Forschergeist
Horizonte für Bildung und Forschung
https://forschergeist.de


FG075 Literatur und Digitalisierung

Neue Ansätze für die Literaturforschung und das Deutsche Literaturarchiv Marbach

Ein Literaturarchiv kann heute nicht mehr nur aus Regalkilometern Bücher bestehen. Auch hier hat die Digitalisierung Einzug gehalten. Sie erschöpft sich aber keineswegs im Einscannen gedruckter Texte, sondern wirft ganz neue Fragen auf: Wie bildet man die physische Ordnung einer Bibliothek im virtuellen Raum ab? Und wie gehen wir mit Texten um, die in der Flüchtigkeit des Netzes schnell wieder zu verschwinden drohen? Denn Literatur nur auf das zu reduzieren, was zwischen Buchdeckeln erscheint, ist antiquiert und auch noch historisch falsch.

Solche Themen beschäftigen Sandra Richter. Sie leitet seit Anfang 2019 das Deutsche Literaturarchiv Marbach (DLA). Die 1973 geborene Germanistin, Literatur- und Politikwissenschaftlerin hütet damit eine Schatzkammer der deutschen Kultur, die zugleich auch Literaturwissenschaftlern zum Quellenstudium dient. Sie arbeitet also an der Schnittstelle zwischen Bewahrung und Forschung, und das in einer Zeit, in der die Autoren auf immer vielfältigeren Wegen ihre Leser suchen. Der Kultur- und Interaktionsraum Internet hat da einige neue Möglichkeiten eröffnet.

Wer schreibt, orientiert sich freilich auch heute meist noch sehr am Buch, das Digitale kommt oft zusätzlich oben drauf. Anders sieht es bei multimedialen Erzählformen aus, die stark in der Netzwelt verwurzelt sind. Sie stellen ein Archivsystem vor echte Herausforderungen. Wie geht man zum Beispiel mit Computerspielen um, die auch oft starke erzählerische Qualität aufweisen? Was ist mit Comics, mit Graphic Novels? Das DLA hat sich solchen Gattungen geöffnet und sammelt ""in die Zukunft"". Denn wenn man solche Bereiche der Kultur ausspart, könnten blinde Flecken im literarischen Gedächtnis einer Gesellschaft entstehen.

https://forschergeist.de/podcast/fg075-literatur-und-digitalisierung/
Veröffentlicht am: 29. Januar 2020
Dauer: 1:25:47


Kapitel

  1. Intro 00:00:00.000
  2. Begrüßung 00:00:41.772
  3. Der Weg zu Literatur 00:02:15.124
  4. Digital Humanities 00:13:39.384
  5. Automatisierung des Textverstehens 00:18:54.975
  6. Deutsches Literaturarchiv Marbach 00:26:57.103
  7. Wissenschaftliche Arbeit mit dem Archiv 00:38:11.114
  8. Digitale Auswertung 00:40:01.015
  9. Digitalisierung 00:41:25.866
  10. Umgang mit dem Urheberrecht 00:47:32.083
  11. Literaturbegriff in digitalen Zeiten 00:51:48.079
  12. Web Comics und Graphic Novels 00:59:26.116
  13. Computerspiele 01:04:47.520
  14. Digitales Schreiben 01:11:12.537
  15. Internetarchive 01:14:26.818
  16. Audioarchive 01:17:20.010
  17. Standardisierung und Vernetzung 01:19:47.875
  18. Epilog 01:23:46.255

Transkript

Tim Pritlove
0:00:43
Sandra Richter
0:01:31
Tim Pritlove
0:01:34
Sandra Richter
0:01:42

Ja.

Tim Pritlove
0:01:43
Sandra Richter
0:01:46
Tim Pritlove
0:01:47
Sandra Richter
0:01:48
Tim Pritlove
0:01:50
Sandra Richter
0:01:53
Tim Pritlove
0:02:14
Sandra Richter
0:02:42
Tim Pritlove
0:03:46
Sandra Richter
0:03:55
Tim Pritlove
0:04:17
Sandra Richter
0:04:19
Tim Pritlove
0:04:24

Ja.

Sandra Richter
0:04:24
Tim Pritlove
0:04:43
Sandra Richter
0:04:46
Tim Pritlove
0:05:13
Sandra Richter
0:05:22
Tim Pritlove
0:05:40
Sandra Richter
0:05:54
Tim Pritlove
0:06:39
Sandra Richter
0:06:46
Tim Pritlove
0:07:31
Sandra Richter
0:08:15

Ja.

