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NOTE
Podcast: Forschergeist
Episode: FG058 Fischerei
Publishing Date: 2018-06-05T23:35:33+02:00
Podcast URL: https://forschergeist.de
Episode URL: https://forschergeist.de/podcast/fg058-fischerei/

00:00:43.101 --> 00:00:48.400
<v Tim Pritlove>Hallo und herzlich willkommen zu Forschergeist, dem Podcast des Stifterverbands für die deutsche Wissenschaft.

00:00:48.401 --> 00:00:55.100
<v Tim Pritlove>Mein Name ist Tim Pritlove und ich begrüße alle hier zur Ausgabe 58 unserer Gesprächsreihe

00:00:55.101 --> 00:00:59.100
<v Tim Pritlove>über Wissenschaft und alles, was die Wissenschaft tangiert.

00:00:59.101 --> 00:01:04.700
<v Tim Pritlove>Und heute hat es mich mal in den hohen Norden verschlagen.

00:01:04.701 --> 00:01:10.200
<v Tim Pritlove>Konkret nach Rostock und noch ein wenig konkreter hier in den Hafenbereich,

00:01:10.201 --> 00:01:16.300
<v Tim Pritlove>und zwar zum Thün-Institut für Ostseefischerei.

00:01:16.301 --> 00:01:20.600
<v Tim Pritlove>Und begrüße meinen Gesprächspartner für heute, nämlich Christopher Zimmermann, schönen guten Tag.

00:01:20.601 --> 00:01:22.100
<v Christopher Zimmermann>Guten Tag.

00:01:22.101 --> 00:01:27.900
<v Tim Pritlove>Herr Zimmermann, Sie sind der Leiter des Thün-Instituts.

00:01:27.901 --> 00:01:30.200
<v Tim Pritlove>Wie lange gibt es das schon?

00:01:30.201 --> 00:01:36.100
<v Christopher Zimmermann>Das Thün-Institut als Gesamtorganisation gibt es seit 2008.

00:01:36.101 --> 00:01:43.100
<v Christopher Zimmermann>Und es wurde gegründet als Zusammenschluss aus Teilen der alten Forschungsanstalt für Landwirtschaft in Braunschweig.

00:01:43.101 --> 00:01:45.400
<v Christopher Zimmermann>Da sitzt auch unsere Zentrale nach wie vor.

00:01:45.401 --> 00:01:51.100
<v Christopher Zimmermann>Der Bundesforschungsanstalt für Forst und Holz in Hamburg-Bergedorf

00:01:51.101 --> 00:01:54.900
<v Christopher Zimmermann>und der Bundesforschungsanstalt für Fischerei mit einer Reihe von Fachinstituten.

00:01:54.901 --> 00:01:59.500
<v Christopher Zimmermann>Und wir waren vorher ein Fachinstitut der Bundesforschungsanstalt für Fischerei.

00:01:59.501 --> 00:02:04.700
<v Christopher Zimmermann>Und sind jetzt eben ein Fachinstitut des großen Thün-Instituts, das aus 14 Fachinstituten besteht.

00:02:04.701 --> 00:02:07.000
<v Tim Pritlove>Wer ist jetzt der eigentliche Träger?

00:02:07.001 --> 00:02:10.600
<v Christopher Zimmermann>Finanziert wird das Ganze vom Bundeslandwirtschaftsministerium.

00:02:10.601 --> 00:02:14.600
<v Christopher Zimmermann>Wir sind eine Ressortforschungseinrichtung, also eine Forschungseinrichtung,

00:02:14.601 --> 00:02:19.100
<v Christopher Zimmermann>die dem BML, also dem Ernährungs- und Landwirtschaftsministerium unterstellt ist

00:02:19.101 --> 00:02:21.600
<v Christopher Zimmermann>und unserer Grundfinanzierung kommt aus der Bundesregierung.

00:02:21.601 --> 00:02:24.700
<v Tim Pritlove>Die Grundfinanzierung, aber das ist nicht die einzige Quelle?

00:02:24.701 --> 00:02:28.500
<v Christopher Zimmermann>Das ist nicht die einzige Quelle, wir haben inzwischen, also in der Fischerei wenigstens,

00:02:28.501 --> 00:02:33.600
<v Christopher Zimmermann>ungefähr 40-50% drittmittelfinanzierte oder Drittmittelfinanzierung.

00:02:33.601 --> 00:02:39.900
<v Christopher Zimmermann>Also vor allen Dingen Stellen kommen mit so einem ganz großen Anteil aus dem europäischen Haushalt.

00:02:39.901 --> 00:02:44.200
<v Tim Pritlove>Ach so, also jetzt nicht von … sind jetzt keine Forschungsaufträge von Firmen oder so,

00:02:44.201 --> 00:02:47.600
<v Tim Pritlove>wie man das so aus der normalen Universitätsbranche kennt?

00:02:47.601 --> 00:02:51.200
<v Christopher Zimmermann>Ganz wenig Firmen, wir haben tatsächlich eine Mitarbeiterin,

00:02:51.201 --> 00:02:56.100
<v Christopher Zimmermann>die aus Firmengeldern, also vor allen Dingen aus Verbandsgeldern finanziert wird,

00:02:56.101 --> 00:02:59.200
<v Christopher Zimmermann>aber im Wesentlichen ist es genau wie bei Universitäten.

00:02:59.201 --> 00:03:05.000
<v Christopher Zimmermann>Wir haben Projekte des BMBF, des Bundesforschungsministeriums.

00:03:05.001 --> 00:03:09.400
<v Christopher Zimmermann>Wir haben sehr wenig DFG-Projekte, weil die DFG die Ressortforschung nicht besonders gerne finanziert.

00:03:09.401 --> 00:03:13.200
<v Christopher Zimmermann>Aber unser größter Batzen sind eben tatsächlich EU-Forschungsmittel,

00:03:13.201 --> 00:03:16.300
<v Christopher Zimmermann>und das können einerseits reine Forschungsmittel sein,

00:03:16.301 --> 00:03:20.900
<v Christopher Zimmermann>also im Horizon2020-Programm ausgegebene Mittel.

00:03:20.901 --> 00:03:25.500
<v Christopher Zimmermann>Das sind dann in der Regel so 3 Millionen Euro internationale Verbundprojekte.

00:03:25.501 --> 00:03:28.900
<v Christopher Zimmermann>Wir haben aber auch Zugriff zu den sogenannten EMFF-Mitteln,

00:03:28.901 --> 00:03:32.800
<v Christopher Zimmermann>zu den Mitteln des europäischen maritimen und Fischereifond.

00:03:32.801 --> 00:03:38.800
<v Christopher Zimmermann>Und über diesen Fond zahlt die europäische Union vor allen Dingen die Datenerhebung aus der Fischerei.

00:03:38.801 --> 00:03:42.100
<v Christopher Zimmermann>Das haben die irgendwann gegründet, 2002 war das glaube ich,

00:03:42.101 --> 00:03:48.500
<v Christopher Zimmermann>um sicherzustellen, dass die Nationen nicht einfach nur auf Good Will Daten sammeln aus der Fischerei

00:03:48.501 --> 00:03:52.400
<v Christopher Zimmermann>und über die Fischbestände im Meer, sondern dass das wirklich verstetigt wird

00:03:52.401 --> 00:03:55.900
<v Christopher Zimmermann>und verlässlich erhoben wird, auch nach den gleichen Standards.

00:03:55.901 --> 00:04:00.900
<v Christopher Zimmermann>Und ich habe hier am Institut inzwischen glaube ich 15 Mitarbeiter,

00:04:00.901 --> 00:04:06.500
<v Christopher Zimmermann>die dauerhaft aus EMFF, also aus den europäischen Mitteln bezahlt werden.

00:04:06.501 --> 00:04:11.300
<v Tim Pritlove>Bevor wir vielleicht zu den Themen des Instituts und auch Ihren Themen kommen,

00:04:11.301 --> 00:04:18.400
<v Tim Pritlove>würde mich natürlich mal interessieren, wie so Ihr eigener Werdegang eigentlich gewesen ist.

00:04:18.401 --> 00:04:22.500
<v Tim Pritlove>Wie kommt man denn, was war das denn für ein Verlauf?

00:04:22.501 --> 00:04:25.600
<v Christopher Zimmermann>Ja das war eigentlich ein ungeplanter Verlauf.

00:04:25.601 --> 00:04:31.200
<v Christopher Zimmermann>Ich habe in Kiel schon Abitur gemacht und habe mich für Biologie und für Grafik interessiert.

00:04:31.201 --> 00:04:35.000
<v Christopher Zimmermann>Bin an der Grafikhochschule nicht genommen worden oder wenigstens nicht sofort.

00:04:35.001 --> 00:04:39.300
<v Christopher Zimmermann>Habe dann angefangen, nach dem Zivildienst Biologie zu studieren

00:04:39.301 --> 00:04:44.200
<v Christopher Zimmermann>und gleich das erste Semester war sehr faszinierend, hatte viel mit zeichnen zu tun

00:04:44.201 --> 00:04:47.400
<v Christopher Zimmermann>und Schnippelkurs haben wir das genannt, also mit Tieren einfach und die sezieren

00:04:47.401 --> 00:04:50.400
<v Christopher Zimmermann>und zu lernen, wie das funktioniert und so bin ich am Ende …

00:04:50.401 --> 00:04:53.200
<v Tim Pritlove>Aber wie kommt man denn von Grafik zu Biologie?

00:04:53.201 --> 00:04:54.400
<v Christopher Zimmermann>Ja das waren so meine beiden Leidenschaften.

00:04:54.401 --> 00:04:56.800
<v Christopher Zimmermann>Ich habe schon Kunstleistungskurs und Biologieleistungskurs gemacht

00:04:56.801 --> 00:04:58.500
<v Christopher Zimmermann>und konnte mich immer nicht recht entscheiden.

00:04:58.501 --> 00:05:04.300
<v Christopher Zimmermann>Und als ich mich dann entschieden hatte, bin ich bei dieser Grafikerschule von 300 Bewerbungen unter die letzten 20 gekommen,

00:05:04.301 --> 00:05:06.200
<v Christopher Zimmermann>aber es wurden nur 12 genommen.

00:05:06.201 --> 00:05:09.500
<v Christopher Zimmermann>Und dann haben die mich beruhigt und gesagt, versuche es mal nächstes Jahr nochmal,

00:05:09.501 --> 00:05:10.800
<v Christopher Zimmermann>da gibt es dann Wartezeiten.

00:05:10.801 --> 00:05:13.500
<v Christopher Zimmermann>Und in dieser Wartezeit habe ich angefangen Biologie zu studieren.

00:05:13.501 --> 00:05:16.800
<v Christopher Zimmermann>Und das hat so viel Spaß gemacht, dass ich gesagt habe, das mache ich jetzt erst mal weiter.

00:05:16.801 --> 00:05:24.200
<v Christopher Zimmermann>Bin dann auch dabei geblieben und dann konnte man wenigstens damals in Kiel nicht im Ernst Biologie studieren,

00:05:24.201 --> 00:05:26.300
<v Christopher Zimmermann>ohne in die Meeresforschung reinzugucken.

00:05:26.301 --> 00:05:28.500
<v Christopher Zimmermann>Und auch das war wieder ausgesprochen spannend.

00:05:28.501 --> 00:05:33.900
<v Christopher Zimmermann>Und am Ende bin ich über Umwege, weil ich einfach immer nur das gemacht habe,

00:05:33.901 --> 00:05:37.800
<v Christopher Zimmermann>wofür ich gebrannt habe, was mir wirklich Spaß gemacht hat, in der Polarforschung gelandet.

00:05:37.801 --> 00:05:44.000
<v Christopher Zimmermann>Bin drei Monate mit Polarstern in die Antarktis gefahren und musste dafür meine Diplomarbeit in der Antarktis machen.

00:05:44.001 --> 00:05:46.100
<v Christopher Zimmermann>Und der einzige freie Platz war sozusagen in der Fischerei.

00:05:46.101 --> 00:05:50.100
<v Christopher Zimmermann>Bis dahin hat mich Fischereibiologie nie interessiert, fand ich immer total langweilig.

00:05:50.101 --> 00:05:53.500
<v Christopher Zimmermann>Aber für eine dreimonatige Reise in die Antarktis war ich auch bereit,

00:05:53.501 --> 00:05:55.900
<v Christopher Zimmermann>meine Diplomarbeit in der Fischerei zu machen.

00:05:55.901 --> 00:05:58.200
<v Tim Pritlove>Das ist ja eine einmalige Gelegenheit oder?

00:05:58.201 --> 00:06:02.600
<v Christopher Zimmermann>Eigentlich schon, genau, das muss man einfach wahrnehmen als frischer Absolvent sozusagen.

00:06:02.601 --> 00:06:07.300
<v Tim Pritlove>Ja, also ist das jetzt so die Regel, dass da so Studenten einfach mitgenommen werden?

00:06:07.301 --> 00:06:11.000
<v Tim Pritlove>Oder was für eine Konstellation hat sich da ausgespielt?

00:06:11.001 --> 00:06:13.700
<v Christopher Zimmermann>Ja, ich glaube, ich habe an der richtigen Stelle gesagt, das interessiert mich sehr.

00:06:13.701 --> 00:06:20.900
<v Christopher Zimmermann>Und dann fiel jemand aus, den konnte ich ersetzen und der war halt Mitglied einer zweiköpfigen Fischereigruppe.

00:06:20.901 --> 00:06:26.400
<v Christopher Zimmermann>Sind 100 Leute an Bord, davon 60-65 Wissenschaftler, auf dieser sehr sehr langen Reise.

00:06:26.401 --> 00:06:28.700
<v Christopher Zimmermann>Einer fiel aus, musste ersetzt werden und das war ein Fischkopp.

00:06:28.701 --> 00:06:31.500
<v Christopher Zimmermann>Und deswegen war klar, wenn du was mit Fisch machst, kannst du da mit.

00:06:31.501 --> 00:06:36.000
<v Christopher Zimmermann>Das ist eher ungewöhnlich, bezahlt wurde gar nichts, war aber auch egal.

00:06:36.001 --> 00:06:38.800
<v Christopher Zimmermann>Das Abenteuer allein war gut genug.

00:06:38.801 --> 00:06:40.400
<v Christopher Zimmermann>Und so bin ich am Ende da hängengeblieben.

00:06:40.401 --> 00:06:44.400
<v Christopher Zimmermann>Nichts hat geklappt, also das, was wir uns vorgenommen hatten für meine Diplomarbeit,

00:06:44.401 --> 00:06:49.200
<v Christopher Zimmermann>hat nicht funktioniert, weil wir im Eis eingeschlossen wurden und dann da über Wochen nicht raus kamen

00:06:49.201 --> 00:06:52.600
<v Christopher Zimmermann>und da nicht fischen konnten, wo wir fischen wollten, aber am Ende ist alles gut geworden,

00:06:52.601 --> 00:06:54.300
<v Christopher Zimmermann>wie eigentlich immer.

00:06:54.301 --> 00:06:56.600
<v Tim Pritlove>Wow, wie lange ist man denn da unterwegs?

00:06:56.601 --> 00:06:58.800
<v Tim Pritlove>Das interessiert mich ja jetzt doch.

00:06:58.801 --> 00:07:02.900
<v Christopher Zimmermann>Das war eine Reise, also das ist unterschiedlich, aber in der Antarktis in der Regel

00:07:02.901 --> 00:07:06.400
<v Christopher Zimmermann>mit dem Forschungsschiff, wenn man von Südamerika oder von Südafrika aus startet,

00:07:06.401 --> 00:07:10.500
<v Christopher Zimmermann>ungefähr 8 Wochen und das war eine dreimonatige Reise von Kapstadt nach Kapstadt.

00:07:10.501 --> 00:07:14.400
<v Tim Pritlove>Also 8 Wochen insgesamt jetzt unterwegs, aber ich meine, wie lange fährt man,

00:07:14.401 --> 00:07:18.700
<v Tim Pritlove>bis man überhaupt das Gefühl hat, man ist jetzt auch da angekommen, wo man hin will?

00:07:18.701 --> 00:07:21.700
<v Christopher Zimmermann>So ungefähr 10 Tage, also von Kapstadt aus sind es 10 Tage.

00:07:21.701 --> 00:07:28.900
<v Christopher Zimmermann>Von Ushuaia von der Südspitze Südamerikas aus sind es in der Regel nur 4 oder 5 Tage.

00:07:28.901 --> 00:07:31.000
<v Tim Pritlove>Und wie ist das dann so da? Also ich kann mir das ja …

00:07:31.001 --> 00:07:31.900
<v Christopher Zimmermann>Unglaublich spannend.

00:07:31.901 --> 00:07:33.100
<v Tim Pritlove>Kalt.

00:07:33.101 --> 00:07:38.700
<v Christopher Zimmermann>Ja kalt auch, das ist nun Sommer, also es ist nicht kälter, als es bei uns im Winter ist.

00:07:38.701 --> 00:07:41.800
<v Christopher Zimmermann>Aber es ist unfassbar einsam, muss man ehrlich sagen.

00:07:41.801 --> 00:07:46.000
<v Christopher Zimmermann>Die nächste Zivilisation ist halt drei Wochen weg und es gibt alles an Tieren,

00:07:46.001 --> 00:07:50.400
<v Christopher Zimmermann>was man so aus dem Fernsehen kennt und das Licht ist unbeschreiblich,

00:07:50.401 --> 00:07:54.300
<v Christopher Zimmermann>das ist eigentlich das, was mich am allermeisten fasziniert hat.

00:07:54.101 --> 00:07:55.700
<v Christopher Zimmermann>Das Licht genau.

00:07:54.301 --> 00:07:54.100
<v Tim Pritlove>Das Licht?

00:07:55.701 --> 00:07:56.700
<v Tim Pritlove>Was ist denn mit dem Licht?

00:07:56.701 --> 00:08:01.500
<v Christopher Zimmermann>Ja das ist schwer zu beschreiben, es ist anders als hier, es ist rein.

00:08:01.501 --> 00:08:04.300
<v Christopher Zimmermann>Es ist unglaublich, also die Antarktis ist einfach was besonderes.

00:08:04.301 --> 00:08:10.600
<v Christopher Zimmermann>Und dann das Licht ist dauernd an natürlich, weil man sich ja in den hohen Breiten befindet.

00:08:10.601 --> 00:08:15.400
<v Christopher Zimmermann>Und naja dann bewegt man sich auf so einem 100 Meter langen Eisberg.

00:08:15.401 --> 00:08:17.300
<v Tim Pritlove>Ist da eigentlich Wolkenbildung?

00:08:17.301 --> 00:08:18.000
<v Christopher Zimmermann>Klar, gibt es alles.

00:08:18.001 --> 00:08:21.000
<v Tim Pritlove>Also es ist eigentlich nicht anders als hier oder?

00:08:21.001 --> 00:08:22.200
<v Christopher Zimmermann>Eigentlich ist es nicht anders als hier.

00:08:22.201 --> 00:08:25.200
<v Christopher Zimmermann>Es gibt in der Regel stabile Hochdruckwetterlagen dann im Sommer.

00:08:25.201 --> 00:08:29.900
<v Christopher Zimmermann>Also das Wetter ist eigentlich gut, in meiner Erinnerung wenigstens hat überwiegend die Sonne geschienen,

00:08:29.901 --> 00:08:35.900
<v Christopher Zimmermann>aber es gibt natürlich auch ganz andere Bedingungen, wo man dann einen Schneesturm hat und die Hand vor Augen nicht sieht.

00:08:35.901 --> 00:08:38.800
<v Tim Pritlove>Was ist denn mit dem Licht? Das interessiert mich ja jetzt doch.

00:08:38.801 --> 00:08:40.300
<v Tim Pritlove>Wie kann man denn das fassen?

00:08:40.301 --> 00:08:47.100
<v Christopher Zimmermann>Es ist anders, es ist irgendwie klarer, es ist sauberer, es ist so ein bisschen überirdisch.

00:08:47.101 --> 00:08:50.200
<v Tim Pritlove>Hat das jetzt schon was mit Reflexion von Eismassen zu tun?

00:08:50.201 --> 00:08:55.700
<v Christopher Zimmermann>Wahrscheinlich. Also wir arbeiten dann in der unmittelbaren Nähe dieser Schelfeise,

00:08:55.701 --> 00:08:58.700
<v Christopher Zimmermann>also dieser schwimmenden Eismassen, die 300 Meter dick sind,

00:08:58.701 --> 00:09:02.800
<v Christopher Zimmermann>das sind im Grunde aufschwimmende Gletscher.

00:09:02.801 --> 00:09:06.000
<v Christopher Zimmermann>Und das Meereis kommt dazu, in der Hochantarktis dann auch im Sommer,

00:09:06.001 --> 00:09:10.200
<v Christopher Zimmermann>deswegen ist dieser Forschungseisbrecher ein Eisbrecher, um da überhaupt durchzukommen.

00:09:10.201 --> 00:09:11.500
<v Christopher Zimmermann>Schwer zu beschreiben.

00:09:11.501 --> 00:09:14.800
<v Christopher Zimmermann>Ich war zwei Jahre später auf der amerikanischen McMurdo-Station,

00:09:14.801 --> 00:09:21.000
<v Christopher Zimmermann>die war im Grunde eine amerikanische Kleinstadt mit all dem üblichen Dreck und wie man sich das so vorstellt.

00:09:21.001 --> 00:09:26.000
<v Christopher Zimmermann>Und trotzdem in dem Moment, wo man raus war aus der Station, war das Licht wieder so, wie ich das vom Polarstern kannte.

00:09:26.001 --> 00:09:28.900
<v Christopher Zimmermann>Und sehr berührend.

00:09:28.901 --> 00:09:31.500
<v Tim Pritlove>Okay.

00:09:31.501 --> 00:09:34.800
<v Tim Pritlove>Das hat dann sozusagen den Ausschlag gegeben, sich den Fischen zuzuwenden?

00:09:34.801 --> 00:09:38.400
<v Christopher Zimmermann>Genau. Und wie das halt so ist, es ist reine Elfenbeinturmforschung.

00:09:38.401 --> 00:09:43.100
<v Christopher Zimmermann>Es gab auf der ganzen Welt vielleicht 70 Leute, die verstanden haben, was ich machte

00:09:43.101 --> 00:09:47.700
<v Christopher Zimmermann>und 15 Leute, die das wirklich interessierte, die traf man dann auch dauernd.

00:09:47.701 --> 00:09:54.700
<v Christopher Zimmermann>Aber so nach der ersten Postdoc-Periode, also ich habe da auch meine Doktorarbeit gemacht in dem Bereich,

00:09:54.701 --> 00:09:58.700
<v Christopher Zimmermann>dann vergleichen Nordpolar, Südpolar, aber nach der ersten Postdoc-Periode war klar,

00:09:58.701 --> 00:10:02.500
<v Christopher Zimmermann>das geht nicht ewig so weiter, das verschlankt sich einfach zu sehr nach oben.

00:10:02.501 --> 00:10:06.300
<v Christopher Zimmermann>Und dann habe ich das Angebot bekommen, mit Fisch weiterzumachen, aber eben angewandt.

00:10:06.301 --> 00:10:11.400
<v Christopher Zimmermann>Mein Doktorvater war damals Leiter der Bundesforschungsanstalt für Fischerei

00:10:11.401 --> 00:10:14.800
<v Christopher Zimmermann>und er hat gesagt, wenn ich mir vorstellen könnte, das Metier zu wechseln,

00:10:14.801 --> 00:10:16.400
<v Christopher Zimmermann>dann hätte er da was für mich.

00:10:16.401 --> 00:10:21.000
<v Christopher Zimmermann>Und gleich nach einem halben Jahr war das im Grunde so wie beim Biologiestudium.

00:10:21.001 --> 00:10:23.400
<v Christopher Zimmermann>Das erste halbe Jahr war das entscheidende, es war sehr sehr spannend.

00:10:23.401 --> 00:10:27.700
<v Christopher Zimmermann>Ich merkte, dass in diesem Fall die Öffentlichkeit oder die Fischerei darauf brennt,

00:10:27.701 --> 00:10:32.600
<v Christopher Zimmermann>diese Ergebnisse aus unseren Bestandsberechnungen in diesem Fall zu erfahren.

00:10:32.601 --> 00:10:36.000
<v Christopher Zimmermann>Und das war was völlig anderes als vorher, wo es wie gesagt 15 Leute gab,

00:10:36.001 --> 00:10:39.900
<v Christopher Zimmermann>die sich wirklich interessierten dafür, was ich machte, und hier gab es hunderte von Leuten,

00:10:39.901 --> 00:10:43.400
<v Christopher Zimmermann>die sich interessieren für unsere Ergebnisse möglichst aktuell.

00:10:43.401 --> 00:10:47.200
<v Christopher Zimmermann>Und auch das hat wieder so viel Spaß gemacht, dass ich einfach dabei geblieben bin.

00:10:47.201 --> 00:10:51.600
<v Christopher Zimmermann>Und dann in Hamburg in dem Institut für Seefischerei, was jetzt auch zum Thün-Institut gehört,

00:10:51.601 --> 00:10:55.500
<v Christopher Zimmermann>gearbeitet habe, da irgendwann Leiter der pelagischen Arbeitsgruppe wurde,

00:10:55.501 --> 00:11:02.000
<v Christopher Zimmermann>also der Arbeitsgruppe, die sich mit kleinen Schwarmfischen, Makrelen und Heringen und Sprotten und so weiter beschäftigte,

00:11:02.001 --> 00:11:06.600
<v Christopher Zimmermann>war da lange zuständig für die Akustik-Serways, also für die Forschungsreisen,

00:11:06.601 --> 00:11:10.300
<v Christopher Zimmermann>mit denen wir diesen Fischen nachstellen für die Bestandsberechnung,

00:11:10.301 --> 00:11:13.000
<v Christopher Zimmermann>dann im Rahmen des internationalen Rates für Meeresforschung.

00:11:13.001 --> 00:11:18.300
<v Christopher Zimmermann>Und dann zunehmend auch für die Politikempfehlung, die da rauskommt aus unseren Ergebnissen.

00:11:18.301 --> 00:11:28.700
<v Christopher Zimmermann>Und 2005 bin ich nach Rostock gekommen, bin hier stellvertretender Leiter des damals noch Instituts für Ostseefischerei der Bundesforschungsanstalt für Fischerei geworden.

00:11:28.701 --> 00:11:33.300
<v Christopher Zimmermann>Und seit 2013 bin ich Leiter der Einrichtung.

00:11:33.301 --> 00:11:42.200
<v Tim Pritlove>Es gab dann auch noch ein Engagement oder gibt es noch an der Universität Rostock,

00:11:42.201 --> 00:11:43.600
<v Tim Pritlove>ist das damit direkt verbunden?

00:11:43.601 --> 00:11:48.000
<v Christopher Zimmermann>Ja, das ist insofern damit verbunden, als wir zunehmend feststellen,

00:11:48.001 --> 00:11:53.700
<v Christopher Zimmermann>dass wir eigentlich mehr offene Stellen haben als wir qualifiziertes Personal finden.

00:11:53.701 --> 00:11:59.200
<v Christopher Zimmermann>Fischereibiologie ist im Grunde eine Grenzdisziplin zwischen der reinen Biologie,

00:11:59.201 --> 00:12:03.200
<v Christopher Zimmermann>es gibt viele gute Biologen, gerade gut Feldbiologen, die das ganz toll finden,

00:12:03.201 --> 00:12:06.800
<v Christopher Zimmermann>rauszufahren und Fische zu suchen oder Fische zu analysieren und so weiter.

00:12:06.801 --> 00:12:11.200
<v Christopher Zimmermann>Aber was wir brauchen ist ein hohes Maß an Mathematik und Statistik,

00:12:11.201 --> 00:12:14.500
<v Christopher Zimmermann>um am Ende die Fischbestände berechnen zu können.

00:12:14.501 --> 00:12:17.200
<v Christopher Zimmermann>Und da wird es dann schnell dünn.

00:12:17.201 --> 00:12:21.600
<v Christopher Zimmermann>Die Leute, die sich mit Mathematik und Statistik gut auskennen, die interessieren sich wenig für Lebewesen,

00:12:21.601 --> 00:12:28.200
<v Christopher Zimmermann>und die Feldbiologen sozusagen haben meistens eine Schwäche auf der statistischen Seite.

00:12:28.201 --> 00:12:32.100
<v Christopher Zimmermann>Und wir haben irgendwann festgestellt, dass wir die Ausbildung einfach selber betreiben müssen,

00:12:32.101 --> 00:12:35.600
<v Christopher Zimmermann>um gute Leute eben für Doktorandenstellen zum Beispiel zu finden.

00:12:35.601 --> 00:12:40.000
<v Christopher Zimmermann>Und das war so der Punkt, wo wir angefangen haben, uns in die Lehre intensiver mit einzubringen.

00:12:40.001 --> 00:12:48.800
<v Christopher Zimmermann>Und wir machen seit letzten Jahr ein eigenes Modul sogar, ein Modul angewandte Fischereibiologie im Studiengang integrative Zoologie an der Uni Rostock.

00:12:48.801 --> 00:12:53.600
<v Christopher Zimmermann>Wir sind schon seit vielen Jahren über den Aquakultur-Studiengang mit der Uni verbunden,

00:12:53.601 --> 00:12:59.200
<v Christopher Zimmermann>aber das ist ein kleineres Engagement sozusagen, wo wir einzelne Vorlesungen oder einzelne Blöcke übernehmen,

00:12:59.201 --> 00:13:02.200
<v Christopher Zimmermann>aber kein ganzes Modul haben.

00:13:02.201 --> 00:13:03.400
<v Tim Pritlove>Und das funktioniert dann auch?

00:13:03.401 --> 00:13:05.400
<v Christopher Zimmermann>Das funktioniert gut.

00:13:05.401 --> 00:13:07.000
<v Christopher Zimmermann>Wir feilen an den Formaten noch.

00:13:07.001 --> 00:13:10.600
<v Christopher Zimmermann>Wir wollen gerne, … wir machen das ja sozusagen nebenher.

00:13:10.601 --> 00:13:15.000
<v Christopher Zimmermann>Unser Auftraggeber, das Bundeslandwirtschaftsministerium, fördert das in keiner Weise.

00:13:15.001 --> 00:13:18.900
<v Christopher Zimmermann>Wir machen das also im Grunde im Nebenamt bis zu einer gewissen Grenze.

00:13:18.901 --> 00:13:21.400
<v Christopher Zimmermann>Alles, was darüber hinausgeht, machen wir in unserer Freizeit.

00:13:21.401 --> 00:13:26.000
<v Christopher Zimmermann>Und ich möchte gerne möglichst viele Mitarbeiter des Hauses auch einbinden,

00:13:26.001 --> 00:13:33.200
<v Christopher Zimmermann>weil die dann Studenten kennenlernen, die dann in ihren Abteilungen jeweils Abschlussarbeiten oder sogar Promotionen anfertigen können.

00:13:33.201 --> 00:13:37.200
<v Christopher Zimmermann>Und wir sind alle gerade in der Hauptsaison, die jetzt ist, sehr sehr viel unterwegs,

00:13:37.201 --> 00:13:39.300
<v Christopher Zimmermann>insofern müssen wir an dem Format so ein bisschen feilen.

00:13:39.301 --> 00:13:43.200
<v Christopher Zimmermann>Wir haben im Grunde so eine Art Ringvorlesung für zwei Semester eingerichtet,

00:13:43.201 --> 00:13:48.900
<v Christopher Zimmermann>wo die Fachleute über ihren Bereich den Studenten was berichten können.

