WEBVTT

NOTE
Podcast: Forschergeist
Episode: FG068 Risikoforschung
Publishing Date: 2019-05-30T09:00:41+02:00
Podcast URL: https://forschergeist.de
Episode URL: https://forschergeist.de/podcast/fg068-risikoforschung/

00:00:42.901 --> 00:00:48.700
<v Tim Pritlove>Hallo und herzlich willkommen zu Forschergeist, dem Podcast des Stifterverbands für die deutsche Wissenschaft.

00:00:48.701 --> 00:00:58.400
<v Tim Pritlove>Mein Name ist Tim Pritlove und ich begrüße alle zu Nummer 68 unserer Sendereihe über Wissenschaft, wissenschaftliche Fragen,

00:00:58.401 --> 00:01:11.000
<v Tim Pritlove>wissenschaftliche Ergebnisse und oft und so ist es auch heute beleuchten wir konkrete Forschung und auch so die Ergebnisse der Forschung in einer ganzen Lebenszeit

00:01:11.001 --> 00:01:18.700
<v Tim Pritlove>und heute tauchen wir ein in die Psychologie und hinterfragen unsere Entscheidungen und die Arten und Weise, wie wir da hinkommen.

00:01:18.701 --> 00:01:23.100
<v Tim Pritlove>Und dafür begrüße ich zunächst einmal Gerd Gigerenzer, schönen guten Tag.

00:01:23.101 --> 00:01:26.000
<v Gerd Gigerenzer>Ebenfalls einen schönen guten Tag.

00:01:26.001 --> 00:01:29.000
<v Tim Pritlove>Herr Gigerenzer Sie sind Psychologe.

00:01:29.001 --> 00:01:38.100
<v Tim Pritlove>Wir befinden uns jetzt gerade hier in Berlin im Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in einem wunderschönen Gebäude im Übrigen,

00:01:38.101 --> 00:01:45.600
<v Tim Pritlove>also ganz toll und das ist sogar aus den 60er Jahren, das ist eine Architektur, die man nicht unbedingt erwarten würde.

00:01:45.601 --> 00:01:53.700
<v Tim Pritlove>Das ist sicherlich sehr inspirierend, hier zu arbeiten, aber Sie haben ja sehr viele Stationen in Ihrem Leben auch gehabt.

00:01:53.701 --> 00:02:00.700
<v Tim Pritlove>Mich würde zum Start mal interessieren, warum sind Sie denn überhaupt in die Psychologieforschung gegangen?

00:02:00.701 --> 00:02:03.500
<v Tim Pritlove>Was hat Sie denn dahin inspiriert?

00:02:03.501 --> 00:02:06.600
<v Tim Pritlove>War Wissenschaft für Sie schon immer klares Ziel?

00:02:06.601 --> 00:02:08.700
<v Gerd Gigerenzer>Nein.

00:02:08.701 --> 00:02:13.500
<v Gerd Gigerenzer>Mich hat ein Lehrer inspiriert, so wie es vielen Menschen geht.

00:02:13.501 --> 00:02:22.100
<v Gerd Gigerenzer>Ein Biologielehrer, der nebenbei Diplompsychologe war und uns über ganz interessante Dinge erzählt hat.

00:02:22.101 --> 00:02:23.100
<v Gerd Gigerenzer>Und das …

00:02:23.101 --> 00:02:24.200
<v Tim Pritlove>Was denn für Dinge?

00:02:24.201 --> 00:02:27.500
<v Gerd Gigerenzer>So wie Menschen funktionieren.

00:02:27.501 --> 00:02:28.300
<v Tim Pritlove>Aha.

00:02:28.301 --> 00:02:31.600
<v Gerd Gigerenzer>Warum Menschen das für richtig halten was sie denken.

00:02:31.601 --> 00:02:38.100
<v Gerd Gigerenzer>Und so habe ich dann beschlossen, Psychologe zu studieren.

00:02:38.101 --> 00:02:40.200
<v Tim Pritlove>Einfach so?

00:02:40.201 --> 00:02:44.400
<v Tim Pritlove>Das war dann sozusagen sofort klar, dass es Psychologie sein soll?

00:02:44.401 --> 00:02:55.300
<v Gerd Gigerenzer>Es war wie bei vielen Menschen, man hat eine Person, die man in gewissem Sinne bewundert als Jugendlicher

00:02:55.301 --> 00:03:02.300
<v Gerd Gigerenzer>und denkt, warum nicht etwas ähnliches zu machen.

00:03:02.301 --> 00:03:03.200
<v Tim Pritlove>Und dann sind Sie wohin gegangen?

00:03:03.201 --> 00:03:08.100
<v Gerd Gigerenzer>Nun das war die Ludwig-Maximilians-Universität in München.

00:03:08.101 --> 00:03:12.000
<v Gerd Gigerenzer>Damals gab es noch eine Aufnahmeprüfung, ich habe sie bestanden.

00:03:12.001 --> 00:03:13.700
<v Tim Pritlove>Gibt es die heute nicht mehr, nein?

00:03:13.701 --> 00:03:18.100
<v Gerd Gigerenzer>Nein, auf jeden Fall nicht mehr in diesem Sinne.

00:03:18.101 --> 00:03:22.800
<v Gerd Gigerenzer>Und das waren noch zwei Tage richtige Prüfungen.

00:03:22.801 --> 00:03:25.200
<v Gerd Gigerenzer>Und dann habe ich zu studieren begonnen.

00:03:25.201 --> 00:03:35.700
<v Gerd Gigerenzer>Das war eine etwas ungewöhnliche Zeit, weil es waren im Wesentlichen, das Universitätsgebäude war voller roter Banner, marxistische Gruppen waren da,

00:03:35.701 --> 00:03:47.400
<v Gerd Gigerenzer>selbst die Statistik wurde von marxistischen Gruppen zumindest versucht zu dominieren und es war viel los damals.

00:03:47.401 --> 00:03:49.800
<v Tim Pritlove>Von welchem Damals reden wir jetzt gerade?

00:03:49.801 --> 00:03:53.900
<v Gerd Gigerenzer>Das war 1969.

00:03:53.901 --> 00:04:00.700
<v Tim Pritlove>Okay, also mitten in den Studentenunruhen der 68er und folgenden.

00:04:00.701 --> 00:04:15.400
<v Gerd Gigerenzer>Ja, dann habe ich Vorlesungen gehört, dann haben wir Statistik bekommen von einem Statistiker, den niemand verstanden hat.

00:04:15.401 --> 00:04:16.100
<v Tim Pritlove>Warum nicht?

00:04:16.101 --> 00:04:30.900
<v Gerd Gigerenzer>Nun er hat an der Tafel damals mit Kreide Formel nach Formel geschrieben, abgeleitet, wir haben das kopiert, dann hat er es wieder ausgewischt, weil ein Fehler drin war.

00:04:30.901 --> 00:04:34.100
<v Gerd Gigerenzer>Wir haben wieder von neu angefangen und haben dann protestiert.

00:04:34.101 --> 00:04:38.100
<v Gerd Gigerenzer>Und er wurde abgesetzt und der Psychologieprofessor hat Statistik gemacht.

00:04:38.101 --> 00:04:45.000
<v Gerd Gigerenzer>Und dann habe ich eines gelernt, Statistik ist nicht Statistik, es ist etwas völlig anderes.

00:04:45.001 --> 00:04:51.500
<v Gerd Gigerenzer>Dann habe ich mich selbst beworben als Statistiktutor, weil ich dachte, am besten lernt man, indem man lehrt.

00:04:51.501 --> 00:04:52.700
<v Tim Pritlove>Ja.

00:04:52.701 --> 00:05:01.400
<v Gerd Gigerenzer>Und das war so ein Weg hinzukommen zu dem späteren Thema, Verständnis von Risiken.

00:05:01.401 --> 00:05:14.700
<v Gerd Gigerenzer>Und tja, dann habe ich also mein Studium mit Musik finanziert, ich war Musiker und habe dann am Ende des Studiums,

00:05:14.701 --> 00:05:22.700
<v Gerd Gigerenzer>also als ich kurz davor war, meinen Doktor zu machen, nun eine Entscheidung treffen müssen,

00:05:22.701 --> 00:05:28.200
<v Gerd Gigerenzer>nämlich weiterhin auf der Bühne bleiben oder eine akademische Karriere zu versuchen.

00:05:28.201 --> 00:05:38.500
<v Gerd Gigerenzer>Auf der Bühne zu bleiben bedeutete, dass ich einen sicheren, das hatte ich schon mehr als zehn Jahre gemacht, einen sicheren Job hatte,

00:05:38.501 --> 00:05:41.100
<v Gerd Gigerenzer>auch wesentlich mehr verdiente als an der Universität.

00:05:41.101 --> 00:05:45.100
<v Tim Pritlove>War das mehr klassische Musik oder Rock’n’Roll?

00:05:45.101 --> 00:05:52.800
<v Gerd Gigerenzer>Nein, das war Dixieland, Soul, Jazz

00:05:52.801 --> 00:05:59.200
<v Gerd Gigerenzer>Und es an der Universität zu versuchen, das war ein Risiko.

00:05:59.201 --> 00:06:05.400
<v Gerd Gigerenzer>Weil ich wusste ja nicht, werde ich einmal Professor werden oder werde ich scheitern?

00:06:05.401 --> 00:06:14.900
<v Gerd Gigerenzer>Also habe ich die risikoreiche Alternative gewählt und das ist sozusagen die kurze Geschichte, wie ich da hinkam, wo ich heute bin.

00:06:14.901 --> 00:06:20.300
<v Tim Pritlove>Wie haben Sie das Risiko für sich abgewägt in dem Moment?

00:06:20.301 --> 00:06:29.400
<v Gerd Gigerenzer>Ich habe keine Rechnung gemacht, sondern das ist auch eine der Punkte, die mir damals deutlich wurden,

00:06:29.401 --> 00:06:40.700
<v Gerd Gigerenzer>dass die klassische Entscheidungstheorie, die, wo man nun alle möglichen Konsequenzen vorhersieht und sie gewichtet

00:06:40.701 --> 00:06:48.400
<v Gerd Gigerenzer>und den Nutzen mit den Wahrscheinlichkeiten multipliziert, eben nicht beschreibt, wie ich es gemacht habe und so gut wie.

00:06:48.401 --> 00:06:51.700
<v Gerd Gigerenzer>Und auch nicht beschreibt, wie die meisten anderen es machen.

00:06:51.701 --> 00:07:02.300
<v Gerd Gigerenzer>Und in meiner eigenen Forschung später habe ich dann versucht zu untersuchen, wie Menschen wirklich Entscheidungen treffen ohne Wahrscheinlichkeiten.

00:07:02.301 --> 00:07:05.900
<v Gerd Gigerenzer>Und ohne Nutzenabwägungen.

00:07:05.901 --> 00:07:17.900
<v Gerd Gigerenzer>Und das heißt, Entscheidungen unter Ungewissheit, wie diese Situation, wo man nicht wissen kann als junger Mensch, was wird sein in zehn Jahren?

00:07:17.901 --> 00:07:19.700
<v Tim Pritlove>Da werden wir ja gleich drauf kommen.

00:07:19.701 --> 00:07:37.100
<v Tim Pritlove>Um vielleicht nochmal das Lebensbild abzuschließen, später sind Sie dann von München auch nach, also hier zum MPI für Bildungsforschung gewechselt als Direktor

00:07:37.101 --> 00:07:50.400
<v Tim Pritlove>und haben später dann auch noch das Harding-Zentrum für Risikokompetenz hier sozusagen begründet, ich weiß nicht, begleitet, aufgebaut.

00:07:50.401 --> 00:07:54.200
<v Tim Pritlove>Das ist ja ein Teil der Forschung hiervon.

00:07:54.201 --> 00:07:55.400
<v Gerd Gigerenzer>Ja, das ist eine eigene Geschichte.

00:07:55.401 --> 00:08:01.800
<v Gerd Gigerenzer>Ich hatte einmal ein Buch geschrieben, das war mein erstes populäres Buch.

00:08:01.801 --> 00:08:08.300
<v Gerd Gigerenzer>Das heißt im Deutschen „Das 1x1 der Skepsis“, im Englischen heißt es „Reckoning with risk“.

00:08:08.301 --> 00:08:16.000
<v Gerd Gigerenzer>Es wurde in London für den Preis der Royal Society nominiert, also es kam unter die letzten sechs.

00:08:16.001 --> 00:08:23.600
<v Gerd Gigerenzer>Ich habe ihn nicht gewonnen den Preis, sondern es hat damals immer jemand aus dem Commonwealth gewonnen.

00:08:23.601 --> 00:08:24.200
<v Tim Pritlove>So aus Prinzip.

00:08:24.201 --> 00:08:30.900
<v Gerd Gigerenzer>Ich war, so wie man mir sagte, der erste Europäer, also Kontinentaleuropäer, der je nominiert worden ist.

00:08:30.901 --> 00:08:31.800
<v Tim Pritlove>Oh.

00:08:31.801 --> 00:08:42.000
<v Gerd Gigerenzer>Ein britischer Investmentbanker, David Harding, hat darüber in den Zeitungen gelesen, hat sich eine Kopie des Buchs gekauft,

00:08:42.001 --> 00:08:50.300
<v Gerd Gigerenzer>hat dann weitere Kopien seinen 200 Mathematikern geschenkt und mich eingeladen zum Vortrag.

00:08:50.301 --> 00:09:05.200
<v Gerd Gigerenzer>Ich habe den Vortrag gehalten im Imperial College und nachher waren wir aus zum Abendessen und er hat mich gefragt, was so mein großer Traum ist.

00:09:05.201 --> 00:09:20.500
<v Gerd Gigerenzer>Da habe ich gesagt, ich träume davon, ein Institut zu gründen, das hilft Menschen, Risiken zu verstehen und entspannt und informiert statt ängstlich mit ihnen umzugehen.

00:09:20.501 --> 00:09:31.000
<v Gerd Gigerenzer>Und dann hat er mir seither einige Million Euros gegeben, um dieses Institut aufzubauen.

00:09:31.001 --> 00:09:39.900
<v Gerd Gigerenzer>Als David Harding hier am Max-Planck-Institut kam, hat er in seiner Einleitung folgendes gesagt,

00:09:39.901 --> 00:09:50.200
<v Gerd Gigerenzer>er als Investmentbanker hat immer gewusst, dass die meisten Professionellen im Bankbereich Zahlen nicht verstehen,

00:09:50.201 --> 00:09:55.800
<v Gerd Gigerenzer>aber ihm war nicht klar, dass das gleiche für Richter und Ärzte gilt.

00:09:55.801 --> 00:10:01.000
<v Tim Pritlove>/lacht/ Das heißt, bleiben nur noch die Mathematiker über?

00:10:01.001 --> 00:10:03.900
<v Gerd Gigerenzer>Nicht jeder Mathematiker versteht Statistik.

00:10:03.901 --> 00:10:13.500
<v Gerd Gigerenzer>Schauen Sie, statistische Information ist das, was die medizinische Forschung bringt.

00:10:13.501 --> 00:10:20.600
<v Gerd Gigerenzer>Es ist sozusagen die Zähmung der Ungewissheit.

00:10:20.601 --> 00:10:33.700
<v Gerd Gigerenzer>Und statistische Informationen zu verstehen ist wichtiger in einer modernen Demokratie als die Mathematik der Gewissheit, Algebra, Geometrie, Trigonometrie.

00:10:33.701 --> 00:10:47.700
<v Gerd Gigerenzer>Das ist eine schöne Mathematik, aber man sollte zuerst die nützliche Mathematik lehren, also nützlich im Sinne für die große Gemeinschaft von Menschen.

00:10:47.701 --> 00:10:49.100
<v Tim Pritlove>Und das ist die Statistik?

00:10:49.101 --> 00:10:51.700
<v Gerd Gigerenzer>Und das ist statistisches Denken, so würde ich das sagen.

00:10:51.701 --> 00:10:54.900
<v Gerd Gigerenzer>Man soll es nicht als Mathematik lehren.

00:10:54.901 --> 00:11:03.500
<v Gerd Gigerenzer>Das geht hier ins Ohr rein und im anderen Ohr raus, sondern man muss es lehren mit der Wirklichkeit,

00:11:03.501 --> 00:11:09.600
<v Gerd Gigerenzer>so dass die jungen Menschen und auch ältere Menschen den Bezug verstehen.

00:11:09.601 --> 00:11:19.700
<v Gerd Gigerenzer>Also ich nehme mal ein Beispiel: Vor einiger Zeit hat uns die Weltgesundheitsorganisation gewarnt, dass für jede 50 Gramm von Wurst, die wir essen,

00:11:19.701 --> 00:11:27.700
<v Gerd Gigerenzer>unser Risiko, einen Darmkrebs zu bekommen, sich um 18% erhöht, 18%.

00:11:27.701 --> 00:11:29.600
<v Gerd Gigerenzer>Essen Sie noch Wurst?

00:11:29.601 --> 00:11:31.900
<v Tim Pritlove>Ich esse noch Wurst.

00:11:31.901 --> 00:11:32.800
<v Gerd Gigerenzer>Nun.

00:11:32.801 --> 00:11:42.600
<v Gerd Gigerenzer>Einige meiner Freunde haben aufgehört Wurst zu essen, weil sie dachten, dass bedeutet, dass von je 100 Menschen 18 mehr Darmkrebs bekommen

00:11:42.601 --> 00:11:45.500
<v Gerd Gigerenzer>und da wollten sie nicht dabei sein.

00:11:45.501 --> 00:11:48.100
<v Tim Pritlove>Das ist ja nur die Wahrscheinlichkeit, die hier steigt.

00:11:48.101 --> 00:11:56.100
<v Gerd Gigerenzer>In Wirklichkeit, was die Zahl bedeutet, ist, ein relativer Anstieg um 18%, kein absoluter.

00:11:56.101 --> 00:12:04.600
<v Gerd Gigerenzer>Der absolute Anstieg ist etwa von 5% Wahrscheinlichkeit lebenslang Darmkrebs zu bekommen, nicht daran zu sterben

00:12:04.601 --> 00:12:09.000
<v Gerd Gigerenzer>und der stieg in der Studie von 5% auf 5,9%.

