WEBVTT

NOTE
Podcast: Forschergeist
Episode: FG057 Artenschutz und Zoos
Publishing Date: 2018-05-16T16:45:36+02:00
Podcast URL: https://forschergeist.de
Episode URL: https://forschergeist.de/podcast/fg057-artenschutz-und-zoos/

00:00:42.801 --> 00:00:45.100
<v Tim Pritlove>Hallo und herzlich willkommen zu Forschergeist,

00:00:45.101 --> 00:00:48.300
<v Tim Pritlove>dem Podcast des Stifterverbands für die deutsche Wissenschaft.

00:00:48.301 --> 00:00:50.100
<v Tim Pritlove>Mein Name ist Tim Pritlove

00:00:50.101 --> 00:00:58.300
<v Tim Pritlove>und ich begrüße alle zu Nummer 57 in unserer Gesprächsserie rund um die Wissenschaft im weitesten Sinne.

00:00:58.301 --> 00:01:01.100
<v Tim Pritlove>Und heute gehen wir auch mal ganz weit raus.

00:01:01.101 --> 00:01:06.000
<v Tim Pritlove>Konkret hat mich der Weg allerdings erst mal nur bis nach Frankfurt geführt.

00:01:06.001 --> 00:01:14.600
<v Tim Pritlove>Ich sitze hier im Gesellschaftshaus des zoologischen Gartens in Frankfurt und begrüße meinen Gesprächspartner,

00:01:14.601 --> 00:01:18.800
<v Tim Pritlove>den ehemaligen Direktor des Frankfurter Zoos, Manfred Niekisch, schönen guten Tag.

00:01:18.801 --> 00:01:20.800
<v Manfred Niekisch>Guten Tag.

00:01:20.801 --> 00:01:23.500
<v Tim Pritlove>Herr Niekisch, Sie sind jetzt im Ruhestand, kann man das so sagen?

00:01:23.501 --> 00:01:25.200
<v Manfred Niekisch>Ja.

00:01:25.201 --> 00:01:28.500
<v Tim Pritlove>Trifft nicht so richtig der Begriff oder?

00:01:28.501 --> 00:01:30.400
<v Manfred Niekisch>Der Begriff greift nur ein bisschen.

00:01:30.401 --> 00:01:35.800
<v Manfred Niekisch>Formal greift er, denn ja es ist ein bisschen wie Weihnachten, man weiß, das kommt,

00:01:35.801 --> 00:01:40.800
<v Manfred Niekisch>man weiß auch genau wann es kommt und dann ist es plötzlich da und man sagt,

00:01:40.801 --> 00:01:43.900
<v Manfred Niekisch>huch ist es schon so weit wieder?

00:01:43.901 --> 00:01:49.500
<v Manfred Niekisch>Nein, in dem Fall war also die Sache, dass ich tatsächlich vom Magistrat gebeten worden bin,

00:01:49.501 --> 00:01:55.900
<v Manfred Niekisch>ein Jahr länger zu machen als die normale Erreichung des Pensionsalters es zugelassen hätte.

00:01:55.901 --> 00:01:56.300
<v Tim Pritlove>Ja.

00:01:56.301 --> 00:02:01.800
<v Manfred Niekisch>Und dadurch habe ich nochmal ein extra Jahr gehabt, um Dinge auf den Weg zu bringen bzw. Projekte abzuschließen.

00:02:01.801 --> 00:02:05.000
<v Manfred Niekisch>Und das habe ich mit großer großer Freude getan.

00:02:05.001 --> 00:02:08.700
<v Tim Pritlove>Aber so richtig ruhig ist es noch nicht geworden?

00:02:08.701 --> 00:02:12.200
<v Manfred Niekisch>Ich habe ja nebenbei schon immer einige Aktivitäten gehabt,

00:02:12.201 --> 00:02:18.900
<v Manfred Niekisch>unter anderem im Sachverständigenrat für Umweltfragen oder als Vizepräsident der zoologischen Gesellschaft Frankfurt,

00:02:18.901 --> 00:02:20.900
<v Manfred Niekisch>die unabhängig vom Zoo ist.

00:02:20.901 --> 00:02:26.900
<v Manfred Niekisch>Und das sind Aktivitäten, für die ich mir immer gewünscht habe, mehr Zeit zu haben.

00:02:26.901 --> 00:02:31.300
<v Manfred Niekisch>Die habe ich jetzt und die Zeitfenster sind auch ganz schnell zugegangen,

00:02:31.301 --> 00:02:36.900
<v Manfred Niekisch>weil in dem Moment, wo ruchbar wurde, dass es tatsächlich ernst wird mit meiner Pensionierung,

00:02:36.901 --> 00:02:41.000
<v Manfred Niekisch>alle möglichen Institutionen und Leute kamen und sagten,

00:02:41.001 --> 00:02:47.200
<v Manfred Niekisch>ach jetzt, wo Sie pensioniert sind, hätten Sie doch bestimmt Zeit, mit uns mal und so weiter und so weiter.

00:02:47.201 --> 00:02:51.200
<v Manfred Niekisch>Also ich habe nach wie vor mehr als genug zu tun.

00:02:51.201 --> 00:02:58.300
<v Manfred Niekisch>Muss mich besser organisieren, weil ich nicht mehr die Bürozeit sozusagen habe, um mich zu organisieren,

00:02:58.301 --> 00:03:05.200
<v Manfred Niekisch>die ja auch ein äußerlicher Taktgeber ist, sondern ich muss selber entscheiden, was mache ich und was mache ich nicht.

00:03:05.201 --> 00:03:10.300
<v Manfred Niekisch>Und da ist die Gefahr, dass man zu viel zusagt, eben größer, als wenn man von Vornherein sagt,

00:03:10.301 --> 00:03:17.400
<v Manfred Niekisch>ich kann gar nicht neben dem Posten eines Zoodirektors noch viel mehr nebenbei machen.

00:03:17.401 --> 00:03:22.300
<v Tim Pritlove>Ja, das kann ich mir vorstellen, dass Sie da ein gefragter Mann sind.

00:03:22.301 --> 00:03:28.900
<v Tim Pritlove>Ich würde ganz gerne mal noch ein bisschen zurückblättern an Ihre Anfänge, wie Sie überhaupt zu diesem Thema,

00:03:28.901 --> 00:03:34.200
<v Tim Pritlove>und letztlich auch zu diesem Beruf oder dieser Berufung gekommen sind.

00:03:34.201 --> 00:03:35.700
<v Tim Pritlove>Haben Sie es schon immer mit Tieren gehabt?

00:03:35.701 --> 00:03:41.300
<v Manfred Niekisch>Ja, da müssen wir ziemlich weit zurückblättern, nämlich so weit, wie ich denken kann.

00:03:41.301 --> 00:03:45.500
<v Manfred Niekisch>Ich habe mich immer für Tiere interessiert und für mich war das allergrößte,

00:03:45.501 --> 00:03:53.200
<v Manfred Niekisch>wenn in der Zeit in Nürnberg, wo ich groß geworden bin, das damals noch schwer vom Krieg geschädigt war,

00:03:53.201 --> 00:03:59.400
<v Manfred Niekisch>der Krieg war natürlich schon ein paar Jahre vorbei, wenn mich da mein Vater auf den Rücksitz des Fahrrads gepackt hat,

00:03:59.401 --> 00:04:05.200
<v Manfred Niekisch>das war so eine einfache Metallschüssel, kann man sagen, und mit mir an irgendeinen Tümpel geradelt ist,

00:04:05.201 --> 00:04:10.600
<v Manfred Niekisch>unter anderem abgesoffene Bombenkrater und ich durfte dort Molche fangen und Frösche.

00:04:10.601 --> 00:04:16.600
<v Manfred Niekisch>Und dann hat mir meine Mutter immer eine Waschschüssel geliehen, die habe ich dann mit Fliegendraht abgedeckt

00:04:16.601 --> 00:04:18.600
<v Manfred Niekisch>und da habe ich meine ersten Tiere gehalten.

00:04:18.601 --> 00:04:24.400
<v Manfred Niekisch>Da ging es los und mir war immer klar, ich will etwas mit Tieren machen beruflich.

00:04:24.401 --> 00:04:26.900
<v Tim Pritlove>Und wie kam es dann dazu?

00:04:26.901 --> 00:04:32.200
<v Manfred Niekisch>Es kam dann so dazu, dass ich zunächst mal Biologie studiert habe.

00:04:32.201 --> 00:04:36.200
<v Manfred Niekisch>Und dieses Studium hat mir sehr viel Spaß gemacht.

00:04:36.201 --> 00:04:42.500
<v Manfred Niekisch>Ich habe am Anfang gedacht, ich studiere für Lehramt und mach das gemeinsam mit dem Fach Germanistik.

00:04:42.501 --> 00:04:47.500
<v Manfred Niekisch>Das hat sich aber herausgestellt war völlig unmöglich, schon von den Stundenplänen her.

00:04:47.501 --> 00:04:52.400
<v Manfred Niekisch>Und außerdem habe ich mir gesagt, nein ich will ja Biologe werden, ich studiere richtig Biologie.

00:04:52.401 --> 00:04:58.200
<v Manfred Niekisch>Das heißt, ich habe dann erst mal das Diplom gemacht, habe viel Zeit im Gelände verbracht für meine Diplomarbeit,

00:04:58.201 --> 00:05:01.700
<v Manfred Niekisch>die habe ich nämlich gemacht über einheimische Kröten.