00:13:48.901 --> 00:13:52.100
<v Christopher Zimmermann>Das ist logistisch ein bisschen aufwendig, weil das immer so halbe Tage sind

00:13:52.101 --> 00:13:56.000
<v Christopher Zimmermann>oder hier mal zwei Stunden, da mal zwei Stunden und dann gibt es ganze Blockkurse,

00:13:56.001 --> 00:14:03.600
<v Christopher Zimmermann>wo wir versuchen, die Studenten mit auf unsere Schiffe zu nehmen, weil das für einen Meeresforscher natürlich das Highlight ist rauszufahren einfach.

00:14:03.601 --> 00:14:07.300
<v Tim Pritlove>Na ich denke mir, dass das eh so für die Studierenden natürlich eine super Gelegenheit ist,

00:14:07.301 --> 00:14:12.900
<v Tim Pritlove>auch einfach mal so einen Praxisbezug zu bekommen, den ja ein Studium jetzt nicht unbedingt immer automatisch mitbringt.

00:14:12.901 --> 00:14:15.900
<v Christopher Zimmermann>Ganz genau, und Schiffszeiten sind unfassbar teuer, die meisten Schiffe.

00:14:15.901 --> 00:14:22.300
<v Christopher Zimmermann>Es gibt einen Schiffspool der deutschen Forschungsschiffe, die sind überwiegend über Jahre ausgebucht,

00:14:22.301 --> 00:14:25.400
<v Christopher Zimmermann>auch für studentische Ausbildung, aber eben über Jahre ausgebucht.

00:14:25.401 --> 00:14:31.100
<v Christopher Zimmermann>Und wir haben das große Glück, dass wir Ressortforschungseinrichtung über drei Schiffe verfügen,

00:14:31.101 --> 00:14:33.400
<v Christopher Zimmermann>die wir relativ frei einsetzen können.

00:14:33.401 --> 00:14:35.900
<v Christopher Zimmermann>Da gibt es also im Moment wenigstens wenig Konkurrenz.

00:14:35.901 --> 00:14:41.600
<v Christopher Zimmermann>Und wir bemühen uns, jede freie Minute dann auch extern anzubieten, um die Schiffe wirklich in Fahrt zu halten,

00:14:41.601 --> 00:14:43.400
<v Christopher Zimmermann>weil wir wissen, wie teuer die sind.

00:14:43.401 --> 00:14:44.500
<v Christopher Zimmermann>Aber wir nutzen sie eben auch.

00:14:44.501 --> 00:14:49.200
<v Christopher Zimmermann>Jedes dieser Schiffe ist ungefähr 260-270 Tage im Jahr auf See.

00:14:49.201 --> 00:14:51.200
<v Tim Pritlove>Wir reden jetzt von konkreten Forschungsschiffen?

00:14:51.201 --> 00:14:52.000
<v Christopher Zimmermann>Ja.

00:14:52.001 --> 00:14:54.500
<v Tim Pritlove>Was können die?

00:14:54.501 --> 00:14:59.500
<v Tim Pritlove>Also was unterscheidet die jetzt von anderen Forschungsschiffen vielleicht?

00:14:59.501 --> 00:15:03.200
<v Christopher Zimmermann>Also erst mal, Forschungsschiffe sind natürlich eine ganz wesentliche Plattform für die Meeresforschung,

00:15:03.201 --> 00:15:07.100
<v Christopher Zimmermann>weil wir als Landlebewesen irgendwas brauchen, womit wir aufs Meer fahren,

00:15:07.101 --> 00:15:10.600
<v Christopher Zimmermann>solange wir das nicht volldigitalisiert und ferngesteuert machen können.

00:15:10.601 --> 00:15:16.100
<v Christopher Zimmermann>Das wird vielleicht irgendwann passieren, aber da haben wir immer noch mindestens 30 oder 40 Jahre Zeit,

00:15:16.101 --> 00:15:20.000
<v Christopher Zimmermann>bis wir das sozusagen von Land mit dem Joystick machen können.

00:15:20.001 --> 00:15:24.100
<v Christopher Zimmermann>Unsere drei Forschungsschiffe sind spezialisierte Fischereiforschungsschiffe.

00:15:24.101 --> 00:15:26.100
<v Christopher Zimmermann>Wie der Name schon sagt, die können eben fischen.

00:15:26.101 --> 00:15:31.700
<v Christopher Zimmermann>Das können die allermeisten anderen Forschungsschiffe nicht, die meistens Mehrzweckforschungsschiffe sind.

00:15:31.701 --> 00:15:35.700
<v Christopher Zimmermann>Und für die Geologie Schwerelose einsetzen können oder kleine Netze ziehen.

00:15:35.701 --> 00:15:41.100
<v Christopher Zimmermann>Aber wirklich im sozusagen kommerziellen Maßstab verlässlich Fischfang,

00:15:41.101 --> 00:15:42.800
<v Christopher Zimmermann>dafür braucht man eine sehr spezielle Ausrüstung.

00:15:42.801 --> 00:15:46.200
<v Christopher Zimmermann>Das fängt an mit den Einrichtungen, um Fische zu detektieren,

00:15:46.201 --> 00:15:49.500
<v Christopher Zimmermann>also spezial Forschungsecholote, die sehr sehr aufwändig sind,

00:15:49.501 --> 00:15:52.500
<v Christopher Zimmermann>weil sie mit vielen verschiedenen Frequenzen ins Meer pingen,

00:15:52.501 --> 00:15:57.000
<v Christopher Zimmermann>um zu gucken, was für Fische da unten leben, wie groß die sind, wie schwer die sind.

00:15:57.001 --> 00:16:00.800
<v Christopher Zimmermann>Dann muss man die Fische fangen, trotz dieser akustischen Methoden.

00:16:00.801 --> 00:16:04.100
<v Christopher Zimmermann>Dafür braucht man zum Teil sehr sehr große Netze und Spezialwinden,

00:16:04.101 --> 00:16:06.500
<v Christopher Zimmermann>die die allermeisten anderen Forschungsschiffe nicht an Bord haben.

00:16:06.501 --> 00:16:11.100
<v Christopher Zimmermann>Und man den Fisch, der dann an Deck kommt, auch verarbeiten können.

00:16:11.101 --> 00:16:13.500
<v Christopher Zimmermann>Nicht jetzt für den menschlichen Konsum, sondern eben für die Forschung.

00:16:13.501 --> 00:16:16.600
<v Christopher Zimmermann>Aber auch dafür braucht man im Grunde ein spezielles Setup,

00:16:16.601 --> 00:16:20.400
<v Christopher Zimmermann>für das auf den allermeisten normalen Forschungsschiffen gar kein Platz wäre.

00:16:20.401 --> 00:16:27.200
<v Tim Pritlove>Also diese Schiffe ähneln in gewisser Hinsicht sehr viel mehr einem normalen Fischereiboot?

00:16:27.201 --> 00:16:27.400
<v Christopher Zimmermann>Von …

00:16:27.401 --> 00:16:29.600
<v Tim Pritlove>Plus weitere Einrichtungen?

00:16:29.601 --> 00:16:35.300
<v Christopher Zimmermann>Von der Fangkapazität her schon, aber normale Fischereifahrzeuge werden dann eben,

00:16:35.301 --> 00:16:39.200
<v Christopher Zimmermann>wenn die so die Größe unserer Schiffe haben, von zwischen 2 und 10 Leuten betrieben,

00:16:39.201 --> 00:16:43.100
<v Christopher Zimmermann>während bei uns schon auf das kleinste Schiff dann 4 Wissenschaftler passen.

00:16:43.101 --> 00:16:51.100
<v Christopher Zimmermann>Und das größte Forschungsschiff, was wir jetzt gerade ersetzen, wird am Ende dann Platz für 26 Wissenschaftler und 26 Mann Besatzung haben.

00:16:51.101 --> 00:16:59.300
<v Christopher Zimmermann>Das ist dann also vorne sozusagen Hotel, in der Mitte ist es voll mit hochtechnologisierten Laboren

00:16:59.301 --> 00:17:03.100
<v Christopher Zimmermann>und hinten ist es dann ein normales Fischereifahrzeug.

00:17:03.101 --> 00:17:04.500
<v Tim Pritlove>Nicht schlecht, drei in eins.

00:17:04.501 --> 00:17:05.400
<v Christopher Zimmermann>Genau.

00:17:05.401 --> 00:17:07.600
<v Tim Pritlove>Wie lange sind die dann unterwegs?

00:17:07.601 --> 00:17:12.300
<v Christopher Zimmermann>Na die längsten Reisen auf dem großen Forschungsschiff sind so in der Regel 7-8 Wochen ungefähr.

00:17:12.301 --> 00:17:14.100
<v Christopher Zimmermann>Das ist dann schon ziemlich lang.

00:17:14.101 --> 00:17:17.100
<v Christopher Zimmermann>Das mittlere Forschungsschiff hat eine Reichweite von etwas über drei Wochen.

00:17:17.101 --> 00:17:21.300
<v Christopher Zimmermann>Jetzt unsere Solea, die unser spezialisiertes Akustikschiff ist,

00:17:21.301 --> 00:17:26.700
<v Christopher Zimmermann>ist gerade in der Ostsee unterwegs, Anfang der Woche gestartet.

00:17:26.701 --> 00:17:30.500
<v Christopher Zimmermann>Und diese Reise dauert ungefähr 22 Tage.

00:17:30.501 --> 00:17:35.900
<v Tim Pritlove>Jetzt ist ja das Thün-Institut nicht nur ein Institut für die Fischereiforschung,

00:17:35.901 --> 00:17:41.600
<v Tim Pritlove>sondern es geht ja konkret um die Ostsee, also es gibt hier eine Spezialisierung oder sogar eine Festlegung.

00:17:41.601 --> 00:17:47.400
<v Tim Pritlove>Ist da nur die Ostsee im Fokus oder steht es nur im Vordergrund?

00:17:47.401 --> 00:17:50.900
<v Christopher Zimmermann>Na das Thün-Institut als Thün-Institut ist sogar noch viel weiter gefasst,

00:17:50.901 --> 00:17:57.100
<v Christopher Zimmermann>weil wir Ökonomieinstitute, Forst- und Holzinstitute, Landwirtschaftsinstitute und dann drei Fischereiinstitute haben.

00:17:57.101 --> 00:18:01.900
<v Christopher Zimmermann>Und diese drei Fischereiinstitute, das ist sozusagen die alte Bundesforschungsanstalt für Fischerei,

00:18:01.901 --> 00:18:05.300
<v Christopher Zimmermann>die beschäftigt sich mit Meeresfischerei im weitesten Sinne.

00:18:05.301 --> 00:18:10.200
<v Christopher Zimmermann>Und wir haben jetzt drei Institute, zwei in Bremerhaven, das Institut für Seefischerei,

00:18:10.201 --> 00:18:13.600
<v Christopher Zimmermann>was sich im Grunde mit dem Weltmeer und der Nordsee befasst,

00:18:13.601 --> 00:18:17.000
<v Christopher Zimmermann>aber darüber hinaus auch mit der Fischereiökonomie zum Beispiel.

00:18:17.001 --> 00:18:23.100
<v Christopher Zimmermann>Das Institut für Fischereiökologie, die machen viel Aquakultur, aber auch viel Schadstoffe im Meer und Aal.

00:18:23.101 --> 00:18:29.100
<v Christopher Zimmermann>Und wir sind das Institut für Ostseefischerei, also eins von 14 Thün-Instituten, ein Unterinstitut,

00:18:29.101 --> 00:18:33.000
<v Christopher Zimmermann>und unser geografischer Schwerpunkt liegt in der Tat auf der Ostsee,

00:18:33.001 --> 00:18:34.200
<v Christopher Zimmermann>das ist ziemlich einleuchtend.

00:18:34.201 --> 00:18:40.000
<v Christopher Zimmermann>Also wir kümmern uns um den Zustand der durch den Menschen genutzten nachwachsenden Ressourcen in der Ostsee,

00:18:40.001 --> 00:18:42.900
<v Christopher Zimmermann>aber darüber hinaus haben wir auch übergreifende Aufgaben.

00:18:42.901 --> 00:18:46.800
<v Christopher Zimmermann>Bei uns ist zum Beispiel die gesamte Fischerei und Serway-Technik angesiedelt.

00:18:46.801 --> 00:18:51.200
<v Christopher Zimmermann>Also wenn es darum geht, Netze nachhaltiger zu machen, meistens bedeutet das,

00:18:51.201 --> 00:18:54.700
<v Christopher Zimmermann>sie selektiver zu machen, also wir wollen nur das fangen oder wir wollen,

00:18:54.701 --> 00:18:58.600
<v Christopher Zimmermann>dass der Fischer nur das fängt, was er auch haben will und was er vermarkten kann,

00:18:58.601 --> 00:19:02.600
<v Christopher Zimmermann>dann ist das egal, ob Nord- oder Ostsee oder offener Nordatlantik, bei  uns beheimatet.

00:19:02.601 --> 00:19:07.900
<v Christopher Zimmermann>Oder wir sind zuständig für neue Politikkonzepte, wenn es irgendwie darum geht,

00:19:07.901 --> 00:19:12.300
<v Christopher Zimmermann>mal was ganz anders zu denken und zu sagen, so haben wir das die letzten 35 Jahre gemacht,

00:19:12.301 --> 00:19:16.400
<v Christopher Zimmermann>aber muss man das eigentlich so machen, kann man das nicht auch anders machen?

00:19:16.401 --> 00:19:19.500
<v Christopher Zimmermann>Dann ist das sozusagen in unserem Forschungsbereich.

00:19:19.501 --> 00:19:22.700
<v Christopher Zimmermann>Wenn es darum geht herauszufinden, wie ticken Fische eigentlich?

00:19:22.701 --> 00:19:27.400
<v Christopher Zimmermann>Was sind Anreize für die, die wir gerne schaffen wollen, damit Fischer sich so benehmen,

00:19:27.401 --> 00:19:31.900
<v Christopher Zimmermann>wie wir als Eigner der Ressource Meeresfisch das gerne haben wollen, dann ist das bei uns.

00:19:31.901 --> 00:19:37.300
<v Christopher Zimmermann>Und dazu zählt zum Beispiel Eco-Labeling, diese ganze Nachhaltigkeitszertifizierung von Fischereiprodukten,

00:19:37.301 --> 00:19:43.200
<v Christopher Zimmermann>da sitzen bundesweit die Experten im Wildfischbereich tatsächlich in meinem Institut.

00:19:43.201 --> 00:19:47.900
<v Tim Pritlove>Aber der Fokus liegt auf der Ostsee.

00:19:47.901 --> 00:19:52.400
<v Tim Pritlove>Jetzt ist ja die Ostsee ein ganz besonderes Meer.

00:19:52.401 --> 00:19:59.100
<v Tim Pritlove>Mir ist das selber, ich bin ja eigentlich nicht so ein Meeresmensch muss ich zugeben,

00:19:59.101 --> 00:20:06.400
<v Tim Pritlove>ich komme so ein bisschen aus dem Flachland und so, ich habe es mit der Küste genauso wenig wie mit den Bergen.

00:20:06.401 --> 00:20:12.200
<v Tim Pritlove>Vielleicht merke ich aber dadurch auch Dinge, die vielleicht banal sind, irgendwie auf eine andere Art und Weise.

00:20:12.201 --> 00:20:18.600
<v Tim Pritlove>Letztes Mal, als ich an der Ostsee war, ist mir wieder klar geworden, wie sehr der Name See irgendwie zutrifft,

00:20:18.601 --> 00:20:26.000
<v Tim Pritlove>weil im Vergleich zu den anderen Meeren kommt halt die Ostsee auch mehr wie so ein See rüber.

00:20:26.001 --> 00:20:31.200
<v Tim Pritlove>Nicht so mega salzig, irgendwie ruhiger, ist anders.

00:20:31.201 --> 00:20:39.900
<v Tim Pritlove>Inwiefern ist denn die Ostsee jetzt eine Besonderheit unter den Meeren und inwiefern hat das dann Einfluss hier auf die Arbeit?

00:20:39.901 --> 00:20:44.400
<v Christopher Zimmermann>Ja die Ostsee ist ein abgeschlossenes Randmeer erstens,

00:20:44.401 --> 00:20:49.500
<v Christopher Zimmermann>das heißt, sie hat keinen direkten Zustrom vom offenen Ozean, anders als die Nordsee,

00:20:49.501 --> 00:20:53.300
<v Christopher Zimmermann>wo der Golfstrom einfach durchgeht und dauernd für frisches Wasser sorgt.

00:20:53.301 --> 00:20:56.300
<v Christopher Zimmermann>Es ist abgeschlossen, es ist ein sehr junges Meer.

00:20:56.301 --> 00:20:59.300
<v Christopher Zimmermann>Die Ostsee selbst, so wie wir sie jetzt kennen, ist nur ungefähr 8.000 Jahre alt.

00:20:59.301 --> 00:21:04.400
<v Christopher Zimmermann>Bis dahin war sie tatsächlich ein Süßwassersee, der einen Abfluss in die Nordsee hatte,

00:21:04.401 --> 00:21:08.900
<v Christopher Zimmermann>aber diese Verbindung zwischen Nordsee und Ostsee ist erst vor ungefähr 8.000 Jahren aufgebrochen.

00:21:08.901 --> 00:21:13.500
<v Christopher Zimmermann>Und erst seitdem gibt es hier überhaupt Salzwasser, weil das nämlich von der Nordsee reingekommen ist.

00:21:13.501 --> 00:21:16.900
<v Christopher Zimmermann>Die Ostsee selbst hat keine eigenen Salzlagerstätten, das heißt,

00:21:16.901 --> 00:21:22.900
<v Christopher Zimmermann>sie würde immer weiter aussüßen, sie wäre im Grunde am Ende ein See,

00:21:22.901 --> 00:21:25.900
<v Christopher Zimmermann>wenn nicht gelegentlich Salzwasser aus der Nordsee reingedrückt würde.

00:21:25.901 --> 00:21:30.300
<v Christopher Zimmermann>Dafür braucht man bestimmte Wetterlagen und das ist wieder ein ganz spannendes Thema,

00:21:30.301 --> 00:21:33.200
<v Christopher Zimmermann>weil diese Wetterlagen in den letzten Jahren immer weniger geworden sind

00:21:33.201 --> 00:21:37.100
<v Christopher Zimmermann>und die Ostsee dadurch tatsächlich immer süßer wurde, wenigstens an der Oberfläche.

00:21:37.101 --> 00:21:43.800
<v Christopher Zimmermann>Denn salziges Wasser ist schwerer als süßes Wasser, und deswegen setzt sich das salzige Wasser in der Tiefe ab.

00:21:43.801 --> 00:21:49.700
<v Christopher Zimmermann>Die Ostsee ist eine Abfolge dieser Becken mit einer sehr flachen Schwelle zwischen der dänische Insel zur Nordsee.

00:21:49.701 --> 00:21:55.900
<v Christopher Zimmermann>Und alles, was an salzhaltigem, aber eben auch sauerstoffreichem Wasser in die Ostsee rein soll,

00:21:55.901 --> 00:21:57.900
<v Christopher Zimmermann>um die tiefen Becken zu belüften, muss aus der Nordsee kommen.

00:21:57.901 --> 00:22:04.500
<v Christopher Zimmermann>Und wenn das ausbleibt, dann bleibt das Salz zwar im Wasser, aber der Sauerstoffgehalt in den tiefen Becken wird immer weniger

00:22:04.501 --> 00:22:09.600
<v Christopher Zimmermann>und dadurch haben wir in der Ostsee massive Probleme mit diesen großen sogenannten Todeszonen.

00:22:09.601 --> 00:22:13.600
<v Christopher Zimmermann>Das hören wir nicht so gerne, weil es natürlich andere Organismen gibt,

00:22:13.601 --> 00:22:16.300
<v Christopher Zimmermann>Schwefelbakterien oder so was, denen das überhaupt nichts ausmacht

00:22:16.301 --> 00:22:19.200
<v Christopher Zimmermann>und die mit mehr Sauerstoff eher größere Probleme hätten.

00:22:19.201 --> 00:22:26.800
<v Christopher Zimmermann>Aber für uns Menschen sind Gebiete mit einem hohen Schwefelwasserstoffgehalt einfach lebensfeindlich.

00:22:26.801 --> 00:22:31.400
<v Christopher Zimmermann>Und für Seesäuger und eben auch für die von uns genutzten Fische auch.

00:22:31.401 --> 00:22:33.900
<v Christopher Zimmermann>Deswegen ist die Ostsee ein besonderes Meer.

00:22:33.901 --> 00:22:39.400
<v Christopher Zimmermann>Das, was wir reinkippen, bleibt sehr sehr lange drin, angefangen von Giften,

00:22:39.401 --> 00:22:45.200
<v Christopher Zimmermann>die zum Teil Schwermetalle oder so was, die zum Teil aus der Schwerindustrie oder aus dem Kohlebergbau kommen oder so was,

00:22:45.201 --> 00:22:50.800
<v Christopher Zimmermann>das passiert schon seit 70-80 Jahren nicht mehr, und dennoch sind diese Gifte alle immer noch nachweisbar,

00:22:50.801 --> 00:22:54.900
<v Christopher Zimmermann>aber noch viel mehr mit Nährstoffeinträgen aus der Landwirtschaft, aus dem Verkehr,

00:22:54.901 --> 00:22:57.600
<v Christopher Zimmermann>aus der öffentlichen Versorgung und so weiter.

00:22:57.601 --> 00:23:01.700
<v Christopher Zimmermann>Alles, was in die Ostsee reinkommt, bleibt da erst mal und es dauert viele viele Jahre,

00:23:01.701 --> 00:23:07.200
<v Christopher Zimmermann>bis das wieder rausgeht oder sich verbessert.

00:23:07.201 --> 00:23:14.400
<v Tim Pritlove>Das heißt, die Ostsee verdient sich ihren Namen, es ist eigentlich so ein gescheiterter See?

00:23:14.401 --> 00:23:20.000
<v Tim Pritlove>In gewisser Hinsicht so. Aber mir war das gar nicht so klar, dass das noch gar nicht so lange her ist,

00:23:20.001 --> 00:23:21.600
<v Tim Pritlove>8.000 Jahre ist ja quasi nix.

00:23:21.601 --> 00:23:24.900
<v Christopher Zimmermann>Das ist nix, in geologischen Zeiträumen ist das nix.

00:23:24.901 --> 00:23:30.900
<v Tim Pritlove>Und aber dieser Zustrom ist schon permanent oder hängt das auch so von irgendwelchen Zyklen ab,

00:23:30.901 --> 00:23:34.400
<v Tim Pritlove>wie viel Salzwasser da jetzt wirklich eingetragen wird?

00:23:34.401 --> 00:23:38.800
<v Christopher Zimmermann>Das hängt mit Sicherheit von irgendwas ab, aber wovon genau das abhängt, wissen wir leider nicht genau.

00:23:38.801 --> 00:23:45.700
<v Christopher Zimmermann>Wir wissen, was wir für einen Mechanismus brauchen, schon deshalb weil wir den alle Jahre mal wieder beobachten können.

00:23:45.701 --> 00:23:54.400
<v Christopher Zimmermann>Der letzte starke Salzwassereinstrom war Nikolaus 2015 und Anfang 2016 gab es weitere starke Salzwassereinströme.

00:23:54.401 --> 00:23:56.700
<v Christopher Zimmermann>Dafür braucht man eine bestimmte Wetterlage.

00:23:56.701 --> 00:23:59.800
<v Christopher Zimmermann>Man braucht starken Ostwind, der die Ostsee sozusagen leer pustet.

00:23:59.801 --> 00:24:03.300
<v Christopher Zimmermann>Denn im Regelfall ist der Wasserstand in der Ostsee ein bisschen höher als in der Nordsee.

00:24:03.301 --> 00:24:10.200
<v Christopher Zimmermann>Das heißt, das Süßwasser aus den Flüssen fließt in die Ostsee und dann irgendwann durch die Beltsee und durch die Belte,

00:24:10.201 --> 00:24:13.600
<v Christopher Zimmermann>also den dänischen Inseln vorbei in die Nordsee.

00:24:13.601 --> 00:24:16.700
<v Christopher Zimmermann>Und man braucht starken Ostwind, der die Ostsee leer pustet,

00:24:16.701 --> 00:24:19.800
<v Christopher Zimmermann>dann ist das Gefälle genau andersrum und dann muss der Wind um 180 Grad drehen

00:24:19.801 --> 00:24:24.500
<v Christopher Zimmermann>und man braucht starken Wind aus westlichen Richtungen, der dann das salzige Nordseewasser reindrückt.

00:24:24.501 --> 00:24:29.200
<v Christopher Zimmermann>Und wenn das gelingt, dann strömt das Salzwasser sozusagen, wenn es mal durch die Belte durch ist,

00:24:29.201 --> 00:24:33.000
<v Christopher Zimmermann>am Boden, weil es so schwer ist, von einem Becken zum anderen.

00:24:33.001 --> 00:24:36.200
<v Christopher Zimmermann>Füllt das nächste Becken, also das Arkonabecken in diesem Fall,

00:24:36.201 --> 00:24:41.700
<v Christopher Zimmermann>westlich von Bornholm auf und wenn eine bestimmte Höhe erreicht ist unter dem Meer,

00:24:41.701 --> 00:24:44.400
<v Christopher Zimmermann>dann strömt es über in das Bornholmbecken und füllt das auf.

00:24:44.401 --> 00:24:48.900
<v Christopher Zimmermann>Und wenn der Salzwassereinstrom immer noch anhält, dann strömt es über in das Gotlandbecken zum Beispiel.

00:24:48.901 --> 00:24:51.700
<v Christopher Zimmermann>Und das passiert dann schon sehr sehr selten.

00:24:51.701 --> 00:24:59.100
<v Christopher Zimmermann>Das ist wiederum wichtig für unsere Fischfauna, also für das, was uns als Thün-Institut für Ostseefischerei besonders interessiert,

00:24:59.101 --> 00:25:04.500
<v Christopher Zimmermann>weil die Fischfauna der Ostsee besteht aus menschlicher Sicht im Wesentlichen aus fünf Arten,

00:25:04.501 --> 00:25:06.000
<v Christopher Zimmermann>die kommerziell genutzt werden können.

00:25:06.001 --> 00:25:10.000
<v Christopher Zimmermann>Es gibt natürlich ein paar mehr Arten, viele Süßwasserarten darunter im Küstengebiet,

00:25:10.001 --> 00:25:17.400
<v Christopher Zimmermann>aber 95% der Erträge, der Fischerträge aus der Ostsee sind fünf Salzwasserfischarten,

00:25:17.401 --> 00:25:20.700
<v Christopher Zimmermann>die einfach aus der Nordsee eingewandert sind

00:25:20.701 --> 00:25:23.300
<v Christopher Zimmermann>und im Grunde nach wie vor angepasst sind an salziges Wasser.

00:25:23.301 --> 00:25:27.800
<v Christopher Zimmermann>Wenn also viel salziges und sauerstoffreiches Wasser da ist, geht es den Beständen gut.

00:25:27.801 --> 00:25:31.700
<v Christopher Zimmermann>Wenn das nicht mehr da ist, weil dieser Zustrom ausbleibt, weil die Wetterlage sich geändert hat,

00:25:31.701 --> 00:25:34.500
<v Christopher Zimmermann>dann geht es denen nicht mehr so gut.

00:25:34.501 --> 00:25:42.200
<v Christopher Zimmermann>Und während wir sagen, dass in den allermeisten Gebieten der Welt die Fischerei als direkte menschliche Nutzung den wesentlichen Einfluss auf den Zustand von Fischbeständen hat,

00:25:42.201 --> 00:25:47.900
<v Christopher Zimmermann>ist es in der Ostsee eher 50/50, also ungefähr 50% sind direkter menschlicher Einfluss durch Fischerei,

00:25:47.901 --> 00:25:51.700
<v Christopher Zimmermann>50% sind die Umweltbedingungen, die sehr sehr variabel sind.

00:25:51.701 --> 00:25:55.000
<v Tim Pritlove>Das heißt, so vor 8.000 Jahren gab es keinen dieser Fische?

00:25:55.001 --> 00:25:57.800
<v Christopher Zimmermann>Genau, da gab es so ein paar Süßwasserfische.

00:25:57.801 --> 00:25:58.800
<v Tim Pritlove>Aber nicht in den Mengen?

00:25:58.801 --> 00:26:05.200
<v Christopher Zimmermann>Wahrscheinlich nicht in den Mengen, weil viele Salzwasserfische deutlich produktiver sind als Süßwasserfische.

00:26:05.201 --> 00:26:06.200
<v Tim Pritlove>Warum?

00:26:06.201 --> 00:26:10.400
<v Christopher Zimmermann>Keine Ahnung, gute Frage.

00:26:10.401 --> 00:26:10.900
<v Tim Pritlove>Die sind irgendwie umtriebiger?

00:26:10.901 --> 00:26:11.700
<v Christopher Zimmermann>Ja, die sind irgendwie umtriebiger.

00:26:11.701 --> 00:26:13.100
<v Tim Pritlove>Salz scheint zu helfen...

00:26:13.101 --> 00:26:13.800
<v Christopher Zimmermann>Genau

00:26:13.801 --> 00:26:18.000
<v Tim Pritlove>Aha, okay. Macht man sich ja nicht so klar.

00:26:18.001 --> 00:26:20.500
<v Tim Pritlove>Was sind denn diese fünf Fische, Fischarten?

00:26:20.501 --> 00:26:25.500
<v Christopher Zimmermann>Das ist von der Menge angefangen Hering mit großem Abstand und Sprotte.

00:26:25.501 --> 00:26:28.700
<v Christopher Zimmermann>Das sind so die beiden, also kleine Schwarmfischbestände, das sind die,

00:26:28.701 --> 00:26:33.700
<v Christopher Zimmermann>die die allermeiste Biomasse ausmachen und dann auch jetzt die allermeisten Anlandungen ausmachen.

00:26:33.701 --> 00:26:39.400
<v Christopher Zimmermann>Dann gibt es Dorsch ganz prominent, als einziges wesentlichen Weißfisch sozusagen,

00:26:39.401 --> 00:26:46.200
<v Christopher Zimmermann>der vor allen Dingen für die südlichen Anrainer, also für Dänemark, Deutschland und Polen für die Fischerei besondere Bedeutung hat.

00:26:46.201 --> 00:26:50.600
<v Christopher Zimmermann>Es gibt eine Reihe von Plattfischen, ungefähr 3-4 verschiedene Arten.

00:26:50.601 --> 00:26:55.200
<v Christopher Zimmermann>Ganz zum salzigen Teil hin, also zu den dänischen Inseln hin, gibt es noch Seezungen.

00:26:55.201 --> 00:26:57.600
<v Christopher Zimmermann>Dann gibt es bei uns vor der Küste Scholle.

00:26:57.601 --> 00:27:02.200
<v Christopher Zimmermann>Es gibt relativ viel Flunder und Kliesche, ab und zu ein bisschen Steinbutt,

00:27:02.201 --> 00:27:03.700
<v Christopher Zimmermann>aber in sehr geringen Dichten.

00:27:03.701 --> 00:27:08.200
<v Christopher Zimmermann>Also das sind so ein paar Arten, die wir mehr so unter diverse Plattfische summieren.

00:27:08.201 --> 00:27:14.700
<v Christopher Zimmermann>All diese Arten werden immer seltener, je weiter ich nach Osten und nach Norden dann in den bottnischen Meerbusen komme.