00:12:09.001 --> 00:12:10.700
<v Tim Pritlove>Um 18% halt.

00:12:10.701 --> 00:12:13.500
<v Gerd Gigerenzer>Und das ist auch 18% mehr.

00:12:13.501 --> 00:12:24.000
<v Gerd Gigerenzer>Also das heißt, wenn man sagen würde, nun für jede 50 Gramm, die Sie Wurst oder anders verarbeitetes Fleisch essen, steigt Ihr Risiko um weniger als einen Prozentpunkt,

00:12:24.001 --> 00:12:31.000
<v Gerd Gigerenzer>damit kann man wenig Aufmerksamkeit und Angst erregen, aber mit 18% mehr geht das.

00:12:31.001 --> 00:12:42.900
<v Gerd Gigerenzer>Das ist ein Beispiel dafür, wie auch heute noch mit einem einfachen Trick hier, nämlich statt absoluter Risikoanstieg den relativen zu berichten,

00:12:42.901 --> 00:12:45.700
<v Gerd Gigerenzer>größere Zahlen machen mehr Angst.

00:12:45.701 --> 00:12:48.500
<v Gerd Gigerenzer>Die Menschen mit manipuliert werden.

00:12:48.501 --> 00:12:59.300
<v Gerd Gigerenzer>Und statistisches Denken ist die Fähigkeit, durch diese Tricks durchzusehen und sie zu erkennen,

00:12:59.301 --> 00:13:06.100
<v Gerd Gigerenzer>um selbst die Fernsteuerung des Lebens wieder in die Hand zu nehmen, statt sich Angst machen zu lassen.

00:13:06.101 --> 00:13:17.100
<v Tim Pritlove>Ja da kommt man dann schnell zu diesem geflügelten Wort der Statistik, der man nur glauben darf, wenn man sie selber gefälscht hat.

00:13:17.101 --> 00:13:20.500
<v Gerd Gigerenzer>Das ist ein Wort, das ich überhaupt nicht mag.

00:13:20.501 --> 00:13:21.300
<v Tim Pritlove>Ja.

00:13:21.301 --> 00:13:21.400
<v Gerd Gigerenzer>Nein.

00:13:21.401 --> 00:13:27.200
<v Gerd Gigerenzer>Also es gibt ja berühmte Bücher wie Lückmann mit Statistik und so weiter, ich halte das für völlig irreführend.

00:13:27.201 --> 00:13:34.100
<v Gerd Gigerenzer>Es geht nicht darum, Statistik zu misstrauen, es geht darum, sie zu beherrschen und durchzusehen.

00:13:34.101 --> 00:13:37.800
<v Gerd Gigerenzer>Und sich eben nicht lenken lassen.

00:13:37.801 --> 00:13:40.300
<v Gerd Gigerenzer>Und zu wissen, welche Fragen man stellt.

00:13:40.301 --> 00:13:44.300
<v Tim Pritlove>Ich denke, der Satz transportiert ja zumindest eine Skepsis, die man vielleicht haben sollte.

00:13:44.301 --> 00:13:52.700
<v Tim Pritlove>Also sozusagen dieses Anzweifeln einer Behauptung oder zumindest der Darstellung einer Zahl und das ist ja das, was Statistik letztlich sagt.

00:13:52.701 --> 00:14:00.500
<v Tim Pritlove>Also auf der einen Seite hängt es natürlich von den Zahlen ab, auf der anderen Seite hängt es davon ab, wie man diese eben interpretiert und präsentiert?

00:14:00.501 --> 00:14:02.300
<v Gerd Gigerenzer>Nein, nein, nein.

00:14:02.301 --> 00:14:10.100
<v Gerd Gigerenzer>Es ist ungefähr so, wenn man sagen würde, traue keinem Wort, dass du nicht selbst gefälscht hast.

00:14:10.101 --> 00:14:10.400
<v Tim Pritlove>Gesprochen hast.

00:14:10.401 --> 00:14:12.400
<v Gerd Gigerenzer>Oder gesprochen hast.

00:14:12.401 --> 00:14:18.900
<v Gerd Gigerenzer>Schauen Sie, es geht nicht darum, dass man nicht lesen und schreiben lernt und dem missbraucht.

00:14:18.901 --> 00:14:23.000
<v Gerd Gigerenzer>Es geht darum, dass man statistisches Denken lernt, statt ihm zu misstrauen.

00:14:23.001 --> 00:14:34.200
<v Tim Pritlove>Okay, was ist statistisches Denken, welche Strategie sollte ich an den Tag legen, um mit dieser Art und Weise der Darreichung von Zahlen und Verhältnissen arbeiten zu können für mich?

00:14:34.201 --> 00:14:38.600
<v Gerd Gigerenzer>Gut, also da gibt es ein paar ganz elementare Prinzipien, die jeder lernen kann.

00:14:38.601 --> 00:14:40.800
<v Gerd Gigerenzer>Wir hatten eines.

00:14:40.801 --> 00:14:45.000
<v Gerd Gigerenzer>Also verlangen Sie immer absolute Risiken, keine relativen.

00:14:45.001 --> 00:14:45.700
<v Tim Pritlove>Okay.

00:14:45.701 --> 00:14:51.800
<v Gerd Gigerenzer>Und damit decken Sie schon ein Drittel von den meisten irreführenden Meldungen ab.

00:14:51.801 --> 00:14:52.700
<v Tim Pritlove>Okay.

00:14:52.701 --> 00:15:02.400
<v Gerd Gigerenzer>Wie zum Beispiel, Fokus online hat einmal berichtet, tödliche Haiangriffe um 100% gestiegen.

00:15:02.401 --> 00:15:03.600
<v Tim Pritlove>Von einem auf zwei.

00:15:03.601 --> 00:15:09.000
<v Gerd Gigerenzer>Ja, das war von sechs auf zwölf in einem Jahr weltweit.

00:15:09.001 --> 00:15:15.700
<v Gerd Gigerenzer>Aber manche Menschen lassen sich dadurch beunruhigen und dann lassen sie ihre Kinder nicht mehr ins Wasser gehen.

00:15:15.701 --> 00:15:25.600
<v Gerd Gigerenzer>Während man ein höheres Risiko ums Leben zu kommen hat, wenn man mit dem Auto zum Strand fährt.

00:15:25.601 --> 00:15:32.900
<v Tim Pritlove>Aber da steckt natürlich eine ganze Menge mit drin, weil man natürlich, naja mit Unterstellungen ist immer ein bisschen schwierig so, aber wir wissen ja alle,

00:15:32.901 --> 00:15:42.900
<v Tim Pritlove>dass gerade in der letzten Zeit, es nimmt eher zu, der Kampf um die mediale Aufmerksamkeit und damit ja sozusagen das Gewinnen von Zuschauern

00:15:42.901 --> 00:15:50.800
<v Tim Pritlove>und damit potenziellen Einnahmequellen, weil Aufmerksamkeit die Währung der Werbung ist, und die Werbung die Quelle des Geldes ist,

00:15:50.801 --> 00:15:56.800
<v Tim Pritlove>dass man sozusagen hier drauf bewusst eben verzichtet, Klarheit zu schaffen.

00:15:56.801 --> 00:16:09.700
<v Tim Pritlove>So dieses Anteasern in Überschriften, die sozusagen den eigentlichen Fakt hinweglässt, ein populäres Fertiggericht lässt eine große Komponente weg

00:16:09.701 --> 00:16:15.500
<v Tim Pritlove>und im zehnten Absatz erwähnen wir es dann vielleicht mal irgendwann, was eigentlich ganz unwichtig ist.

00:16:15.501 --> 00:16:26.200
<v Tim Pritlove>Das ist ja sozusagen auch ein Trick, der benutzt wird und läuft ja dann sozusagen der Wahrhaftigkeit der Darstellung von Fakten entgegen.

00:16:26.201 --> 00:16:27.000
<v Gerd Gigerenzer>Ja.

00:16:27.001 --> 00:16:31.000
<v Gerd Gigerenzer>Und das werden wir nicht kontrollieren können.

00:16:31.001 --> 00:16:42.500
<v Gerd Gigerenzer>Aber was wir kontrollieren können, ist, dass die Menschen da durchsehen und sich das nicht bieten lassen und sich auf keinen Fall verführen lassen.

00:16:42.501 --> 00:16:45.400
<v Gerd Gigerenzer>Und das ist, was ich meine mit Risikokompetenz.

00:16:45.401 --> 00:16:58.000
<v Gerd Gigerenzer>Hier geht es um das Verständnis von Daten, von Fakten und auch das Verständnis, dass man jede Statistik in mindestens zwei Arten und Weisen darstellen kann.

00:16:58.001 --> 00:17:02.400
<v Gerd Gigerenzer>Eine ist verständlich transparent und die andere ist irreführend.

00:17:02.401 --> 00:17:09.700
<v Gerd Gigerenzer>Absolute Risiken sind transparent, relative Risiken führen viele Menschen in die Irre.

00:17:09.701 --> 00:17:13.700
<v Gerd Gigerenzer>Und das ist nicht das einzige Prinzip.

00:17:13.701 --> 00:17:23.900
<v Gerd Gigerenzer>Nehmen wir mal an, Sie hören im Wetterbericht, dass es morgen mit einer Wahrscheinlichkeit von 30% regnet, was bedeutet das?

00:17:23.901 --> 00:17:27.100
<v Gerd Gigerenzer>30% von was?

00:17:27.101 --> 00:17:34.600
<v Gerd Gigerenzer>Wir haben eine Studie in vielen Ländern in Europa und den USA durchgeführt.

00:17:34.601 --> 00:17:43.100
<v Gerd Gigerenzer>Die meisten Berliner denken, dass es bedeutet, dass es morgen in 30% der Zeit regnet, also sieben bis acht Stunden.

00:17:43.101 --> 00:17:43.900
<v Tim Pritlove>Wow.

00:17:43.901 --> 00:17:52.500
<v Gerd Gigerenzer>Andere denken, es wird morgen in 30% der Gegend regnen, also wahrscheinlich nicht wo ich wohne.

00:17:52.501 --> 00:18:03.300
<v Gerd Gigerenzer>Die meisten New Yorker denken, die Berliner haben überhaupt keine Ahnung, es bedeutet etwas drittes, nämlich dass es an 30% der Tage regnet, für die diese Vorhersage getroffen wurde.

00:18:03.301 --> 00:18:07.300
<v Gerd Gigerenzer>Also wahrscheinlich morgen gar nicht.

00:18:07.301 --> 00:18:09.000
<v Gerd Gigerenzer>Sind Menschen dumm?

00:18:09.001 --> 00:18:13.400
<v Gerd Gigerenzer>Also manche meiner Kollegen sind zu dem Schluss gekommen.

00:18:13.401 --> 00:18:21.000
<v Gerd Gigerenzer>Das Problem liegt aber hier mindestens so viel bei der Risikokommunikation.

00:18:21.001 --> 00:18:28.100
<v Gerd Gigerenzer>Das Nachrichtensprecher und Meteorologen nicht immer gelernt haben, wie man ein Risiko kommuniziert.

00:18:28.101 --> 00:18:33.900
<v Gerd Gigerenzer>Also in dem Fall, was ist denn die Bezugsklasse von den 30%?

00:18:33.901 --> 00:18:41.700
<v Gerd Gigerenzer>Sind das Tage, ist das Zeit oder Ort?

00:18:41.701 --> 00:18:45.900
<v Gerd Gigerenzer>Und was die Meteorologen meinen ist, es sind Tage.

00:18:45.901 --> 00:18:52.500
<v Gerd Gigerenzer>Dass es an 30% der Tage, für die man die Vorhersage macht, ein Minimum an der Messstation regnet.

00:18:52.501 --> 00:18:58.600
<v Gerd Gigerenzer>Aber wenn man das nicht sagt, dann denken sich Menschen etwas vernünftiges aus.

00:18:58.601 --> 00:19:02.300
<v Gerd Gigerenzer>Und wer Vorstellungskraft hat, kann auch ganz andere Referenzklassen finden.

00:19:02.301 --> 00:19:14.300
<v Gerd Gigerenzer>Eine Frau Athen in sagte uns, ich weiß was 30% Regenwahrscheinlichkeit bedeutet, drei Meteorologen denken es regnet und sieben nicht.

00:19:14.301 --> 00:19:14.600
<v Tim Pritlove>/lacht/

00:19:14.601 --> 00:19:18.800
<v Gerd Gigerenzer>Das ist jetzt ein zweites Prinzip.

00:19:18.801 --> 00:19:25.400
<v Gerd Gigerenzer>Also frage immer, Prozent von was oder Wahrscheinlichkeit von was?

00:19:25.401 --> 00:19:33.300
<v Gerd Gigerenzer>Und diese Prinzipien sind einfach zu lernen, aber sie werden immer noch nicht in allen Schulen gelernt.

00:19:33.301 --> 00:19:38.800
<v Gerd Gigerenzer>Nicht einmal im Medizinstudium lernt jeder angehende Arzt das.

00:19:38.801 --> 00:19:45.000
<v Gerd Gigerenzer>Geschweige denn vom Studium der Juristerei.

00:19:45.001 --> 00:19:51.800
<v Tim Pritlove>Und wird es überhaupt irgendwo korrekt vermittelt?

00:19:51.801 --> 00:19:57.700
<v Gerd Gigerenzer>Also meine Gruppe und ich wir machen das.

00:19:57.701 --> 00:20:08.400
<v Gerd Gigerenzer>Und es gibt auch die Unstatistik des Monats, die ich zusammen mit zwei Kollegen, Thomas Bauer und Walter Krämer schreibe.

00:20:08.401 --> 00:20:22.300
<v Gerd Gigerenzer>Das ist eine kurze Meldung über eine Pressemeldung, wo man die Zahlen verdreht hat, das können Sie nachlesen unter unstatistik.de.

00:20:22.301 --> 00:20:31.800
<v Gerd Gigerenzer>Und das ist eine Hilfe, um die Menschen zum Denken wieder anzuregen, zum Mitdenken.

00:20:31.801 --> 00:20:41.500
<v Tim Pritlove>Jetzt führt das ja alles so ein bisschen auch zu dieser Frage, auf Basis wovon treffen wir denn eigentlich unsere Entscheidungen?

00:20:41.501 --> 00:20:50.300
<v Tim Pritlove>Weil sozusagen diese Fehlinterpretation der Statistik impliziert ja jetzt, dass ich diese Statistik dann sozusagen auch wirklich als Anlass nehme, eine Entscheidung zu fällen.

00:20:50.301 --> 00:20:51.000
<v Gerd Gigerenzer>Ja.

00:20:51.001 --> 00:20:52.900
<v Tim Pritlove>Also sozusagen eine externe Beeinflussung.

00:20:52.901 --> 00:21:01.600
<v Tim Pritlove>Natürlich sind wir Wahrnehmungstiere und versuchen natürlich alle möglichen Fakten oder geglaubten Fakten zumindest um uns herum zu versammeln,

00:21:01.601 --> 00:21:07.300
<v Tim Pritlove>um dann eine, wie man so schön sagt, informierte Entscheidung zu treffen.

00:21:07.301 --> 00:21:18.400
<v Tim Pritlove>Jetzt haben Sie ja diese ganzen Entscheidungsprinzipien, die in Menschen ablaufen, sich über lange Zeit angeschaut,

00:21:18.401 --> 00:21:25.900
<v Tim Pritlove>wie sind Sie da vorgegangen und zu welchen Erkenntnissen sind Sie denn gekommen, wie eine Entscheidung abläuft beim Menschen?

00:21:25.901 --> 00:21:32.400
<v Gerd Gigerenzer>Nun, man kann ganz grob zweierlei Situationen unterscheiden.

00:21:32.401 --> 00:21:40.500
<v Gerd Gigerenzer>Solche, wo wir es mit messbaren und bekannten Risiken zu tun haben, das sind die meisten Beispiele, die wir jetzt hatten.

00:21:40.501 --> 00:21:49.500
<v Gerd Gigerenzer>Also Wetterwahrscheinlichkeiten und solche Dinge, die man relativ gut für einen begrenzten Zeitraum vorhersagen kann.

00:21:49.501 --> 00:21:57.300
<v Gerd Gigerenzer>Dann gibt es aber viel mehr Situationen, wo man es mit Ungewissheit, also mit nicht berechenbaren, Risiken zu tun hat.

00:21:57.301 --> 00:22:06.300
<v Gerd Gigerenzer>Meine Entscheidung, was soll ich tun, weiterhin auf der Bühne stehen, Musik zu machen oder eine akademische Karriere zu versuchen,

00:22:06.301 --> 00:22:07.600
<v Gerd Gigerenzer>ist eine unter Ungewissheit.

00:22:07.601 --> 00:22:11.100
<v Gerd Gigerenzer>Da kann man sich nicht ausrechnen, was passieren wird.

00:22:11.101 --> 00:22:23.600
<v Gerd Gigerenzer>Wenn Sie dagegen heute Abend ins Spielkasino gehen und Roulette spielen, dann können Sie sich ausrechnen, wie viel Sie auf lange Sicht verlieren werden.

00:22:23.601 --> 00:22:25.600
<v Tim Pritlove>Oder gewinnen.

00:22:25.601 --> 00:22:26.700
<v Gerd Gigerenzer>Ja, das können Sie sich ausrechnen.

00:22:26.701 --> 00:22:27.300
<v Tim Pritlove>Ja.

00:22:27.301 --> 00:22:38.900
<v Gerd Gigerenzer>Und ein Kernergebnis meiner Forschung ist, wir brauchen unterschiedliche Werkzeuge, mentale Werkzeuge, für diese beiden Situationen.

00:22:38.901 --> 00:22:44.800
<v Gerd Gigerenzer>Und hinzukommt, dass viele wirkliche Entscheidungssituationen Teile von beiden haben.

00:22:44.801 --> 00:22:50.000
<v Gerd Gigerenzer>Bestimmte Dinge kann man relativ gut berechnen, aber andere gar nicht.

00:22:50.001 --> 00:22:52.100
<v Tim Pritlove>Wie haben Sie das untersucht?

00:22:52.101 --> 00:23:09.000
<v Gerd Gigerenzer>Nun, wir haben zum Beispiel Experten untersucht, die Entscheidungen treffen im Bereich der Wirtschaft oder auch Ärzte und ich habe auch Richter trainiert.