00:05:01.701 --> 00:05:08.300
<v Manfred Niekisch>Und ich habe dann einen Krötenzaun aufgebaut, um zu sehen, wie die Erdkröten wandern, wann sie wandern

00:05:08.301 --> 00:05:11.200
<v Manfred Niekisch>und ob so ein Zaun überhaupt etwas bringt.

00:05:11.201 --> 00:05:12.900
<v Manfred Niekisch>Das war einer der ersten Krötenzäune.

00:05:12.901 --> 00:05:16.100
<v Tim Pritlove>Also ein Krötenzaun, um die Kröten jetzt vor der Straße zu schützen?

00:05:16.101 --> 00:05:21.600
<v Manfred Niekisch>Die Kröten davon abzuhalten, dass sie über eine vielbefahrene Straße laufen nachts,

00:05:21.601 --> 00:05:23.800
<v Manfred Niekisch>die ihren Lebensraum zerschneidet.

00:05:23.801 --> 00:05:26.900
<v Manfred Niekisch>Die Kröten waren zuerst da, später kam die Straße.

00:05:26.901 --> 00:05:34.100
<v Manfred Niekisch>Und heute ist das ja Gang und Gäbe, dass man das macht, um diesen Massentod der Kröten auf der Straße zu vermeiden.

00:05:34.101 --> 00:05:42.500
<v Manfred Niekisch>Das spielte sich ab im Februar/März nachts bei Regen 6-10 Grad, das war nicht immer lustig.

00:05:42.501 --> 00:05:47.700
<v Manfred Niekisch>Lustig war nur, wenn ich dann nachts die Kröten fotografiert habe mit meinem Blitzlicht,

00:05:47.701 --> 00:05:51.700
<v Manfred Niekisch>dann sind die Autos auf der Straße immer auf die Bremse gestiegen, fragen Sie mich nicht warum,

00:05:51.701 --> 00:05:56.900
<v Manfred Niekisch>die haben halt gedacht, sie sind gerade geblitzt worden, ich habe das aber für die Kröten gemacht, nicht für die Autos.

00:05:56.901 --> 00:06:00.300
<v Manfred Niekisch>Naja, wie auch immer.

00:06:00.301 --> 00:06:08.600
<v Manfred Niekisch>Dann habe ich mir gesagt, jetzt wäre es eigentlich schön, für die Doktorarbeit mal über eine Art zu arbeiten,

00:06:08.601 --> 00:06:13.400
<v Manfred Niekisch>die tagaktiv ist und bei Sonne vor allem, bei schönem Wetter, da bin ich auf die Gelbbauchunke gekommen.

00:06:13.401 --> 00:06:15.800
<v Tim Pritlove>Damit Sie auch selber mal wieder ein bisschen Sonne sehen?

00:06:15.801 --> 00:06:20.300
<v Manfred Niekisch>Genau das und auch weil die Nachbarn sich schon immer gewundert haben,

00:06:20.301 --> 00:06:25.900
<v Manfred Niekisch>dass ich immer im zeitigen Frühjahr nachts mit der Taschenlampe bei Regen losgelaufen bin.

00:06:25.901 --> 00:06:31.900
<v Manfred Niekisch>Das war also der Dorfbevölkerung nicht so ganz klar, was ich da eigentlich mache, bis ich es ihnen dann erzählt habe.

00:06:31.901 --> 00:06:36.100
<v Tim Pritlove>Das sind immer die interessantesten Berufe, wo die Leute sich wundern, was man da eigentlich macht.

00:06:36.101 --> 00:06:40.100
<v Manfred Niekisch>Richtig. Und auch die Kommentare, die man dann hört.

00:06:40.101 --> 00:06:46.300
<v Manfred Niekisch>Also ich kann mich erinnern, ich war dann nachts in einer Sandgrube und das war zu den Zeiten des Terrorismus,

00:06:46.301 --> 00:06:54.700
<v Manfred Niekisch>wo also jeder Angst hatte, Ende der 60er/Mitte der 70er Jahre und bin dann mit meiner Taschenlampe rumgelaufen

00:06:54.701 --> 00:07:01.100
<v Manfred Niekisch>und plötzlich stand eine Polizeistreife vor mir und sagte, was machen Sie da?

00:07:01.101 --> 00:07:04.300
<v Manfred Niekisch>Ich hatte natürlich die Genehmigung des Grubenbetreibers, da drin zu sein.

00:07:04.301 --> 00:07:08.400
<v Manfred Niekisch>Und ich habe denen das erklärt und die haben es mir erst nicht geglaubt

00:07:08.401 --> 00:07:12.800
<v Manfred Niekisch>und dann kam aber eine Polizistin, die wohl gedacht hat, sie müsste ihre Kollegen erst mal sichern,

00:07:12.801 --> 00:07:16.500
<v Manfred Niekisch>aus dem Hinterhalt gesprungen und sagte, wo wo sind die Kröten?

00:07:16.501 --> 00:07:18.400
<v Manfred Niekisch>Ich habe nämlich zu Hause auch einen Molch.

00:07:18.401 --> 00:07:22.400
<v Manfred Niekisch>Gut, und das war der Beginn einer langen Freundschaft.

00:07:22.401 --> 00:07:24.000
<v Tim Pritlove>Mit der Polizistin?

00:07:24.001 --> 00:07:28.100
<v Manfred Niekisch>Die sind dann mit mir durch die Gegend gezogen in dieser Sandgrube an dem Abend.

00:07:28.101 --> 00:07:31.100
<v Tim Pritlove>Also keine Terroristen mehr gesucht, sondern Kröten.

00:07:31.101 --> 00:07:32.200
<v Manfred Niekisch>Nein das Thema war vorbei.

00:07:32.201 --> 00:07:36.000
<v Manfred Niekisch>Also es hat mir sehr sehr viel Spaß gemacht, ich habe viel Feldarbeit gemacht.

00:07:36.001 --> 00:07:45.600
<v Manfred Niekisch>Und bin dann über einen Auftrag des Bundesamtes für Ernährung und Forstwirtschaft, das gab es damals noch in dieser Form,

00:07:45.601 --> 00:07:52.200
<v Manfred Niekisch>gebeten worden, ein Erkennungshandbuch für das Washingtoner Artenschutzübereinkommen zu überarbeiten.

00:07:52.201 --> 00:07:59.100
<v Manfred Niekisch>Das heißt, ein Handbuch, damit Zöllner am Frankfurter Flughafen oder sonst irgendwo in Deutschland Tiere,

00:07:59.101 --> 00:08:03.600
<v Manfred Niekisch>die an der Grenze nach Deutschland reingebracht werden sollten, identifizieren können

00:08:03.601 --> 00:08:11.700
<v Manfred Niekisch>und diese Identifikation dient dann dazu zu sagen, okay das Tier darf importiert werden oder es darf nicht importiert werden.

00:08:11.701 --> 00:08:16.300
<v Manfred Niekisch>So bin ich also ans Bundesamt gekommen und dann hat der WWF Deutschland,

00:08:16.301 --> 00:08:20.800
<v Manfred Niekisch>der World Wildlife Fund, wie er damals hieß, eine Stelle eingerichtet,

00:08:20.801 --> 00:08:25.700
<v Manfred Niekisch>wo es speziell um die Beobachtung des Handels mit wildlebenden Tieren und Pflanzen geht.

00:08:25.701 --> 00:08:31.300
<v Manfred Niekisch>Und die habe ich aufgrund dieser Vorarbeiten und meiner ganzen Kontakte und meines Engagements bekommen.

00:08:31.301 --> 00:08:35.500
<v Manfred Niekisch>Das war also mein beruflicher Einstieg in den Naturschutz.

00:08:35.501 --> 00:08:41.300
<v Manfred Niekisch>Ehrenamtlich war ich schon vorher im Naturschutz aktiv, allerdings eben nur im heimischen Bereich.

00:08:41.301 --> 00:08:47.800
<v Manfred Niekisch>Das war eine wahnsinnig spannende Zeit und wir haben ein internationales Netzwerk aufgebaut, das es heute noch gibt.

00:08:47.801 --> 00:08:54.100
<v Manfred Niekisch>Das heißt Traffic Trade Records Analysis of Fauna and Flora in Commerce.

00:08:54.101 --> 00:09:03.200
<v Manfred Niekisch>Also die Beobachtung von Fauna und Flora im Handel, um zu sehen, welche Formen des Handels gefährden denn Tier- und Pflanzenarten?

00:09:03.201 --> 00:09:06.500
<v Manfred Niekisch>Welche Tier- und Pflanzenarten tauchen im Handle auf?

00:09:06.501 --> 00:09:12.100
<v Manfred Niekisch>Bei welchen ist es unproblematisch und vor allem, wie kann diesen illegalen Handel stoppen?

00:09:12.101 --> 00:09:18.100
<v Manfred Niekisch>Da gab es dann auch eine große internationale Konvention dazu, das Washingtoner Artenschutzübereinkommen.

00:09:18.101 --> 00:09:23.500
<v Manfred Niekisch>Und da habe ich mich nicht nur engagiert, sondern war auch bei vielen dieser Konferenzen.

00:09:23.501 --> 00:09:29.100
<v Manfred Niekisch>Zumal in der Anfangszeit Mitglied der deutschen Regierungsdelegation.

00:09:29.101 --> 00:09:37.500
<v Manfred Niekisch>Das war also wirklich eine spannende Zeit, aber ich irgendwie gemerkt, mein Bild von den bösen Wilderern,

00:09:37.501 --> 00:09:44.000
<v Manfred Niekisch>die die armen Tiere fangen und dann hier auf den Markt bringen, das bekommt doch immer mehr Risse.