00:27:14.701 --> 00:27:20.100
<v Christopher Zimmermann>Und nördlich der Olandinseln, die also die Südgrenze des bottnischen Meerbusen beschreiben,

00:27:20.101 --> 00:27:23.900
<v Christopher Zimmermann>nördlich dieser Inseln haben wir im Grunde nur noch Heringe und ein kleines bisschen Sprotte.

00:27:23.901 --> 00:27:29.600
<v Christopher Zimmermann>Alle anderen Fische schaffen es physiologisch nicht mehr, da zu leben oder wenigstens sich fortzupflanzen.

00:27:29.601 --> 00:27:33.000
<v Christopher Zimmermann>Also die könnte man da vielleicht noch hin geleiten, die wären lebensfähig,

00:27:33.001 --> 00:27:35.000
<v Christopher Zimmermann>aber sie wären eben nicht fortpflanzungsfähig.

00:27:35.001 --> 00:27:36.600
<v Christopher Zimmermann>Ein Hering kann das.

00:27:36.601 --> 00:27:42.900
<v Tim Pritlove>Das heißt, die Konzentration der Fischerei in der Ostsee liegt auch eher im westlichen Bereich, kann man das so sagen?

00:27:42.901 --> 00:27:46.900
<v Christopher Zimmermann>Was die Diversität angeht, ja, da ist im östlichen Bereich sehr …

00:27:46.901 --> 00:27:50.100
<v Christopher Zimmermann>Also der östliche Bereich ist viel größer als der westliche Bereich, das muss man dazu sagen.

00:27:50.101 --> 00:27:54.100
<v Christopher Zimmermann>Deswegen sind es im westlichen Bereich überwiegend, also in der westlichen Ostsee,

00:27:54.101 --> 00:27:59.200
<v Christopher Zimmermann>westlich von Bornholm bis zur Nordkante der dänischen Inseln, sind es überwiegend kleine Fischereien,

00:27:59.201 --> 00:28:02.700
<v Christopher Zimmermann>während größere Fischereifahrzeuge, die dann aber in der Regel Schwarmfischfänger sind,

00:28:02.701 --> 00:28:05.000
<v Christopher Zimmermann>auch in der östlichen Ostsee operieren können.

00:28:05.001 --> 00:28:11.600
<v Christopher Zimmermann>Also wenn man sich nur die Mengen anguckt, kommt tatsächlich mehr Fischbiomasse in den Anlandungen aus der östlichen Ostsee,

00:28:11.601 --> 00:28:16.300
<v Christopher Zimmermann>aber wenn man das pro Quadratmeter Fläche auf den Quadratmeter Fläche bezieht,

00:28:16.301 --> 00:28:19.900
<v Christopher Zimmermann>dann ist der Westen deutlich produktiver.

00:28:19.901 --> 00:28:21.400
<v Tim Pritlove>Aber der Osten, also ich meine wie zählt man denn das?

00:28:21.401 --> 00:28:28.400
<v Tim Pritlove>Ich meine, die Ostsee geht ja extrem weit nach oben nach Schweden.

00:28:28.401 --> 00:28:30.600
<v Tim Pritlove>Also der Westteil ist ja eigentlich kleiner als der Ostteil?

00:28:30.601 --> 00:28:31.800
<v Christopher Zimmermann>Genau, der Westteil ist viel kleiner.

00:28:31.801 --> 00:28:36.000
<v Christopher Zimmermann>Man sagt, die westliche Ostsee ist der Bereich, der südlich an das Kattegat anschließt.

00:28:36.001 --> 00:28:42.700
<v Christopher Zimmermann>Also wenn man von der Nordsee kommt, und dann um Skagen, um Jütland durch die norwegische Rinne durchgeht,

00:28:42.701 --> 00:28:46.300
<v Christopher Zimmermann>dann kommt erst das Skagerrak, dann kommt das Kattegat bis zu den dänischen Inseln

00:28:46.301 --> 00:28:50.900
<v Christopher Zimmermann>und alles südlich der dänischen Inseln, bis ungefähr Bornholm, ist die westliche Ostsee

00:28:50.901 --> 00:28:55.700
<v Christopher Zimmermann>und alles östlich von Bornholm ist die östliche Ostsee, die man dann wieder in die zentrale Ostsee,

00:28:55.701 --> 00:29:00.800
<v Christopher Zimmermann>den Golf von Riga, den finnischen Meerbusen und den bottnischen Meerbusen unterteilt.

00:29:00.801 --> 00:29:04.200
<v Tim Pritlove>Schafft es das Salz denn überhaupt bis ganz in den Osten?

00:29:04.201 --> 00:29:06.800
<v Christopher Zimmermann>In den letzten 30 Jahren eben nicht mehr.

00:29:06.801 --> 00:29:09.100
<v Christopher Zimmermann>Da braucht man sehr sehr starke Einstromereignisse.

00:29:09.101 --> 00:29:14.600
<v Christopher Zimmermann>Und der letzte sehr starke Einstrom wie gesagt aus dem Herbst 2015 …

00:29:14.601 --> 00:29:16.100
<v Tim Pritlove>Vor ein paar Jahren.

00:29:16.101 --> 00:29:19.100
<v Christopher Zimmermann>der hat es bis in das Gotlandbecken geschafft, da kann man ihn nachweisen,

00:29:19.101 --> 00:29:23.600
<v Christopher Zimmermann>aber der hat auch da nicht dazu geführt, dass das Gotlandbecken jetzt gut belüftet wäre

00:29:23.601 --> 00:29:26.700
<v Christopher Zimmermann>oder aufgefüllt mit frischem Wasser, also mit salzhaltigem frischen Wasser.

00:29:26.701 --> 00:29:28.900
<v Tim Pritlove>Das heißt, dass man auch diese Fischarten dort nicht findet?

00:29:28.901 --> 00:29:32.800
<v Christopher Zimmermann>Genau, da oben gibt es keinen Dorsch, da gibt es keine Plattfische.

00:29:32.801 --> 00:29:37.600
<v Christopher Zimmermann>Das hört dann auf ein paar hundert Meilen östlich von Bornholm.

00:29:37.601 --> 00:29:38.700
<v Tim Pritlove>Das heißt, das wird auch nicht so aktiv befischt?

00:29:38.701 --> 00:29:43.100
<v Christopher Zimmermann>Also auf diese Fischarten gar nicht befischt, weil es die ja nicht gibt.

00:29:43.101 --> 00:29:45.700
<v Tim Pritlove>Na ist klar, aber es gibt auch sonst nicht so viel, was man jetzt fischen könnte?

00:29:45.701 --> 00:29:49.400
<v Christopher Zimmermann>Ja doch, es gibt dann eine Lachsfischerei, das ist eine sehr wertvolle Fischerei, die weniger erträgt

00:29:49.401 --> 00:29:53.200
<v Christopher Zimmermann>und es gibt wie gesagt eine sehr vitale Schwarmfischfischerei.

00:29:53.201 --> 00:29:56.900
<v Christopher Zimmermann>Denn Heringe und Sprotten die leben da auch, die haben sogar ihren Verbreitungsschwerpunkt da.

00:29:56.901 --> 00:30:01.700
<v Christopher Zimmermann>Also es gibt letztlich mehr Hering und vor allen Dingen mehr Sprotte zwischen den Olands,

00:30:01.701 --> 00:30:06.700
<v Christopher Zimmermann>also zwischen dem finnischen Meerbusen und der zentralen Ostsee, als es in der westlichen Ostsee gibt.

00:30:06.701 --> 00:30:12.400
<v Tim Pritlove>Okay. Sind gut unterwegs die Heringe.

00:30:12.401 --> 00:30:19.500
<v Tim Pritlove>Wie hat sich denn diese Fischerei so entwickelt?

00:30:19.501 --> 00:30:22.400
<v Tim Pritlove>Ich meine, wir haben jetzt diese ganze Diskussion um die Fischerei.

00:30:22.401 --> 00:30:33.600
<v Tim Pritlove>Ist ja immer von, oh es wird viel zu viel gefischt, die Fischbestände sinken und man muss das jetzt entsprechend reduzieren.

00:30:33.601 --> 00:30:38.000
<v Tim Pritlove>Also die Fischerei ist ja an sich ein politischer Diskussionspunkt,

00:30:38.001 --> 00:30:43.800
<v Tim Pritlove>was sozusagen diese gesamte Ernährungsdebatte der Menschheit betrifft.

00:30:43.801 --> 00:30:45.500
<v Tim Pritlove>Wie hat sich denn das entwickelt?

00:30:45.501 --> 00:30:50.100
<v Tim Pritlove>Ich meine, wenn das jetzt alles auch erst seit ein paar tausend Jahren existiert,

00:30:50.101 --> 00:30:56.100
<v Tim Pritlove>gut die Menschheit hat ja dann auch erst nachgezogen mit ihrer Entwicklung,

00:30:56.101 --> 00:31:00.100
<v Tim Pritlove>was ist so der Stand der Dinge?

00:31:00.101 --> 00:31:03.500
<v Tim Pritlove>Wie hat sich da vor allem so in den letzten paar hundert Jahren denn entwickelt?

00:31:03.501 --> 00:31:06.800
<v Tim Pritlove>Was wird da befischt und wird zu viel befischt?

00:31:06.801 --> 00:31:09.200
<v Christopher Zimmermann>Ja, wie hat sich das entwickelt?

00:31:09.201 --> 00:31:14.700
<v Christopher Zimmermann>Also Hering, gerade Hering ist im Grunde eine Ressource, die schon sehr sehr lange genutzt wird.

00:31:14.701 --> 00:31:17.700
<v Christopher Zimmermann>Im Grunde baut die ganze Hanse darauf auf.

00:31:17.701 --> 00:31:23.700
<v Christopher Zimmermann>Das war im Grunde Skagen- und Skanör-Hering, der dicht an der Küste gefangen werden konnte.

00:31:23.701 --> 00:31:27.500
<v Christopher Zimmermann>Da brauchte man zum Haltbarmachen Salz, das kam aus Lüneburg zum Beispiel

00:31:27.501 --> 00:31:29.300
<v Christopher Zimmermann>oder wo immer man Salz finden konnte.

00:31:29.301 --> 00:31:34.000
<v Christopher Zimmermann>Und diese Handelswege, Fisch in die eine Richtung, Konservierungsmittel Salz in die andere Richtung

00:31:34.001 --> 00:31:38.000
<v Christopher Zimmermann>und alles gemeinsam, also den konservierten Hering irgendwo anders hin,

00:31:38.001 --> 00:31:42.000
<v Christopher Zimmermann>das war im Grunde die Grundsteine der Entwicklung der Hanse.

00:31:42.001 --> 00:31:44.200
<v Christopher Zimmermann>Das musste dann geschützt werden gegen Piraten und so weiter.

00:31:44.201 --> 00:31:51.000
<v Christopher Zimmermann>Also wir wissen, seit dem frühen Mittelalter im Grunde wird das Ganze auch in großem Stil gefischt und seitdem genutzt

00:31:51.001 --> 00:31:56.400
<v Christopher Zimmermann>und seitdem weiß man auch, dass die Heringe mal da sind und mal nicht da sind.

00:31:56.401 --> 00:31:59.000
<v Christopher Zimmermann>Wie die genau funktionieren diese Zyklen, ist nicht ganz klar.

00:31:59.001 --> 00:32:02.600
<v Christopher Zimmermann>An der Überfischung kann es damals kaum gelegen haben, dass die ausgeblieben sind.

00:32:02.601 --> 00:32:06.400
<v Christopher Zimmermann>Denn es blieb eine sehr kleine Küstenfischerei, sie war nicht mechanisiert,

00:32:06.401 --> 00:32:09.800
<v Christopher Zimmermann>die Ordnungsmethoden waren nicht besonders gut, sondern die Fischer haben halt genutzt,

00:32:09.801 --> 00:32:12.700
<v Christopher Zimmermann>was ihnen sozusagen vor die Nase schwamm.

00:32:12.701 --> 00:32:17.900
<v Christopher Zimmermann>Aber seitdem ist gerade Hering eine sehr sehr wertvolle Ressource, auch in der Ostsee.

00:32:17.901 --> 00:32:22.900
<v Christopher Zimmermann>Geändert hat sich die Fischereipraxis im Grunde erst mit der Erfindung der Dampfmaschine, wie überall.

00:32:22.901 --> 00:32:28.100
<v Christopher Zimmermann>Da wurde es mechanisiert, die Kutter konnten länger draußen bleiben, konnten größere Netze ziehen.

00:32:28.101 --> 00:32:31.500
<v Christopher Zimmermann>Aus der Stellnetzfischerei, die wir zu den stillen Fischereien zählen,

00:32:31.501 --> 00:32:35.700
<v Christopher Zimmermann>also eine Fischerei, die Netze aufstellt und wartet darauf, dass die Fische ins Netz gehen,

00:32:35.701 --> 00:32:41.000
<v Christopher Zimmermann>wurde eine aktive Fischerei, durch die Möglichkeit, Netze zu ziehen.

00:32:41.001 --> 00:32:44.500
<v Christopher Zimmermann>Und da wurde man wenigstens in anderen Gebieten der Welt, nicht so sehr in Ostsee,

00:32:44.501 --> 00:32:48.000
<v Christopher Zimmermann>sehr schnell darauf aufmerksam, dass Fischbestände keineswegs unendlich sind,

00:32:48.001 --> 00:32:52.600
<v Christopher Zimmermann>sondern eben endlich und wenn man nicht anfängt, sie vernünftig zu bewirtschaften,

00:32:52.601 --> 00:32:54.700
<v Christopher Zimmermann>dann haben die irgendwann ein Ende.

00:32:54.701 --> 00:32:58.000
<v Christopher Zimmermann>Das heißt nicht, dass sie aussterben, denn in aller Regel sind sie so weit verbreitet,

00:32:58.001 --> 00:33:01.200
<v Christopher Zimmermann>dass der letzte Fisch tatsächlich nicht gefischt werden kann.

00:33:01.201 --> 00:33:05.700
<v Christopher Zimmermann>Es bleiben immer Schwärme übrig, die so produktiv sind, dass sich auch katastrophal überfischte,

00:33:05.701 --> 00:33:09.500
<v Christopher Zimmermann>kollabierte Fischbestände innerhalb weniger Jahre erholen können.

00:33:09.501 --> 00:33:12.200
<v Christopher Zimmermann>Beispiel ist der Nordseehering mit der Erfindung der Ringwade.

00:33:12.201 --> 00:33:17.600
<v Christopher Zimmermann>In den 60er Jahre wurde der so überfischt, dass am Ende noch 50.000 Tonnen erwachsene Tiere übrig waren.

00:33:17.601 --> 00:33:21.900
<v Christopher Zimmermann>Normalerweise sollte der Bestand so bei 1,3 Millionen Tonnen groß sein.

00:33:21.901 --> 00:33:28.600
<v Christopher Zimmermann>Daraufhin wurde 1977 die Fischerei geschlossen und schon vier Jahre später konnte sie wieder eröffnet werden,

00:33:28.601 --> 00:33:33.600
<v Christopher Zimmermann>weil der Bestand in diesen vier Jahren so viel Nachwuchs produziert hat, dass der Bestand auf gutem Wege war.

00:33:33.601 --> 00:33:35.300
<v Christopher Zimmermann>Und ein paar Jahre später hatte er sich erholt.

00:33:35.301 --> 00:33:38.300
<v Christopher Zimmermann>Also marine Fischbestände sind unfassbar produktiv.

00:33:38.301 --> 00:33:42.200
<v Christopher Zimmermann>Im Grunde reicht theoretisch ein einziges Pärchen, um eine Bestand wieder aufzubauen.

00:33:42.201 --> 00:33:44.300
<v Christopher Zimmermann>Das will man natürlich nicht.

00:33:44.301 --> 00:33:50.700
<v Christopher Zimmermann>Und man muss eben nur dafür sorgen, dass die auch die Gelegenheit bekommen, das zu tun.

00:33:50.701 --> 00:33:55.500
<v Christopher Zimmermann>Mit der Industrialisierung sozusagen oder mit der technischeren Nutzung war dann klar,

00:33:55.501 --> 00:33:58.700
<v Christopher Zimmermann>wir brauchen ein gemeinsames Management, Fischbestände wandern,

00:33:58.701 --> 00:34:02.600
<v Christopher Zimmermann>halten sich nicht an nationalstaatliche Grenzen und wenn die deutsche Regierung beschließt,

00:34:02.601 --> 00:34:07.400
<v Christopher Zimmermann>wir setzen die Fangmengen so und so fest, wir setzen irgendeine Grenze fest und die anderen halten sich nicht,

00:34:07.401 --> 00:34:08.800
<v Christopher Zimmermann>macht das wenig Sinn.

00:34:08.801 --> 00:34:16.800
<v Christopher Zimmermann>Das führte schon 1902 dazu, dass eine internationale, die älteste internationale zwischenstaatliche Organisation überhaupt,

00:34:16.801 --> 00:34:19.900
<v Christopher Zimmermann>der internationale Rat für Meeresforschung in Kopenhagen gegründet wurde.

00:34:19.901 --> 00:34:27.600
<v Christopher Zimmermann>Und diese Organisation kümmert sich seit 1902 darum, die wissenschaftlichen Daten aus allen interessierten Ländern,

00:34:27.601 --> 00:34:32.400
<v Christopher Zimmermann>also allen Ländern, die auf einen bestimmten Fischbestand fischen, zusammenzutragen,

00:34:32.401 --> 00:34:38.200
<v Christopher Zimmermann>den Bestand zu begutachten und am Ende aus der Begutachtung Empfehlungen für die Politik abzuleiten,

00:34:38.201 --> 00:34:42.500
<v Christopher Zimmermann>wie man einen solchen Bestand nachhaltig bewirtschaften könnte.

00:34:42.501 --> 00:34:46.700
<v Christopher Zimmermann>Nun gibt es viele Leute, die sagen, das ist alles sehr aufwendig, das brauchen wir alles gar nicht.

00:34:46.701 --> 00:34:52.300
<v Christopher Zimmermann>Die kleine Küstenfischerei, wenn man die nur fördern würde, und die großen Trawler verbieten würde, dann wäre alles gut.

00:34:52.301 --> 00:34:53.400
<v Christopher Zimmermann>Das sehen wir völlig anders.

00:34:53.401 --> 00:34:58.800
<v Christopher Zimmermann>Erstens reicht auch die Kapazität der kleinen Küstenfahrzeuge dicke aus, um Bestände zu überfischen.

00:34:58.801 --> 00:35:02.400
<v Christopher Zimmermann>Es kommt nicht darauf an, ob es tausend kleine oder fünf große machen,

00:35:02.401 --> 00:35:05.500
<v Christopher Zimmermann>sondern es kommt am Ende nur darauf an, wie die entnehmen.

00:35:05.501 --> 00:35:10.000
<v Christopher Zimmermann>Und ein großes Fahrzeug kann exakt genauso nachhaltig fischen wie viele kleine.

00:35:10.001 --> 00:35:13.100
<v Christopher Zimmermann>All diese Fischereimethoden haben ihr Vorteile und ihre Nachteile.

00:35:13.101 --> 00:35:16.100
<v Christopher Zimmermann>Und deswegen können wir das gar nicht abwägen gegeneinander und sagen,

00:35:16.101 --> 00:35:20.600
<v Christopher Zimmermann>große Fahrzeuge sind schlecht, kleine Fahrzeuge sind gut oder genau andersrum.

00:35:20.601 --> 00:35:27.300
<v Christopher Zimmermann>Wir wissen, dass kleine Fahrzeuge größere Probleme bei der Einhaltung der Regeln und bei den Beifängen von meinetwegen Seevögeln haben.

00:35:27.301 --> 00:35:30.000
<v Christopher Zimmermann>Große Fahrzeuge fischen dafür in der Regel unselektiver,

00:35:30.001 --> 00:35:33.500
<v Christopher Zimmermann>haben also größere Probleme bei den unerwünschten Fischbeifängen.

00:35:33.501 --> 00:35:38.200
<v Christopher Zimmermann>Können natürlich viel mehr anrichten in der gleichen Zeiteinheit,

00:35:38.201 --> 00:35:42.200
<v Christopher Zimmermann>sind dafür aber viel leichter überwachbar, weil die vollgestopft sind mit technischen Möglichkeiten,

00:35:42.201 --> 00:35:45.300
<v Christopher Zimmermann>um zu sehen, was sie genau wo machen und so weiter.

00:35:45.301 --> 00:35:50.200
<v Christopher Zimmermann>Wichtig ist, dass man am Ende die Fanglimitationen einhält.

00:35:50.201 --> 00:35:54.300
<v Christopher Zimmermann>Die Forschung dafür ist relativ günstig.

00:35:54.301 --> 00:36:00.100
<v Christopher Zimmermann>So im langfristigen Schnitt geben wir ungefähr 2% für Forschung, für die Analyse der Fischbestände aus.

00:36:00.101 --> 00:36:04.600
<v Christopher Zimmermann>2% vom Anlandeerlös und da beginnt die Wertschöpfungskette ja erst.

00:36:04.601 --> 00:36:08.600
<v Christopher Zimmermann>Da kommt die ganze Verarbeitung und der Handel dazu, also das ist vergleichsweise günstig.

00:36:08.601 --> 00:36:14.300
<v Christopher Zimmermann>Und wenn man das lassen würde und einfach sagen würde, wir geben die Nutzung der Fischbestände frei,

00:36:14.301 --> 00:36:16.700
<v Christopher Zimmermann>dann würden die allermeisten Fischbestände sehr sehr schnell zusammenbrechen.

00:36:16.701 --> 00:36:22.500
<v Christopher Zimmermann>Da kann man sie immer noch nutzen, aber nur ungefähr 10% der jetzigen Menge.

00:36:22.501 --> 00:36:26.700
<v Christopher Zimmermann>Insofern ist es keine gute Idee zu sagen, man kann das Management einfach lassen,

00:36:26.701 --> 00:36:31.600
<v Christopher Zimmermann>man braucht kein Fangmengenbegrenzung oder so was, die für Ausgleich sorgen.

00:36:31.601 --> 00:36:37.000
<v Christopher Zimmermann>Die Fangmengenbegrenzungen sollen dafür sorgen, dass Fischbestände optimal genutzt werden.

00:36:37.001 --> 00:36:40.100
<v Christopher Zimmermann>Nicht einfach nur genutzt werden, sondern optimal genutzt werden,

00:36:40.101 --> 00:36:47.000
<v Christopher Zimmermann>weil ein optimal genutzter Bestand liefert viel viel mehr Ertrag für die menschliche Ernährung als ein nicht optimal genutzter Bestand.

00:36:47.001 --> 00:36:50.900
<v Tim Pritlove>Dieses Verständnis existiert schon seit 1902 oder das kam dann erst in der Folge?

00:36:50.901 --> 00:36:54.200
<v Christopher Zimmermann>Nein das existent im Grunde von Anfang an.

00:36:54.201 --> 00:36:58.900
<v Christopher Zimmermann>Was genau man jetzt unter optimaler Nutzung versteht, das hat sich im Lauf der Zeit geändert.

00:36:58.901 --> 00:37:03.800
<v Christopher Zimmermann>Das ist ein Konzept im Grunde, was in den 60er Jahren entwickelt wurde.

00:37:03.801 --> 00:37:08.000
<v Christopher Zimmermann>Das nennen wieder Maximum Sustainable Yield, also maximaler nachhaltiger Dauerertrag.

00:37:08.001 --> 00:37:12.700
<v Christopher Zimmermann>Das wurde dann in den 90er Jahren nochmal umdefiniert sozusagen,

00:37:12.701 --> 00:37:19.000
<v Christopher Zimmermann>wo man gesagt hat, nein der Vorsorgeansatz, dass wir nur versuchen, Schaden von den Fischbeständen abzuwehren,

00:37:19.001 --> 00:37:24.000
<v Christopher Zimmermann>also sie so groß zu halten, dass sie nicht deswegen weniger produktiv werden,

00:37:24.001 --> 00:37:27.700
<v Christopher Zimmermann>weil es nicht mehr genügend Elterntiere gibt, das ändern wir und wir sagen,

00:37:27.701 --> 00:37:35.000
<v Christopher Zimmermann>nein wir wollen, dass die Bestände noch größer sind, damit sie auch bei schwankenden Umweltbedingungen immer möglichst den maximal nachhaltigen Dauerertrag abgeben.

00:37:35.001 --> 00:37:41.900
<v Christopher Zimmermann>Und das Ganze mündete in die Johannesburg-Konferenz 2002, der auch die Europäische Union zugestimmt hat.

00:37:41.901 --> 00:37:48.300
<v Christopher Zimmermann>Seitdem haben wir eine allgemein global gültige Bewirtschaftungsregel für marine Fischbestände,

00:37:48.301 --> 00:37:54.700
<v Christopher Zimmermann>die sich eben daran orientiert, wir beschließen als Weltgemeinschaft, wir wollen marine Fischbestände,

00:37:54.701 --> 00:37:58.000
<v Christopher Zimmermann>wilde Fischbestände nutzen, wir wollen sie auf hohem Niveau nutzen,

00:37:58.001 --> 00:38:02.600
<v Christopher Zimmermann>aber wir wollen sie nicht übernutzen, weil sie dann nicht mehr den maximalen Ertrag liefern.

00:38:02.601 --> 00:38:08.600
<v Tim Pritlove>Dem sind alle Staaten beigetreten oder auf welcher Ebene ist das, eine UN-Initiative?

00:38:08.601 --> 00:38:14.800
<v Christopher Zimmermann>Genau, das ist eine UN-Regel, und im Grunde haben alle Staaten weltweit, also es gibt sicher Ausnahmen von kleinen Staaten,

00:38:14.801 --> 00:38:19.600
<v Christopher Zimmermann>aber die wesentlichen Staaten, die Fischbestände bewirtschaften, unter anderem eben die Europäische Union,

00:38:19.601 --> 00:38:22.400
<v Christopher Zimmermann>die für uns maßgeblich ist, haben dieser Regel zugestimmt.

00:38:22.401 --> 00:38:30.000
<v Christopher Zimmermann>Und es hat dennoch 15-20 Jahre gedauert, bis die dann sozusagen in europäische Gesetzgebung hart überführt wurde.

00:38:30.001 --> 00:38:36.400
<v Christopher Zimmermann>Das haben wir erst seit 2014, seit der letzten Reform der gemeinsamen Fischereipolitik,

00:38:36.401 --> 00:38:42.200
<v Christopher Zimmermann>vorher hat sich der Gesetzgeber an diesen Richtlinien orientiert, aber es war kein festgeschriebenes Gesetz.

00:38:42.201 --> 00:38:50.100
<v Christopher Zimmermann>Seit 2014 muss der Ministerrat der europäische und die Europäische Kommission diesen Regeln folgen.

00:38:50.101 --> 00:38:57.200
<v Tim Pritlove>Okay. Jetzt, also das beutetet ja, wenn man diese …

00:38:57.201 --> 00:39:06.600
<v Tim Pritlove>Was war, diesen Maximum Yield, diesen optimale Ausschöpfung sozusagen der Fischmasse erzeugen will,

00:39:06.601 --> 00:39:09.600
<v Tim Pritlove>muss das ja auch in irgendeiner Form quantifiziert werden.

00:39:09.601 --> 00:39:17.600
<v Tim Pritlove>Also man muss ja die Bestände irgendwie kennen, messen, verfolgen, über einen längeren Zeitraum mitschreiben, quantifizieren,

00:39:17.601 --> 00:39:22.500
<v Tim Pritlove>und natürlich auch die Entnahme sozusagen gegenrechnen.

00:39:22.501 --> 00:39:29.200
<v Tim Pritlove>Ist stelle mir vor, dass das jetzt ein relativ komplexes Netzwerk von unterschiedlichen Sensoriken ist,

00:39:29.201 --> 00:39:35.900
<v Tim Pritlove>sowohl wirtschaftlichen Sensoriken als auch konkreten auf der See-Sensoriken.

00:39:35.901 --> 00:39:38.600
<v Tim Pritlove>Wie muss man sich das vorstellen, wie dieser Organismus zusammenarbeitet?

00:39:38.601 --> 00:39:43.300
<v Tim Pritlove>Also wie schafft es … also beschränken wir uns jetzt mal nur auf die Ostsee, nicht die ganze Welt.

00:39:43.301 --> 00:39:53.400
<v Tim Pritlove>Wie arbeiten die Anrainerstaaten zusammen, welche Rolle nimmt jetzt auch dieser Council da konkret ein und Ihr Institut?

00:39:53.401 --> 00:39:56.500
<v Tim Pritlove>Was für Daten müssen überhaupt erst mal erhoben werden und wo kriegt man die her?

00:39:56.501 --> 00:40:02.000
<v Christopher Zimmermann>Also es fängt an damit, dass wir wie gesagt Landbewohner sind und das Meer für uns nicht nur ein bisschen mystisch,

00:40:02.001 --> 00:40:05.100
<v Christopher Zimmermann>sondern vor allen Dingen undurchsichtig und endlos ist.

00:40:05.101 --> 00:40:06.900
<v Christopher Zimmermann>Das ist auch tatsächlich so.

00:40:06.901 --> 00:40:12.500
<v Christopher Zimmermann>Wir können viele viele Proben nehmen, wir müssen viele viele Proben nehmen, aber sie werden immer ein Tropfen im Meer sein.

00:40:12.501 --> 00:40:16.000
<v Christopher Zimmermann>Also egal, wo wir eine Probe nehmen, es kann immer an der falschen Stelle sein.

00:40:16.001 --> 00:40:19.800
<v Christopher Zimmermann>Und statistisch kriegen wir das nur raus, indem wir unfassbar viele Proben nehmen.

00:40:19.801 --> 00:40:25.000
<v Christopher Zimmermann>Aber wir können am Ende eben nicht den Stöpsel ziehen, das Wasser rauslassen, Fische zählen, Wasser wieder reinlassen.

00:40:25.001 --> 00:40:29.800
<v Christopher Zimmermann>Sondern wir sind immer auf indirekte Methoden angewiesen, die eine gewisse Unsicherheit haben.

00:40:29.801 --> 00:40:36.000
<v Christopher Zimmermann>Weil wir nicht wissen, ob wir das, was wir da gefunden haben, eine Meile daneben genauso ist oder vielleicht völlig anders ist.

00:40:36.001 --> 00:40:36.900
<v Tim Pritlove>Klar.

00:40:36.901 --> 00:40:39.500
<v Christopher Zimmermann>Um das rauszukriegen betreiben wir sehr sehr viel Aufwand.

00:40:39.501 --> 00:40:43.300
<v Christopher Zimmermann>Wir nehmen im Wesentlichen Daten aus der kommerziellen Fischerei.

00:40:43.301 --> 00:40:47.800
<v Christopher Zimmermann>Also die Anlandedaten, wir beproben die Anlandung sehr ausführlich.

00:40:47.801 --> 00:40:51.200
<v Tim Pritlove>Also Anlandedaten heißt, was konkret an Fisch in den Häfen angeliefert wird?

00:40:51.201 --> 00:40:51.900
<v Christopher Zimmermann>Ganz genau.

00:40:51.901 --> 00:40:54.500
<v Tim Pritlove>Was gewogen wird, aufgezeichnet wird etc..

