalbitzer>sagen was man untersuchen will und muss sauber statistisch korrigieren.

00:09:16.001 --> 00:09:20.400
<v Jan Kalbitzer>aber viele dieser frühen Hirnforschungsergebnisse waren einfach Bullshit.

00:09:20.401 --> 00:09:24.200
<v Jan Kalbitzer>Also wenn es um die Frage ging, wo ist das moralische Gewissen des Menschen?

00:09:24.201 --> 00:09:32.300
<v Jan Kalbitzer>Und dann findet man irgendeinen Bereich im Gehirn, wo man sagt, die Moralität findet mit so und so hoher Wahrscheinlichkeit immer da statt,

00:09:32.301 --> 00:09:35.700
<v Jan Kalbitzer>das meiste davon ist nicht reproduzierbar gewesen.

00:09:35.701 --> 00:09:38.100
<v Jan Kalbitzer>Ich glaube, dazu hattest du auch schon Sendungen zu diesen Fehlern.

00:09:38.101 --> 00:09:41.600
<v Jan Kalbitzer>Das war auf jeden Fall der Bereich, in dem ich gestartet bin und relativ schnell gemerkt habe,

00:09:41.601 --> 00:09:46.800
<v Jan Kalbitzer>ich war derjenige, der Methoden entwickeln musste, um diese Gehirne irgendwie vergleichbar zu machen.

00:09:46.801 --> 00:09:51.900
<v Jan Kalbitzer>Wir hatten den anderen Ansatz, wir haben die Gehirne nicht gequetscht, sondern wir haben in jedem Gehirn die Regionen eingezeichnet

00:09:51.901 --> 00:09:57.200
<v Jan Kalbitzer>in dem individuellen Gehirn und gesagt, wie hoch ist die Aktivität bei der Person in der Region

00:09:57.201 --> 00:09:59.900
<v Jan Kalbitzer>und das dann zwischen den einzelnen Personen verglichen.

00:09:59.901 --> 00:10:03.100
<v Jan Kalbitzer>Also ich habe immer einen Frontal dann eingezeichnet und dann gesagt, so hoch ist die Aktivität da

00:10:03.101 --> 00:10:05.900
<v Jan Kalbitzer>und bei dem und bei dem und bei dem, ohne die Gehirne zu quetschen.

00:10:05.901 --> 00:10:12.400
<v Jan Kalbitzer>Was wir da aber machen mussten, ist, dass wir zu jeder Person zu der Positronen-Emissions-Tomographie,

00:10:12.401 --> 00:10:20.100
<v Jan Kalbitzer>wo man nur Aktivität sieht, noch ein Kernspinbild braucht, ein MRT, um die Regionen dann genauer zu sehen.

00:10:20.101 --> 00:10:21.400
<v Jan Kalbitzer>Und die musste ich übereinanderlegen.

00:10:21.401 --> 00:10:28.600
<v Jan Kalbitzer>Also das Positronen-Bild, wo man dann also bunte Regionen sieht, auf das Kernspinbild, um dann die Regionen einzeichnen zu können.

00:10:28.601 --> 00:10:34.600
<v Jan Kalbitzer>Das war mein erster Job in der Wissenschaft und da habe ich viel methodischen Kram gemacht und wusste sehr wenig

00:10:34.601 --> 00:10:39.500
<v Jan Kalbitzer>und bin da so reingestolpert, habe viele Fehler gemacht, die ich dann so nach und nach erkannt habe.

00:10:39.501 --> 00:10:44.400
<v Jan Kalbitzer>Und das war so ganz hilfreich, um das Wissenschaftsgeschäft zu verstehen, weil ich gemerkt habe,

00:10:44.401 --> 00:10:50.000
<v Jan Kalbitzer>ich mache irgendwas und da kommt was raus, was grandios aussieht, ich bin mir aber noch nicht sicher und merke dann so,

00:10:50.001 --> 00:10:57.000
<v Jan Kalbitzer>wie der Druck entsteht, weil wir Forschungsgelder kriegen von Stiftungen, wir müssen irgendwas produzieren,

00:10:57.001 --> 00:10:59.600
<v Jan Kalbitzer>von Kollegen oder Vorgesetzten, die dann sagen, Mensch lass uns das publizieren.

00:10:59.601 --> 00:11:01.200
<v Jan Kalbitzer>Ich habe gesagt, ich bin noch nicht so ganz sicher.

00:11:01.201 --> 00:11:03.600
<v Jan Kalbitzer>Ja, das muss jetzt mal langsam raus.

00:11:03.601 --> 00:11:06.100
<v Jan Kalbitzer>So ist dann so der Betrieb, den habe ich da so kennengelernt.

00:11:06.101 --> 00:11:08.200
<v Jan Kalbitzer>Und das hat mich damals schon total verunsichert.

00:11:08.201 --> 00:11:12.300
<v Jan Kalbitzer>Was auch der Grund war, warum ich dann später, als ich an der Charité zum Thema Internet geforscht habe,

00:11:12.301 --> 00:11:15.500
<v Jan Kalbitzer>einen ganz anderen Ansatz hatte und gesagt habe,

00:11:15.501 --> 00:11:19.100
<v Jan Kalbitzer>ich will qualitativ forschen, ich will eigentlich nur erst mal den Leuten zuhören und gucken was die erzählen,

00:11:19.101 --> 00:11:23.700
<v Jan Kalbitzer>wie das früher so in der Psychiatrie ganz häufig das Verfahren war.

00:11:23.701 --> 00:11:31.900
<v Jan Kalbitzer>Es gab Psychiater, zum Beispiel der Bleuler, der die Schizophrenie geschrieben hat, der hat mit Menschen zusammengelebt über Jahre,

00:11:31.901 --> 00:11:37.100
<v Jan Kalbitzer>die bestimmte Symptome hatten und hat den einfach zugehört und sich deren Verhalten angeguckt und versucht,

00:11:37.101 --> 00:11:41.200
<v Jan Kalbitzer>das irgendwie zu beschreiben, und darüber versucht, so Prinzipien zu ermitteln.

00:11:41.201 --> 00:11:43.800
<v Jan Kalbitzer>Das ist eher so ein qualitativer Forschungsansatz.

00:11:43.801 --> 00:11:47.100
<v Jan Kalbitzer>Und den haben wir dann für unsere Forschung an der Charité gewählt.

00:11:47.101 --> 00:11:50.400
<v Jan Kalbitzer>Als ich dann nachher an die Charité kam, habe ich erst mal eine Facharztausbildung gemacht und irgendwann angefangen,

00:11:50.401 --> 00:11:54.900
<v Jan Kalbitzer>zum Thema Internet zu forschen, über die Frage, wie sich das auf die Psyche auswirkt.

00:11:54.901 --> 00:11:56.500
<v Jan Kalbitzer>Da haben wir gesagt, wir wollen erst mal Geschichten sammeln.

00:11:56.501 --> 00:12:03.100
<v Jan Kalbitzer>Wir haben jetzt hier einen Prozess, wo sich gesellschaftlich wahnsinnig viel verändert und da passiert was mit den Menschen

00:12:03.101 --> 00:12:11.800
<v Jan Kalbitzer>und ich will einfach Menschen zuhören, die Krisen entwickeln und sagen, welche Auswirkung hat eigentlich diese Veränderung in der Gesellschaft,

00:12:11.801 --> 00:12:15.600
<v Jan Kalbitzer>dass die Digitalisierung stattfindet auf die Psyche des Individuums und habe Geschichten gesammelt

00:12:15.601 --> 00:12:17.000
<v Jan Kalbitzer>und geguckt, was passiert da drin?

00:12:17.001 --> 00:12:19.700
<v Jan Kalbitzer>Dafür haben wir so qualitative Interviews gemacht letztendlich.

00:12:19.701 --> 00:12:20.900
<v Tim Pritlove>Mit wem?

00:12:20.901 --> 00:12:23.900
<v Jan Kalbitzer>Wir haben verschiedene Verfahrensweisen gewählt.

00:12:23.901 --> 00:12:30.200
<v Jan Kalbitzer>Das eine war, dass wir gesagt haben, wir fragen allgemein Menschen in Krisen, welche Rolle spielt das Internet?

00:12:30.201 --> 00:12:31.800
<v Jan Kalbitzer>Wir haben das überhaupt nicht irgendwie geframt, sondern einfach so …

00:12:31.801 --> 00:12:33.300
<v Tim Pritlove>Also in psychischen Krisen?

00:12:33.301 --> 00:12:34.100
<v Jan Kalbitzer>In psychischen Krisen, genau.

00:12:34.101 --> 00:12:40.000
<v Jan Kalbitzer>Also Menschen, das waren Depressionen, das waren Angststörungen, aber insgesamt so die ins Krankenhaus kamen

00:12:40.001 --> 00:12:42.600
<v Jan Kalbitzer>und sagen, ich bin gerade psychisch überlastet.

00:12:42.601 --> 00:12:44.400
<v Jan Kalbitzer>Die haben wir dann gefragt und gesagt …

00:12:44.401 --> 00:12:46.200
<v Tim Pritlove>Das ist doch bestimmt das Internet.

00:12:46.201 --> 00:12:53.800
<v Jan Kalbitzer>Na wir haben versucht, möglichst offen wie möglich zu fragen und gesagt, welche Rolle spielt das Internet in Ihrem Leben?

00:12:53.801 --> 00:13:01.900
<v Jan Kalbitzer>Wie nehmen Sie das wahr, um es eben offen zu lassen, weil wir das nicht vorher durch unsere Prämissen irgendwie beeinflussen wollten.

00:13:01.901 --> 00:13:03.700
<v Jan Kalbitzer>Und das war so der eine Teil.

00:13:03.701 --> 00:13:05.300
<v Jan Kalbitzer>Das haben wir bei einem Teil der Leute gemacht.

00:13:05.301 --> 00:13:08.600
<v Jan Kalbitzer>Dann haben wir da noch so ein bisschen Kontraste gebildet, wie man sagt, dass wir gesagt haben,

00:13:08.601 --> 00:13:13.700
<v Jan Kalbitzer>wir vergleichen ältere und junge, weil wir so eine Idee hatten, dass diejenigen, die aufgewachsen sind mit dem Internet,

00:13:13.701 --> 00:13:21.000
<v Jan Kalbitzer>vielleicht anders darauf reagieren als diejenigen, die lange Lebenszeit ohne vorherige Internetnutzung hatten.

00:13:21.001 --> 00:13:25.700
<v Tim Pritlove>Entschuldigung, ist das … ich meine, auf der einen Seite, wenn ich das jetzt richtig sehe,

00:13:25.701 --> 00:13:29.600
<v Tim Pritlove>ist das ja dann an der Charité eine konkrete medizinische Arbeit gewesen.

00:13:29.601 --> 00:13:36.000
<v Tim Pritlove>Leute kommen mit Probleme und es geht jetzt primär natürlich erst mal darum, dass die Hilfe suchen und die sie natürlich auch erhalten sollten.

00:13:36.001 --> 00:13:36.800
<v Jan Kalbitzer>Ja.

00:13:36.801 --> 00:13:43.300
<v Tim Pritlove>Und dann war quasi diese forschende Arbeit von euch da so eingebettet worden und wurde quasi so parallel mitgezogen?

00:13:43.301 --> 00:13:44.200
<v Jan Kalbitzer>Genau, zusätzlich.

00:13:44.201 --> 00:13:50.200
<v Jan Kalbitzer>Also wir sind auf die Stationen gegangen und haben gesagt, diejenigen Menschen, die hier mit einer Krise hergekommen sind,

00:13:50.201 --> 00:13:54.000
<v Jan Kalbitzer>wer hätte denn Interesse daran, an so einer Studie teilzunehmen und dann haben wir angefangen so ein bisschen zu gucken,

00:13:54.001 --> 00:13:55.700
<v Jan Kalbitzer>dass wir nicht immer die gleichen befragen.

00:13:55.701 --> 00:13:57.800
<v Jan Kalbitzer>Da haben wir auch wieder so eine Kontrastierung gemacht, die ganz interessant war.

00:13:57.801 --> 00:14:00.400
<v Jan Kalbitzer>Weil wir haben ältere Menschen befragt.

00:14:00.401 --> 00:14:11.700
<v Jan Kalbitzer>Wir waren auf einer Station für psychiatrische Alterserkrankungen und hatten unter den Interessenten am Anfang vor allem Menschen mit Migrationshintergrund.

00:14:11.701 --> 00:14:20.200
<v Jan Kalbitzer>Die sehr aufgeschlossen und positiv dem Internet gegenüber waren, weil das für sie eine ganz wichtige Rolle in der Kommunikation mit Angehörigen gespielt hat.

00:14:20.201 --> 00:14:23.400
<v Jan Kalbitzer>Die schon ganz früh dabei waren und haben gemerkt, okay jetzt kriegen wir hier einen Bias und jetzt müssen wir gucken,

00:14:23.401 --> 00:14:30.500
<v Jan Kalbitzer>dass wir noch Leute, die möglichst ihr ganzes Leben in Berlin verbracht haben und nicht so viele Freunde außerhalb von Berlin haben,

00:14:30.501 --> 00:14:35.800
<v Jan Kalbitzer>sondern einen festen Bekanntenkreis in Berlin und immer in Berlin gelebt, das wäre so die ideale Kontrastrierungsgruppe,

00:14:35.801 --> 00:14:41.400
<v Jan Kalbitzer>um zu gucken, wie geht es denen eigentlich damit, weil die nicht diesen Effekt da mit drin hatten,

00:14:41.401 --> 00:14:45.500
<v Jan Kalbitzer>dass es für die Kommunikation über die Welt so eine sehr positive Rolle gespielt hat.

00:14:45.501 --> 00:14:47.800
<v Jan Kalbitzer>Da konnten wir aber gar nicht so einen genauen Unterschied feststellen.

00:14:47.801 --> 00:14:53.100
<v Jan Kalbitzer>Wo ich auch total überrascht war, wie Leute sehr früh eingestiegen sind.

00:14:53.101 --> 00:14:55.600
<v Jan Kalbitzer>Ich weiß nicht, ob du dich an das Spiel Wikings erinnerst.

00:14:55.601 --> 00:15:01.700
<v Jan Kalbitzer>Es gab mal so ein ganz frühes Spiel für, ich weiß gar nicht, auf welchem System das damals gespielt wurde, Wikings,

00:15:01.701 --> 00:15:06.400
<v Jan Kalbitzer>da konnte ich mich aus meiner Kindheit noch dran erinnern, wo so einige Leute, die saßen mir gegenüber,

00:15:06.401 --> 00:15:12.400
<v Jan Kalbitzer>so Mitte 70/Anfang 80, die dann so erzählten, wie sie so ihren ersten Internetanschluss hatten und dann so bestimmte Spiele gespielt hatten,

00:15:12.401 --> 00:15:14.400
<v Jan Kalbitzer>an die ich mich aus meiner Kindheit erinnerte.

00:15:14.401 --> 00:15:20.600
<v Jan Kalbitzer>Und meine Mutter hat mir dann nachher erzählt, dass sie eine Weile hatte, wo sie ganz viel Pacman gespielt hat,

00:15:20.601 --> 00:15:25.700
<v Jan Kalbitzer>was ich natürlich als Kind nicht mitgekriegt haben, aber das war so neu da und da sie ganz viel Pacman damals gespielt,

00:15:25.701 --> 00:15:26.800
<v Jan Kalbitzer>als die Computer kamen.

00:15:26.801 --> 00:15:33.500
<v Jan Kalbitzer>Meine frühesten Erinnerungen sind, glaube ich, an so Spiele, Pacman und dann wahrscheinlich Larry Leisure,

00:15:33.501 --> 00:15:35.700
<v Jan Kalbitzer>dieses Spiel mit diesem Draufgänger oder wie man den nennen mag.

00:15:35.701 --> 00:15:36.400
<v Tim Pritlove>Ja.

00:15:36.401 --> 00:15:39.200
<v Jan Kalbitzer>Mittlerweile würde man ihn Sexisten nennen.

00:15:39.201 --> 00:15:40.900
<v Tim Pritlove>Wahrscheinlich.

00:15:40.901 --> 00:15:47.900
<v Jan Kalbitzer>Wo meine Eltern sehr, wo ich die Ambivalenz meiner Eltern noch in Erinnerung habe, weil ich das Spiel auf Englisch gespielt habe

00:15:47.901 --> 00:15:53.900
<v Jan Kalbitzer>und die einerseits ziemlich gut fanden, dass ich da quasi auf Englisch diese Spracheingaben mache, Englisch lese und alles mal nachgucke

00:15:53.901 --> 00:16:00.300
<v Jan Kalbitzer>das hat mich sehr viel motiviert Englisch zu lernen, aber die Inhalte, es ging viel um Sexualität, ich war so gerade in der Pubertät,

00:16:00.301 --> 00:16:03.000
<v Jan Kalbitzer>das war dann so ein bisschen so ein fragwürdiges Thema.

00:16:03.001 --> 00:16:07.700
<v Tim Pritlove>Leisure Suit Larry.

00:16:07.701 --> 00:16:09.100
<v Jan Kalbitzer>Ja genau, das schwappte irgendwo …

00:16:09.101 --> 00:16:12.900
<v Jan Kalbitzer>Mein Vater ist ja Wissenschaftler und das schwappte irgendwo so aus der Wissenschaft.

00:16:12.901 --> 00:16:14.800
<v Jan Kalbitzer>Also da kam sowieso relativ viel.

00:16:14.801 --> 00:16:19.100
<v Jan Kalbitzer>Also als es so losging mit dem Netz, das war ja viel erst mal unter Wissenschaftlern verbreitet,

00:16:19.101 --> 00:16:24.000
<v Jan Kalbitzer>da schwappte viel so in unseren Keller, will ich mal sagen, wo der Computer stand

00:16:24.001 --> 00:16:29.900
<v Jan Kalbitzer>und da waren dann auf einmal Spiele drauf und Dinge möglich, die faszinierend waren für so einen 11/12-Jährigen.

00:16:29.901 --> 00:16:34.000
<v Jan Kalbitzer>Und das kam halt aus diesem Kontext, fand ich auch nochmal rückblickend ganz interessant,

00:16:34.001 --> 00:16:36.600
<v Jan Kalbitzer>dass das aus diese Instituten quasi so rübergeschwappt ist.

00:16:36.601 --> 00:16:43.300
<v Jan Kalbitzer>Wir hatten so einen ersten Laptop, der hatte die Größe eines Schuhkartons und war sauschwer und wahrscheinlich sehr wertvoll

00:16:43.301 --> 00:16:47.100
<v Jan Kalbitzer>und auf dem dann zu Hause gearbeitet wurde, ich glaube, 10.000 Mark hat der so gekostet.

00:16:47.101 --> 00:16:50.800
<v Jan Kalbitzer>Das waren so die Dinge, die über die Forschung dann irgendwann so losgingen.

00:16:50.801 --> 00:16:53.500
<v Tim Pritlove>Was war denn das Ergebnis bei dieser Befragung dann?

00:16:53.501 --> 00:16:57.600
<v Tim Pritlove>Also was habt ihr denn herausgefunden, wie es den Leuten mit dem Internet so ging?

00:16:57.601 --> 00:17:00.200
<v Jan Kalbitzer>Also unser Projekt war multizentrisch angelegt.

00:17:00.201 --> 00:17:10.900
<v Jan Kalbitzer>Das heißt, wir hatten einmal in Münster in der Kommunikationswissenschaft Kollegen, die haben eine quantitative Befragung gemacht

00:17:10.901 --> 00:17:16.200
<v Jan Kalbitzer>zusammen mit so Umfrageinstituten, die dann einfach Fragen rausgeschickt haben.

00:17:16.201 --> 00:17:22.100
<v Jan Kalbitzer>Zum Beispiel wie korreliert Wohlbefinden mit Internetnutzung in zeitlichem Umfang?

00:17:22.101 --> 00:17:27.800
<v Jan Kalbitzer>Oder wie ist es bei Menschen, die das Internet viel nutzen, haben die Charakteristika, die die Sucht erfüllen?

00:17:27.801 --> 00:17:34.100
<v Jan Kalbitzer>Und in Berlin haben wir dazu geforscht, was da für Kausalitäten hinter stehen.

00:17:34.101 --> 00:17:41.500
<v Jan Kalbitzer>Also die Idee war, dass in Münter Korrelationen erforscht werden, wo gar nicht klar ist, was ist die Henne und was ist das Ei?

00:17:41.501 --> 00:17:47.300
<v Jan Kalbitzer>Also gehen Leute mehr ins Internet, weil sie frustriert sind oder werden sie frustriert, weil sie mehr im Internet sind?

00:17:47.301 --> 00:17:53.500
<v Jan Kalbitzer>Das konnte man an deren Daten nicht sehen, sondern das ist das, was wir dann in Berlin in qualitativen langen Gesprächen erforschen,

00:17:53.501 --> 00:17:56.400
<v Jan Kalbitzer>was ist die Ursache und was ist die Wirkung.

00:17:56.401 --> 00:17:59.000
<v Jan Kalbitzer>Und das ließ sich in diesen Gesprächen nicht so genau sagen.

00:17:59.001 --> 00:18:05.000
<v Jan Kalbitzer>Also was wir gesehen haben in diesen Gesprächen mit Menschen in Krisen war, dass niemand gesagt hat,

00:18:05.001 --> 00:18:11.400
<v Jan Kalbitzer>ich habe ganz viel das Internet genutzt, dann bin ich in eine Krise geraten, also das Internet hat die quasi verursacht,

00:18:11.401 --> 00:18:13.800
<v Jan Kalbitzer>aber dass es so einen Interaktionseffekt gab.

00:18:13.801 --> 00:18:20.400
<v Jan Kalbitzer>Also dass Leute gesagt haben, die Krise fing so ein bisschen an, dann habe ich angefangen mehr im Netz rumzuhängen,

00:18:20.401 --> 00:18:21.600
<v Jan Kalbitzer>mich auch so ein bisschen da rein zurückzuziehen.

00:18:21.601 --> 00:18:28.200
<v Jan Kalbitzer>Also es gibt so bei depressiven Krisen manchmal so einen sozialen Rückzug, dass man weniger in Kontakt geht,

00:18:28.201 --> 00:18:32.700
<v Jan Kalbitzer>auch die Herausforderung im Alltag meidet, also dass man Sachen liegen lässt und sich nicht so kümmert

00:18:32.701 --> 00:18:37.100
<v Jan Kalbitzer>und dass das Netz ein Ort sein kann, wo man sich wahnsinnig gut drücken kann,

00:18:37.101 --> 00:18:41.200
<v Jan Kalbitzer>wo Herausforderungen und gerade noch so ein bisschen Kontakte hält, so wie einem das passt.

00:18:41.201 --> 00:18:44.000
<v Tim Pritlove>So ein Prokrastinationsparadies.

00:18:44.001 --> 00:18:48.500
<v Jan Kalbitzer>Das auch, aber das ist mir zu negativ, also das hat auch positive Auswirkungen.

00:18:48.501 --> 00:18:54.800
<v Jan Kalbitzer>Man weiß aus Studien mit Menschen, die ADHS haben, dass die Möglichkeit, die Eintauchtiefe selbst zu regulieren, dazu führt,

00:18:54.801 --> 00:18:57.100
<v Jan Kalbitzer>dass die ihre Aufmerksamkeit viel besser steuern können.

00:18:57.101 --> 00:19:02.500
<v Jan Kalbitzer>Also dass die sagen können, ich lese jetzt irgendwas, was eher intensiv ist, dann springe ich kurz zu einem Video

00:19:02.501 --> 00:19:07.000
<v Jan Kalbitzer>und dann lese ich wieder einen leichteren Text, dass das durchaus positive Wirkungen hat bei manchen Menschen.

00:19:07.001 --> 00:19:09.900
<v Jan Kalbitzer>Das war auch bei uns ein sehr positiver Effekt.

00:19:09.901 --> 00:19:15.400
<v Tim Pritlove>Weil sie sozusagen in dem Moment nicht darunter leiden müssen unter ihrer Einschränkung,

00:19:15.401 --> 00:19:18.500
<v Tim Pritlove>sondern genau das geliefert bekommen, was sie in dem Moment brauchen.

00:19:18.501 --> 00:19:23.000
<v Tim Pritlove>Ich kann mich eh nicht konzentrieren, ich brauche jetzt kurz was anderes, das kriege ich auch, jetzt kann ich mich auch wieder mit dem ersten beschäftigen.

00:19:23.001 --> 00:19:27.000
<v Jan Kalbitzer>Genau. Also dass man so hin und her springen kann und dadurch Wissen ganz anders aufnehmen kann.