00:09:44.001 --> 00:09:51.600
<v Manfred Niekisch>Denn ich war dann unter anderem in Indonesien unterwegs, um zu sehen, wo eigentlich diese ganzen illegalen Kakadus herkommen.

00:09:51.601 --> 00:09:59.300
<v Manfred Niekisch>Und musste dort feststellen, die Leute, die die fangen, sind nicht böse Wilderer, sondern arme Bauern,

00:09:59.301 --> 00:10:04.800
<v Manfred Niekisch>die gar keine andere Chance hatten, als sich ein bisschen Geld mit Tierhandel zu verdienen.

00:10:04.801 --> 00:10:11.900
<v Manfred Niekisch>weil sie nämlich vom Militär aus ihrem Dorf vertrieben worden waren, dort sollte nämlich ein Golfplatz für das Militär gebaut werden.

00:10:11.901 --> 00:10:18.500
<v Manfred Niekisch>Und dann habe ich gesagt, nein dieser Ansatz, nur hinter Tierfängern und Schmugglern herzulaufen, der ist zwar wichtig,

00:10:18.501 --> 00:10:23.100
<v Manfred Niekisch>aber das reicht mir nicht, zumal nicht am Anfang meiner beruflichen Tätigkeit.

00:10:23.101 --> 00:10:28.400
<v Manfred Niekisch>Und ich habe dann angefangen, mich um die Projekte der lokalen Bevölkerung zu kümmern,

00:10:28.401 --> 00:10:35.000
<v Manfred Niekisch>und habe als allererstes mal angefangen, bei WWF damals ein Tropenwaldprogramm aufzubauen.

00:10:35.001 --> 00:10:40.300
<v Manfred Niekisch>Also ein Programm zum Schutz der tropischen Wälder.

00:10:40.301 --> 00:10:46.000
<v Manfred Niekisch>Da ging es nicht nur darum, den Wald zu erhalten, sondern sich auch Gedanken zu machen, warum gehen die Wälder kaputt

00:10:46.001 --> 00:10:52.200
<v Manfred Niekisch>und wie kann man die lokale Bevölkerung unterstützen, dass sie ihre Wälder selber schützt.

00:10:52.201 --> 00:10:59.900
<v Manfred Niekisch>Denn ich hatte allzu oft gemerkt, die lokale Bevölkerung weiß schon, was sie am Wert ihres Waldes hat,

00:10:59.901 --> 00:11:02.700
<v Manfred Niekisch>aber sie hat keine Möglichkeiten, ihn zu erhalten.

00:11:02.701 --> 00:11:05.900
<v Manfred Niekisch>Einfach weil der momentane Druck zu groß ist.

00:11:05.901 --> 00:11:13.900
<v Manfred Niekisch>Armut erlaubt keine langfristige Planung und Armut erlaubt auch keine langfristig sinnvolle Ressourcennutzung,

00:11:13.901 --> 00:11:18.200
<v Manfred Niekisch>sondern da geht es darum, schnell zu nehmen, was man kriegen kann.

00:11:18.201 --> 00:11:20.500
<v Manfred Niekisch>Und das hat mich sehr fasziniert.

00:11:20.501 --> 00:11:26.000
<v Manfred Niekisch>Dann hatte ich aber auf einmal mehr zu tun mit ländlicher Bevölkerung als mit Tieren

00:11:26.001 --> 00:11:31.200
<v Manfred Niekisch>und fand das auch noch wichtiger, als mich jetzt um Tiere zu kümmern.

00:11:31.201 --> 00:11:38.900
<v Manfred Niekisch>Das mündete dann dahin, dass ich von einer Gruppe von Freunden in München gefragt wurde,

00:11:38.901 --> 00:11:44.600
<v Manfred Niekisch>ob ich nicht Lust hätte, eine Tropenwaldorganisation aufzubauen und wie ich das machen würde.

00:11:44.601 --> 00:11:46.700
<v Manfred Niekisch>Und das war für mich eine große Chance.

00:11:46.701 --> 00:11:54.100
<v Manfred Niekisch>Weil ich nämlich gesehen hatte, dass der WWF als große weiße westlich bestimmte Organisation,

00:11:54.101 --> 00:11:58.200
<v Manfred Niekisch>mit einer bestimmten Philosophie und Strategie, einiges tun kann,

00:11:58.201 --> 00:12:07.800
<v Manfred Niekisch>aber was mich viel mehr interessierte war, Projekte zu finden, die die lokale Bevölkerung selber durchführt vor Ort,

00:12:07.801 --> 00:12:12.200
<v Manfred Niekisch>unterstützt mit einem kleinen Brückenkopf, der Geld sammelt, in Deutschland.

00:12:12.201 --> 00:12:16.600
<v Manfred Niekisch>Das war mein Konzept und wir haben die Tropenwaldstiftung OroVerde gegründet,

00:12:16.601 --> 00:12:23.600
<v Manfred Niekisch>die gibt es bis heute noch, die ist stark gewachsen und verfolgt immer noch dieses Konzept,

00:12:23.601 --> 00:12:29.600
<v Manfred Niekisch>hier mit einem kleinen Brückenkopf Projekte der einheimischen Bevölkerung vor Ort zu unterstützen.

00:12:29.601 --> 00:12:31.100
<v Tim Pritlove>Grünes Gold.

00:12:31.101 --> 00:12:36.800
<v Manfred Niekisch>Grünes Gold, das war der Name und der kam auch ganz gut an.

00:12:36.801 --> 00:12:41.300
<v Manfred Niekisch>Allerdings wurden wir manchmal ein bisschen überschätzt, wenn ich in Lateinamerika unterwegs war,

00:12:41.301 --> 00:12:48.300
<v Manfred Niekisch>dort ist OroVerde nämlich eine große hochwertige Hotelkette und die dachten, wir hängen da mit drin.

00:12:48.301 --> 00:12:51.800
<v Manfred Niekisch>Das war aber nicht so.

00:12:51.801 --> 00:13:06.200
<v Tim Pritlove>Ja. Das heißt, eigentlich von Anfang an war Ihr biologisches ausgerichtete Interesse auch immer sehr schnell dann in so einem aktivistischen Feld unterwegs.

00:13:06.201 --> 00:13:15.800
<v Tim Pritlove>Dass man gesehen hat, da ist was aus dem Lot geraten und wir müssen Maßnahmen ergreifen, um das zu korrigieren?

00:13:15.801 --> 00:13:22.900
<v Manfred Niekisch>Es war, ich weiß nicht, ob man das Aktivismus nennen sollte, aber es war auf jeden Fall im sehr angewandten aktiven Bereich.

00:13:22.901 --> 00:13:29.800
<v Manfred Niekisch>Aktivismus hat immer so den Beigeschmack von wenig Planung, aber das kann man sich im Naturschutz nicht leisten.

00:13:29.801 --> 00:13:37.500
<v Manfred Niekisch>Wir müssen sehr gut planen, und zwar nicht nur, damit die Projekte erfolgreich sind, sondern weil wir auch unseren Spendern verantwortlich sind,

00:13:37.501 --> 00:13:39.800
<v Manfred Niekisch>was mit deren Geld passiert.

00:13:39.801 --> 00:13:43.700
<v Manfred Niekisch>Und das war auch schon eine teilweise harte Zeit, Geld zu sammeln.

00:13:43.701 --> 00:13:49.600
<v Manfred Niekisch>Denn wir haben bei dieser Stiftung OroVerde am Anfang keine große Finanzausstattung gehabt.

00:13:49.601 --> 00:13:52.100
<v Manfred Niekisch>Das war eigentlich ein Sprung ins kalte Wasser.

00:13:52.101 --> 00:14:00.100
<v Manfred Niekisch>Und wir hatten einen sehr aktiven Vorstandsvorsitzenden, der gesagt hat, okay ich gebe euch für ein halbes Jahr Geld,

00:14:00.101 --> 00:14:06.600
<v Manfred Niekisch>damit ihr arbeiten könnt und ich zahle ein halbes Jahr eure Gehälter, aber dann müsst ihr schauen, wie ihr auf die Beine kommt.

00:14:06.601 --> 00:14:09.000
<v Manfred Niekisch>Und der hat sich dann sehr aktiv eingebracht.

00:14:09.001 --> 00:14:13.200
<v Manfred Niekisch>Immer wieder Freunde zu sich nach Hause eingeladen, Werbung gemacht, Geld gesammelt.

00:14:13.201 --> 00:14:18.500
<v Manfred Niekisch>Heute läuft das sehr viel besser und nicht mehr so ganz von der Hand in den Mund,

00:14:18.501 --> 00:14:24.500
<v Manfred Niekisch>weil wir bei OroVerde, ich bin da jetzt Ehrenvorsitzender, Ehrenpräsident, aber nicht mehr im aktiven Geschäft.

00:14:24.501 --> 00:14:31.600
<v Manfred Niekisch>Über die EU und andere Stellen, über die Bundesministerien Projekte gefördert kriegen,

00:14:31.601 --> 00:14:35.700
<v Manfred Niekisch>die die Existenz von OroVerde längerfristig absichern.

00:14:35.701 --> 00:14:41.700
<v Tim Pritlove>War das dann schon die letzte Station, bevor es hier zum Zoo ging?

00:14:41.701 --> 00:14:49.300
<v Manfred Niekisch>Das war noch nicht die letzte Station, ganz im Gegenteil, es waren sehr intensive zehn Jahre, die ich das bei OroVerde gemacht habe.