00:40:54.501 --> 00:40:59.500
<v Christopher Zimmermann>Ganz genau, dafür gibt es Fangstatistiken, die sind inzwischen sehr gut und auch sehr verlässlich bei den allermeisten Fahrzeugen

00:40:59.501 --> 00:41:02.100
<v Christopher Zimmermann>oder Metiers, bei den allermeisten Fischereien.

00:41:02.101 --> 00:41:05.800
<v Christopher Zimmermann>Die beproben wir, gucken uns genau an, in welcher Altersstruktur liegen die vor.

00:41:05.801 --> 00:41:09.200
<v Christopher Zimmermann>Also wieviele dreijährige Dorsche wurden angelandet, vierjährige, fünfjährige.

00:41:09.201 --> 00:41:11.200
<v Christopher Zimmermann>In welchem Ernährungszustand waren?

00:41:11.201 --> 00:41:13.700
<v Christopher Zimmermann>Wie war das Geschlechterverhältnis Männchen, Weibchen?

00:41:13.701 --> 00:41:15.800
<v Christopher Zimmermann>In welchem Reifezustand waren die?

00:41:15.801 --> 00:41:20.800
<v Christopher Zimmermann>Das sind alles Daten, die uns am Ende helfen, zu beurteilen, ob der Bestand in gutem oder schlechtem Zustand ist.

00:41:20.801 --> 00:41:27.700
<v Tim Pritlove>Wie, das wird jetzt bei jedem Fang, der im Hafen anlandet, wird einzeln geguckt, wie alt die Fische sind?

00:41:27.701 --> 00:41:28.800
<v Christopher Zimmermann>Nein natürlich nicht.

00:41:28.801 --> 00:41:34.700
<v Christopher Zimmermann>Wir nehmen Stichproben, wie man das üblicherweise macht, wenn also, keine Ahnung, 6.000 Tonnen Dorsch hat,

00:41:34.701 --> 00:41:42.400
<v Christopher Zimmermann>dann nehmen wir übers Jahr verteilt 50 oder 60 Proben, die ungefähr 300-350 Kilo umfangen.

00:41:42.401 --> 00:41:44.400
<v Christopher Zimmermann>Die werden dann analysiert.

00:41:44.401 --> 00:41:46.900
<v Christopher Zimmermann>Das ist immer noch eine ganze Menge Fisch, was dann hier durchs Labor geht.

00:41:46.901 --> 00:41:51.600
<v Christopher Zimmermann>Und dann wird das Alter bestimmt, das ist ein ziemlich aufwendiger Prozess,…

00:41:51.601 --> 00:41:53.800
<v Tim Pritlove>Man schaut sich dann jeden einzelnen Fisch an?

00:41:53.801 --> 00:41:58.000
<v Christopher Zimmermann>Da schaut man sich jeden von dieser Unterproben, 350 Kilo, schauen wir uns jeden einzelnen Fisch an.

00:41:58.001 --> 00:42:00.800
<v Tim Pritlove>So manuell auf den Tisch legen, gucken was ist das?

00:42:00.801 --> 00:42:01.700
<v Christopher Zimmermann>Genau.

00:42:01.701 --> 00:42:03.800
<v Tim Pritlove>Gibt es keinen Scanner, wo man die irgendwie durchjagen kann?

00:42:03.801 --> 00:42:07.000
<v Christopher Zimmermann>Leider nicht, und die tragen auch keine Geburtsurkunden mit sich rum

00:42:07.001 --> 00:42:09.700
<v Christopher Zimmermann>und sie reagieren auch nicht Befragung, wie alt sie denn sind

00:42:09.701 --> 00:42:13.900
<v Christopher Zimmermann>und deswegen machen wir uns zunutze, dass es Hartstrukturen im Körper,

00:42:13.901 --> 00:42:17.900
<v Christopher Zimmermann>diese Gehörsteinchen, Otolithen, gibt, die Ringe wie ein Baumring anlegen.

00:42:17.901 --> 00:42:20.200
<v Christopher Zimmermann>Und idealerweise jedes Jahr einen neuen.

00:42:20.201 --> 00:42:22.900
<v Christopher Zimmermann>Da gibt es dann manchmal auch Zweifel, weil die leider zum Beispiel -

00:42:22.901 --> 00:42:27.600
<v Christopher Zimmermann>jetzt wird es wieder sehr Ostsee-spezifisch – auch Ringe anlegen, wenn sie den Wasserkörper ändern.

00:42:27.601 --> 00:42:31.900
<v Christopher Zimmermann>Also wenn sie von sehr salzarmem in sehr heizhaltiges Wasser kommen,

00:42:31.901 --> 00:42:33.000
<v Christopher Zimmermann>legen die einfach einen Ring an.

00:42:33.001 --> 00:42:38.900
<v Christopher Zimmermann>Und wenn sie das viermal innerhalb eines Jahres machen, legen die vier Ringe an,

00:42:38.901 --> 00:42:41.800
<v Christopher Zimmermann>was bei uns so aussieht in der Analyse, als ob es vier Jahre wären.

00:42:41.801 --> 00:42:44.000
<v Christopher Zimmermann>Da wird es sehr komplex, das ist aber überall woanders nicht so

00:42:44.001 --> 00:42:50.100
<v Tim Pritlove>Okay, aber man muss schon den Fisch so richtig sezieren, entnehmen, genau drauf gucken, etc., also viel manuelle Arbeit?

00:42:50.101 --> 00:42:54.100
<v Christopher Zimmermann>Genau, jeder einzelne Fisch wird gründlich auseinandergenommen, auch was die Reife angeht

00:42:54.101 --> 00:42:58.300
<v Christopher Zimmermann>oder die Mageninhalte, den Ernährungszustand, das müssen wir mit jedem einzelnen Fisch machen.

00:42:58.301 --> 00:43:03.500
<v Tim Pritlove>Okay, aber so rein jetzt von der Größe her, vom Gewicht her, kann man da jetzt keine Schlüsse draus ziehen?

00:43:03.501 --> 00:43:06.100
<v Christopher Zimmermann>Na da kann man schon Schlüsse daraus ziehen, aber die sind nicht exakt genug.

00:43:06.101 --> 00:43:09.400
<v Christopher Zimmermann>Unsere Modelle müssen ohnehin mit so vielen Unsicherheiten arbeiten,

00:43:09.401 --> 00:43:12.800
<v Christopher Zimmermann>dass wir da, wo wir es genauer machen können, natürlich versuchen, es so genau wie möglich zu machen.

00:43:12.801 --> 00:43:14.100
<v Tim Pritlove>Verstehe.

00:43:14.101 --> 00:43:19.000
<v Christopher Zimmermann>Und über die Länge, da gibt es dann halt bestimmte Orte, je weiter der nach Osten geht, desto schlechter wächst er,

00:43:19.001 --> 00:43:23.700
<v Christopher Zimmermann>weil der physiologische Stress mit weniger Salzgehalt größer ist, deswegen wächst der schlechter.

00:43:23.701 --> 00:43:28.000
<v Christopher Zimmermann>Da kann man dann einen 30 cm langen Dorsch haben, der vielleicht drei Jahre alt ist,

00:43:28.001 --> 00:43:32.300
<v Christopher Zimmermann>während ein 30 cm langer Dorsch in der westlichen Ostsee wahrscheinlich ein zweijähriger ist.

00:43:32.301 --> 00:43:38.400
<v Christopher Zimmermann>Und diese Unsicherheit versuchen wir zu beseitigen, indem wir möglichst genau gucken, wie alt die sind.

00:43:38.401 --> 00:43:43.000
<v Christopher Zimmermann>Das ist die Beprobung der Anlandung, die so über den Daumen vielleicht 80%

00:43:43.001 --> 00:43:46.500
<v Christopher Zimmermann>oder der kommerziellen Fischerei, die ungefähr 80% unserer Daten ausmacht.

00:43:46.501 --> 00:43:53.200
<v Christopher Zimmermann>Wir schicken auch Beprober mit auf die Fahrzeuge, denn manchmal landet was über Bord, was wir auch gerne wissen wollen und so weiter.

00:43:53.201 --> 00:43:55.800
<v Christopher Zimmermann>Das machen dann die Beobachter an Bord.

00:43:55.801 --> 00:44:00.300
<v Christopher Zimmermann>Nun führt der Fischer ja ein kommerzielles Unternehmen, der will Geld verdienen,

00:44:00.301 --> 00:44:03.500
<v Christopher Zimmermann>und fischt deswegen da, wo er besonders hohe Dichten von Fisch hat,

00:44:03.501 --> 00:44:08.100
<v Christopher Zimmermann>um mit möglichst wenig Aufwand von Produktionsmitteln möglichst viel Fisch zu fangen.

00:44:08.101 --> 00:44:12.800
<v Christopher Zimmermann>Uns interessiert aber natürlich auch, wie sieht es woanders aus, wo der Fischer nicht hinkommt?

00:44:12.801 --> 00:44:15.800
<v Christopher Zimmermann>Wir wollen also gerne wissen, wie weit ist der ganze Bestand verbreitet

00:44:15.801 --> 00:44:22.900
<v Christopher Zimmermann>und in welchem Zustand ist er woanders als da, wo es diese befischbaren Konzentrationen gibt?

00:44:22.901 --> 00:44:24.500
<v Christopher Zimmermann>Wir wollen außerdem wissen, wieviel Nachwuchs kommt nach?

00:44:24.501 --> 00:44:34.700
<v Christopher Zimmermann>Denn gerade bei sehr intensiv genutzten Fischbeständen spielt die Anzahl der Jungtiere die entscheidende Rolle für die Vorhersage der Fangmöglichkeiten im nächsten Jahr.

00:44:34.701 --> 00:44:40.800
<v Tim Pritlove>Sind denn diese Orte, wo jetzt viele Fische sind, konstant oder ändern die sich nicht auch?

00:44:40.801 --> 00:44:43.900
<v Christopher Zimmermann>Die ändern sich leider dauernd, deswegen muss man im Grunde das gesamte Gebiet abdecken.

00:44:43.901 --> 00:44:47.900
<v Christopher Zimmermann>Und die ändern sich zum Teil regelmäßig.

00:44:47.901 --> 00:44:52.600
<v Christopher Zimmermann>Also wir wissen, zu einer bestimmten Jahreszeit sitzen in aller Regel die großen Fische hier,

00:44:52.601 --> 00:44:59.900
<v Christopher Zimmermann>die großen Dorsche sitzen im ersten Quartal in den tiefen Becken der Ostsee, weil sie sich da zum Laichen vorbereiten oder zum Laichen versammeln.

00:44:59.901 --> 00:45:03.000
<v Christopher Zimmermann>Die jungen Tieren sitzen eher im Flachwasser, um den großen Tieren zu entgehen,

00:45:03.001 --> 00:45:10.100
<v Christopher Zimmermann>weil die großen Tiere die jungen Tiere sonst fressen würden, das macht also ökologische natürlich irgendwie Sinn, dass die sich aus dem Weg gehen.

00:45:10.101 --> 00:45:16.600
<v Christopher Zimmermann>Aber es gibt völlig unterschiedliche Fressplätze, zu verschiedenen Zeiten im Jahr sitzen die an unterschiedlichen Stellen.

00:45:16.601 --> 00:45:20.800
<v Christopher Zimmermann>Die fressen an unterschiedlichen Stellen, wo sie Laichen sind wieder andere Plätze und so weiter.

00:45:20.801 --> 00:45:25.900
<v Christopher Zimmermann>Das muss man also wissen, bevor man rausfährt und einfach mal irgendwie ein Netz reinhält und sagt,

00:45:25.901 --> 00:45:28.500
<v Christopher Zimmermann>Mensch alles voll mit Fisch, das funktioniert nicht so gut.

00:45:28.501 --> 00:45:33.000
<v Christopher Zimmermann>Und das versuchen wir mit den Forschungsschiffen, dafür brauchen wir diese hochspezialisierten Forschungsschiffe,

00:45:33.001 --> 00:45:38.100
<v Christopher Zimmermann>die dann jedes von den dreien 260-270 Tage im Jahr auf See sind.

00:45:38.101 --> 00:45:42.700
<v Christopher Zimmermann>Und mit denen machen wir genau das, wir fangen Jungtiere, die ein Fischer in der Regel vermeiden möchte,

00:45:42.701 --> 00:45:46.800
<v Christopher Zimmermann>einfach weil sie nicht gutes Geld bringen und einfach auch zu wenig sind sozusagen.

00:45:46.801 --> 00:45:50.000
<v Christopher Zimmermann>Das wollen wir aber wissen, wieviele Jungtiere gibt es?

00:45:50.001 --> 00:45:53.700
<v Christopher Zimmermann>Wir wollen die Umweltbedingungen mit erfassen, die den Fischer in der Regel erst mal nicht interessieren.

00:45:53.701 --> 00:45:56.700
<v Christopher Zimmermann>Entweder er kennt sie aus alter Erfahrung, aber der fängt jetzt nicht an,

00:45:56.701 --> 00:46:01.700
<v Christopher Zimmermann>Wassertemperatur und Salzgehalt und Sauerstoffgehalt zu messen, das machen wir dann.

00:46:01.701 --> 00:46:06.100
<v Christopher Zimmermann>Und wir wollen eben auch in den Gebieten fischen und wissen, was da los ist, in denen ein Fischer nicht fischt,

00:46:06.101 --> 00:46:09.900
<v Christopher Zimmermann>weil der von Vornherein davon ausgeht, da habe ich noch nie was gefangen, da ist auch weiter nichts.

00:46:09.901 --> 00:46:11.900
<v Christopher Zimmermann>Auch das müssen wir immer verifizieren.

00:46:11.901 --> 00:46:14.700
<v Christopher Zimmermann>Und dafür haben wir unsere eigenen Forschungsschiffe.

00:46:14.701 --> 00:46:19.800
<v Christopher Zimmermann>Diese Daten, die sogenannten Fischereiabhängigen, also die aus der kommerziellen Fischerei,

00:46:19.801 --> 00:46:24.900
<v Christopher Zimmermann>und die fischereiunabhängigen Daten, die wir selber erhoben haben, führen wir dann zusammen

00:46:24.901 --> 00:46:31.700
<v Christopher Zimmermann>und stecken sie in ein Modell, ein mathematisches Modell, was aus dem Ist-Zustand rückrechnet,

00:46:31.701 --> 00:46:37.500
<v Christopher Zimmermann>in welchem Zustand die Fische vor einem Jahr, vor zwei Jahren, vor drei Jahren gewesen sein müssen.

00:46:37.501 --> 00:46:40.200
<v Christopher Zimmermann>Das nennen wir die Rückschau, das ist also was, was längst vergangen ist.

00:46:40.201 --> 00:46:45.300
<v Christopher Zimmermann>Wir versuchen nur zu analysieren, wieviel Fisch gab es am 31.12. des letzten Jahres?

00:46:45.301 --> 00:46:50.900
<v Christopher Zimmermann>Und wenn das alles gut klappt und die Daten aus der kommerziellen Fischerei und der Forschungsfischerei gut übereinstimmen

00:46:50.901 --> 00:46:55.300
<v Christopher Zimmermann>und keine großen Fehler angezeigt werden oder große Unsicherheiten,

00:46:55.301 --> 00:46:59.600
<v Christopher Zimmermann>dann drehen wir uns um und machen das, was die Meteorologen auch machen,

00:46:59.601 --> 00:47:02.100
<v Christopher Zimmermann>wir versuchen eine Vorhersage zu rechnen.

00:47:02.101 --> 00:47:06.700
<v Christopher Zimmermann>Und anders als die Meteorologen, die relativ kurze Vorhersagezeiträume haben,

00:47:06.701 --> 00:47:13.000
<v Christopher Zimmermann>also anhand der Wetterdaten, die sie in den letzten zwei Monaten genommen haben, jetzt vorhersagen sollen, wie das Wetter morgen und übermorgen ist

00:47:13.001 --> 00:47:18.700
<v Christopher Zimmermann>und dann so ab nächste Woche wird es schon sehr unsicher, da geht diese Schere in der Tagesschau schon sehr weit auseinander

00:47:18.701 --> 00:47:23.700
<v Christopher Zimmermann>und man könnte irgendeine Temperatur zwischen 10 und 35 Grad haben, das ist dann ziemlich sinnlos.

00:47:23.701 --> 00:47:28.500
<v Christopher Zimmermann>Das ist bei uns ganz ähnlich, nur unsere Vorhersagezeiträume sind viel länger.

00:47:28.501 --> 00:47:32.000
<v Christopher Zimmermann>Denn wir treffen uns im Jahr 2018, um die Bestandsberechnung durchzuführen,

00:47:32.001 --> 00:47:37.800
<v Christopher Zimmermann>aber für 2018 sind die Quoten ja schon festgesetzt, die Fangmengen ja schon begrenzt.

00:47:37.801 --> 00:47:41.300
<v Christopher Zimmermann>Das heißt, die Politik will jetzt von uns wissen, wie viel man 2019 fangen kann.

00:47:41.301 --> 00:47:48.000
<v Christopher Zimmermann>Dazu kommt, dass wir gar nicht genau wissen, was denn am 01.01.2018 los war.

00:47:48.001 --> 00:47:53.900
<v Christopher Zimmermann>Der Meteorologe kann nach oben gucken oder seine vielen Wetterdatenschreiber auswerten,

00:47:53.901 --> 00:47:59.800
<v Christopher Zimmermann>wir müssen im Gruden das berechnen und Schlüsse ziehen darauf, in welchem Zustand dieser Fischbestand war.

00:47:59.801 --> 00:48:03.400
<v Christopher Zimmermann>Und um das noch schlimmer zu machen haben wir ein Jahr, nämlich das Zwischenjahr,

00:48:03.401 --> 00:48:07.500
<v Christopher Zimmermann>dieses Jahr 2018, in dem zwar gefischt wird, was aber noch nicht vorbei ist.

00:48:07.501 --> 00:48:10.600
<v Christopher Zimmermann>so dass wir gar nicht wissen, was in dem Jahr passiert.

00:48:10.601 --> 00:48:14.900
<v Christopher Zimmermann>Und natürlich hat das aktuelle Jahr den größten Einfluss auf den Zustand der Fischbestände.

00:48:14.901 --> 00:48:19.300
<v Christopher Zimmermann>Wir machen da das, was alle Forscher im Grunde machen, wenn man keine Daten hat tut man so,

00:48:19.301 --> 00:48:20.900
<v Christopher Zimmermann>als wenn alles stabil weiterginge.

00:48:20.901 --> 00:48:23.800
<v Christopher Zimmermann>Wenn es einen Trend gibt, dann setzen wir den Trend fort.

00:48:23.801 --> 00:48:27.200
<v Christopher Zimmermann>Wenn es keinen Trend gibt, dann sagen wir, es ist alles genau wie in den fünf Jahren zuvor.

00:48:27.201 --> 00:48:30.000
<v Christopher Zimmermann>Aber es gibt keinerlei Garantie dafür, dass das so ist.

00:48:30.001 --> 00:48:35.800
<v Christopher Zimmermann>Und ein sehr prominentes Beispiel ist der Regierungswechsel in Polen 2006/07,

00:48:35.801 --> 00:48:40.100
<v Christopher Zimmermann>damals als die Kaczynski-Regierung durch die Tusk-Regierung abgelöst wurde,

00:48:40.101 --> 00:48:43.200
<v Christopher Zimmermann>bis dahin hat die polnische Fischerei, das haben die selber so angegeben,

00:48:43.201 --> 00:48:47.500
<v Christopher Zimmermann>ungefähr das doppelte dessen an Dorsch gefischt, was sie durften.

00:48:47.501 --> 00:48:50.600
<v Christopher Zimmermann>Waren damals gerade der Europäischen Union beigetreten, da hat man die Augen zugedrückt,

00:48:50.601 --> 00:48:55.700
<v Christopher Zimmermann>aber wir wussten im Grunde alle, da wird viel mehr Dorsch entnommen als zugelassen.

00:48:55.701 --> 00:49:00.500
<v Christopher Zimmermann>Und das haben wir fortgeschrieben für das Zwischenjahr 2007 mit der neuen Regierung,

00:49:00.501 --> 00:49:05.500
<v Christopher Zimmermann>die gesagt hat, wir sind Europäer, wir halten uns selbstverständlich auch an die europäischen Regeln,

00:49:05.501 --> 00:49:09.700
<v Christopher Zimmermann>wurde diese illegale Überfischung von einem Jahr aufs andere beendet

00:49:09.701 --> 00:49:14.000
<v Christopher Zimmermann>und die polnische Regierung hat sogar mit der EU über Rückzahlungsmodalitäten verhandelt.

00:49:14.001 --> 00:49:18.100
<v Christopher Zimmermann>Also wie können wir den Schaden, den wir angerichtet haben, tatsächlich auch wieder zurückbezahlen?

00:49:18.101 --> 00:49:20.500
<v Christopher Zimmermann>Das war für uns Meeresbiologen…

00:49:20.501 --> 00:49:21.300
<v Tim Pritlove>Unerwartet.

00:49:21.301 --> 00:49:22.600
<v Christopher Zimmermann>… erst mal unerwartet.

00:49:22.601 --> 00:49:29.800
<v Christopher Zimmermann>Und wenn man in einem Jahr viel mehr fischt, 30-40% mehr Fisch im Wasser lässt als wir das vorhergesagt haben,

00:49:29.801 --> 00:49:33.100
<v Christopher Zimmermann>dann kann sich so ein Bestand natürlich auch sehr schnell erholen.

00:49:33.101 --> 00:49:37.300
<v Christopher Zimmermann>Von daher rührt dieser Zwist, dass die Fischerei gesagt hat, ihr habt über Jahre gesagt,

00:49:37.301 --> 00:49:41.900
<v Christopher Zimmermann>der Bestand kann sich nicht erholen und nun erholt er sich doch, was seid denn ihr für Vorhersager?

00:49:41.901 --> 00:49:49.600
<v Christopher Zimmermann>Und wir sagen dann immer, naja wir haben immer gesagt, der Bestand wird sich nicht mit großer Sicherheit erholen, wenn es so weitergeht,

00:49:49.601 --> 00:49:55.100
<v Christopher Zimmermann>aber wenn irgendein wesentlicher Faktor geändert wird, wie, man fischt 30% weniger,

00:49:55.101 --> 00:50:01.800
<v Christopher Zimmermann>weil man die illegale Überfischung von 40% auf 2% reduziert durch einen Regierungswechsel in Polen,

00:50:01.801 --> 00:50:05.400
<v Christopher Zimmermann>dann hat das natürlich sehr positive Auswirkungen auf die Fischbestände.

00:50:05.401 --> 00:50:10.900
<v Christopher Zimmermann>Also stellen Sie sich vor, von uns wird verlangt, was von einem Meteorologen verlangt würde,

00:50:10.901 --> 00:50:16.000
<v Christopher Zimmermann>wenn man dem sagt, ich gebe dir Daten aus den letzten 2-3 Monaten, aber mit einer großen Unschärfe

00:50:16.001 --> 00:50:20.200
<v Christopher Zimmermann>und ich verbinde dir für die letzte Woche die Augen, aber du musst trotzdem sicher sagen,

00:50:20.201 --> 00:50:24.300
<v Christopher Zimmermann>wie nächstes Jahr das Wetter an Weihnachten wird.

00:50:24.301 --> 00:50:26.300
<v Christopher Zimmermann>Das ist fast unmöglich.

00:50:26.301 --> 00:50:29.900
<v Christopher Zimmermann>Und man kann da schon was machen, aber man muss immer wieder sagen,

00:50:29.901 --> 00:50:31.500
<v Christopher Zimmermann>die Unsicherheiten sind erheblich.

00:50:31.501 --> 00:50:38.600
<v Christopher Zimmermann>Unser Metier ist eine sehr unsichere Art der Forschung, es ist halt keine Physik, die exakt ist,

00:50:38.601 --> 00:50:43.900
<v Christopher Zimmermann>sondern es ist Biologie, es ist mit großen Unsicherheiten behaftet, die muss man kommunizieren.

00:50:43.901 --> 00:50:45.900
<v Christopher Zimmermann>Wir bemühen uns, das zu kommunizieren.

00:50:45.901 --> 00:50:50.700
<v Christopher Zimmermann>Ein gutes Management nimmt das auf und versteht, dass da eine gewisse Unsicherheit drin ist.

00:50:50.701 --> 00:50:54.800
<v Christopher Zimmermann>Das kann man uns im Ernst nicht vorwerfen, wir tun was wir können, um es präziser zu machen,

00:50:54.801 --> 00:50:57.100
<v Christopher Zimmermann>aber es wird immer unsicher bleiben.

00:50:57.101 --> 00:51:02.600
<v Christopher Zimmermann>Und wenn wir so in die Größenordnung 10-15% Unsicherheit kommen, dann ist das schon relativ gut.

00:51:02.601 --> 00:51:05.600
<v Tim Pritlove>Im Prinzip ist das ja so gelebte Chaostheorie.

00:51:05.601 --> 00:51:10.800
<v Tim Pritlove>Da kommen einfach viele Faktoren rein, die sich gar nicht so genau festlegen lassen.

00:51:10.801 --> 00:51:14.800
<v Tim Pritlove>Dazu kommt dann sicherlich auch noch so der Einfluss es Klimawandels.

00:51:14.801 --> 00:51:21.600
<v Tim Pritlove>Trotz alledem denke ich mir, müsste ja dann eigentlich über die Jahre sich bestimmte Verfahren dann auch bewährt haben

00:51:21.601 --> 00:51:25.700
<v Tim Pritlove>oder weniger bewährt haben, so dass diese Modelle auch laufend angepasst werden?

00:51:25.701 --> 00:51:27.700
<v Christopher Zimmermann>Ganz genau, das passiert immer wieder.

00:51:27.701 --> 00:51:31.800
<v Christopher Zimmermann>Wir haben inzwischen regelmäßige Zyklen, alle 3-5 Jahre überprüfen wir unsere Modelle,

00:51:31.801 --> 00:51:37.000
<v Christopher Zimmermann>stellen alles auf den Prüfstand, alle Eingangsdaten in die Berechnung, das Berechnungsmodell selber,

00:51:37.001 --> 00:51:41.300
<v Christopher Zimmermann>die Settings, also die Stellschrauben, die wir in diesen Modellen natürlich immer haben

00:51:41.301 --> 00:51:46.000
<v Christopher Zimmermann>und fangen im Grunde nochmal von vorne an, immer in der Hoffnung, dass wir was verbessern.

00:51:46.001 --> 00:51:54.400
<v Christopher Zimmermann>Das bedeutet leider für die Fischerei und die Politik, dass es alle 3-5 Jahre auch zu erheblichen Änderungen in unserer Wahrnehmung eines Bestandes kommen kann.

00:51:54.401 --> 00:51:56.600
<v Christopher Zimmermann>Einfach nur, weil unsere Modelle sich ändern.

00:51:56.601 --> 00:51:59.100
<v Christopher Zimmermann>Und das ist wieder wahnsinnig schwer zu kommunizieren.

00:51:59.101 --> 00:52:04.200
<v Christopher Zimmermann>Also man kann inzwischen vergleichsweise leicht, wir können vergleichsweise leicht kommunizieren,

00:52:04.201 --> 00:52:07.400
<v Christopher Zimmermann>hier hat, wie beim westlichen Dorsch, beim Dorsch der westlichen Ostsee,

00:52:07.401 --> 00:52:12.100
<v Christopher Zimmermann>über Jahre eine Überfischung stattgefunden, das wissen wir auch seit 8-10 Jahren,

00:52:12.101 --> 00:52:17.300
<v Christopher Zimmermann>seit 7 Jahren empfehlen wir dringend, die Fangmengen deutlich stärker zu senken als sie gesenkt wurden.

00:52:17.301 --> 00:52:22.300
<v Christopher Zimmermann>Da gibt es viele Gründe, warum das nicht gemacht wurde, das ist auch alles verständlich, aber am Ende ist der Bestand kollabiert.

00:52:22.301 --> 00:52:23.400
<v Christopher Zimmermann>Das kann man ableiten.

00:52:23.401 --> 00:52:28.900
<v Christopher Zimmermann>Viel schwieriger ist es zu sagen, der Heringsbestand der westlichen Ostsee, dem geht es zurzeit gar nicht gut,

00:52:28.901 --> 00:52:33.100
<v Christopher Zimmermann>wir haben aber noch vorletztes Jahr gedacht, dass es ihm gut ginge und wir haben das Modell geändert,

00:52:33.101 --> 00:52:37.000
<v Christopher Zimmermann>wir haben die Stellschrauben geändert und sind jetzt der Ansicht, es geht ihm nicht gut.

00:52:37.001 --> 00:52:41.900
<v Christopher Zimmermann>Da ist kein einziger Fisch mehr gefangen worden, letztlich ist es nur unsere Wahrnehmung des Bestandes.

00:52:41.901 --> 00:52:47.700
<v Christopher Zimmermann>Und das an den Mann zu bringen, der Fischerei und der Politik zu erklären, ist deutlich schwieriger.

00:52:47.701 --> 00:52:52.200
<v Tim Pritlove>Kann ich mir vorstellen, das hat so ein bisschen was von Weissagung.

00:52:52.201 --> 00:52:59.300
<v Christopher Zimmermann>Genau, und wir bemühen uns halt, nicht dieses Weißkittel oder Papstwahl und Rauch kommt raus

00:52:59.301 --> 00:53:04.200
<v Christopher Zimmermann>und entweder ihr nehmt das, weil es sind die besten Daten, die ihr kriegen könnt oder ihr lasst es bleiben, aber wir erklären es nicht,

00:53:04.201 --> 00:53:06.700
<v Christopher Zimmermann>sondern wir versuchen, es so transparent wie möglich zu machen.

00:53:06.701 --> 00:53:10.900
<v Christopher Zimmermann>Wir beteiligen die Fischerei immer wieder, gerade bei diesen fundamentalen Änderungen.

00:53:10.901 --> 00:53:18.300
<v Christopher Zimmermann>Wir laden sie immer wieder ein, eigene Daten mitzubringen, die wir dann gemeinsam mit ihnen analysieren und das funktioniert auch gut.

00:53:18.301 --> 00:53:23.300
<v Christopher Zimmermann>Und wenn es erst mal nur ist, dass die Fischerei Verständnis entwickelt für die Schwierigkeiten, die wir haben,

00:53:23.301 --> 00:53:27.000
<v Christopher Zimmermann>zu einer möglichst exakten Aussage über den Fischbestand zu kommen.

00:53:27.001 --> 00:53:32.400
<v Christopher Zimmermann>Idealerweise sieht die Fischerei und auch die Politik dann auch ein, wofür das alles nützlich ist.

00:53:32.401 --> 00:53:39.300
<v Christopher Zimmermann>Warum wir so was brauchen und warum der Verweis auf die Unsicherheit unserer Ergebnisse am Ende nicht dazu dienen kann,

00:53:39.301 --> 00:53:43.900
<v Christopher Zimmermann>die Fischereiforschung insgesamt zu diskreditieren und dann zu sagen, das brauchen wir eigentlich alles nicht.

00:53:43.901 --> 00:53:46.800
<v Christopher Zimmermann>Wenn ihr 20-30% Unsicherheit habt, dann brauchen wir es nicht.

00:53:46.801 --> 00:53:52.300
<v Christopher Zimmermann>Doch wir brauchen es trotzdem, weil die andere Option ist, es gar nicht zu managen

00:53:52.301 --> 00:53:57.100
<v Christopher Zimmermann>und dann wie gesagt kann man langfristig nur ungefähr 10-15% der Ressource nutzen.