00:19:27.001 --> 00:19:30.700
<v Jan Kalbitzer>Und das war bei den Menschen in Krisen auch so, wie die das beschrieben haben.

00:19:30.701 --> 00:19:36.200
<v Jan Kalbitzer>Also dass die sagen können, es tut auch eine Weile ganz gut, einfach zu Hause zu sitzen, sich den Herausforderungen nicht zu stellen,

00:19:36.201 --> 00:19:42.800
<v Jan Kalbitzer>Essen zu bestellen und vielleicht in einem Forum zu sein, wo Menschen sind, denen es ähnlich geht, sich auszutauschen.

00:19:42.801 --> 00:19:47.000
<v Jan Kalbitzer>Aber längerfristig ist es so, dass man in so eine Zwischenzone kommt, in so einen Graubereich,

00:19:47.001 --> 00:19:50.100
<v Jan Kalbitzer>wo es einem dann nicht wieder richtig gut geht, aber auch nicht richtig schlecht

00:19:50.101 --> 00:19:53.300
<v Jan Kalbitzer>und man deswegen keine Hilfe sucht und irgendwo dazwischen hängt.

00:19:53.301 --> 00:19:58.900
<v Jan Kalbitzer>Und dass war so das Problematische, was immer wieder beschrieben wurde, was ich ganz interessant gefunden habe.

00:19:58.901 --> 00:20:05.200
<v Jan Kalbitzer>Und ich habe dann auch so nachgefragt zum Beispiel, was denn fehlt.

00:20:05.201 --> 00:20:08.900
<v Jan Kalbitzer>Also ich habe mit Experten auch gesprochen, wir haben Experteninterviews gemacht

00:20:08.901 --> 00:20:12.300
<v Jan Kalbitzer>und wir haben Interviews gemacht mit Menschen in Krisen.

00:20:12.301 --> 00:20:18.300
<v Jan Kalbitzer>Und gerade so Experten haben dann auch gesagt, dass ein Effekt ist bei Menschen, die dieses Phänomen haben,

00:20:18.301 --> 00:20:22.600
<v Jan Kalbitzer>was aus meiner Sicht fälschlicherweise als Internetsucht beschrieben wird.

00:20:22.601 --> 00:20:26.500
<v Jan Kalbitzer>Also Menschen, die im Netz in Spielen zum Beispiel versacken, so würde ich das nennen.

00:20:26.501 --> 00:20:29.800
<v Jan Kalbitzer>Wenn die wieder rauskommen, haben die oft verlernt, Herausforderungen anzunehmen

00:20:29.801 --> 00:20:33.700
<v Jan Kalbitzer>und bestimmte Intensitäten in sozialen Interaktionen auszuhalten.

00:20:33.701 --> 00:20:38.400
<v Jan Kalbitzer>Also sich einem direkten Kontakt mit jemandem zu stellen, der vielleicht wütend ist, der schlecht drauf ist

00:20:38.401 --> 00:20:43.700
<v Jan Kalbitzer>und eine Auseinandersetzung zu führen oder in den Alltag zu gehen und zu sagen, ich nehme jetzt mal die ganzen Unterlagen,

00:20:43.701 --> 00:20:47.400
<v Jan Kalbitzer>fülle die aus und stelle einen Antrag beim Arbeitsamt, das ist dann ein riesiger Angang,

00:20:47.401 --> 00:20:52.800
<v Jan Kalbitzer>wenn man gewohnt ist, vorher die ganze Zeit diese Eintauchtiefe selbst zu regulieren, die Herausforderungen selbst zu regulieren,

00:20:52.801 --> 00:20:55.400
<v Jan Kalbitzer>was im Netz einfach wahnsinnig gut möglich ist die ganze Zeit.

00:20:55.401 --> 00:20:56.400
<v Tim Pritlove>Auch für Schüler vielleicht ein Problem.

00:20:56.401 --> 00:20:58.300
<v Jan Kalbitzer>Auch für Schüler zum Beispiel.

00:20:58.301 --> 00:21:07.100
<v Jan Kalbitzer>Das heißt, dieses Verlernen des Annehmens von Herausforderungen das war ein ganz wesentliches Element.

00:21:07.101 --> 00:21:16.300
<v Jan Kalbitzer>Und andersrum, wenn es um positive Effekte geht, ich habe oft dann gefragt, wenn wir jetzt mal nicht auf das Negative uns konzentrieren,

00:21:16.301 --> 00:21:25.500
<v Jan Kalbitzer>sondern sagen, das Internet verändert alles, aber was möchten wir denn positiv erhalten an dem was vermeintlich vorher da war,

00:21:25.501 --> 00:21:28.300
<v Jan Kalbitzer>dann ging es oft um den Blick des Menschen.

00:21:28.301 --> 00:21:36.400
<v Jan Kalbitzer>Also Eltern sagen, dass sie sich wünschen, dass ihre Kinder in der Lage sind, anderen Menschen in die Augen zu schauen bei Gesprächen.

00:21:36.401 --> 00:21:38.100
<v Jan Kalbitzer>Das hat mich total fasziniert.

00:21:38.101 --> 00:21:43.500
<v Jan Kalbitzer>Und eine Aussage hat mich beeindruckt, dass jemand mir gesagt hat, wenn man so im Netz ist,

00:21:43.501 --> 00:21:45.800
<v Jan Kalbitzer>dann ist man in seiner eigenen kleinen Welt.

00:21:45.801 --> 00:21:50.300
<v Jan Kalbitzer>Was ich interessant fand, weil ich dachte, die Vernetzung führt eigentlich dazu, dass man in die große weite Welt rauskommt.

00:21:50.301 --> 00:21:54.100
<v Jan Kalbitzer>Und habe dann nachgefragt, wie ist denn das gemeint, dieses eigene kleine Welt?

00:21:54.101 --> 00:22:01.600
<v Jan Kalbitzer>Da ging es ganz viel darum, dass die Präsenz eines anderen Menschen eine bestimmte Relevanz hat

00:22:01.601 --> 00:22:08.100
<v Jan Kalbitzer>und das für einige Menschen die nur entstehen kann, wenn diese andere Person neben ihnen sitzt oder anwesend ist,

00:22:08.101 --> 00:22:17.100
<v Jan Kalbitzer>dass man spürt, da ist eine andere Person, die hat eine andere Sicht auf die Welt als ich, die hat eine ganz andere Wahrnehmung der Welt als ich,

00:22:17.101 --> 00:22:21.600
<v Jan Kalbitzer>und ich muss aushalten, dass dieser Mensch mit dieser anderen Wahrnehmung da ist.

00:22:21.601 --> 00:22:29.900
<v Jan Kalbitzer>Das kann herausfordernd sein, dass man in seiner eigenen Weltsicht hinterfragt und auch man nimmt eine Kritik wahr.

00:22:29.901 --> 00:22:36.300
<v Jan Kalbitzer>Da ist jemand anderes, der blickt anders auf die Welt und dann denke ich, okay, das heißt, möglicherweise dass ich mich theoretisch irren kann in meinem Blick.

00:22:36.301 --> 00:22:39.600
<v Tim Pritlove>Und die Person existiert auch in Fleisch und Blut und sitzt neben mir.

00:22:39.601 --> 00:22:42.100
<v Jan Kalbitzer>Genau, die sitzt da und diese Präsenz hat eine besondere Bedeutung.

00:22:42.101 --> 00:22:50.400
<v Jan Kalbitzer>Bei denen, die das als positives benannt haben, ging es darum zu sagen, es ist wichtig das zu erhalten, diese Präsenz

00:22:50.401 --> 00:22:59.000
<v Jan Kalbitzer>und bei denjenigen, die gesagt haben, dass sie sich zurückgezogen haben zu sehr, ging es oft darum, diese Präsenz wieder aushalten zu lernen.

00:22:59.001 --> 00:23:06.100
<v Jan Kalbitzer>Wenn sie aus der Krise kommen und sich zu viel ins Netz zurückgezogen hatten, aushalten zu lernen, da sind andere Menschen,

00:23:06.101 --> 00:23:11.700
<v Jan Kalbitzer>die denken ganz anders als ich, die sind auch vielleicht nicht mit allem einverstanden was ich mache, aber die sind einfach da

00:23:11.701 --> 00:23:12.900
<v Jan Kalbitzer>und die kann ich nicht wegtun.

00:23:12.901 --> 00:23:21.300
<v Jan Kalbitzer>Der Rückzug davon eins der wichtigen Probleme war, die wir da so gehört haben.

00:23:21.301 --> 00:23:28.500
<v Tim Pritlove>Und was war so die Erkenntnis aus dieser Studie letztlich?

00:23:28.501 --> 00:23:33.400
<v Jan Kalbitzer>Die wichtigste Erkenntnis war, dass die Frage nicht beantwortbar ist.

00:23:33.401 --> 00:23:36.400
<v Jan Kalbitzer>Und das war auch sehr stark damit verbunden, dass ich sehr an…

00:23:36.401 --> 00:23:41.800
<v Tim Pritlove>Und die Frage in dem Moment ist, ist das Internet ein Suchtproblem oder was war die Frage?

00:23:41.801 --> 00:23:46.100
<v Jan Kalbitzer>Ist das Internet schlecht für die Psyche?

00:23:46.101 --> 00:23:55.100
<v Jan Kalbitzer>Also wir wollten nicht die Sucht erforschen, sondern wir hatten die Frage, wirkt sich das Internet negativ auf die psychische Gesundheit aus?

00:23:55.101 --> 00:23:58.200
<v Jan Kalbitzer>Und wenn ja, wie?

00:23:58.201 --> 00:24:01.700
<v Jan Kalbitzer>Und die Frage ist im Prinzip nicht beantwortbar aus verschiedenen Gründen.

00:24:01.701 --> 00:24:06.700
<v Jan Kalbitzer>Das eine ist, die Menschen nutzen das Netz ganz unterschiedlich, ganz individuell.

00:24:06.701 --> 00:24:09.400
<v Jan Kalbitzer>Dann ist es so, dass sich das Verhalten ständig verändert.

00:24:09.401 --> 00:24:13.900
<v Jan Kalbitzer>Es gibt ganz interessante Studien dazu aus den USA, die Ende der 90er gemacht wurden, wo man geguckt hat,

00:24:13.901 --> 00:24:18.700
<v Jan Kalbitzer>wie verändert sich die Psyche von Leuten, wenn sie ihren Internetanschluss, also damals noch mit Kabel, gekriegt haben zu Hause.

00:24:18.701 --> 00:24:22.200
<v Jan Kalbitzer>Und dann war es so, dass in den ersten zwei Jahren erst mal die Stimmung schlechter wurde,

00:24:22.201 --> 00:24:25.600
<v Jan Kalbitzer>soziale Kontakte nachgelassen haben und das haben die dann veröffentlicht.

00:24:25.601 --> 00:24:29.300
<v Jan Kalbitzer>Aber weil das gute Forscher waren, haben sie dann noch eine Folgestudie gemacht und gesehen,

00:24:29.301 --> 00:24:33.800
<v Jan Kalbitzer>nach so einer Gewöhnungsphase normalisiert sich das aber wieder.

00:24:33.801 --> 00:24:37.100
<v Jan Kalbitzer>Das heißt, oft sind das Anfangseffekte, die dann nach einer Gewöhnung wieder raus sind.

00:24:37.101 --> 00:24:41.000
<v Tim Pritlove>So Anpassungsprobleme, wenn ich in eine andere Stadt ziehe, dann ist am Anfang erst mal alles schwierig.

00:24:41.001 --> 00:24:45.100
<v Tim Pritlove>Ich kenne die Strukturen nicht, ich habe keine Netzwerke etc., aber das löst sich dann vielleicht auch wieder auf.

00:24:45.101 --> 00:24:47.100
<v Jan Kalbitzer>Das löst sich wieder auf, weil wir lernen müssen damit umzugehen.

00:24:47.101 --> 00:24:55.800
<v Jan Kalbitzer>Da gibt es interessante Studien vom Bredow-Institut in Hamburg zu, die sagen, die negativen Auswirkungen des Internets in Familien

00:24:55.801 --> 00:25:02.200
<v Jan Kalbitzer>kommen gar nicht unbedingt durch das Internet selbst, also nicht durch die Nutzung selbst, sondern durch das Streiten darüber.

00:25:02.201 --> 00:25:05.300
<v Jan Kalbitzer>Dass es Streits gibt, wie das Internet in der Familie genutzt wird.

00:25:05.301 --> 00:25:11.500
<v Jan Kalbitzer>Wie lange dürfen Kinder da dran, was ist gut was ist schlecht und was sollten sie stattdessen tun?

00:25:11.501 --> 00:25:17.000
<v Jan Kalbitzer>Aber auch mit Eltern, also selbst mein Sechsjähriger sagt mir dann, wenn du jetzt dein Smartphone benutzt, darf ich dann bitte auch mal ans iPad?

00:25:17.001 --> 00:25:18.500
<v Jan Kalbitzer>So was muss ja verhandelt werden.

00:25:18.501 --> 00:25:25.300
<v Jan Kalbitzer>Und dass dieser Verhandlungsprozess eine große Anstrengung mit sich bringt, bei dem es gar nicht unbedingt um das Internet selbst geht,

00:25:25.301 --> 00:25:31.200
<v Jan Kalbitzer>sondern dass es darum geht, Veränderungen zu verhandeln und neue Kulturen zu finden, um damit umzugehen.

00:25:31.201 --> 00:25:36.000
<v Tim Pritlove>Jetzt bist du aber noch tätig als Psychiater?

00:25:36.001 --> 00:25:40.400
<v Jan Kalbitzer>Ich bin noch als klinischer Psychiater tätig, aber nicht mehr als Wissenschaftler.

00:25:40.401 --> 00:25:50.100
<v Jan Kalbitzer>Ende Mai letzten Jahres habe ich in der Charité aufgehört und bin ausgestiegen aus dem Forschungsbetrieb.

00:25:50.101 --> 00:25:52.700
<v Jan Kalbitzer>Und der eine Faktor war einfach, dass ich gemerkt habe…

00:25:52.701 --> 00:25:58.800
<v Jan Kalbitzer>Also das Projekt, was wir gemacht haben, ist einerseits, würde ich sagen, die Ergebnisse in Münster sind interessant

00:25:58.801 --> 00:26:04.400
<v Jan Kalbitzer>und wissenschaftlich valide und wir hatten auch einen philosophischen Zweig, der erst in Tübingen war

00:26:04.401 --> 00:26:10.000
<v Jan Kalbitzer>und jetzt in Paderborn ist, bei Tobias Matzner, der da einen Lehrstuhl hat, der für mich total hilfreich war,

00:26:10.001 --> 00:26:12.300
<v Jan Kalbitzer>weil die vieles philosophisch hinterfragt haben.

00:26:12.301 --> 00:26:13.500
<v Jan Kalbitzer>Was ist eigentlich eine Diagnose?

00:26:13.501 --> 00:26:16.800
<v Jan Kalbitzer>Was ist eigentlich analog versus digital?

00:26:16.801 --> 00:26:22.000
<v Jan Kalbitzer>Wenn ich hier noch von einer digitalen analogen Welt gesprochen habe am Anfang als Psychiater, haben die mir gesagt,

00:26:22.001 --> 00:26:27.700
<v Jan Kalbitzer>du pass auf, Identität ist ein performativer Akt und alles was du da machst ist Teil deiner Identität, egal ob analog oder digital,

00:26:27.701 --> 00:26:33.000
<v Jan Kalbitzer>du kannst nicht deinen analoge Identität von deiner digitalen trennen, es gibt nicht zwei Identitäten.

00:26:33.001 --> 00:26:37.200
<v Jan Kalbitzer>Und da habe ich wahnsinnig viel gelernt über diesen philosophischen Teil.

00:26:37.201 --> 00:26:42.700
<v Jan Kalbitzer>Die haben unglaublich viel gemacht auch zum Thema Kommunikation von Medienproblemen.

00:26:42.701 --> 00:26:46.400
<v Jan Kalbitzer>Also wie geht man damit um in Schulen zum Beispiel?

00:26:46.401 --> 00:26:50.500
<v Jan Kalbitzer>Aber ich würde sagen, in Berlin sind wir an unserer Fragestellung gescheitert.

00:26:50.501 --> 00:26:57.100
<v Jan Kalbitzer>Also es ist einmal so, dass ich sagen würde, das Projekt hat nicht geklappt und da bin ich auch ziemlich überrascht gewesen von der Stiftung,

00:26:57.101 --> 00:27:02.600
<v Jan Kalbitzer>wir sind ja gefördert worden von der Daimler und Benz Stiftung und ich habe letztes Jahr dem Geschäftsführer der Stiftung gesagt,

00:27:02.601 --> 00:27:09.900
<v Jan Kalbitzer>also ich glaube, dass der Teil, den wir in Berlin gemacht haben, wissenschaftlich insofern gescheitert ist,

00:27:09.901 --> 00:27:14.700
<v Jan Kalbitzer>als dass wir uns eine Frage gestellt haben, die mit unseren Möglichkeiten nicht beantwortbar ist,

00:27:14.701 --> 00:27:20.800
<v Jan Kalbitzer>die ich aber auch gar nicht für beantwortbar halte, weil zu viele Prämissen da drin gesteckt haben,

00:27:20.801 --> 00:27:23.000
<v Jan Kalbitzer>die ich dann nach und nach angefangen habe zu hinterfragen.

00:27:23.001 --> 00:27:24.900
<v Tim Pritlove>Das ist ja auch eine wissenschaftliche Erkenntnis.

00:27:24.901 --> 00:27:26.200
<v Jan Kalbitzer>Das ist richtig.

00:27:26.201 --> 00:27:30.400
<v Jan Kalbitzer>Es war für mich, und da kommt der persönliche Teil, aber vor allem eine persönliche Erkenntnis, dass ich gemerkt habe,

00:27:30.401 --> 00:27:39.500
<v Jan Kalbitzer>dass gerade in diesem Teil der Wissenschaft so viele Prämissen drin sind, dass ich das erst mal für mich klarkriegen musste.

00:27:39.501 --> 00:27:46.000
<v Jan Kalbitzer>Also es gab einen Kongress, der veranstaltet wurde von der Bundessuchtbeauftragten zum Thema Generation internetsüchtig,

00:27:46.001 --> 00:27:52.900
<v Jan Kalbitzer>stark befeuert durch einen Teil von Psychiatern und Psychologen, die ein großes Interesse an der Diagnose Internetsucht haben,

00:27:52.901 --> 00:27:59.700
<v Jan Kalbitzer>wo ich den Eindruck hatte, es gibt die wissenschaftliche Grundlage gar nicht, um von einer Internetsucht zu sprechen.

00:27:59.701 --> 00:28:06.500
<v Jan Kalbitzer>Ganz viele Wissenschaftler stellen sich hin und sagen, dann gehen sie ins Internet, dann ist das wie bei so einem einarmigen Bandit,

00:28:06.501 --> 00:28:12.600
<v Jan Kalbitzer>Sie ziehen nach unten und dann passieren die gleichen Effekte wie bei der Spielsucht, nämlich Dopamin wird ausgeschüttet.

00:28:12.601 --> 00:28:17.900
<v Jan Kalbitzer>Bei Dopaminausschüttung Sucht, jetzt werden sie süchtig und dann ist das fast wie Heroin.

00:28:17.901 --> 00:28:21.400
<v Jan Kalbitzer>Das ist alles Quatsch, das ist völliger Bullshit.

00:28:21.401 --> 00:28:24.700
<v Jan Kalbitzer>Dopamin wird auch ausgeschüttet, wenn man eine Abfuhr kriegt, wenn man jemanden anbaggert,

00:28:24.701 --> 00:28:26.200
<v Jan Kalbitzer>weil Dopamin was mit Lernen zu tun hat.

00:28:26.201 --> 00:28:31.300
<v Jan Kalbitzer>Dopamin wird bei Bewegung ausgeschüttet, Dopamin wird ständig ausgeschüttet.

00:28:31.301 --> 00:28:36.200
<v Jan Kalbitzer>Also man wird ja auch nicht süchtig nach einer Abfuhr, nur weil man da Dopamin ausschüttet.

00:28:36.201 --> 00:28:41.400
<v Jan Kalbitzer>Und die ganze Idee, dass Spiele so süchtig machen wie Heroin, das ist so ein Unsinn.

00:28:41.401 --> 00:28:48.300
<v Jan Kalbitzer>Also Facebook, es gibt Leute, die sagen, dann loggen sie sich bei Facebook ein und dann ziehen sie nach unten zum erneuern

00:28:48.301 --> 00:28:52.600
<v Jan Kalbitzer>wie bei einem einarmigen Bandit und dann wird Dopamin ausgeschüttet und dann werden sie süchtig nach Facebook.

00:28:52.601 --> 00:29:01.600
<v Jan Kalbitzer>Das Problem ist nur, wenn sie von Heroin abhängig sind die Leute, dann geht das ja nicht einfach weg.

00:29:01.601 --> 00:29:09.600
<v Jan Kalbitzer>Es ist ja nicht so, dass man von Heroin abhängig wird und dann sagt man irgendwann, ach Gott, also jetzt langweilt mich Heroin,

00:29:09.601 --> 00:29:10.300
<v Jan Kalbitzer>aber jetzt höre ich auf.

00:29:10.301 --> 00:29:12.800
<v Jan Kalbitzer>Bei Facebook ist das ja ganz oft so.

00:29:12.801 --> 00:29:17.500
<v Jan Kalbitzer>Wir haben ja ganz viele Menschen, die ganz viel auf Facebook sind, das ganz viel nutzen und dann irgendwann genervt sind und sagen,

00:29:17.501 --> 00:29:24.400
<v Jan Kalbitzer>ach Facebook nervt mich irgendwie, die Kommunikation da, da ist so viel Negatives und dann auch jetzt mit diesem Datenschutz und so was,

00:29:24.401 --> 00:29:26.300
<v Jan Kalbitzer>ich höre auf damit.

00:29:26.301 --> 00:29:28.700
<v Jan Kalbitzer>Ich habe noch nie jemanden erlebt, der das bei Heroin gemacht hat, ganz ehrlich.

00:29:28.701 --> 00:29:33.500
<v Jan Kalbitzer>Und auch Alkoholsucht zum Beispiel wird ja auch gerne verglichen, dass jemand sagt so, nein also sorry, die Leute,

00:29:33.501 --> 00:29:37.200
<v Jan Kalbitzer>die in der Kneipe rumhängen gehen mir so auf die Nerven, jetzt höre ich auf zu trinken.

00:29:37.201 --> 00:29:40.000
<v Jan Kalbitzer>Wenn man körperlich süchtig ist danach funktioniert das so nicht.

00:29:40.001 --> 00:29:49.200
<v Jan Kalbitzer>Das mag funktionieren, wenn man so einen Konsum hat, der schädlich ist, den Alkohol vielleicht nutzt, weil man nicht einschläft ohne Alkohol,

00:29:49.201 --> 00:29:53.600
<v Jan Kalbitzer>wenn man gestresst ist, aber wenn man richtig körperlich abhängig ist und so war ja der Vergleich, dann sagt man nicht,

00:29:53.601 --> 00:29:57.500
<v Jan Kalbitzer>ich bin genervt von Leuten in der Kneipe, ich höre auf Bier zu trinken, das ist so nicht.

00:29:57.501 --> 00:30:03.500
<v Jan Kalbitzer>Und deswegen hinkt dieser Vergleich sehr und das hat mich an der Community einfach sehr gestört, dass ich gemerkt habe,

00:30:03.501 --> 00:30:08.600
<v Jan Kalbitzer>man nennt das in der Soziologie Moral Panic, dass man wissenschaftliche Erkenntnisse nutzt,

00:30:08.601 --> 00:30:13.900
<v Jan Kalbitzer>und das, was man für moralisch richtig hält, zu untermauern oder durchzusetzen.

00:30:13.901 --> 00:30:24.100
<v Jan Kalbitzer>Und im Rahmen der HIV-Verbreitung damals war das häufig so, dass dann die Assoziation zu Homosexualität hergestellt wurde

00:30:24.101 --> 00:30:31.600
<v Jan Kalbitzer>und bestimmte sexuelle Praktiken verdammt wurden und in Verbindung mit HIV und Aids gebracht wurden.

00:30:31.601 --> 00:30:35.900
<v Jan Kalbitzer>Da ging es dann darum, das auch moralisch zu nutzen, diese Erkrankung, um Dinge zu verurteilen.

00:30:35.901 --> 00:30:41.600
<v Jan Kalbitzer>Und mein Eindruck ist, dass beim Thema Internet und gerade Internetsucht was ganz ähnliches stattfindet.

00:30:41.601 --> 00:30:44.900
<v Jan Kalbitzer>Und ich habe sehr gezweifelt an wissenschaftlichen Institutionen.