Tim Pritlove
0:08:17
Sandra Richter
0:08:21
Tim Pritlove
0:09:15
Sandra Richter
0:09:29
Tim Pritlove
0:10:05
Sandra Richter
0:10:07
Tim Pritlove
0:10:17
Sandra Richter
0:10:33
Tim Pritlove
0:12:00
Sandra Richter
0:12:07
Tim Pritlove
0:13:08
Sandra Richter
0:13:14
Tim Pritlove
0:13:39
Sandra Richter
0:13:46
Tim Pritlove
0:13:49
Sandra Richter
0:13:58
Tim Pritlove
0:14:00
Sandra Richter
0:14:06
Tim Pritlove
0:15:20
Sandra Richter
0:15:28

Wir hatten verschiedene Projekte und haben verschiedene Projekte. Zunächst haben wir uns erst einmal zusammengesetzt und gefragt, wie kommen wir überhaupt zusammen? Das sind verschiedene Fächer mit unterschiedlichen Beschreibungssprachen, mit unterschiedlichen Erklärungsansprüchen, mit unterschiedlichen Interpretationsansprüchen speziell bei uns, und wie schaffen wir das? Die Computerlinguistik ist da ein ziemlich wichtiges Feld in der Mitte, weil die schon es ermöglicht, über die Sprache, die Hauptgegenstand ist, eine Verbindung zu schaffen hin zu den rein technischen Disziplinen. Und so haben wir uns zusammengesetzt und gefragt, was wollen wir wissen, was können wir zusammen machen, und haben ein Projekt entwickelt zum Thema der Untersuchung von Poetiken. Das ist ein argumentierendes Material, wissenschaftshistorisches Material, das sich fragt, wie entsteht Literatur, wie schreibt Literatur, welche Begriffe tauchen da auf? Begriffe wie Metapher oder Ironie und so, die werden dort definiert. Und wie kann man dieses Material, dieses Textmaterial digital analysieren, was kann man damit machen? Ich hatte dazu ein Buch geschrieben und die Kollegen sagten, das ist spannend und wir wollen das jetzt mal angucken und diese Texte mit unseren Instrumentarien vermessen. Das haben wir gemacht. Da kamen dann einzelne Analysetechniken heraus zum Thema Argumentationsanalyse. Wir haben uns gefragt, wie kann man wörtliche Rede auszeichnen und solche Dinge. Und das waren so erste Schritte in diese Richtung, auf die ich dann versucht habe sukzessive aufzubauen. Wir haben einen Studiengang gegründet, weil wir gemerkt haben, wir brauchen mehr Studierende in diesem Feld. Jetzt gibt es einen florierenden Studiengang Digital Humanities, der viele Studierende beschäftigt. Und kaum fangen die an, sind die schon unterwegs in der Wirtschaft, bekommen sehr schnell Stellen, weil sie offenbar etwas lernen, was aktuell nachgefragt wird.

Tim Pritlove
0:17:26
Sandra Richter
0:17:37
Tim Pritlove
0:18:51
Sandra Richter
0:20:01

Naja, also die Computerlinguistik und die Informatik haben sich schon sehr stark parallel entwickelt. Ich gebe mal ein Beispiel. In dem Stuttgarter Kontext, aus dem ich komme, gibt es seit den 50er Jahren eine ziemlich enge Verbindung zwischen beiden. Max Bense ist so ein Name unter den älteren Professoren, der da wichtig ist und war, der in den 40/50er Jahren, dann vor allen Dingen in den 50er Jahren, die englischen Kybernetiker Norbert Wieder und andere eingeladen hat und mit dabei geholfen hat, dass sich so was wie eine Feldcomputerlinguistik und auch dann Informatik entwickelt konnte. Den hat interessiert, wie Maschine und Sprache zusammenkommen, wie man das modellieren kann. Und es gab in diesem Feld eine ganze große Gruppe von Studierenden, die dann eben in die Informatik ging. Rul Gunzenhäuser, einer der Begründer der Informatik, auf der einen Seite, Theo Lutz, ein Informatiker, der dann die ersten deutschsprachigen Computerpoeme schrieb. Und diese Computerpoeme finden sich mittlerweile im deutschen Literaturarchiv Marbach. Die ersten entstanden bereits Ende der 1950er Jahre, sind relativ stereotyp. Der hat meistens mit Versatzstücken aus Kafka-Texten gearbeitet, die dann mit einem Algorithmus zusammen kombiniert werden zu einem neuen Text. Das ist ein ziemlich faszinierendes Umfeld und die Informatik musste sich natürlich als Wissenschaft dann erst mal herausbilden, ihre eigenen Fragestellungen entwickeln und ist sehr stark maschinenabhängig. Welche Art von Maschine habe ich, was kann ich damit programmieren und was ist tatsächlich möglich und so. Und die Computerlinguistik hat durch die Linguistik natürlich ein traditionelles Fragevokabular, die hat traditionelle Vorgaben, die weiß ungefähr, in welche Richtungen sie will. Sie will große Corpora analysieren oder sie will bestimmten Problemen auf den Grund gehen, etwa wie analysiere ich Argumente? Große Frage, das muss man erst mal hinkriegen. Und für mich als Literaturwissenschaftlerin sind da verschiedene Zugänge interessant. Zum einen der Zugang über einen Corpus, meine Poetiken sind so ein Corpus, das man eben mit maschinellen Methoden auch mal anders durchsuchen kann Ich erfahre dann etwa, nachdem wir gemeinsam überlegt haben, wie kann man wörtliche Rede identifizieren, wo überall in diese Poetiken Beispieltexte drinstecken die dann wörtlich zitiert werden Welcher große Textteil ist eigentlich ein Beispiel und wo wird eigentlich überhaupt argumentiert und welche Funktionen haben diese Beispieltexte? Die sollen offenbar Dinge nahe bringen, die sollen aber auch typische Beispiele liefern und sogleich stehen die aber auch wie so ein Exempel, hinter das man nicht zurückfallen kann. Die haben ganz unterschiedliche Funktionen. Da muss sich dann zum Teil wieder interpretieren dran, während mir die Computerlinguistik im Wesentlichen zeigt, also die Hälfte des Textes das sind aber Beispiele und hier wird immer wieder so und so stereotyp argumentiert und dann muss ich mich fragen, aber was sagt mir das eigentlich dann literaturwissenschaftlich. So und so ähnlich …