00:53:57.101 --> 00:54:00.500
<v Tim Pritlove>Ich meine, hier kann man ja wirklich mal betonen, dass hier alle im selben Boot sitzen.

00:54:00.501 --> 00:54:05.200
<v Tim Pritlove>Diesmal passt der Begriff dann auch wirklich richtig gut.

00:54:05.201 --> 00:54:11.700
<v Tim Pritlove>Ich könnte mir vorstellen, dass, wie in so vielen Bereichen, hier auch technologisch sich einiges dreht?

00:54:11.701 --> 00:54:17.400
<v Tim Pritlove>Also andere Messmethoden, generelle andere Ansätze.

00:54:17.401 --> 00:54:26.600
<v Tim Pritlove>Ich frage mich gerade, ob hier auch es in irgendeiner Form Unterstützung aus dem All geben kann, durch genauere Erdbeobachtung.

00:54:26.601 --> 00:54:32.700
<v Tim Pritlove>Meeresströme werden ja sehr viel genauer analysiert, Temperaturmessung, andere Aspekte, Algenbildung.

00:54:32.701 --> 00:54:36.600
<v Tim Pritlove>Das sind ja alles Dinge, die mittlerweile auch aus dem Weltall ganz gut beobachtet werden kann.

00:54:36.601 --> 00:54:42.800
<v Tim Pritlove>Gibt es da auch schon Berührungspunkte mit der ESA zum Beispiel hier, um neue Erkenntnisse zu gewinnen?

00:54:42.801 --> 00:54:46.400
<v Christopher Zimmermann>Klar die gibt es, was immer wir an Daten bekommen können, sammeln wir natürlich.

00:54:46.401 --> 00:54:51.000
<v Christopher Zimmermann>Also wir sammeln nicht nur immer friedlich vor uns hin und haben Scheuklappen, was alle anderen Disziplinen angeht,

00:54:51.001 --> 00:54:56.700
<v Christopher Zimmermann>sondern wo immer Daten, die für uns relevant sein könnten, gesammelt werden, gucken wir uns das auch an.

00:54:56.701 --> 00:55:00.000
<v Christopher Zimmermann>Das große Problem bei der Satelliten-, also bei der Fernerkundung, ist im Grunde,

00:55:00.001 --> 00:55:02.800
<v Christopher Zimmermann>dass die Eindringtiefe zu flach ist.

00:55:02.801 --> 00:55:05.900
<v Christopher Zimmermann>Alles, was wir aus den Satelliten sehen, sind Oberflächendaten.

00:55:05.901 --> 00:55:12.200
<v Christopher Zimmermann>In sehr sehr günstigen Fällen, also ganz klares Wasser zum Beispiel, ist die Eindringtiefe vielleicht 30 Meter oder so was.

00:55:12.201 --> 00:55:17.700
<v Christopher Zimmermann>Aber wenn man sich vorstellt, dass die Ostsee alleine, also das Bornholm-Becken,

00:55:17.701 --> 00:55:23.300
<v Christopher Zimmermann>wo die meisten Dorsche rumschwimmen, ist so 60-80 Meter tief, im offenen Ozean ist das alles noch viel tiefer,

00:55:23.301 --> 00:55:26.700
<v Christopher Zimmermann>der Wasserkörper darunter ist für die Fischerei eigentlich der spannend,

00:55:26.701 --> 00:55:32.500
<v Christopher Zimmermann>und an der Oberfläche gibt es so einzelne Bestände, Makrelen zum Beispiel, die in der Nähe der Oberfläche wohnen,

00:55:32.501 --> 00:55:34.500
<v Christopher Zimmermann>aber insgesamt …

00:55:34.501 --> 00:55:37.300
<v Tim Pritlove>Na gut, ich bin jetzt nicht davon ausgegangen, dass man mit dem Satelliten die Fische zählen kann,

00:55:37.301 --> 00:55:42.800
<v Tim Pritlove>aber sozusagen weitere Parameter in die Gesamtrechnung mit einfließen zu lassen.

00:55:42.801 --> 00:55:46.300
<v Christopher Zimmermann>Genau, aber auch da habe ich dann die Oberflächentemperatur.

00:55:46.301 --> 00:55:53.200
<v Christopher Zimmermann>Mich interessiert aber die Insitu-Temperatur, also die Temperatur auf der Fangtiefe, da wo die Fische leben.

00:55:53.201 --> 00:55:55.400
<v Christopher Zimmermann>Und da gibt die Oberflächentemperatur einen guten Hinweis oder, was weiß ich,

00:55:55.401 --> 00:55:59.900
<v Christopher Zimmermann>die Entwicklung von Blaualgenblüten, die dann toxisch sein können, das kann man an der Oberfläche sehen

00:55:59.901 --> 00:56:03.300
<v Christopher Zimmermann>und das hat natürlich eine Auswirkung auch auf den Wasserkörper darunter,

00:56:03.301 --> 00:56:09.800
<v Christopher Zimmermann>aber letztlich kann ich dann nur mutmaßen, wie genau die Temperatur am Meeresboden war, wo die meisten Fische dann leben.

00:56:09.801 --> 00:56:13.100
<v Tim Pritlove>Was sind denn andere Ansätze zur neuen Datenerhebung?

00:56:13.101 --> 00:56:17.100
<v Tim Pritlove>Also gibt es Technologien, die jetzt einen größeren Impact haben?

00:56:17.101 --> 00:56:20.800
<v Christopher Zimmermann>Die gibt es, also wenn wir mal 20-30 Jahre in die Zukunft gucken, dann stellen wir fest,

00:56:20.801 --> 00:56:25.500
<v Christopher Zimmermann>dass diese Fahrzeuge, die Schiffe, die Forschungsschiffe, die wir benutzen, extrem teuer sind,

00:56:25.501 --> 00:56:30.300
<v Christopher Zimmermann>wir brauchen die wie gesagt als Plattform, aber das größte Schiff, was wir gerade ersetzen,

00:56:30.301 --> 00:56:35.500
<v Christopher Zimmermann>die Walter-Herwig, sozusagen der Stolz unserer Forschungsflotte kommt jetzt in die Jahre,

00:56:35.501 --> 00:56:38.700
<v Christopher Zimmermann>wird demnächst 30 Jahre alt und wird dann ausgemustert und durch einen Neubau ersetzt.

00:56:38.701 --> 00:56:44.600
<v Christopher Zimmermann>Und dieser Neubau kostet tatsächlich zwischen 80 und 100 Millionen Euro.

00:56:44.601 --> 00:56:48.300
<v Christopher Zimmermann>Da kann man, mein Institut hier hat 6 Millionen Euro gekostet.

00:56:48.301 --> 00:56:53.300
<v Christopher Zimmermann>Wenn man das vergleicht und die Lebensdauer des Instituts ist mit Sicherheit länger als die eines Forschungsschiffes,

00:56:53.301 --> 00:56:55.800
<v Christopher Zimmermann>was vielleicht so 30-35 Jahre alt wird.

00:56:55.801 --> 00:56:58.900
<v Christopher Zimmermann>Das bemühen wir uns vor allen Dingen kosteneffizienter zu machen.

00:56:58.901 --> 00:57:01.900
<v Christopher Zimmermann>Personal ist sehr teuer, gut ausgebildetes Personal ist sehr teuer.

00:57:01.901 --> 00:57:10.000
<v Christopher Zimmermann>Und da kann man mit ferngesteuerten oder sogar teilautonomen Vehikeln oder Wasservehikeln sicher einiges machen.

00:57:10.001 --> 00:57:14.100
<v Christopher Zimmermann>Also eine Vorstellung ist, dass wir unsere Akustik-Serways, wo wir versuchen,

00:57:14.101 --> 00:57:19.200
<v Christopher Zimmermann>mit Schallwellen kleine Schwarmfische aufzuspüren, weil die Beprobungsdichte muss sehr groß sein,

00:57:19.201 --> 00:57:22.400
<v Christopher Zimmermann>weil die sich in Schwärmen ballen und wenn man einen Schwarm verpasst,

00:57:22.401 --> 00:57:25.400
<v Christopher Zimmermann>dann denkt man, das Meer wäre leer, dabei war der Schwarm direkt daneben.

00:57:25.401 --> 00:57:28.700
<v Christopher Zimmermann>Wenn man einen Schwarm erwischt, denkt man, man könnte trockenen Fußes nach Schweden laufen,

00:57:28.701 --> 00:57:31.400
<v Christopher Zimmermann>dabei war das nur eine Momentaufnahme.

00:57:31.401 --> 00:57:37.900
<v Christopher Zimmermann>Das heißt, wir müssen da eine sehr große Beprobungsdichte haben und das kann man mit Schiffen nur gemeinsam machen.

00:57:37.901 --> 00:57:41.900
<v Christopher Zimmermann>So machen wir es bisher und sehr aufwendig machen über viele Wochen.

00:57:41.901 --> 00:57:48.300
<v Christopher Zimmermann>Man könnte sich aber vorstellen, dass dieses Schiff einfach als Basis für eine Flotte von Unterwasserrobotern dient,

00:57:48.301 --> 00:57:55.900
<v Christopher Zimmermann>von Unterwasserdrohnen sozusagen, die dann genau diese akustischen Messungen entweder in einem viel größeren Bereich gleichzeitig

00:57:55.901 --> 00:58:01.300
<v Christopher Zimmermann>oder mit viel höherer Auflösung betreiben und dann abends wieder auf das Forschungsschiff zurückkommen, aufgeladen werden,

00:58:01.301 --> 00:58:07.200
<v Christopher Zimmermann>die Daten werden runtergesogen sozusagen, gleich verarbeitet, ich denke da geht es hin.

00:58:07.201 --> 00:58:14.000
<v Christopher Zimmermann>Da gibt es die ersten Vorstellungen dazu, da gibt es die ersten fast anwendbaren Geräte,

00:58:14.001 --> 00:58:16.500
<v Christopher Zimmermann>die sind alle im Moment noch so teuer, dass sich das kaum jemand leisten kann,

00:58:16.501 --> 00:58:18.100
<v Christopher Zimmermann>aber früher oder später wird das so sein.

00:58:18.101 --> 00:58:19.900
<v Tim Pritlove>Da tut sich ja gerade eine Menge.

00:58:19.901 --> 00:58:25.800
<v Tim Pritlove>Und vor allem, die können sich ja im Prinzip auch selber aufladen, also ich habe auch schon verschiedene Beispiel von so Hochseedrohnen gesehen,

00:58:25.801 --> 00:58:30.300
<v Christopher Zimmermann>die halt Strömungen etc., Meerestemperatur messen, die im Prinzip autark sind.

00:58:30.301 --> 00:58:36.700
<v Tim Pritlove>Also die einfach aufsteigen, so lange an der Sonne bleiben, bis sie ihre Akkus wieder geladen haben,

00:58:36.701 --> 00:58:39.400
<v Tim Pritlove>sich dann absenken, ihre Messungen machen etc..

00:58:39.401 --> 00:58:43.000
<v Tim Pritlove>Also das ist sozusagen ein Trend, der jetzt absehbar ist.

00:58:43.001 --> 00:58:45.500
<v Tim Pritlove>Das klingt ja eigentlich recht verheißungsvoll.

00:58:45.501 --> 00:58:51.200
<v Tim Pritlove>Das könnte ja bedeuten, dass dieses Problem der Auflösung oder eben auch der Frequenz oder eben beides

00:58:51.201 --> 00:58:54.300
<v Tim Pritlove>signifikant sich ändern könnte.

00:58:54.301 --> 00:59:01.600
<v Christopher Zimmermann>Ja, es wird scher präziser, wie im Grunde seit 100 Jahren, seitdem wir das mit unseren internationalen Partnern betreiben.

00:59:01.601 --> 00:59:06.100
<v Christopher Zimmermann>Da war am Anfang der Schwerpunkt darauf, die Methoden zu harmonisieren, damit wir wirklich alle das gleiche machen.

00:59:06.101 --> 00:59:07.600
<v Christopher Zimmermann>Und das tun wir.

00:59:07.601 --> 00:59:10.300
<v Christopher Zimmermann>Jetzt ist der Schwerpunkt auf der technologischen Weiterentwicklung.

00:59:10.301 --> 00:59:13.300
<v Christopher Zimmermann>Dennoch werden wir auch durch Unterwasserdrohnen am Ende nicht wissen,

00:59:13.301 --> 00:59:16.500
<v Christopher Zimmermann>in welchem Ernährungszustand dieser oder jener Dorschbestand war.

00:59:16.501 --> 00:59:19.300
<v Christopher Zimmermann>Also auch dafür werden wir die Fische einfach weiter anfassen müssen.

00:59:19.301 --> 00:59:20.500
<v Tim Pritlove>Ja klar.

00:59:20.501 --> 00:59:24.400
<v Christopher Zimmermann>Und um die anzufassen, müssen wir sie vorher fangen und das werden Drohnen erst mal nicht für uns tun.

00:59:24.401 --> 00:59:26.000
<v Tim Pritlove>Wer weiß?

00:59:26.001 --> 00:59:30.600
<v Christopher Zimmermann>Wer weiß, also es bleibt dabei, wir werden solche Forschungsplattformen brauchen,

00:59:30.601 --> 00:59:34.500
<v Christopher Zimmermann>aber wir werden sie wahrscheinlicher viel sinnvoller und viel kostengünstiger einsetzen können.

00:59:34.501 --> 00:59:38.100
<v Christopher Zimmermann>Und können dann mehr Programme zur gleichen Zeit als wir es zurzeit können.

00:59:38.101 --> 00:59:43.800
<v Christopher Zimmermann>Das ist sozusagen die Forschungsseite, die Datenerhebungsseite aus der Forschung.

00:59:43.801 --> 00:59:48.600
<v Christopher Zimmermann>Es gibt aber natürlich auch die Datenerhebungsseite aus der kommerziellen Fischerei.

00:59:48.601 --> 00:59:51.400
<v Christopher Zimmermann>Und ich hatte schon gesagt, 80% der Daten kommen aus der kommerziellen Fischerei,

00:59:51.401 --> 00:59:54.500
<v Christopher Zimmermann>und da wissen wir von den großen Fahrzeugen sehr sehr gut Bescheid,

00:59:54.501 --> 00:59:58.600
<v Christopher Zimmermann>weil wir da Beobachter an Bord haben oder die lückenlos mit Satelliten überwacht werden,

00:59:58.601 --> 01:00:03.800
<v Christopher Zimmermann>wir wissen aber von den kleinen Fahrzeugen, also diesen Booten zwischen 5 und 8 Metern, sagen wir mal,

01:00:03.801 --> 01:00:07.600
<v Christopher Zimmermann>und aus der Nebenerwerbsfischerei und so weiter, da wissen wir tatsächlich relativ wenig.

01:00:07.601 --> 01:00:10.900
<v Christopher Zimmermann>Die meisten Fahrzeuge sind zu klein, um Beobachter mitnehmen zu können,

01:00:10.901 --> 01:00:14.900
<v Christopher Zimmermann>da können wir also nur nebenherfahren.

01:00:14.901 --> 01:00:18.600
<v Christopher Zimmermann>Das reicht aber nicht, weil wir keine flächendeckende Abdeckung hinbekommen.

01:00:18.601 --> 01:00:23.500
<v Christopher Zimmermann>Und auch da sitzen wir dran und haben im letzten Jahr eine Smartphone-Application entwickelt,

01:00:23.501 --> 01:00:29.800
<v Christopher Zimmermann>um die Fischer in die Lage zu versetzen, ihre genauen Fangpositionen anzugeben.

01:00:29.801 --> 01:00:32.600
<v Christopher Zimmermann>Und das so einfach wie möglich, wir wollen die ja nicht irgendwie knechten,

01:00:32.601 --> 01:00:35.900
<v Christopher Zimmermann>und natürlich beschweren die sich zurecht, dass es auf einem schaukelnden Boot,

01:00:35.901 --> 01:00:41.200
<v Christopher Zimmermann>wenn es nass ist und 1 Grad kalt oder so was, dann ist es schon schwierig, ein Smartphone zu bedienen.

01:00:41.201 --> 01:00:46.100
<v Christopher Zimmermann>Auch da arbeiten wir dran, dass man irgendwelche Bluetoothknöpfe hat, auf die man nur drauf haut,

01:00:46.101 --> 01:00:51.000
<v Christopher Zimmermann>die man irgendwo ans Ruderhaus klebt und dann haut man drauf und dann spielt sich das automatisch durch das Menü durch

01:00:51.001 --> 01:00:57.900
<v Christopher Zimmermann>und sagt halt, einmal drauf hauen ist Netz setzen, zweimal draufhauen ist Ende Netz setzen oder irgendwie so was.

01:00:57.901 --> 01:01:01.100
<v Christopher Zimmermann>Am Ende wird es in den nächsten paar Jahren technische Entwicklungen geben,

01:01:01.101 --> 01:01:06.000
<v Christopher Zimmermann>die uns ermöglichen, auch die Daten aus der kommerziellen Fischerei viel verlässlicher zu erheben

01:01:06.001 --> 01:01:08.700
<v Christopher Zimmermann>und das eben möglichst flächendeckend.

01:01:08.701 --> 01:01:12.600
<v Christopher Zimmermann>Nicht nur zum Wohle unserer Bestandsberechnung, was am Ende auch zum Wohle der Fischerei ist,

01:01:12.601 --> 01:01:17.000
<v Christopher Zimmermann>weil unsere Daten verlässlicher werden, sondern auch direkt zum Wohl der Fischerei,

01:01:17.001 --> 01:01:20.800
<v Christopher Zimmermann>weil wir am Ende die Fischerei nachhaltiger gestalten können.

01:01:20.801 --> 01:01:25.000
<v Christopher Zimmermann>Wenn wir also wissen, in der kleinen Stellnetzfischerei gibt es Probleme mit Seevogelbeifängen,

01:01:25.001 --> 01:01:28.000
<v Christopher Zimmermann>dann können wir versuchen, durch bessere Daten genau rauszukriegen,

01:01:28.001 --> 01:01:30.500
<v Christopher Zimmermann>wo ist denn die Überlappung, das Risiko am größten.

01:01:30.501 --> 01:01:36.600
<v Christopher Zimmermann>Und statt dann zu sagen, wie es einige Umweltverbände fordern, die Stellnetzfischerei sollte aus der Ostsee ganz ausgeschlossen werden,

01:01:36.601 --> 01:01:42.500
<v Christopher Zimmermann>weil wir es nicht akzeptabel finden, dass da so viele Enten oder meinetwegen auch Schweinswale oder so was drin landen,

01:01:42.501 --> 01:01:46.100
<v Christopher Zimmermann>könnte man das viel genauer fassen und sagen, zu dieser Zeit solltet ihr dort nicht fischen

01:01:46.101 --> 01:01:50.900
<v Christopher Zimmermann>oder eine alternative Fangtechnik verwenden, aber zu anderen Zeiten ist es gar nicht gefährlich,

01:01:50.901 --> 01:01:54.200
<v Christopher Zimmermann>weil da so gut wie keine Enten in euren Netzen landen.

01:01:54.201 --> 01:01:58.000
<v Christopher Zimmermann>Um das bestimmen zu können, brauchen wir viel mehr und viel besser Daten,

01:01:58.001 --> 01:01:59.900
<v Christopher Zimmermann>und die versuchen wir zu erheben.

01:01:59.901 --> 01:02:05.000
<v Christopher Zimmermann>Da kommt uns übrigens die aktuelle Datenschutzrichtlinie, die europäische, in die Quere,

01:02:05.001 --> 01:02:09.500
<v Christopher Zimmermann>weil auch das natürlich im Grunde personenbezogene Daten sind, die nicht für wissenschaftliche Zwecke,

01:02:09.501 --> 01:02:13.000
<v Christopher Zimmermann>sondern höchstens für Kontrollzwecke erhoben werden und wir haben große Probleme,

01:02:13.001 --> 01:02:15.000
<v Christopher Zimmermann>an diese Daten ranzukommen.

01:02:15.001 --> 01:02:19.900
<v Christopher Zimmermann>Also eigentlich müssen wir jeden einzelnen Fischer fragen, ob der damit einverstanden wäre, dass wir die Daten nutzen.

01:02:19.901 --> 01:02:22.900
<v Tim Pritlove>Ja gut, aber das ist ja dann auch eine einmalige Geschichte oder?

01:02:22.901 --> 01:02:25.400
<v Christopher Zimmermann>Die Frage bei der Fischerei?

01:02:25.401 --> 01:02:28.000
<v Christopher Zimmermann>Na wir finden erst mal kaum Fischer, die sagen, jaja macht mal,

01:02:28.001 --> 01:02:32.500
<v Christopher Zimmermann>die einsehen, dass es zu ihrem Wohl ist unmittelbar.

01:02:32.501 --> 01:02:34.800
<v Christopher Zimmermann>Das ist also eine heiße Diskussion.

01:02:34.801 --> 01:02:37.500
<v Christopher Zimmermann>Und dann kommt die Bundesdatenschutzbeauftragte und sagt, nein nein,

01:02:37.501 --> 01:02:42.000
<v Christopher Zimmermann>Daten, die für Kontrollzwecke erhoben sind, können Sie leider nicht für wissenschaftliche Zwecke verwenden.

01:02:42.001 --> 01:02:46.900
<v Christopher Zimmermann>Andererseits möchte unser auftragegebendes Ministerium für die Ausweisung von Schutzgebieten

01:02:46.901 --> 01:02:52.200
<v Christopher Zimmermann>oder für die Datenlieferung an die Helsinki-Konvention oder so was halt genau wissen,

01:02:52.201 --> 01:02:56.300
<v Christopher Zimmermann>wo sich wieviele Fahrzeuge aufhalten, das kriegen wir wieder nur über diese Daten raus.

01:02:56.301 --> 01:03:02.600
<v Tim Pritlove>Ja, die Datenschutzgrundverordnung, das wird sicherlich noch ein interessanter Prallbock der Realitäten werden im diesem Jahr,

01:03:02.601 --> 01:03:10.300
<v Tim Pritlove>ich denke, das ist auch jedem klar, dass hier der erste Wurf sicherlich noch nicht überall perfekt sitzt.

01:03:10.301 --> 01:03:16.400
<v Tim Pritlove>Aber auch um solche Fragen muss man sich ja letzten Endes kümmern.

01:03:16.401 --> 01:03:24.300
<v Tim Pritlove>Was mir noch einfiel, es gibt ja auch so, wie heißt das, Rückwürfe, also wenn Fische gefangen werden,

01:03:24.301 --> 01:03:29.600
<v Tim Pritlove>aber auch wieder zurück ins Meer gehen, aus welchen Gründen auch immer, also was sind da die Motivationen,

01:03:29.601 --> 01:03:32.600
<v Tim Pritlove>das überhaupt zu tun und was muss man darüber wissen?

01:03:32.601 --> 01:03:35.200
<v Christopher Zimmermann>Da gibt es ganz verschiedene Motivationen.

01:03:35.201 --> 01:03:38.800
<v Christopher Zimmermann>In erster Näherung ist alles, was der Fischer für wertlos hält, geht wieder über Bord

01:03:38.801 --> 01:03:40.900
<v Christopher Zimmermann>oder ging wenigstens bisher wieder über Bord.

01:03:40.901 --> 01:03:46.100
<v Christopher Zimmermann>Dann gibt es aber eine Reihe von Regeln, die den Fischer zwingen, Fische über Bord zu schmeißen,

01:03:46.101 --> 01:03:49.100
<v Christopher Zimmermann>selbst wenn er für den Fischer wertvoll ist.

01:03:49.101 --> 01:03:55.100
<v Christopher Zimmermann>Bisher war es also so, dass die Quoten, die Fischereiquoten, die Fangmengenbegrenzung gar keine Fangmengenbegrenzung,

01:03:55.101 --> 01:03:57.400
<v Christopher Zimmermann>sondern Anlandemengenbegrenzungen waren.

01:03:57.401 --> 01:04:02.100
<v Christopher Zimmermann>Das heißt, der Fischer konnte weiter fischen, wenn er die Quote für eine Art aber ausgeschöpft hatte,

01:04:02.101 --> 01:04:07.300
<v Christopher Zimmermann>die ihm zugewiesene Quote, durfte er den Fisch nicht mehr anlanden und musste ihn dann über Bord schmeißen.

01:04:07.301 --> 01:04:12.500
<v Christopher Zimmermann>Dadurch wurde relativ viel Fisch vernichtet, der theoretisch anlande- und auch verzehrfähig war.

01:04:12.401 --> 01:04:15.500
<v Tim Pritlove>Weil die Fische dann schon sterben, wenn sie gefangen werden.

01:04:12.501 --> 01:04:12.400
<v Christopher Zimmermann>Das ist natürlich ein Irrsinn

01:04:15.501 --> 01:04:16.500
<v Christopher Zimmermann>Genau, und das ist sehr unterschiedlich.

01:04:16.501 --> 01:04:21.600
<v Christopher Zimmermann>Es gibt Fische, die diesen Vorgang, also den Fang- und Sortiervorgang, vergleichsweise gut überleben,

01:04:21.601 --> 01:04:25.500
<v Christopher Zimmermann>aber die allermeisten Fische überleben den eben nicht, wenn die vier Stunden in einem Netz waren

01:04:25.501 --> 01:04:32.200
<v Christopher Zimmermann>und mit ihren Genossen zusammen in dem Netz gedrückt wurden und dann sagen wir mal noch 20 Minuten an der Luft getrocknet sind,

01:04:32.201 --> 01:04:35.600
<v Christopher Zimmermann>bis sie verarbeitet wurden, dann sind die Überlebenschancen gleich 0.

01:04:35.601 --> 01:04:39.000
<v Christopher Zimmermann>Es gibt bestimmte Fangtechniken, bei denen das anders ist, wenn die in großen Reusen gefangen werden,

01:04:39.001 --> 01:04:43.000
<v Christopher Zimmermann>bleiben die lebend, oder beim Angeln sind die Überlebensraten relativ groß, das wissen wir,

01:04:43.001 --> 01:04:47.600
<v Christopher Zimmermann>aber in der kommerziellen Fischerei, egal ob in der Stellnetzfischerei oder in der Schleppnetzfischerei,

01:04:47.601 --> 01:04:50.600
<v Christopher Zimmermann>sind die Überlebensraten sehr sehr gering.

01:04:50.601 --> 01:04:56.400
<v Christopher Zimmermann>Das hat Gesetzgeber dazu bewogen, im Rahmen der letzten Reform der gemeinsamen europäischen Fischereipolitik,

01:04:56.401 --> 01:04:59.300
<v Christopher Zimmermann>ein sogenanntes Anlandegebot vorzusehen.

01:04:59.301 --> 01:05:05.000
<v Christopher Zimmermann>Das heißt, alle quotierten Arten, die gefangen wurden, müssen mit an Land gebracht werden.

01:05:05.001 --> 01:05:08.300
<v Christopher Zimmermann>Das alleine wäre gar nicht nötig gewesen, man hätte es auch einfach dokumentieren können,

01:05:08.301 --> 01:05:11.600
<v Christopher Zimmermann>aber wichtig ist, sie müssen auf die Quote angerechnet werden,

01:05:11.601 --> 01:05:15.000
<v Christopher Zimmermann>und wenn die Quote ausgeschöpft ist, darf das Fahrzeug nicht mehr fahren.

01:05:15.001 --> 01:05:18.700
<v Christopher Zimmermann>Anders als bisher, wo der immer weiter fahren konnte, und einfach weiter gefischt hat,

01:05:18.701 --> 01:05:23.500
<v Christopher Zimmermann>und dann die Fische, für die er noch Quote hatte, raussortiert hat und die anderen über Bord geschmissen hat,

01:05:23.501 --> 01:05:28.500
<v Christopher Zimmermann>ist jetzt die Fischerei zu Ende, wenn man die erste Quote ausgeschöpft hat.

01:05:28.501 --> 01:05:32.600
<v Tim Pritlove>Aber wie kann man denn die Fischer daran hindern, das einfach weiterhin zu tun?

01:05:32.601 --> 01:05:37.600
<v Christopher Zimmermann>Das genau ist die gute Frage, und leider hat der Gesetzgeber an dieser Stelle wieder ein Gesetz erlassen

01:05:37.601 --> 01:05:41.000
<v Christopher Zimmermann>ohne sich um die Implementierung, also die Umsetzung, zu kümmern.

01:05:41.001 --> 01:05:46.200
<v Christopher Zimmermann>Und das erweist sich jetzt als riesiger Nachteil, weil es tatsächlich fast keine Möglichkeit gibt,

01:05:46.201 --> 01:05:50.600
<v Christopher Zimmermann>der Fischerei gerichtsfest nachzuweisen, wenn sie doch weiter "discarded"

01:05:50.601 --> 01:05:52.800
<v Christopher Zimmermann>Und wir wissen, dass es einzelne Fischereien gibt, auch in der Ostsee,

01:05:52.801 --> 01:05:58.700
<v Christopher Zimmermann>wo die Discard-Raten sogar gestiegen sind nach Einführungen des Discard Bans, des Anlandeverbotes.

01:05:58.701 --> 01:06:03.200
<v Christopher Zimmermann>Das ist natürlich im Grunde unhaltbar, denn die Ehrlichen sind an dieser Stelle die Gelackmeierten.

01:06:03.201 --> 01:06:04.300
<v Tim Pritlove>Ja, was könnte man denn tun?

01:06:04.301 --> 01:06:09.300
<v Christopher Zimmermann>Das, was man aus unserer Sicht tun könnte, wäre, für alle die gleichen Regeln erlassen und die lückenlos überwachen,

01:06:09.301 --> 01:06:12.600
<v Christopher Zimmermann>das kann man inzwischen mit elektronischen Möglichkeiten machen.

01:06:12.601 --> 01:06:14.200
<v Christopher Zimmermann>Das ist so dieses Stichwort, Kameras an Bord.

01:06:14.201 --> 01:06:18.400
<v Christopher Zimmermann>Ich kann gut verstehen, dass Fischer der Meinung sind, wir wollen nicht überwacht werden,

01:06:18.401 --> 01:06:21.600
<v Christopher Zimmermann>das will keiner von uns gerne, aber wir dürfen nicht vergessen,

01:06:21.601 --> 01:06:25.000
<v Christopher Zimmermann>der Fischer nutzt eine Ressource, die uns, der Gesellschaft, gehört,

01:06:25.001 --> 01:06:28.500
<v Christopher Zimmermann>er zahlt dafür nicht, er bekommt sie von uns zur Verfügung gestellt,

01:06:28.501 --> 01:06:31.500
<v Christopher Zimmermann>da können wir doch erwarten, dass er die von uns erlassenen Regeln einhält.

01:06:31.501 --> 01:06:36.800
<v Christopher Zimmermann>Und wenn er das möglicherweise nicht tut, dann muss man es besser kontrollieren.

01:06:36.801 --> 01:06:42.100
<v Christopher Zimmermann>Und was mir vorschwebt, ist, dass man sagt, wir wissen, in dieser Fischerei gibt es bis zu 20% Rückwürfe,

01:06:42.101 --> 01:06:46.300
<v Christopher Zimmermann>um auf der sicheren Seite zu sein, ziehen wir das ab von der Quote,

01:06:46.301 --> 01:06:51.600
<v Christopher Zimmermann>das heißt, der Fischer bekommt nur 80% seiner Quote, wenn er die zusätzlichen 20% haben möchte,

01:06:51.601 --> 01:06:55.600
<v Christopher Zimmermann>dann müsste er sich Kameras an Bord installieren oder elektronisches Monitoring installieren,

01:06:55.601 --> 01:06:59.900
<v Christopher Zimmermann>dann kann er die zusätzlichen 20% auch nutzen, hat einen Anreiz.