00:30:44.901 --> 00:30:52.500
<v Jan Kalbitzer>Es gibt einige Wissenschaftler, die sehr davon profitieren, vor dem Internet zu warnen, die Bücher darüber schreiben,

00:30:52.501 --> 00:30:56.200
<v Jan Kalbitzer>die sich gut verkaufen, die gut bezahlte Vorträge darüber halten.

00:30:56.201 --> 00:30:57.000
<v Tim Pritlove>Manfred Spitzer zum Beispiel.

00:30:57.001 --> 00:30:59.900
<v Jan Kalbitzer>Ich will das gar nicht mal so im Detail erwähne, weil ich das so schlimm finde.

00:30:59.901 --> 00:31:00.600
<v Tim Pritlove>Ja.

00:31:00.601 --> 00:31:02.500
<v Jan Kalbitzer>Und die Universitäten reagieren nicht darauf.

00:31:02.501 --> 00:31:10.000
<v Jan Kalbitzer>Ich bin überhaupt nicht dafür, wissenschaftliche Meinungsfreiheit einzuschränken, aber wenn jemand seine Position an einer Universität nutzt,

00:31:10.001 --> 00:31:20.000
<v Jan Kalbitzer>um unwissenschaftlich Angst zu machen, damit viel Geld zu verdienen, seine moralische Überzeugung zu verbreiten mit dem Habitus eines Wissenschaftlers,

00:31:20.001 --> 00:31:22.900
<v Jan Kalbitzer>dann finde ich das moralisch hochgradig fragwürdig.

00:31:22.901 --> 00:31:28.800
<v Jan Kalbitzer>Und dieses ganze Geschäft, was da stattfindet, es gibt ganz viele tolle Wissenschaftler, die man nicht hört und nicht sieht und die sehr leise sind,

00:31:28.801 --> 00:31:35.800
<v Jan Kalbitzer>trotzdem habe ich angefangen damit zu hadern und das hat auch was mit meiner persönlichen Verfügbarkeit zu tun.

00:31:35.801 --> 00:31:42.800
<v Jan Kalbitzer>Ich habe selber so eine Faszination dafür gewonnen und gemerkt, ich bekomme Zugänge zu Welten, die mich interessieren,

00:31:42.801 --> 00:31:48.300
<v Jan Kalbitzer>wo ich viel mehr verstehe auch über das Internet als durch meine Forschung selbst.

00:31:48.301 --> 00:31:51.600
<v Jan Kalbitzer>Und ist das eigentlich noch, also passt das noch zueinander?

00:31:51.601 --> 00:31:54.600
<v Jan Kalbitzer>Also ich habe publizistisch angefangen zu arbeiten, ich habe ganz viel geschrieben.

00:31:54.601 --> 00:31:57.700
<v Jan Kalbitzer>Zum Beispiel ich habe für Zeit online geschrieben, ich habe auch mal für die Welt geschrieben,

00:31:57.701 --> 00:32:05.100
<v Jan Kalbitzer>weil ich wissen wollte, was passiert, wenn ich für Axel Springer Medien schreibe und habe danach immer in den Kommentarspalten mitdiskutiert

00:32:05.101 --> 00:32:09.000
<v Jan Kalbitzer>und geguckt, wie Leute reagieren, bin mit denen in persönlichen Kontakt gekommen.

00:32:09.001 --> 00:32:16.000
<v Jan Kalbitzer>Auf Twitter folgte mir die AfD als Account eine Weile und ich habe mit denen im Privatchat relativ viel kommuniziert

00:32:16.001 --> 00:32:20.700
<v Jan Kalbitzer>und ich fand das fasziniert und ich bin dann zu einer AfD-Veranstaltung gegangen und habe mit den Leuten gesprochen.

00:32:20.701 --> 00:32:25.800
<v Jan Kalbitzer>Und habe mit denen darüber gesprochen, warum die das machen, versucht deren Motive zu verstehen.

00:32:25.801 --> 00:32:31.500
<v Jan Kalbitzer>Ich bin also in Welten reingekommen, die mir zugänglich wurden durch diese Arbeit, durch die Präsenz als Wissenschaftler.

00:32:31.501 --> 00:32:37.600
<v Jan Kalbitzer>Habe aber irgendwann gemerkt, das, was ich jetzt mache, kann ich nicht mehr machen, wenn ich mit der Autorität als Wissenschaftler komme,

00:32:37.601 --> 00:32:46.300
<v Jan Kalbitzer>weil ich finde, die publizistische Persona und die wissenschaftliche möchte ich nicht gleichzeitig benutzen, weil das nicht redlich ist.

00:32:46.301 --> 00:32:52.500
<v Jan Kalbitzer>Und das war für mich ein persönlicher Konflikt, der dazu geführt hat, dass ich gesagt habe, ich finde den publizistischen Teil eigentlich spannender,

00:32:52.501 --> 00:32:59.200
<v Jan Kalbitzer>ich finde das Diskutieren, so was wir hier auch machen, spannender als die Forschung und ich bin auch nicht so gut in der Forschung wie andere,

00:32:59.201 --> 00:33:03.700
<v Jan Kalbitzer>deswegen möchte ich den anderen Teil mehr machen und das war dann so mein persönlicher Ausstieg.

00:33:03.701 --> 00:33:08.300
<v Jan Kalbitzer>Und ich glaube, für mich war das ein großer Vorteil, weil es gibt ganz viele Leute, die in so einer Phase sind zwischen 30 und 40,

00:33:08.301 --> 00:33:15.100
<v Jan Kalbitzer>sich so von Postdoc zu Postdoc hangeln nach dem PHD und dann irgendwann nicht mehr wissen, das sind immer nur Zeitverträge,

00:33:15.101 --> 00:33:17.900
<v Jan Kalbitzer>geht es weiter mit mir in der wissenschaftlichen Welt?

00:33:17.901 --> 00:33:19.200
<v Tim Pritlove>Großes Problem ja.

00:33:19.201 --> 00:33:24.300
<v Jan Kalbitzer>Ich bin da total privilegiert als Arzt, weil ich als Arzt arbeiten kann, trotzdem war der Ausstieg für mich auch schwer,

00:33:24.301 --> 00:33:30.600
<v Jan Kalbitzer>weil das einen totale Kränkung ist zu sagen, ich gehe jetzt raus aus der Charité, wo ich diesen Status habe, den aufzugeben.

00:33:30.601 --> 00:33:36.300
<v Jan Kalbitzer>Und bevor ich ausgestiegen bin, habe ich eine Reise gemacht zu Kollegen, die ausgestiegen sind aus dieser Charité-Welt

00:33:36.301 --> 00:33:41.400
<v Jan Kalbitzer>und irgendwas anderes machen an kleineren Unis oder sich klinisch nur noch betätigen und habe die befragt.

00:33:41.401 --> 00:33:48.400
<v Jan Kalbitzer>Und eigentlich waren alle, die ich gefragt habe, frustriert und haben das irgendwie vermisst, da an der Charité gewesen zu sein.

00:33:48.401 --> 00:33:51.900
<v Jan Kalbitzer>Der Glamour-Faktor Charité würde ich mal sagen.

00:33:51.901 --> 00:33:54.400
<v Jan Kalbitzer>Ich habe eine Weile die Pressearbeit für unsere Abteilung gemacht.

00:33:54.401 --> 00:33:59.800
<v Jan Kalbitzer>Das heißt, ich habe die Anrufe entgegengenommen, die für die Psychiatrie reinkamen von Presse draußen.

00:33:59.801 --> 00:34:06.100
<v Jan Kalbitzer>Das waren so absurde Anfragen, die zum Teil kamen und trotzdem war es toll gefragt zu werden, das ist so eine Aufwertung, die stattfindet.

00:34:06.101 --> 00:34:11.100
<v Jan Kalbitzer>Und ich bin von Facebook eingeladen worden, das war auch total faszinierend.

00:34:11.101 --> 00:34:16.100
<v Jan Kalbitzer>Ich habe irgendwann einen Artikel über Facebook geschrieben für Zeit online, dann folgte mir jemand von Facebook.

00:34:16.101 --> 00:34:22.400
<v Jan Kalbitzer>Dann habe ich auch wieder, genau auf Twitter folgte mir die Person von Facebook, da habe ich auch wieder im Privatchat Kontakt aufgenommen.

00:34:22.401 --> 00:34:27.800
<v Jan Kalbitzer>Ich habe im Privatchat von Twitter die tollsten Leute kennengelernt, wirklich, ganz tolle Kontakte hergestellt.

00:34:27.801 --> 00:34:32.700
<v Jan Kalbitzer>Das war ein ganz wichtiges Tor zur Gesellschaft für mich, Privatchats bei Twitter.

00:34:32.701 --> 00:34:41.500
<v Jan Kalbitzer>Und bin dann bei Facebook in Berlin gewesen, bin auch bei einer Konferenz gewesen mit Monika Bickert, die zuständig ist für die Policy bei Facebook,

00:34:41.501 --> 00:34:46.600
<v Jan Kalbitzer>die also entscheidet, was wird gelöscht, was wird nicht gelöscht, für ganz Facebook ist die für so was zuständig.

00:34:46.601 --> 00:34:48.500
<v Jan Kalbitzer>Und das ist so interessant, was die da machen.

00:34:48.501 --> 00:34:54.300
<v Jan Kalbitzer>Es tut mir leid, wenn ich jetzt schon wieder so einen Seitenweg nehme, Tim, aber die Sache ist, die Frage,

00:34:54.301 --> 00:35:03.100
<v Jan Kalbitzer>dass ein internationales Unternehmen Kommunikationsregeln festlegt, die internationale Gültigkeit haben sollen,

00:35:03.101 --> 00:35:11.400
<v Jan Kalbitzer>also eine Metaphysik der Sitten für die ganze Welt muss dieses Unternehmen irgendwie festlegen und das ist wahnsinnig kompliziert.

00:35:11.401 --> 00:35:17.600
<v Jan Kalbitzer>Also wenn wir darüber diskutieren, wir möchten, dass deutsche Gesetze umgesetzt werden, ist ja die Frage, wo werden die umgesetzt?

00:35:17.601 --> 00:35:26.800
<v Jan Kalbitzer>Also wenn ich in Berlin sitze, über VPN mich in Brasilien einwähle, da irgendwo im Chat bin und mit jemanden aus der Türkei,

00:35:26.801 --> 00:35:28.600
<v Jan Kalbitzer>welche Gesetze werden da eigentlich angewandt?

00:35:28.601 --> 00:35:31.900
<v Jan Kalbitzer>Das ist gar nicht so banal, so eine Frage zu beantworten.

00:35:31.901 --> 00:35:37.200
<v Jan Kalbitzer>Weil wenn ich über Thor zum Beispiel reingehe und dann komme ich irgendwo in Brasilien raus und kommuniziere mit jemandem aus der Türkei,

00:35:37.201 --> 00:35:43.500
<v Jan Kalbitzer>der dann vielleicht chinesischer Staatsbürger ist, wessen Gesetze gelten dann?

00:35:43.501 --> 00:35:51.300
<v Jan Kalbitzer>Und solche Themen fand ich total interessant und wurde dann eingeladen, als Wissenschaftler doch mal nach Menlo Park Zu kommen.

00:35:51.301 --> 00:35:56.500
<v Jan Kalbitzer>Ich stand also neben dieser Monika Bickert, die dann über WhatsApp gerade mit Marc Zuckerberg im Austausch war irgendwo in Berlin

00:35:56.501 --> 00:36:00.600
<v Jan Kalbitzer>und dann sagte sie, Mensch, das ist doch spannend was du sagst, komm doch mal vorbei.

00:36:00.601 --> 00:36:04.800
<v Jan Kalbitzer>Und dann hatte ich irgendwann so ein paar Vorgespräche und war eingeladen zu so einem Gespräch

00:36:04.801 --> 00:36:08.200
<v Jan Kalbitzer>und bin dann nicht, weil meine Kinder krank waren, was ich auch ganz interessant fand,

00:36:08.201 --> 00:36:10.700
<v Jan Kalbitzer>weil mir Kollegen erzählt haben, wie das da war.

00:36:10.701 --> 00:36:16.200
<v Jan Kalbitzer>Dass man da als Wissenschaftler hinfährt und sitzt dann da und da sitzen Leute von Facebook und hören einem zu

00:36:16.201 --> 00:36:22.100
<v Jan Kalbitzer>und sagen die ganze Zeit, das ist ja interessant was ihr uns erzählt, also geben dir total viele Props und positives Feedback diesen Wissenschaftlern,

00:36:22.101 --> 00:36:27.900
<v Jan Kalbitzer>die sich total aufgewertet fühlen, weil da irgendwie die Top-Leute von Facebook sitzen, was ich ja auch selber schon gespürt hatte.

00:36:27.901 --> 00:36:34.700
<v Jan Kalbitzer>Also ich hatte dann so einen Videochat mit Leuten von Facebook, da saßen so drei, nein vier, junge hübsche Menschen vor mir,

00:36:34.701 --> 00:36:39.100
<v Jan Kalbitzer>die ganz interessiert daran waren, was ich zu sagen habe als Charité-Wissenschaftler.

00:36:39.101 --> 00:36:43.900
<v Jan Kalbitzer>Und das ist total verführerisch, sich dann ernst genommen zu fühlen und zu sagen, Mensch da mache ich mit.

00:36:43.901 --> 00:36:48.100
<v Jan Kalbitzer>Und der eine, mit dem ich gesprochen habe, der da hingefahren ist, hat sich Urlaub genommen, weil er es nicht in seiner Funktion als Wissenschaftler machen wollte.

00:36:48.101 --> 00:36:51.600
<v Jan Kalbitzer>Alles total ambivalent für deutsche Wissenschaftler, wie gehe ich dahin, in welcher Rolle?

00:36:51.601 --> 00:36:53.700
<v Jan Kalbitzer>Trotzdem hat es so was verführerisches.

00:36:53.701 --> 00:36:57.600
<v Jan Kalbitzer>Und das sind so Sachen, die ich da so wahrgenommen habe, die musste ich erst mal für mich klarkriegen.

00:36:57.601 --> 00:37:00.000
<v Jan Kalbitzer>Was ist das eigentlich alles, was darf ich eigentlich alles?

00:37:00.001 --> 00:37:06.100
<v Jan Kalbitzer>Ich habe mich eingelassen auf Gespräche mit Leuten, die Lobbyisten sind, weil ich neugierig war,

00:37:06.101 --> 00:37:07.700
<v Jan Kalbitzer>was wollen die eigentlich von mir als Wissenschaftler?

00:37:07.701 --> 00:37:12.900
<v Jan Kalbitzer>Und an irgendeinem Punkt habe ich gemerkt, ich kann das nicht mehr in der Rolle als Wissenschaftler machen,

00:37:12.901 --> 00:37:17.400
<v Jan Kalbitzer>es interessiert mich trotzdem sehr und habe dann gesagt, ich arbeite jetzt beruflich hauptsächlich als Psychiater,

00:37:17.401 --> 00:37:24.800
<v Jan Kalbitzer>aber das geht nich mehr, das als Wissenschaftler weiterzumachen.

00:37:24.801 --> 00:37:42.100
<v Tim Pritlove>Diese Arbeit als Wissenschaftler oder nicht so richtig als Wissenschaftler, also das ist ja so ein bisschen so ein Laufen auf den Grenzen.

00:37:42.101 --> 00:37:47.800
<v Tim Pritlove>Wenn man dann auch in so einer Situation ist mit, okay jetzt haben wir hier geforscht, aber wir haben irgendwie am Ende festgestellt,

00:37:47.801 --> 00:37:53.600
<v Tim Pritlove>wir haben entweder nicht die richtigen Fragen gestellt oder unsere Fragestellung war an sich schon falsch

00:37:53.601 --> 00:38:00.000
<v Tim Pritlove>oder selbst wenn die angemessen wären, wir können hier zu keinen wirklichen Konklusionen kommen,

00:38:00.001 --> 00:38:07.700
<v Tim Pritlove>wie ist denn das dann, wenn man so einen Auftraggeber auch noch hat oder so einen Förderer in Form einer Stiftung,

00:38:07.701 --> 00:38:09.900
<v Tim Pritlove>wie kommuniziert man das dann da rein?

00:38:09.901 --> 00:38:13.300
<v Jan Kalbitzer>Das ist eine echt gute Frage, ich habe da auch so ein bisschen angesetzt.

00:38:13.301 --> 00:38:18.300
<v Jan Kalbitzer>Also ich habe das einen Weile vor mir hergeschoben, und so ein bisschen das immer wieder so ein bisschen gesagt auch,

00:38:18.301 --> 00:38:22.900
<v Jan Kalbitzer>so irgendwie das funktioniert nicht so richtig, aber irgendwann Ende letzten Jahres war dann so der Punkt,

00:38:22.901 --> 00:38:31.500
<v Jan Kalbitzer>wo ich zum Geschäftsführer von der Stiftung gesagt haben, das ist, wenn man nach der Fragestellung geht, gescheitert.

00:38:31.501 --> 00:38:34.100
<v Jan Kalbitzer>Wie du schon gesagt hast, das ist auch einen Erkenntnis, die lässt sich nicht beantworten.

00:38:34.101 --> 00:38:39.600
<v Jan Kalbitzer>Wir haben auch ganz viele interessante Sachen gefunden dabei.

00:38:39.601 --> 00:38:42.400
<v Jan Kalbitzer>Aber letztendlich muss man sagen, im klassischen Sinne, dass wir eine Hypothese hatten, die wir untersucht haben

00:38:42.401 --> 00:38:46.200
<v Jan Kalbitzer>und jetzt eine Antwort darauf haben, das ist nicht der Fall gewesen.

00:38:46.201 --> 00:38:50.300
<v Jan Kalbitzer>Und der Geschäftsführer von der Stiftung hat total entspannt darauf reagiert.

00:38:50.301 --> 00:38:55.800
<v Jan Kalbitzer>Der hat selber vorher Forschung gemacht und ist dann in die Stiftung reingegangen und hat total entspannt gesagt,

00:38:55.801 --> 00:38:57.700
<v Jan Kalbitzer>so ist Forschung, so findet Forschung statt.

00:38:57.701 --> 00:39:03.100
<v Jan Kalbitzer>Und das hat mich total berührt, weil ich gedacht habe, hey so muss es eigentlich sein.

00:39:03.101 --> 00:39:11.100
<v Jan Kalbitzer>Also so, ich hatte Angst davor das zu sagen, das hat nicht geklappt und es liegt sowohl daran wie das Forschungsprojekt konzipiert war

00:39:11.101 --> 00:39:16.100
<v Jan Kalbitzer>als auch an mir als Person möglicherweise, der ich da vielleicht nicht alles richtig gemacht habe.

00:39:16.101 --> 00:39:22.400
<v Jan Kalbitzer>Und der hat gesagt, so ist es halt in der Forschung, es gibt auch Projekte, wo man am Ende sagen muss, das hat so nicht funktioniert.

00:39:22.401 --> 00:39:24.700
<v Jan Kalbitzer>Und das ist auch eine valide Antwort.

00:39:24.701 --> 00:39:26.200
<v Jan Kalbitzer>Das hat mich wirklich beeindruckt.

00:39:26.201 --> 00:39:31.400
<v Jan Kalbitzer>Und ich habe überhaupt um diesen ganzen Prozess, ich war eine Weile ganz gut darin Anträge zu stellen,

00:39:31.401 --> 00:39:39.200
<v Jan Kalbitzer>viel Faszination entwickelt für Geschäftsführer von Stiftungen und für Stiftungen insgesamt, wo ich dann so vorgesprochen habe,

00:39:39.201 --> 00:39:44.600
<v Jan Kalbitzer>mich ganz viel mit denen unterhalten habe, weil diese Geschäftsführer oft Menschen sind,

00:39:44.601 --> 00:39:51.200
<v Jan Kalbitzer>bei denen ganz viele Wissenschaftler mit aktuellen Projekten vorsprechen, die so einen bestimmten Habitus haben, um sich aufzuplustern,

00:39:51.201 --> 00:39:56.800
<v Jan Kalbitzer>um zu sagen, wir haben da ein ganzes wichtiges Projekt, das ist ganz wichtig für die Menschheit, nur wir können das erforschen,

00:39:56.801 --> 00:40:01.500
<v Jan Kalbitzer>weil wir am wichtigsten Institut sitzen und dann müssen diese Geschäftsführer und diese Stiftungen entscheiden,

00:40:01.501 --> 00:40:02.900
<v Jan Kalbitzer>wem geben wir unser Geld?

00:40:02.901 --> 00:40:06.200
<v Jan Kalbitzer>Was sind relevante Themen, was sind verlässliche Wissenschaftler?

00:40:06.201 --> 00:40:08.900
<v Jan Kalbitzer>Welche Frage ist beantwortbar?

00:40:08.901 --> 00:40:17.200
<v Jan Kalbitzer>Und das sind total interessante Gesprächspartner, die Leute, die in so Stiftungen drin sitzen, weil die die ganze Zeit eben diese Themen am Laufen haben.

00:40:17.201 --> 00:40:23.500
<v Jan Kalbitzer>Die haben natürlich auch andere Themen am Laufen, nämlich welche Projekte fördern wir, damit wir als Stiftung gesehen und wahrgenommen werden,

00:40:23.501 --> 00:40:30.600
<v Jan Kalbitzer>wie kommen wir als Stiftung selber in die Medien, um sichtbar zu werden, damit wir vielleicht wieder mehr Fördergelder kriegen?

00:40:30.601 --> 00:40:38.700
<v Jan Kalbitzer>Die Daimler und Benz Stiftung ist unabhängig vom Konzern formal, aber trotzdem ist das Stiftungskapital vom Konzern.

00:40:38.701 --> 00:40:43.900
<v Jan Kalbitzer>Und auch der Konzern kann das Geld, das Stiftungskapital aufstocken.

00:40:43.901 --> 00:40:48.400
<v Jan Kalbitzer>Ich habe nie erlebt, dass der Konzern irgendwo da reingefunkt hat und mir haben auch die Leute …

00:40:48.401 --> 00:40:54.100
<v Jan Kalbitzer>Also am Anfang habe ich so ein bisschen gesagt, Mensch Daimler Benz und so was, habe versucht, dass das auch technikrelevant ist und so was,

00:40:54.101 --> 00:40:59.300
<v Jan Kalbitzer>da haben die mir ganz klar gesagt, auch der Vorstand der Stiftung, das ist für uns völlig irrelevant,

00:40:59.301 --> 00:41:07.500
<v Jan Kalbitzer>ob Sie Daimler Benz interessant finden und ist auch völlig unwichtig, ob das technisch irgendwie interessant ist für Daimler und Benz,

00:41:07.501 --> 00:41:09.800
<v Jan Kalbitzer>was hier erforscht wird, es geht darum, gute Forschung zu machen.

00:41:09.801 --> 00:41:15.600
<v Jan Kalbitzer>Und das hat mich ziemlich beeindruckt von der Haltung und das hat sich eigentlich auch durchgezogen durch diese Interaktion mit der Stiftung.

00:41:15.601 --> 00:41:22.400
<v Jan Kalbitzer>Es gab zwar einen Zusammenhang, aber für die war ganz wichtig, immer wieder zu betonen, es geht uns nicht darum,

00:41:22.401 --> 00:41:24.800
<v Jan Kalbitzer>dass die Forschung irgendwie relevant für den Konzern sein muss.

00:41:24.801 --> 00:41:28.400
<v Jan Kalbitzer>Kann man auch wieder diskutieren, ob es Feigenblatteffekte gab.

00:41:28.401 --> 00:41:37.100
<v Jan Kalbitzer>Also ob man sagt, dass so eine Stiftung quasi positive Dinge fördert, damit der Konzern gut dasteht, war nie mein Eindruck.

00:41:37.101 --> 00:41:42.700
<v Jan Kalbitzer>Also ich habe nie mitbekommen, dass der Konzern zum Beispiel jetzt mit der Forschung angegeben hat, die durch die Stiftung gemacht wurde.

00:41:42.701 --> 00:41:47.400
<v Jan Kalbitzer>Deswegen ich habe da eine ganz gute Erfahrung mit gemacht zu sagen, es hat nicht geklappt.

00:41:47.401 --> 00:41:51.400
<v Jan Kalbitzer>Ich habe mit dieser Stiftung ganz gute Erfahrungen gemacht, ich habe mir aber auch oft die Frage gestellt,

00:41:51.401 --> 00:41:57.600
<v Jan Kalbitzer>wie ist das so mit der Unabhängigkeit von Stiftungen, wer funkt da eigentlich mit rein mit seinen Interessen?

00:41:57.601 --> 00:42:00.800
<v Jan Kalbitzer>Und ich habe gemerkt, dass das wirklich interessant ist.