00:14:49.301 --> 00:14:51.600
<v Tim Pritlove>Wo befinden wir uns denn jetzt in der Zeitachse ungefähr?

00:14:51.601 --> 00:14:59.100
<v Manfred Niekisch>Wir befinden uns jetzt in der Zeitachse 98-2008.

00:14:59.101 --> 00:15:04.900
<v Manfred Niekisch>In dieser Zeit war ich nicht nur sehr viel unterwegs, sondern man hat auch dann gemerkt,

00:15:04.901 --> 00:15:10.200
<v Manfred Niekisch>dass ich diese Verbindung von Naturschutz und Entwicklungspolitik verfolge.

00:15:10.201 --> 00:15:18.900
<v Manfred Niekisch>Und ich habe da eine ganze Reihe von Gutachten gemacht für die deutsche Entwicklungshilfe, speziell für die Gesellschaft für technische Zusammenarbeit.

00:15:18.901 --> 00:15:25.600
<v Manfred Niekisch>Und die bezogen sich nicht nur auf unsere eigenen Projekte, sondern ich habe dann eben auch Aufgaben gekriegt,

00:15:25.601 --> 00:15:34.000
<v Manfred Niekisch>wie beispielsweise festzustellen international die Rolle von Naturschutzorganisationen im Naturschutz in verschiedenen Ländern.

00:15:34.001 --> 00:15:37.600
<v Manfred Niekisch>Ansatzpunkte für die deutsche Entwicklungszusammenarbeit.

00:15:37.601 --> 00:15:43.800
<v Manfred Niekisch>Ich habe eine ganze Reihe von Gutachten gemacht in Vietnam und habe auch in Vietnam durch Verbindungen,

00:15:43.801 --> 00:15:52.600
<v Manfred Niekisch>die ich dorthin bekommen hatte, über zehn Jahre immer mit drei- bis vierwöchigen Aufenthalten und Lehrauftrag an der Universität Hanoi gekriegt.

00:15:52.601 --> 00:16:01.100
<v Manfred Niekisch>Und dann wollte die deutsche Entwicklungshilfe auch in Vietnam aktiv werden und hat mich gebeten, da ein bisschen mit zu stützen,

00:16:01.101 --> 00:16:04.600
<v Manfred Niekisch>was ich sehr sehr gern getan habe.

00:16:04.601 --> 00:16:12.800
<v Manfred Niekisch>Und gleichzeitig wurde eben immer deutlicher, Naturschutz müsste eine Aufgabe der Entwicklungszusammenarbeit werden.

00:16:12.801 --> 00:16:14.500
<v Manfred Niekisch>Also was haben wir getan?

00:16:14.501 --> 00:16:19.900
<v Manfred Niekisch>Ich habe den Auftrag bekommen von der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit, ein Heftchen zu schreiben

00:16:19.901 --> 00:16:23.900
<v Manfred Niekisch>über Naturschutz als Aufgabe der Entwicklungszusammenarbeit.

00:16:23.901 --> 00:16:32.100
<v Manfred Niekisch>Da hieß es dann in weiten Kreisen der GTZ damals, mein Gott, sollen wir das jetzt auch noch machen?

00:16:32.101 --> 00:16:36.000
<v Manfred Niekisch>Aber heute ist das, wie es so schön auf deutsch heißt, Mainstream.

00:16:36.001 --> 00:16:39.700
<v Manfred Niekisch>Der Schutz der Natur, der Schutz der Biodiversität.

00:16:39.701 --> 00:16:44.500
<v Manfred Niekisch>All diese Aktivitäten haben also eine Reihe von Papieren ergeben.

00:16:44.501 --> 00:16:51.400
<v Manfred Niekisch>Und dann wurde in Greifswald eine Professur für internationalen Naturschutz ausgeschrieben,

00:16:51.401 --> 00:16:58.200
<v Manfred Niekisch>die erste und einzige in Deutschland, die der Stifterverband fünf Jahre finanziert hat,

00:16:58.201 --> 00:17:08.200
<v Manfred Niekisch>allerdings nur mit der Zusage, dass es danach eine Stelle wird, die von der Universität voll weitergeführt wird mit bestimmten Bedingungen.

00:17:08.201 --> 00:17:13.900
<v Manfred Niekisch>Darauf hat sich die Universität Greifswald damals eingelassen und ich habe dann den Ruf auf diese Stelle gekriegt,

00:17:13.901 --> 00:17:17.100
<v Manfred Niekisch>was mich sehr gefreut hat.

00:17:17.101 --> 00:17:19.400
<v Manfred Niekisch>Und ich hatte jetzt auf einmal eine ganz spannende Chance.

00:17:19.401 --> 00:17:26.500
<v Manfred Niekisch>Ich konnte nämlich das, was ich vorher beim WWF und vor allem bei OroVerde an Projektarbeit gemacht habe,

00:17:26.501 --> 00:17:28.700
<v Manfred Niekisch>wissenschaftlich aufbereiten.

00:17:28.701 --> 00:17:34.800
<v Manfred Niekisch>Das heißt, ich konnte zurückblicken, Studenten in die Projekte schicken und sagen, guck doch mal, wie sich das entwickelt hat,

00:17:34.801 --> 00:17:45.800
<v Manfred Niekisch>machen wir mal eine Auswertung, beispielsweise zur Rolle der Nutzgärten in Vietnam zur Nachhaltigkeit eines Fischersystems im Mekong-Delta,

00:17:45.801 --> 00:17:49.600
<v Manfred Niekisch>in dem ich vorher auch einige Gutachten gemacht hatte und und und.

00:17:49.601 --> 00:17:51.100
<v Manfred Niekisch>Das war sehr sehr spannend.

00:17:51.101 --> 00:17:59.800
<v Tim Pritlove>Das hat wahrscheinlich auch nicht so jede Organisation, diesen Bonus, so eine nachgestellte wissenschaftliche Auswertung zu machen von den Projekten?

00:17:59.801 --> 00:18:08.000
<v Manfred Niekisch>Für mich persönlich war das ein riesiges Glück, denn solche Projekte, wenn die offiziell gemacht werden,

00:18:08.001 --> 00:18:14.400
<v Manfred Niekisch>haben eben eine ganz intensive Umsetzungsphase, aber leider keine intensive Nachbereitungsphase,

00:18:14.401 --> 00:18:20.500
<v Manfred Niekisch>wo dann auch mal offen geguckt wird, ist das denn ein Erfolg oder ist da irgendwas völlig schief gelaufen?

00:18:20.501 --> 00:18:25.600
<v Manfred Niekisch>Es gibt natürlich Projektevaluierungen, aber wir sind schon sehr kritisch und wissenschaftlich dran gegangen,

00:18:25.601 --> 00:18:33.200
<v Manfred Niekisch>auch mit der Zielsetzung, dann zu sehen, wie können wir dieses Projekt weiterführen oder ist es gar nicht sinnvoll, das weiterzuführen?

00:18:33.201 --> 00:18:43.100
<v Manfred Niekisch>Insbesondere in Vietnam hat sich da unheimlich viel machen lassen, denn damals gab es praktisch noch keine ausländischen Hilfsorganisationen in Vietnam.

00:18:43.101 --> 00:18:49.800
<v Manfred Niekisch>Die Amerikaner durften noch nicht, da gab es diesen no trade with the enemy act, der immer noch galt.

00:18:49.801 --> 00:18:57.700
<v Manfred Niekisch>Und durch meine freundschaftlichen Beziehungen zu einem sehr charismatischen lieben Professor an der Universität Hanoi

00:18:57.701 --> 00:19:04.600
<v Manfred Niekisch>hatte ich eben die Chance, da ganz tief einzutauchen und habe hervorragende Kontakte bekommen,

00:19:04.601 --> 00:19:06.600
<v Manfred Niekisch>mit denen ich dann diese Projekte geplant habe.

00:19:06.601 --> 00:19:08.900
<v Tim Pritlove>Wie war denn so die Quote bei den Auswertungen?

00:19:08.901 --> 00:19:11.300
<v Tim Pritlove>Was hat man denn festgestellt?

00:19:11.301 --> 00:19:18.700
<v Manfred Niekisch>Die Quote bei den Auswertungen war im Prinzip gut, und eine ganze Reihe von Projekten laufen auch heute noch.

00:19:18.701 --> 00:19:21.400
<v Manfred Niekisch>Aber manche Projekte sind eben einfach abgeschlossen.

00:19:21.401 --> 00:19:28.700
<v Manfred Niekisch>Wir haben zum Beispiel in Kuba dazu beigeholfen, einen Nationalpark einzurichten.

00:19:28.701 --> 00:19:30.400
<v Manfred Niekisch>Und das war wahnsinnig spannend.

00:19:30.401 --> 00:19:38.300
<v Manfred Niekisch>Wir sind mit den Zirkeln ganz nahe an Fidel Castro zusammengekommen, denn ohne den lief natürlich damals nichts.

00:19:38.301 --> 00:19:41.400
<v Manfred Niekisch>Ihn selber haben wir aber nicht zu Gesicht bekommen.

00:19:41.401 --> 00:19:46.800
<v Manfred Niekisch>Und mich hat damals immer gereizt, in Länder zu gehen, wo noch nichts oder ganz wenig läuft.

00:19:46.801 --> 00:19:52.200
<v Manfred Niekisch>Wir haben damals von der deutschen Vertretung in Kuba inoffiziell Unterstützung gekriegt,

00:19:52.201 --> 00:19:58.800
<v Manfred Niekisch>offiziell durften die das damals noch nicht, aber diese inoffizielle Unterstützung, die war schon sehr sehr gut.