01:06:59.901 --> 01:07:03.300
<v Christopher Zimmermann>Aber wir adressieren auch, dass der Fischer sagt, ich will das nicht.

01:07:03.301 --> 01:07:07.500
<v Christopher Zimmermann>Kein Problem, wenn er das nicht will, dann fischt er halt bloß 80% der bisherigen Quote.

01:07:07.501 --> 01:07:13.900
<v Tim Pritlove>Jetzt sind wir ja im Prinzip bei diesem Thema von der Datenerfassung schon zum eigentlichen Management gekommen.

01:07:13.901 --> 01:07:20.000
<v Tim Pritlove>Die Frage, wie kann man generell Anreize schaffen, um die ganze Fischerei in einer Art und Weise ablaufen zu lassen,

01:07:20.001 --> 01:07:27.700
<v Tim Pritlove>dass es eben für alle Beteiligten, also die Gesellschaft, die Umwelt, die Fische – gut, die Fische sind immer ein bisschen die Gelackmeierten -

01:07:27.701 --> 01:07:31.600
<v Tim Pritlove>aber im Prinzip das ganze System rund zu machen.

01:07:31.601 --> 01:07:37.800
<v Tim Pritlove>Das war jetzt so ein Beispiel, was sind denn so die anderen Politiken, auf die Sie so drängen als Institut?

01:07:37.801 --> 01:07:42.100
<v Christopher Zimmermann>Ja wir fangen erst mal an mit der Analyse, wie läuft es bisher?

01:07:42.101 --> 01:07:44.100
<v Christopher Zimmermann>Was machen wir bisher, damit es gut läuft?

01:07:44.101 --> 01:07:50.100
<v Christopher Zimmermann>Wo läuft es schlecht, was könnten wir tun, um den Problemen abzuhelfen?

01:07:50.101 --> 01:07:55.600
<v Christopher Zimmermann>Und wir sehen einfach, es gibt die europäische gemeinsame Fischereipolitik seit vielen Jahrzehnten,

01:07:55.601 --> 01:07:58.300
<v Christopher Zimmermann>und im Grunde läuft das immer gleich ab.

01:07:58.301 --> 01:08:04.900
<v Christopher Zimmermann>Wir als Eigentümer der Ressource erlassen eine Regel, die Regel wird von Schreibtischtätern,

01:08:04.901 --> 01:08:10.900
<v Christopher Zimmermann>wie wir natürlich letztlich auch sind, aber dann auch von den viel gescholtenen Bürokraten in Brüssel erlassen,

01:08:10.901 --> 01:08:15.400
<v Christopher Zimmermann>und der Fischer hat viel Zeit, sich darum zu kümmern, wie man die Regeln möglichst weit auslegt

01:08:15.401 --> 01:08:20.300
<v Christopher Zimmermann>bzw. wie man sie rechtskonform oder nicht rechtskonform umgeht.

01:08:20.301 --> 01:08:23.800
<v Christopher Zimmermann>Das, was wirklich fehlt, ist eine fundamentale Änderung, die immer Auge hat,

01:08:23.801 --> 01:08:25.600
<v Christopher Zimmermann>wir müssen die richtigen Anreize schaffen.

01:08:25.601 --> 01:08:29.500
<v Christopher Zimmermann>Wir brauchen im Grunde viel weniger Regeln, denn zurzeit kommt immer auf jede Regel,

01:08:29.501 --> 01:08:33.100
<v Christopher Zimmermann>die nicht funktioniert hat, eine neue Regel drauf, statt dass man die alte Regel abschafft.

01:08:33.101 --> 01:08:37.500
<v Christopher Zimmermann>Wir brauchen weniger neue Regeln, wir brauchen überhaupt aus unserer Sicht viel weniger Regeln

01:08:37.501 --> 01:08:41.100
<v Christopher Zimmermann>und stattdessen ein vernünftiges gut durchdachtes Anreizsystem.

01:08:41.101 --> 01:08:48.000
<v Christopher Zimmermann>Dann käme man mit sehr wenigen klaren Regeln mit möglichst wenig Ausnahmen klar.

01:08:48.001 --> 01:08:51.900
<v Christopher Zimmermann>Also zum Beispiel mit einer Fangmengenbegrenzung, die dann aber auch durchgehalten werden muss.

01:08:51.901 --> 01:08:53.400
<v Christopher Zimmermann>Da kann es keine Ausnahmen davon geben.

01:08:53.401 --> 01:08:58.100
<v Christopher Zimmermann>Das heißt, dann alles, was ich gefangen habe, muss auch mit, muss auf die Quote angerechnet werden.

01:08:58.101 --> 01:09:03.700
<v Christopher Zimmermann>Ich finde sogar, Fische, die nicht quotiert sind, sollten darauf angerechnet werden auf die eine oder andere Art und Weise,

01:09:03.701 --> 01:09:05.800
<v Christopher Zimmermann>denn da ist das Discarden nach wie vor möglich.

01:09:05.801 --> 01:09:11.400
<v Christopher Zimmermann>Aber dafür kann man all diese Spezialregeln, die inzwischen den Aufbau von Netzen,

01:09:11.401 --> 01:09:16.800
<v Christopher Zimmermann>die Anzahl der Maschen im Umfang des letzten Teils des Netzes und so weiter regulieren,

01:09:16.801 --> 01:09:21.900
<v Christopher Zimmermann>wenn ein Fischer sein Netz reparieren muss, dann gibt es Vorschriften, wie er das reparieren muss.

01:09:21.901 --> 01:09:26.300
<v Christopher Zimmermann>Ich kann verstehen, dass der Fischer am Ende sagt, wir stehen erstens immer mit einem Bein im Gefängnis

01:09:26.301 --> 01:09:30.400
<v Christopher Zimmermann>und wer soll das überhaupt alles im Kopf oder auf Papier haben?

01:09:30.401 --> 01:09:33.400
<v Christopher Zimmermann>Man müsste im Grunde Aktenordner mit an Bord nehmen, um da nachzugucken,

01:09:33.401 --> 01:09:35.300
<v Christopher Zimmermann>ob man sich noch regelkonform verhält.

01:09:35.301 --> 01:09:37.300
<v Christopher Zimmermann>Das würden wir gerne ändern.

01:09:37.301 --> 01:09:41.000
<v Christopher Zimmermann>Und dazu gehört, dass wir verstehen müssen, wie Fischer genau ticken.

01:09:41.001 --> 01:09:44.000
<v Christopher Zimmermann>Denn am Ende des Tages managen wir kein Fischbestände.

01:09:44.001 --> 01:09:46.600
<v Christopher Zimmermann>Der Biologie ist ziemlich egal, was wir hier so machen.

01:09:46.601 --> 01:09:51.400
<v Christopher Zimmermann>Die Fischbestände werden größer und kleiner je nach Umweltbedingungen und Fischereidruck.

01:09:51.401 --> 01:09:55.400
<v Christopher Zimmermann>Sondern wir managen menschliches Verhalten, in diesem Fall das Verhalten des Fischers.

01:09:55.401 --> 01:10:03.200
<v Christopher Zimmermann>Und eigentlich müsste die Intension dahingehen, Gesetze zu erlassen, deren Einhaltung im Interesse des Fischers ist.

01:10:03.201 --> 01:10:07.400
<v Christopher Zimmermann>Das erfordert ein ganz anderes Denken und das wird dann sehr sehr schwierig,

01:10:07.401 --> 01:10:12.300
<v Christopher Zimmermann>wenn man zum Beispiel mit Inspektoren verhandelt, die halt wissen wie es läuft normalerweise,

01:10:12.301 --> 01:10:15.000
<v Christopher Zimmermann>wie es in den letzten 45 Jahren gelaufen ist und die sagen,

01:10:15.001 --> 01:10:17.500
<v Christopher Zimmermann>ja aber das kann man nicht gerichtsfest nachweisen.

01:10:17.501 --> 01:10:20.900
<v Christopher Zimmermann>Und so was wie Beweislastumkehr, das ist so ein bisschen so mein Steckenpferd.

01:10:20.901 --> 01:10:25.600
<v Christopher Zimmermann>Ich bin der Meinung, wenn ein Fischer die von uns besessene Ressource benutzt,

01:10:25.601 --> 01:10:29.500
<v Christopher Zimmermann>dann könnten wir von ihm auch verlangen, dass er uns nachweist, dass er sich an die Regeln hält,

01:10:29.501 --> 01:10:30.600
<v Christopher Zimmermann>statt das andersrum zu machen.

01:10:30.601 --> 01:10:33.600
<v Christopher Zimmermann>Wir müssen immer gerichtsfest nachweisen, dass der Fischer sich an die Regeln hält.

01:10:33.601 --> 01:10:37.800
<v Christopher Zimmermann>Das ist in unserem Rechtssystem ganz schwierig durchzusetzen.

01:10:37.801 --> 01:10:38.600
<v Christopher Zimmermann>Aber auch dafür gibt es Beispiele.

01:10:38.601 --> 01:10:42.700
<v Christopher Zimmermann>Wenn einer von uns tankt an der Tankstelle, ist der sofort unter Generalverdacht,

01:10:42.701 --> 01:10:46.500
<v Christopher Zimmermann>der wird immer gefilmt, damit man, wenn er abhaut, ohne zu bezahlen, ihn verfolgen kann.

01:10:46.501 --> 01:10:49.500
<v Christopher Zimmermann>In dem Moment, wo er vernünftig bezahlt hat, wird das Band wieder gelöscht.

01:10:49.501 --> 01:10:53.100
<v Christopher Zimmermann>Kann man sich jetzt drüber streiten, ob das eine gute Methode ist,

01:10:53.101 --> 01:10:57.400
<v Christopher Zimmermann>Tankkunden unter Generalverdacht zu setzen, aber jeder von uns ist damit einverstanden,

01:10:57.401 --> 01:11:01.600
<v Christopher Zimmermann>am Anfang, an der Grenze der Tankstelle steht, Achtung hier wirst du gefilmt,

01:11:01.601 --> 01:11:05.000
<v Christopher Zimmermann>wenn du das nicht möchtest, tank doch woanders, sieh doch zu, wo du deinen Sprit her kriegst.

01:11:05.001 --> 01:11:08.400
<v Christopher Zimmermann>Und so was in der Art könnte man natürlich in der Fischerei auch machen.

01:11:08.401 --> 01:11:11.800
<v Christopher Zimmermann>Da muss man alle möglichen Randbedingungen beachten, wir wollen nicht den Fischer filmen,

01:11:11.801 --> 01:11:16.200
<v Christopher Zimmermann>sondern wir wollen die Fische filmen und so weiter, aber generell könnte man es der Fischerei überlassen,

01:11:16.201 --> 01:11:21.000
<v Christopher Zimmermann>wie sie ihre Fischerei möglichst, wie sie ihre Aktivität möglichst nachhaltig gestaltet,

01:11:21.001 --> 01:11:26.100
<v Christopher Zimmermann>solange wir nur die Rahmenbedingungen festsetzen und sagen, du fischt von dieser Art nicht mehr als das und das

01:11:26.101 --> 01:11:29.200
<v Christopher Zimmermann>und es ist deine Sache, uns nachzuweisen, wie du das machst.

01:11:29.201 --> 01:11:37.000
<v Tim Pritlove>Und vor allem dann halt mit so einem angeschlossenen Belohnungssystem, umso mehr Konformität man zu diesen Datenerhebungen etc. macht,

01:11:37.001 --> 01:11:46.700
<v Tim Pritlove>umso mehr extra bekommt man, um diese, vorhin fiel die Zahl, 20 %, das ist vielleicht schon mal ein ganz interessanter Bereich,

01:11:46.701 --> 01:11:48.600
<v Tim Pritlove>um sozusagen mehr davon zu haben.

01:11:48.601 --> 01:11:50.400
<v Christopher Zimmermann>Das wäre dieses Anreizsystem, genau.

01:11:50.401 --> 01:11:54.400
<v Christopher Zimmermann>Und ich glaube daran, dass Menschen mit Anreizen viel besser funktionieren als mit Strafen,

01:11:54.401 --> 01:11:58.400
<v Christopher Zimmermann>insbesondere wenn die Strafen so wenig drakonisch sind, also im Grunde so läppisch sind,

01:11:58.401 --> 01:12:04.200
<v Christopher Zimmermann>dass man ohne weiteres durch ein illegales Verhalten einen Vorteil von einer Million Euro genießen kann,

01:12:04.201 --> 01:12:08.800
<v Christopher Zimmermann>und dann aber 10.000 Euro Bußgeld zahlt für die Verfälschung des Logbuchs oder so was,

01:12:08.801 --> 01:12:13.300
<v Christopher Zimmermann>das ist natürlich albern, das bringt keinen Fischer dazu, sich an die Regeln zu halten.

01:12:13.301 --> 01:12:17.300
<v Christopher Zimmermann>Entweder man muss die Strafen viel drakonischer machen, so wie das in Norwegen stattfindet,

01:12:17.301 --> 01:12:21.600
<v Christopher Zimmermann>da wird das Schiff dann für die ganze Saison an die Kette gelegt, das ist die eine Möglichkeit.

01:12:21.601 --> 01:12:28.600
<v Christopher Zimmermann>Ich halte es für besser, und so erziehe ich meine Kinder dann auch, auf positive Verstärkung zu setzen und zu sagen,

01:12:28.601 --> 01:12:33.000
<v Christopher Zimmermann>du wirst belohnt dafür, dass du bereit bist, mehr beizutragen, nachzuweisen,

01:12:33.001 --> 01:12:34.400
<v Christopher Zimmermann>dass du dich regelkonform verhältst.

01:12:34.401 --> 01:12:39.500
<v Christopher Zimmermann>Das haben wir getestet in der Nordsee mit einem Versuch, mit einem internationalen Experiment,

01:12:39.501 --> 01:12:43.200
<v Christopher Zimmermann>das hieß Catch-Quota-Management, wo es tatsächlich darum ging, nicht mehr die Anlandung,

01:12:43.201 --> 01:12:45.300
<v Christopher Zimmermann>sondern die Fänge zu betrachten.

01:12:45.301 --> 01:12:50.200
<v Christopher Zimmermann>Und da hat die Fischerei tatsächlich für die Nordseekabeljaufischerei 30% Zuschlag bekommen,

01:12:50.201 --> 01:12:53.500
<v Christopher Zimmermann>wenn sie sich lückenlos mit Kameras überwachen ließ.

01:12:53.501 --> 01:12:54.700
<v Christopher Zimmermann>Das hat wunderbar funktioniert.

01:12:54.701 --> 01:13:00.100
<v Christopher Zimmermann>Die berichtete Fangzusammensetzung dieser überwachten Fahrzeuge ist völlig anders,

01:13:00.101 --> 01:13:02.300
<v Christopher Zimmermann>als die Fangzusammensetzung der Fahrzeuge ohne Kamera,

01:13:02.301 --> 01:13:06.700
<v Christopher Zimmermann>was darauf hindeutet, dass egal, ob wir die auswerten oder nicht, die Bereitschaft der Fischerei,

01:13:06.701 --> 01:13:12.000
<v Christopher Zimmermann>das aufzuschreiben, was sie wirklich fängt, viel größer ist, also da gibt es Unterschiede,

01:13:12.001 --> 01:13:16.800
<v Christopher Zimmermann>was uns dann im Nachhinein auch zeigt, wie unzuverlässig tatsächlich unsere Fangstatistiken sind,

01:13:16.801 --> 01:13:20.800
<v Christopher Zimmermann>selbst bei den Fahrzeugen, von denen wir glauben, dass sie relativ gut sind.

01:13:20.801 --> 01:13:22.400
<v Christopher Zimmermann>Und das hat gut geklappt.

01:13:22.401 --> 01:13:26.200
<v Christopher Zimmermann>Die neue dänische Regierung hat diesen Versuch leider – die Dänen waren führend da –

01:13:26.201 --> 01:13:31.700
<v Christopher Zimmermann>wir waren sozusagen nur das vierte Rad am Wagen, waren nur mit wenigen Fahrzeugen beteiligt,

01:13:31.701 --> 01:13:35.500
<v Christopher Zimmermann>die neue dänische Regierung hat das leider eingestellt, was wir sehr bedauert haben,

01:13:35.501 --> 01:13:40.900
<v Christopher Zimmermann>aber Regierungen kommen und gehen und die dänische Fischerei war von diesem Experiment begeistert

01:13:40.901 --> 01:13:48.400
<v Christopher Zimmermann>und hat gesagt, das ist genau der richtige Weg, wir wollen, anders als unser Fischereiminister, im Grunde die Kameras gerne behalten.

01:13:48.401 --> 01:13:54.800
<v Tim Pritlove>Ja, also da könnte man sozusagen mit einem belohnungsorientierten System für alle Beteiligten eigentlich das Leben einfacher machen,

01:13:54.801 --> 01:14:00.900
<v Tim Pritlove>weil man erhält ja auch bessere Daten und damit noch bessere Vorhersage potenziell und dann haben ja alle was davon.

01:14:00.901 --> 01:14:07.600
<v Christopher Zimmermann>Ganz genau. Aber es erfordert eben, dass man das gesamte System, das gesamte Regelwerk einmal auf den Prüfstand stellt

01:14:07.601 --> 01:14:10.800
<v Christopher Zimmermann>und wirklich sozusagen mit dem eisernen Besen durchgeht und sagt,

01:14:10.801 --> 01:14:16.600
<v Christopher Zimmermann>diese ganzen Regeln, wo wir Fanggeräte exakt definieren, nur weil man es zufällig messen kann,

01:14:16.601 --> 01:14:19.200
<v Christopher Zimmermann>für die Nachhaltigkeit hat das im Grunde kaum eine Auswirkung.

01:14:19.201 --> 01:14:23.300
<v Christopher Zimmermann>Es geht nur darum, der Inspektor kann die Maschenweite im Steert messen.

01:14:23.301 --> 01:14:26.600
<v Christopher Zimmermann>Was weiter vorne passiert, ist egal, aber was hinten passiert, kann man messen.

01:14:26.601 --> 01:14:27.300
<v Tim Pritlove>Was ist Steert?

01:14:27.301 --> 01:14:30.600
<v Christopher Zimmermann>Steert ist der hinterste Teil des Netzes, da wo die Fische am Ende dann gefangen werden,

01:14:30.601 --> 01:14:32.400
<v Christopher Zimmermann>wenn sie sich zurückfallen lassen.

01:14:32.401 --> 01:14:38.900
<v Christopher Zimmermann>Und das müsste man einfach wirklich ausmisten und da wird es dann sehr schwierig.

01:14:38.901 --> 01:14:54.800
<v Tim Pritlove>Vielleicht nochmal ganz kurz zur Technologie, bevor wir vielleicht nochmal auch so insgesamt über die ernährungspolitischen Dimension der ganzen Geschichte diskutieren sollten.

01:14:54.801 --> 01:15:00.900
<v Tim Pritlove>Die Fangtechniken, die haben sich ja über die Zeit auch sehr geändert, und es klang ja anfangs schon an,

01:15:00.901 --> 01:15:04.300
<v Tim Pritlove>als halt sowieso noch wenig gefischt werden konnte, weil man einfach die Massen gar nicht bekommen hat,

01:15:04.301 --> 01:15:12.700
<v Tim Pritlove>die Dampfmaschinen nicht hatte etc., alles nicht so ausgebildet war, gab es kein Problem,

01:15:12.701 --> 01:15:17.800
<v Tim Pritlove>dann hat die Technologie dermaßen zugeschlagen, dass auf einmal viel zu viel möglich war.

01:15:17.801 --> 01:15:25.700
<v Tim Pritlove>Wie haben sich denn die Fangtechniken jetzt entwickelt, was ist da so der aktuelle Trend auch,

01:15:25.701 --> 01:15:33.700
<v Tim Pritlove>wie denn dieses Meer am besten bewirtschaftet werden sollte, um es möglichst nachhaltig einerseits und umweltverträglich zu machen?

01:15:33.701 --> 01:15:39.000
<v Christopher Zimmermann>Also mit Blick auf die Nachhaltigkeit kann man sagen, wenn wir es auf die Zielart beziehen,

01:15:39.001 --> 01:15:41.100
<v Christopher Zimmermann>ist eigentlich nur die Entnahmemenge wichtig.

01:15:41.101 --> 01:15:46.000
<v Christopher Zimmermann>Es spielt gar keine Rolle, ob man das mit passiven Methoden, also mit Stellnetzen oder Reusen fängt,

01:15:46.001 --> 01:15:50.000
<v Christopher Zimmermann>die Menge Fisch, oder ob man das mit Schleppnetzen fängt, am Ende kommt es nur darauf an,

01:15:50.001 --> 01:15:57.600
<v Christopher Zimmermann>wieviele Fische sterben bei diesem Vorgang, um uns als Nahrung für den Menschen zu dienen?

01:15:57.601 --> 01:16:01.300
<v Christopher Zimmermann>Es gab in den letzten, sagen wir mal, 100 Jahren so ein paar Technologiesprünge,

01:16:01.301 --> 01:16:04.000
<v Christopher Zimmermann>wo dann irgendeine neue Fischereimethode entwickelt wurde.

01:16:04.001 --> 01:16:08.100
<v Christopher Zimmermann>Ich habe vorhin schon gesagt, die Ringwadenfischerei, also die Fischerei mit Umschließungsnetzen,

01:16:08.101 --> 01:16:14.900
<v Christopher Zimmermann>die ganze Schwärme umkreisen kann, die war so effizient, dass die allermeisten kleinen Schwarmfische…

01:16:14.901 --> 01:16:22.200
<v Christopher Zimmermann>also die allermeisten großen Bestände kleiner Schwarmfische innerhalb von 6 oder 7 Jahren kollabierten.

01:16:22.201 --> 01:16:26.700
<v Christopher Zimmermann>Heringe in der Nordsee, atlanto-skandischer Hering, Makrele im Nordostatlantik.

01:16:26.701 --> 01:16:31.900
<v Christopher Zimmermann>Einer nach dem anderen wurde überfischt, bis die Fangmengen vernünftig begrenzt wurden.

01:16:31.901 --> 01:16:33.400
<v Christopher Zimmermann>Die Methode gibt es immer noch.

01:16:33.401 --> 01:16:38.100
<v Christopher Zimmermann>Die Methode ist grundsätzlich sehr gut, weil sie wenig unerwünschte Umweltauswirkungen hat.

01:16:38.101 --> 01:16:41.800
<v Christopher Zimmermann>Aber die Fangmengen muss man halt vernünftiger begrenzen.

01:16:41.801 --> 01:16:45.100
<v Christopher Zimmermann>Seitdem ist eigentlich relativ wenig passiert, muss man sagen.

01:16:45.101 --> 01:16:49.500
<v Christopher Zimmermann>Und wir sind immer wieder erstaunt, wenn wir jetzt sehen, was gibt es denn für Möglichkeiten,

01:16:49.501 --> 01:16:55.200
<v Christopher Zimmermann>neue politische Ansätze oder Managementansätze, wie das Anlandegebot umzusetzen,

01:16:55.201 --> 01:17:00.100
<v Christopher Zimmermann>wie wenig Entwicklung in die Fanggeräte gegangen ist in den letzten Jahren.

01:17:00.101 --> 01:17:01.100
<v Christopher Zimmermann>Und genau da setzen wir an.

01:17:01.101 --> 01:17:04.500
<v Christopher Zimmermann>Wir versuchen hier im Institut auch Schleppnetze zu entwickeln.

01:17:04.501 --> 01:17:08.200
<v Christopher Zimmermann>Und wir machen jetzt das gleiche auch mit der stillen Fischerei, also mit den Stellnetzen,

01:17:08.201 --> 01:17:10.500
<v Christopher Zimmermann>um die nachhaltiger zu gestalten.

01:17:10.501 --> 01:17:13.700
<v Christopher Zimmermann>Das heißt, bei den Schleppnetzen zum Beispiel, die sollen selektiver werden.

01:17:13.701 --> 01:17:16.400
<v Christopher Zimmermann>Wir wollen weniger unerwünschte Fische drin haben.

01:17:16.401 --> 01:17:19.200
<v Christopher Zimmermann>Und manchmal gibt es ganz einfache Lösungen.

01:17:19.201 --> 01:17:24.700
<v Christopher Zimmermann>Ein Schlitz in dem Zwischenteil des Netzes, wir nennen das Tunnel, an der richtigen Stelle,

01:17:24.701 --> 01:17:29.400
<v Christopher Zimmermann>mit Schwimmen oben und Gewichten unten, damit da so eine kleine linsenförmige Öffnung entsteht,

01:17:29.401 --> 01:17:32.300
<v Christopher Zimmermann>sorgt dafür, wenn man das geschickt macht und an der richtigen Stelle macht,

01:17:32.301 --> 01:17:38.000
<v Christopher Zimmermann>dass wir 80% der Plattfische aus dem Fang loswerden, aber die Dorsche zu 100% zurückhalten.

01:17:38.001 --> 01:17:39.700
<v Tim Pritlove>Warum gehen da nicht alle durch?

01:17:39.701 --> 01:17:42.400
<v Christopher Zimmermann>Weil die Dorsche immer versuchen, in der Mitte zu bleiben.

01:17:42.401 --> 01:17:46.600
<v Christopher Zimmermann>Die haben Sensoren, die ihnen sagen, hier ist überall Netz und die versuchen genau in der Mitte zu bleiben,

01:17:46.601 --> 01:17:50.100
<v Christopher Zimmermann>während die Plattfische immer gerne mit dem Bauch irgendwas berühren wollen.

01:17:50.101 --> 01:17:52.500
<v Christopher Zimmermann>So sind die getrimmt, so sind die gepolt.

01:17:52.501 --> 01:17:54.800
<v Christopher Zimmermann>Und deswegen bleiben die am Netzboden.

01:17:54.801 --> 01:17:58.700
<v Christopher Zimmermann>Und wenn ich an dem Netzboden so eine Öffnung mache, dann entkommen die durch diese Öffnung,

01:17:58.701 --> 01:18:01.900
<v Christopher Zimmermann>während die Dorsche in der Mitte bleiben, funktioniert wunderbar.

01:18:01.901 --> 01:18:03.600
<v Christopher Zimmermann>Da muss man mit der Größe operieren und so weiter.

01:18:03.601 --> 01:18:10.100
<v Christopher Zimmermann>Das kann jeder Fischer an seinem eigenen Netz machen, kostet vielleicht 150 Euro für Material und anderthalb Stunden Zeit.

01:18:10.101 --> 01:18:13.300
<v Christopher Zimmermann>Es ist eine minimale Änderung, der Fischer kann das auch wieder zunähen, wenn er sagt,

01:18:13.301 --> 01:18:15.800
<v Christopher Zimmermann>nein ich will aber jetzt die Plattfische fangen.

01:18:15.801 --> 01:18:21.200
<v Christopher Zimmermann>Hat aber am Ende den Vorteil, dass ich weniger Plattfische fange, wenn ich die nicht haben will

01:18:21.201 --> 01:18:25.800
<v Christopher Zimmermann>und mehr Dorsch fange und dadurch auch noch die Selektivität der Dorsche hinten,

01:18:25.801 --> 01:18:30.000
<v Christopher Zimmermann>im hintersten Teil des Netzes, verbessere, denn bisher war es so, dass die Plattfische mitgefangen wurden

01:18:30.001 --> 01:18:35.100
<v Christopher Zimmermann>und dann wie so Briefmarken die Netzöffnungen zukleisterten

01:18:35.101 --> 01:18:38.800
<v Christopher Zimmermann>und die Dorsche, für die diese Netzöffnungen optimiert waren, konnten nicht mehr entkommen,

01:18:38.801 --> 01:18:43.000
<v Christopher Zimmermann>weil vor jeder großen Masche klebte ein Plattfisch.

01:18:43.001 --> 01:18:47.000
<v Christopher Zimmermann>Das vermeide ich, wenn ich die Plattfische einen Meter weit davor loswerde.

01:18:47.001 --> 01:18:51.500
<v Christopher Zimmermann>Mahnmal sind es also wirklich so kleine Modifikationen, die bisher niemand gemacht hat,

01:18:51.501 --> 01:18:54.900
<v Christopher Zimmermann>weil es kein Interesse daran gab, weil es auch von der Fischerei kein Interesse daran gab,

01:18:54.901 --> 01:18:58.800
<v Christopher Zimmermann>plötzlich mit der Einführung des Anlandegebotes gibt es einen Anreiz,

01:18:58.801 --> 01:19:05.200
<v Christopher Zimmermann>gibt es ein Interesse der Fischerei, weil die sehen, mit der neuen Regel limitiert meine Schollenquote zum Beispiel

01:19:05.201 --> 01:19:07.700
<v Christopher Zimmermann>die Ausschöpfung der Dorschquote.

01:19:07.701 --> 01:19:11.200
<v Christopher Zimmermann>Wenn ich das nicht möchte, muss ich sehen, dass ich unter Wasser, da wo sich das sortieren lohnt,

01:19:11.201 --> 01:19:15.000
<v Christopher Zimmermann>weil über Wasser sind die eh tot, da kann ich so viel sortieren wie ich möchte,

01:19:15.001 --> 01:19:16.600
<v Christopher Zimmermann>ich muss unter Wasser sortieren.

01:19:16.601 --> 01:19:19.000
<v Christopher Zimmermann>Und das ist so eine Möglichkeit, an der wir forschen.

01:19:19.001 --> 01:19:26.100
<v Christopher Zimmermann>Und je weniger Rocket Science das ist, und eben je billiger und je einfacher flächendeckend umsetzbar, desto besser.

01:19:26.101 --> 01:19:29.600
<v Christopher Zimmermann>Deswegen haben wir da auch keine Patente drauf oder so was, sondern wir wollen,

01:19:29.601 --> 01:19:34.300
<v Christopher Zimmermann>dass es in die Fischerei Eingang findet und die Fischerei sich auch möglichst kreative Gedanken macht,

01:19:34.301 --> 01:19:38.600
<v Christopher Zimmermann>denn nochmal, die haben sehr sehr viel Zeit, sich über so was Gedanken zu machen

01:19:38.601 --> 01:19:41.700
<v Christopher Zimmermann>und wenn wir die Erfahrung der Fischer abzapfen können für solche Veränderungen,

01:19:41.701 --> 01:19:43.600
<v Christopher Zimmermann>dann ist das für alle Beteiligten besser.

01:19:43.601 --> 01:19:52.000
<v Tim Pritlove>Also bezieht sich hier die Neuentwicklung sozusagen nur auf Netze oder gibt es da auch noch andere technologische Bereiche,

01:19:52.001 --> 01:19:54.200
<v Tim Pritlove>die hier betroffen sind?

01:19:54.201 --> 01:19:57.800
<v Christopher Zimmermann>Na in der Fangtechnik bezieht sich das im Moment auf Netze, aber eben auf viele verschiedene Netze.

01:19:57.801 --> 01:20:03.200
<v Christopher Zimmermann>Also wir versuchen zum Beispiel in der Stellnetzfischerei, wo Seevogel- und Schweinswalbeifänge das große Problem sind,

01:20:03.201 --> 01:20:04.300
<v Christopher Zimmermann>diese Netze sichtbarer zu machen.

01:20:04.301 --> 01:20:08.700
<v Christopher Zimmermann>Wir versuchen einerseits, meinetwegen kleine Luftblasen mit einzuschließen oder so was,

01:20:08.701 --> 01:20:11.900
<v Christopher Zimmermann>damit die Sonarsysteme der Schweinswale die besser erkennen können.