00:42:00.801 --> 00:42:08.300
<v Jan Kalbitzer>Und dass dieser Punkte gerade von Stiftungen, von privaten Stiftungen, wie werden wir medial sichtbar, ein ziemlich relevanter Punkt ist.

00:42:08.301 --> 00:42:13.800
<v Jan Kalbitzer>Wenn ich bei der Stiftung angefragt habe, haben mir die oft nach einer Weile gesagt, für uns ist es wichtig, dass wir gesellschaftlich was tun,

00:42:13.801 --> 00:42:19.000
<v Jan Kalbitzer>dass wir gesellschaftlich relevante Themen bearbeiten, aber die Sichtbarkeit war auch immer wieder Thema,

00:42:19.001 --> 00:42:21.500
<v Jan Kalbitzer>dass es darum ging, Themen zu bearbeiten, die auch sichtbar werden.

00:42:21.501 --> 00:42:24.800
<v Jan Kalbitzer>Das haben Mitarbeiter auch immer wieder relativ schnell gesagt so.

00:42:24.801 --> 00:42:27.300
<v Jan Kalbitzer>Das ist so ein bisschen das Spannungsfeld der Förderung gewesen.

00:42:27.301 --> 00:42:32.600
<v Jan Kalbitzer>Aber letztendlich muss ich sagen, ich habe sehr sehr gute Erfahrungen damit gemacht, sehr offen damit umzugehen, wie wir forschen

00:42:32.601 --> 00:42:34.200
<v Jan Kalbitzer>und wenn auch was schiefgeht.

00:42:34.201 --> 00:42:45.600
<v Tim Pritlove>Jetzt hast du dir ja aber auch über ein paar andere Sachen Gedanken gemacht jenseits des Internets.

00:42:45.601 --> 00:42:55.100
<v Tim Pritlove>Und heute wollen wir mal ja so ein bisschen auf die Zeit blicken und wie die Gesellschaft eigentlich mit sich selber klarkommt.

00:42:55.101 --> 00:43:00.600
<v Tim Pritlove>Das fing ja ganz gut an dieses Jahrzehnt so.

00:43:00.601 --> 00:43:12.100
<v Tim Pritlove>Erstmal drohte eine Kriegseskalation im Nahen Osten, dann wurde Australien von den größten Buschfeuern

00:43:12.101 --> 00:43:21.900
<v Tim Pritlove>und längsten und langanhaltendsten Feuern seit der Geschichte, glaube ich, Australiens, soweit man sie kennt, belegt.

00:43:21.901 --> 00:43:23.300
<v Tim Pritlove>Große Katastrophe.

00:43:23.301 --> 00:43:30.800
<v Tim Pritlove>Der Klimawandel ist in zunehmendem Maße in der Debatte, befördert durch ziemlich dramatische Messungen,

00:43:30.801 --> 00:43:39.900
<v Tim Pritlove>statistische Erhebungen über Temperatur sowohl in der Arktis als auch in der Antarktis heißeste Monate.

00:43:39.901 --> 00:43:43.400
<v Tim Pritlove>Es nimmt eigentlich überhaupt gar kein Ende.

00:43:43.401 --> 00:43:47.800
<v Tim Pritlove>Terrorangst ist auch immer mal wieder ein Thema.

00:43:47.801 --> 00:43:58.200
<v Tim Pritlove>Wir nehmen die Sendung jetzt hier Ende Februar 2020 auf und haben gerade diese Anschläge in Hanau erlebt.

00:43:58.201 --> 00:44:07.100
<v Tim Pritlove>Der Corona-Virus macht sich, jetzt durch Europa zu marschieren und hier auch alles lahmzulegen

00:44:07.101 --> 00:44:13.800
<v Tim Pritlove>und von den politischen Problematiken in Großbritannien und in den USA möchte ich gar nicht erst anfangen.

00:44:13.801 --> 00:44:24.800
<v Tim Pritlove>Also liegt einiges auf dem Tisch und so die Leute schieben dann doch sehr unterschiedliche Ängste auch mit sich rum.

00:44:24.801 --> 00:44:31.900
<v Tim Pritlove>Und jetzt stellt sich natürlich so ein bisschen die Frage, was passiert da eigentlich und sind wir als Gesellschaft,

00:44:31.901 --> 00:44:39.600
<v Tim Pritlove>als globale Gesellschaft, aber vielleicht eben auch hier als lokale deutsche mitteleuropäische Gesellschaft ausreichend gerüstet,

00:44:39.601 --> 00:44:44.400
<v Tim Pritlove>mit der Komplexität unserer Welt überhaupt noch klarzukommen,

00:44:44.401 --> 00:44:53.500
<v Tim Pritlove>so ein bisschen auch die Frage wie mit dem Internet so, oder nicht oder auf welche Art und Weise kann man das machen.

00:44:53.501 --> 00:44:56.600
<v Tim Pritlove>Wie siehst du denn so die Dramatik der Situation?

00:44:56.601 --> 00:45:05.700
<v Tim Pritlove>Ist alles ganz furchtbar und wir sollten in den Bunkerbau gehen, wie das in den 50er/60er Jahren schon mal ganz populär war?

00:45:05.701 --> 00:45:14.500
<v Jan Kalbitzer>Die Sache ist und da habe ich auch Kollegen für kritisiert, dass Wissenschaftler sich oft mit Meinungen einmischen.

00:45:14.501 --> 00:45:20.900
<v Jan Kalbitzer>Und ich muss sagen, gerade bei diesen gesellschaftlichen Veränderungen auf globaler Ebene,

00:45:20.901 --> 00:45:25.900
<v Jan Kalbitzer>da ist bei mir schon noch irgendwie das wissenschaftliche Interesse im Vordergrund.

00:45:25.901 --> 00:45:29.300
<v Jan Kalbitzer>Ich habe so ein bisschen eine schlechte Beobachterposition in der Mitte von Berlin.

00:45:29.301 --> 00:45:34.000
<v Jan Kalbitzer>Das heißt, alles was irgendwie in Deutschland schiefgehen kann, kann auch in Berlin schiefgehen.

00:45:34.001 --> 00:45:39.200
<v Jan Kalbitzer>Es würde vielleicht Sinn machen, so ein bisschen weiter außen zu stehen, vielleicht würde ich dann so ein bisschen entspannter sein,

00:45:39.201 --> 00:45:44.600
<v Jan Kalbitzer>aber ich finde diese Prozesse gerade wahnsinnig interessant aus wissenschaftlicher Perspektive.

00:45:44.601 --> 00:45:50.200
<v Jan Kalbitzer>Wie geht die moderne Gesellschaft mit Veränderungsprozessen um?

00:45:50.201 --> 00:45:57.700
<v Jan Kalbitzer>Und gerade in Bezug auf das Internet und die Forschung, die wir da gemacht haben, bin ich ziemlich zuversichtlich,

00:45:57.701 --> 00:46:05.400
<v Jan Kalbitzer>weil es große Ängste gab, was das Internet mit der Gesellschaft macht und es hat auch wahrscheinlich einige negative Effekte

00:46:05.401 --> 00:46:12.200
<v Jan Kalbitzer>auf gesellschaftlicher Ebene gehabt, aber wir haben ein ganz frühes Bewusstsein von Dingen und wir reagieren sehr schnell

00:46:12.201 --> 00:46:15.200
<v Jan Kalbitzer>aus der Zivilgesellschaft heraus.

00:46:15.201 --> 00:46:23.900
<v Jan Kalbitzer>Also diese Prozesse, die möglicherweise dazu geführt haben, dass bestimmte Cluster von Leuten im Netz,

00:46:23.901 --> 00:46:29.200
<v Jan Kalbitzer>die Meinungen gepostet haben, in bestimmte Richtungen einen Wahlausgang beeinflusst haben.

00:46:29.201 --> 00:46:32.800
<v Jan Kalbitzer>Die Sache ist die, dass es das bei Obama ja auch schon gab.

00:46:32.801 --> 00:46:36.900
<v Jan Kalbitzer>Und da bin ich dann wieder medienkritisch, dass ich sage, das haben wir nicht gut genug aufgearbeitet,

00:46:36.901 --> 00:46:44.100
<v Jan Kalbitzer>dass Barack Obama schon im großen Stil Facebook-Daten benutzt hat, um Wähler ganz individuell anzusprechen

00:46:44.101 --> 00:46:48.300
<v Jan Kalbitzer>und zu gucken, wem muss ich was sagen, damit der meine Kampagne gut findet?

00:46:48.301 --> 00:46:51.000
<v Jan Kalbitzer>Da war Donald Trump ja nicht der erste.

00:46:51.001 --> 00:47:01.100
<v Jan Kalbitzer>Und da glaube ich, dass wir da auch gerade als Wissenschaftler, aber auch Journalisten, viel mehr versuchen müssen,

00:47:01.101 --> 00:47:06.200
<v Jan Kalbitzer>objektive Aufarbeitung zu leisten, um uns nicht angreifbar zu machen, parteiisch zu sein.

00:47:06.201 --> 00:47:13.600
<v Jan Kalbitzer>Ich finde diese Prozesse primär wahnsinnig spannend, weil ich merke, wie schnell die Welt reagiert auf Dinge.

00:47:13.601 --> 00:47:19.100
<v Jan Kalbitzer>Also wir haben strak reagiert auf die Verbreitung von Aggressionen und Hass im Internet.

00:47:19.101 --> 00:47:24.300
<v Jan Kalbitzer>Es gibt gesetzliche Veränderungen, es gibt gesellschaftliche Veränderungen, dass es Bewegungen gab wie,

00:47:24.301 --> 00:47:30.300
<v Jan Kalbitzer>ich bin hier, worauf reagiert wird, wenn es in irgendwelchen Bereichen hasserfüllte Angriffe gab.

00:47:30.301 --> 00:47:35.900
<v Jan Kalbitzer>Wir lernen Verhaltensweisen wie man mit Trollen umgeht oder wie man mit Aggressionen im Netz umgeht,

00:47:35.901 --> 00:47:39.800
<v Jan Kalbitzer>wir debattieren da sehr umfangreich drüber und gucken, was wir ändern können.

00:47:39.801 --> 00:47:44.100
<v Jan Kalbitzer>Das heißt, wir nehmen ganz schnell wahr, was für Prozesse stattfinden und reagieren auch ganz schnell drauf.

00:47:44.101 --> 00:47:45.300
<v Jan Kalbitzer>Das finde ich ganz positiv.

00:47:45.301 --> 00:47:46.600
<v Jan Kalbitzer>Genauso beim Corona-Virus.

00:47:46.601 --> 00:47:55.400
<v Jan Kalbitzer>Das Corona-Virus hat sich in China ausgebreitet und die Geschwindigkeit, mit der das erforscht wird und Maßnahmen ausprobiert werden ist atemberaubend.

00:47:55.401 --> 00:48:01.600
<v Jan Kalbitzer>Und das finde ich faszinierend und auch ermutigend, muss ich sagen.

00:48:01.601 --> 00:48:12.400
<v Jan Kalbitzer>Und genauso wie die Wahl von Donald Trump oder auch die Entwicklungen in England vom Brexit angefangen dazu führen,

00:48:12.401 --> 00:48:16.400
<v Jan Kalbitzer>dass Menschen sich politisch und gesellschaftlich mobilisieren.

00:48:16.401 --> 00:48:18.000
<v Jan Kalbitzer>Das heißt, wir haben Effekte und Gegeneffekte.

00:48:18.001 --> 00:48:21.900
<v Jan Kalbitzer>Und ich glaube, da bin ich eher auf der Seite der Wissenschaftler.

00:48:21.901 --> 00:48:26.300
<v Jan Kalbitzer>Genauso was den Klimawandel angeht, dass wir im letzten Jahr viel mehr Ökostrom produziert haben,

00:48:26.301 --> 00:48:34.000
<v Jan Kalbitzer>weil es viel mehr Sonnenlicht gab und viel mehr Wind und dadurch der Anteil an Ökostrom größer war als erwartet.

00:48:34.001 --> 00:48:38.000
<v Jan Kalbitzer>Das heißt, es gibt so synergistische Gegeneffekte offenbar.

00:48:38.001 --> 00:48:43.700
<v Jan Kalbitzer>Da bin ich, glaube ich, zu sehr in der Faszination um Angst zu haben.

00:48:43.701 --> 00:48:48.000
<v Jan Kalbitzer>Aber als Psychiater denke ich natürlich drüber nach, was die Angst mit den Menschen macht.

00:48:48.001 --> 00:48:50.900
<v Jan Kalbitzer>Was passiert, wenn es hier kippt in Deutschland?

00:48:50.901 --> 00:48:52.400
<v Tim Pritlove>Weil die Ängste sind da.

00:48:52.401 --> 00:48:53.100
<v Jan Kalbitzer>Wenn die Ängste so stark sind.

00:48:53.101 --> 00:48:57.400
<v Jan Kalbitzer>Genau, wenn Leute immer mehr anfangen Panikkäufe zu tätigen, sich in ihre Wohnung zurückzuziehen,

00:48:57.401 --> 00:49:01.200
<v Jan Kalbitzer>nicht mehr am öffentlichen Leben teilzunehmen, das ist bedrohlich.

00:49:01.201 --> 00:49:08.000
<v Jan Kalbitzer>Und auch da gibt es Entwicklungen im Internet, die man verfolgen kann, dass sich Menschen zurückziehen aus öffentlichen Debatten,

00:49:08.001 --> 00:49:15.200
<v Jan Kalbitzer>weil sie das Gefühl haben, ich habe zu viel Angst vor persönlichen Angriffen, vor Hass und mache deswegen nicht mehr mit.

00:49:15.201 --> 00:49:23.200
<v Jan Kalbitzer>Es gibt diese Stoischewsche Schweigespirale, dass Leute sich aus Diskursen zurückziehen aus Angst

00:49:23.201 --> 00:49:32.800
<v Jan Kalbitzer>und da gibt es aus den USA eine ganz interessante Studie, dass Leuten Fragen gestellt wurden per Email

00:49:32.801 --> 00:49:39.100
<v Jan Kalbitzer>und die sollten dann antworten und die eine Gruppe hat dann die Zusatzinfo gekriegt, dass man nicht sicherstellen könne,

00:49:39.101 --> 00:49:42.800
<v Jan Kalbitzer>dass die Antworten nicht mitgelesen würden, zum Beispiel durch Geheimdienste.

00:49:42.801 --> 00:49:49.300
<v Jan Kalbitzer>Und diejenigen, die diese Zusatzinfo gekriegt haben, haben deutlich angepasster und vorsichtiger auf die Fragen geantwortet.

00:49:49.301 --> 00:49:56.200
<v Jan Kalbitzer>Das heißt, die Art und Weise, wie wir uns äußern, sogar in einem nicht-öffentlichen Schriftverkehr im Internet,

00:49:56.201 --> 00:50:03.300
<v Jan Kalbitzer>ist beeinflusst von der Angst vor Überwachung, vor Hass, vor Angriffen.

00:50:03.301 --> 00:50:10.000
<v Jan Kalbitzer>Und deswegen mache ich mir als Privatperson schon auch Sorgen darum, was diese Angst mit diesen Menschen machen kann.

00:50:10.001 --> 00:50:14.300
<v Jan Kalbitzer>Gleichzeitig ist es wieder so, dass Angst eine ganz wichtige Triebfeder ist.

00:50:14.301 --> 00:50:20.400
<v Jan Kalbitzer>Wir reagieren momentan sehr stark auf die Veränderungen durch den Klimawandel, weil viele Menschen Angst davor haben.

00:50:20.401 --> 00:50:22.600
<v Jan Kalbitzer>Ohne diese Angst hätten die Menschen nicht reagiert.

00:50:22.601 --> 00:50:30.500
<v Jan Kalbitzer>Und das hat Geta Thunberg ja auch in Davos bei ihrem ersten Vortrag da gesagt, i want you panic und dann möchte ich,

00:50:30.501 --> 00:50:32.500
<v Jan Kalbitzer>dass ihr reagiert, das hat sie zu denen gesagt.

00:50:32.501 --> 00:50:39.200
<v Jan Kalbitzer>Und ich glaube, dass das eine ganz ganz wichtige Triebfeder ist, Angst und Wut sind wichtige gesellschaftliche Triebfedern für Veränderungen,

00:50:39.201 --> 00:50:43.400
<v Jan Kalbitzer>die es auch braucht, um zu mobilisieren.

00:50:43.401 --> 00:50:47.000
<v Jan Kalbitzer>Und das ist eine Mischung, die sich nicht einfach so beurteilen lässt.

00:50:47.001 --> 00:50:52.500
<v Jan Kalbitzer>Das heißt, wir haben viele Veränderungen, die stattfinden, die bedrohlich sind.

00:50:52.501 --> 00:50:57.500
<v Jan Kalbitzer>Wir reagieren viel schneller als früher auf bedrohliche Veränderungen aus der Zivilgesellschaft heraus

00:50:57.501 --> 00:51:02.000
<v Jan Kalbitzer>und die Ängste und die Wut, die wir entwickeln, führen auch zu positiven Entwicklungen.

00:51:02.001 --> 00:51:04.500
<v Jan Kalbitzer>Auch zu negativen, aber auch zu positiven.

00:51:04.501 --> 00:51:07.400
<v Jan Kalbitzer>Und deswegen lässt sich das nicht so einfach beurteilen.

00:51:07.401 --> 00:51:14.500
<v Jan Kalbitzer>Mir ist dabei wichtig, dass wir sagen, wie kann man aus diesen Ängsten positive Entwicklungen ableiten?

00:51:14.501 --> 00:51:18.200
<v Jan Kalbitzer>Und da gibt es zum Thema Klimawandel ganz schöne Studien aus den USA, was dazu führen kann,

00:51:18.201 --> 00:51:24.200
<v Jan Kalbitzer>dass Klimaangst dazu führt, dass Menschen tätig werden und sich nicht zurückziehen in die Angst und nicht in die Lähmung.

00:51:24.201 --> 00:51:30.300
<v Jan Kalbitzer>Da geht es darum, dass wir unsere Umwelt als handhabbar wahrnehmen und das Gefühl haben,

00:51:30.301 --> 00:51:35.000
<v Jan Kalbitzer>ich kann selber in meinem persönlichen Umfeld etwas zum Positiven verändern.

00:51:35.001 --> 00:51:39.100
<v Jan Kalbitzer>Dann kann aus der Angst positive Aktivität werden.

00:51:39.101 --> 00:51:48.500
<v Jan Kalbitzer>Das heißt zum Beispiel, dass politische Spielräume geschaffen werden müssen, dass Menschen vor Ort in ihrem Umfeld etwas tun können für die Verbesserung.

00:51:48.501 --> 00:51:51.900
<v Jan Kalbitzer>Und dann weiß man, dass es Ansteckungseffekte hat.

00:51:51.901 --> 00:51:55.600
<v Jan Kalbitzer>Wenn wir also ein Haus haben, meinetwegen wir verändern die Gesetzeslage so,

00:51:55.601 --> 00:52:04.200
<v Jan Kalbitzer>dass in Berlin jetzt auch auf Altbauten auf dem Dach Solarplatten abgebracht werden dürfen, um grüne Energie zu erzeugen.

00:52:04.201 --> 00:52:08.500
<v Jan Kalbitzer>Und dann fängt eine Hausgemeinschaft an, die Fassade zu begrünen und Solarplatten darauf zu bauen,

00:52:08.501 --> 00:52:13.100
<v Jan Kalbitzer>man hat ein gemeinsames Projekt, freuen sich daran, denen geht es gut, weil sie was positives tun.

00:52:13.101 --> 00:52:18.200
<v Jan Kalbitzer>Die Nachbarn kriegen das mit und sagen, Mensch das ist schön und dann gibt es so einen Effekt, der dann weiterstrahlt in die Umgebung

00:52:18.201 --> 00:52:22.100
<v Jan Kalbitzer>und fangen vielleicht auch an das zu machen, es erhöht sich zumindest die Wahrscheinlichkeit.

00:52:22.101 --> 00:52:25.900
<v Jan Kalbitzer>Deswegen ist ganz wichtig zu sagen, wie können politische Spielräume geschaffen werden,

00:52:25.901 --> 00:52:31.000
<v Jan Kalbitzer>damit aus dieser Angst und dieser Wut positive Effekte entstehen können.

00:52:31.001 --> 00:52:36.400
<v Jan Kalbitzer>Und dazu gehört eben, lokal Möglichkeiten zu schaffen und auch lokale Möglichkeiten sichtbar zu machen.

00:52:36.401 --> 00:52:42.700
<v Jan Kalbitzer>Und da sehe ich wieder ganz wichtige Effekte des Internets, um Plattformen zu bilden, dass man sagt,

00:52:42.701 --> 00:52:46.800
<v Jan Kalbitzer>ich sehe hier was in meiner Region, da möchte ich was ändern, was gibt es hier, was sind die Daten dazu

00:52:46.801 --> 00:52:51.000
<v Jan Kalbitzer>und welche Leute sind vielleicht schon aktiv und beteiligen sich da und machen schon was?

00:52:51.001 --> 00:52:54.200
<v Jan Kalbitzer>Da können digitale Plattformen ganz viele Möglichkeiten bieten.

00:52:54.201 --> 00:52:59.800
<v Jan Kalbitzer>Wenn diese digitale Plattformen aber mit dem Verdacht einhergehen, dass da Daten abgegriffen werden oder überwacht wird,

00:52:59.801 --> 00:53:04.400
<v Jan Kalbitzer>wie das in vielen Smartcitys zum Beispiel schon der Fall ist, hat man einen gegenteiligen Effekt.

00:53:04.401 --> 00:53:10.500
<v Jan Kalbitzer>Da gibt es Studien, die vergleichen Studien so aus der ehemaligen DDR, wenn Menschen das Gefühl haben, überwacht zu werden,

00:53:10.501 --> 00:53:18.000
<v Jan Kalbitzer>dann ziehen sie sich aus dem öffentlichen Diskurs zurück und werden fremdenfeindlicher, also kritischer Fremdem und Neuem gegenüber.

00:53:18.001 --> 00:53:24.000
<v Jan Kalbitzer>Das heißt, wenn wir diese Plattformen bauen digital, müssen wir sicherstellen, dass Menschen nicht Angst haben müssen, überwacht zu werden

00:53:24.001 --> 00:53:28.700
<v Jan Kalbitzer>und dass ihre Daten gegen sie verwendet werden können, das ist so die Herausforderung.

00:53:28.701 --> 00:53:38.200
<v Tim Pritlove>Ist natürlich jetzt leicht gesagt, die Politik muss ja nur Verbesserungen schaffen, damit Leute sich einbringen können.

00:53:38.201 --> 00:53:44.600
<v Tim Pritlove>Es herrscht ja zumindest bei uns derzeit so ein bisschen dieses Gefühl vor, dass das halt nicht geschieht.

00:53:44.601 --> 00:53:51.300
<v Tim Pritlove>Ganz im Gegenteil, also gerade wenn man jetzt mal so Bereiche wie Windkraft, Solarenergie sieht, wo die Förderungen zurückgehen,

00:53:51.301 --> 00:53:57.200
<v Tim Pritlove>wo neue Regeln aufgestellt werden, die genauso ein Engagement ja noch schwieriger machen,

00:53:57.201 --> 00:54:01.300
<v Tim Pritlove>man kann überhaupt gar keine neuen Windtürme aufbauen etc..

00:54:01.301 --> 00:54:06.000
<v Tim Pritlove>Außerdem sind es ja auch oft Sachen, wo jetzt, sagen wir mal, der lokale Handlungsspielraum auch begrenzt ist.

00:54:06.001 --> 00:54:14.000
<v Tim Pritlove>Also ich kann kein Windkraftteil aufbauen so in meinem Hof.

00:54:14.001 --> 00:54:23.700
<v Tim Pritlove>Klar, ich kann irgendwo ein Solarpanel auf den Balkon legen, nur der Glaube, dass das groß was bewirkt, ist schwierig.

00:54:23.701 --> 00:54:29.800
<v Tim Pritlove>Also da muss dann erst ein gewisser Schwellwert ja auch überwunden werden.

00:54:29.801 --> 00:54:38.400
<v Tim Pritlove>Und es muss vielleicht auch so eine Angst erst mal überwunden werden, dass man überhaupt was beitragen kann.

00:54:38.401 --> 00:54:44.500
<v Tim Pritlove>Also dass man dazu in der Lage ist, dass es nicht schon zu spät ist, was, glaube ich, auch auf der anderen Seite so ein hemmender Faktor sein kann.