00:19:58.801 --> 00:20:05.700
<v Manfred Niekisch>Und über unsere Kontakte zur Nationalparkverwaltung und so weiter konnten wir dann wirklich ein schönes Projekt auf die Beine stellen,

00:20:05.701 --> 00:20:13.300
<v Manfred Niekisch>nur als der Nationalpark dann stand, so was dauert ja auch ein paar Jahre, da ist dann die Kooperation zu Ende gewesen,

00:20:13.301 --> 00:20:19.600
<v Manfred Niekisch>und von den Leuten, die das damals mit angeschoben haben, ist heute keiner mehr im Amt, einfach aus Altersgründen.

00:20:19.601 --> 00:20:26.300
<v Manfred Niekisch>Und ich habe gerade bei einem privaten Besuch in Kuba meine alten Kollegen von der Universität wieder besucht

00:20:26.301 --> 00:20:34.800
<v Manfred Niekisch>und die sagten, Mensch Manfred, das war damals ja eine ganz tolle Zeit, aber es erinnert sich so in der Verwaltung heute gar keiner mehr dran,

00:20:34.801 --> 00:20:39.800
<v Manfred Niekisch>wer eigentlich am Anfang dieses Projektes stand.

00:20:39.801 --> 00:20:48.800
<v Manfred Niekisch>Ich habe gleich in den ersten Jahren in Kuba eine große Ehrung erfahren, die mich trotzdem mit einem Fragezeichen zurückgelassen hat.

00:20:48.801 --> 00:20:54.900
<v Manfred Niekisch>Wir haben nämlich bei den ersten Besuchen in dem Nationalpark, in den keine Straße reinführte,

00:20:54.901 --> 00:21:00.300
<v Manfred Niekisch>von dem dortigen ehemaligen kommandierenden General, Kommandant de Pancho,

00:21:00.301 --> 00:21:05.500
<v Manfred Niekisch>der hat uns seine Fahrzeuge zur Verfügung gestellt und ich durfte einen alten russischen Jeep fahren,

00:21:05.501 --> 00:21:10.500
<v Manfred Niekisch>mit dem ich dann das erst Mal da hoch gefahren bin, da gab es noch keine Straße da rein.

00:21:10.501 --> 00:21:17.700
<v Manfred Niekisch>Die Bevölkerung hatte eigentlich in diesem Nationalpark nie Fremde gesehen, denn es gab dort keine Touristen.

00:21:17.701 --> 00:21:18.800
<v Tim Pritlove>War das im Westen oder im Osten?

00:21:18.801 --> 00:21:21.900
<v Manfred Niekisch>Das war ganz im Osten, im extremen Osten Kubas.

00:21:21.901 --> 00:21:23.300
<v Tim Pritlove>Baracoa

00:21:23.301 --> 00:21:24.100
<v Manfred Niekisch>Baracoa genau.

00:21:24.101 --> 00:21:29.700
<v Manfred Niekisch>Da sind wir also reingefahren, und durch ein ausgetrocknetes Bachbett, das war schon ziemlich gut,

00:21:29.701 --> 00:21:32.300
<v Manfred Niekisch>aber ich war es ja gewohnt, im Gelände zu fahren.

00:21:32.301 --> 00:21:37.400
<v Manfred Niekisch>Und da oben bin ich dann in einer Pfütze fast steckengeblieben, also in so einem kleinen Tümpel

00:21:37.401 --> 00:21:42.400
<v Manfred Niekisch>und da hat man rundherum die Vegetation ein bisschen weggehauen oder wir haben dann gezogen und gezerrt,

00:21:42.401 --> 00:21:46.400
<v Manfred Niekisch>den Jeep auch wieder freibekommen, denn diese russischen Jeeps sind unverwüstlich,

00:21:46.401 --> 00:21:48.400
<v Manfred Niekisch>kommt man auch überall durch.

00:21:48.401 --> 00:21:50.400
<v Manfred Niekisch>Und dann sind wir also da rein.

00:21:50.401 --> 00:21:57.800
<v Manfred Niekisch>Bei meinem nächsten Besuch in Kuba hatte man Karten gezeichnet von diesem Nationalpark und der von uns gemachten Zufahrt

00:21:57.801 --> 00:22:05.600
<v Manfred Niekisch>und da gab es dann einen Punkt, den hatten die genannt, nämlich diesen Tümpel, der Tümpel vom Manfred.

00:22:05.601 --> 00:22:07.600
<v Manfred Niekisch>El Charco de Manfred.

00:22:07.601 --> 00:22:14.600
<v Manfred Niekisch>Ich habe gesagt, hättet ihr nicht wenigstens den höchsten Berg nehmen können oder einen besonders schönen See oder was?

00:22:14.601 --> 00:22:20.200
<v Manfred Niekisch>Gut, die Pfütze vom Manfred heißt bis heute noch so und es macht Spaß, das war schon schön.

00:22:20.201 --> 00:22:22.400
<v Tim Pritlove>Da sind wir immerhin wieder bei den Kröten.

00:22:22.401 --> 00:22:27.700
<v Manfred Niekisch>Und da sind wir wieder bei den Kröten, meine Affinität zu den Reptilien und Amphibien habe ich nie verloren,

00:22:27.701 --> 00:22:32.100
<v Manfred Niekisch>Die ist gewachsen und ich beschäftige mich da immer noch sehr stark damit.

00:22:32.101 --> 00:22:40.600
<v Manfred Niekisch>Allerdings heute, auch aus Zeitgründen, weniger mit den Tieren selber als vielmehr mit der Geschichte ihrer Erforschung.

00:22:40.601 --> 00:22:47.300
<v Manfred Niekisch>Und mit bibliophilen Themen, mit Biografien und und und.

00:22:47.301 --> 00:22:54.300
<v Manfred Niekisch>Also eine Beschäftigung, die mehr am Schreibtisch und in der Bibliothek stattfindet, als mit den Tieren im Gelände.

00:22:54.301 --> 00:22:59.200
<v Manfred Niekisch>Dazu hat mir in den letzten Jahren die Zeit gefleht, aber das kommt jetzt, wo ich pensioniert bin,

00:22:59.201 --> 00:23:03.800
<v Manfred Niekisch>mit Sicherheit wieder, dass ich mich mal einfach eine Stunde an einen Tümpel setze und gucke,

00:23:03.801 --> 00:23:05.400
<v Manfred Niekisch>was da so passiert.

00:23:05.401 --> 00:23:10.900
<v Tim Pritlove>In Frankfurt gab es dann aber auch nochmal eine Aktivität an der Universität?

00:23:10.901 --> 00:23:22.000
<v Manfred Niekisch>Als ich dann aufgrund meiner ganzen Gutachten und Arbeiten, die mir als eine die Leistung der Habilitation bei weitem übersteigende Leistung anerkannt worden ist,

00:23:22.001 --> 00:23:26.100
<v Manfred Niekisch>damit hatte ich die Voraussetzungen, eine Professur zu kriegen.

00:23:26.101 --> 00:23:28.800
<v Manfred Niekisch>Da sind wir jetzt also wieder in Greifswald.

00:23:28.801 --> 00:23:35.400
<v Manfred Niekisch>Das hat dazu geführt, dass ich eben in Greifswald eine gute Plattform hatte, auch mit den Arbeiten meiner Studenten.

00:23:35.401 --> 00:23:45.200
<v Manfred Niekisch>Und ich wusste ja, wo Leute gefragt sind, die nicht die ganz großen Spezialisten in einer bestimmten Tier- oder Pflanzengruppen sind,

00:23:45.201 --> 00:23:47.600
<v Manfred Niekisch>sondern die Landschaft bewerten können.

00:23:47.601 --> 00:23:51.400
<v Manfred Niekisch>Das heißt, die ins Gelände gehen und sagen, was ist hier das Problem?

00:23:51.401 --> 00:23:53.500
<v Manfred Niekisch>Aha, wie können wir eine Lösung basteln?

00:23:53.501 --> 00:24:02.000
<v Manfred Niekisch>Solche Leute waren und sind immer noch sehr gesucht, und ich konnte dann meine Studenten eigentlich von Anfang an in Stellen vermitteln,

00:24:02.001 --> 00:24:11.800
<v Manfred Niekisch>etwa bei der internationalen Naturschutzunion, etwa beim Bundesamt für Naturschutz oder auch bei der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit,

00:24:11.801 --> 00:24:15.100
<v Manfred Niekisch>für die ich damals diese Gutachten gemacht hatte.

00:24:15.101 --> 00:24:21.000
<v Manfred Niekisch>Also hatte ich sehr schnell ein gutes und schönes Netzwerk, das bis heute übrigens trägt.

00:24:21.001 --> 00:24:35.200
<v Manfred Niekisch>Und diese zehn Jahre an der Uni waren ganz toll, bis die Stadt Frankfurt kam mit der Idee, den Frankfurter Zoo wieder zu einem Naturschutzzoo zu machen.

00:24:35.201 --> 00:24:43.000
<v Manfred Niekisch>Das heißt also, zu einem Zoo zu machen, in dem nicht nur Tiere gezeigt werden, sondern der, wie Grzimek das angefangen hatte,

00:24:43.001 --> 00:24:49.100
<v Manfred Niekisch>sich intensiv um Naturschutz kümmert innerhalb und außerhalb der Zoomauern.