00:23:09.001 --> 00:23:13.000
<v Gerd Gigerenzer>Und die wirklich mit Ungewissheit umgehen.

00:23:13.001 --> 00:23:19.400
<v Gerd Gigerenzer>Und das Mittel, eines der großen Mittel, mit Ungewissheit umzugehen, das sind sogenannte Heuristiken,

00:23:19.401 --> 00:23:25.100
<v Gerd Gigerenzer>das heißt, einfache Regeln, die aber sehr sehr gut sein können.

00:23:25.101 --> 00:23:45.200
<v Gerd Gigerenzer>Also im Investmentbereich eine einfache Heuristik wäre, nun, verteilen Sie Ihr Geld, ein Drittel in Bonds, ein Drittel in Stocks und ein Drittel in Real Estate, das ist eine Heuristik.

00:23:45.201 --> 00:23:51.700
<v Gerd Gigerenzer>Die hat keinen Anspruch optimal zu sein, aber man kann nicht optimal sein in einer Welt, wo man die Zukunft nicht kennt.

00:23:51.701 --> 00:24:06.500
<v Gerd Gigerenzer>Und ich habe auch gezeigt, dass Heuristiken oft besser sind, akkurater, nicht nur schneller, als sehr sehr komplizierte Methoden.

00:24:06.501 --> 00:24:12.200
<v Gerd Gigerenzer>Ein Beispiel, erinnern Sie sich noch an Google Flu Trends?

00:24:11.601 --> 00:24:27.700
<v Gerd Gigerenzer>Google wollte zeigen, dass man mit BigData die Verbreitung von Grippe und grippeähnlichen Erkrankungen viel viel besser vorhersagen kann

00:24:12.201 --> 00:24:11.600
<v Tim Pritlove>mhm (bejahend)

00:24:27.701 --> 00:24:33.500
<v Gerd Gigerenzer>und vor allen Dingen schneller vorhersagen kann, als das was man hat.

00:24:33.501 --> 00:24:37.200
<v Tim Pritlove>Wobei das in dem Fall, glaube ich, auf Suchanfragen basierte.

00:24:37.201 --> 00:24:38.100
<v Gerd Gigerenzer>Richtig.

00:24:38.101 --> 00:24:49.900
<v Gerd Gigerenzer>Also man hatte eine ganz vernünftige Idee, nämlich man versucht herauszufinden, wer Grippe hat, über die Suchbegriffe, was soll ich machen, wenn ich das …

00:24:49.901 --> 00:24:56.600
<v Gerd Gigerenzer>und dann die Suchbegriffe zu ermitteln andere, die mit Grippe korrelieren.

00:24:56.601 --> 00:25:05.600
<v Gerd Gigerenzer>Und man hat ungefähr 50 Millionen solcher Suchbegriffe analysiert, dann einen Algorithmus getestet und entwickelt,

00:25:05.601 --> 00:25:17.200
<v Gerd Gigerenzer>der 45 Suchbegriffe hat und der sonst geheim ist und dann hat man vorhergesagt.

00:25:17.201 --> 00:25:33.700
<v Gerd Gigerenzer>Das begann 2009, das Problem war, dass 2009 die Schweinegrippe kam und die kam außerhalb der Session, also die Berichte waren im Wesentlichen von April bis zum September,

00:25:33.701 --> 00:25:42.100
<v Gerd Gigerenzer>wo der Höhepunkt war und der Algorithmus hatte gelernt, dass Grippe immer hoch ist im Winter, niedrig im Sommer.

00:25:42.101 --> 00:25:52.000
<v Gerd Gigerenzer>Und das war das erste Mal, dass der Algorithmus sozusagen auf die Nase gefallen ist, denn auch ein BigData kann auch nicht viel mehr als zu hoffen,

00:25:52.001 --> 00:25:54.200
<v Gerd Gigerenzer>dass die Zukunft genauso ist wie die Vergangenheit.

00:25:54.201 --> 00:25:55.400
<v Tim Pritlove>Zumindest vergleichbar.

00:25:55.401 --> 00:25:58.500
<v Gerd Gigerenzer>Das kann ja nicht denken.

00:25:58.501 --> 00:26:07.500
<v Gerd Gigerenzer>Dann haben die Google Ingenieure darauf reagieren in einer typischen Art und Weise, nämlich wenn wir einen komplexen Algorithmus haben,

00:26:07.501 --> 00:26:14.200
<v Gerd Gigerenzer>der nicht funktioniert, dann machen wir es komplexer und haben 160 Variablen reingenommen.

00:26:14.201 --> 00:26:26.800
<v Gerd Gigerenzer>Nach unserer Forschung wissen wir, dass unter hochgradiger Ungewissheit und das ist der Fall mit Grippe und Viren, man es nicht komplexer machen muss,

00:26:26.801 --> 00:26:29.700
<v Gerd Gigerenzer>sondern einfacher machen muss.

00:26:29.701 --> 00:26:34.900
<v Gerd Gigerenzer>Aber diese Einsicht hat sich noch nicht überall durchgesetzt.

00:26:34.901 --> 00:26:47.100
<v Gerd Gigerenzer>So haben sie das auf 160 erhoben und dann gab es weitere Probleme, nämlich dass Menschen, die Suchbegriffe eingegeben haben, nicht weil sie Symptome hatten,

00:26:47.101 --> 00:26:54.200
<v Gerd Gigerenzer>sondern weil sie neugierig waren, und am Ende ist das Ganze so um die 2015 eingestellt worden.

00:26:54.201 --> 00:26:56.600
<v Gerd Gigerenzer>Es ging nicht.

00:26:56.601 --> 00:26:58.200
<v Gerd Gigerenzer>So, jetzt gebe ich Ihnen ein Beispiel.

00:26:58.201 --> 00:27:05.900
<v Tim Pritlove>Wobei man Google zumindest zugute halten lassen muss, sie probieren es dann halt auch wenigstens mal und sind selber im Trial and Error Bereich unterwegs.

00:27:05.901 --> 00:27:13.600
<v Gerd Gigerenzer>Der große Unterschied zu vielen anderen BigData-Versprechungen ist, dass sie wirklich Vorhersagen gemacht haben und öffentlich gezeigt haben,

00:27:13.601 --> 00:27:16.400
<v Gerd Gigerenzer>man konnte es überprüfen.

00:27:16.401 --> 00:27:24.800
<v Gerd Gigerenzer>Nun, unter Ungewissheit, so haben wir gezeigt, muss man vereinfachen bis zu einem bestimmten Punkt.

00:27:24.801 --> 00:27:35.500
<v Gerd Gigerenzer>Jetzt haben wir uns überlegt, was wäre die einfachste Methode, um die Verbreitung von Grippe vorherzusagen, also genau was Google vorhergesagt hat,

00:27:35.501 --> 00:27:42.900
<v Gerd Gigerenzer>war die Anzahl der grippebezogenen Arztbesuchen in einer bestimmten Region.

00:27:42.901 --> 00:27:52.700
<v Gerd Gigerenzer>Was meinen Sie, was wäre die einfachste Methode, ohne BigData, ohne 50 Millionen Suchbegriffe, sondern mit einer Portion gesundem Menschenverstand?

00:27:52.701 --> 00:27:53.600
<v Gerd Gigerenzer>Nehmen Sie nur eine Variable.

00:27:53.601 --> 00:27:56.200
<v Tim Pritlove>Jetzt mit einem digitalen System oder mit einer beliebigen Recherchemethode?

00:27:56.201 --> 00:28:01.000
<v Gerd Gigerenzer>Nein. Noch etwas, was ganz einfach findbar ist.

00:28:01.001 --> 00:28:06.000
<v Gerd Gigerenzer>Man nimmt die grippebezogenen Arztbesuche vor zwei Wochen.

00:28:06.001 --> 00:28:15.000
<v Gerd Gigerenzer>Das ist das früheste Datum, was zur Verfügung steht, von vor einer Woche hat man noch keine Daten.

00:28:15.001 --> 00:28:27.700
<v Gerd Gigerenzer>Und dann formuliert man eine Heuristik, nämlich die grippebezogenen Arztbesuche in der Region werden genau die gleichen sein wie vor zwei Wochen.

00:28:27.701 --> 00:28:30.200
<v Tim Pritlove>Wenn es keine besondere Verbreitung gibt.

00:28:30.201 --> 00:28:41.900
<v Gerd Gigerenzer>Und diese einfache Heuristik hat einen wesentlich kleineren Fehler, das heißt eine bessere Vorhersage als der gesamte BigData-Algorithmus.

00:28:41.901 --> 00:28:43.200
<v Gerd Gigerenzer>Das haben wir gerade gezeigt.

00:28:43.201 --> 00:28:54.200
<v Gerd Gigerenzer>Was es illustriert, ist, dass unter Ungewissheit BigData und komplexe Modelle wahrscheinlich versagen.

00:28:54.201 --> 00:29:00.200
<v Gerd Gigerenzer>Und man hier besser beraten ist, wenn man einfache Regeln nimmt.

00:29:00.201 --> 00:29:07.000
<v Tim Pritlove>Jetzt sind wir schon so ein bisschen nach vorne gesprungen und haben schon so die Implikationen auf die große Technologie.

00:29:07.001 --> 00:29:14.600
<v Tim Pritlove>Ich würde ganz gern nochmal so ein bisschen zurückgehen auf, wie wir als Individuum Entscheidungen fällen.

00:29:14.601 --> 00:29:29.700
<v Tim Pritlove>Ich meinte ja, wir denken vielleicht, dass wir das aus gutem Grund machen oder nachdem wir lange darüber nachgedacht haben, alle Für und Wider abgewogen

00:29:29.701 --> 00:29:43.400
<v Tim Pritlove>und miteinander in Bezug gesetzt haben, stimmt das, sind wir so, funktionieren wir so, oder sind das andere Parameter, die uns zu einer Entscheidung bringen?

00:29:43.401 --> 00:29:43.800
<v Gerd Gigerenzer>Ja.

00:29:43.801 --> 00:29:50.200
<v Tim Pritlove>Und vor allem, was macht eine entscheidungsfreudige Person eigentlich aus?

00:29:50.201 --> 00:29:59.700
<v Gerd Gigerenzer>Also wenn Sie die klassische Entscheidungstheorie lesen, dann werden Sie dort etwa das lesen, was Benjamin Franklin seinem Neffen einmal geraten hat,

00:29:59.701 --> 00:30:11.300
<v Gerd Gigerenzer>wenn du in Zweifel bist, dann nimm dir ein Blatt Papier, liste alle Alternativen auf, alle Gründe dafür, alle Gründe dagegen, dann gewichte diese und mach die Rechnung.

00:30:11.301 --> 00:30:13.100
<v Gerd Gigerenzer>Benjamin Franklin meinte das sehr ernst.

00:30:13.101 --> 00:30:21.100
<v Gerd Gigerenzer>Er sagte, wenn du das nicht tust, dann wirst du auch keine Frau finden und dich nicht verheiraten.

00:30:21.101 --> 00:30:34.800
<v Gerd Gigerenzer>Das ist im Wesentlichen der Kerngedanke von der heutigen erwarteten Nutzentheorie, also man wäge alles und übersehe nichts.

00:30:34.801 --> 00:30:42.200
<v Gerd Gigerenzer>Das ist eine Methode, die ist erfolgversprechend in einer Situation, wo man die Risiken berechnen kann,

00:30:42.201 --> 00:30:49.200
<v Gerd Gigerenzer>nicht aber in anderen Situationen, also unter Ungewissheit.

00:30:49.201 --> 00:30:59.200
<v Gerd Gigerenzer>Und in diesen Bereichen verwenden Menschen eben Heuristiken, Regeln und oft anders als Maschinen soziale Heuristiken.

00:30:59.201 --> 00:31:05.000
<v Gerd Gigerenzer>Eine soziale Heuristik wäre zum Beispiel für viele Jugendliche, mach was deine Peers tun.

00:31:05.001 --> 00:31:09.200
<v Gerd Gigerenzer>Wenn man das nicht macht, ist man draußen.

00:31:09.201 --> 00:31:12.500
<v Gerd Gigerenzer>Also Imitation.

00:31:12.501 --> 00:31:19.200
<v Gerd Gigerenzer>Oder und da gibt es verschiedene Dinge, soll man den erfolgreichen imitieren oder die Masse imitieren?

00:31:19.201 --> 00:31:32.200
<v Gerd Gigerenzer>Ratgeben und das ist auf der anderen Seite auch genau das, was uns Menschen ausmacht, wir Menschen sind die Art, wo Kinder und auch schon Kleinkinder viel präziser

00:31:32.201 --> 00:31:37.800
<v Gerd Gigerenzer>und viel allgemeiner imitieren als in jeder anderen Art.

00:31:37.801 --> 00:31:49.100
<v Gerd Gigerenzer>Und das schafft uns genau die Kultur, dass nicht jeder wieder neu lernen muss, auf der andern Seite aber auch diese Tendenz, den anderen nachzulaufen.

00:31:49.101 --> 00:31:55.400
<v Tim Pritlove>Was soll das, ich meine, das ist ja sozusagen eine entwicklungsbiologische Frage in gewisser Hinsicht.

00:31:55.401 --> 00:31:57.900
<v Tim Pritlove>Also was sichert das Überleben?

00:31:57.901 --> 00:32:14.300
<v Tim Pritlove>Am Anfang ist ja die Imitation des Babys das Anlernen einer Vielzahl von Kulturtechniken auf der einen Seite, aber natürlich auch so der einfachen Basic des förmlichen Begreifens der Welt

00:32:14.301 --> 00:32:25.700
<v Tim Pritlove>und wir lernen sozusagen sehr viel erst nach der eigentlichen Geburt, wo wir das bei anderen Tierarten ja beobachten, dass sie quasi frisch geschlüpft schon komplexe Handlungen

00:32:25.701 --> 00:32:32.500
<v Tim Pritlove>mehr oder weniger fest einprogrammiert haben, aber eben dann vielleicht auch nicht in dem selben Maße in der Lage sind, sie dann an andere Bedingungen anzupassen,

00:32:32.501 --> 00:32:36.000
<v Tim Pritlove>wie es denn vielleicht dem Menschen obliegt.

00:32:36.001 --> 00:32:45.600
<v Tim Pritlove>Aber irgendwann muss man dann ja dann sozusagen auch ausbrechen aus diesem reinen Imitierungsbusiness, insbesondere wenn man für sich individuell eine Entscheidung fällen will,

00:32:45.601 --> 00:32:51.500
<v Tim Pritlove>die dann einen Unterschied macht, irgendwann will man ja dann auch herausstechen aus der Masse.

00:32:51.501 --> 00:32:57.000
<v Tim Pritlove>Worauf soll man sich dann sozusagen stürzen?

00:32:57.001 --> 00:33:05.700
<v Gerd Gigerenzer>Also nach meiner Forschung haben die Menschen eine sogenannte Werkzeugkiste, eine Toolbox, von solchen Regeln, die einem helfen.

00:33:05.701 --> 00:33:12.500
<v Gerd Gigerenzer>Und wo man mit Imitation zum Beispiel beginnt, aber zu einem bestimmten Punkt dann selbst weitermacht.

00:33:12.501 --> 00:33:15.500
<v Gerd Gigerenzer>Also es gibt ganze Nationen, die das tun.

00:33:15.501 --> 00:33:26.600
<v Gerd Gigerenzer>Als ich zum ersten Mal an der chinesischen Akademie der Wissenschaften zu Besuch war, hat mich die Dekanin gefragt, Herr Gigerenzer, erklären Sie mir,

00:33:26.601 --> 00:33:31.900
<v Gerd Gigerenzer>was wir tun müssen, damit wir so gut wie Max-Planck werden.

00:33:31.901 --> 00:33:33.000
<v Gerd Gigerenzer>Diese Frage …

00:33:33.001 --> 00:33:35.800
<v Tim Pritlove>Also Max Planck die Person oder Max Planck die Institution?

00:33:35.801 --> 00:33:39.000
<v Gerd Gigerenzer>Die Max-Planck-Gesellschaft.

00:33:39.001 --> 00:33:46.600
<v Gerd Gigerenzer>Diese Frage habe ich von keinem westlichen Präsidenten und schon gar nicht in Deutschland je gehört.

00:33:46.601 --> 00:33:50.200
<v Gerd Gigerenzer>Und ich war beeindruckt von der Frage.

00:33:50.201 --> 00:34:03.100
<v Gerd Gigerenzer>Und die Chinesen haben gar keine Scheu zu imitieren die Exzellenz, aber sie wissen, wenn wir soweit sind, dann müssen wir selbst lenken.

00:34:03.101 --> 00:34:14.100
<v Gerd Gigerenzer>Also das ist genau die Idee, dass bestimmte von diesen Regeln bis zu einem bestimmten Punkt gehen, aber dann braucht man eine andere.

00:34:14.101 --> 00:34:24.800
<v Gerd Gigerenzer>Und ein großer Teil des Erfolgs des Landes China hängt ja auch damit zusammen, dass man so stark imitiert wie es Kinder machen.

00:34:24.801 --> 00:34:25.200
<v Tim Pritlove>Als Gesellschaft?

00:34:25.201 --> 00:34:29.300
<v Gerd Gigerenzer>Als Gesellschaft und keine Scheu davor hat.

00:34:29.301 --> 00:34:36.600
<v Tim Pritlove>Aber irgendwann muss man ja dann auch den Absprung bekomme und eine eigene Qualität ausbilden.

00:34:36.601 --> 00:34:39.900
<v Gerd Gigerenzer>Richtig, das passiert im Moment in diesem Land.

00:34:39.901 --> 00:34:46.000
<v Gerd Gigerenzer>Bei uns ist es oft so, dass man eher Scheu hat zu imitieren.

00:34:46.001 --> 00:34:57.300
<v Gerd Gigerenzer>Also man sieht es schon etwa, wenn man gemeinsam mit Kollegen zum Essen geht und man bestellt sich einen Lachs, dann ist es wahrscheinlich,

00:34:57.301 --> 00:35:03.300
<v Gerd Gigerenzer>dass keiner der anderen auch noch einen Lachs bestellt.

00:35:03.301 --> 00:35:07.700
<v Gerd Gigerenzer>Ist eine gewisse Scheu da zu imitieren.