01:20:11.901 --> 01:20:15.000
<v Christopher Zimmermann>Wir bemühen uns aber auch, die Schweinswale aufmerksam zu machen.

01:20:15.001 --> 01:20:19.100
<v Christopher Zimmermann>Das erfinden wir dann nicht selber, aber wenn es dann um den Praxistest geht,

01:20:19.101 --> 01:20:24.100
<v Christopher Zimmermann>also das Gerät heißt Pal, das ist so eine Art Pinger, der nicht einfach nur Lärm macht

01:20:24.101 --> 01:20:28.500
<v Christopher Zimmermann>und die Tiere verscheucht, sondern der einen arteigenen Laut verwendet,

01:20:28.501 --> 01:20:31.600
<v Christopher Zimmermann>um die Schweinswale aufmerksam zu machen, hier droht eine Gefahr.

01:20:31.601 --> 01:20:35.400
<v Christopher Zimmermann>In der Hoffnung, dass der Schweinswal da seine Pingrate erhöht und dann das Netz,

01:20:35.401 --> 01:20:40.200
<v Christopher Zimmermann>was wir nun im nächsten Schritt versuchen, besser sichtbar zu machen für die Sonarortung der Schweinswale,

01:20:40.201 --> 01:20:44.400
<v Christopher Zimmermann>besser erkennt und dann eben nicht in dieses Netz gerät und darin ertrinkt.

01:20:44.401 --> 01:20:49.800
<v Christopher Zimmermann>Das ist also auf vielen verschiedenen Ebenen, da gibt es noch viele offene Baustellen, die wir klären müssen,

01:20:49.801 --> 01:20:52.100
<v Christopher Zimmermann>das dauert alles ein bisschen, aber wir können immerhin schon anfangen

01:20:52.101 --> 01:20:56.800
<v Christopher Zimmermann>und das Land Schleswig-Holstein hat einem Großversuch zugestimmt und finanziert den auch,

01:20:56.801 --> 01:21:03.500
<v Christopher Zimmermann>wo genau diese Schweinswalwarngeräte, diese neuartigen, flächendeckend in ungefähr 50% der Fischerei eingesetzt werden,

01:21:03.501 --> 01:21:06.100
<v Christopher Zimmermann>in der westlichen Ostsee, in schleswig-holsteinischen Gewässern.

01:21:06.101 --> 01:21:09.600
<v Christopher Zimmermann>Das finden wir sehr sehr spannend, begleiten diesen Versuch gerne weiter,

01:21:09.601 --> 01:21:11.500
<v Christopher Zimmermann>um zu sehen, ob es vielleicht Gewöhnungseffekte gibt.

01:21:11.501 --> 01:21:17.500
<v Christopher Zimmermann>Das sind alles Sachen, die wir uns jetzt angucken müssen, aber es kommt immer wieder darauf zurück,

01:21:17.501 --> 01:21:23.200
<v Christopher Zimmermann>wenn es technologische Lösungen für solche Probleme gibt, dann ist es für die Fischerei viel einfacher umsetzbar,

01:21:23.201 --> 01:21:26.700
<v Christopher Zimmermann>als wenn man sagt, ihr müsst eine bestimmte Fischereiart ganz sein lassen.

01:21:26.701 --> 01:21:30.600
<v Christopher Zimmermann>Oder ihr dürft in großen Gebietsteilen einfach überhaupt nicht mehr fischen.

01:21:30.601 --> 01:21:35.800
<v Christopher Zimmermann>Das ist für die Fischerei immer am schlimmsten.

01:21:35.801 --> 01:21:41.500
<v Tim Pritlove>Im Vorgespräch klang auch an, dass Sie gerade, was diese Überzeugungsarbeit betrifft,

01:21:41.501 --> 01:21:44.400
<v Tim Pritlove>sich hier auch wissenschaftlich neu aufstellen.

01:21:44.401 --> 01:21:50.800
<v Tim Pritlove>Jetzt haben wir viel über Techniken und mathematische Dinge und Erfassung und Forschungsfahrten gesprochen,

01:21:50.801 --> 01:21:59.100
<v Tim Pritlove>aber Sie wollen hier sozusagen auch wissenschaftlich aufrüsten, indem Sie die Sozialwissenschaften hier mit einbringen,

01:21:59.101 --> 01:22:01.600
<v Tim Pritlove>was steckt da dahinter?

01:22:01.601 --> 01:22:06.800
<v Christopher Zimmermann>Na wir sind als Meeresbiologen oder Fischereibiologen natürlich überwiegend Biologen, Ökologen,

01:22:06.801 --> 01:22:12.100
<v Christopher Zimmermann>unsere Stammaufgabe ist, zu erklären, warum gibt es in einzelnen Jahren viel Nachwuchs

01:22:12.101 --> 01:22:14.200
<v Christopher Zimmermann>oder wenig Nachwuchs und so weiter.

01:22:14.201 --> 01:22:17.800
<v Christopher Zimmermann>Dann haben Sie schon angesprochen, wir haben eine große technische Abteilung,

01:22:17.801 --> 01:22:20.800
<v Christopher Zimmermann>das sind also überwiegend Ingenieure oder so was, die mit uns gut zusammenarbeiten,

01:22:20.801 --> 01:22:25.000
<v Christopher Zimmermann>aber ein ganz neues Feld ist eigentlich dieses Schaffen von Anreizsystemen.

01:22:25.001 --> 01:22:32.500
<v Christopher Zimmermann>Wo wir sehr schnell gemerkt haben, da kommen wir als Biologen einfach ans Ende unserer,

01:22:32.501 --> 01:22:37.800
<v Christopher Zimmermann>auch der, sagen wir mal, der wissenschaftlichen Herangehensweise, da wissen wir einfach nicht genug.

01:22:37.801 --> 01:22:41.500
<v Christopher Zimmermann>Wir wollen gerne wissen, was funktioniert bei Fischern?

01:22:41.501 --> 01:22:44.900
<v Christopher Zimmermann>Warum würde ein Fischer eine solche Regel anerkennen, aber eine andere nicht?

01:22:44.901 --> 01:22:48.500
<v Christopher Zimmermann>Da gibt es sehr überraschende Ergebnisse, wo Fischer sagen, ein Anreiz für uns wäre schon,

01:22:48.501 --> 01:22:52.600
<v Christopher Zimmermann>wenn der Tourist nicht in den Hafen kommt und uns morgens nach einer anstrengenden Ausfahrt,

01:22:52.601 --> 01:22:55.700
<v Christopher Zimmermann>die um 3 Uhr morgens bei 2 Grad Wassertemperatur begonnen hat, und dann sagt,

01:22:55.701 --> 01:22:58.700
<v Christopher Zimmermann>na habt ihr wieder das Meer leergefischt und das Ökosystem zerstört?

01:22:58.701 --> 01:23:03.000
<v Christopher Zimmermann>Also schon so was wäre ein Anreiz, das wollen wir gerne rauskriegen.

01:23:03.001 --> 01:23:06.000
<v Christopher Zimmermann>Und da kann man sich natürlich dauernd auch als Ökologe mit Fischern unterhalten,

01:23:06.001 --> 01:23:14.200
<v Christopher Zimmermann>aber es bleibt anekdotisch, wir wollen das gerne systematisieren und haben deswegen im Institut eine sozialwissenschaftliche Arbeitsgruppe gegründet,

01:23:14.201 --> 01:23:19.200
<v Christopher Zimmermann>die systematisch Fischer befragt zu verschiedenen Aspekten.

01:23:19.201 --> 01:23:25.700
<v Christopher Zimmermann>Das hat dann auch wieder Auswirkungen auf die Datenerhebung, weil wir an bestimmte Daten direkt gar nicht rankommen.

01:23:25.701 --> 01:23:30.200
<v Christopher Zimmermann>Zum Beispiel, wieviele Seevögel werden denn tatsächlich in der kleinen Küstenfischerei beigefangen

01:23:30.201 --> 01:23:31.400
<v Christopher Zimmermann>oder wie viele Schweinswale?

01:23:31.401 --> 01:23:35.000
<v Christopher Zimmermann>Gerade wenn es sehr sehr seltene Ereignisse sind, dann fallen die meistens unter den Tisch.

01:23:35.001 --> 01:23:38.200
<v Christopher Zimmermann>Oder es gibt einen Bias in der Erinnerung.

01:23:38.201 --> 01:23:39.500
<v Christopher Zimmermann>Der Fischer erinnert sich vielleicht da nicht dran.

01:23:39.501 --> 01:23:43.400
<v Christopher Zimmermann>Oder er erinnert sich an Schweinswale besonders gut, weil es ein so seltenes Ereignis ist,

01:23:43.401 --> 01:23:46.900
<v Christopher Zimmermann>dass er noch genau weiß, diesen Schweinswal habe ich vor 6 Jahren gefangen.

01:23:46.901 --> 01:23:52.500
<v Christopher Zimmermann>Das wollen wir alles ein bisschen systematisieren und haben deswegen eine sozialwissenschaftliche Arbeitsgruppe aufgebaut,

01:23:52.501 --> 01:23:58.500
<v Christopher Zimmermann>die wir jetzt auch mit Drittmittelprojekten und so was weiter ausbauen und die sehr sehr spannende Ergebnisse liefert.

01:23:58.501 --> 01:24:01.000
<v Tim Pritlove>Solche Ideen haben ja meistens so eine Vorgeschichte.

01:24:01.001 --> 01:24:08.400
<v Tim Pritlove>War das jetzt nur so ein Gefühl, dass das vielleicht helfen könnte oder wie kam es überhaupt zu dieser Initiative?

01:24:08.401 --> 01:24:13.900
<v Christopher Zimmermann>Na die Vorgeschichte fing eigentlich an mit den ersten Überlegungen für ein Anlandegebot in der Europäischen Union.

01:24:13.901 --> 01:24:18.300
<v Christopher Zimmermann>Und wir haben uns damals sehr schnell sozusagen auf die Seite der Befürworter geschlagen

01:24:18.301 --> 01:24:21.900
<v Christopher Zimmermann>und haben nicht gesagt, geht sowieso alles nicht, hat man noch nie probiert,

01:24:21.901 --> 01:24:26.600
<v Christopher Zimmermann>sondern wir sagten, ist ein interessanter Ansatz, aber nur dann, wenn man den Fischer auf der anderen Seite

01:24:26.601 --> 01:24:28.900
<v Christopher Zimmermann>von überflüssigem Regelwerk entlasten kann.

01:24:28.901 --> 01:24:32.100
<v Christopher Zimmermann>Am Ende ist, wie in der Europäischen Union so oft, es anders gekommen.

01:24:32.101 --> 01:24:36.300
<v Christopher Zimmermann>Auch dies ist wieder ein neues Regelwerk, was dazu kam zu dem schon bestehenden Regelwerk.

01:24:36.301 --> 01:24:39.800
<v Christopher Zimmermann>Aber in dieser Diskussion, was genau müssten wir für Regeln abschaffen,

01:24:39.801 --> 01:24:44.500
<v Christopher Zimmermann>weil sie sich als untauglich erwiesen haben oder die Fischerei knechten, belasten,

01:24:44.501 --> 01:24:48.500
<v Christopher Zimmermann>ohne dass es einen Einfluss auf die nachhaltige Nutzung der Ressourcen hat.

01:24:48.501 --> 01:24:50.100
<v Christopher Zimmermann>Und was ist wirklich neu?

01:24:50.101 --> 01:24:54.800
<v Christopher Zimmermann>Was ist was, wo der Fischer zustimmen könnte.

01:24:54.801 --> 01:24:59.800
<v Christopher Zimmermann>Da sind wir wieder bei der Geschichte, wir sitzen alle in einem Boot und wir werden solche Regeln bei der Unendlichkeit des Meeres

01:24:59.801 --> 01:25:04.800
<v Christopher Zimmermann>und der Schwierigkeit, die Fischerei lückenlos zu überwachen, werden wir nur hinbekommen,

01:25:04.801 --> 01:25:09.000
<v Christopher Zimmermann>wenn wir die Fischer mit ins Boot holen und die Fischer sagen, ja das ist eine gute Regel.

01:25:09.001 --> 01:25:13.600
<v Christopher Zimmermann>Ist vielleicht mühsam und wir wollen nicht so gerne Kameras an Bord haben, aber okay.

01:25:13.601 --> 01:25:18.500
<v Christopher Zimmermann>Wir sehen ein, um ein Levelplaying-Field, um die gleichen Bedingungen für die gesamte Fischerei zu schaffen,

01:25:18.501 --> 01:25:20.300
<v Christopher Zimmermann>ist das notwendig.

01:25:20.301 --> 01:25:24.100
<v Christopher Zimmermann>Und das war zu diesem Zeitpunkt, das ist nun auch schon 6-8 Jahre her,

01:25:24.101 --> 01:25:26.000
<v Christopher Zimmermann>war es eben anekdotisch.

01:25:26.001 --> 01:25:29.300
<v Christopher Zimmermann>Da sagt die eine Fraktion, aber ich habe das gehört und die andere Fraktion sagt,

01:25:29.301 --> 01:25:31.200
<v Christopher Zimmermann>wir haben aber was anderes gehört.

01:25:31.201 --> 01:25:37.600
<v Christopher Zimmermann>Dann gab es eine Zeit, in der wir uns sehr intensiv Gedanken gemacht haben über das Management von Anglern,

01:25:37.601 --> 01:25:41.000
<v Christopher Zimmermann>Auch das ein ganz wichtiges Thema, weil es einzelne Bestände, sehr wenige,

01:25:41.001 --> 01:25:47.700
<v Christopher Zimmermann>aber einzelne Bestände gibt, für die der Einfluss der Angelfischerei, der Freizeitfischerei sehr sehr hoch ist.

01:25:47.701 --> 01:25:49.300
<v Christopher Zimmermann>Der Dorsch der westlichen Ostsee ist ein solcher.

01:25:49.301 --> 01:25:54.600
<v Christopher Zimmermann>Inzwischen fangen die Freizeitfischer die Hälfte der Gesamtfangmenge.

01:25:54.601 --> 01:25:56.900
<v Christopher Zimmermann>Die andere Menge fangen die Berufsfischer.

01:25:56.901 --> 01:25:59.800
<v Christopher Zimmermann>Als wir das rausbekommen haben, waren wir selber sehr erstaunt, weil wir alle dachten,

01:25:59.801 --> 01:26:00.800
<v Christopher Zimmermann>das kann so viel nicht sein.

01:26:00.801 --> 01:26:01.500
<v Tim Pritlove>Ja.

01:26:01.501 --> 01:26:03.700
<v Christopher Zimmermann>Zeigt aber eben auch, wie wichtig die Angelfischerei ist.

01:26:03.701 --> 01:26:07.800
<v Christopher Zimmermann>Da gibt es dann viele ökonomische Gesichtspunkte, die sehr deutlich machen,

01:26:07.801 --> 01:26:13.100
<v Christopher Zimmermann>dass die Küstenregionen im Grunde Angler unbedingt braucht, weil die sehr sehr viel Geld hier lassen.

01:26:13.101 --> 01:26:16.500
<v Christopher Zimmermann>Wir wollen also Angler möglichst wenig behindern in ihrer Ausübung,

01:26:16.501 --> 01:26:20.700
<v Christopher Zimmermann>andererseits müssen die Angler bei einem kollabierten Bestanden ihren Beitrag leisten.

01:26:20.701 --> 01:26:25.200
<v Christopher Zimmermann>Und auch da sind wir wieder dabei, dass wir sagen, welche Maßnahmen sind durchsetzbar,

01:26:25.201 --> 01:26:30.600
<v Christopher Zimmermann>also auch kontrollierbar, aber auch welche Maßnahmen sind akzeptabel für die Angelfischerei,

01:26:30.601 --> 01:26:32.800
<v Christopher Zimmermann>denn wir wollen die ja nicht abschrecken.

01:26:32.801 --> 01:26:36.900
<v Christopher Zimmermann>Und da fing es dann an, dass wir das systematisiert haben und inzwischen merken wir,

01:26:36.901 --> 01:26:40.500
<v Christopher Zimmermann>dass die Ergebnisse hoch spannend und wirklich zukunftsweisend sind,

01:26:40.501 --> 01:26:45.300
<v Christopher Zimmermann>bis wir das am Ende wirklich in die Politik umsetzen können, wird wahrscheinlich noch viel viel Zeit vergehen.

01:26:45.301 --> 01:26:49.300
<v Christopher Zimmermann>Auch weil das System selber extrem träge ist.

01:26:49.301 --> 01:26:52.600
<v Christopher Zimmermann>Es gibt halt sehr sehr viele Leute, da wo Entscheidungen getroffen werden

01:26:52.601 --> 01:26:55.500
<v Christopher Zimmermann>und auch da, wo Regeln kontrolliert werden, die sich nicht vorstellen können,

01:26:55.501 --> 01:26:57.000
<v Christopher Zimmermann>dass man sowas ganz anders machen könnte.

01:26:57.001 --> 01:27:04.600
<v Tim Pritlove>Erinnert mich auch an ein anderes Gespräch, was wir hier beim Forschergeist schon geführt haben,

01:27:04.601 --> 01:27:10.900
<v Tim Pritlove>auch um Wasserwirtschaft, wo auch die Arbeitsgruppe sehr interdisziplinär aufgestellt wurde,

01:27:10.901 --> 01:27:17.200
<v Tim Pritlove>ganz bewusst auch um, gar nicht mal jetzt nur um – in diesem Fall ist es ja erst mal ein neues Forschungsergebnis,

01:27:17.201 --> 01:27:21.800
<v Tim Pritlove>was dann noch mit einfließt – aber auch sozusagen, um auch die Auswirkungen der eigenen Forderungen

01:27:21.801 --> 01:27:27.000
<v Tim Pritlove>und damit eben sozusagen, wie kommunizieren wir unsere Arbeit auch in die Politik rein,

01:27:27.001 --> 01:27:32.500
<v Tim Pritlove>damit wir die gewünschten Effekte auch erzielen von Ergebnissen, die uns irgendwie total klar vorkommen.

01:27:32.501 --> 01:27:34.500
<v Tim Pritlove>Man fragt sich ja immer, ja warum reagieren die denn nicht?

01:27:34.501 --> 01:27:37.500
<v Tim Pritlove>Weil manchmal ist es ja auch ein Vermittlungsproblem

01:27:37.501 --> 01:27:43.900
<v Tim Pritlove>Ist das vielleicht auch nochmal eine Linie, die sich hier entwickeln kann oder vielleicht schon Teil des Ganzen ist?

01:27:43.901 --> 01:27:47.200
<v Christopher Zimmermann>Ja das machen wir mehr als learning by doing natürlich seit vielen Jahren.

01:27:47.201 --> 01:27:48.300
<v Christopher Zimmermann>Wir sind Politikberater.

01:27:48.301 --> 01:27:52.300
<v Christopher Zimmermann>Wie gesagt, unsere Grundfinanzierung kommt von der Bundesregierung,

01:27:52.301 --> 01:27:56.100
<v Christopher Zimmermann>vom Landwirtschaftsministerium in diesem Fall und die erwarten von uns guten Rat.

01:27:56.101 --> 01:28:01.000
<v Christopher Zimmermann>Und natürlich haben wir über viele Jahre daran gefeilt, wie wir den Rat so formulieren können,

01:28:01.001 --> 01:28:04.400
<v Christopher Zimmermann>dass er beim Empfänger auch ankommt.

01:28:04.401 --> 01:28:11.500
<v Christopher Zimmermann>Also nichts ist schlimmer, ehrlich gesagt, für einen Politiker, als wenn die Wissenschaftler in typischen Wissenschaftlerkauderwelsch

01:28:11.501 --> 01:28:17.400
<v Christopher Zimmermann>auf eine klare Frage acht Seiten füllen, wo man am Ende sich durch die acht Seiten geackert hat

01:28:17.401 --> 01:28:19.700
<v Christopher Zimmermann>und dann sagt, was genau will er mir jetzt eigentlich sagen?

01:28:19.701 --> 01:28:23.300
<v Christopher Zimmermann>Und wir Wissenschaftler, gerade Grundlagenforscher, kennen das ja auch gut,

01:28:23.301 --> 01:28:24.500
<v Christopher Zimmermann>dass wir dauernd abwägen.

01:28:24.501 --> 01:28:27.900
<v Christopher Zimmermann>Also wir stellen die Unsicherheiten in den Vordergrund, das muss man manchmal,

01:28:27.901 --> 01:28:31.300
<v Christopher Zimmermann>um klarzumachen, verlass dich nicht drauf, dass es genauso kommt.

01:28:31.301 --> 01:28:33.900
<v Christopher Zimmermann>Wenn wir sagen, ein Bestand erholt sich, dann kann der sich auch schneller,

01:28:33.901 --> 01:28:36.900
<v Christopher Zimmermann>aber er kann sich auch viel langsamer erholen, Achtung Unsicherheit.

01:28:36.901 --> 01:28:40.200
<v Christopher Zimmermann>Aber man braucht am Ende irgendeine klare Botschaft.

01:28:40.201 --> 01:28:43.800
<v Christopher Zimmermann>Und wichtig auf der anderen Seite ist, dass nicht wir die Entscheidungen treffen.

01:28:43.801 --> 01:28:47.900
<v Christopher Zimmermann>Wir hören von den Umweltverbänden immer wieder, die Fischereipolitik wäre kein Problem,

01:28:47.901 --> 01:28:51.700
<v Christopher Zimmermann>wenn man die Politik nur verpflichten würde, dem wissenschaftlichen Rat zu folgen.

01:28:51.701 --> 01:28:56.400
<v Christopher Zimmermann>Dieser Meinung sind wir gar nicht, denn wir liefern bloß Optionen.

01:28:56.401 --> 01:28:58.200
<v Christopher Zimmermann>Die Entscheidung muss demokratisch legitimiert werden.

01:28:58.201 --> 01:29:02.100
<v Christopher Zimmermann>Mich wählt keiner, ich bin Bundesbeamter, ich versuche so gut wie möglich

01:29:02.101 --> 01:29:07.100
<v Christopher Zimmermann>und so verlässlich wie möglich Vorhersagen zu rechnen, und dann der Politik Optionen aufzuzeigen.

01:29:07.101 --> 01:29:10.100
<v Christopher Zimmermann>Und natürlich habe ich meine eigenen Präferenzen.

01:29:10.101 --> 01:29:12.500
<v Christopher Zimmermann>Aber am Ende sind es, sagen wir mal, drei Optionen, von denen ich sage,

01:29:12.501 --> 01:29:16.300
<v Christopher Zimmermann>die wird zu einer schnellen Erholung führen, aber dafür viele Arbeitsplätze kosten.

01:29:16.301 --> 01:29:21.600
<v Christopher Zimmermann>Dies ist der Mittelweg, dies ist die Option, wo der Bestand möglicherweise 20 Jahre braucht,

01:29:21.601 --> 01:29:24.000
<v Christopher Zimmermann>aber dafür ist es leichter an die Fischerei zu kommunizieren.

01:29:24.001 --> 01:29:29.500
<v Christopher Zimmermann>Welchen dieser Wege man geht, bleibt am Ende eine politische Entscheidung und das ist richtig so.

01:29:29.501 --> 01:29:33.600
<v Christopher Zimmermann>Denn diese Entscheidung kann ich als Biologe nicht fällen.

01:29:33.601 --> 01:29:37.700
<v Christopher Zimmermann>Und noch schwieriger wird es, wenn wir anfangen, bestimmte Fischarten gegeneinander abzuwägen.

01:29:37.701 --> 01:29:41.500
<v Christopher Zimmermann>Wir glauben inzwischen, dass wir bei einem sehr einfachen Ökosystem wie der Ostsee,

01:29:41.501 --> 01:29:47.300
<v Christopher Zimmermann>einfach deswegen, weil es wenig verschiedene Fischereien gibt, die alle an den gleichen Lebensstadien partizipieren,

01:29:47.301 --> 01:29:51.400
<v Christopher Zimmermann>es gibt wenig genutzte Fischbestände, die einfach miteinander interagieren.

01:29:51.401 --> 01:29:57.700
<v Christopher Zimmermann>Wir glauben, dass wir das System so einstellen könnten, dass es im Extrem Sprotten- und Herings-dominiert wäre

01:29:57.701 --> 01:29:59.000
<v Christopher Zimmermann>oder Dorsch-dominiert wäre.

01:29:59.001 --> 01:30:02.900
<v Christopher Zimmermann>Wir brauchen bloß jemanden, der uns sagt, was er möchte oder irgendwas dazwischen.

01:30:02.901 --> 01:30:08.300
<v Christopher Zimmermann>Und am Ende gibt es dafür keine biologische Lösung, solange nicht jemand sagt,

01:30:08.301 --> 01:30:12.400
<v Christopher Zimmermann>wir wollen es auf Protein optimieren oder wir wollen es auf Arbeitsplätze optimieren

01:30:12.401 --> 01:30:15.900
<v Christopher Zimmermann>oder wir wollen es auf Einkommen der Fischerei optimieren.

01:30:15.901 --> 01:30:21.900
<v Christopher Zimmermann>Das sind alles berechtigte Zielansätze, die wir nicht gegeneinander abwägen können.

01:30:21.901 --> 01:30:24.700
<v Christopher Zimmermann>Das haben wir der Politik vorgestellt und haben gesagt, jetzt seid ihr dran,

01:30:24.701 --> 01:30:25.900
<v Christopher Zimmermann>sagt uns, was wir ihr wollt.

01:30:25.901 --> 01:30:27.800
<v Christopher Zimmermann>Wir können versuchen, das so einzustellen.

01:30:27.801 --> 01:30:30.900
<v Christopher Zimmermann>Und die Politik hat abgewunken und gesagt, das geht nicht.

01:30:30.901 --> 01:30:35.900
<v Christopher Zimmermann>Weil die Skandinavier den größten Anteil an den Herings- und Sprottenfängen in der Ostsee haben

01:30:35.901 --> 01:30:38.700
<v Christopher Zimmermann>und natürlich sagen, oh ja wir wollen ein Sprotten- und Herings-dominiertes System,

01:30:38.701 --> 01:30:40.500
<v Christopher Zimmermann>weil wir dann da mehr ernten können.

01:30:40.501 --> 01:30:46.000
<v Christopher Zimmermann>Und die Deutschen, Dänen und Polen sagen, nein nein wir wollen natürlich ein Dorsch-dominiertes System,

01:30:46.001 --> 01:30:49.500
<v Christopher Zimmermann>denn das ist ja nun der König der Fische an der Stelle, das ist der Dorsch.

01:30:49.501 --> 01:30:51.500
<v Christopher Zimmermann>Also warum sollten wir was anderes wollen?

01:30:51.501 --> 01:30:55.000
<v Christopher Zimmermann>Das ist biologisch nicht lösbar, dafür braucht es einen gesellschaftlichen Konsens

01:30:55.001 --> 01:31:00.500
<v Christopher Zimmermann>und den können nicht wir Biologen herstellen, sondern dafür brauchen wir am Ende gewählte Politiker.

01:31:00.501 --> 01:31:01.600
<v Christopher Zimmermann>Und das ist genau richtig so.

01:31:01.601 --> 01:31:05.600
<v Tim Pritlove>Na klar, aber es ist natürlich sinnvoll, wenn man sozusagen auch seine eigene Botschaft schon so austariert hat,

01:31:05.601 --> 01:31:08.200
<v Tim Pritlove>und ich denke, den Politikern wird es natürlich auch entgegenkommen, wenn man sagt,

01:31:08.201 --> 01:31:13.900
<v Tim Pritlove>hör mal, wir haben jetzt hier nicht nur Fische gezählt und irgendwie meeresbiologische Grundlagen erforscht,

01:31:13.901 --> 01:31:21.300
<v Tim Pritlove>sondern wir haben halt hier auch mal so ganz konkret die sozialen Auswirkungen im Bezug auf den Tourismus etc. auch mit abgewogen,

01:31:21.301 --> 01:31:24.200
<v Tim Pritlove>hier ist unsere Gesamtbotschaft, vielleicht passt das ja besser.

01:31:24.201 --> 01:31:27.100
<v Christopher Zimmermann>Ganz genau, und auch das ist in aller Regel nicht eine Gesamtbotschaft,

01:31:27.101 --> 01:31:29.900
<v Christopher Zimmermann>sondern es sind eben mindestens zwei oder drei verschiedene Botschaften.

01:31:29.901 --> 01:31:32.200
<v Christopher Zimmermann>Denn auch da gibt es wieder verschiedene Optionen.

01:31:32.201 --> 01:31:34.600
<v Christopher Zimmermann>Manchmal sind wir selbst überrascht, was passiert.

01:31:34.601 --> 01:31:39.500
<v Christopher Zimmermann>Also wir haben uns die Einführung der Tagesfangmengenbegrenzung in der Angelei leichter vorgestellt.

01:31:39.501 --> 01:31:44.000
<v Christopher Zimmermann>Wir haben offensichtlich nicht genügend auf dem Schirm gehabt, dass die allermeisten Touristen,

01:31:44.001 --> 01:31:48.700
<v Christopher Zimmermann>die Kutterausfahrten machen, aus Mittel- oder Süddeutschland kommen und sagen,

01:31:48.701 --> 01:31:51.300
<v Christopher Zimmermann>auch wenn ich in meinem Leben noch nicht mehr als fünf Dorsche gefangen habe,

01:31:51.301 --> 01:31:54.700
<v Christopher Zimmermann>wenn ich nicht mehr als fünf Dorsche fangen darf, dann komm ich nicht mehr.

01:31:54.701 --> 01:32:00.100
<v Christopher Zimmermann>Was dazu führt, dass es an der Küste ein großes Kuttersterben gibt und für die kann man keine Beihilfen locker machen,

01:32:00.101 --> 01:32:03.000
<v Christopher Zimmermann>weil es halt keine Fischereifahrzeuge sind.

01:32:03.001 --> 01:32:05.300
<v Christopher Zimmermann>Großes Problem, gehen wir jetzt als nächstes an.

01:32:05.301 --> 01:32:10.600
<v Christopher Zimmermann>Wenn wir Glück haben, erholt sich der Dorschbestand so schnell, dass das keine bleibenden Schäden verursacht.

01:32:10.601 --> 01:32:14.800
<v Christopher Zimmermann>Aber da gibt es tatsächlich einen Strukturwandel, auf den wir, muss ich ganz selbstkritisch sagen,

01:32:14.801 --> 01:32:17.800
<v Christopher Zimmermann>die Politik noch besser hätten aufmerksam machen können.

01:32:17.801 --> 01:32:22.100
<v Christopher Zimmermann>Aber als politikberatende Wissenschaftler genießen wir natürlich einerseits den großen Einfluss,

01:32:22.101 --> 01:32:27.500
<v Christopher Zimmermann>den wir auf so was wie Gesetzgebung oder Management haben, das ist viel größer

01:32:27.501 --> 01:32:31.900
<v Christopher Zimmermann>als der Einfluss der Elfenbeinturmforschung, aber wir müssen diese Linie zwischen

01:32:31.901 --> 01:32:37.100
<v Christopher Zimmermann>wissenschaftlich belegbarem Rat und Meinung ganz ganz klar ziehen

01:32:37.101 --> 01:32:40.200
<v Christopher Zimmermann>und wir müssen immer darauf achten, dass die Politik das letzte Wort hat.