Tim Pritlove
0:23:04
Sandra Richter
0:23:13
Tim Pritlove
0:23:13
Sandra Richter
0:23:24

Das ist, denke ich, ein sehr basaler Zugriff. Dass es erst einmal quantitativ aufzeigt, was in so einem Text ungefähr drin sein. Es macht aufmerksam. Was man da findet ist nicht wirklich eine Erklärung oder eine Interpretation, das ist es eigentlich nie. Sondern es ist zunächst mal ein Indiz, da ist was. Und ich kann mit quantitativen Methoden unterschiedliche Fragestellungen loswerden. Also ich kann mit quantitativen Methoden unterschiedliche Fragestellungen bearbeiten. Also etwa welche Begriffe tauchen auf, welche Begriffe korrelieren wie besonders stark? Ich nehme ein anderes Beispiel als die Poetiken. Etwa in Schillers berühmtem fragmentarischen Text „Der Geisterseher“ taucht der Begriff „jetzt“ sehr oft auf. Das ist ein deiktischer Ausdruck, ich erfahre, eben jetzt passiert irgendwas und der korreliert vor allem mit Begriffen, die Gefahr nahelegen. Also Umsturz oder Unruhe und solche Dinge. Also das „Jetzt“ ist offenbar relevant und da passiert jeweils was, da ist man als Interpretationswissenschaftler geneigt, dann zu sagen, ja aber was passiert jetzt und was sind das für Textstellen und wieso ist das so? Also zum einen ist es eine Suchmaschine und zum anderen weist es aber eben auch so auf Dinge hin, dass man gleichzeitig bestimmte Befunde erhalten kann. Ich muss nicht darüber spekulieren, dass da dieser deiktische Ausdruck besonders wichtig ist, sondern ich kann es belegen mit Zahlen. Welche Häufigkeit der hat und wie der wo mit was korreliert. Und da finde ich in diesem Bereich, da stehen wir zum Teil tatsächlich noch am Anfang, auszuloten was das nun eigentlich heißt. Dass es da Begriffe gibt, die miteinander in Verbindung stehen oder die auch im Verlauf eines Textes in bestimmter Häufigkeit auftauchen. Das ist eine Fragerichtung, meine ich, die noch sehr viel produktives hervorbringen kann und die vor allem verbunden werden muss mit Erklärungs- oder Interpretationshypothesen. Man kann literarische Texte gegen normalsprachliche Corpora laufen lassen und sich fragen, inwiefern unterscheiden die sich von Normalsprache? Was ist eigentlich das ästhetische Element dabei?

Tim Pritlove
0:25:36
Sandra Richter
0:25:37
Tim Pritlove
0:26:45
Sandra Richter
0:26:55
Tim Pritlove
0:26:56
Sandra Richter
0:27:11
Tim Pritlove
0:28:52
Sandra Richter
0:28:56
Tim Pritlove
0:30:13
Sandra Richter
0:30:48