00:35:07.701 --> 00:35:23.300
<v Gerd Gigerenzer>Also die Frage, wie treffen Menschen Entscheidungen, die Antwort darauf ist, man muss unterscheiden zwischen Situationen, wo man wirklich die Zukunft relativ gut berechnen kann,

00:35:23.301 --> 00:35:26.800
<v Gerd Gigerenzer>wo sie stabil ist und denen, wo das nicht der Fall ist.

00:35:26.801 --> 00:35:33.400
<v Gerd Gigerenzer>Beim ersten kann man rechnen, da kann man Statistiken verwenden, da kann man sich fragen, was bedeutet eine Regenwahrscheinlichkeit?

00:35:33.401 --> 00:35:34.000
<v Tim Pritlove>Also …

00:35:34.001 --> 00:35:34.100
<v Gerd Gigerenzer>Beim zweiten ist das nicht der Fall.

00:35:34.101 --> 00:35:40.400
<v Tim Pritlove>… solange man sich quasi in einem festen Regelsystem befindet, also ein Spiel.

00:35:40.401 --> 00:35:52.700
<v Gerd Gigerenzer>Ja. Spiel, das ist auch der Platz, wo BigData und künstliche Intelligenz am erfolgreichsten ist, bei Spielen, wie Go und Schach.

00:35:52.701 --> 00:36:03.400
<v Gerd Gigerenzer>Wo künstliche Intelligenz die größten Probleme hat, ist das, was wir Intuition und guten Menschenverstand nennen.

00:36:03.401 --> 00:36:25.400
<v Gerd Gigerenzer>Also Dinge, den Zusammenhang zu erkennen, kausal zu denken und auch die intuitive Psychologie und die intuitive Physik zu verstehen, die jedem Kind mehr oder weniger in die Wiege gegeben wird.

00:36:25.401 --> 00:36:32.900
<v Tim Pritlove>Es gibt doch, glaube ich, schon diese Illusion, dass man selber meint, eine informierte Entscheidung zu fällen,

00:36:32.901 --> 00:36:42.900
<v Tim Pritlove>sagen Sie, dass das sozusagen eigentlich gar nicht so ist, sondern dass man sich generell nur auf seine Intuition verlässt?

00:36:42.901 --> 00:36:46.800
<v Tim Pritlove>Machen wir das immer oder manchmal, meistens?

00:36:46.801 --> 00:36:54.900
<v Gerd Gigerenzer>Also ich würde sagen, in den seltensten Fällen können wir informierte Entscheidungen oder vollinformierte Entscheidungen treffen.

00:36:54.901 --> 00:37:04.600
<v Gerd Gigerenzer>Das geht wie gesagt in Situationen, wenn Sie in die Spielbank gehen, dann können Sie sich ausrechnen und informierte Entscheidungen zu treffen.

00:37:04.601 --> 00:37:15.900
<v Gerd Gigerenzer>Aber wenn es darum geht, den richtigen romantischen Partner zu finden, sein Geld vernünftig zu investieren, dann ist es eine andere Situation,

00:37:15.901 --> 00:37:26.000
<v Gerd Gigerenzer>aber hier kann man auch gute Regeln, also heuristische Regeln sich überlegen und auch ausprobieren.

00:37:26.001 --> 00:37:40.200
<v Gerd Gigerenzer>Und die Forschung zeigt eben auch, dass anders als viele denken, einfache Regeln oft besser sein können und nicht nur schneller als komplexes Denken.

00:37:40.201 --> 00:37:52.600
<v Tim Pritlove>Aber eine Heuristik anwenden heißt ja im Prinzip, selber auszuwählen, welches Kriterium jetzt entscheidend sein soll, indem man eben auch bewusst andere Sachen auslässt.

00:37:52.601 --> 00:38:00.700
<v Tim Pritlove>Sprich, ich entwickle eigentlich für diesen Moment mein eigenes Regelsystem, indem ich einfach wegabstahiere und Dinge einfach weglasse.

00:38:00.701 --> 00:38:06.500
<v Tim Pritlove>Was ist die treibende Kraft, um hier die richtige Entscheidung zu fällen?

00:38:06.501 --> 00:38:14.800
<v Gerd Gigerenzer>Also diese Entscheidungen und heuristische Entscheidungen können bewusst sein oder unbewusst sein.

00:38:14.801 --> 00:38:24.200
<v Gerd Gigerenzer>Wir wissen, dass viele Tiere ihre Entscheidungen über heuristische Regeln treffen.

00:38:24.201 --> 00:38:30.000
<v Gerd Gigerenzer>Also wie suchen Bienen nach einem neuen Nest?

00:38:30.001 --> 00:38:32.400
<v Gerd Gigerenzer>Wie suchen Ameisen nach einem neuen Nest?

00:38:32.401 --> 00:38:35.300
<v Gerd Gigerenzer>Das ist relativ gut erforscht.

00:38:35.301 --> 00:38:41.600
<v Gerd Gigerenzer>Und das sind oft erstaunlich einfache Regeln, die sie benutzen, die aber funktionieren.

00:38:41.601 --> 00:38:56.500
<v Gerd Gigerenzer>Wenn beim Menschen eine Heuristik unbewusst angewandt wird, dann nennt man das Intuition, man weiß, was man tun soll, aber man kann es nicht begründen.

00:38:56.501 --> 00:39:09.800
<v Gerd Gigerenzer>Also bei Personalauswahl ist das oft der Fall, dass ein Bewerber auf dem Papier sehr gut aussieht, aber wenn man ihn dann persönlich trifft und mit ihm spricht,

00:39:09.801 --> 00:39:16.800
<v Gerd Gigerenzer>dann hat man ein negatives Bauchgefühl und dann stehen viele vor der Frage, was soll ich denn trauen?

00:39:16.801 --> 00:39:20.400
<v Gerd Gigerenzer>Dem Papier oder meinem negativen Bauchgefühl?

00:39:20.401 --> 00:39:28.500
<v Gerd Gigerenzer>Und oft ist die Erfahrung, dass man hätte seinem Bauchgefühl eher vertrauen sollen.

00:39:28.501 --> 00:39:34.400
<v Gerd Gigerenzer>Und das gilt genau dann, wenn die Person langjährige Erfahrung mit zum Beispiel Personalauslese hat.

00:39:34.401 --> 00:39:40.600
<v Gerd Gigerenzer>Das gilt nicht unbedingt für einen Anfänger.

00:39:40.601 --> 00:39:42.800
<v Tim Pritlove>Haben wir da ein Organ im Bauch?

00:39:42.801 --> 00:39:46.800
<v Tim Pritlove>Warum ist das Bauchgefühl eigentlich im Bauch?

00:39:46.801 --> 00:39:49.100
<v Gerd Gigerenzer>Es ist nicht im Bauch.

00:39:49.101 --> 00:39:52.300
<v Tim Pritlove>Aber es fühlt sich so an.

00:39:52.301 --> 00:39:55.200
<v Gerd Gigerenzer>Nein, das ist eine deutsche Idee.

00:39:55.201 --> 00:39:58.700
<v Gerd Gigerenzer>Also ich habe ein Buch geschrieben, das heißt Bauchentscheidungen.

00:39:58.701 --> 00:40:05.800
<v Gerd Gigerenzer>Dieses Buch ist in zwanzig oder so Sprachen übersetzt und fast nie konnte der Titel übersetzt werden.

00:40:05.801 --> 00:40:20.000
<v Gerd Gigerenzer>Das Englische gut feeling ist noch am nächsten, aber fragen Sie mal einen Spanier oder einen Kroaten über Bauchgefühle, da gibt es die Assoziationen nicht.

00:40:20.001 --> 00:40:24.400
<v Gerd Gigerenzer>Für den Franzosen ist es noch eher das Herz.

00:40:24.401 --> 00:40:28.100
<v Gerd Gigerenzer>Auch guts ist nicht wirklich Bauch, sondern liegt etwas tiefer.

00:40:28.101 --> 00:40:28.800
<v Tim Pritlove>Ja.

00:40:28.801 --> 00:40:43.700
<v Gerd Gigerenzer>Und wenn Sie die These hören, dass im Bauch das Netzwerk, was wir an Neuronen im Bauch haben, für die Intuition da ist, dann kann es eigentlich nur ein Deutscher geschrieben haben.

00:40:43.701 --> 00:40:47.200
<v Gerd Gigerenzer>Da ist ein Netzwerk, aber das tut etwas anderes, was auch wichtig ist.

00:40:47.201 --> 00:40:52.900
<v Tim Pritlove>Also die Entscheidung kommt natürlich aus dem Hirn, aber welcher Teil des Hirns ist denn hier zuständig?

00:40:52.901 --> 00:41:03.100
<v Gerd Gigerenzer>Ja, also man kann sich das so einfach vorstellen, große Teile des Gehirns sind im Bewusstsein, hier der Sprache genau, nicht zugänglich.

00:41:03.101 --> 00:41:06.900
<v Gerd Gigerenzer>Dort wird aber Information gespeichert.

00:41:06.901 --> 00:41:15.900
<v Gerd Gigerenzer>Wenn Sie die jetzt nun ignorieren würden, dann viel Glück mit Ihren Entscheidungen.

00:41:15.901 --> 00:41:31.800
<v Gerd Gigerenzer>Die Intuition ist so definiert, dass man sagt, es ist eine Form von unbewusstem Wissen, das auf jahrelanger Erfahrung mit einem bestimmten Problem besteht

00:41:31.801 --> 00:41:40.000
<v Gerd Gigerenzer>und wo man in der Regel sofort spürt, was man tun oder lassen sollte, aber es nicht begründen kann.

00:41:40.001 --> 00:41:49.600
<v Gerd Gigerenzer>Also es ist keine Willkür, es ist keine göttliche Eingabe, es ist kein sechster Sinn, es ist auch nichts, was nur Frauen haben, wir Männer haben auch Intuitionen.

00:41:49.601 --> 00:42:04.800
<v Gerd Gigerenzer>Aber es ist in unserer Gesellschaft eine Tendenz, Intuition abzuwerten, weil man denkt, dass alles, was vernünftig ist, muss man begründen können.

00:42:04.801 --> 00:42:07.700
<v Gerd Gigerenzer>Stellen Sie sich vor, wo das hinführt.

00:42:07.701 --> 00:42:21.300
<v Gerd Gigerenzer>Also wenn Sie ein Fußballspiel haben und ein Spieler schießt ein Tor aus einem unglaublichen Winkel, dann müsste der Schiedsrichter zu ihm laufen und sagen,

00:42:21.301 --> 00:42:28.300
<v Gerd Gigerenzer>jetzt erklären Sie mir, wie Sie dieses Tor geschossen haben, wenn Sie es nicht können, gilt es nicht.

00:42:28.301 --> 00:42:45.000
<v Gerd Gigerenzer>Das ist ungefähr die Einstellung, die man in vielen großen Firmen hat, in vielen Verwaltungen und auch, was ein Problem inzwischen für viele Ärzte geworden ist,

00:42:45.001 --> 00:42:52.800
<v Gerd Gigerenzer>die Angst haben, ihrer ärztlichen Intuition zu folgen, weil sie es per Definition ja nicht erklären können.

00:42:52.801 --> 00:43:06.600
<v Gerd Gigerenzer>Und die Folge ist, dass in vielen Bereichen dennoch intuitive Entscheidungen gefällt werden, aber man gibt es nicht öffentlich zu.

00:43:06.601 --> 00:43:20.400
<v Gerd Gigerenzer>Nach meiner Arbeit mit großen DAX-notierten Unternehmen ist es so, dass nach Aussagen der Führungskräfte selbst etwa jede zweite wichtige professionelle Entscheidung

00:43:20.401 --> 00:43:28.300
<v Gerd Gigerenzer>am Ende eine Bauchentscheidung ist und ich betone am Ende, erst geht man durch die Daten, aber die sprechen ja nicht immer für sich.

00:43:28.301 --> 00:43:36.400
<v Gerd Gigerenzer>Und wenn man dann seiner Erfahrung folgt, obgleich man es nicht begründen kann, dann ist das damit gemeint.

00:43:36.401 --> 00:43:41.400
<v Gerd Gigerenzer>Die gleichen Führungskräfte würden das wie gesagt in der Öffentlichkeit nicht zugeben.

00:43:41.401 --> 00:43:54.300
<v Gerd Gigerenzer>Und ich habe zwei Methoden beobachtet, mit denen man mit der eigenen Angst vor Bauchentscheidungen und auch damit vor Verantwortung zu übernehmen umgeht.

00:43:54.301 --> 00:43:58.200
<v Gerd Gigerenzer>Verantwortung muss man für eine Bauchentscheidung immer selbst übernehmen.

00:43:58.201 --> 00:44:06.800
<v Gerd Gigerenzer>Die erste ist, man sucht nach Gründen im Nachhinein, also man stellt etwa einen Mitarbeiter ab, der zwei Wochen lang nach Gründen sucht

00:44:06.801 --> 00:44:13.900
<v Gerd Gigerenzer>und dann präsentiert der Vorstand die Bauchentscheidung als eine faktenbasierte Entscheidung.

00:44:13.901 --> 00:44:19.600
<v Gerd Gigerenzer>Das ist eine Verschwendung von Geld, Zeit und Intelligenz, nur weil man Angst hat.

00:44:19.601 --> 00:44:30.800
<v Gerd Gigerenzer>Eine Version davon ist etwas teurer, man stellt eine Beratungsfirma ein, die dann auf 200 Seiten mit PowerPoint die schon getroffene Entscheidung begründet.

00:44:30.801 --> 00:44:48.300
<v Gerd Gigerenzer>Ich habe mit großen Beratungsfirmen gearbeitet und ich habe ihn gefragt, wären Sie bereit mir zu sagen, welcher Prozentsatz Ihrer Kundenkontakte darin besteht,

00:44:48.301 --> 00:44:53.200
<v Gerd Gigerenzer>dass Sie schon getroffene Entscheidungen im Nachhinein begründen?

00:44:53.201 --> 00:45:01.100
<v Gerd Gigerenzer>Er sagte zu mir, Herr Gigerenzer, wenn Sie meinen Namen nicht nennen, sage ich es Ihnen, es ist über 50%.

00:45:01.101 --> 00:45:05.400
<v Tim Pritlove>Wir nennen den Namen jetzt nicht.

00:45:05.401 --> 00:45:16.100
<v Gerd Gigerenzer>Aber schauen Sie mal, was wird hier verschwendet an Zeit, Geld, Intelligenz, nur weil man nicht den Mut hat, zu den eigenen Entscheidungen,

00:45:16.101 --> 00:45:19.300
<v Gerd Gigerenzer>weil sie Bauchentscheidungen sind, zu stehen?

00:45:19.301 --> 00:45:25.800
<v Tim Pritlove>man könnte natürlich auch sagen, weil die Gesellschaft diese Art von Entscheidungen als solche als Begründung nicht akzeptiert.

00:45:25.801 --> 00:45:27.100
<v Gerd Gigerenzer>Richtig.

00:45:27.101 --> 00:45:37.600
<v Tim Pritlove>Also die Ängste sind ja dann sozusagen die Ängste vor der Reaktion, die wiederum gebildet sind durch so eine kulturelle Hegemonie einer gefühlten Rationalität,

00:45:37.601 --> 00:45:47.000
<v Tim Pritlove>dass man sozusagen von allem annimmt, es müsste immer einen guten Grund geben, der auf Nachfrage dann natürlich auch präsentiert werden kann,

00:45:47.001 --> 00:45:58.300
<v Tim Pritlove>so dass man dann sich eben nicht traut, weil man dann unter Umständen ja auch rechtlich vielleicht in dem Zuge belangt wird, hatten Sie denn einen guten Grund für diese Entscheidung,

00:45:58.301 --> 00:46:00.300
<v Tim Pritlove>die dann total schiefgegangen ist?

00:46:00.301 --> 00:46:06.500
<v Tim Pritlove>Ja, nein ich fühlte mich gerade danach und dann habe ich es erst mal gemacht, ja aber.

00:46:06.501 --> 00:46:09.800
<v Tim Pritlove>Und ich glaube, das ist dann auch so ein bisschen ein Grund, warum das gemacht wird.

00:46:09.801 --> 00:46:16.300
<v Tim Pritlove>Das heißt, dass eigentlich unsere Gesellschaft nicht risikobereit ist.

00:46:16.301 --> 00:46:18.600
<v Gerd Gigerenzer>Das ist richtig.

00:46:18.601 --> 00:46:32.100
<v Tim Pritlove>Ist das eine grundsätzliche Haltung dieser Gesellschaft oder ist das ein vorübergehender Zustand, der sich vielleicht unter anderen Umständen, nach einem Krieg oder so, ändert?

00:46:32.101 --> 00:46:38.600
<v Gerd Gigerenzer>Es gibt Bereiche in unserer Gesellschaft, wo man diese Angst nicht so hat, zum Beispiel Familienunternehmen haben das ganz wenige.

00:46:38.601 --> 00:46:45.700
<v Gerd Gigerenzer>Wenige defensive Entscheidungen, mehr Mut zu Bauchentscheidungen.

00:46:45.701 --> 00:46:59.800
<v Gerd Gigerenzer>Es gibt allerdings in unserer Gesellschaft nach meiner Beobachtung eine immer mehr wachsende Kultur der Rechtfertigung, Kultur der Absicherung,

00:46:59.801 --> 00:47:03.100
<v Gerd Gigerenzer>die auf Kosten von unserer Leistungskultur geht.

00:47:03.101 --> 00:47:16.600
<v Gerd Gigerenzer>Man investiert mehr Zeit darüber nachzudenken, wie man sich absichert, statt wie man eine bessere Leistung bringt und das halte ich für gefährlich.

00:47:16.601 --> 00:47:18.800
<v Gerd Gigerenzer>Und das finden wir im Bereich der Medizin.

00:47:18.801 --> 00:47:23.800
<v Gerd Gigerenzer>Viele Ärzte müssen ihre Zeit damit verbringen zu dokumentieren, zu dokumentieren.

00:47:23.801 --> 00:47:39.300
<v Gerd Gigerenzer>Viele Bereiche des sogenannten Risikomanagements sind damit beschäftigt, sich selbst abzusichern und den Vorstand abzusichern, statt wirkliche Risiken zu beseitigen.