00:24:49.101 --> 00:24:53.600
<v Manfred Niekisch>Und diese Stelle habe ich zu meiner großen Überraschung und Freude bekommen,

00:24:53.601 --> 00:24:59.400
<v Manfred Niekisch>denn ich hatte mal, als ich fünf oder sechs war und eine Tante mich gefragt hat, was ich denn werden wollte,

00:24:59.401 --> 00:25:02.300
<v Manfred Niekisch>habe ich gesagt, Bernhard Grzimek.

00:25:02.301 --> 00:25:10.000
<v Manfred Niekisch>Und auf einmal war ich es fast, also einer der Nachfolger von Bernhard Grzimek, eine spannende Zeit.

00:25:10.001 --> 00:25:16.700
<v Tim Pritlove>Bernhard Grzimek für die älteren unter uns sicherlich ein Name, den man kaum erklären muss.

00:25:16.701 --> 00:25:28.800
<v Tim Pritlove>Vielleicht bei den Jüngeren nicht mehr ganz so bekannt, war ja eigentlich eine fast schon ikonische Figur des kann man sagen Tier- und Naturschutzes,

00:25:28.801 --> 00:25:36.200
<v Tim Pritlove>weil er ja auch im Fernsehen aufgetreten ist mit seinen unnachahmlichen Auftritten mit Tieren vor der Kamera,

00:25:36.201 --> 00:25:42.200
<v Tim Pritlove>mit seiner sanften Art und war damals einfach bekannt im ganzen Land.

00:25:42.201 --> 00:25:47.300
<v Tim Pritlove>Und ja war dann quasi auch hier Ihr Vorgänger.

00:25:47.301 --> 00:25:49.300
<v Manfred Niekisch>War hier mein Vorgänger und er war vor allem mein Vorbild.

00:25:49.301 --> 00:25:56.600
<v Manfred Niekisch>Wir hatten lange keinen eigenen Fernseher, den haben wir erst zu Hause bei meinen Eltern 1968 bekommen

00:25:56.601 --> 00:26:02.100
<v Manfred Niekisch>und ich durfte dann als Kind immer abends zum Gemüsehändler gehen, der hatte in seinem Wohnzimmer eine Fernseher,

00:26:02.101 --> 00:26:07.100
<v Manfred Niekisch>und durfte da Bernhard Grzimek sehen, das war das erste, was ich abends im Fernsehen gucken durfte.

00:26:07.101 --> 00:26:12.600
<v Manfred Niekisch>War herrlich, und ich war dann auch mal als 13-Jähriger mit meinem Vater in Frankfurt.

00:26:12.601 --> 00:26:20.500
<v Manfred Niekisch>Der war hier zu einer Tagung, hat mich abgesetzt, ich bin in den Zoo und da stand Bernhard Grzimek, es war unglaublich.

00:26:20.501 --> 00:26:26.400
<v Manfred Niekisch>Blauer Mantel, weißer Schal, eine beeindruckende Person, ich war hin und weg.

00:26:26.401 --> 00:26:29.600
<v Manfred Niekisch>Er hat mich natürlich überhaupt nicht wahrgenommen.

00:26:29.601 --> 00:26:31.900
<v Manfred Niekisch>Das war mein erstes Zusammentreffen mit Grzimek.

00:26:31.901 --> 00:26:40.500
<v Manfred Niekisch>Und dann hatte ich in der Zeit beim WWF, also in der beruflichen Anfangszeit im Naturschutz, eine Kampagne gestartet,

00:26:40.501 --> 00:26:44.400
<v Manfred Niekisch>unter dem Motto, lasst den Fröschen ihre Schenkel.

00:26:44.401 --> 00:26:50.400
<v Manfred Niekisch>Da ging es drum, den Froschschenkelhandel einzudämmen oder zu verbieten.

00:26:50.401 --> 00:26:57.600
<v Manfred Niekisch>Ich habe erst mal mit Köchen gesprochen, wie damals bekannten Sterneköche und habe gesagt,

00:26:57.601 --> 00:27:00.900
<v Manfred Niekisch>wisst ihr eigentlich, was das für eine Sauerei ist?

00:27:00.901 --> 00:27:06.400
<v Manfred Niekisch>Nicht nur, was die Tierquälerei angeht, sondern auch, wie die Froschschenkel behandelt werden,

00:27:06.401 --> 00:27:10.300
<v Manfred Niekisch>damit die überhaupt chemisch einigermaßen in Ordnung sind, denn die kommen aus Bangladesch,

00:27:10.301 --> 00:27:17.200
<v Manfred Niekisch>werden mit versautem Eis, mit kontaminiertem Eis transportiert und so, das ist also alles nicht …

00:27:17.201 --> 00:27:22.100
<v Manfred Niekisch>die werden in Chlorlauge getunkt, um überhaupt chemisch rein zu sein.

00:27:22.101 --> 00:27:26.000
<v Manfred Niekisch>Und da haben einige Chefköche gesagt, nein wussten wir nicht, und haben das aus dem Programm genommen.

00:27:26.001 --> 00:27:36.400
<v Manfred Niekisch>Es gab dann auf meine Initiative hin, hat das indische Fischereiministerium eine große Konferenz gemacht in Kalkutta,

00:27:36.401 --> 00:27:42.600
<v Manfred Niekisch>The Trade In Froglegs Via Enviromental Considerations.

00:27:42.601 --> 00:27:48.400
<v Manfred Niekisch>War also auch eine Sache, die viel Aufmerksamkeit erregt hat und ich saß in meinem Büro beim WWF

00:27:48.401 --> 00:27:54.800
<v Manfred Niekisch>und habe mich über den Erfolg der Kampagne doch gefreut, ich war überrascht, weil ich nicht gedacht habe, dass das so viel Unterstützung gibt,

00:27:54.801 --> 00:28:03.100
<v Manfred Niekisch>gerade aus Indien und gerade von den Reisbauern, die wäre nämlich sauer, weil ihnen die Froschfänger die ganzen Felder zertrampeln.

00:28:03.101 --> 00:28:10.400
<v Manfred Niekisch>Und in Bangladesch, wir haben dann einen Film darüber gedreht, in Bangladesch hat uns der Chef der Kinderklinik gesagt,

00:28:10.401 --> 00:28:21.400
<v Manfred Niekisch>dass durch das Wegfangen der Frösche so viele Pestizide eingesetzt werden, dass es bei den Kindern in den Dörfern größte gesundheitliche Probleme gibt,

00:28:21.401 --> 00:28:26.800
<v Manfred Niekisch>denn da ist DDT und alles mögliche eingesetzt worden, um die Plagen zu bekämpfen,

00:28:26.801 --> 00:28:35.200
<v Manfred Niekisch>also alle möglichen Schädlinge, von Ratten und Insekten angefangen, die sonst von den Fröschen kurzgehalten werden.

00:28:35.201 --> 00:28:41.500
<v Manfred Niekisch>Da gibt es also auch soziale und ökologische Argumente gegen diesen Froschschenkelhandel.

00:28:41.501 --> 00:28:50.000
<v Manfred Niekisch>Das haben wir alles publiziert und eines Tages schellt das Telefon und Bernhard Grzimek ist dran selber mit seiner näselnden Stimme und sagt,

00:28:50.001 --> 00:28:54.500
<v Manfred Niekisch>junger Mann, was Sie da machen finde ich gut, da mache ich mit, kommen Sie mal rüber.

00:28:54.501 --> 00:29:05.900
<v Manfred Niekisch>Und das war für mich natürlich jetzt der Ritterschlag, dass der große, als Zoodirektor längst pensionierte Bernhard Grzimek mit mir noch zusammenarbeiten wollte

00:29:05.901 --> 00:29:08.300
<v Manfred Niekisch>und wir haben dann einiges zusammen gemacht.

00:29:08.301 --> 00:29:09.500
<v Manfred Niekisch>Das war sehr sehr interessant.

00:29:09.501 --> 00:29:16.300
<v Manfred Niekisch>Und das hat mir später, ohne dass ich das damals auch nur ahnen konnte, sehr geholfen, als ich selber Zoodirektor war

00:29:16.301 --> 00:29:22.800
<v Manfred Niekisch>und jeder sagte, wie ist das denn damals, kannte Sie den Grzimek, wie hat er Sie beeinflusst und so weiter.

00:29:22.801 --> 00:29:26.000
<v Manfred Niekisch>Und ich konnte sagen, ja ich kenne den, ich habe mit dem zusammengearbeitet.

00:29:26.001 --> 00:29:30.800
<v Manfred Niekisch>Ein Journalist hat gesagt, sagen Sie warum haben Sie eigentlich nur zwei Jahre mit dem zusammengearbeitet?

00:29:30.801 --> 00:29:35.100
<v Manfred Niekisch>Da habe ich gesagt, ganz einfach, weil er danach gestorben ist, also da konnte ich nicht länger mit ihm zusammenarbeiten.

00:29:35.101 --> 00:29:47.200
<v Manfred Niekisch>Aber das war doch eine für mich unglaublich interessante Zeit und von der habe ich in meinen Startjahren als Zoodirektor sehr gezehrt und auch bis zum Schluss.

00:29:47.201 --> 00:29:54.400
<v Manfred Niekisch>Allein die Frage, wie ist das denn als Nachfolger vom Grzimek, sind das nicht sehr große Fußstapfen, die er hinterlassen hat?

00:29:54.401 --> 00:30:00.200
<v Manfred Niekisch>Und ich habe immer gesagt, der hat eine wunderbare Basis hinterlassen, auf der man aufbauen kann.