Da sind wir tatsächlich sehr selektiv. Wie eben angedeutet, ist es ein mehrstufiger Prozess. Zunächst einmal gibt es die Abteilung Bibliothek und die Abteilung Bibliothek versucht natürlich, möglichst vollständig zu sammeln um die deutschsprachige Literatur herum. Das gilt aber für die ästhetisch ambitionierte Literatur, nicht etwa für die große Zahl der Texte, die sich per se und ohnehin verkauft. Also etwa Rosamunde Pilcher liegt auch in den Texten, in ihren Romanen im Archiv, aber nur weil sie als eine der Beispielautoren gilt für die sich gut verkaufende Literatur. Ich vermeide den Begriff Trivialliteratur, weil er nicht besonders glücklich ist. Diese Autoren gucken wir uns immer partiell an. Schönes Beispiel ist auch Volker Kutscher, der die Vorlage für Babylon Berlin sozusagen geschrieben hat. Das gucken wir uns schon auch immer an, wird aber nicht im Archivbereich gesammelt, sondern das geht partiell in die Bibliothek. Im Archivbereich haben wir eine Liste von Autoren, die wir beobachten und das tut nicht nur ein Kollege, sondern das tun tatsächlich mehrere. Und wir diskutieren in regelmäßigen Abständen, was und wer denn ins Archiv hinein könnte, wer zu sammeln ist. Da bedarf es zum Beispiel einiger Literaturpreise. Das ist ein nicht unbedingt hinreichendes Merkmal, aber doch eins, was notwendig ist, um zu sehen, ach da ist jemand wirklich bedeutsam. Bedeutsamkeit ist so ein Wort, was wir gerne nutzen. Das muss uns nicht immer gefallen, was die Leute schreiben, wir müssen dem auch nicht zustimmen, aber jemand muss diskutiert werden, muss relevant sein, muss ästhetisch in besonderer Weise irgendwie etwas angestoßen haben. Und das wird gemeinsam diskutiert und nach und nach entscheiden wir, wer tatsächlich dann ins Archiv kommen könnte. Und natürlich sammeln wir dabei nicht nur Autoren, die jetzt noch leben oder künftig leben werden, sondern immer auch wiederum altes, wir ergänzen auch die alten Sammlungen. Und aus dieser Ergänzungsnotwendigkeit wird auch manches andere und manches neue Geschäft. Autoren haben Verbindungen zu anderen und man möchte dann diese anderen Autoren, die mit den irgendwie in Verbindung stehen, auch ins Archiv legen.

Tim Pritlove
0:33:04
Sandra Richter
0:33:23

Es ist ein, glaube ich, bisher ein Fall, der mir so noch nicht untergekommen ist. Es gibt immer wieder Autoren, die auch mal einen Text schreiben, weil man dafür Geld kriegt, aber das ist bei dem Portfolio, was wir so sammeln, eigentlich nicht der Fall. Sondern die Autoren müssen schon mehr als einen Roman geschrieben haben, die müssen über eine gewisse Zeit relevant sein. Es wäre natürlich schön, wenn man auch sagen könnte, naja so 30-40 Jahre so nach den wesentlichen Werken da guckt man mal und dann nimmt man die Sachen auf. Aber tatsächlich sind wir näher dran und mit vielen Autoren, die gegenwärtig schöne Sachen schreiben, interessante Sachen schreiben, auch bereits im Gespräch mehr oder minder offen über die Vorlässe oder künftigen Nachlässe, das sind Gespräche, die man über lange Zeit führt. Und da geht es natürlich auch darum, immer wieder um Vertrauen zu werben. Denn denken Sie, wenn ein Autor, eine Autorin seinen Bestand, ihren Bestand zu uns gibt, die möchte natürlich auch wissen, werden die Sachen da gut betreut, passiert damit was? Also eine gute Frage ist immer oder eine interessante Frage für Autoren ist immer, werden meine Dinge denn auch ausgestellt werden, gibt es da eine Diskussion? Kümmert ihr euch darum, dass Forscher an die Sachen herankommen? Das ist eine ganz wichtige Aufgabe, dann tatsächlich Doktoranden, Forscher aus alle Welt an die Dinge hinzuführen und zugleich den Autoren zu signalisieren, ja natürlich wir kümmern uns darum, das ist eine Forschungsaufgabe für uns.

Tim Pritlove
0:34:50
Sandra Richter
0:35:25
Tim Pritlove
0:36:40
Sandra Richter
0:36:44
Tim Pritlove
0:36:53
Sandra Richter
0:37:11
Tim Pritlove
0:37:13
Sandra Richter
0:37:15
Tim Pritlove
0:38:12
Sandra Richter
0:38:27