00:47:39.301 --> 00:47:50.900
<v Gerd Gigerenzer>Und wir haben es in der Politik, dass immer mehr Politiker strategisch denken, statt das zu sagen, was sie wirklich denken.

00:47:50.901 --> 00:48:01.600
<v Gerd Gigerenzer>Und das ist auch einer der Faktoren, warum immer weniger Menschen Vertrauen in Politik haben, weil sie spüren, es ist ein Spiel zum großen Teil und nicht,

00:48:01.601 --> 00:48:10.200
<v Gerd Gigerenzer>es gibt kaum Frauen und Männer, die eine Vision haben und für die einstehen.

00:48:10.201 --> 00:48:11.800
<v Tim Pritlove>Warum ist das so?

00:48:11.801 --> 00:48:13.800
<v Gerd Gigerenzer>Das hat unterschiedliche Gründe.

00:48:13.801 --> 00:48:27.700
<v Gerd Gigerenzer>Also im Bereich der Medizin ist es eine Kultur von Angst vor Gerichtsprozessen, die besonders stark ist in den USA.

00:48:27.701 --> 00:48:37.600
<v Gerd Gigerenzer>Man nennt das defensive Medizin, das heißt, der Arzt rät dem Patienten nicht das, was das beste für den Patienten ist, sondern etwas …

00:48:37.601 --> 00:48:40.200
<v Tim Pritlove>Für das er selbst am wenigstens gefährdet ist.

00:48:40.201 --> 00:48:47.600
<v Gerd Gigerenzer>wodurch sich der Arzt selbst schützt vor dem Patienten als Troublemaker oder als möglicher Kläger.

00:48:47.601 --> 00:48:54.200
<v Gerd Gigerenzer>Es gibt Studien in den USA, die Ärzte gefragt haben, betreiben Sie defensive Medizin?

00:48:54.201 --> 00:49:01.700
<v Gerd Gigerenzer>Was meinen Sie, welcher Prozentsatz von Studie zu Studie sagt, ja das mache ich?

00:49:01.701 --> 00:49:02.800
<v Gerd Gigerenzer>Es ist immer über 90%.

00:49:02.801 --> 00:49:04.400
<v Tim Pritlove>Über 90, ich wäre jetzt bei 60-70 eingestiegen.

00:49:04.401 --> 00:49:10.500
<v Gerd Gigerenzer>Ja und das ist wahrscheinlich eine Unterschätzung, denn nicht jeder gibt zu vor sich selbst.

00:49:10.501 --> 00:49:22.300
<v Gerd Gigerenzer>Und defensive Medizin besteht typischerweise darin, dass man den Patienten zu viel behandelt, also unnötige Antibiotika, unnötige Krebsfrüherkennungen,

00:49:22.301 --> 00:49:25.900
<v Gerd Gigerenzer>unnötige, sogar unnötige Operationen.

00:49:25.901 --> 00:49:30.800
<v Tim Pritlove>USA ist wahrscheinlich auch ein schwieriges Feld, um das zu untersuchen, weil natürlich auch die anderen Incentives schwierig sind.

00:49:30.801 --> 00:49:39.700
<v Tim Pritlove>Also generell auch natürlich ein Gesundheitssystem, das haben wir auch bei uns, was ja weniger am Erfolg ausgerichtet ist, sondern eben sozusagen an realen Kosten,

00:49:39.701 --> 00:49:43.600
<v Tim Pritlove>die in diesem komplett privatisierten System natürlich extrem sind.

00:49:43.601 --> 00:49:53.900
<v Tim Pritlove>Da rät man dann gegebenenfalls auch zu Untersuchungen, die mir dann eben als Arzt einen persönlichen Vorteil einbringen, weil da einfach mehr Umsatz mit gemacht werden kann.

00:49:53.901 --> 00:49:55.600
<v Tim Pritlove>Gehen wir vielleicht mal weg von der Medizin, sondern sozusagen auch generell.

00:49:55.601 --> 00:50:06.600
<v Tim Pritlove>Ich meine, so ein ähnliches Absicherungsverhalten habe ich jetzt auch schon oft aus Behördenstrukturen zum Beispiel erlebt, wo eben Verantwortung nicht übernommen werden soll

00:50:06.601 --> 00:50:13.400
<v Tim Pritlove>und Dinge werden erst dann getan, wenn die nächsthöhere Hierarchie das eben dann auch abgesegnet hat, dann kann man das alles machen.

00:50:13.401 --> 00:50:24.700
<v Tim Pritlove>Also so ein Mangel an Bereitschaft, eben Verantwortung zu übernehmen, eben aus Angst einer Bestrafung durch ein System oder eben auch nur durch eine öffentliche Meinung,

00:50:24.701 --> 00:50:30.200
<v Tim Pritlove>was spätestens dann zum Tragen kommt, denke ich, wenn wir in dieser Hierarchie wiederum ganz oben angekommen sind.

00:50:30.201 --> 00:50:46.000
<v Tim Pritlove>Das ist sozusagen eine vertretbare, belegbare, vielleicht sogar in gewisser Hinsicht rationale Entscheidung, alles spricht dafür, nur eine wahrgenommene Bestrafungsoption, die im Raum steht,

00:50:46.001 --> 00:50:52.000
<v Tim Pritlove>führt dann eben dazu, dass auch so etwas nicht durchgeführt wird.

00:50:52.001 --> 00:51:01.900
<v Tim Pritlove>Kampf gegen Klimawandel könnte man vielleicht auch ein wenig in diese Kategorie schieben, ohne das jetzt hier gleich alles auf eine Ebene stellen zu wollen.

00:51:01.901 --> 00:51:04.700
<v Tim Pritlove>Aber was tut man denn gegen diese Kultur?

00:51:04.701 --> 00:51:06.200
<v Tim Pritlove>Was ist sozusagen der Ausdruck?

00:51:06.201 --> 00:51:15.700
<v Tim Pritlove>Ich hatte vorhin auch noch gefragt, ist das jetzt nur so ein Zwischenstand oder ist das etwas, was sich schon immer verschärft hat?

00:51:15.701 --> 00:51:26.200
<v Tim Pritlove>Oder gibt es auch Gesellschaften, die in einem bestimmten Moment nur so sind, aber dann später nicht mehr?

00:51:26.201 --> 00:51:38.600
<v Tim Pritlove>Also bei China haben Sie gesagt, wandelt sich das jetzt so ein bisschen von dem Imitieren in jetzt müssen wir selber was machen, dann sind sie ja in gewisser Hinsicht vielleicht auch in Gefahr, in diese Zustand zu kommen.

00:51:38.601 --> 00:51:49.200
<v Gerd Gigerenzer>Mit einigen meinen früheren Mitarbeitern habe ich ein Startup gegründet, das heißt simply rational, das Institut der Entscheidung,

00:51:49.201 --> 00:51:59.000
<v Gerd Gigerenzer>wo wir mit den unter anderen Berliner Behörden arbeiten zum Thema defensives Entscheiden.

00:51:59.001 --> 00:52:12.000
<v Gerd Gigerenzer>Und in allen Behörden wie in allen großen börsennotierten Firmen, mit denen ich gearbeitet habe, ist defensives Entscheiden ein großes Thema.

00:52:12.001 --> 00:52:22.400
<v Gerd Gigerenzer>Und nach den DAX-Unternehmen, mit denen ich gearbeitet habe, ist ungefähr jede zweite, jede dritte Entscheidung nach Aussagen der Führungskräfte selbst eine defensive.

00:52:22.401 --> 00:52:29.000
<v Gerd Gigerenzer>Das heißt, nicht die beste für die Firma, sondern die beste, um sich selbst zu schützen.

00:52:29.001 --> 00:52:42.200
<v Gerd Gigerenzer>Und das ist wiederum ein Aspekt, wo man klar sieht, wo unsere Wirtschaft leidet, und das ist ein rein psychologischer Aspekt, der natürlich damit zusammenhängt mit der Akzeptanz der Umgebung.

00:52:42.201 --> 00:52:44.700
<v Gerd Gigerenzer>Was kann man dagegen tun?

00:52:44.701 --> 00:53:00.200
<v Gerd Gigerenzer>Nun, das hängt sehr ab von der jeweiligen – das ist anders bei Ärzten als in großen Kooperationen - was oft hilft in Kooperationen, ist, dass die Führungskräfte selbst ein Modell werden

00:53:00.201 --> 00:53:03.100
<v Gerd Gigerenzer>für eine positive Fehlerkultur.

00:53:03.101 --> 00:53:19.300
<v Gerd Gigerenzer>Positive Fehlerkultur bedeutet, dass man Fehler als nützliche Information interpretiert und sich dann überlegt, wie kann man die Ursachen beseitigen?

00:53:19.301 --> 00:53:23.400
<v Gerd Gigerenzer>Dadurch werden es am Ende weniger Fehler.

00:53:23.401 --> 00:53:29.400
<v Gerd Gigerenzer>Eine negative Fehlerkultur bedeutet, dass man davon ausgeht, dass es keine Fehler geben darf.

00:53:29.401 --> 00:53:35.900
<v Gerd Gigerenzer>Passiert einer, versucht man es unter den Teppich zu kehren, gelingt das nicht, dann …

00:53:34.801 --> 00:53:36.900
<v Gerd Gigerenzer>… sucht man einen Schuldigen.

00:53:35.901 --> 00:53:34.800
<v Tim Pritlove>sind die Konsequenzen groß.

00:53:36.901 --> 00:53:43.700
<v Gerd Gigerenzer>Und das führt zu immer mehr defensiven Entscheiden.

00:53:43.701 --> 00:53:51.400
<v Gerd Gigerenzer>Und man kann einiges tun, um positive Fehlerkulturen zu gründen und es gibt sie.

00:53:51.401 --> 00:53:58.500
<v Gerd Gigerenzer>Also zum Beispiel die Cockpit-Fehlerkultur bei den internationalen Fluggesellschaften, ist eine ziemlich positive.

00:53:58.501 --> 00:54:02.100
<v Gerd Gigerenzer>Und das ist der Grund, warum es kaum Unfälle gibt.

00:54:02.101 --> 00:54:03.800
<v Tim Pritlove>Was beutetet das?

00:54:03.801 --> 00:54:11.300
<v Gerd Gigerenzer>Nun das bedeutet zum Beispiel, dass man Checklists hat, dass man ein, man nennt es, critical incident reporting system hat,

00:54:11.301 --> 00:54:16.500
<v Gerd Gigerenzer>wo man Zwischenfälle, die problematisch waren, meldet.

00:54:16.501 --> 00:54:23.600
<v Gerd Gigerenzer>Und nicht, um jemanden so vorzuführen, sondern um auf ein Problem aufmerksam zu machen

00:54:23.601 --> 00:54:30.100
<v Gerd Gigerenzer>und dann die Gesellschaft versucht, dieses Problem dann zu beseitigen.

00:54:30.101 --> 00:54:40.400
<v Gerd Gigerenzer>In einer negativen Fehlerkultur, wie wir es zum Beispiel in vielen börsennotierten Firmen haben, aber auch in vielen Krankenhäusern,

00:54:40.401 --> 00:54:50.500
<v Gerd Gigerenzer>geht man eben davon aus, dass keine Fehler passieren dürfen und passiert einer, dann geht das in defensive Entscheidungen und die Fehler werden immer mehr.

00:54:50.501 --> 00:54:53.700
<v Gerd Gigerenzer>Also das ist zum Beispiel ein Aspekt, das man tun kann.

00:54:53.701 --> 00:54:57.600
<v Gerd Gigerenzer>Man kann natürlich ganz witzige kleine Dinge machen.

00:54:57.601 --> 00:55:13.300
<v Gerd Gigerenzer>Also wir haben in einem Fall mit einer Firma ein Prinzip ausprobiert, was nun defensives Entscheiden deutlich macht.

00:55:13.301 --> 00:55:14.600
<v Gerd Gigerenzer>Kennen Sie Monopoly?

00:55:14.601 --> 00:55:16.200
<v Tim Pritlove>Mhm (bejahend)

00:55:16.201 --> 00:55:22.600
<v Gerd Gigerenzer>Dort kann man ins Gefängnis kommen, dafür gibt es eine Gefängnisfreikarte.

00:55:22.601 --> 00:55:34.600
<v Gerd Gigerenzer>Nun, die Idee ist die, dass die an alle Führungskräfte einer Firma Gefängnisfreikarten verteilt werden, mit dem Hinweis,

00:55:34.601 --> 00:55:41.000
<v Gerd Gigerenzer>wenn Sie ein Risiko eingehen für die Firma und es geht schief, geben Sie die Karte ab, keine Fragen.

00:55:41.001 --> 00:55:50.300
<v Gerd Gigerenzer>Das ändert die ganze Wahrnehmung und das ändert auch die Fragen, die man stellt.

00:55:50.301 --> 00:55:57.900
<v Gerd Gigerenzer>Weil wenn jemand nach zwei Jahren immer noch auf seiner Karte sitzt, dann stellt man andere Fragen.

00:55:57.901 --> 00:56:11.300
<v Gerd Gigerenzer>Also das sind so Dinge, die man untersuchen kann und auch spezifisch auf eine Firma zuschneiden kann, wo Zeichen gesetzt werden, dass wir jetzt einen anderen Weg gehen.

00:56:11.301 --> 00:56:22.000
<v Gerd Gigerenzer>Weg von einer negativen Fehlerkultur, wo man darüber nicht reden darf, einer hin, wo man offen damit umgeht und auch Menschen, also Führungskräfte,

00:56:22.001 --> 00:56:26.500
<v Gerd Gigerenzer>die Risiken eingehen für die Firma, nicht bestraft.

00:56:26.501 --> 00:56:40.300
<v Tim Pritlove>Ich grüble gerade ein wenig, ob das nicht auch ein Aspekt der japanischen Industriekultur gewesen ist, der sie in die Lage versetzt hat,

00:56:40.301 --> 00:56:45.900
<v Tim Pritlove>innerhalb kürzester Zeit die ganzen Produktionsmechanismen zum Beispiel bei der Automobilproduktion voranzubringen.

00:56:45.901 --> 00:56:46.600
<v Gerd Gigerenzer>Ja.

00:56:46.601 --> 00:56:57.100
<v Tim Pritlove>Weil eben dieses Verbessern vor Ort und dieses Rückmelden von Fehlern und damit ja sozusagen auch das Hinweisen auf was besser laufen könnte explizit belohnt haben.

00:56:57.101 --> 00:57:02.000
<v Tim Pritlove>Also quasi ein Belohnungssystem für Verbesserungsvorschläge, was es ja auch in deutschen Unternehmen gibt,

00:57:02.001 --> 00:57:07.100
<v Tim Pritlove>aber was offensichtlich nicht so gut zu funktionieren scheint.

00:57:07.101 --> 00:57:13.500
<v Tim Pritlove>Wie kriegt man jetzt das sozusagen aus der Gesellschaft an sich heraus?

00:57:13.501 --> 00:57:16.700
<v Tim Pritlove>Woran krankt es denn?

00:57:16.701 --> 00:57:21.600
<v Gerd Gigerenzer>Nun, also das …

00:57:21.601 --> 00:57:26.200
<v Tim Pritlove>Es hätte ja zum Beispiel auch geholfen, den Flughafen hier mal voranzubringen, dann wurde ja auch im Prinzip …

00:57:26.201 --> 00:57:27.600
<v Gerd Gigerenzer>Sie meinen den Berliner?

00:57:27.601 --> 00:57:34.700
<v Tim Pritlove>Ja, das Problem wurde solange verschleppt, bis das alles richtig katastrophal war.

00:57:34.701 --> 00:57:50.900
<v Gerd Gigerenzer>Ja, ich glaube, wir Berliner werden inzwischen Weltruhm erreichen im Bauen von Flughafen, aber am Ende ist es vielleicht ähnlich wie in Wien,

00:57:50.901 --> 00:57:53.100
<v Gerd Gigerenzer>ich weiß nicht, ob Sie die Geschichte kennen.

00:57:53.101 --> 00:57:58.600
<v Gerd Gigerenzer>Die Österreicher haben in den 70er Jahren ihr erstes Atomkraftwerk und ihr letztes gebaut.

00:57:58.601 --> 00:58:04.000
<v Gerd Gigerenzer>Als es fertig war, haben sie eine Volksabstimmung gemacht, ob man es in Betrieb setzen sollte oder lieber nicht.

00:58:04.001 --> 00:58:15.700
<v Gerd Gigerenzer>Und knapp ging es aus für lieber nicht und seitdem steht es dort und es ist sozusagen das einzige Museum, in dem ein Atomkraftwerk steht, mit einem 1:1-Modell.

00:58:15.701 --> 00:58:18.700
<v Gerd Gigerenzer>Und das könnte vielleicht das Ende des BER auch sein.

00:58:18.701 --> 00:58:20.100
<v Gerd Gigerenzer>Wir wollen es nicht hoffen.

00:58:20.101 --> 00:58:21.900
<v Tim Pritlove>So ein Flughafenmuseum.

00:58:21.901 --> 00:58:23.300
<v Gerd Gigerenzer>Ja, ein richtiger Flughafen.

00:58:23.301 --> 00:58:23.900
<v Tim Pritlove>Ja.

00:58:23.901 --> 00:58:28.000
<v Gerd Gigerenzer>Eine Touristenattraktion, das gäbe es nirgendwo anders.

00:58:28.001 --> 00:58:33.600
<v Tim Pritlove>Das stimmt, sind aber düstere Aussichten.

00:58:33.601 --> 00:58:38.600
<v Tim Pritlove>Jetzt haben wir …

00:58:38.601 --> 00:58:43.200
<v Tim Pritlove>Also ich fasse das mal so ein bisschen zusammen.