01:32:40.201 --> 01:32:45.500
<v Christopher Zimmermann>Mein Lieblingsbeispiel ist die ganze Klimaerwärmungsdebatte und so weiter,

01:32:45.501 --> 01:32:48.800
<v Christopher Zimmermann>wo wir Wissenschaftler aus meiner Sicht völlig zu recht sehr früh gesagt haben,

01:32:48.801 --> 01:32:55.600
<v Christopher Zimmermann>Leute tut euch selbst einen Gefallen, mehr als zwei Grad Erwärmung bis so und so ist absolut indiskutabel,

01:32:55.601 --> 01:33:01.100
<v Christopher Zimmermann>aber wir haben es versäumt, der Politik klarzumachen, was die Folgen einer anderen Entscheidung sind.

01:33:01.101 --> 01:33:06.100
<v Christopher Zimmermann>Und am Ende hat die Politik fast flächendeckend rausgefunden, das Zwei-Grad-Ziel ist nicht zu halten.

01:33:06.101 --> 01:33:09.600
<v Christopher Zimmermann>Und dann passiert so was, aus meiner Wahrnehmung wenigstens, passiert so was wie,

01:33:09.601 --> 01:33:13.500
<v Christopher Zimmermann>die haben gesagt, die Welt geht unter, wenn wir mehr als zwei Grad Erwärmung zulassen,

01:33:13.501 --> 01:33:16.100
<v Christopher Zimmermann>da wir das nicht halten können, da geht die Welt halt unter, müssen wir uns darum nicht kümmern.

01:33:16.101 --> 01:33:20.200
<v Christopher Zimmermann>Statt sehr deutlich zu sagen, jedes Viertelgrad macht einen Unterschied.

01:33:20.201 --> 01:33:23.900
<v Christopher Zimmermann>Und wenn ihr Zweieinhalb Grad macht, dann hat das diese und jene ökonomischen Auswirkungen.

01:33:23.901 --> 01:33:27.800
<v Christopher Zimmermann>Und da war die Klimadebatte einfach nicht gut genug, und das versuchen wir

01:33:27.801 --> 01:33:31.100
<v Christopher Zimmermann>in unserem kleinen Bereich zu vermeiden.

01:33:31.101 --> 01:33:40.800
<v Tim Pritlove>Zum Ausklang, auch wenn man damit hätte fast einsteigen können, wollte ich nochmal so ein bisschen auf die Metaebene kommen

01:33:40.801 --> 01:33:50.900
<v Tim Pritlove>und die Frage so, welchen Beitrag sollte und kann das Meer zur Ernährung der Gesellschaft denn überhaupt beitragen?

01:33:50.901 --> 01:33:56.100
<v Tim Pritlove>Das ist natürlich jetzt auch nichts neues und ist auch nicht so ohne weiteres wegzudenken.

01:33:56.101 --> 01:34:00.100
<v Tim Pritlove>Also die Fischstäbchen werden auch weiterhin populär sein.

01:34:00.101 --> 01:34:03.200
<v Tim Pritlove>Aber es stellt sich ja auch immer so diese Frage und es klang ja eben auch schon so an,

01:34:03.201 --> 01:34:09.700
<v Tim Pritlove>so dieses, ist denn dieses Meer für uns beliebig ausbeutbar?

01:34:09.701 --> 01:34:15.600
<v Tim Pritlove>Wie verhält sich das im Gesamtspiel der Nahrungsquellen?

01:34:15.601 --> 01:34:22.600
<v Christopher Zimmermann>Also das Meer ist natürlich nicht beliebig ausbeutbar, sondern auch die lebenden nachwachsenden Ressourcen des Meeres haben zwar den Vorteil,

01:34:22.601 --> 01:34:28.900
<v Christopher Zimmermann>dass sie nachwachsen, wenn man sie nachwachsen lässt, aber dafür braucht man ein gutes Management.

01:34:28.901 --> 01:34:33.700
<v Christopher Zimmermann>Auch dieser Lebensraum ist endlich sozusagen und es bedarf eines guten Managements.

01:34:33.701 --> 01:34:38.100
<v Christopher Zimmermann>Dass sich das lohnt, davon bin ich fest überzeugt, denn das Meer könnte tatsächlich …

01:34:38.101 --> 01:34:44.300
<v Christopher Zimmermann>Der Weltozean liefert zurzeit so zwischen 80-100 Millionen Tonnen Ertrag,

01:34:44.301 --> 01:34:47.500
<v Christopher Zimmermann>zum größten Teil für die menschliche Ernährung, aber nicht ausschließlich.

01:34:47.501 --> 01:34:51.700
<v Christopher Zimmermann>Und das könnte man um 10-20 Millionen Tonnen steigern diesen Ertrag,

01:34:51.701 --> 01:34:54.800
<v Christopher Zimmermann>wenn alle Fischbestände in gutem Zustand wären.

01:34:54.801 --> 01:34:55.900
<v Christopher Zimmermann>Das muss man immer wieder deutlich sagen.

01:34:55.901 --> 01:34:59.900
<v Christopher Zimmermann>Es lohnt sich, Fischbestände gut zu managen, sie größer werden zu lassen,

01:34:59.901 --> 01:35:01.600
<v Christopher Zimmermann>weil der Ertrag steigt.

01:35:01.601 --> 01:35:06.800
<v Christopher Zimmermann>Nun gibt es viele Leute, die einfach jahrelang immer wieder von kollabierenden Fischbeständen gehört haben

01:35:06.801 --> 01:35:10.400
<v Christopher Zimmermann>und der festen Überzeugung sind, das Meer ist im Grunde leergefischt.

01:35:10.401 --> 01:35:11.500
<v Christopher Zimmermann>Das Gegenteil ist der Fall.

01:35:11.501 --> 01:35:17.300
<v Christopher Zimmermann>Es ist tatsächlich so, dass rund 30% der Weltfischbestände, über die wir ausreichend Daten haben,

01:35:17.301 --> 01:35:21.600
<v Christopher Zimmermann>in schlechtem Zustand sind, also kollabiert oder überfischt oder sich erholend,

01:35:21.601 --> 01:35:24.000
<v Christopher Zimmermann>auch da gibt es welche darunter und so weiter,

01:35:24.001 --> 01:35:32.000
<v Christopher Zimmermann>aber der ganze Rest, insbesondere die 58% nach letzten Zahlen, die immer als bis an die Grenze befischt bezeichnet werden,

01:35:32.001 --> 01:35:34.400
<v Christopher Zimmermann>sind genau in dem Zustand, in dem wir sie haben wollen.

01:35:34.401 --> 01:35:40.600
<v Christopher Zimmermann>Nach dem UN-Abkommen in Johannesburg wollen wir Fischbestände so managen, dass sie bis an die Grenze befischt werden,

01:35:40.601 --> 01:35:44.000
<v Christopher Zimmermann>dann werden sie immer noch nachhaltig befischt, aber wir müssen natürlich viel über sie wissen

01:35:44.001 --> 01:35:48.600
<v Christopher Zimmermann>und wir müssen möglichst vorsichtig sein, damit wir sie nicht über die Grenze in den roten Bereich schieben.

01:35:48.601 --> 01:35:52.900
<v Christopher Zimmermann>Das Meer ist keineswegs leer gefischt, es gibt viele positive Beispiele dafür,

01:35:52.901 --> 01:35:56.700
<v Christopher Zimmermann>wie auch stark überfischte oder kollabierte Bestände sich erholt haben.

01:35:56.701 --> 01:36:02.200
<v Christopher Zimmermann>Keine dieser Meeresfischarten ist vom Aussterben bedroht, weil die Bestandsgrößen viel zu klein werden,

01:36:02.201 --> 01:36:05.800
<v Christopher Zimmermann>als dass sich eine kommerzielle Fischerei lohnen würde.

01:36:05.801 --> 01:36:09.900
<v Christopher Zimmermann>Und sie können sich sehr schnell erholen, siehe Beispiel Nordseehering

01:36:09.901 --> 01:36:14.800
<v Christopher Zimmermann>oder siehe jetzt Beispiel Dorsch der westlichen Ostsee, der im letzten Jahr als kollabiert galt

01:36:14.801 --> 01:36:19.900
<v Christopher Zimmermann>und wenn alles nur ein bisschen gut geht, dann ist der Anfang 2019 voll im grünen Bereich.

01:36:19.901 --> 01:36:24.600
<v Christopher Zimmermann>Ein einziger starker Jahrgang reicht am Ende aus, um den Bestand wieder in den grünen Bereich zu bringen,

01:36:24.601 --> 01:36:29.400
<v Christopher Zimmermann>wenn man rechtzeitig harte Einschnitte vorsieht und das Management entsprechend anpasst.

01:36:29.401 --> 01:36:31.700
<v Christopher Zimmermann>Und nicht sagt, wird schon nicht so schlimm werden.

01:36:31.701 --> 01:36:39.100
<v Christopher Zimmermann>Dann kann man auch dafür sorgen, dass so ein Bestand 20-30 Jahre lang sozusagen unter der wirtschaftlich sinnvollen nutzbaren Grenze ist.

01:36:39.101 --> 01:36:41.700
<v Christopher Zimmermann>Dass sich das lohnt, sieht man auch an der Ostsee.

01:36:41.701 --> 01:36:45.000
<v Christopher Zimmermann>In der Ostsee geht es fast allen Fischbeständen inzwischen wieder sehr sehr gut,

01:36:45.001 --> 01:36:48.400
<v Christopher Zimmermann>mit Ausnahme leider der beiden Brotfische der deutschen Fischerei,

01:36:48.401 --> 01:36:51.300
<v Christopher Zimmermann>dem Hering der westlichen Ostsee und dem Dorsch der westlichen Ostsee.

01:36:51.301 --> 01:36:57.300
<v Christopher Zimmermann>Das ist sehr sehr unglücklich, aber die allermeisten anderen Bestände sind in sehr gutem oder gutem Zustand.

01:36:57.301 --> 01:37:02.700
<v Christopher Zimmermann>Die Ostsee kann immer noch das erste vollständig nachhaltige bewirtschaftete Meer der Welt werden.

01:37:02.701 --> 01:37:08.200
<v Christopher Zimmermann>Und es lohnt sich auch deswegen, weil der Verzehr von wildem Meeresfisch ökologisch vorteilhaft ist.

01:37:08.201 --> 01:37:11.600
<v Christopher Zimmermann>Er ist einerseits ethisch vorteilhaft, weil diese Tiere, bis zu dem Moment,

01:37:11.601 --> 01:37:15.100
<v Christopher Zimmermann>wo sie uns ins Netz gingen, ein naturnahes Leben gelebt haben.

01:37:15.101 --> 01:37:18.900
<v Christopher Zimmermann>Wir haben also all die Probleme mit Massentierhaltung, die wir an Land haben, nicht.

01:37:18.901 --> 01:37:23.900
<v Christopher Zimmermann>Er ist aber auch ökologisch vorteilhaft, weil die Nahrungsumsetzungsraten von Fisch

01:37:23.901 --> 01:37:24.900
<v Christopher Zimmermann>extrem günstig sind.

01:37:24.901 --> 01:37:30.400
<v Christopher Zimmermann>Wenn wir uns angucken, welche food conversion ratios Fische haben,

01:37:30.401 --> 01:37:32.500
<v Christopher Zimmermann>dann ist es beim Lachs zum Beispiel 2:1.

01:37:32.501 --> 01:37:40.500
<v Christopher Zimmermann>Also zwei Teile Nahrung brauche ich, um einen Teil für den Menschen verwertbares Lebensmittel zu erzeugen.

01:37:40.501 --> 01:37:44.600
<v Christopher Zimmermann>Bei Hühnern ist es 3:1, bei Schweinen ist 4:1, bei Rindern ist 8:1.

01:37:44.601 --> 01:37:50.100
<v Christopher Zimmermann>das heißt, wenn ich das im globalen Zusammenhang sehe und nicht nur aus der Perspektive des Landnutzers,

01:37:50.101 --> 01:37:52.900
<v Christopher Zimmermann>der sich daran gewöhnt hat, dass wir an Land sowieso alles kaputt machen

01:37:52.901 --> 01:37:57.800
<v Christopher Zimmermann>und deswegen das Meer möglichst in Ruhe lassen sollen, dann ist es gut mehr Fisch zu essen.

01:37:57.801 --> 01:38:02.500
<v Christopher Zimmermann>Es wäre natürlich noch besser, mehr Gemüse und Getreide zu essen, keine Frage,

01:38:02.501 --> 01:38:08.400
<v Christopher Zimmermann>und für jeden vormaligen Fischesser, der durch die Fischführer der Umweltverbände am Ende zum Vegetarier wird,

01:38:08.401 --> 01:38:13.800
<v Christopher Zimmermann>ist das gut gelaufen, aber wenn ich Fisch substituiere mit Huhn, Schwein oder Rind,

01:38:13.801 --> 01:38:17.600
<v Christopher Zimmermann>dann habe ich ökologisch nichts gutes getan, im Gegenteil.

01:38:17.601 --> 01:38:25.200
<v Christopher Zimmermann>Das wäre andersrum besser, eine Rindfleischnahrung durch eine Fischnahrung zu substituieren,

01:38:25.201 --> 01:38:27.200
<v Christopher Zimmermann>einfach, weil dann mehr für alle übrig ist.

01:38:27.201 --> 01:38:32.500
<v Christopher Zimmermann>Und wenn wir uns angucken, steigende Weltbevölkerung, Nahrungsmittelknappheit, Proteinversorgung und so weiter,

01:38:32.501 --> 01:38:36.100
<v Christopher Zimmermann>dann werden wir um Fisch nicht drumrumkommen, es sei denn, es gelingt uns,

01:38:36.101 --> 01:38:40.500
<v Christopher Zimmermann>die allermeisten Menschen zu 100% Vegetariern zu machen.

01:38:40.501 --> 01:38:45.500
<v Christopher Zimmermann>Und deswegen mein Plädoyer, das Meer ist ein für den Menschen nutzbarer Raum.

01:38:45.501 --> 01:38:50.400
<v Christopher Zimmermann>Ich kann verstehen, warum es romantisch überfrachtet ist.

01:38:50.401 --> 01:38:54.300
<v Christopher Zimmermann>Wir haben an Land so viel kaputt gemacht, aber am Ende müssen wir das Ganze ganzheitlich betrachten

01:38:54.301 --> 01:38:57.600
<v Christopher Zimmermann>und da werden wir sehr sehr schnell sehen, wir sollten das Meer nutzen,

01:38:57.601 --> 01:39:03.900
<v Christopher Zimmermann>so nachhaltig, so vorsichtig wie möglich, aber wir sollten nicht einfach die Produktion an Land dafür intensivieren,

01:39:03.901 --> 01:39:07.000
<v Christopher Zimmermann>damit wir weniger Fisch ernten.

01:39:07.001 --> 01:39:20.100
<v Tim Pritlove>Es gibt natürlich auch solche Trends wie, wie nennt man das, Aqua-Kultur-Farming, gerade im Lachsbereich ist das ja ein Thema.

01:39:20.101 --> 01:39:26.500
<v Tim Pritlove>In einigen Ländern auch ziemlich dramatisch mit entsprechenden Folgen.

01:39:26.501 --> 01:39:28.700
<v Tim Pritlove>Ist das überhaupt in der Ostsee ein Thema?

01:39:28.701 --> 01:39:32.700
<v Christopher Zimmermann>In der Ostsee ist es kein großes Thema, einfach, weil die, sagen wir mal,

01:39:32.701 --> 01:39:35.800
<v Christopher Zimmermann>die räumlichen, die morphologischen Gegebenheiten nicht gut sind.

01:39:35.801 --> 01:39:39.100
<v Christopher Zimmermann>Wenn man ein Land wie Norwegen ist, was überall tiefe geschützte Fjorde hat,

01:39:39.101 --> 01:39:41.800
<v Christopher Zimmermann>dann eignet sich das für Lachsfarmen besonders gut.

01:39:41.801 --> 01:39:45.100
<v Christopher Zimmermann>Die Ostsee hat überwiegend flache sandige Küsten, wo man sehr weit raus muss,

01:39:45.101 --> 01:39:49.800
<v Christopher Zimmermann>um solche Netzkäfiganlagen zu installieren und dann sind sie den offenen Wellen wieder ausgesetzt

01:39:49.801 --> 01:39:53.800
<v Christopher Zimmermann>und so geschützt, wie wir das eingangs besprochen haben, ist die Ostsee dann doch nicht.

01:39:53.801 --> 01:39:57.300
<v Christopher Zimmermann>Auch hier versinken großen Fähren einfach wegen Sturmschlag oder sowas.

01:39:57.301 --> 01:40:03.400
<v Christopher Zimmermann>Also es kann auch hier übel rau zugehen und in Abwesenheit von geschützten Buchten

01:40:03.401 --> 01:40:07.300
<v Christopher Zimmermann>ist das einfach kein gutes Gebiet für solche Offshore-Farmen.

01:40:07.301 --> 01:40:10.000
<v Tim Pritlove>Das heißt, der Anteil ist relativ gering.

01:40:10.001 --> 01:40:14.800
<v Tim Pritlove>Sind denn Fische, die aus so einem Aqua-Farming hervorgehen dann nicht mehr so Wildtiere

01:40:14.801 --> 01:40:19.100
<v Tim Pritlove>und ist da die Qualität deutlich anders, weiß man da was drüber?

01:40:19.101 --> 01:40:21.900
<v Christopher Zimmermann>Na die Fische, die aus Aqua-Kulturen kommen, sind keine Wildtiere.

01:40:21.901 --> 01:40:23.000
<v Christopher Zimmermann>Das muss man ganz klar sagen.

01:40:23.001 --> 01:40:28.800
<v Christopher Zimmermann>Das Hausschwein, das wir selbst von einem Ökobauern beziehen, ist kein Wildschwein mehr.

01:40:28.801 --> 01:40:30.100
<v Christopher Zimmermann>Das ist ganz klar.

01:40:30.101 --> 01:40:36.700
<v Christopher Zimmermann>Also diese Vorteile, der hat sein Leben in Wildnis verbracht, wir haben keinen Einfluss auf seine Ernährung und so weiter,

01:40:36.701 --> 01:40:40.200
<v Christopher Zimmermann>wir haben keinen Einfluss, wie er sich vermehrt hat, das einzige, was wir tun können, ist,

01:40:40.201 --> 01:40:43.400
<v Christopher Zimmermann>ihn vorsichtig nutzen, damit der Bestand groß genug bleibt

01:40:43.401 --> 01:40:48.600
<v Christopher Zimmermann>Diese Vorteile gibt man auf, dafür hat man auf der anderen Seite den Vorteil,

01:40:48.601 --> 01:40:51.100
<v Christopher Zimmermann>dass man die Produktion zum Beispiel fast beliebig steigern kann.

01:40:51.101 --> 01:40:53.900
<v Christopher Zimmermann>Wie in der Massentierhaltung üblich.

01:40:53.901 --> 01:40:57.600
<v Christopher Zimmermann>Man hat also die gleichen Probleme, die wir in der Massentierhaltung an Land haben,

01:40:57.601 --> 01:40:59.800
<v Christopher Zimmermann>hat man auch, die kann man alle adressieren.

01:40:59.801 --> 01:41:03.600
<v Christopher Zimmermann>Und es gibt viele kluge Köpfe, ich bin nun kein Aqua-Kultur-Forscher,

01:41:03.601 --> 01:41:09.500
<v Christopher Zimmermann>aber es gibt viele kluge Köpfe, die sich Gedanken machen, wie man den Antibiotikaeinsatz immer weiter reduzieren kann,

01:41:09.501 --> 01:41:12.500
<v Christopher Zimmermann>zum Beispiel wie man die Haltungsdichten so macht, dass es auch tierfreundlich ist.

01:41:12.501 --> 01:41:17.200
<v Christopher Zimmermann>Wie man mit den Fäkalien aus diesen Anlagen umgeht, wie man verhindert,

01:41:17.201 --> 01:41:21.800
<v Christopher Zimmermann>dass es Escapees gibt, also hochgezüchtete, auf Produktion gezüchtet Lachse gibt,

01:41:21.801 --> 01:41:25.900
<v Christopher Zimmermann>die dann ausbrechen und sich mit den Wildbeständen vermischen und die schwächen,

01:41:25.901 --> 01:41:29.100
<v Christopher Zimmermann>einfach weil sie schneller wachsen, und deswegen einen Fortpflanzungserfolg haben,

01:41:29.101 --> 01:41:32.600
<v Christopher Zimmermann>Das kann man alles adressieren, da gibt es viele erfolgreiche Ansätze,

01:41:32.601 --> 01:41:37.400
<v Christopher Zimmermann>aber es sind halt völlig andere Probleme, als die, die wir haben, wenn wir Wildfisch nutzen.

01:41:37.401 --> 01:41:40.500
<v Christopher Zimmermann>Das sind alles Sachen, die wir uns im Wildfischbereich überhaupt nicht angucken müssen.

01:41:40.501 --> 01:41:49.000
<v Tim Pritlove>Aber es klingt ja schon jetzt so ein bisschen, als wäre tendenziell zumindest diese Aqua-Kultur-Technik eher eine zweifelhafte Maßnahme?

01:41:49.001 --> 01:41:50.400
<v Christopher Zimmermann>Nein finde ich gar nicht.

01:41:50.401 --> 01:41:54.100
<v Christopher Zimmermann>Also ich glaube, wenn wir uns um Welternährung kümmern und nochmal im Hinterkopf haben,

01:41:54.101 --> 01:42:00.100
<v Christopher Zimmermann>dass die Nahrungsumsetzraten bei Fisch günstiger sind als bei den allermeisten anderen Tieren,

01:42:00.101 --> 01:42:03.700
<v Christopher Zimmermann>die wir so in der Landzucht haben, dann lohnt es sich viel mehr zu investieren,

01:42:03.701 --> 01:42:05.200
<v Christopher Zimmermann>auch in die Fischzucht.

01:42:05.201 --> 01:42:09.500
<v Christopher Zimmermann>Denn das wird aus Wildfischbeständen nicht alles ausreichend kommen können.

01:42:09.501 --> 01:42:13.100
<v Christopher Zimmermann>Selbst wenn wir sagen, die Wildfischbestände könnten, wenn sie alle in gutem Zustand sind,

01:42:13.101 --> 01:42:17.000
<v Christopher Zimmermann>20 Millionen Tonnen mehr Ertrag pro Jahr liefern, wird das nicht reichen.

01:42:17.001 --> 01:42:22.200
<v Christopher Zimmermann>Das heißt, wir werden uns Gedanken machen müssen über Aqua-Kultur, die dauernd wächst und wächst und wächst

01:42:22.201 --> 01:42:28.300
<v Christopher Zimmermann>und ich glaube inzwischen bei 40 oder 50% der Gesamtfischproduktion der Welt ist.

01:42:28.301 --> 01:42:31.500
<v Christopher Zimmermann>Also Wildfischerei ist schon nur noch 50%.

01:42:31.501 --> 01:42:37.700
<v Christopher Zimmermann>Das wird auch weiter wachsen, bin ich ziemlich überzeugt davon, aber man muss sich eben dann sehr sorgfältig andere Probleme angucken,

01:42:37.701 --> 01:42:42.100
<v Christopher Zimmermann>und dann lohnt es sich vielleicht, auf Bioproduktion zu gehen und so weiter.

01:42:42.101 --> 01:42:46.400
<v Christopher Zimmermann>Aber auch da nochmal, in einem norwegischen Zuchtlachs sind heute schon weniger Antibiotika

01:42:46.401 --> 01:42:53.000
<v Christopher Zimmermann>als selbst in einem Ökorind, muss man einfach wissen.

01:42:53.001 --> 01:42:57.200
<v Christopher Zimmermann>Die Land- und die Wasserproduktion ist da sehr sehr unterschiedlich.

01:42:57.201 --> 01:43:05.400
<v Tim Pritlove>Ja und vor allem die Bodenlandwirtschaft beeinflusst ja das Meer und durch Nährstoffe, die eingetragen werden aus der Landwirtschaft,

01:43:05.401 --> 01:43:11.300
<v Tim Pritlove>also Düngemittel etc., andersrum ist das ja eher nicht so.

01:43:11.301 --> 01:43:17.000
<v Christopher Zimmermann>Ganz genau. Das Meer hat ein relativ, außer über Klima jetzt natürlich, einen relativ geringen Einfluss auf die terrestrischen Ökosysteme.

01:43:17.001 --> 01:43:23.900
<v Christopher Zimmermann>Andersrum wissen wir als spätestens seit letztem Jahr, dass auch die Überdüngung einen wesentlichen Einfluss darauf hat,

01:43:23.901 --> 01:43:27.100
<v Christopher Zimmermann>dass der Nachwuchs des Herings der westlichen Ostsee immer weniger wird.

01:43:27.101 --> 01:43:32.300
<v Christopher Zimmermann>Das ist ein Zusammenspiel aus Temperaturerwärmung in weiten Teilen der westlichen Ostsee

01:43:32.301 --> 01:43:33.600
<v Christopher Zimmermann>und Nährstoffeintrag.

01:43:33.601 --> 01:43:37.000
<v Christopher Zimmermann>Und an der Stelle wird es jetzt echt spannend, wie man das denn eigentlich abwägt.

01:43:37.001 --> 01:43:42.600
<v Christopher Zimmermann>Wir leben hier in einem Land, Mecklenburg-Vorpommern, was stolz auf eine florierende Landwirtschaft ist,

01:43:42.601 --> 01:43:46.000
<v Christopher Zimmermann>aber auch stolz auf den Tourismus und stolz auch auf die Fischerei ist.

01:43:46.001 --> 01:43:50.000
<v Christopher Zimmermann>Und an der Stelle muss man jetzt anfangen abzuwägen, könnte man verhindern,

01:43:50.001 --> 01:43:57.500
<v Christopher Zimmermann>dass so viele Nährstoffe, also vor allen Dingen Phosphate und Nitrate in die Küstengewässer eingetragen werden,

01:43:57.501 --> 01:44:02.700
<v Christopher Zimmermann>indem man breitere Uferstreifen an den Flüssen oder so was nutzungsfrei oder wenigstens düngemittelfrei lässt,

01:44:02.701 --> 01:44:08.500
<v Christopher Zimmermann>was dann möglicherweise wieder eine sehr positive Auswirkung auf die Entwicklung des Heringsbestandes hat.

01:44:08.501 --> 01:44:12.500
<v Christopher Zimmermann>Denn unsere Heringsfischer knapsen zurzeit durch den immer kleiner werdenden Bestand.

01:44:12.501 --> 01:44:19.600
<v Christopher Zimmermann>Und es ist nicht deren Schuld, sondern es ist sozusagen die Schuld der geänderten Umweltbedingungen und der Überdüngung.

01:44:19.601 --> 01:44:29.200
<v Tim Pritlove>Sie sagten vorhin, die Ostsee kann vielleicht das erste nachhaltig bewirtschaftete Ökosystem oder Meeresökosystem werden,

01:44:29.201 --> 01:44:36.100
<v Tim Pritlove>ist das sozusagen das Ziel, ist das ein weit ausgerufenes oder eher ein privates Ziel von Ihnen?

01:44:36.101 --> 01:44:40.300
<v Christopher Zimmermann>Na das ist mehr meine Vorhersage, um auch zu sagen, wir sind auf einem guten Weg dahin.

01:44:40.301 --> 01:44:42.400
<v Christopher Zimmermann>Wir sind gar nicht mehr so weit weg.

01:44:42.401 --> 01:44:46.700
<v Christopher Zimmermann>Wir haben in der Ostsee andere Probleme, menschengemachte Probleme, die auch bleiben werden.

01:44:46.701 --> 01:44:50.800
<v Christopher Zimmermann>Wenn wir so was wie Munitionsverklappung und seit vielen vielen Jahren weiß man,

01:44:50.801 --> 01:44:55.600
<v Christopher Zimmermann>dass die Dinger vor sich hin rotten, jetzt sind sie endlich so weit, dass sie Munitionsbestandteile freisetzen,

01:44:55.601 --> 01:44:57.900
<v Christopher Zimmermann>die dann natürlich auch irgendwie giftig sind.

01:44:57.901 --> 01:45:01.400
<v Christopher Zimmermann>Das ist alles auf relativ kleiner Skala, ist nicht so, dass man den Fisch nicht mehr essen kann.

01:45:01.401 --> 01:45:06.300
<v Christopher Zimmermann>Aber ich frage mich schon, wieso wartet man denn eigentlich 20 Jahre wissend, dass man sie jetzt noch händeln kann

01:45:06.301 --> 01:45:10.200
<v Christopher Zimmermann>und in 20 Jahren kann man sie nicht mehr händeln, weil die Granaten oder was weiß ich alle zerfallen.

01:45:10.201 --> 01:45:17.400
<v Christopher Zimmermann>Wir haben nach wie vor in der nördlichen Ostsee die Belastung mit Schwermetallen und auch mit DDT-Derivaten,

01:45:17.401 --> 01:45:21.100
<v Christopher Zimmermann>also irgendwie persistenten chlororganischen Stoffen und so weiter.

01:45:21.101 --> 01:45:25.200
<v Christopher Zimmermann>Die da vermutlich auch nie wieder rausgehen, wegen der tiefen Beckenstruktur.

01:45:25.201 --> 01:45:31.400
<v Christopher Zimmermann>Die werden einfach dauernd rezykliert und dann gelangen sie wieder in die Wassersäule und dann sinken sie wieder zu Boden und so weiter.

01:45:31.401 --> 01:45:37.300
<v Christopher Zimmermann>Solche Probleme können wir erst mal nicht lösen, aber die Probleme mit der Überfischung können wir lösen.

01:45:37.301 --> 01:45:41.100
<v Christopher Zimmermann>Und wir sind da auf einem sehr sehr guten Weg und deswegen aus Fischsicht,

01:45:41.101 --> 01:45:44.200
<v Christopher Zimmermann>nur darauf war das bezogen, denn andere Sachen haben wir nicht in der Hand,

01:45:44.201 --> 01:45:48.800
<v Christopher Zimmermann>kann es tatsächlich sein, dass in Europa die Ostsee das erste Gebiet ist,

01:45:48.801 --> 01:45:52.500
<v Christopher Zimmermann>in der keine einzige Fischart, kein einziger Fischbestand mehr überfischt ist.

01:45:52.501 --> 01:45:55.000
<v Christopher Zimmermann>Da wollen wir gerne hin.

01:45:55.001 --> 01:45:58.900
<v Tim Pritlove>Dann wünsche ich Ihnen da noch viel Erfolg auf diesem Weg.

01:45:58.901 --> 01:46:03.900
<v Tim Pritlove>Und bedanke mich für das ausführliche Gespräch über die Fischerei in der Ostsee.

01:46:03.901 --> 01:46:09.600
<v Tim Pritlove>Und auch darüber hinaus und das hat ein paar interessante Einblicke gegeben.

01:46:09.601 --> 01:46:13.200
<v Tim Pritlove>Mir und sicherlich auch allen, die hier zugehört habe, also vielen Dank.

01:46:13.201 --> 01:46:14.100
<v Christopher Zimmermann>Sehr gerne.

01:46:14.101 --> 01:46:17.300
<v Tim Pritlove>Und vielen Dank fürs Zuhören hier bei Forschergeist.

01:46:17.301 --> 01:46:20.100
<v Tim Pritlove>Uns gibt es dann auch bald wieder, wie immer.

01:46:20.101 --> 01:46:22.300
<v Tim Pritlove>Ich sage, tschüss und bis bald.