00:30:00.201 --> 00:30:10.100
<v Manfred Niekisch>Parallel zu diesem ganzen Hauptberuflichen hat sich dann entwickelt, dass ich eben beispielsweise Vizepräsident der zoologischen Gesellschaft Frankfurt wurde,

00:30:10.101 --> 00:30:13.000
<v Manfred Niekisch>die ja von Grzimek wiederbelebt worden war.

00:30:13.001 --> 00:30:24.300
<v Manfred Niekisch>Die ist 1915 pleite gegangen im ersten Weltkrieg und war gegründet worden, um den Frankfurter Zoo zu finanzieren 1885.

00:30:24.301 --> 00:30:32.700
<v Manfred Niekisch>Dann ist die zoologische Gesellschaft pleite gegangen, aber der Zoo war so ein Erfolg, dass ihn die Stadt Frankfurt übernommen hat

00:30:32.701 --> 00:30:37.300
<v Manfred Niekisch>und seitdem ist der Frankfurter Zoo ein städtischer Zoo.

00:30:37.301 --> 00:30:43.300
<v Manfred Niekisch>Grzimek kam dann und hat gesehen, als städtischer Beamter und Zoodirektor kann er nicht viel im Naturschutz machen,

00:30:43.301 --> 00:30:50.300
<v Manfred Niekisch>er brauchte ein privates Fundraising-Instrument und hat die zoologische Gesellschaft wiederentdeckt,

00:30:50.301 --> 00:30:56.400
<v Manfred Niekisch>reaktiviert, hat sich zu ihrem Präsidenten gemacht und hat dann, das ist vielen gar nicht bewusst,

00:30:56.401 --> 00:31:01.000
<v Manfred Niekisch>für die zoologische Gesellschaft in seinen Fernsehsendungen Geld gesammelt.

00:31:01.001 --> 00:31:07.800
<v Manfred Niekisch>Das war also überwiegend Geld, das gar nicht in den Zoo ging, sondern in den Aufbau der zoologischen Gesellschaft.

00:31:07.801 --> 00:31:14.000
<v Manfred Niekisch>Und wir zehren bei der zoologischen Gesellschaft heute noch von Bernhard Grzimek und seinem Engagement.

00:31:14.001 --> 00:31:20.000
<v Manfred Niekisch>Wir kriegen heute noch Erbschaften von Leuten, die sich auf Bernhard Grzimek beziehen, das ist ganz erstaunlich.

00:31:20.001 --> 00:31:23.700
<v Manfred Niekisch>Aber das sind eben nich die Jüngeren, die Sie gerade angesprochen haben.

00:31:23.701 --> 00:31:28.600
<v Tim Pritlove>Ja die leben ja dann auch noch.

00:31:28.601 --> 00:31:34.400
<v Tim Pritlove>Also wann sind Sie dann hier Direktor geworden beim Zoo?

00:31:34.401 --> 00:31:43.000
<v Manfred Niekisch>Ich bin 2008 hier Direktor geworden und habe das dann bis Ende 2017 gemacht, also volle zehn Jahre.

00:31:43.001 --> 00:31:48.400
<v Tim Pritlove>Was ist das Erbe von Bernhard Grzimek?

00:31:48.401 --> 00:31:51.000
<v Tim Pritlove>Was ist da von ihm aufgebaut worden?

00:31:51.001 --> 00:31:59.300
<v Tim Pritlove>Weil er steht ja so ein bisschen als so Repräsentant und Identifikationsfigur oder eine zumindest …

00:31:59.301 --> 00:32:05.200
<v Tim Pritlove>Also es gibt auch noch andere Namen, die man nennen kann, Heinz Sielmann hat glaube ich in der Zeit auch sehr viel beeinflusst.

00:32:05.201 --> 00:32:10.300
<v Tim Pritlove>Sicherlich gibt es auch noch andere Personen, die vielleicht der Öffentlichkeit nicht ganz so bekannt sind,

00:32:10.301 --> 00:32:17.100
<v Tim Pritlove>aber er steht so ein bisschen repräsentativ auch für so ein Wiederentdecken des Naturgedankens, so würde ich das mal interpretieren.

00:32:17.101 --> 00:32:22.300
<v Manfred Niekisch>Ja. Also Bernhard Grzimek war eine sehr komplexe Persönlichkeit, das muss man sagen.

00:32:22.301 --> 00:32:29.800
<v Manfred Niekisch>Er hatte auch einige schräge Seiten, beispielsweise seine Vorliebe für Scherzartikel, das ist ein eigenes Kapitel.

00:32:29.801 --> 00:32:32.300
<v Manfred Niekisch>Aber belieben wir mal bei seinen beruflichen Leistungen.

00:32:32.301 --> 00:32:40.000
<v Manfred Niekisch>Bernhard Grzimek hat als erster nicht nur die Zoos mit dem Naturschutz verknüpft, sondern auch dafür gesorgt,

00:32:40.001 --> 00:32:47.300
<v Manfred Niekisch>dass dieses Konkurrenzdenken unter deutschen Zoodirektoren aufhörte und die sich zusammengetan haben

00:32:47.301 --> 00:32:50.200
<v Manfred Niekisch>in einem Verband der Zoodirektoren.

00:32:50.201 --> 00:32:53.700
<v Manfred Niekisch>Bernhard Grzimek hat ganz neue Konzepte in den Zoo gebracht.

00:32:53.701 --> 00:33:00.000
<v Manfred Niekisch>Er kam ja nicht aus einem Zoo, sondern war einfach ein tierlieber Mensch, gelernter Veterinärmediziner.

00:33:00.001 --> 00:33:04.900
<v Manfred Niekisch>Und er kam also mit einem Blick auf den Zoo, den damals nicht jeder hatte.

00:33:04.901 --> 00:33:12.900
<v Manfred Niekisch>Er hat eine Zooschule eingerichtet, wo also Kinder ganz speziell unterrichtet wurden in Dingen, die mit Tieren zu tun hatten.

00:33:12.901 --> 00:33:20.800
<v Manfred Niekisch>Er hat moderne Konzepte eingeführt wie beispielsweise, das klingt jetzt sehr hochtrabend, the Frankfurt System.

00:33:20.801 --> 00:33:27.600
<v Manfred Niekisch>The Frankfurt System ist einfach eine Plastikklappe an einem Loch zwischen Innen- und Außengehege,

00:33:27.601 --> 00:33:31.500
<v Manfred Niekisch>so dass die Tiere selber entscheiden können, wann sie rein und raus wollen.

00:33:31.501 --> 00:33:40.800
<v Manfred Niekisch>Bernhard Grzimek habt in der Umweltbildung unheimlich viel getan, aber sich beispielsweise auch engagiert für die Schaffung des Nationalparks Bayrischer Wald,

00:33:40.801 --> 00:33:42.400
<v Manfred Niekisch>das weiß kaum jemand.

00:33:42.401 --> 00:33:48.100
<v Manfred Niekisch>Er ist im Fernsehen aufgetreten gegen die, wie er es nannte, KZ-Haltung der Hühner.

00:33:48.101 --> 00:33:53.700
<v Manfred Niekisch>Da ist er schwer angefeindet worden, weil man sagte, man kann die Hühnerhaltung nicht mit einem KZ vergleichen.

00:33:53.701 --> 00:34:00.600
<v Manfred Niekisch>Bernhard Grzimek hat diese Formulierung nie zurückgenommen, er hat sie aber auch nie wieder benutzt.

00:34:00.601 --> 00:34:08.700
<v Manfred Niekisch>Also er hat sich gegen Massentierhaltung eingesetzt, er hat sich gegen die Pelztier-Mafia – war es damals zum großen Teil noch -

00:34:08.701 --> 00:34:17.600
<v Manfred Niekisch>eingesetzt und auch das hat uns sehr verbunden, weil ich eben auch den illegalen Pelzhandel mitverfolgt habe.

00:34:17.601 --> 00:34:29.700
<v Tim Pritlove>Jetzt kommen wir doch mal so ein bisschen auf die Problematik Artenschutz, Naturschutz, wie er sich heute darstellt.

00:34:29.701 --> 00:34:36.300
<v Tim Pritlove>Ich meine, es ist offensichtlich, es wird eine Menge Schindluder getrieben mit der Natur weltweit.

00:34:36.301 --> 00:34:40.600
<v Tim Pritlove>Und auch nicht erst seit ein paar Jahren.

00:34:40.601 --> 00:34:45.900
<v Tim Pritlove>Klimawandel, Vermüllung der Meere, man könnte jetzt hier eine sehr lange Liste machen.

00:34:45.901 --> 00:34:57.100
<v Tim Pritlove>All diese ganzen menschlichen Aktivitäten haben eine Dimension angenommen, wo halt auch in zunehmendem Maße von einem ausgeweiteten Artensterben berichtet wird.

00:34:57.101 --> 00:35:01.100
<v Tim Pritlove>Was dann wiederum ganz andere Implikationen nach sich zieht.

00:35:01.101 --> 00:35:13.800
<v Tim Pritlove>Was ist so Ihre Sicht der Dinge, wie die Menschheit dasteht, bzw. wie die Natur insgesamt dasteht?

00:35:13.801 --> 00:35:17.200
<v Tim Pritlove>Unter dem Gesichtspunkt, dass sich die Menschheit so breitmacht.

00:35:17.201 --> 00:35:24.000
<v Manfred Niekisch>Also wenn man sich die aktuelle Situation anschaut, muss man ganz klar sagen, wir hatte noch nie eine solche Ausrottungswelle

00:35:24.001 --> 00:35:27.000
<v Manfred Niekisch>und ich sage das ganz bewusst, ich sage nicht, ein Artensterben.