00:58:43.201 --> 00:58:53.500
<v Tim Pritlove>Also der Glaube, dass wir sozusagen rationale Entscheidungen treffen können, die gut begründet sind, der trifft so nicht zu,

00:58:53.501 --> 00:59:04.200
<v Tim Pritlove>sondern die Realität ist, dass wir eigentlich im Leben niemals genug wirklich klare Regeln und Rahmenbedingungen vorfinden, anhand derer wir uns orientieren können,

00:59:04.201 --> 00:59:17.000
<v Tim Pritlove>sondern es gibt immer Ungewissheiten, es gibt immer sowohl Ungewissheiten in meinem Umfeld, dass Dinge nicht klar sind, dass Dinge sich dynamisch zufällig chaotisch entwickeln können

00:59:17.001 --> 00:59:24.500
<v Tim Pritlove>auf der einen Seite, aber andererseits, dass ich auch selbst überhaupt gar nicht das Besteck habe, um hier klare Schnitte vorzunehmen.

00:59:24.501 --> 00:59:34.300
<v Tim Pritlove>Ich weiß nicht alles darüber, so das sogenannte gesunde Halbwissen kommt hier so zum Einsatz und es eigentlich vergebene Liebesmüh ist,

00:59:34.301 --> 00:59:45.800
<v Tim Pritlove>nach klaren Kriterien zu suchen, weil sowohl mein Umfeld als auch wie ich selber aufgestellt bin, am Ende diese Bedingungen eigentlich gar nicht schafft.

00:59:45.801 --> 00:59:52.600
<v Tim Pritlove>Sprich, ich muss eigentlich immer davon ausgehen, dass Dinge unklar sind und klare Entscheidungen nicht zu fällen sind,

00:59:52.601 --> 00:59:57.800
<v Tim Pritlove>sondern es geht eigentlich eher darum, sich a) selber überhaupt zu motivieren und Entscheidungen überhaupt zu fällen,

00:59:57.801 --> 01:00:04.100
<v Tim Pritlove>weil, ich glaube, so gar keine Entscheidungen fällen ist dann nochmal so die allerschlechteste Option, weil da kommt man ja auch nirgendwo hin.

01:00:04.101 --> 01:00:15.100
<v Tim Pritlove>Und ich muss für mich einen Weg finden, wie ich herausfinde, welche Gewichtung ich den Dingen, die ich meine zu sehen, gebe.

01:00:15.101 --> 01:00:27.100
<v Tim Pritlove>Eben diese Heuristiken zu entwickeln, um dann eben eine für mich brauchbare Lösung zu finden, die dann eben auch mit Mut und damit auch mit Überwindung von Ängsten

01:00:27.101 --> 01:00:40.300
<v Tim Pritlove>vor dem eigenen Scheitern oder eben auch Ängsten vor dem wahrgenommenen Scheitern durch andere sozusagen mich davor verstecke.

01:00:40.301 --> 01:00:43.900
<v Tim Pritlove>Ist das so eine brauchbar Zusammenfassung?

01:00:43.901 --> 01:00:45.000
<v Gerd Gigerenzer>Halbwegs ja.

01:00:45.001 --> 01:00:45.700
<v Tim Pritlove>Ja.

01:00:45.701 --> 01:00:49.600
<v Gerd Gigerenzer>Also klare Entscheidungen kann man treffen, auch in der Ungewissheit.

01:00:49.601 --> 01:00:57.600
<v Gerd Gigerenzer>Nur was dort nicht geht, ist die Idee, dass man optimale Entscheidungen treffen kann.

01:00:57.601 --> 01:01:04.400
<v Gerd Gigerenzer>Optimal kann man nur definieren, wenn man alle Umstände kennt.

01:01:04.401 --> 01:01:14.600
<v Gerd Gigerenzer>Das heißt, es geht darum, sozusagen zu erforschen, wie Menschen, auch Experten, Entscheidungen unter Ungewissheit treffen.

01:01:14.601 --> 01:01:24.700
<v Gerd Gigerenzer>Und das ist anders als die klassische Entscheidungstheorie sich das vorstellt unter den Gewichten aller Konsequenzen und aller Optionen.

01:01:24.701 --> 01:01:36.500
<v Gerd Gigerenzer>Und wir haben wir am Max-Planck-Institut eine systematische Studie und das ist wahrscheinlich weltweit der Ort, wo das am meisten fortgetrieben worden ist,

01:01:36.501 --> 01:01:39.300
<v Gerd Gigerenzer>von Entscheidungen unter Ungewissheit analysiert.

01:01:39.301 --> 01:01:52.100
<v Gerd Gigerenzer>Wir untersuchen, welche sozialen oder individuellen Heuristiken Menschen wählen, um mit Ungewissheit zurechtzukommen.

01:01:52.101 --> 01:01:57.200
<v Gerd Gigerenzer>Und zum zweitem, unter welchen Bedingungen funktioniert das auch.

01:01:57.201 --> 01:02:09.200
<v Gerd Gigerenzer>Also das heißt, eine einfache Regel kann rational sein und auch besser sein als sehr komplizierte Methoden.

01:02:09.201 --> 01:02:21.000
<v Gerd Gigerenzer>Und Beispiele schließen ein, dass man eben Dinge besser vorhersagen kann, wenn man wenige Informationen nimmt.

01:02:21.001 --> 01:02:30.500
<v Gerd Gigerenzer>Also die Beispiele, mit BigData kann man nicht unbedingt besser vorhersagen als mit ganz wenig Daten.

01:02:30.501 --> 01:02:47.800
<v Gerd Gigerenzer>Im Aktienmarkt kann man mit nobelpreisgekrönten Methoden wie zum Beispiel Markowitz Portfoliooptimierung oft schlechter abschneiden als mit ganz einfachen Heuristiken

01:02:47.801 --> 01:02:57.500
<v Gerd Gigerenzer>wie zum Beispiel investiere in die Optionen, die du hast, gleich, ohne überhaupt Gewichte zu berechnen.

01:02:57.501 --> 01:03:09.000
<v Gerd Gigerenzer>Und ich arbeite auch mit der Bank von England zusammen, wie man durch einfachere Regulierungen mehr Sicherheit in die Welt der Finanzen bringt.

01:03:09.001 --> 01:03:09.800
<v Tim Pritlove>Regulierung von was?

01:03:09.801 --> 01:03:14.500
<v Gerd Gigerenzer>Bankenregulierung.

01:03:14.501 --> 01:03:22.300
<v Gerd Gigerenzer>Also das klassische bekannte Bankenregulierungssystem heißt Basel I, Basel II, Basel III

01:03:22.301 --> 01:03:31.200
<v Gerd Gigerenzer>Basel I war 30 Seiten lang, Basel II über 300, Basel III über 600.

01:03:31.201 --> 01:03:38.200
<v Gerd Gigerenzer>Sie sehen, die Idee, genau wie bei den Google Ingenieuren, über die wir vorher gesprochen haben, etwas scheint nicht zu funktionieren,

01:03:38.201 --> 01:03:40.600
<v Gerd Gigerenzer>was macht man, man macht es komplexer.

01:03:40.601 --> 01:03:45.000
<v Gerd Gigerenzer>Es funktioniert wieder nicht, man macht es wieder komplexer.

01:03:45.001 --> 01:03:55.600
<v Gerd Gigerenzer>Und ich habe im November auf einer Tagung an der Bank von England den Vertreter der Basel-Kommission gefragt, wie wird Basel4 aussehen?

01:03:55.601 --> 01:04:06.900
<v Gerd Gigerenzer>Wollt ihr es wieder komplexer machen oder ist die Einsicht da, man muss vielleicht untersuchen, wie kann man es vereinfachen, damit mehr Sicherheit entsteht?

01:04:06.901 --> 01:04:20.500
<v Gerd Gigerenzer>Um das mal zu veranschaulichen, angenommen Sie hätten eine große Bank, wie die Deutsche Bank, und die Deutsche Bank müsste den sogenannten Value At Risk berechnen.

01:04:20.501 --> 01:04:27.300
<v Gerd Gigerenzer>Das ist so etwa das Maß, was angibt, wieviel Kapital man halten muss.

01:04:27.301 --> 01:04:35.200
<v Gerd Gigerenzer>Um diesen Wert zu berechnen, muss man tausende von Risikofaktoren einschätzen, die alle in der Zukunft liegen

01:04:35.201 --> 01:04:44.600
<v Gerd Gigerenzer>und da die Risiken miteinander korreliert sind, eine Korrelationsmatrix in der Ordnung von Millionen von Faktoren.

01:04:44.601 --> 01:04:45.000
<v Tim Pritlove>Die sich aber überhaupt nicht mehr überblicken lässt.

01:04:45.001 --> 01:04:46.700
<v Gerd Gigerenzer>Viel Glück.

01:04:46.701 --> 01:04:49.800
<v Gerd Gigerenzer>Das grenzt an Astrologie.

01:04:49.801 --> 01:04:52.600
<v Tim Pritlove>Oder Alchemie.

01:04:52.601 --> 01:04:54.400
<v Gerd Gigerenzer>Was da passiert.

01:04:54.401 --> 01:05:08.100
<v Gerd Gigerenzer>Und das heißt, dass zum Beispiel die Bank von England selbst natürlich nicht überprüfen kann, wie sinnvoll diese geschätzten Risikofaktoren und deren Korrelationen sind,

01:05:08.101 --> 01:05:11.900
<v Gerd Gigerenzer>die die Banken auch mit ihren eigenen internen Modellen machen könnten.

01:05:11.901 --> 01:05:15.100
<v Gerd Gigerenzer>Und all das trägt nicht sehr zur Sicherheit bei.

01:05:15.101 --> 01:05:27.600
<v Gerd Gigerenzer>Und wir untersuchen systematisch zusammen mit dem Chefökonom, Andy Haldane, wie kann man einfachere und zwar Heuristiken entwickeln, die besser vorhersagen,

01:05:27.601 --> 01:05:31.500
<v Gerd Gigerenzer>einfacher sind und dadurch mehr Sicherheit bringen?

01:05:31.501 --> 01:05:33.800
<v Tim Pritlove>Und besser überprüfbar sind, also im Nachhinein.

01:05:33.801 --> 01:05:35.600
<v Gerd Gigerenzer>Ja, und man versteht sie auch.

01:05:35.601 --> 01:05:48.800
<v Gerd Gigerenzer>Natürlich werden die Banken versuchen, diese einfachen Regeln zu gamen und man kann alles gamen, aber die Zentralbanken können einfacher sehen, wann gegamt wird.

01:05:48.801 --> 01:05:56.600
<v Gerd Gigerenzer>Das ist so gut wie unmöglich, wenn Sie Millionen von geschätzten Faktoren überprüfen müssen.

01:05:56.601 --> 01:06:02.200
<v Tim Pritlove>Vielleicht sollten Sie mal mit dem Finanzausschuss im Bundestag reden, was so das Design unseres Steuersystems betrifft.

01:06:02.201 --> 01:06:04.600
<v Tim Pritlove>Das scheint mir ganz ähnlich zu funktionieren.

01:06:04.601 --> 01:06:14.100
<v Gerd Gigerenzer>Es gibt viele solche Systeme, die ich für unnötig komplex halte und ich glaube auch, dass diese Komplexheit nicht dazu beiträgt,

01:06:14.101 --> 01:06:21.900
<v Gerd Gigerenzer>dass Bürger Vertrauen in das Steuersystem, in das Bankensystem oder andere Systeme haben.

01:06:21.901 --> 01:06:41.200
<v Gerd Gigerenzer>Und ich halte es auch für einen wichtigen Bestandteil einer Demokratie, dass die Bürger zumindest die Möglichkeit haben, Gesetze und solche wichtigen Regulierungen zu verstehen.

01:06:41.201 --> 01:06:56.500
<v Tim Pritlove>Na ich denke, dass halt auch für die Akzeptanz immer eine extreme Bedeutung, dass Nachvollziehbarkeit ergeben ist.

01:06:56.501 --> 01:07:07.600
<v Tim Pritlove>Bis hin zu Wahlsystemen zum Beispiel, auch da ist ja das Vertrauen am Ende sehr viel wichtiger, als vielleicht ein bis aufs Letzte mathematisch durchoptimierter,

01:07:07.601 --> 01:07:15.800
<v Tim Pritlove>hochkomplexer Berechnungsprozess, denn dann aber am Ende keiner mehr so richtig nachfühlen kann.

01:07:15.801 --> 01:07:22.300
<v Tim Pritlove>Ich wollte nochmal zurückkommen auf diesen Aspekt der Daten.

01:07:22.301 --> 01:07:31.000
<v Tim Pritlove>Jetzt leben wir ja gerade in so einer Zeit, wo so das Buzzword der Stunde die künstliche Intelligenz ist, konkret bedeutet das ja im Wesentlichen Deep Learning,

01:07:31.001 --> 01:07:41.400
<v Tim Pritlove>also Algorithmen, wo Maschinen in der Lage sind, durch große Datenbestände, die in irgendeiner Form Wahrheiten ausdrücken, die anzulernen,

01:07:41.401 --> 01:07:54.500
<v Tim Pritlove>um dann eben von neuen Eingaben schnell eine Entscheidung auf Basis dieser bestehenden Wahrheiten zu treffen, um eben Dinge zu automatisieren

01:07:54.501 --> 01:08:05.300
<v Tim Pritlove>oder vielleicht eben auch Informationen aus Quellen zu extrahieren, die so bisher noch nicht haben durchgeführt werden können,

01:08:05.301 --> 01:08:14.900
<v Tim Pritlove>noch nicht herangezogen werden konnten oder die einfach schier so umfangreich sind, dass man sich da halt nie drauf gestürzt hat.

01:08:14.901 --> 01:08:28.700
<v Tim Pritlove>Unzweifelhaft gibt es hier im Einzelnen bemerkenswerte Durchbrüche, also es zeigt sich, dass bestimmte Anwendungsfelder das Ganze wunderbar zusammenparst,

01:08:28.701 --> 01:08:39.800
<v Tim Pritlove>aber ich habe schon so ein bisschen rausgehört, dass Sie an der Stelle sehr skeptisch sind, was die Anwendbarkeit von diesen BigData-Algorithmen betrifft.

01:08:39.801 --> 01:08:43.500
<v Tim Pritlove>Wo parst es denn oder wo parst es nicht?

01:08:43.501 --> 01:08:46.600
<v Gerd Gigerenzer>Das ist genau die richtige Frage.

01:08:46.601 --> 01:08:53.600
<v Gerd Gigerenzer>Also ich bin oft auf BigData-Konferenzen und ich sehe mich meistens als so den einzigen, der die Frage stellt, was kann BigData, was kann es nicht?

01:08:53.601 --> 01:08:56.500
<v Gerd Gigerenzer>Die meisten anderen möchten etwas verkaufen.

01:08:56.501 --> 01:09:08.300
<v Gerd Gigerenzer>Sozusagen die allgemeinste Antwort auf das ist, wenn Sie eine Situation haben, die relativ stabil ist, wo die Zukunft so ist wie die Vergangenheit,

01:09:08.301 --> 01:09:13.700
<v Gerd Gigerenzer>dann sind künstliche Intelligenz und BigData wahrscheinlich erfolgreich.

01:09:13.701 --> 01:09:22.200
<v Gerd Gigerenzer>Und die besten Beispiele sind Systeme, wo ganz klare Regeln sind wie Schach und Go.

01:09:22.201 --> 01:09:30.700
<v Gerd Gigerenzer>Und was diese Systeme hier schaffen ist nicht, dass sie das besser verstehen als Menschen, sondern besser einfach vorausberechnen können

01:09:30.701 --> 01:09:32.900
<v Gerd Gigerenzer>und auch schneller lernen können.

01:09:32.901 --> 01:09:43.900
<v Gerd Gigerenzer>In anderen Bereichen, nämlich Bereiche, die man als Situationen von Ungewissheit bezeichnen kann, wo man nicht weiß, ob die Zukunft so ist wie die Vergangenheit

01:09:43.901 --> 01:09:55.700
<v Gerd Gigerenzer>und das ist in vielen Bereichen der Medizin, nicht nur bei der Vorhersage von Grippe oder Influenza, sondern auch in Bereichen der Investment,

01:09:55.701 --> 01:10:05.800
<v Gerd Gigerenzer>etwa in Banken, wo Überraschungen passieren können, da ist die Chance, dass diese Systeme Erfolg haben, deutlich kleiner.

01:10:05.801 --> 01:10:25.500
<v Gerd Gigerenzer>Wenn sie Erfolg haben, dann solange wie sich nichts ändert, aber wenn dann der Black Swan oder ein Problem auftritt, dann können die Systeme ja das gar nicht finden

01:10:25.501 --> 01:10:28.900
<v Tim Pritlove>Also Black Swan so als Symbol des unerwarteten Datenpunktes quasi.

01:10:28.901 --> 01:10:34.700
<v Gerd Gigerenzer>Ja. Also das ist so eine erste auseinander…

01:10:34.701 --> 01:10:38.000
<v Gerd Gigerenzer>Und das ist also so eine erste Unterscheidung.

01:10:38.001 --> 01:10:55.200
<v Gerd Gigerenzer>Und in der Medizin etwa sind BigData-Systeme noch am besten bei der Erkennung von so X-Rays, bei bestimmten Hautkrebsen,

01:10:55.201 --> 01:11:09.000
<v Gerd Gigerenzer>da haben sie ungefähr in etwa die Qualität wie Ärzte, wobei natürlich ein Arzt viele andere Dinge gleichzeitig kann und ein typisches Programm immer nur eine Sache machen kann.

01:11:09.001 --> 01:11:11.800
<v Gerd Gigerenzer>Das wird oft vergessen.

01:11:11.801 --> 01:11:24.900
<v Gerd Gigerenzer>Und das Problem auf der anderen Seite von BigData sehe ich darin, dass einfach industriemotivierte Versprechen gemacht werden, die gar nicht einzuhalten sind.

01:11:24.901 --> 01:11:32.700
<v Gerd Gigerenzer>Also wenn Watson beispielsweise das Spiel Jeopardy gewann und das war eine beeindruckende Leistung.

01:11:32.701 --> 01:11:40.300
<v Tim Pritlove>Also Watson ist dieses KI-System von IBM, was ja schon seit langer Zeit unter diesem Namen firmiert und jedes Jahrzehnt eine andere Disziplin repräsentiert.

01:11:40.301 --> 01:11:54.200
<v Gerd Gigerenzer>Ja. Nach diesem Erfolg hat die CEO von Watson sofort gesagt, our next moonshot is healthcare.