Wir unterbreiten vielfältige Angebote. Zum einen haben wir ein großes Stipendienprogramm, man kann sich bewerben, man kann zwei-drei Monate bei uns arbeiten und das tut man am besten auf der Grundlage von Katalogrecherchen, möglicherweise auch guckt man schon mal so gut es geht ins Material rein. Manches ist digitalisiert, noch bei weitem nicht so viel wie ich gerne hätte, aber wir werden in diese Richtung weitergehen. Der Katalog wird gerade neu gebaut und wird sicherlich ein sehr schöner, schon sehr flexibler Katalog sein, wo man vieles suchen und finden kann, Dinge verlinken kann und dann bewirbt man sich mit solchen Proposal für Stipendien und dergleichen oder kommt einfach so mit eigenem Geld, auf eigene Kosten vorbei und kann jederzeit mit uns, sofern man sagt, ich habe dieses und jenes Interesse, möchte dieses und jenes angucken, ins Gespräch kommen, bei uns recherchieren, sich Dinge digitalisieren lassen, wie auch immer, je nachdem was das für ein Bestand ist. Mitunter sind es schwierige Bestände, die auch urheberrechtlich nicht trivial sind, speziell wenn die Autoren noch leben oder noch nicht 70 Jahre tot sind, da muss man sich rückversichern, dass man die auch angucken darf. Aber das ist alles möglich und wir versuchen, in dem Bereich alles zur Verfügung zu stellen. Wir organisieren auch mit Kollegen oder auch alleine Tagungen, haben zahlreiche Zusammenarbeiten mit Instituten im In- und Ausland, universitär und außeruniversitär, verfolgen unsere eigenen Forschungslinien, in die wir natürlich Kollegen auch versuchen einzubeziehen.

Tim Pritlove
0:40:02
Sandra Richter
0:40:15
Tim Pritlove
0:41:25
Sandra Richter
0:42:28
Tim Pritlove
0:42:58
Sandra Richter
0:43:00
Tim Pritlove
0:43:29
Sandra Richter
0:43:31

Das, was nur bei uns ist und das ist natürlich schwierig. Das können Sie nicht ohne weiteres auf einen Scanner legen. Das ist manchmal brüchig, das ist ein schwieriger Text. Früher hat man das vermikrofichet, heute scannt man es und retrodigitalisiert es und das ist wirklich eine große Aufgabe. Oft ist es handschriftliches Material, dafür gibt es kein OCR, also keine Optical Character Recognition, das gibt Ihnen nicht unbedingt gleich den Text ausgedruckt oder dann digital, in dem Sie das haben wollen, sondern das muss man dann erst bearbeiten. Also hier ist noch viel zu erledigen, viel zu tun, um diesen Prozess der Digitalisierung von Material, an den ich denke, wenn ich das Wort Digitalisierung höre, so aufzusetzen, dass er tatsächlich befriedigend für uns, für Nutzer und so fort wäre, so dass das Material auch gleich beforschbar ist. Man muss auch noch berücksichtigen, wenn wir was digitalisieren, müssen wir das eventuell zunächst wiederum konfiszieren, weil es rechtlich problematisch ist. Etwa wenn der Text noch nicht 70 Jahre alt ist und der Autor noch nicht 70 Jahre tot, dann wird es schwierig. Dann können wir das eigentlich nur zur internen Nutzung freigeben und es gar nicht online stellen, da haben wir nur eventuell die Metadaten, die wir dann zumindest zur Verfügung stellen können und dann ginge es weiter. Das ist das Stichwort Digitalisierung. Dass allerdings in der wirklichen Welt mit diesem Wort noch viel mehr umschlossen wird, Bereiche, die ich vielleicht eher so grob mit dem Stichwort Digitalität auszeichnen würde. Wie etwa, wie forschen wir mit diesem Material? Wie machen wir tiefe Textanalyse und vergleichbares? Wie stellen wir sowas auch aus? Also wie machen wir unseren Besuchern, den Interessenten, all denen, die sich für Literatur interessieren, Literatur digital zugänglich? Das sind nochmal ganz andere Welten, die für mich nicht unter das Stichwort Digitalisierung passen. Digitalisierung ist für mich ein sehr stark technischer Begriff, der vor allem diesen Prozess bezeichnet und zugleich auf ein Problem hinweist, das allerdings nicht so richtig unter diesen Begriff fällt, nämlich die Frage, was tun wir mit unseren Born Digitals, mit den eben primär digitalen Materialien?