00:54:44.501 --> 00:54:55.600
<v Tim Pritlove>Dass, wenn so ein genereller Glaube vorherrscht mit, hilft ja nichts, bringt ja nichts, eh alles zu spät, ja ich gehe jetzt einfach nur noch in den Weltuntergang,

00:54:55.601 --> 00:55:06.300
<v Tim Pritlove>der da hinten schön rötlich violett am Horizont strahlt und lasse es mir nochmal gut gehen und dann ist alles vorbei und was soll es.

00:55:06.301 --> 00:55:12.100
<v Jan Kalbitzer>Also was die Politik angeht ist für mich der wesentliche Punkt, dass Politiker ja auch hilflos sind

00:55:12.101 --> 00:55:18.900
<v Jan Kalbitzer>und denen muss man sagen, passt auf, es ist wichtig, nicht unbedingt große nationale internationale Maßnahmen zu beschließen,

00:55:18.901 --> 00:55:25.000
<v Jan Kalbitzer>das ist auch wichtig, vieles kann nur auf globaler Ebene gelöst werden, aber für das Engagement der Bevölkerung

00:55:25.001 --> 00:55:31.900
<v Jan Kalbitzer>und für die psychische Befindlichkeit der Bevölkerung ist es einerseits wichtig, lokale Spielräume zu schaffen,

00:55:31.901 --> 00:55:39.100
<v Jan Kalbitzer>damit aus der Angst Engagement werden kann, also zu sagen, auch da ist es ganz wichtig, wenn wir fragen,

00:55:39.101 --> 00:55:43.700
<v Jan Kalbitzer>wie gehen wir mit der Apokalypse-Angst der Menschen in der Gesellschaft um, dann muss man sagen,

00:55:43.701 --> 00:55:49.500
<v Jan Kalbitzer>da muss insofern politisch gehandelt werden, als dass man einen Fokus legt auf lokale Handlungsspielräume.

00:55:49.501 --> 00:55:51.900
<v Jan Kalbitzer>Das muss viel mehr ausgebaut werden.

00:55:51.901 --> 00:55:56.400
<v Jan Kalbitzer>Beteiligung in der Stadtentwicklung zum Beispiel muss viel mehr ausgebaut werden, so dass Leute das Gefühl haben,

00:55:56.401 --> 00:56:03.100
<v Jan Kalbitzer>sie können selber an der Klimafreundlichkeit ihrer Stadt hin zum Beispiel zur, man nennt es jetzt, Schwammstädte, Spongecity,

00:56:03.101 --> 00:56:09.300
<v Jan Kalbitzer>die in Zeiten massiver Regen dann Feuchtigkeit aufsaugen und dann die zur Verfügung haben, wenn längere Trockenphasen da sind,

00:56:09.301 --> 00:56:13.700
<v Jan Kalbitzer>wie können sich da zum Beispiel Menschen direkt beteiligen.

00:56:13.701 --> 00:56:15.500
<v Jan Kalbitzer>Das ist einfach für die psychische Gesundheit wichtig.

00:56:15.501 --> 00:56:20.100
<v Jan Kalbitzer>Gleichzeitig und das ist ein Punkt, den du auch genannt hast, es ist wichtig, keine Illusionen zu erzeugen.

00:56:20.101 --> 00:56:27.200
<v Jan Kalbitzer>Also wenn jetzt die Ansage kommt, wir strengen uns alle an und fahren nicht mehr Auto und bauen Solarplatten auf die Dächer,

00:56:27.201 --> 00:56:33.000
<v Jan Kalbitzer>dann können wir den Klimawandel vermeiden, dann erzeugt man eine Illusion, die gefährlich ist, weil die Leute in zehn Jahren dann sagen werden,

00:56:33.001 --> 00:56:40.200
<v Jan Kalbitzer>wir haben alle Solarplatten auf die Dächer gebaut und wir haben aufgehört Auto zu fahren und jetzt ist trotzdem der Klimawandel da.

00:56:40.201 --> 00:56:44.900
<v Jan Kalbitzer>Das heißt, man muss schon sagen, man kann das durch individuelle Maßnahmen nicht stoppen,

00:56:44.901 --> 00:56:47.200
<v Jan Kalbitzer>es lässt sich nicht unbedingt alles aufhalten.

00:56:47.201 --> 00:56:55.100
<v Jan Kalbitzer>Es gibt Veränderungen, aber man kann erstens was dagegen tun, dass es sich noch mehr verändert,

00:56:55.101 --> 00:57:00.800
<v Jan Kalbitzer>das ist aber im individuellen Spielraum begrenzt, man kann aber auch was tun, um sich lokal anzupassen an Veränderungen.

00:57:00.801 --> 00:57:05.400
<v Jan Kalbitzer>Wie zum Beispiel bei einer Schwammstadt, dass man sagt, wie gehen wir mit Flüssigkeitsspeichern um

00:57:05.401 --> 00:57:06.300
<v Jan Kalbitzer>oder bauen wir jetzt noch mehr …

00:57:06.301 --> 00:57:12.400
<v Jan Kalbitzer>Man hat ja gemerkt, dass das Grundwasser sich immer weiter erwärmt, weil es viel Kühlung gibt durch,

00:57:12.401 --> 00:57:20.200
<v Jan Kalbitzer>es gibt zum Beispiel Büros, die machen dann so Erdbohrungen und kühlen ihre Büros durch die Kälte aus dem Boden.

00:57:20.201 --> 00:57:26.900
<v Jan Kalbitzer>Oder andersrum gibt es auch Wärme, die aus dem Boden nach oben geführt wird, um im Winter zu wärmen.

00:57:26.901 --> 00:57:32.700
<v Jan Kalbitzer>Und man weiß, dass dieser Effekt dazu führt, dass sich die Temperatur des Grundwassers anhebt

00:57:32.701 --> 00:57:35.300
<v Jan Kalbitzer>und da möglicherweise Mikroorganismen verändern.

00:57:35.301 --> 00:57:38.300
<v Jan Kalbitzer>Und so was ist etwas, was man lokal beeinflussen kann.

00:57:38.301 --> 00:57:46.100
<v Jan Kalbitzer>Das heißt, wir können die Qualität des Berliner Trinkwassers dadurch beeinflussen wie neue Gebäude gebaut werden

00:57:46.101 --> 00:57:50.300
<v Jan Kalbitzer>und wie die zum Beispiel ihr Temperaturkonzept aufbauen.

00:57:50.301 --> 00:57:55.700
<v Jan Kalbitzer>Da kann man einiges machen, was unsere persönliche Anpassung an Veränderungen verbessert, die auf jeden Fall kommen werden.

00:57:55.701 --> 00:57:56.400
<v Jan Kalbitzer>Also es ist beides.

00:57:56.401 --> 00:58:03.000
<v Jan Kalbitzer>Man darf keine falsche Illusion machen, man muss sagen, es geht nicht nur um eine Verhinderung, sondern es geht auch um eine Anpassung

00:58:03.001 --> 00:58:08.400
<v Jan Kalbitzer>und da muss man sagen, was können Menschen lokal tun, um sich besser anzupassen, damit es nicht nur in die Lähmung geht.

00:58:08.401 --> 00:58:11.300
<v Jan Kalbitzer>Die Energie, die durch Angst und Wut auch sonst entstehen kann.

00:58:11.301 --> 00:58:19.200
<v Tim Pritlove>Klingt schön, trotzdem hat man das Gefühl, dass viele auch so ein wenig verzweifeln an dieser Situation

00:58:19.201 --> 00:58:29.800
<v Tim Pritlove>und sich doch eher so einem Fatalismus zuneigen und dann eben auch vielleicht in so eine Schockstarre geraten, sich komplett wegschließen,

00:58:29.801 --> 00:58:32.900
<v Tim Pritlove>und nach mir die Sintflut.

00:58:32.901 --> 00:58:39.700
<v Tim Pritlove>Was kann man denn tun für sich oder sein Umfeld?

00:58:39.701 --> 00:58:47.700
<v Tim Pritlove>Ich meine, jetzt abgesehen von solchen Beteiligungen in Energiemaßnahmen und Stadtplanung, sondern einfach nur für sich selber,

00:58:47.701 --> 00:58:53.700
<v Tim Pritlove>um an der Stelle auf so eine neue Resilienz vielleicht zu entwickeln, die man so noch nicht gehabt hat?

00:58:53.701 --> 00:58:56.100
<v Jan Kalbitzer>Ich finde den Begriff der Filterblase da ganz interessant.

00:58:56.101 --> 00:59:00.900
<v Jan Kalbitzer>Die Filterblase hat ja so einen negativen Beiklang bekommen.

00:59:00.901 --> 00:59:06.300
<v Jan Kalbitzer>Dass wir uns in Filterblasen befinden, wo wir nur noch die Informationen kriegen von Leuten, die das gleiche denken wie man selbst

00:59:06.301 --> 00:59:10.400
<v Jan Kalbitzer>und nur noch aus dem direkten Umfeld.

00:59:10.401 --> 00:59:15.300
<v Jan Kalbitzer>Es gibt in der ökologischen Psychotherapie den Begriff der Nische.

00:59:15.301 --> 00:59:18.100
<v Tim Pritlove>Es gibt eine ökologische Psychotherapie?

00:59:18.101 --> 00:59:24.100
<v Jan Kalbitzer>Ja, der Mensch in seinem Ökosystem, ist ein ganz interessanter Bereich, weil die echt tolle Sachen gemacht haben.

00:59:24.101 --> 00:59:29.400
<v Jan Kalbitzer>Da geht es nicht um Umweltökologie, sondern um die Ökologie des Miteinanders.

00:59:29.401 --> 00:59:31.200
<v Jan Kalbitzer>Die menschlich psychischen Ökosysteme.

00:59:31.201 --> 00:59:34.200
<v Tim Pritlove>Umweltpsychologie.

00:59:34.201 --> 00:59:36.600
<v Jan Kalbitzer>Genau. Es geht nicht um Umweltpsychologie.

00:59:36.601 --> 00:59:41.900
<v Jan Kalbitzer>Also da geht es eben nicht um die Natur als Umwelt, sondern es geht um die menschliche Umwelt, in der wir uns befinden.

00:59:41.901 --> 00:59:49.100
<v Jan Kalbitzer>Und da geht es darum, dass wir Nischen brauchen, in denen wir uns geschützt und kompetent fühlen, um gesund zu bleiben.

00:59:49.101 --> 00:59:52.200
<v Jan Kalbitzer>Und das ist ein Faktor, der mir ganz wichtig ist.

00:59:52.201 --> 00:59:58.700
<v Jan Kalbitzer>Wir müssen uns einerseits Herausforderungen stellen und da ist auch wieder der Bogen zu unserer Internetforschung,

00:59:58.701 --> 01:00:01.100
<v Jan Kalbitzer>wir müssen in der Lage sein, uns den Herausforderungen des Lebens zu stellen.

01:00:01.101 --> 01:00:07.400
<v Jan Kalbitzer>Wir müssen in der Lage sein, die Fragen nach Fakten zu stellen und die Fakten auch auszuhalten.

01:00:07.401 --> 01:00:13.300
<v Jan Kalbitzer>Das braucht es einerseits, andererseits, um diese Kraft zu haben, brauchen wir Nischen, in die wir uns zurückziehen können.

01:00:13.301 --> 01:00:18.500
<v Jan Kalbitzer>Wir brauchen diese Kammer, in der wir manchmal sind und wo wir nicht überflutet werden von Informationen

01:00:18.501 --> 01:00:26.100
<v Jan Kalbitzer>und nicht jedem Streit ausgeliefert sind und das Gefühl haben, ich poste jetzt noch irgendwas auf Facebook nachts um halb elf

01:00:26.101 --> 01:00:30.700
<v Jan Kalbitzer>und dann schreibt irgendjemand vom anderen Ende der Welt, dass ich ein Idiot bin und ich ärgere mich darüber.

01:00:30.701 --> 01:00:36.500
<v Jan Kalbitzer>Da braucht es auch manchmal eine Nische, in der man diesem Konflikt nicht ausgesetzt ist, sondern sich wohl und kompetent fühlt.

01:00:36.501 --> 01:00:44.400
<v Jan Kalbitzer>Und das ist ein ganz ganz wichtiger Faktor, dass Menschen diese Nischen zugestehen und dass deswegen dieses Bedürfnis,

01:00:44.401 --> 01:00:49.900
<v Jan Kalbitzer>sich zurückzuziehen in die Lähmung und in den Schutz, ist grundsätzlich kein falsches.

01:00:49.901 --> 01:00:51.500
<v Tim Pritlove>Podcasts zum Beispiel.

01:00:51.501 --> 01:00:53.500
<v Jan Kalbitzer>Podcasts hören zum Beispiel.

01:00:53.501 --> 01:00:57.800
<v Jan Kalbitzer>Wobei jetzt wir in die weite Welt der Angst hinausgegangen sind und das ganz viele Themen sind,

01:00:57.801 --> 01:01:03.700
<v Jan Kalbitzer>deswegen ist es vielleicht auch gar kein schlechtes abschließendes Thema dieser Nischen.

01:01:03.701 --> 01:01:07.200
<v Jan Kalbitzer>Diese Nischen sich selbst zu schaffen ist erst mal was positives.

01:01:07.201 --> 01:01:15.800
<v Jan Kalbitzer>Und es gibt Forschungen, theoretische Forschung, zu der Frage, hat Depression evolutionär mal Sinn gemacht?

01:01:15.801 --> 01:01:19.100
<v Jan Kalbitzer>Also es gibt ja ganz viele Menschen, die Depressionen irgendwann entwickeln, da muss man sich ja fragen,

01:01:19.101 --> 01:01:25.300
<v Jan Kalbitzer>ist das eine Reaktion des Menschen, die sinnvoll war, ist sie deswegen erhalten geblieben?

01:01:25.301 --> 01:01:33.400
<v Jan Kalbitzer>Und da gibt es Theoretiker die sagen, dass eine Wirkung, Randolph Nesse heißt einer, der über so was geschrieben hat,

01:01:33.401 --> 01:01:40.500
<v Jan Kalbitzer>ist Depression an Adaptation, ich glaube, so heißt der Artikel

01:01:40.501 --> 01:01:45.600
<v Jan Kalbitzer>und der beschreibt unter anderem, dass dieser Rückzug der Depression viele positive Effekte auch haben kann.

01:01:45.601 --> 01:01:50.100
<v Jan Kalbitzer>Zum Beispiel dass man Unterstützung durch andere mobilisiert, wenn einem alles zu viel wird,

01:01:50.101 --> 01:01:58.100
<v Jan Kalbitzer>aber dass man sich auch rauszieht aus herausfordernden Umständen, die einem zu viel geworden sind

01:01:58.101 --> 01:02:00.100
<v Jan Kalbitzer>und dann sich Schutz sucht, um wieder Kraft zu sammeln.

01:02:00.101 --> 01:02:02.300
<v Jan Kalbitzer>Zum Beispiel evolutionär gesehen vielleicht aus einem Konkurrenzkampf.

01:02:02.301 --> 01:02:07.100
<v Jan Kalbitzer>Wenn man immer wieder in Konkurrenzkampfkämpfen gescheitert ist, dass man irgendwann so eine Art Depression entwickelt,

01:02:07.101 --> 01:02:12.700
<v Jan Kalbitzer>sich zurückzieht und nicht weiter kämpft, um sich nicht weiter zu verletzen, und man vielleicht entweder neue Kraft sammelt

01:02:12.701 --> 01:02:16.100
<v Jan Kalbitzer>oder in ein anderes Territorium geht, aber erst mal Kräfte schont.

01:02:16.101 --> 01:02:20.600
<v Jan Kalbitzer>Deswegen ist diese Rückzugsreaktion eine richtige.

01:02:20.601 --> 01:02:24.900
<v Jan Kalbitzer>Sie wird dann problematisch, wenn man sich vollständig zurückzieht und der Antrieb immer mehr nachlässt.

01:02:24.901 --> 01:02:32.300
<v Jan Kalbitzer>Weil das so ist, das hat auch mit der Entwicklung von Depressionen zu tun, Rückzug kann eine positive Reaktion sein,

01:02:32.301 --> 01:02:36.600
<v Jan Kalbitzer>aber sie führt auch dazu, dass wir immer weniger positives Feedback kriegen.

01:02:36.601 --> 01:02:41.400
<v Jan Kalbitzer>Wenn wir uns sozial zurückziehen, weniger mit Freunden machen, kriegen wir auch weniger positive Rückmeldungen,

01:02:41.401 --> 01:02:48.600
<v Jan Kalbitzer>erleben weniger schöne Dinge, das heißt, wir haben weniger Verstärker für das Positive in unserem Leben.

01:02:48.601 --> 01:02:53.000
<v Jan Kalbitzer>Und wenn man so weit in den Rückzug reinkommt, dass man keine Verstärker mehr hat, die einen zurückbringen ins Leben,

01:02:53.001 --> 01:02:58.400
<v Jan Kalbitzer>dann ist die Gefahr, in so eine Depression abzurutschen und dann wird es problematisch.

01:02:58.401 --> 01:03:03.100
<v Jan Kalbitzer>Das heißt, wir müssen einerseits sagen, der Rückzug ist eine legitime Entwicklung, auch das Umfeld.

01:03:03.101 --> 01:03:09.100
<v Jan Kalbitzer>Nicht sofort, oh Gott oh Gott, du ziehst dich zurück, du liest die Nachrichten nicht mehr, ist nicht unbedingt eine schlechte Reaktion,

01:03:09.101 --> 01:03:16.100
<v Jan Kalbitzer>aber wachsam zu sein und zu sagen, pass mal auf, so ein bisschen positive Dinge sollte man sich erhalten.

01:03:16.101 --> 01:03:24.200
<v Jan Kalbitzer>Und ich glaube, dass der Punkt, den wir jetzt in dem Podcast auch machen können, ist zu sagen, es ist okay.

01:03:24.201 --> 01:03:26.700
<v Jan Kalbitzer>Es ist okay, sich zurückzuziehen und nicht die ganze Welt sehen zu wollen.

01:03:26.701 --> 01:03:31.500
<v Jan Kalbitzer>Es ist okay, sich nicht mit allem auseinandersetzen zu wollen und den ganzen Stress zu haben,

01:03:31.501 --> 01:03:33.900
<v Jan Kalbitzer>man darf nur nicht verlernen, sich Herausforderungen zu stellen.

01:03:33.901 --> 01:03:39.300
<v Jan Kalbitzer>Und das ist im Prinzip die gleiche Essenz, die ich auch aus der Internetforschung dann so mitgenommen habe,

01:03:39.301 --> 01:03:46.500
<v Jan Kalbitzer>dass es ein wunderbarer Ort sein kann, wenn man ihn nicht nutzt, um sich soweit zurückzuziehen, dass man Herausforderungen,

01:03:46.501 --> 01:03:51.800
<v Jan Kalbitzer>die durch die direkten Interaktionen mit Menschen entstehen, verlernt.

01:03:51.801 --> 01:03:55.500
<v Jan Kalbitzer>Das würde ich so ein bisschen als die Gesamtessenz des Ganzen dann am Ende bezeichnen.

01:03:55.501 --> 01:04:01.000
<v Jan Kalbitzer>Das ist keine Hypothese, die ich wissenschaftlich bewiesen habe, sondern das ist das, was ich in den Gesprächen,

01:04:01.001 --> 01:04:07.000
<v Jan Kalbitzer>die ich als wissenschaftliche Interviews und auch mit Leuten darüber hinaus geführt habe, so mitgenommen habe.

01:04:07.001 --> 01:04:10.300
<v Jan Kalbitzer>Diese Fähigkeit, Herausforderungen anzunehmen zu behalten.

01:04:10.301 --> 01:04:15.900
<v Jan Kalbitzer>Menschen in die Augen zu blicken und die Präsenz des anderen aushalten zu können.

01:04:15.901 --> 01:04:22.100
<v Jan Kalbitzer>Und es gibt einen Philosophen, Levinas heißt der, der hat über die Unendlichkeit des Anderen geschrieben.

01:04:22.101 --> 01:04:28.700
<v Jan Kalbitzer>Der sagt, dass die Auseinandersetzung mit der Unverständlichkeit anderer Menschen ganz wichtig für uns ist,

01:04:28.701 --> 01:04:36.000
<v Jan Kalbitzer>weil wir dadurch erstens ständig üben, uns verständlich zu machen.

01:04:36.001 --> 01:04:42.300
<v Jan Kalbitzer>Also man wächst ja als Kind auf und denkt, die Welt ist so, wie man selber die sieht und irgendwann merkt man,

01:04:42.301 --> 01:04:48.100
<v Jan Kalbitzer>man muss sich mit anderen austauschen und muss eine Übereinkunft darüber finden, was zum Beispiel ein Stuhl ist.

01:04:48.101 --> 01:04:54.000
<v Jan Kalbitzer>Also ich sehe einen Stuhl möglicherweise anders als du, aber wir haben eine Übereinkunft dafür, das ist irgendwas wo man sich draufsetzt

01:04:54.001 --> 01:04:58.900
<v Jan Kalbitzer>und der muss bestimmte Dinge können.

01:04:58.901 --> 01:05:01.400
<v Jan Kalbitzer>Gleichzeitig haben wir vielleicht ganz andere Assoziationen zu Stühlen.

01:05:01.401 --> 01:05:06.600
<v Jan Kalbitzer>Und dieses miteinander Ringen, so wie wir das auch in dem Podcast tun, ein gemeinsames Verständnis zu finden,

01:05:06.601 --> 01:05:10.500
<v Jan Kalbitzer>die Welt irgendwie gemeinsam zu verstehen, das bringt uns Menschen zueinander.

01:05:10.501 --> 01:05:17.200
<v Jan Kalbitzer>Das gibt uns etwas sehr positives in der zwischenmenschlichen Interaktion, was uns bestärkt

01:05:17.201 --> 01:05:24.900
<v Jan Kalbitzer>und es hat den anderen positiven Effekt, dass es Demut lehrt in dem Sinne, dass meine eigene Sicht auf die Welt nicht die einzige

01:05:24.901 --> 01:05:30.400
<v Jan Kalbitzer>und nicht die wichtigste ist, was sehr erleichternd sein kann, wenn man nur mit sich alleine ist und nur seinen eigenen Blick hat,

01:05:30.401 --> 01:05:36.600
<v Jan Kalbitzer>dann fühlt man sich auch manchmal sehr verantwortlich und ist überfordert damit, alles irgendwie einschätzen zu müssen.

01:05:36.601 --> 01:05:40.100
<v Tim Pritlove>Wo endet der Stuhl und wo fängt der Sessel an sozusagen.

01:05:40.101 --> 01:05:44.100
<v Jan Kalbitzer>/lacht/ Genau, also solche Auseinandersetzungen zu führen.

01:05:44.101 --> 01:05:48.300
<v Jan Kalbitzer>Wenn wir das jetzt führen würden, wenn wir hier sitzen würden, eine Stunde darüber reden würden,

01:05:48.301 --> 01:05:53.900
<v Jan Kalbitzer>was ist eigentlich ein Stuhl, was ist ein Sessel, wir wären am Ende beide, wir würden rausgehen, wenn das ein spannendes Gespräch ist

01:05:53.901 --> 01:05:58.900
<v Jan Kalbitzer>und uns wohlfühlen, weil wir miteinander gerungen haben, uns gegenseitig zu verstehen.

01:05:58.901 --> 01:06:03.200
<v Jan Kalbitzer>Und das ist ein ganz wichtiger Prozess für Menschen, es ist ganz egal, um was es dabei geht.

01:06:03.201 --> 01:06:07.200
<v Jan Kalbitzer>Und ich mache auch Therapien mit Gruppen, die ich anbiete, wo die Leute wahnsinnig viel mitnehmen,

01:06:07.201 --> 01:06:11.000
<v Jan Kalbitzer>einfach nur, weil sie gemeinsam darüber reden, wie es ist Angst zu haben und sich auszutauschen,

01:06:11.001 --> 01:06:14.100
<v Jan Kalbitzer>zu sehen, wie nehmen andere das wahr, wie gehen sie damit um.

01:06:14.101 --> 01:06:18.300
<v Jan Kalbitzer>Und diesen Prozess aufrechtzuerhalten ist das wichtige.

01:06:18.301 --> 01:06:24.000
<v Jan Kalbitzer>Also es sind große Herausforderungen, wir verstehen nicht alles, es gibt positive und negative Aspekte daran,

01:06:24.001 --> 01:06:29.700
<v Jan Kalbitzer>es führt bei einigen Menschen zu Angst und Überforderung und es ist okay, sich dann zurückzuziehen,

01:06:29.701 --> 01:06:37.500
<v Jan Kalbitzer>aber es ist wichtig, diese zwischenmenschliche Interaktion aufrechtzuerhalten in der Auseinandersetzung mit der Unverständlichkeit des anderen,

01:06:37.501 --> 01:06:43.200
<v Jan Kalbitzer>die wir immer wieder akzeptieren, weil uns das auch ein bisschen was befreiendes gibt, dass das eigene nicht das wichtigste ist

01:06:43.201 --> 01:06:48.200
<v Jan Kalbitzer>und man so ein bisschen da rauskommt aus der eigenen Weltsicht und sich auch wieder mehr als Teil der Gemeinschaft fühlt.