01:11:54.201 --> 01:12:01.800
<v Gerd Gigerenzer>Nicht unbedingt weil Watson sich nun ausgezeichnet hätte in Gesundheit, sondern weil es ein riesiger Markt ist.

01:12:01.801 --> 01:12:09.000
<v Gerd Gigerenzer>Und seitdem geistert Watson dort rum, er geistert auch im Bereich von Finanzen rum.

01:12:09.001 --> 01:12:19.700
<v Gerd Gigerenzer>Die Zusammenarbeit mit Watson hat NH Anderson, eines der größten Krebszentren in den USA beendet, nachdem sie herausgefunden haben,

01:12:19.701 --> 01:12:29.000
<v Gerd Gigerenzer>dass er nicht besser ist als auf jeden Fall die Versprechungen des PR-Departements von IBM nicht gehalten worden.

01:12:29.001 --> 01:12:37.100
<v Gerd Gigerenzer>Also man hat mir gesagt, die Ingenieure von IBM schämen sich für die Behauptungen der Werbeabteilungen.

01:12:37.101 --> 01:12:44.000
<v Gerd Gigerenzer>Und im Finanzbereich kenne ich auch keine Erfolge.

01:12:44.001 --> 01:12:52.100
<v Gerd Gigerenzer>Und schauen Sie, IBM ist unter großen finanziellen Problemen seit Jahren.

01:12:52.101 --> 01:12:58.100
<v Gerd Gigerenzer>Wenn Watson wirklich investieren könnte, dann wären die Probleme weg.

01:12:58.101 --> 01:13:13.800
<v Gerd Gigerenzer>Also hier werden sehr viele unnötige Versprechen gemacht, die dann Firmen viel Geld kosten, bis sie es verstehen

01:13:13.801 --> 01:13:23.400
<v Gerd Gigerenzer>und die aber auch jetzt gerade im Gesundheitsbereich die Investitionen wegnehmen von dort, wo man sie wirklich bräuchte.

01:13:23.401 --> 01:13:35.400
<v Tim Pritlove>Ich weiß jetzt, dass Sie sich auch zum Beispiel im Bereich Verbraucherschutz auch mit Ihrem Thema engagiert haben, Sie sind da im Sachverständigenrat.

01:13:35.401 --> 01:13:38.000
<v Tim Pritlove>Wo ist der angesiedelt?

01:13:38.001 --> 01:13:41.900
<v Gerd Gigerenzer>Am Ministerium für Justiz und Verbraucherschutz.

01:13:41.901 --> 01:13:45.400
<v Tim Pritlove>Und da geht es dann um so Themen wie Scoring.

01:13:45.401 --> 01:13:46.200
<v Gerd Gigerenzer>Ja.

01:13:46.201 --> 01:13:59.100
<v Tim Pritlove>Anderer Bereich, der mir jetzt so in dem Zusammenhang einfallen würde, wo ja auch gerade viel über diese Aussagekraft von Daten diskutiert wird, insbesondere die Vorhersagefähigkeit,

01:13:59.101 --> 01:14:02.300
<v Tim Pritlove>so die Kriminalitätsbekämpfung.

01:14:02.301 --> 01:14:13.400
<v Tim Pritlove>Das sind ja nun beides so Felder, wo es ja in gewisser Hinsicht kein Spiel mehr ist, wo es eben mit Freiheiten bzw. der Freiheit zur individuellen Entfaltung

01:14:13.401 --> 01:14:19.400
<v Tim Pritlove>oder auch einfach nur der finanziellen eigenen Existenz geht.

01:14:19.401 --> 01:14:24.500
<v Tim Pritlove>Was sehen Sie da für ein Spannungsfeld und wie sich das gerade entwickelt?

01:14:24.501 --> 01:14:28.200
<v Tim Pritlove>Sind wir da gesellschaftlich auf dem richtigen Pfad?

01:14:28.201 --> 01:14:37.000
<v Gerd Gigerenzer>Also in diesen Bereichen oder sagen wir mal so, diese Bereiche zeichnen sich aus durch hochgradige Ungewissheit.

01:14:37.001 --> 01:14:45.700
<v Gerd Gigerenzer>Das heißt, man kann erwarten, dass die künstlichen Intelligenz-Systeme nicht besonders gut sein werden.

01:14:45.701 --> 01:14:58.000
<v Gerd Gigerenzer>Nehmen wir als Beispiel einen Algorithmus, der in den USA verwendet wird, um vorherzusagen, ob zum Beispiel ein Angeklagter in den nächsten Jahren wieder ein Verbrechen begehen würde.

01:14:58.001 --> 01:15:04.300
<v Gerd Gigerenzer>Und einer der bekanntesten Algorithmen ist COMPAS.

01:15:04.301 --> 01:15:18.600
<v Gerd Gigerenzer>Der Millionen von Richtern Wahrscheinlichkeiten gegeben hat, nämlich darüber, dass der Angeklagte zum Beispiel in den nächsten zwei Jahren wieder rückfällig wird.

01:15:18.601 --> 01:15:29.000
<v Gerd Gigerenzer>Wir wissen nicht, inwieweit die Richter das verwenden, aber wir können davon ausgehen, dass die meisten Richter nicht verstehen, wie dieser Wert zustandekommt

01:15:29.001 --> 01:15:33.600
<v Gerd Gigerenzer>und er ist auch geheim, wiederum der Algorithmus, niemand weiß das.

01:15:33.601 --> 01:15:39.900
<v Tim Pritlove>Nicht mal die Entwickler, weil das ist ja auch so ein bisschen das Problem bei diesem DeepLearning, dass man hier eigentlich einen Mechanismus entwickelt,

01:15:39.901 --> 01:15:47.400
<v Tim Pritlove>an dessen Ende zwar ein Datensatz steht, der Entscheidungen fällt, aber niemand genau sagen kann, was jetzt hier eigentlich die Entscheidungsstruktur ist,

01:15:47.401 --> 01:15:48.700
<v Tim Pritlove>weil die sich nur in den Daten wiederfindet.

01:15:48.701 --> 01:15:49.800
<v Gerd Gigerenzer>Es ist nicht mal so komplex.

01:15:49.801 --> 01:15:55.200
<v Gerd Gigerenzer>Die meisten Scoring-Algorithmen sind einfache lineare Gleichungen, da ist nichts mit DeepLearning drin.

01:15:55.201 --> 01:15:58.500
<v Tim Pritlove>Ach so ja, ich bezog mich jetzt nur auf da, wo DeepLearning eingesetzt wird.

01:15:58.501 --> 01:16:11.600
<v Gerd Gigerenzer>Das gilt auch für die Bonitätsscoring, das gilt für die Krankenhausscores, das ist wirklich, ich habe kaum etwas anderes gesehen als einen einfachen Algorithmus.

01:16:11.601 --> 01:16:14.900
<v Gerd Gigerenzer>Das ist auch GoogleFlu-Trends.

01:16:14.901 --> 01:16:28.800
<v Gerd Gigerenzer>Und hier muss man sich zwei Fragen stellen, ist das ethisch vertretbar, dass zum Beispiel der Angeklagte nicht versteht, warum er keine Bewährung bekommen hat,

01:16:28.801 --> 01:16:31.400
<v Gerd Gigerenzer>sondern ins Gefängnis kommt?

01:16:31.401 --> 01:16:39.600
<v Gerd Gigerenzer>Also wenn Sie als Richter da 80% Wahrscheinlichkeit haben, dass diese Person wieder etwas tut, und er auch der Richter nicht versteht, wo der Wert herkommt.

01:16:39.601 --> 01:16:42.300
<v Tim Pritlove>Weil das Argument am Ende ist …

01:16:42.301 --> 01:16:42.500
<v Gerd Gigerenzer>Das sind richtige Konsequenzen.

01:16:42.501 --> 01:16:45.900
<v Tim Pritlove>… ich finde Sie ja ganz nett, aber der Computer hat gesagt, nö.

01:16:45.901 --> 01:16:58.300
<v Gerd Gigerenzer>Und das zweite Argument ist, oder sagen wir so, die zweite Frage ist, wie gut ist denn das wirklich im Vergleich zum Menschen?

01:16:58.301 --> 01:17:11.200
<v Gerd Gigerenzer>Und im Fall von COMPAS gibt es Analysen, die zeigen, dass COMPAS also Vorurteile hat, wie Menschen halt auch, insbesondere rassistische Vorurteile

01:17:11.201 --> 01:17:24.000
<v Gerd Gigerenzer>und das noch spannendere finde ich, man hat eine Untersuchung gemacht, um die Qualität von COMPAS in der Vorhersage des Verhaltens verglichen mit Menschen,

01:17:24.001 --> 01:17:33.000
<v Gerd Gigerenzer>die die gleichen Daten bekamen und tatsächlich noch weniger davon und wirklich schlecht bezahlt wurden für ihre Vorhersagen.

01:17:33.001 --> 01:17:41.400
<v Gerd Gigerenzer>Das sind sogenannte Amazon Turk Arbeiter, die schnell so Probleme lösen, um ein paar Cents zu verdienen.

01:17:41.401 --> 01:17:58.800
<v Gerd Gigerenzer>Und das Ergebnis war, dass dieser in den USA vom Gericht eingesetzten Algorithmen nicht besser war als die Urteile, die ganz normale Menschen von der Straße,

01:17:58.801 --> 01:18:03.900
<v Gerd Gigerenzer>ohne ein einschlägiges Wissen produzieren konnten.

01:18:03.901 --> 01:18:13.800
<v Gerd Gigerenzer>Also das sind so Beispiele, die einem zeigen, in Situationen mit hochgradiger Ungewissheit seien Sie skeptisch vor solchen Algorithmen.

01:18:13.801 --> 01:18:22.900
<v Gerd Gigerenzer>Die Algorithmen werden wahrscheinlich funktionieren, wenn Sie eine relativ stabile und geregelte Welt haben.

01:18:22.901 --> 01:18:34.900
<v Tim Pritlove>China ist ja jetzt auch dabei, so Socialscoring-Systeme zu implementieren, auch da ist ja unklar, was für Algorithmen da dahinterstehen.

01:18:34.901 --> 01:18:43.500
<v Tim Pritlove>Sehen Sie irgendeine Welt, in der so eine Bewertung auf Datenbasis überhaupt positive Aspekte haben kann?

01:18:43.501 --> 01:18:46.200
<v Gerd Gigerenzer>Also Sie meinen jetzt das soziale Kreditsystem, das China aufbaut?

01:18:46.201 --> 01:18:47.000
<v Tim Pritlove>Ja.

01:18:47.001 --> 01:19:01.500
<v Gerd Gigerenzer>Um das einzuordnen, damit so BigData-Systeme, wie was sie da benutzen, sind sehr erfolgreich im analysieren der Vergangenheit.

01:19:01.501 --> 01:19:10.800
<v Gerd Gigerenzer>Das ist jetzt was anderes als die Vorhersage, da sind sie gut, also sozusagen im Analysieren von Zusammenhängen von allen möglichen Daten.

01:19:10.801 --> 01:19:16.800
<v Gerd Gigerenzer>Und damit eignen sie sich auch sehr zu Spionage und Überwachung.

01:19:16.801 --> 01:19:31.800
<v Gerd Gigerenzer>China baut ein System auf im Moment, das sogenannte soziale Kreditsystem, wo jeder Bürger in den nächsten Jahren, hofft man, einen sozialen Kreditwert bekommt.

01:19:31.801 --> 01:19:36.400
<v Gerd Gigerenzer>Das könnte ein Wert zwischen 350 und 950 sein.

01:19:36.401 --> 01:19:38.500
<v Gerd Gigerenzer>Je höher desto besser.

01:19:38.501 --> 01:19:54.000
<v Gerd Gigerenzer>Darin fließt ein nicht nur wie bei finanzieller Kreditwürdigkeit, etwa Schufa in Deutschland, die ihr Zahlungsverhalten, sondern auch ihre ganze kriminelle Vergangenheit,

01:19:54.001 --> 01:20:12.500
<v Gerd Gigerenzer>einschließlich Parkverbottickets und ihr politisches, ihr soziales Verhalten, das Verhalten ihrer eigenen Freunde und Familie, also ihr gesamter digitaler Fingerabdruck.

01:20:12.501 --> 01:20:21.900
<v Gerd Gigerenzer>Es wird im Moment an etwa 40 Städten experimentell überprüft und hier macht China was interessantes, was man in Deutschland eher nicht machen würde,

01:20:21.901 --> 01:20:32.000
<v Gerd Gigerenzer>nämlich man gibt ein Ziel vor und lässt Städte experimentieren, statt die Sache vorzuschreiben.

01:20:32.001 --> 01:20:43.800
<v Gerd Gigerenzer>Und das Ziel ist dann, durch einen sozialen Kreditwert, der Konsequenzen hat, das moralische Verhalten der Menschen zu verbessern.

01:20:43.801 --> 01:20:56.000
<v Gerd Gigerenzer>Also China leidet wie andere Länder drunter, dass Menschen betrügen, lügen, stehlen, Korruptionen, dass Firmen entsprechend Menschen ausbeuten

01:20:56.001 --> 01:21:01.300
<v Gerd Gigerenzer>und Firmen haben auch einen sozialen Kreditscore.

01:21:01.301 --> 01:21:11.000
<v Gerd Gigerenzer>Das Mittel dazu ist ein altes psychologisches Mittel, man belohnt die Guten und man bestraft die mit einem geringen Score.

01:21:11.001 --> 01:21:20.400
<v Gerd Gigerenzer>Das kann man sich so vorstellen, die Belohnung funktioniert so wie ein Meilenprogramm bei der Lufthansa,

01:21:20.401 --> 01:21:33.400
<v Gerd Gigerenzer>also wenn Sie viele Meilen haben, dann kriegen Sie Goodies und auf der anderen Seite, wenn jemand wenig Kredit hat, also einen niedrigen Wert,

01:21:33.401 --> 01:21:36.500
<v Gerd Gigerenzer>dann werden massive Strafen eingesetzt.

01:21:36.501 --> 01:21:47.600
<v Gerd Gigerenzer>Zum Beispiel wissen wir, dass in den letzten Jahren hunderttausende von Chinesen mit niedrigem Wert nicht erlaubt wurde, ein Flugzeugticket zu buchen

01:21:47.601 --> 01:21:54.100
<v Gerd Gigerenzer>oder sie durften mit den schnellen Zügen nicht mehr fahren, also die Bewegungsfreiheit wird eingeschränkt.

01:21:54.101 --> 01:22:07.300
<v Gerd Gigerenzer>Es gibt Städte, die auch folgendes tun, dass Personen, die einen niedrigen Wert haben, dass deren Kinder nicht mehr auf die besten Schulen gehen dürfen.

01:22:07.301 --> 01:22:18.900
<v Gerd Gigerenzer>Und Sie können sich vorstellen, wenn Sie dann meinen, dass Sie sich nicht scheren um Ihren sozialen Kreditwert, Ihre Kinder werden Ihnen das austreiben, denn sie leiden unter Ihnen.

01:22:18.901 --> 01:22:30.800
<v Gerd Gigerenzer>Und ein solches System wird möglicherweise ein Selbstläufer werden, jeder beeinflusst den anderen, jeder möchte einen hohen Score haben,

01:22:30.801 --> 01:22:38.300
<v Gerd Gigerenzer>so wie auch bei vielen Internetspielen man bereit ist alles zu tun, nur um seinen Score zu erhöhen.

01:22:38.301 --> 01:22:55.500
<v Gerd Gigerenzer>Und es gibt Mitteilungen aus China, dass inzwischen in vielen Partnerschaftsanzeigen die Männer und Frauen nicht nur ihre Körpermaße und Körpergewicht und Alter angeben,

01:22:55.501 --> 01:22:57.800
<v Gerd Gigerenzer>sondern auch den sozialen Kreditscore.

01:22:57.801 --> 01:23:10.800
<v Gerd Gigerenzer>Und wenn Sie eine Anzeige schalten und Ihren sozialen Kreditscore nicht angeben, dann kann das schon gegen Sie ausgewertet werden.

01:23:10.801 --> 01:23:21.800
<v Gerd Gigerenzer>Die Vision ist eigentlich die, dass man mit Hilfe von, in der Psychologie nennt man das, Prinzipien des operanten Konditionierens,

01:23:21.801 --> 01:23:32.300
<v Gerd Gigerenzer>also gutes Verhalten zu belohnen, schlechtes zu bestrafen, also das ist Spinner, B. F. Skinner, nun eine ganze Gesellschaft lenkt

01:23:32.301 --> 01:23:37.300
<v Gerd Gigerenzer>und in einer Art und Weise wie man es früher nie konnte ohne digitale Medien.

01:23:37.301 --> 01:23:45.700
<v Gerd Gigerenzer>Und mit digitalen Medien kann man einen Menschen 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche überwachen.

01:23:45.701 --> 01:23:47.700
<v Gerd Gigerenzer>Was wird die Zukunft sein?

01:23:47.701 --> 01:23:53.300
<v Gerd Gigerenzer>Nun, wahrscheinlich werden die Chinesen das Programm hinkriegen, würde ich meinen.

01:23:53.301 --> 01:24:07.600
<v Gerd Gigerenzer>Dann kommt eine zweite Phase, die schon begonnen hat, einige andere Länder, die ähnliche autoritäre oder Einparteiensysteme, sagen wir es mal neutral, haben oder haben möchten,

01:24:07.601 --> 01:24:19.500
<v Gerd Gigerenzer>werden das imitieren, also Sie können sich vorstellen, das können asiatische Länder wie Nordkorea, Thailand vielleicht auch Singapur sein,

01:24:19.501 --> 01:24:26.000
<v Gerd Gigerenzer>das können aber auch europäische Länder sein, die eine ähnliche Struktur haben, wie Ungarn, Polen oder die Türkei.

01:24:26.001 --> 01:24:29.300
<v Tim Pritlove>Russland.

01:24:29.301 --> 01:24:41.300
<v Gerd Gigerenzer>Und sehen dann zum ersten Mal eine Alternative zur Demokratie, die wirklich effizient ist, wo man Bürger hat, die arbeiten an ihrem Score.

01:24:41.301 --> 01:24:48.300
<v Gerd Gigerenzer>Wo man Bürger hat, die nicht ihre Zeit verschwenden, die auch den Gesetzen folgen.