Tim Pritlove
0:45:47
Sandra Richter
0:46:24
Tim Pritlove
0:46:47
Sandra Richter
0:46:49
Tim Pritlove
0:47:34
Sandra Richter
0:47:50
Tim Pritlove
0:48:54
Sandra Richter
0:48:57
Tim Pritlove
0:49:14
Sandra Richter
0:49:16
Tim Pritlove
0:49:18
Sandra Richter
0:49:43

Für die Forschung ist das auf jeden Fall nicht gut. Die Forschung braucht natürlich möglichst große Textmengen und sie braucht bestimmte Texte und sie braucht die Dinge möglichst gleich und nicht mit großer Verzögerung. Mitunter ist es so, dass sie zur Forschungszwecken allerdings auch Texte bekommen, die im normalen Handel dann nicht zugänglich sind. Also wir können auch natürlich mit Autoren arbeiten, dann bekomme ich diesen und jenen Text etwa in digitaler Form, kann ich damit arbeiten. Das gelingt häufig auch. Aber man muss sich dann natürlich erst mal ganz anders bemühen und das ist ein komplizierter Prozess. Ich glaube, dass wir da juristisch keine Lösung hinbekommen, die alle Seiten notorisch befriedigen wird. Als Leser habe ich natürlich auch ein Interesse daran, dass Autoren gut davon leben können, was sie da tun, damit sie eben ordentlich weiter schreiben. Und es gibt solche Gegenbeispiele wie etwa das norwegische Modell. Da ist es so, dass der norwegische Staat Autoren quasi ein Stipendium gibt und die können dann schreiben, ihre Texte gehen aber sofort online und sind sofort zugänglich, das ist auch reizvoll. Kann man auch mal überlegen, ob das ein Modell ist für uns. Aktuell haben wir viele Stipendien und Preise und so was, und will man so ein norwegisches Modell, sozusagen Grundeinkommen für Schriftstelle, fände ich auch nicht verkehrt. Aber auch da wird viel diskutiert, will man nicht doch auch dann wieder Geld verdienen mit Büchern und ist das nicht auch wieder ein Anreiz? Werden die Texte dann möglicherweise besser? Man muss es vielleicht einfach mal ausprobieren.

Tim Pritlove
0:51:20
Sandra Richter
0:51:22
Tim Pritlove
0:51:30
Sandra Richter
0:52:10
Tim Pritlove
0:52:12

Ja.

Sandra Richter
0:52:13
Tim Pritlove
0:53:50
Sandra Richter
0:53:53
Tim Pritlove
0:55:19
Sandra Richter
0:56:37

Also bei Twitter gibt es mehr davon, da sind auch viele Autoren unterwegs, das ist nicht uninteressant. Zunächst würde ich sagen, solche Dinge wie Netzliteratur oder Twitter-Literatur, man könnte jetzt X ergänzen, Instagram oder was auch immer, die würden wir immer nur exemplarisch angucken und ins Archiv legen oder in irgendeiner Form versuchen zu sammeln. Bei Autoren gilt nach wie vor das Autorenprinzip, also wenn wir uns entscheiden, einen Autor zu sammeln, eine Autorin zu sammeln, wollen wir am liebsten alles haben, und das bezieht sich auch auf die Social Media Accounts. Und natürlich haben Sie dann größere rechtliche Schwierigkeiten, weil die Social Media Accounts den Betreibern gehören. Also das kann man nicht einfach archivieren. Also man kann es schon, man kann es dann eben als Bild archivieren und das führt zu einer ganz interessanten Frage. Wenn Autoren vornehmlich über solche Accounts schreiben würden, was sie ja erfreulicherweise nicht tun, sondern sie sind dann irgendwie im Gespräch miteinander und man kann da interessante Diskursformationen sich angucken. Wir heute waren wir, Saša Stanišić regt sich über Peter Handke auf und dann andere machen mit und so entstehen also regelrechte große Diskussionen. Das kann man beobachten und sich daraus ein Urteil bilden. Manchmal hat das dann eben auch lyrische oder andere Qualitäten. Aber die Frage, was wäre denn, wenn Autoren komplett im Internet schreiben und wo tun sie das? Gibt es Verlage, die den Autoren sozusagen die Websites eröffnen? Und dann wird darüber kommuniziert. Auch das wäre ja ein Modell, dass man sich ja mal überlegen kann. Je nachdem wie die Technik voranschreitet, kann man sein Buch eben direkt online lesen, auch diese Modelle gab es ja schon, bei Herrendorf etwa, Wolfgang Herrendorf. Der einen Blog geschrieben hat, so eine Art Krankheitstagebuch, der dann schließlich als Buch erschien. Herrendorf ist verstorben infolge dieser Krankheit und das sind auch natürlich literarische Experimente, die dann auf diese Weise vollzogen werden. Reinhold Götz, „Abfall für alle“ ist ein anderes Beispiel dieser Art. Da werden Texte erst mal vorgeführt und es wird ausgetestet, was kann denn das Medium eigentlich und wie weit reicht es? Das ist jetzt nicht große Praxis geworden, sondern große Praxis in der Literatur ist im Augenblick schon das Traditionelle. Das Hängen am Buch, das Orientieren am, der Wille dazu, irgendwann so ein Oeuvre zu schreiben und da ist das digitale Medium ein zusätzliches. Für uns ist das interessant, weil wir eben alles um die Literatur auch sammeln, speziell wenn es um einen solchen Autor geht, der etwa korrespondiert mit anderen und der seine Texte so halb im Tippen mit entwickelt.