01:06:48.201 --> 01:06:56.500
<v Jan Kalbitzer>Und wir wissen aus der psychologischen Forschung, dass es unheimlich zur Resilienz beiträgt und gut ist für die Psyche,

01:06:56.501 --> 01:07:03.800
<v Jan Kalbitzer>wenn man das Gefühl hat, Teil von etwas zu sein, was größer ist als man selbst, das ist wahnsinnig schützend psychisch.

01:07:03.801 --> 01:07:07.900
<v Jan Kalbitzer>Gerade in Zeiten wie jetzt, wo wir vor großen Herausforderungen stehen.

01:07:07.901 --> 01:07:18.200
<v Tim Pritlove>Sagt sich natürlich leicht, den Diskurs zu pflegen, sich da Herausforderungen zu stellen oder überhaupt durch dieses Diskursische selber

01:07:18.201 --> 01:07:26.200
<v Tim Pritlove>sozusagen wieder zu Glück zu finden, wenn man auf der anderen Seite feststellt, dass jetzt die Orte der neuen Diskurse,

01:07:26.201 --> 01:07:40.300
<v Tim Pritlove>sprich die Onlinemedien, die Messenger etc., halt auch extrem vergiftet sind, eine Debattenkultur herrscht oder schnell umkippen kann zumindest,

01:07:40.301 --> 01:07:49.900
<v Tim Pritlove>die Leute nachvollziehbarerweise vergrault oder sogar eben wiederum in neue Angst versetzt, weil es potenzielle Bedrohungen sind,

01:07:49.901 --> 01:07:53.400
<v Tim Pritlove>die sich dort auftun.

01:07:53.401 --> 01:08:00.400
<v Tim Pritlove>Mobs finden sich zusammen, Bedrohungsgruppen stellen sich da auf und es wird einem irgendwie alles an den Hals gewünscht,

01:08:00.401 --> 01:08:06.100
<v Tim Pritlove>was gerade argumentativ greifbar ist.

01:08:06.101 --> 01:08:14.500
<v Tim Pritlove>Siehst du das denn als vorübergehendes Phänomen oder nur etwas, was, wo sich, sagen wir mal, die gesellschaftliche Resilienz

01:08:14.501 --> 01:08:22.300
<v Tim Pritlove>noch nicht weiter genug entwickelt hat oder ist es vielleicht gar nicht so ein großes Problem, als das wir es jetzt vielleicht gerade wahrnehmen?

01:08:22.301 --> 01:08:31.900
<v Tim Pritlove>Also es ist ja schon real, das ist schon ein Teil unserer Realität derzeit, dass so eine Debatte nicht ohne weiteres zu führen ist

01:08:31.901 --> 01:08:34.800
<v Tim Pritlove>und die Leute sich sehr schnell an die Gurgel springen.

01:08:34.801 --> 01:08:40.000
<v Jan Kalbitzer>Also das Interessante ist ja China.

01:08:40.001 --> 01:08:46.700
<v Jan Kalbitzer>China ist so wahnsinnig spannend für all diese Fragen, weil China ein absoluter Streber ist, was den Klimawandel angeht.

01:08:46.701 --> 01:08:53.600
<v Jan Kalbitzer>Also China hat unheimlich gute Zahlen vorgelegt, was das CO2 und andere Messwerte angeht.

01:08:53.601 --> 01:09:00.600
<v Jan Kalbitzer>Und weil es einfach von oben Dinge umsetzen kann im ganzen Staat.

01:09:00.601 --> 01:09:09.800
<v Jan Kalbitzer>China hat rigoros reagiert auf das Corona-Virus und China kontrolliert das Netz relativ rigoros.

01:09:09.801 --> 01:09:17.500
<v Jan Kalbitzer>Und gerade was den Klimawandel angeht muss man sagen, vielleicht rettet uns China.

01:09:17.501 --> 01:09:27.100
<v Jan Kalbitzer>Wo wir dann sagen müssen, rechtfertigt das bestimmte Formen der politischen Handhabung von Prozessen,

01:09:27.101 --> 01:09:31.300
<v Jan Kalbitzer>die wir in demokratischen Systemen eigentlich ablehnen?

01:09:31.301 --> 01:09:36.900
<v Jan Kalbitzer>Diese Diskussion haben wir jetzt ja auch beim Corona-Virus, wenn überlegt wird, kann man auch in Deutschland ganze Gemeinden abriegeln?

01:09:36.901 --> 01:09:45.900
<v Jan Kalbitzer>Jetzt ist heute in NRW einen Gemeinde quasi stillgelegt worden, Schulen, Kitas, der öffentliche Nahverkehr,

01:09:45.901 --> 01:09:51.100
<v Jan Kalbitzer>weil es da einen Fall gab mit einer schweren Erkrankung, der aufgedeckt wurde.

01:09:51.101 --> 01:09:58.600
<v Jan Kalbitzer>Und das ist so ein bisschen die Frage, wie weit ist man bereit, solche Schritte zu tun?

01:09:58.601 --> 01:10:03.600
<v Jan Kalbitzer>Ich finde und da kommen wir wieder zu der Frage, was ist eine digitale, was ist eine analoge Welt?

01:10:03.601 --> 01:10:05.500
<v Jan Kalbitzer>Und welchen Herausforderungen muss man sich stellen?

01:10:05.501 --> 01:10:14.700
<v Jan Kalbitzer>Wenn Facebook zum Beispiel ganz ganz viele aggressive Posts löscht, einfach rausnimmt, dann verändert es damit auch die Realitätswahrnehmung.

01:10:14.701 --> 01:10:17.200
<v Jan Kalbitzer>Also wir sehen bestimmte Dinge nicht.

01:10:17.201 --> 01:10:23.100
<v Jan Kalbitzer>Und das ist genau dieses zweischneidige Schwert, es gab ja die Frage, ab wann darf WhatsApp von Jugendlichen genutzt werden,

01:10:23.101 --> 01:10:31.100
<v Jan Kalbitzer>weil es auch dann Sexualstraftäter gibt, die sich Jugendlichen nähern können über WhatsApp.

01:10:31.101 --> 01:10:36.900
<v Jan Kalbitzer>Ja, das große Problem ist, es gibt Sexualstraftäter, die sich über WhatsApp an Jugendliche ranmachen können,

01:10:36.901 --> 01:10:41.200
<v Jan Kalbitzer>es gibt aber auch einen Vorteil daran, nämlich es ist nachweisbar.

01:10:41.201 --> 01:10:47.100
<v Jan Kalbitzer>Das heißt, man kann nachverfolgen, man sieht es schriftlich, wann hat sich welcher Straftäter wem genähert?

01:10:47.101 --> 01:10:51.600
<v Jan Kalbitzer>Und dann ist die Frage, wie darf man solche Daten nutzen, wie darf man die auswerten?

01:10:51.601 --> 01:10:53.800
<v Jan Kalbitzer>Und ich glaube, dass das das Hauptproblem ist jetzt.

01:10:53.801 --> 01:11:00.400
<v Jan Kalbitzer>Wenn wir darüber reden, was in Twitter diskutiert und gesagt werden darf und was sofort gelöscht werden muss,

01:11:00.401 --> 01:11:10.700
<v Jan Kalbitzer>was angezeigt wird, dann sind wir genau in der Diskussion, wieviel der Realität lassen wir zu und müssen wir aushalten

01:11:10.701 --> 01:11:15.400
<v Jan Kalbitzer>und wieviel darf und sollte nicht zugelassen werden, wieviel muss bestraft werden, das ist eine wahnsinnig komplizierte Frage,

01:11:15.401 --> 01:11:20.500
<v Jan Kalbitzer>die hinter all dem steht, die überhaupt nicht leicht zu beantworten ist.

01:11:20.501 --> 01:11:27.900
<v Jan Kalbitzer>Ich glaube, dass sich da schon ganz viel tut momentan, dass sich ganz neue Wege ergeben, wie Sachen angezeigt

01:11:27.901 --> 01:11:31.400
<v Jan Kalbitzer>und dann auch gelöscht werden können.

01:11:31.401 --> 01:11:37.800
<v Jan Kalbitzer>Und man merkt, dass es nicht ganz rund läuft, aber dass sich vieles auch schon da verbessert.

01:11:37.801 --> 01:11:42.900
<v Jan Kalbitzer>Dass schneller zum Beispiel auf Twitter aggressive Kommentare gelöscht werden.

01:11:42.901 --> 01:11:46.600
<v Jan Kalbitzer>Es werden immer wieder falsche Leute gesperrt, es werden immer wieder falsche Kommentare gelöscht und Dinge,

01:11:46.601 --> 01:11:51.600
<v Jan Kalbitzer>die wirklich aggressiv sind, weil sie irgendwie klausuliert formuliert werden, werden nicht gelöscht.

01:11:51.601 --> 01:11:54.100
<v Jan Kalbitzer>Aber wir reagieren darauf und wir führen die Debatte.

01:11:54.101 --> 01:11:59.700
<v Jan Kalbitzer>Ich sehe eher das Problem da, dass sich Menschen vom Diskurs zurückziehen und sagen, ich will da nicht mehr mitdiskutieren.

01:11:59.701 --> 01:12:07.400
<v Jan Kalbitzer>Robert Habeck war so ein Fall, der gesagt hat, ich gehe raus aus den sozialen Medien, weil ich dazu verführt werde,

01:12:07.401 --> 01:12:10.700
<v Jan Kalbitzer>auf eine bestimmte Art und Weise zu reagieren, das war ja, nachdem er zweimal gesagt hat,

01:12:10.701 --> 01:12:13.600
<v Jan Kalbitzer>wenn mehr grün gewählt wird, wird es demokratischer.

01:12:13.601 --> 01:12:18.700
<v Jan Kalbitzer>Das war ja erst in Bayern und dann, glaube ich, in Thüringen, dass es da um die Wahlen ging und dann irgendwie die Prognose so ein bisschen war,

01:12:18.701 --> 01:12:28.000
<v Jan Kalbitzer>irgendwie es wird grüner und dann hat er gesagt, endlich kommt die Demokratie, weil es mehr Stimmen für grün gab

01:12:28.001 --> 01:12:36.700
<v Jan Kalbitzer>und hat dann gesagt, also jetzt verkürzt gesprochen, in den sozialen Medien wird man dazu verführt, Sachen auf eine bestimmte Art und Weise zu sagen.

01:12:36.701 --> 01:12:39.700
<v Jan Kalbitzer>Und hat sich dann daraus zurückgezogen.

01:12:39.701 --> 01:12:40.500
<v Jan Kalbitzer>Und so was finde ich total falsch.

01:12:40.501 --> 01:12:46.400
<v Jan Kalbitzer>Ich finde, man muss sich um diesen Diskurs bemühen und nur dann kann er besser werden.

01:12:46.401 --> 01:12:47.900
<v Jan Kalbitzer>Man kann auch sagen, irgendwas funktioniert gar nicht mehr.

01:12:47.901 --> 01:12:53.700
<v Jan Kalbitzer>Man kann sagen, auf Twitter bestimmte Bereiche sind so von Aggressionen verseucht, wir machen das zu, wir gehen da nicht mehr hin,

01:12:53.701 --> 01:13:02.000
<v Jan Kalbitzer>aber trotzdem muss es so sein, dass es Plattformen geben muss, auf denen wir gemeinsam darum ringen, einen guten Diskurs zu haben.

01:13:02.001 --> 01:13:04.000
<v Jan Kalbitzer>Und das ist aus meiner Sicht der einzige Weg, wir müssen neue Kulturen aushandeln.

01:13:04.001 --> 01:13:05.800
<v Tim Pritlove>Aber wie kann uns denn dann China retten?

01:13:05.801 --> 01:13:09.800
<v Tim Pritlove>Weil die machen das ja nun nicht so.

01:13:09.801 --> 01:13:13.100
<v Jan Kalbitzer>Ich glaube, dass uns China eben nicht retten kann.

01:13:13.101 --> 01:13:17.100
<v Jan Kalbitzer>Ich glaube, dass der Preis zu hoch wäre, es so zu machen, wie China es macht.

01:13:17.101 --> 01:13:23.600
<v Jan Kalbitzer>Dass wir sagen müssen, bestimmte Dinge können wir nicht so umsetzen und dass es genau darum geht zu sagen,

01:13:23.601 --> 01:13:25.900
<v Jan Kalbitzer>aufgrund welcher Vorteile verzichten wir auf Zensur?

01:13:25.901 --> 01:13:32.100
<v Jan Kalbitzer>Aufgrund welcher Vorteile verzichten wir auf drakonische Maßnahmen der Seuchenbekämpfung, die nur in China möglich sind.

01:13:32.101 --> 01:13:40.100
<v Jan Kalbitzer>In Italien gibt es jetzt ja auch ähnliche Maßnahmen und rein juristisch wären auch in Deutschland ähnliche Maßnahmen möglich und umzusetzen.

01:13:40.101 --> 01:13:41.600
<v Tim Pritlove>In digitaler Hinsicht jetzt oder?

01:13:41.601 --> 01:13:44.800
<v Jan Kalbitzer>In digitaler Hinsicht und auch in was was die Seuchenbekämpfung angeht.

01:13:44.801 --> 01:13:47.600
<v Tim Pritlove>Welche Maßnahmen meinst du da jetzt?

01:13:47.601 --> 01:13:54.000
<v Jan Kalbitzer>Man könnte ja zum Beispiel sagen, dass man versucht, Zugangspunkte besser zu kontrollieren

01:13:54.001 --> 01:13:58.100
<v Jan Kalbitzer>und bestimmte Kommunikation gar nicht mehr zuzulassen im Netz.

01:13:58.101 --> 01:14:04.300
<v Jan Kalbitzer>Zum Beispiel wenn es dann um die Frage geht, ob aus Russland Beeinflussung von Wahlen stattfindet, könnte man sagen,

01:14:04.301 --> 01:14:10.100
<v Jan Kalbitzer>Menschen müssen sich authentifizieren, wenn sie auf Twitter an einer Kommunikation teilnehmen wollen,

01:14:10.101 --> 01:14:15.800
<v Jan Kalbitzer>sind damit juristisch besser verfolgbar, man kann nur mit seiner persönlichen Identität am Diskurs teilnehmen.

01:14:15.801 --> 01:14:22.400
<v Jan Kalbitzer>Das wären relativ drakonische Maßnahmen, um das zu verbessern und zu sagen, man geht auch mit einer radikalen Strafverfolgung da rein,

01:14:22.401 --> 01:14:24.100
<v Jan Kalbitzer>wenn Beleidigungen stattfinden.

01:14:24.101 --> 01:14:25.800
<v Tim Pritlove>Wird aber wahrscheinlich nicht funktionieren.

01:14:25.801 --> 01:14:26.800
<v Jan Kalbitzer>Einerseits wird es nicht funktionieren.

01:14:26.801 --> 01:14:29.900
<v Jan Kalbitzer>Die Frage ist aber auch, welche Konsequenzen hätte das für den Dialog?

01:14:29.901 --> 01:14:36.000
<v Jan Kalbitzer>Weil bestimmte Formen von Kommunikation eher möglich sind, wenn Leute anonym interagieren.

01:14:36.001 --> 01:14:38.500
<v Jan Kalbitzer>Man muss sich den Arabischen Frühling zum Beispiel angucken.

01:14:38.501 --> 01:14:46.800
<v Jan Kalbitzer>Und ich glaube auch, dass in Deutschland bestimmte Debatten nur möglich sind auf Twitter, weil die Leute da anonym miteinander kommunizieren

01:14:46.801 --> 01:14:50.100
<v Jan Kalbitzer>und dass es deswegen auch einen Wert hat, Debatten anonym führen zu können.

01:14:50.101 --> 01:14:56.800
<v Tim Pritlove>Im Gegensatz zu einer landläufigen Meinung, einer Sau, die ja viel durch das Dorf getrieben wurde,

01:14:56.801 --> 01:15:07.000
<v Tim Pritlove>dass ja Hasskommunikation und irgendwie schwierige Auseinandersetzungen online im Wesentlichen durch Anonymität befördert sind.

01:15:07.001 --> 01:15:12.900
<v Tim Pritlove>Ich habe eher den Eindruck, das Gegenteil ist wahr, dass diese ganzen Diskussionen sehr wohl bestenfalls pseudonym

01:15:12.901 --> 01:15:22.500
<v Tim Pritlove>eigentlich sogar komplett mit Realnamen geführt werden, während die Anonymität eher noch so den Rückzugsraum für die Schützenswerte darstellt.

01:15:22.501 --> 01:15:28.900
<v Jan Kalbitzer>Also es gibt sicherlich auch Leute, die unter dem Schutz der Anonymität aggressiv sind im Netz, das gibt es auch.

01:15:28.901 --> 01:15:34.500
<v Jan Kalbitzer>Aber es gibt unglaublich viele Menschen, die unter ihrem Realnamen aggressiv sind.

01:15:34.501 --> 01:15:40.400
<v Jan Kalbitzer>Und gerade wenn ich so Debatten nach Veröffentlichungen geführt habe und Leute nachgeguckt habe,

01:15:40.401 --> 01:15:46.100
<v Jan Kalbitzer>das waren zum Teil Akademiker, also die an der Uni gelernt haben, die total aggressiv waren auf Facebook,

01:15:46.101 --> 01:15:49.500
<v Jan Kalbitzer>als Reaktion auf einen Artikel, den ich geschrieben habe, das waren Lokalpolitiker

01:15:49.501 --> 01:15:56.800
<v Jan Kalbitzer>und dann habe ich den manchmal geschrieben über ihren öffentlich zugänglichen Email-Account und gesagt,

01:15:56.801 --> 01:15:58.100
<v Jan Kalbitzer>was sie denn so wütend gemacht hat?

01:15:58.101 --> 01:16:06.600
<v Jan Kalbitzer>Die haben sich total auf die Füße getreten gefühlt und hatten das Gefühl, dass ich quasi so eine Art Stalking gemacht habe.

01:16:06.601 --> 01:16:11.400
<v Jan Kalbitzer>Also die haben auf Facebook öffentlich aggressiv auf einen Artikel reagiert, den ich geschrieben habe.

01:16:11.401 --> 01:16:15.500
<v Jan Kalbitzer>Und dann habe ich auf deren Profil geguckt und da stand, die arbeiten für die und die Uni und sind da und da.

01:16:15.501 --> 01:16:19.400
<v Jan Kalbitzer>Dann habe ich auf deren Uni-Seite geguckt, die Email-Adresse genommen und denen geschrieben,

01:16:19.401 --> 01:16:22.200
<v Jan Kalbitzer>ob wir vielleicht erst mal so direkt in Kontakt treten wollen, was sie so aggressiv macht.

01:16:22.201 --> 01:16:26.500
<v Jan Kalbitzer>Da haben die zum Teil wahnsinnig wütend reagiert, dass ich da so ein Stalking machen würde,

01:16:26.501 --> 01:16:29.500
<v Jan Kalbitzer>wo ich gesagt habe, aber Sie sind doch mit mir in Kontakt getreten.

01:16:29.501 --> 01:16:39.000
<v Jan Kalbitzer>Das heißt, es gibt so eine, was ich gemerkt habe in diesen Diskursen, dass viele Menschen gar kein Bewusstsein für die Öffentlichkeit haben.

01:16:39.001 --> 01:16:44.200
<v Jan Kalbitzer>Sie merken den Effekt der positiven Verstärkung, dass sie ganz viel positives Feedback kriegen, wenn sie was aggressives posten,

01:16:44.201 --> 01:16:51.600
<v Jan Kalbitzer>aber ihnen ist gar nicht bewusst, dass sie da öffentlich agieren und welche Auswirkung dieses öffentliche Agieren auch hat.

01:16:51.601 --> 01:16:59.100
<v Jan Kalbitzer>Und wenn ihnen das bewusst gemacht wird, reagieren sie zum Teil aggressiv oder peinlich berührt oder schockiert

01:16:59.101 --> 01:17:08.400
<v Jan Kalbitzer>und machen Accounts zu und das ist aus meiner Sicht ein ganz wesentliches Element, dass noch kein Bewusstsein da ist für diese Öffentlichkeit,

01:17:08.401 --> 01:17:12.500
<v Jan Kalbitzer>in der Menschen da agieren und welche Auswirkungen das öffentliche Agieren haben kann.

01:17:12.501 --> 01:17:20.600
<v Tim Pritlove>Denkst du, dass das etwas ist, was sozusagen jetzt gerade erst eingepreist wird, was quasi so ein Anpassungsprozess der Gesellschaft ist

01:17:20.601 --> 01:17:25.800
<v Tim Pritlove>auf die Präsenz digitaler Medien, dass wir das sozusagen einfach noch nicht so drin haben,

01:17:25.801 --> 01:17:29.900
<v Tim Pritlove>wie eben alle anderen Sachen, die wir im Prinzip von Grund auf gelernt haben?

01:17:29.901 --> 01:17:37.900
<v Tim Pritlove>Dass da jetzt eine Generation nachzieht, für die das ja selbstverständlich sein wird und die dann sozusagen mittel- oder langfristig

01:17:37.901 --> 01:17:45.000
<v Tim Pritlove>auch eine entsprechende Änderung des gesamtgesellschaftlichen Standards herbeirufen wird.

01:17:45.001 --> 01:17:46.200
<v Jan Kalbitzer>Ich hoffe das sehr.

01:17:46.201 --> 01:17:48.500
<v Tim Pritlove>Hoffen tue ich das auch, die Frage ist, wird das passieren?

01:17:48.501 --> 01:17:53.900
<v Jan Kalbitzer>Ich erlebe sehr viele jugendliche Menschen, die einen ziemlich klugen Blick auf das Netz haben

01:17:53.901 --> 01:17:59.700
<v Jan Kalbitzer>und bestimmte Messenger-Dienste nicht mehr nutzen, andere sind da total naiv, will ich mal sagen.

01:17:59.701 --> 01:18:03.700
<v Jan Kalbitzer>Ich habe in Schulen mit Schülern gesprochen und gefragt, was für sie Privatsphäre ist und da haben sie gesagt,

01:18:03.701 --> 01:18:06.900
<v Jan Kalbitzer>wenn meine Eltern nicht mitlesen, was ich auf Instagram mache.

01:18:06.901 --> 01:18:09.100
<v Jan Kalbitzer>Und da habe ich gesagt, ja gut, aber die Leute auf Instagram die dürfen es auswerten?

01:18:09.101 --> 01:18:12.400
<v Jan Kalbitzer>Das war denen völlig egal, da ging es darum, dass die Eltern das nicht mitlesen.

01:18:12.401 --> 01:18:17.400
<v Jan Kalbitzer>Die haben dann so einen Zweitaccount oder so, der dann irgendwie geheim ist, wo dann die harten Sachen gepostet werden.

01:18:17.401 --> 01:18:19.800
<v Jan Kalbitzer>Wo es dann auch zum Beispiel darum geht, denen zu erklären, wie man sich schützt.

01:18:19.801 --> 01:18:24.700
<v Jan Kalbitzer>ProFamilia macht da Bildung, wo sie sagen, wenn ihr schon Nacktfotos postet, dann wenigstens ohne Kopf,

01:18:24.701 --> 01:18:30.800
<v Jan Kalbitzer>dass man euch nicht identifizieren kann, wenn ihr das irgendwann mal jemandem geschickt habt irgendwie als Liebesbeweis,

01:18:30.801 --> 01:18:36.900
<v Jan Kalbitzer>ich schicke ein Nacktfoto an jemand anderen, dass die das nicht, wenn ihr euch trennt, wütend irgendwie für die ganze Schule posten.

01:18:36.901 --> 01:18:41.600
<v Jan Kalbitzer>Ohne Kopf könnt ihr euch dann noch besser schützen, wenn ihr ein Bild ohne Kopf gemacht habt.

01:18:41.601 --> 01:18:43.700
<v Jan Kalbitzer>Genau, aber bei manchen ist es totaler, bei anderen nicht.

01:18:43.701 --> 01:18:46.400
<v Jan Kalbitzer>Ich habe schon Hoffnung, dass sich das entwickelt.

01:18:46.401 --> 01:18:58.700
<v Jan Kalbitzer>Ich glaube andererseits auch, dass die Tatsache, dass öffentlich wird, was überhaupt an Diskursen da ist, auch einen positiven Effekt hat.