01:24:48.301 --> 01:25:00.400
<v Gerd Gigerenzer>Also China hat ungefähr 300.000 Überwachungskameras, wo man nicht mehr bei rot über die Ampel geht, weil man dann ein paar Punkte weg hat.

01:25:00.401 --> 01:25:08.400
<v Gerd Gigerenzer>Wo man seine alten Eltern öfter besucht, weil das gibt positive Punkte, was kann man dagegen sagen?

01:25:08.401 --> 01:25:18.200
<v Gerd Gigerenzer>Also die zweite Phase wäre eine Verbreitung des Systems, also China würde wahrscheinlich die Software und Hardware verkaufen an andere Länder.

01:25:18.201 --> 01:25:21.000
<v Gerd Gigerenzer>Was zum Teil auch schon passiert.

01:25:21.001 --> 01:25:42.400
<v Gerd Gigerenzer>Und in einer dritten Phase würden wir in den westlichen Demokratien vor der Frage stehen, können wir gegen ein solches effizientes digitales autokratisches System unsere Demokratie weiterhin bewahren?

01:25:42.401 --> 01:25:49.600
<v Tim Pritlove>Was ja zunächst einmal die Frage ist, handelt es sich dabei um überhaupt ein gutes System?

01:25:49.601 --> 01:25:53.000
<v Tim Pritlove>Also wie bewertet man das?

01:25:53.001 --> 01:25:54.500
<v Tim Pritlove>Das sind ja eine ganze Menge Aspekte da drin.

01:25:54.501 --> 01:26:07.400
<v Tim Pritlove>Das ist ein großes Land, hat viele Probleme und gut, erst mal ganz wertfrei könnte man sagen, okay die wählen sozusagen ein weiteres Mittel,

01:26:07.401 --> 01:26:15.900
<v Tim Pritlove>was ja, wenn man es mal positiv betrachtet, ja immerhin sozusagen so ein präventives System ist, so wir wollen gar nicht erst, dass ihr in die Situation gebracht werden,

01:26:15.901 --> 01:26:23.300
<v Tim Pritlove>in Kriminalität umzuschlagen, weil wir halt Incentives anbieten, dass ihr euch schon mal anders entwickelt.

01:26:23.301 --> 01:26:32.700
<v Tim Pritlove>Andererseits wird natürlich hier auch ein moralisches Gerüst bereit gestellt, was so eben nicht unbedingt auf jeden passt und was vielleicht irgendwann auch einfach nicht mehr mit der Zeit geht,

01:26:32.701 --> 01:26:36.700
<v Tim Pritlove>geschweige denn den individuellen Bedürfnissen des Einzelnen gerecht wird.

01:26:36.701 --> 01:26:44.000
<v Tim Pritlove>Also das Beispiel mit, du besuchst deine Großeltern gerne, ja okay, das klingt natürlich auf dem Papier erst mal total super,

01:26:44.001 --> 01:26:52.700
<v Tim Pritlove>aber wenn das halt irgendwie Großeltern sind, die irgendwie einen missbraucht oder sonst irgendwie in einer Form benachteiligt haben, wo hier Traumata existieren,

01:26:52.701 --> 01:27:02.700
<v Tim Pritlove>ist ja diese Bewertung mit, dieser Besuch ist positiv, vielleicht gar nicht so angemessen, weil unter Umständen Menschen da ein mentaler Schaden zugefügt wird,

01:27:02.701 --> 01:27:07.200
<v Tim Pritlove>um es nur jetzt in irgendeine Richtung zu ziehen

01:27:07.201 --> 01:27:13.200
<v Gerd Gigerenzer>Also die Frage, wie bewertet man das System, hängt natürlich davon ab, was man selber für Werte und Standpunkte hat.

01:27:13.201 --> 01:27:17.900
<v Gerd Gigerenzer>Meine chinesischen Freunde sind meistens dafür.

01:27:17.901 --> 01:27:25.100
<v Gerd Gigerenzer>Und die wenigen Umfragen, die es gibt, in China zeigen, dass die meisten Chinesen gar nichts wissen von dem System

01:27:25.101 --> 01:27:34.500
<v Gerd Gigerenzer>und dass diejenigen, die davon wissen, da sind etwa 80% ganz dafür, denn sie meinen, das schafft Gerechtigkeit.

01:27:34.501 --> 01:27:40.800
<v Gerd Gigerenzer>Die Guten werden belohnt, diejenigen, die die Gesetze verletzen, andere betrügen, werden bestraft.

01:27:40.801 --> 01:27:48.600
<v Gerd Gigerenzer>Und zum ersten Mal kann man sozusagen den Betrüger noch während seiner Tat ertappen.

01:27:48.601 --> 01:28:02.000
<v Gerd Gigerenzer>Wir haben eine Untersuchung in Deutschland durchgeführt gerade mit Ergo und die Frage gestellt, ob die Deutschen ein System möchten,

01:28:02.001 --> 01:28:21.600
<v Gerd Gigerenzer>wo man, ohne jetzt China zu nennen, wo man mit digitalen Mitteln einen Score für jede Person erhält über dein soziales, politisches, kriminelles Verhalten, den ganzen digitalen Fingerabdruck.

01:28:21.601 --> 01:28:27.600
<v Gerd Gigerenzer>20% der Deutschen sind inzwischen dafür.

01:28:27.601 --> 01:28:33.700
<v Gerd Gigerenzer>Wir hatten vor einem Jahr eine andere Untersuchung, da waren es noch weniger als 10%.

01:28:33.701 --> 01:28:38.900
<v Gerd Gigerenzer>Wenn man die vergleichen kann, wäre das auch in Deutschland ein Anstieg.

01:28:38.501 --> 01:28:47.500
<v Gerd Gigerenzer>Richtig. Gut. Und auf der anderen Seite muss man sagen, was mich wirklich beunruhigt ist folgendes:

01:28:38.901 --> 01:28:38.500
<v Tim Pritlove>Hundert Prozent.

01:28:47.501 --> 01:28:59.800
<v Gerd Gigerenzer>dass wir, obwohl die meisten Deutschen eine Bauchreaktion dagegen haben, dennoch bereit sind, ihre eigenen Daten jetzt nicht dem Staat, aber Firmen zur Verfügung stellen,

01:28:59.801 --> 01:29:02.600
<v Gerd Gigerenzer>nur um kleine Vorteile zu bekommen.

01:29:02.601 --> 01:29:09.700
<v Gerd Gigerenzer>Das heißt, zum Beispiel nicht zu bezahlen für Facebook und nicht zu bezahlen für Google.

01:29:09.701 --> 01:29:18.100
<v Gerd Gigerenzer>Und wenig Ängste haben oder auch wirklich bereit sind, nichts zu bezahlen für ihre Privatheit.

01:29:18.101 --> 01:29:28.600
<v Gerd Gigerenzer>Und damit verhalten sie sich sehr sehr ähnlich wie all die Chinesen, die für dieses soziale Kreditsystem sind.

01:29:28.601 --> 01:29:36.800
<v Gerd Gigerenzer>Wobei man sogar noch sagen könnte, dass es bei uns im Wesentlichen um Bequemlichkeit und nicht zahlen wollen geht,

01:29:36.801 --> 01:29:54.300
<v Gerd Gigerenzer>während die meisten Chinesen hier größere Werte haben, nämlich die Moral einer Gesellschaft, Korruptionsbekämpfung und natürlich auch staatliche Kontrolle.

01:29:54.301 --> 01:29:58.100
<v Tim Pritlove>Das wird sich zeigen.

01:29:58.101 --> 01:30:04.600
<v Tim Pritlove>Ich meine, es gibt sicherlich auch eine Gegenbewegung, gerade was jetzt die Wahrnehmung von Privatsphäre, deren Bedeutung, betrifft,

01:30:04.601 --> 01:30:15.500
<v Tim Pritlove>hier gibt es auch Leute, die mit der Schufa schon negative Begegnungen hatten und einen niedrigen Score erhalten haben, ohne dass in irgendeiner Form jemand erklären kann,

01:30:15.501 --> 01:30:24.300
<v Tim Pritlove>warum denn das jetzt so ist, also weder die Person selbst noch die Schufa, die ja eben dann zur Dokumentation der Algorithmen eben auch nicht bereit ist.

01:30:24.301 --> 01:30:29.600
<v Tim Pritlove>Ist auch die Frage, ob man überhaupt ein System akzeptieren sollte, in dem die Regeln nicht klar sind.

01:30:29.601 --> 01:30:37.500
<v Tim Pritlove>Weil wenn die Regeln festgelegt werden von einem Algorithmus, dieser aber nicht erklärt wird, lebt man ja nach Regeln, die man nicht kennt.

01:30:37.501 --> 01:30:47.200
<v Tim Pritlove>Das ist ja im Prinzip so eine kafkaeske Situation, wo einem immer irgendwie gesagt wird, das geht jetzt nicht und später, kann ich dir aber nicht erklären warum.

01:30:47.201 --> 01:30:58.200
<v Tim Pritlove>Das ist ja so fast so eine Gefängnissituation, in der man irgendwie die ganze Zeit eine Beschränkung erhält, aber eigentlich überhaupt die Regeln gar nicht mehr kennt,

01:30:58.201 --> 01:31:04.600
<v Tim Pritlove>nach denen man hier reglementiert wird.

01:31:04.601 --> 01:31:12.000
<v Tim Pritlove>Und das entspricht zumindest jetzt nicht unbedingt meiner Vorstellung einer freien Gesellschaft.

01:31:12.001 --> 01:31:20.100
<v Tim Pritlove>Und die andere Frage ist, würde man aber diese Regeln transparent machen, wären diese Algorithmen klar, wären die Kriterien vielleicht auch einfach und nachvollziehbar,

01:31:20.101 --> 01:31:34.600
<v Tim Pritlove>wie Sie das vorhin ja gefordert haben, um irgendwie gute Entscheidungen fällen zu können, kann das System denn dann überhaupt dem Cheating des Systems sozusagen entgehen?

01:31:34.601 --> 01:31:43.600
<v Tim Pritlove>Also kann ein offen dokumentiertes System überhaupt so resilient sein, dass es nicht die ganze Zeit von seinen Teilnehmern ausgetrickst wird?

01:31:43.601 --> 01:31:44.600
<v Gerd Gigerenzer>Ich glaube das Gegenteil.

01:31:44.601 --> 01:32:03.500
<v Gerd Gigerenzer>Wenn wir den Mut hätten, die großen Firmen dazu zu zwingen, transparent zu sein, dann hätten wir weniger Gefahr mit Überwachung und unbekannter Überwachung

01:32:03.501 --> 01:32:04.500
<v Gerd Gigerenzer>und ähnlichen Problemen.

01:32:04.501 --> 01:32:17.000
<v Gerd Gigerenzer>Hier sind zwei ganz konkrete Vorschläge, im Gutachten des Sachverständigenrats für Verbraucherfragen haben Gerd Wagner und ich die Meinung vertreten,

01:32:17.001 --> 01:32:27.100
<v Gerd Gigerenzer>dass alle Firmen, einschließlich Schufa, die sensitive Scores machen, also Gesundheit, Bonität und andere Dinge, die man in Deutschland noch nicht hat,

01:32:27.101 --> 01:32:34.500
<v Gerd Gigerenzer>aber auch kommen können, wie zum Beispiel diese Vorhersagen der Wahrscheinlichkeit, dass Sie ein Verbrechen begehen,

01:32:34.501 --> 01:32:40.300
<v Gerd Gigerenzer>dass alle diese ihre Algorithmen offen legen müssen.

01:32:40.301 --> 01:32:49.300
<v Gerd Gigerenzer>Das heißt, nicht den Sourcecode, den versteht Ottonormalverbraucher nicht, sondern die Variablen, die eingehen und ihre Gewichte.

01:32:49.301 --> 01:32:55.200
<v Gerd Gigerenzer>Das ist in Deutschland noch nicht umgesetzt worden.

01:32:55.201 --> 01:32:56.000
<v Gerd Gigerenzer>Das könnte man.

01:32:56.001 --> 01:33:00.400
<v Gerd Gigerenzer>Das Gegenargument ist, ja Geschäftsgeheimnis.

01:33:00.401 --> 01:33:13.500
<v Gerd Gigerenzer>Und mein Argument ist, hier muss der Staat auch den Mut haben, die Interessen der Bürger über diese Geschäftsgeheimnisse zu stellen.

01:33:13.501 --> 01:33:21.000
<v Gerd Gigerenzer>Und es gibt ja auch Scoring-Methoden wie zum Beispiel von den Krankenkassen, wo der Algorithmus vollkommen offengelegt wird.

01:33:21.001 --> 01:33:29.900
<v Gerd Gigerenzer>Genauso von den Telematikversicherern, von KfZ-Versicherungen, da weiß jeder, welche Merkmale da beachtet werden.

01:33:29.901 --> 01:33:31.600
<v Tim Pritlove>Schadensfreiheitsklassen etc.

01:33:31.601 --> 01:33:34.400
<v Gerd Gigerenzer>Was die Gewichtung ist, ja.

01:33:34.401 --> 01:33:41.500
<v Gerd Gigerenzer>Und das ist überhaupt keine Gefahr für ein großartiges Geschäftsgeheimnisdenken.

01:33:41.501 --> 01:33:47.300
<v Gerd Gigerenzer>Das ist das eine und eine zweite Sache, die man auch hier umsetzen könnte, sin die allgemeinen Geschäftsbedingungen.

01:33:47.301 --> 01:33:59.100
<v Gerd Gigerenzer>Nun, wir wissen, dass die meisten Menschen nur noch anklicken, stimme zu, weil was sie erwarten können ist ein ewig langer vielleicht zehn Seiten Text,

01:33:59.101 --> 01:34:08.100
<v Gerd Gigerenzer>der zum Teil auch unverständlich ist und der nicht so geschrieben ist, dass der Bürger überhaupt verstehen kann.

01:34:08.101 --> 01:34:19.700
<v Gerd Gigerenzer>Und wenn sich der Bürger Zeit nimmt, dann kann man ausrechnen, dass Sie also Stunden jeden Tag verbringen müssten, um wirklich zu verstehen bei jeder allgemeinen Geschäftsbedingung,

01:34:19.701 --> 01:34:25.000
<v Gerd Gigerenzer>die jemand, der auf dem Internet sehr weit unterwegs ist, das durchzulesen und zu verstehen.

01:34:25.001 --> 01:34:41.800
<v Gerd Gigerenzer>Hier ist unser Vorschlag, der auch im Sachverständigenrat nachlesbar ist, dass alle allgemeinen Geschäftsbedingungen nicht länger als 500 Wörter sein dürfen, also eine DIN A4 Seite

01:34:41.801 --> 01:34:52.300
<v Gerd Gigerenzer>und in verständlichen, nicht nur transparent, sondern verständlichen Worten beschreiben, wo die Daten hingehen und wo sie verwertet werden.

01:34:52.301 --> 01:34:57.100
<v Gerd Gigerenzer>Auch das ist noch nicht umgesetzt worden, aber das sind Dinge, die wir angreifen könnten.

01:34:57.101 --> 01:35:10.800
<v Gerd Gigerenzer>Und wenn wir wirklich etwas tun möchten, um die Privatheit des Menschen hier in Europa oder in Deutschland zu schützen.

01:35:10.801 --> 01:35:21.900
<v Tim Pritlove>Ja, Herr Gigerenzer, ich glaube, jetzt haben wir Ihr Feld der Risikoforschung zumindest im Ansatz ganz gut abgesteckt.

01:35:21.901 --> 01:35:29.600
<v Tim Pritlove>Gibt es noch so eine Schlussfolgerung, die Sie dem noch nachstellen möchten?

01:35:29.601 --> 01:35:40.900
<v Gerd Gigerenzer>In einer Demokratie braucht man informierte Bürger, sonst wird es keine funktionierende Demokratie sein.

01:35:40.901 --> 01:35:54.900
<v Gerd Gigerenzer>Zu guter Information reicht es nicht aus zu wissen, was man im Internet suchen kann, sondern man muss denken, mitdenken und die Information bewerten.

01:35:54.901 --> 01:36:06.300
<v Gerd Gigerenzer>Und diese Fähigkeiten nenne ich Risikokompetenz, abschätzen was sind die Risiken, was sind die Möglichkeiten von den Technologien, mit denen wir es zu tun haben.

01:36:06.301 --> 01:36:23.600
<v Gerd Gigerenzer>Und wir sollten anfangen, das in der Schule zu lernen, also dass Kinder spielerisch lernen, mit den Risiken von Gesundheit, von Finanzen und auch von der digitalen Welt umzugehen.

01:36:23.601 --> 01:36:37.500
<v Gerd Gigerenzer>Und mit digitaler Risikokompetenz meine ich nicht die Fähigkeit ein Handy zu bedienen, sondern darüber zu wissen, was es mit einem macht.

01:36:37.501 --> 01:36:46.700
<v Gerd Gigerenzer>Und auch die Fähigkeit, die Kontrolle über ein digitales Medium wieder selber in die Hand zu bekommen und nicht durch das Medium kontrolliert zu werden.

01:36:46.701 --> 01:37:02.100
<v Gerd Gigerenzer>Und in diesem Sinne denke ich, dass die große Aufgabe der Zukunft ist, nicht nur bessere Algorithmen zu entwickeln, sondern in Menschen zu investieren,

01:37:02.101 --> 01:37:08.600
<v Gerd Gigerenzer>damit sei kompetent und entspannt mit den Risiken einer digitalen Welt lernen umzugehen.

01:37:08.601 --> 01:37:11.900
<v Tim Pritlove>Und um die richtigen Entscheidungen für sich zu treffen.

01:37:11.901 --> 01:37:15.000
<v Tim Pritlove>Herr Gigerenzer, vielen Dank für die Ausführungen.

01:37:15.001 --> 01:37:17.300
<v Gerd Gigerenzer>Es war mir eine Freude.

01:37:17.301 --> 01:37:20.200
<v Tim Pritlove>Und vielen Dank fürs Zuhören hier bei Forschergeist.

01:37:20.201 --> 01:37:23.500
<v Tim Pritlove>Das war es für heute, bald geht es wieder weiter.

01:37:23.501 --> 01:37:26.300
<v Tim Pritlove>Ich sage, tschüss und bis bald.