Tim Pritlove
0:59:26
Sandra Richter
1:00:28

Das ist auf dem Weg sich zu ändern. Zwei Beispiele, es gibt eine große Debatte über die Graphic Novel, die im französischen Sprachraum und so eine riesige Tradition hat und die langsam hierzulande auch anerkannt wird. Ich betreue eine Doktorarbeit zu dem Thema und bin sehr gespannt, was wir in Ausgang davon auch machen können möglicherweise im Archiv und wie wir damit umgehen können. Das ist fürs Archiv selbst eine große Herausforderung, weil Comic natürlich auch heißt, man hat mit Bildern zu tun, dafür ist so ein Textarchiv nicht ausgelegt. Da brauchen Sie eigentlich jemanden, der ein Bildexperte ist und damit umgehen kann. Und diese Mehrfachmedien, diese multimedialen Konstruktionen, die sind für so ein traditionelles Archiv ziemlich schwierig und eigentlich für alle. Es gibt nicht wirklich einen Ort für so Doppelbegabungen. Und Comiczeichner sind ein Beispiel von vielen. Es gibt ja auch Leute, die drehen Filme und schreiben und so. Und für die haben wir bisher nicht wirklich einen befriedigenden Ort im Bibliotheks- und Archivsystem, sondern die werden sich vermutlich entweder in irgendeinem Bildarchiv oder in einem anderen finden. Aber das gemeinsame Bearbeiten von beidem, das gelingt nicht ohne weiteres, das ist tatsächlich schwierig. Ein interessantes Beispiel in dem Zusammenhang sind die Autoren und oft auch Zeichner der neuen Frankfurter Schule. Wilhelm Genazino und andere, die eben tatsächlich auch beides gemacht haben. Robert Gernhardt gehört dazu. Und dafür den Ort zu finden, das ist tatsächlich nicht ganz leicht. Gernhardt und Genazino sind nun im Deutschen Literaturarchiv mit ihren Nachlässen und das ist auch gut so. Aber man sucht natürlich immer die Verbindung auch zum Comic und zu den Ausdrucksformen, die damit zusammenhängen.

Tim Pritlove
1:02:20
Sandra Richter
1:02:33
Tim Pritlove
1:03:19
Sandra Richter
1:03:50
Tim Pritlove
1:03:51
Sandra Richter
1:04:07
Tim Pritlove
1:04:29
Sandra Richter
1:04:29
Tim Pritlove
1:04:47
Sandra Richter
1:05:19

Also Archiv, das in die Zukunft sammelt, können wir unseren Blick vor Computerspielen mindestens nicht verschließen. Jetzt ist die Frage, wie weit geht man da? Natürlich sind Computerspiele immer auch narrative Konstrukte ebenso wie Filme und so. Und es gibt für diese Spiele nicht wirklich ein Archiv. Es gibt ein Computerspielemuseum in Berlin, das den Katalog mit aufbaut. Und wir sammeln umgekehrt Dinge, die dort nicht ohne weiteres liegen. Das Computerspielemuseum bekommt seine Spiele durch Fans, durch Spieler und so weiter. Wir bekommen Spiele, weil in den Nachlässen, Vorlässen von Autoren solche Spiele liegen, das kommt vor, die haben auch gespielt oder die haben sich an Spielen orientiert, wenn sie schrieben. Oder wir sammeln Spiele, weil die von Literatur handeln. Das Kafka-Game oder das Karl May Game oder solche Sachen. Und zugleich sehen wir aber, es gibt solche Spiele, die sind ästhetisch so komplex, dass sie tatsächlich sehr stark narrativ sind und wollen wir die nicht auch im Archiv haben? Müssen wir die nicht sogar im Archiv haben? Es gibt Leute, die schreiben Bücher, die schreiben Romane, die schreiben Theaterstücke und die schreiben auch mal ein Computerspiel. Gamedesigner sind oft in Narratologie, in Erzähltexttheorie sehr gebildet und müssen das kennen und drücken sich dann in unterschiedlicher Form aus. Wir sind dabei, in diesem Bereich zunächst zu gucken und Kategorien zu entwickeln und werden in Kürze einen größeren Schwerpunkt dazu haben. Und uns fragen, wie genau wir da vorgehen, was wir genau sammeln. Meine Vermutung ist, dass wir auch dort schreiberzentriert, autorenzentriert vorgehen und uns fragen, was produzieren die Leute heute und wann auf welcher Ebene, wann schreibt jemand ein Spiel, wann was anderes?