01:18:58.701 --> 01:19:07.700
<v Jan Kalbitzer>Also einerseits ist es ganz furchtbar, dass viele grantige motzige Menschen viele böse Dinge im Netz sagen,

01:19:07.701 --> 01:19:11.700
<v Jan Kalbitzer>andererseits haben die das in Vereinsheimen in den 80ern auch schon so gesagt.

01:19:11.701 --> 01:19:16.400
<v Jan Kalbitzer>Und ich finde das auch durchaus, wenn wir jetzt mal von den Auswirkungen auf das Individuum,

01:19:16.401 --> 01:19:21.700
<v Jan Kalbitzer>also wenn da mehrere Leute aggressiv ein Individuum angehen, was massive psychische Folgen haben kann,

01:19:21.701 --> 01:19:29.500
<v Jan Kalbitzer>das will ich überhaupt nicht in Abrede stellen, aber dass man sieht, was überhaupt vorhanden ist, finde ich auch einen wichtige Effekt des Internets.

01:19:29.501 --> 01:19:38.000
<v Jan Kalbitzer>Dass diese Debatten auf einmal in der Öffentlichkeit stattfinden, die oft am Stammtisch stattgefunden haben.

01:19:38.001 --> 01:19:42.500
<v Jan Kalbitzer>Und dass Leute sich damit in Geheimforen zurückziehen, finde ich nicht unbedingt besser.

01:19:42.501 --> 01:19:50.600
<v Jan Kalbitzer>Ich finde wichtiger, so Leute im Diskurs zu behalten und um die und mit denen zu ringen darum, warum was möglich sein darf

01:19:50.601 --> 01:19:52.800
<v Jan Kalbitzer>und die auch mit einzubeziehen und nicht …

01:19:52.801 --> 01:19:59.000
<v Jan Kalbitzer>es gab diese, wie heißt denn dieser Spieleserver, auf dem sich da Leute austauschen?

01:19:59.001 --> 01:20:00.600
<v Tim Pritlove>Discord?

01:20:00.601 --> 01:20:03.400
<v Jan Kalbitzer>Discord, es gab den Disord-Channel wo es um psychische Krankheiten ging.

01:20:03.401 --> 01:20:09.400
<v Jan Kalbitzer>Das war auch mal so ein Skandal, wo es ein bisschen Beratung gab für Jugendliche im Discord-Channel,

01:20:09.401 --> 01:20:14.700
<v Jan Kalbitzer>ich glaube, der junge Mann, der das gemacht hat, hat sich auf Twitter entweder mein oder dein Therapeut genannt

01:20:14.701 --> 01:20:20.800
<v Jan Kalbitzer>und der hat da so eine Pseudoberatung angeboten und das war so ein bisschen fraglich, ist das jetzt schon Hilfe, ist das keine Hilfe

01:20:20.801 --> 01:20:26.100
<v Jan Kalbitzer>und das war eher abgeschottet, das ist nicht so in der Öffentlichkeit wahrgenommen worden.

01:20:26.101 --> 01:20:30.900
<v Jan Kalbitzer>So was finde ich viel problematischer als die Dinge, die in der Öffentlichkeit stattfinden.

01:20:30.901 --> 01:20:36.700
<v Tim Pritlove>Also Discord muss man dazu sagen ist nicht ein Server, das ist eine Software, jeder kann sich sozusagen selber so ein System aufsetzen.

01:20:36.701 --> 01:20:43.600
<v Jan Kalbitzer>Genau, da gab es einen Channel, den die genutzt haben, um sich da auszutauschen.

01:20:43.601 --> 01:20:48.900
<v Jan Kalbitzer>Und so was finde ich viel problematischer, wenn es abseits der Öffentlichkeit stattfindet, wo man es nicht mitkriegt.

01:20:48.901 --> 01:20:54.100
<v Jan Kalbitzer>Da finde ich besser, dass so Diskurse in der Öffentlichkeit stattfinden und dann muss man eben auch gucken,

01:20:54.101 --> 01:20:59.400
<v Jan Kalbitzer>wie behält man Menschen im Diskurs, ohne ihnen alle Rechte einzugestehen.

01:20:59.401 --> 01:21:06.700
<v Jan Kalbitzer>Also sozusagen es gibt Tabus, man darf Dinge nicht sagen und trotzdem wollen wir dich hier behalten, um mit dir zu diskutieren.

01:21:06.701 --> 01:21:12.700
<v Jan Kalbitzer>Wahnsinnig schwierig, weil das Problem immer ist, dass man Menschen, die laut schreien, dass man denen viel mehr Raum gibt in so einer Debatte

01:21:12.701 --> 01:21:16.000
<v Jan Kalbitzer>als denen, die leise sind und sich mehr um die kümmert.

01:21:16.001 --> 01:21:21.000
<v Jan Kalbitzer>Trotzdem ist es möglicherweise erforderlich, diese Leute in der Debatte zu halten und sich mit denen auseinanderzusetzen.

01:21:21.001 --> 01:21:26.500
<v Jan Kalbitzer>Das habe ich viel versucht in Foren, gerade bei Springer-Medien und fand das ganz schön spannend,

01:21:26.501 --> 01:21:32.600
<v Jan Kalbitzer>dass man so Leute nicht verliert durch so eine Auseinandersetzung und auch persönlich mit denen in die Diskussion kommen kann

01:21:32.601 --> 01:21:40.300
<v Jan Kalbitzer>und sehr klar sagen kann, ich bin absolut gegen Hetze, ich bin absolut dagegen Tabus zu brechen,

01:21:40.301 --> 01:21:47.200
<v Jan Kalbitzer>aber inhaltlich bin ich bereit, über ziemlich viele Dinge zu diskutieren und diese Grenze zu ziehen, das hat erstaunlich gut funktioniert.

01:21:47.201 --> 01:21:49.900
<v Jan Kalbitzer>Aber eher dann im persönlichen Zweiergespräch.

01:21:49.901 --> 01:21:57.400
<v Tim Pritlove>Hast du nicht so den Eindruck, dass du da als alter weißer Mann Privilegienvorteile in der Debatte hattest?

01:21:57.401 --> 01:22:00.300
<v Jan Kalbitzer>Ja, das auf jeden Fall.

01:22:00.301 --> 01:22:08.200
<v Jan Kalbitzer>Das ist mir auch zurückgespiegelt worden, wenn jemand anders, eine Frau mit einem türkischen Namen so was gemacht hätte,

01:22:08.201 --> 01:22:11.800
<v Jan Kalbitzer>wäre das möglicherweise schwieriger gewesen.

01:22:11.801 --> 01:22:18.100
<v Jan Kalbitzer>Haben mir einige Menschen so zurückgemeldet, andere haben gesagt, dass es nicht so ist, dass gerade dann auch eine Offenheit zur Diskussion da war,

01:22:18.101 --> 01:22:25.700
<v Jan Kalbitzer>aber sicherlich habe ich in meiner Position viele negative Effekte so nicht wahrgenommen, die andere Menschen im Netz mitkriegen.

01:22:25.701 --> 01:22:31.100
<v Jan Kalbitzer>Ich habe ja auf Twitter lange versucht mich zu streiten, um die Dynamik von Streits zu untersuchen.

01:22:31.101 --> 01:22:34.400
<v Jan Kalbitzer>Mir ist das nie gelungen, mich so richtig zu streiten mit jemandem.

01:22:34.401 --> 01:22:37.200
<v Jan Kalbitzer>Ich bin einfach nicht in Streits geraten.

01:22:37.201 --> 01:22:41.000
<v Jan Kalbitzer>Ich bin einmal fast in einen Streit geraten mit Jörg Kachelmann, der hat mich dann aber sofort geblockt

01:22:41.001 --> 01:22:43.700
<v Jan Kalbitzer>und ansonsten ist es mir einfach nicht gelungen.

01:22:43.701 --> 01:22:48.300
<v Jan Kalbitzer>Meistens bin ich dann irgendwann in so ein gegenseitiges Verständnis und freundschaftliches Gespräch geraten,

01:22:48.301 --> 01:22:51.900
<v Jan Kalbitzer>was dann irgendwie im Privatchat weiterging.

01:22:51.901 --> 01:22:54.500
<v Jan Kalbitzer>Manchmal habe ich mich mit den Leuten dann nochmal getroffen und mich unterhalten.

01:22:54.501 --> 01:22:57.900
<v Tim Pritlove>Du wolltest dich über das Wetter streiten oder?

01:22:57.901 --> 01:23:01.400
<v Jan Kalbitzer>Nein, ich habe mich über wirklich harte Sachen gestritten.

01:23:01.401 --> 01:23:07.800
<v Jan Kalbitzer>Also es hat nie funktioniert, für mich hat das nie funktioniert.

01:23:07.801 --> 01:23:13.800
<v Jan Kalbitzer>Ein paar Male haben mir Leute dann nicht mehr geantwortet dann irgendwann, aber meistens ist es dann irgendwann eine Auseinandersetzung geworden,

01:23:13.801 --> 01:23:20.400
<v Jan Kalbitzer>wo ich gesagt habe, ich kann nicht tolerieren, wenn jemand gegen Minderheit hetzt, weil ich das grundsätzlich ablehne

01:23:20.401 --> 01:23:24.800
<v Jan Kalbitzer>und ich kann nicht akzeptieren, dass Grenzen durch Tabubrüche immer weiter verschoben werden, weil ich glaube,

01:23:24.801 --> 01:23:36.900
<v Jan Kalbitzer>dass es Tabus braucht in der Gesellschaft, auch wenn vielleicht Linke und Alternative Tabus zuerst in großem Maß mit gebrochen haben in der Moderen Zeit.

01:23:36.901 --> 01:23:44.600
<v Jan Kalbitzer>Ich finde Tabubrüche nicht per se gerechtfertigt und finde wichtig, dass es diese Grenzen gibt jenseits der juristischen Grenzen.

01:23:44.601 --> 01:23:49.600
<v Jan Kalbitzer>Und innerhalb dieses Rahmens waren oft wirklich gute Auseinandersetzungen möglich.

01:23:49.601 --> 01:23:55.000
<v Jan Kalbitzer>Deswegen, also es hängt immer so ein bisschen von der eigenen Konstitution ab, aber wenn man sich selber eine Nische geschaffen hat,

01:23:55.001 --> 01:24:01.100
<v Jan Kalbitzer>in der man sich wohl fühlt, kann ich sehr dazu raten, auch immer mal wieder rauszugehen und so Auseinandersetzungen zu führen,

01:24:01.101 --> 01:24:03.700
<v Jan Kalbitzer>weil dadurch auch die Angst nachlässt.

01:24:03.701 --> 01:24:12.800
<v Jan Kalbitzer>Also zu sagen, ich bin am Wochenende und abends in meiner Nische, ich habe zum Beispiel auf meinem Tablet keinen Browser

01:24:12.801 --> 01:24:16.300
<v Jan Kalbitzer>und ich habe auch nur eine Tageszeitung, die ich immer wieder neu lade, die nicht so hektische Nachrichten hat

01:24:16.301 --> 01:24:24.200
<v Jan Kalbitzer>wie jetzt die Online-Portale das haben und zu Hause und am Wochenende lese ich nur diese Tageszeitungen.

01:24:24.201 --> 01:24:30.200
<v Jan Kalbitzer>Und lese nicht diese schnellen Nachrichten, die dann quasi durch die online-Seiten, wo es mehr um Klicks auch geht, durchflattern

01:24:30.201 --> 01:24:35.500
<v Jan Kalbitzer>und ziehe mich bewusst zurück in meine Nische, in der ich mich mit den Sachen nicht so intensiv auseinandersetze,

01:24:35.501 --> 01:24:39.900
<v Jan Kalbitzer>um unter der Woche den Debatten wieder besser gewappnet zu sein und auch sagen zu können,

01:24:39.901 --> 01:24:44.700
<v Jan Kalbitzer>jetzt setze ich mich mal mit den Hardfacts zum Thema Corona auseinander oder zum Thema Klimawandel,

01:24:44.701 --> 01:24:51.600
<v Jan Kalbitzer>um genau gucken zu können was ich mache oder diskutiere mal mit jemandem, der ziemlich harte rechte Meinungen vertritt

01:24:51.601 --> 01:24:57.100
<v Jan Kalbitzer>und sage, es gibt Grenzen, aber über bestimmte Positionen bin ich bereit zu diskutieren.

01:24:57.101 --> 01:25:04.800
<v Jan Kalbitzer>Da würde ich übrigens auch einen Unterschied zu Sascha Lobo machen, der ja gesagt hat, mit Rechts reden und dann so sagt,

01:25:04.801 --> 01:25:07.700
<v Jan Kalbitzer>bestimmte Sachen da rede ich dann nicht mehr mit jemandem.

01:25:07.701 --> 01:25:15.300
<v Jan Kalbitzer>Ich finde auch wichtig, die Tabus zu benennen, trotzdem denke ich, wenn die Gruppe immer größer wird derer, mit den wir nicht reden,

01:25:15.301 --> 01:25:20.100
<v Jan Kalbitzer>weil wir so bestimmte Tabugrenzen definieren, Antisemitismus zum Beispiel.

01:25:20.101 --> 01:25:31.200
<v Jan Kalbitzer>Wenn jemand antisemitische Dinge sagt, dann rede ich per se nicht mehr mit dem, das finde ich ein hehres Ziel,

01:25:31.201 --> 01:25:38.400
<v Jan Kalbitzer>Das finde ich eigentlich richtig, die Sache ist nur, dass der Bevölkerungsanteil, den wir dann abspalten möglicherweise so groß ist,

01:25:38.401 --> 01:25:42.000
<v Jan Kalbitzer>dass wir eine Spaltung kriegen, die uns als Gesellschaft zerstört.

01:25:42.001 --> 01:25:48.700
<v Jan Kalbitzer>Und dann sind wir nicht mehr handlungsfähig und das heißt, obwohl man das für richtig hält zu sagen,

01:25:48.701 --> 01:25:54.000
<v Jan Kalbitzer>bestimmte Tabugrenzen dürfen nicht gebrochen werden und die einzig redliche Reaktion darauf wäre,

01:25:54.001 --> 01:25:57.000
<v Jan Kalbitzer>so jemanden komplett auszugrenzen aus der Auseinandersetzung.

01:25:57.001 --> 01:26:06.800
<v Jan Kalbitzer>Da muss man sagen, dass es pragmatisch notwendig ist, die Tabugrenzen so zu ziehen, dass man nicht zu große Gruppen von der Gesellschaft abspaltet,

01:26:06.801 --> 01:26:08.800
<v Jan Kalbitzer>weil es sonst einfach nicht mehr funktioniert.

01:26:08.801 --> 01:26:17.400
<v Jan Kalbitzer>Das heißt, man muss mit Leuten in die Diskussion und Auseinandersetzung gehen, die man möglicherweise für politisch

01:26:17.401 --> 01:26:24.000
<v Jan Kalbitzer>oder wo man denkt, dass das, was sie tun, politisch völlig verwerflich ist und was man total ablehnt, weil es anders nicht geht.

01:26:24.001 --> 01:26:29.100
<v Jan Kalbitzer>Und um das zu können muss man eben sagen, was ist meine persönliche Basis, von der heraus ich handeln kann.

01:26:29.101 --> 01:26:34.500
<v Tim Pritlove>Ich meine, an der Stelle muss man natürlich auch ein Gefühl entwickeln, weil es natürlich ein bisschen was anderes ist,

01:26:34.501 --> 01:26:44.800
<v Tim Pritlove>ob ich mit jemanden in den Diskurs gehe, der mir Antisemitismus reindrücken will und auch ganz klar den Eindruck macht,

01:26:44.801 --> 01:26:58.400
<v Tim Pritlove>dass ist eine bewusste Methode und da steckt eine viel tiefergehende Überzeugung dahinter und hier wird sozusagen so etwas quasi auch so als diskursische Waffe verwendet

01:26:58.401 --> 01:27:08.500
<v Tim Pritlove>versus Leute, die dem halt nur auf den Leim gegangen sind, gar nicht bewusst eigentlich wissen, mit welchen Argumenten sie jetzt gerade um sich schleudern,

01:27:08.501 --> 01:27:13.800
<v Tim Pritlove>weil es eben aus ihrer Nische, die entsprechend verseucht gewesen sein kann, wo man groß geworden ist,

01:27:13.801 --> 01:27:21.000
<v Tim Pritlove>Familie, was auch immer, Beruf, was auch immer das soziale Umfeld ist, in dem man sich halt so rumtreibt,

01:27:21.001 --> 01:27:25.100
<v Tim Pritlove>dass man dadurch einfach so sehr geprägt ist, dass man das gar nicht reflektiert, dass man das tut.

01:27:25.101 --> 01:27:37.100
<v Tim Pritlove>So dieses, ich bin ja kein Nazi, aber …, das ist so dieses, ja ich verorte mich eigentlich gar nicht da, quatsche aber trotzdem den Scheiß nach,

01:27:37.101 --> 01:27:42.500
<v Tim Pritlove>weil ich halt kurz gesagt gar nichts anderes gelernt habe oder so eine Dominanz hat.

01:27:42.501 --> 01:27:48.700
<v Tim Pritlove>Das ist ja dann schon eher so der Ansatz, wo man sagen kann, hör mal, ich mache dir jetzt mal ein paar Sachen klar.

01:27:48.701 --> 01:27:57.900
<v Tim Pritlove>Wenn man denn überhaupt diese Fähigkeit besitzt, sowohl das zu ertragen, herauszufiltern, womit habe ich es denn jetzt zu tun.

01:27:57.901 --> 01:28:07.100
<v Tim Pritlove>Also das ist ja extrem schwierig, sich hier das passende Besteck zurechtzulegen oder überhaupt erst mal die Fähigkeit zu haben rauszufinden so,

01:28:07.101 --> 01:28:10.500
<v Tim Pritlove>womit habe ich es jetzt zu tun, lohnt sich das Engagement an dieser Stelle?

01:28:10.501 --> 01:28:13.900
<v Tim Pritlove>Und wenn es sich lohnt, wie gehe ich denn jetzt hier vor?

01:28:13.901 --> 01:28:20.100
<v Tim Pritlove>Das ist ja ein extremer Aufwand und ich glaube, das ist auch etwas, vor dem viele Leute verzweifeln und dann sagen so,

01:28:20.101 --> 01:28:25.200
<v Tim Pritlove>ist mir zu anstrengend, keine Ahnung, mit was für Leuten ich mich jetzt hier anlege, ich gehe dann mal weg,

01:28:25.201 --> 01:28:28.000
<v Tim Pritlove>weil das macht mir einfach den Tag schlecht.

01:28:28.001 --> 01:28:28.900
<v Jan Kalbitzer>Ja, und das ist legitim.

01:28:28.901 --> 01:28:33.700
<v Jan Kalbitzer>Also zu sagen, wenn ich dem nicht mehr gewachsen bin, ziehe ich mich in meine Nische zurück, das ist legitim,

01:28:33.701 --> 01:28:36.800
<v Jan Kalbitzer>das sollte man tun, man sollte es nur immer wieder ausprobieren und üben.

01:28:36.801 --> 01:28:40.300
<v Jan Kalbitzer>Und da muss man gucken, wo ist ein Umfeld, wo ich es üben kann, ohne mich einerseits zu sehr zu gefährden.

01:28:40.301 --> 01:28:47.800
<v Jan Kalbitzer>Also wenn ich als Einzelperson irgendwo hingehe zu einer großen Gruppe und sage, so jetzt möchte ich mal mit euch über eure falschen Auffassungen diskutieren,

01:28:47.801 --> 01:28:54.400
<v Jan Kalbitzer>dann setzt man sich möglicherweise einer unnötigen Gefahr aus mit einem Ansatz, der möglicherweise nicht sehr zielführend ist.

01:28:54.401 --> 01:29:00.600
<v Tim Pritlove>Als wäre man so wie die Zeugen Jehovas auf einmal bei der AfD auftaucht und sagt, guten Tag, wir möchten mit Ihnen über Rechtsextremismus sprechen.

01:29:00.601 --> 01:29:06.300
<v Jan Kalbitzer>Also auch da bin ich wieder kritisch, ich bin ja zu AfD-Veranstaltungen hingegangen, um mir das anzugucken

01:29:06.301 --> 01:29:10.300
<v Jan Kalbitzer>und mein Eindruck war, dass die Leute total offen mit mir alle geredet haben.

01:29:10.301 --> 01:29:15.300
<v Jan Kalbitzer>Die hatten zwar eine ganz andere Meinung und haben das für totalen Bullshit gehalten, was ich gesagt habe,

01:29:15.301 --> 01:29:20.700
<v Jan Kalbitzer>und zum Teil fand ich auch ganz furchtbar was die gesagt haben, aber es gab niemanden, der nicht mit mir reden wollte,

01:29:20.701 --> 01:29:24.000
<v Jan Kalbitzer>weil bei vielen auch der Wunsch da war, mich zu überzeugen.

01:29:24.001 --> 01:29:25.400
<v Jan Kalbitzer>Und deswegen sind die mit mir in die Auseinandersetzung gegangen.

01:29:25.401 --> 01:29:30.200
<v Jan Kalbitzer>Und wenn man dann merkt, das bringt gar nichts, dann kann man auch sagen, das ist mir zu viel, aber das muss man austesten.

01:29:30.201 --> 01:29:32.000
<v Jan Kalbitzer>Und ich hatte da so ein Schlüsselerlebnis.

01:29:32.001 --> 01:29:36.600
<v Jan Kalbitzer>Es gibt einen Journalisten von der Süddeutschen Zeitung, ich habe jetzt den Namen vergessen,

01:29:36.601 --> 01:29:45.900
<v Jan Kalbitzer>der aber in seinem Profil öffentlich schrieb, dass er Journalist für die Süddeutsche Zeitung ist, das war also, da stand quasi was öffentlich von der SZ drin,

01:29:45.901 --> 01:29:57.700
<v Jan Kalbitzer>da ging es darum, dass Christian Lindner von der FDP damals so ein bisschen versucht hat, mit Äußerungen im AfD-Milieu zu fischen.

01:29:57.701 --> 01:30:03.500
<v Jan Kalbitzer>Und dann ging es darum, irgendwie wie soll man damit umgehen?

01:30:03.501 --> 01:30:08.500
<v Jan Kalbitzer>Er diskutiert mit Renate Künast auf Twitter und schrieb dann so, lieber die FDP im Bundestag, glaube ich,

01:30:08.501 --> 01:30:10.900
<v Jan Kalbitzer>als die Spackos von der AfD.

01:30:10.901 --> 01:30:15.600
<v Jan Kalbitzer>Und da habe ich drauf reagiert und dann geschrieben, unabhängig von der politischen Meinung finde ich das völlig inakzeptabel,

01:30:15.601 --> 01:30:24.400
<v Jan Kalbitzer>dass jemand, der als Journalist objektive Berichte liefern soll und als Journalist auf Twitter auftritt, so einen Kommentar da raushaut.

01:30:24.401 --> 01:30:30.500
<v Jan Kalbitzer>Zum einen den Begriff Spackos, aber zum anderen über eine Partei so zu schreiben als persönliche Meinung, finde ich komplett falsch.

01:30:30.501 --> 01:30:36.000
<v Jan Kalbitzer>Und das war der Punkt, wo mir die AfD folgte und ich mit denen, weil ich habe gar nicht gesagt, dass ich AfD-Positionen teile,

01:30:36.001 --> 01:30:44.300
<v Jan Kalbitzer>sondern ich habe nur gesagt, ich finde so eine Art des Umgangs nicht in Ordnung, wo ich mit denen im Privatchat sehr offen in die Diskussion gekommen bin.

01:30:44.301 --> 01:30:49.900
<v Jan Kalbitzer>Also ich teile nicht deren Ansichten, ich glaube, ich habe niemanden konvertiert, aber ich habe verstanden,

01:30:49.901 --> 01:30:54.900
<v Jan Kalbitzer>wie man mit einer bestimmten Art von Argumenten besser umgehen kann.

01:30:54.901 --> 01:31:00.800
<v Jan Kalbitzer>Und das habe ich auch, als ich für die Welt was geschrieben habe und danach in den Kommentarspalten mitdiskutiert habe,

01:31:00.801 --> 01:31:08.900
<v Jan Kalbitzer>auch da habe ich gelernt, es gibt Positionen, die ich wirklich wirklich schlimm finde, und dann zu trennen,

01:31:08.901 --> 01:31:18.100
<v Jan Kalbitzer>es gibt Aspekte bei den Personen, das eine ist eine tiefe Verbitterung und Wut und das andere ist eine Selbstvergewisserung,

01:31:18.101 --> 01:31:23.000
<v Jan Kalbitzer>ich schreibe etwas aggressives und kriege dann ganz viel positive Bestätigung von anderen, also da ist so ein Strom drin,

01:31:23.001 --> 01:31:24.900
<v Jan Kalbitzer>wo man da verstärkt wird.