Tim Pritlove
1:07:09
Sandra Richter
1:07:58
Tim Pritlove
1:09:10
Sandra Richter
1:09:15
Tim Pritlove
1:10:41
Sandra Richter
1:10:55
Tim Pritlove
1:11:12
Sandra Richter
1:12:44

Dazu gibt es tatsächlich nicht viel Forschung. Natürlich ist das ein Interessengebiet, also wie schreibt einer und was macht das so mit dem Autor? Aber tatsächlich belegen zu können, dass seit der Erfindung des Computers sich das Schreiben nochmal massiv gewandelt hat, das fällt ziemlich schwer. Das Internet und so diese Formen der kollektiven Kommunikation, das ist was neues, da kann man was sehen. Aber am Roman sozusagen jetzt als klassische Gattung selbst kann man schwer ablesen, ob die Autoren der 80er Jahre nach der Erfindung des Computers plötzlich anders schrieben. Was man sagen kann aus Archivperspektive ist, dass je jünger die Autoren sind und Autorinnen sind, desto mehr Dateien gibt es im Archiv. Desto seltener gibt es überhaupt noch irgendwas anderes und ich denke mir, dass es den Schreibprozess natürlich erleichtert. Wenn Sie nicht jede Schreibmaschinenseite zerreißen müssen, wenn Sie sich vertippen, sondern wenn Sie einfach Dinge in den Computer geben und die zusammenfügen können und verändern können. Früher hat man das mit Tipp-Ex gemacht und geklebt, heute kann man das natürlich sehr viel schneller und sehr viel leichter auf diese Weise erzeugen. Aber ich glaube tatsächlich nicht, dass der Computer per se da so viel mehr verändert hat, dazu ist das Medium, die Gattung Roman, doch sehr stark orientiert. Hingegen wenn Sie plötzlich solche Zeichen sehen, Zeichensprache oder so was, was explizit an Smileys und irgendwelche Email-Nachrichten und andere Formen der Kommunikation erinnert, dann ja, aber das ist das World Wide Web, nicht der Computer.

Tim Pritlove
1:14:27
Sandra Richter
1:15:53
Tim Pritlove
1:17:02
Sandra Richter
1:17:33

Da gibt es auch Podcasts, aber sicher sammeln wir auch Podcasts. Das Aufnehmen von Literatur hat bereits in den Jahren 1907/08 begonnen, als die Wiener Akademie Arthur Schnitzler und Hugo von Hofmannsthal das erste Mal vor ein Mikrofon setzte. Und seitdem sammeln wir Literatur auch in Audioform. Seitdem sind wir daran interessiert, wie werden literarische Texte gelesen und aktualisiert, wie werden sie gesungen? Durch berühmte Sprecher, nicht so berühmte Sprecher und so weiter. Also wenn Sie etwa Schillers Bürgschaft angucken, das ist ein Text, der vielfach gesprochen wurde, dann finden Sie in Marbach an die 80 Einspielungen dieser Lesung. Das ist hoch interessant das mal zu vergleichen, weil die jeweils sehr sehr unterschiedlich aussehen. Ursprünglich groß Bühnensprache und heute wird das mehr so runtergeleiert oder man versucht, dem Text als Text mit einer gewissen natürlichen Sprache gerecht zu werden. Texte werden gesungen, Heines Buch der Lieder, Lyrisches Intermezzo ist ein großes Beispiel dafür von Robert Schumann vertont und so weiter. Wie wird das vertont, wir wird das gesungen, das sammeln wir im Archiv. Wir sammeln im Archiv auch Interviews, literarisch orientierte Interviews, Literatursendungen aus dem Radio, aus dem Fernsehen dann auch. Es gibt dann auch Videomitschnitte und so fort. Wir sind trotzdem dadurch kein Film- oder Audioarchiv, sondern wir sammeln konzentriert in Bezug auf die Literatur und können/müssen das eben auch abbilden, häufig reflektiert eben gerade auch das Audiomedium und das visuelle Medium zurück, dann auf die Literatur. Und manch einer kennt die Literatur vor allem, weil sie irgendwann mal gesprochen wurde oder irgendwann darüber diskutiert wurde, berühmterweise zum Beispiel im literarischen Quartett von Marcel Reich-Ranicki. Und solche Dinge der öffentlichen Wirkung, wir orientieren uns ja an Bedeutsamkeit, wollen wir abbilden.

Tim Pritlove
1:19:34
Sandra Richter
1:19:38
Tim Pritlove
1:19:48
Sandra Richter
1:20:12
Tim Pritlove
1:21:32
Sandra Richter
1:21:34
Tim Pritlove
1:22:15
Sandra Richter
1:22:28
Tim Pritlove
1:23:45
Sandra Richter
1:24:19
Tim Pritlove
1:24:45
Sandra Richter
1:24:48
Tim Pritlove
1:24:50