01:31:24.901 --> 01:31:28.400
<v Jan Kalbitzer>Schlecky Silberstein hat das anhand seiner Mutter beschrieben, die in so eine …

01:31:28.401 --> 01:31:34.500
<v Jan Kalbitzer>Also er beschreibt, dass seine Mutter in diesem Buch über das Internet, wie hieß das Buch von Schlecky Silberstein, „Das Internet muss weg“,

01:31:34.501 --> 01:31:38.000
<v Jan Kalbitzer>da beschreibt er in so einem Kapitel über seine Mutter, wo er schreibt, dass sie in so eine rechte Blase gerät,

01:31:38.001 --> 01:31:42.900
<v Jan Kalbitzer>weil sie dann anfängt, so rechte Dinge zu posten und ganz viele positive Nachrichten und Feedback dafür kriegt.

01:31:42.901 --> 01:31:49.100
<v Jan Kalbitzer>Das Phänomen, wie so was entsteht, wollte ich übrigens mal untersuchen mit Luka Hammer, der auf Twitter relativ viele coole Analysen macht.

01:31:49.101 --> 01:31:50.400
<v Jan Kalbitzer>Haben wir immer noch nicht umgesetzt.

01:31:50.401 --> 01:31:57.900
<v Jan Kalbitzer>Auf jeden Fall diesen Effekt, dass es eine Verbitterung gibt, dass es eine positive Verstärkung gibt und dann,

01:31:57.901 --> 01:32:03.800
<v Jan Kalbitzer>und da komme ich auch wieder zu den Dingen mit den moralischen Prämissen der Forschung zurück, die Vorstellung,

01:32:03.801 --> 01:32:12.100
<v Jan Kalbitzer>dass viele journalistische Artikel und auch wissenschaftliche Stellungnahmen auf der Grundlage einer moralischen Haltung

01:32:12.101 --> 01:32:19.200
<v Jan Kalbitzer>und auch einer moralischen Rechthaberei entstehen, gegen die man sich zur Wehr setzen will.

01:32:19.201 --> 01:32:22.600
<v Jan Kalbitzer>Und wie man mit diesen verschiedenen Aspekten umgeht, fand ich ganz interessant.

01:32:22.601 --> 01:32:24.900
<v Jan Kalbitzer>Mich interessiert vor allem die Verbitterung.

01:32:24.901 --> 01:32:30.000
<v Jan Kalbitzer>Wie wird jemand so verbittert, dass er alle Hemmungen fahren lässt und hetzt und Tabus bricht?

01:32:30.001 --> 01:32:32.000
<v Jan Kalbitzer>Da möchte ich den Menschen gerne begegnen.

01:32:32.001 --> 01:32:39.300
<v Jan Kalbitzer>Muss mich aber auseinandersetzen damit, dass die die ganze Zeit total positives Feedback für ihre harten Kommentare gegen mich kriegen,

01:32:39.301 --> 01:32:43.200
<v Jan Kalbitzer>was sie total verstärkt darin, harte Kommentare zu schreiben.

01:32:43.201 --> 01:32:50.800
<v Jan Kalbitzer>Und gleichzeitig habe ich den Aspekt drin, dass, wenn ich den Eindruck erwecke, dass ich meine wissenschaftliche Position nutze,

01:32:50.801 --> 01:32:57.000
<v Jan Kalbitzer>um meine persönliche Meinung zu verbreiten, mich total angreifbar mache, diese Aspekte waren da so alle mit drin.

01:32:57.001 --> 01:32:58.900
<v Jan Kalbitzer>Und da hatte ich so ein Schlüsselerlebnis.

01:32:58.901 --> 01:33:05.800
<v Jan Kalbitzer>Ich habe einen Artikel für die Welt geschrieben, der hieß „Rettet Frauke Petry“, wo ich geschrieben habe, dass wir Brücken bauen müssen.

01:33:05.801 --> 01:33:10.900
<v Jan Kalbitzer>Frauke Petry ist ja damals aus der AfD ausgetreten, der AfD-Fraktion und da habe ich gesagt, Leute passt auf,

01:33:10.901 --> 01:33:14.100
<v Jan Kalbitzer>wenn wir jetzt ein positives Beispiel setzen und sagen, wir nehmen dich zurück in die Mehrheitsgesellschaft,

01:33:14.101 --> 01:33:20.700
<v Jan Kalbitzer>wenn du sagst, das mit der Hetze war völliger Mist, das geht gar nicht und das mit den Tabubrüchen ist nicht in Ordnung,

01:33:20.701 --> 01:33:23.700
<v Jan Kalbitzer>dann nehmen wir dich zurück auf in die Mehrheitsgesellschaft.

01:33:23.701 --> 01:33:27.400
<v Jan Kalbitzer>Wir müssen diesen Schritt machen, um die Spannung zu überwinden und mehr Menschen zurück zu gewinnen,

01:33:27.401 --> 01:33:29.700
<v Jan Kalbitzer>vielleicht folgen dann ja noch mehr nach.

01:33:29.701 --> 01:33:36.700
<v Jan Kalbitzer>Das habe ich geschrieben für die Welt und total aggressive Kommentare gekriegt, wo dann auch so drin stand von wegen,

01:33:36.701 --> 01:33:41.000
<v Jan Kalbitzer>nicht die AfD sind diejenigen, die sich irren, sondern die, die sich als Mehrheitsgesellschaft bezeichnen

01:33:41.001 --> 01:33:45.400
<v Jan Kalbitzer>und hier argumentiert jemand aus der rechthaberischen Position heraus.

01:33:45.401 --> 01:33:50.900
<v Jan Kalbitzer>Und das ging auf einen Blog von einem Politiker namens Holger Arpel, heißt der glaube ich, der ist irgendwo in,

01:33:50.901 --> 01:34:01.500
<v Jan Kalbitzer>lass mich nicht lügen, Mecklenburg-Vorpommern, da stand der vorm AfD-Ausschluss und der schrieb was sehr negatives über meinen Kommentar.

01:34:01.501 --> 01:34:08.000
<v Jan Kalbitzer>Von wegen dass es wie so eine Sekte wäre für die ich schreibe oder so was.

01:34:08.001 --> 01:34:10.900
<v Jan Kalbitzer>Kehret um hieß dieser Kommentar von ihm, glaube ich, auf seinem Blog.

01:34:10.901 --> 01:34:16.200
<v Jan Kalbitzer>Und unter diesem Kommentar, ich lese ja wirklich alles, unter diesem Kommentar war eine Antwort von einer Person,

01:34:16.201 --> 01:34:25.900
<v Jan Kalbitzer>einem AfD-Anhänger, der schrieb, wenn die AfD erst an der Macht ist, dann müssen wir aufpassen, dass wir nicht die gleichen Fehler machen wie die Leute jetzt,

01:34:25.901 --> 01:34:28.000
<v Jan Kalbitzer>nämlich dass wie die Minderheitenmeinungen unterdrücken.

01:34:28.001 --> 01:34:34.000
<v Jan Kalbitzer>Das heißt, der hat geglaubt, wenn ich die AfD unterstütze, werden Minderheitenmeinungen wieder stärker möglich

01:34:34.001 --> 01:34:39.800
<v Jan Kalbitzer>und wenn wir dann an der Macht sind, müssen wir aufpassen, dass wir nicht die gleichen Fehler begehen, wie die, die jetzt da gerade an der Macht sind,

01:34:39.801 --> 01:34:41.400
<v Jan Kalbitzer>und Minderheitenmeinungen unterdrücken.

01:34:41.401 --> 01:34:49.000
<v Jan Kalbitzer>Das ist ja eine Haltung, die ich total teile, von der Person, die den Eindruck hat, die AfD würde das wiederherstellen.

01:34:49.001 --> 01:34:51.700
<v Jan Kalbitzer>Wie trete ich zu so jemandem in Kontakt, der das da so sagt?

01:34:51.701 --> 01:35:00.100
<v Jan Kalbitzer>Der mich als einen totalen Spinner empfindet, der seine Position als Wissenschaftler und seine Möglichkeit zu publizieren ausnutzt,

01:35:00.101 --> 01:35:05.800
<v Jan Kalbitzer>um seine persönliche Meinung zu verbreiten, dessen Grundhaltung ich aber total teile, wenn es darum geht,

01:35:05.801 --> 01:35:13.500
<v Jan Kalbitzer>dass alle Minderheiten geschützt werden müssen in ihrer Meinungsfreiheit und ihrer Möglichkeit auf Gesundheit und Entwicklung.

01:35:13.501 --> 01:35:15.600
<v Jan Kalbitzer>Das sind total interessante Fragen, die sich aufgetan haben.

01:35:15.601 --> 01:35:23.100
<v Jan Kalbitzer>Das kann man aber nur, wenn man nicht davon überwältigt ist oder sich zu großen Gefahren aussetzt oder das Gefühl hat, das geht gerade gar nicht.

01:35:23.101 --> 01:35:27.800
<v Jan Kalbitzer>Das heißt, man muss für sich den Kontext suchen, in dem man üben kann und in dem das für einen möglich ist.

01:35:27.801 --> 01:35:32.500
<v Jan Kalbitzer>Man muss also Herausforderungen langsam steigern und auch ein bisschen rumprobieren, bevor man so weiß, was ist so mein Umfeld.

01:35:32.501 --> 01:35:34.000
<v Jan Kalbitzer>Und dazu möchte ich eigentlich animieren.

01:35:34.001 --> 01:35:39.900
<v Jan Kalbitzer>Das ist alles, was ich immer wollte, im Bezug auf das Internet und jetzt auch auf gesellschaftspolitische Veränderungen,

01:35:39.901 --> 01:35:42.000
<v Jan Kalbitzer>wir müssen spielerischer sein, wir müssen weniger Angst haben vor Fehlern.

01:35:42.001 --> 01:35:48.100
<v Jan Kalbitzer>Wir müssen sagen, mein Gott, es wird vieles schieflaufen, so ist menschliche Entwicklung.

01:35:48.101 --> 01:35:55.100
<v Jan Kalbitzer>Es findet viel Entwicklung im Spiel statt, wir brauchen neue Kulturen, wie wir mit Internet umgehen, wie wir online kommunizieren.

01:35:55.101 --> 01:35:58.300
<v Jan Kalbitzer>Wir müssen ausprobieren, um das zu finden, wir können nicht jeden Fehler gleich verteufeln.

01:35:58.301 --> 01:36:03.000
<v Jan Kalbitzer>Wir dürfen uns nicht verdammen, wenn wir Fehler machen, nicht alles ist gleich ein Scheitern, sondern der Mut zu spielen

01:36:03.001 --> 01:36:08.500
<v Jan Kalbitzer>und auszuprobieren ist das, was es braucht, und die Stärke zu haben, sich zu trauen auszuprobieren, in der Familie auch zu sagen,

01:36:08.501 --> 01:36:15.600
<v Jan Kalbitzer>okay, dann akzeptieren wir doch als Familie mal, dass alle die ganze Zeit Smartphones nutzen und gucken, wie es uns nach einer Woche geht.

01:36:15.601 --> 01:36:20.100
<v Jan Kalbitzer>Am Esstisch, auf dem Sofa, alle benutzen nur noch ihr Smartphone, dann setzen wir uns nach einer Woche gemeinsam hin und sagen,

01:36:20.101 --> 01:36:23.100
<v Jan Kalbitzer>wie geht es uns jetzt?

01:36:23.101 --> 01:36:27.900
<v Jan Kalbitzer>Wir haben vielleicht alle viel weniger miteinander gestritten, weil wir die ganze Zeit hinter den Geräten waren.

01:36:27.901 --> 01:36:32.900
<v Jan Kalbitzer>Andererseits vermissen wir uns vielleicht auch ein bisschen und sind auch so ein bisschen belämmert, weil wir die ganze Zeit auf diese Bildschirm gestarrt haben.

01:36:32.901 --> 01:36:37.900
<v Jan Kalbitzer>Ich finde ja, das größte Problem des Internets ist der Weg, auf dem es zu uns gebracht wird, dieser dumme zweidimensionale Bildschirm,

01:36:37.901 --> 01:36:40.200
<v Jan Kalbitzer>das finde ich total anstrengend.

01:36:40.201 --> 01:36:42.100
<v Tim Pritlove>Außer Podcast, da geht es ja über Kopfhörer.

01:36:42.101 --> 01:36:44.800
<v Jan Kalbitzer>Das ist auch immer der Punkt, wenn ich sage, dass ich internetsüchtig bin.

01:36:44.801 --> 01:36:51.900
<v Jan Kalbitzer>Ich nutze das Internet jeden Tag mindestens zwölf Stunden hoch intensiv, weil ich Internetradio höre.

01:36:51.901 --> 01:36:52.100
<v Jan Kalbitzer>Das ist Internetnutzung.

01:36:52.101 --> 01:36:58.200
<v Jan Kalbitzer>Und genau diese Sachen, die Audionutzung des Internets wird immer unterschlagen, wenn es um Internetnutzung geht.

01:36:58.201 --> 01:36:59.400
<v Tim Pritlove>Ohja generell wird da einiges unterschlagen.

01:36:59.401 --> 01:37:05.900
<v Tim Pritlove>Ich musste auch schon früher immer lächeln bei den allerersten Internetbefragungen, die es ja schon vor 10-15 Jahre gab.

01:37:05.901 --> 01:37:11.200
<v Tim Pritlove>Da war dann die erste Frage immer so, wieviele Stunden am Tag sind Sie denn im Internet?

01:37:11.201 --> 01:37:15.100
<v Tim Pritlove>Wo ich halt immer nur drauf antworten konnte, ja immer.

01:37:15.101 --> 01:37:18.600
<v Tim Pritlove>Ich bin immer im Internet.

01:37:18.601 --> 01:37:24.600
<v Tim Pritlove>Das Internet will nicht unbedingt immer gerade was von mir, aber ich bin eigentlich immer bereit gewesen mit ihm zu interagieren,

01:37:24.601 --> 01:37:28.400
<v Tim Pritlove>von daher war ich halt eigentlich immer da.

01:37:28.401 --> 01:37:33.600
<v Tim Pritlove>So wie ich auch immer in meiner Wohnung vielleicht mal bin oder zumindest extrem oft.

01:37:33.601 --> 01:37:35.400
<v Jan Kalbitzer>Da haben wir auch Befragungen übrigens zu gemacht.

01:37:35.401 --> 01:37:42.000
<v Jan Kalbitzer>Wir haben gesagt, was unterscheidet eigentlich gesunde hochintensiv Nutzer von hochintensiv Nutzern, die sagen,

01:37:42.001 --> 01:37:43.900
<v Jan Kalbitzer>sie sind davon krank geworden.

01:37:43.901 --> 01:37:49.200
<v Jan Kalbitzer>Also wir haben versucht, Leute aus dem CCC-Umfeld zum Beispiel zu gewinnen für Befragungen, um zu gucken,

01:37:49.201 --> 01:37:55.500
<v Jan Kalbitzer>Leute, die immer im Internet sind und denen es echt gut geht, was hält die eigentlich gesund, was sind denn die gesundhaltenden Faktoren,

01:37:55.501 --> 01:37:59.300
<v Jan Kalbitzer>wenn man das Internet viel nutzt.

01:37:59.301 --> 01:38:03.000
<v Jan Kalbitzer>Und andersrum, was sind bei hochintensiv Nutzern dann möglicherweise krankmachende Faktoren.

01:38:03.001 --> 01:38:09.000
<v Jan Kalbitzer>Und ich habe durch diese ganze Arbeit und ich interagiere ja auch manchmal so als Außenstehender mit dem CCC-Umfeld,

01:38:09.001 --> 01:38:16.000
<v Jan Kalbitzer>ein riesigen Respekt für diesen Mikrokosmos gewonnen, weil da viele Menschen sind, die in Krisen sind,

01:38:16.001 --> 01:38:23.600
<v Jan Kalbitzer>die eine riesige Variation und Vielfalt an Lebensformen haben, die in der Mehrheitsgesellschaft,

01:38:23.601 --> 01:38:27.300
<v Jan Kalbitzer>in der ich als Psychiater stattfinde, wahrscheinlich eine Diagnose kriegen würden.

01:38:27.301 --> 01:38:30.500
<v Jan Kalbitzer>Im CCC-Umfeld gibt es diese Diagnosen nicht.

01:38:30.501 --> 01:38:34.700
<v Jan Kalbitzer>Da ist diese Vielfalt erwünscht und wird auch geschützt und Menschen werden unterstützt.

01:38:34.701 --> 01:38:41.600
<v Jan Kalbitzer>Natürlich kommt auch unter der vermeintlichen Vielfalt Aggression zustande und Rechtfertigungen, dass Leute sagen,

01:38:41.601 --> 01:38:47.400
<v Jan Kalbitzer>Mensch ich will hier nicht als alter weißer Mann angegriffen werden, ich kann doch sagen was ich will, ich lasse mir hier nichts vorschreiben,

01:38:47.401 --> 01:38:55.500
<v Jan Kalbitzer>auch das gibt es, genauso wie jenseits des CCC, aber grundsätzlich finde ich diese Offenheit unglaublich beeindruckend,

01:38:55.501 --> 01:38:56.900
<v Jan Kalbitzer>die es in diesem Umfeld gibt.

01:38:56.901 --> 01:39:01.600
<v Jan Kalbitzer>Zu sagen, wir unterstützen Menschen ohne dieses Clustersystem, psychiatrische Diagnosen zu haben,

01:39:01.601 --> 01:39:04.700
<v Jan Kalbitzer>ohne darauf zu bestehen, dass der eine krank und der andere gesund ist.

01:39:04.701 --> 01:39:08.600
<v Tim Pritlove>Wodurch hast du das wahrgenommen, wie hast du da jetzt gemessen?

01:39:08.601 --> 01:39:14.800
<v Jan Kalbitzer>Ich habe zum einen einfach mich viel mit Leuten da unterhalten und zum anderen habe ich eine Weile eine beratende Funktion eingenommen

01:39:14.801 --> 01:39:18.700
<v Jan Kalbitzer>für die Schiedsstelle des Chaos Computer Club.

01:39:18.701 --> 01:39:24.600
<v Jan Kalbitzer>Es gibt seit jetzt, ich glaube, zwei Jahren diese Schiedsstelle, die über Fälle von Fehlverhalten entscheidet,

01:39:24.601 --> 01:39:30.800
<v Jan Kalbitzer>ob es Fehlverhalten gibt, was so gravierend ist, dass jemand möglicherweise ausgeschlossen werden muss.

01:39:30.801 --> 01:39:32.300
<v Tim Pritlove>Von Veranstaltungen.

01:39:32.301 --> 01:39:35.600
<v Jan Kalbitzer>Von Veranstaltungen oder ob er eine Kontaktsperre kriegt auf einer Veranstaltung.

01:39:35.601 --> 01:39:39.800
<v Jan Kalbitzer>Und da bin ich nicht der Entscheidet, sondern ich bin halt beratend dazu gezogen worden.

01:39:39.801 --> 01:39:52.400
<v Jan Kalbitzer>Und habe darüber viel mitgekriegt über die Vielfalt, die akzeptiert wird, die eben nicht als Fehlverhalten gewertet wird in diesem Umfeld.

01:39:52.401 --> 01:39:56.900
<v Jan Kalbitzer>Und das hat mich wirklich nachhaltig beeindruckt.

01:39:56.901 --> 01:39:59.600
<v Jan Kalbitzer>Und gleichzeitig auch die Befragung von Menschen, die wahnsinnig viel Zeit da verbringen.

01:39:59.601 --> 01:40:05.800
<v Jan Kalbitzer>Ich war auch auf CCC-Treffen und habe immer so ein bisschen gedacht, wie so ein Hippie-Camp, also es gibt viel Liebe und wenig Körperhygiene.

01:40:05.801 --> 01:40:11.700
<v Jan Kalbitzer>Das hat sich ein bisschen geändert mittlerweile, aber es war schon manchmal so, dass da diese Schilder hingen, bitte einmal am Tag waschen

01:40:11.701 --> 01:40:22.400
<v Jan Kalbitzer>und zweimal am Tag essen und die Atmosphäre war einfach großartig und es ging gar nicht darum, irgendwelche gesellschaftlichen Strukturen einzuhalten

01:40:22.401 --> 01:40:29.100
<v Jan Kalbitzer>oder Anforderungen zu genügen, das finde ich großartig, das finde ich sehr förderungswürdig und unterstützenswert.

01:40:29.101 --> 01:40:30.800
<v Jan Kalbitzer>Ich glaube, dass wir da viel lernen können.

01:40:30.801 --> 01:40:37.500
<v Jan Kalbitzer>Und gerade vor dem Hintergrund der Frage, wie kann man gesund mit viel Internet umgehen, ist das CCC-Umfeld ein sehr positives Beispiel,

01:40:37.501 --> 01:40:43.000
<v Jan Kalbitzer>wie man Plattformen entwickeln kann, auf denen man ohne Angst vor Überwachung sich miteinander auseinandersetzt

01:40:43.001 --> 01:40:46.700
<v Jan Kalbitzer>und wie man übt, mit Trollverhalten umzugehen, wie man das einordnet.

01:40:46.701 --> 01:40:55.100
<v Jan Kalbitzer>Da gibt es wahnsinnig viel Wissen dazu, was wir so gar nicht abfragen, aber da gibt es wahnsinnig viel Kompetenz.

01:40:55.101 --> 01:41:02.400
<v Tim Pritlove>Ja, not all is lost, schließe ich jetzt mal aus deinen Ausführungen.

01:41:02.401 --> 01:41:11.800
<v Tim Pritlove>Also auch wenn die aktuelle Situation und die schnelle Entwicklung durch Netze, digitale Kommunikation

01:41:11.801 --> 01:41:20.400
<v Tim Pritlove>und die nicht enden wollende Flut von neuen Krisenpotenzialen, teilweise unüberwindbar vorkommt,

01:41:20.401 --> 01:41:25.400
<v Tim Pritlove>ist es durchaus möglich, sich dem auch optimistisch entgegenzustellen.

01:41:25.401 --> 01:41:31.900
<v Jan Kalbitzer>Das beste Antidot zu Angst ist Neugierde, deswegen finde ich das Format hier schön, den Forschergeist.

01:41:31.901 --> 01:41:39.800
<v Jan Kalbitzer>Ich glaube, die Haltung zu sagen, ich will jetzt nicht böse klingen, ich weiß noch nicht so viel, aber ich frage mal,

01:41:39.801 --> 01:41:44.100
<v Jan Kalbitzer>ich glaube, das ist eine super Haltung der Welt gegenüber.

01:41:44.101 --> 01:41:49.500
<v Jan Kalbitzer>Weil die Neugierde, wie ich ja auch gesagt habe zu diesen ganzen Krisen, mich fasziniert das auch irgendwie ein Stück weit.

01:41:49.501 --> 01:41:59.200
<v Jan Kalbitzer>Und ein Maß zu finden zwischen der Neugierde, dem neugierigen Herangehen an die Welt und gleichzeitig Maß auch Angst und Vorsicht,

01:41:59.201 --> 01:42:04.200
<v Jan Kalbitzer>um dann auch zu reagieren, ist, glaube ich, der richtige Weg.

01:42:04.201 --> 01:42:08.700
<v Jan Kalbitzer>Und wenn wir diese Neugierde mehr aktivieren können und sagen können, ich sehe die Prozesse,

01:42:08.701 --> 01:42:15.500
<v Jan Kalbitzer>die sind besorgniserregend, wir müssen was ändern, aber ich beobachte auch fasziniert Dynamiken in das Neue hinein,

01:42:15.501 --> 01:42:19.700
<v Jan Kalbitzer>dann können wir besser mit dem Wandel umgehen.

01:42:19.701 --> 01:42:25.200
<v Tim Pritlove>Super, an der Stelle, denke ich, können wir dann das Buch erst mal zuschlagen.

01:42:25.201 --> 01:42:25.800
<v Tim Pritlove>Viel Dank Jan.

01:42:25.801 --> 01:42:25.900
<v Jan Kalbitzer>Danke dir.

01:42:25.901 --> 01:42:32.700
<v Tim Pritlove>Für die Ausführungen und vielen Dank natürlich auch fürs Zuhören hier bei Forschergeist.

01:42:32.701 --> 01:42:33.600
<v Tim Pritlove>Es geht bald wieder weiter.

01:42:33.601 --> 01:42:37.200
<v Tim Pritlove>Bis dahin sage ich, tschüss und bis bald.