00:35:27.001 --> 00:35:30.700
<v Manfred Niekisch>Die Arten sterben nicht, die werden ausgerottet durch alles mögliche.

00:35:30.701 --> 00:35:33.500
<v Manfred Niekisch>In Deutschland ist ein großer Faktor die Landwirtschaft.

00:35:33.501 --> 00:35:43.300
<v Manfred Niekisch>International ist es natürlich die Umgestaltung von natürlichen Flächen in Nutzland oder der Verlust dieser Flächen durch Erosionen,

00:35:43.301 --> 00:35:44.800
<v Manfred Niekisch>weil sie falsch genutzt worden sind.

00:35:44.801 --> 00:35:49.600
<v Manfred Niekisch>Es ist die Abholzung der Wälder zugunsten von Soja.

00:35:49.601 --> 00:35:52.100
<v Manfred Niekisch>Die Abholzung der Mangroven zugunsten von Shrimpsfarmen.

00:35:52.101 --> 00:35:58.400
<v Manfred Niekisch>Die Abholzung der Tropenwälder zugunsten von Palmöl und und und.

00:35:58.401 --> 00:36:03.400
<v Manfred Niekisch>Das sind großflächige Störungen, die wir in dieser Dimension noch nie hatten.

00:36:03.401 --> 00:36:09.600
<v Manfred Niekisch>Und deswegen spricht man ja heute auch von unserem Zeitalter als dem Anthropozän.

00:36:09.601 --> 00:36:14.100
<v Manfred Niekisch>Das heißt, einem Zeitalter, in dem der Mensch wie nie zuvor die Erde gestaltet hat.

00:36:14.101 --> 00:36:25.500
<v Manfred Niekisch>Der Mensch beeinflusst heute Natur, ähnlich wie das Überschwemmungen, Tektonik, Krankheitsepedemien und ähnliches tun.

00:36:25.501 --> 00:36:35.100
<v Manfred Niekisch>Er gestaltet das Gesicht der Erde, die Oberfläche der Erde, völlig neu mit weitreichenden Auswirkungen.

00:36:35.101 --> 00:36:40.100
<v Manfred Niekisch>Eine Kollegin von mir hat gerade in 9.000 Meter Tiefe in den Meeren Plastik entdeckt.

00:36:40.101 --> 00:36:49.300
<v Manfred Niekisch>Also wir sind wirklich auch da präsent mit unserem Müll und anderem, wo wir eigentlich physisch selber gar nicht hinkommen.

00:36:49.301 --> 00:36:58.800
<v Tim Pritlove>An der Stelle erlauben Sie mir den Hinweis auf die 39. Ausgabe vom Forschergeist, wo genau das das Thema ist, das Anthropozän.

00:36:58.801 --> 00:37:05.200
<v Tim Pritlove>Dort habe ich mich mit Reinhold Leinfelder unterhalten über das Thema und den Aspekt auch schon einmal aufgegriffen.

00:37:05.201 --> 00:37:10.400
<v Tim Pritlove>Aber gerade so unter dem Aspekt Artenschutz, was hat das jetzt für Auswirkungen?

00:37:10.401 --> 00:37:17.900
<v Manfred Niekisch>Also der Schutz von einzelnen Arten ist immer noch wichtig, und vor allem ist es etwas, was in der Öffentlichkeit verständlich ist.

00:37:17.901 --> 00:37:25.300
<v Manfred Niekisch>Wenn man sagt, man bekämpft Wilderei bei den Elefanten, man bekämpft die Wilderei bei den Nashörnern und ähnliches,

00:37:25.301 --> 00:37:27.200
<v Manfred Niekisch>das versteht die Bevölkerung.

00:37:27.201 --> 00:37:35.100
<v Manfred Niekisch>Und da ist auch eine große Rolle der Zoos, charismatische Tierarten so zu zeigen, dass man sich erstens vorstellen kann,

00:37:35.101 --> 00:37:41.700
<v Manfred Niekisch>wie sie im Freiland leben und zweitens etwas erfährt über den Zustand ihrer wildlebenden Populationen.

00:37:41.701 --> 00:37:47.900
<v Manfred Niekisch>Das ist eine ganz wichtige Sache und auch da hat Bernhard Grzimek hervorragendes geleistet.

00:37:47.901 --> 00:37:54.900
<v Manfred Niekisch>Wir können diese Arten als Flagship-Species nehmen, wir können sie als Aushängeschilder nehmen,

00:37:54.901 --> 00:38:00.100
<v Manfred Niekisch>aber es muss heute schon ganz erheblich und im Wesentlichen um den Schutz der Lebensräume gehen.

00:38:00.101 --> 00:38:06.900
<v Manfred Niekisch>Und das ist eine große Herausforderung und da braucht man einen langen Atem, gute Strategien

00:38:06.901 --> 00:38:12.100
<v Manfred Niekisch>und vor allem die richtigen Leute vor Ort, um da Erfolge zu haben.

00:38:12.101 --> 00:38:22.300
<v Manfred Niekisch>Wir haben, wie gesagt, ein Artensterben, wie wir es nie zuvor hatten, sondern wir haben es heute mit einer dramatisch zunehmenden Ausrottungswelle zu tun

00:38:22.301 --> 00:38:25.700
<v Manfred Niekisch>und die muss gestoppt werden.

00:38:25.701 --> 00:38:34.100
<v Manfred Niekisch>Das „Gute“ ist, dass die Menschen schuld sind an dieser Ausrottungswelle.

00:38:34.101 --> 00:38:39.200
<v Manfred Niekisch>Gut ist das deswegen, weil das auch impliziert, dass es die Menschen sind, die etwas dagegen tun können,

00:38:39.201 --> 00:38:41.500
<v Manfred Niekisch>denn sie haben es ja ausgelöst.

00:38:41.501 --> 00:38:48.700
<v Tim Pritlove>Welche Initiativen gibt es denn, die sich jetzt diesem Problem der Ausrottung der Arten auch explizit entgegenstellen?

00:38:48.701 --> 00:38:53.500
<v Manfred Niekisch>Das spielt sich auf ganz unterschiedlichen Ebenen ab.

00:38:53.501 --> 00:39:00.600
<v Manfred Niekisch>Das kann eine kleine lokale Naturschutzorganisation sein, die eine Schmetterlingswiese erhalten will,

00:39:00.601 --> 00:39:07.500
<v Manfred Niekisch>einen Magerrasen erhalten will und das geht hin eben bis zu den großen Naturschutzorganisationen,

00:39:07.501 --> 00:39:17.800
<v Manfred Niekisch>wie der zoologischen Gesellschaft Frankfurt beispielsweise, die sich heute vermehrt einsetzt für den Erhalt von den ganz großen Schutzgebieten,

00:39:17.801 --> 00:39:25.300
<v Manfred Niekisch>indem wir beispielsweise Ranger unterstützen in ihrer Arbeit, sie ausrüsten mit modernem Equipment.

00:39:25.301 --> 00:39:32.600
<v Manfred Niekisch>Wir haben gerade von der Bundesregierung übergeben bekommen drei Kleinflugzeuge für Afrika, um die Wilderei zu bekämpfen,

00:39:32.601 --> 00:39:38.500
<v Manfred Niekisch>ein spezielles Modell, Husky heißt das, das besonders tief und besonders langsam fliegen kann,

00:39:38.501 --> 00:39:41.500
<v Manfred Niekisch>wie man das für die Bekämpfung der Wilderei braucht.

00:39:41.501 --> 00:39:51.500
<v Manfred Niekisch>Wir helfen mit bei der Sicherung der Parkgrenzen und das aber immer in Kooperation mit den lokalen oder nationalen Behörden dort

00:39:51.501 --> 00:39:53.900
<v Manfred Niekisch>und mit der einheimischen Bevölkerung.

00:39:53.901 --> 00:40:00.500
<v Manfred Niekisch>Naturschutz gegen die Bevölkerung kann nicht funktionieren.

00:40:00.501 --> 00:40:04.300
<v Tim Pritlove>Und auf nationaler Ebene?

00:40:04.301 --> 00:40:15.900
<v Manfred Niekisch>Auf nationaler Ebene haben wir ja leider jetzt ganz aktuell die Situation, dass der neue bayrische Ministerpräsident Söder den dritten Nationalpark für Bayern gekippt hat.

00:40:15.901 --> 00:40:22.200
<v Manfred Niekisch>Dieses  Hauen und Stechen um den geplanten Nationalpark Spessart, der ja dann auch nicht kam,

00:40:22.201 --> 00:40:24.000
<v Manfred Niekisch>ist eigentlich unsäglich.

00:40:24.001 --> 00:40:32.300
<v Manfred Niekisch>Denn egal, wo wir hinschauen, auch in Deutschland, es gab immer wieder Widerstände gegen die Einrichtung von Nationalparken.

00:40:32.301 --> 00:40:37.900
<v Manfred Niekisch>Aber keine dieser Regionen würde heute ihren Nationalpark wieder abschaffen wollen.

00:40:37.901 --> 00:40:40.400
<v Manfred Niekisch>Sondern die sind alle glücklich, dass sie ihn haben.

00:40:40.401 --> 00:40:46.100
<v Manfred Niekisch>Das sind Erfolgsmodelle nicht nur ökologisch, sondern auch für den Tourismus und wirtschaftlich.

00:40:46.101 --> 00:40:48.600
<v Manfred Niekisch>Es entstehen ja ganz neue Arbeitsplätze.

00:40:48.601 --> 00:40:54.100
<v Manfred Niekisch>Und da gibt es immer wieder Berechnungen, wenn ein Nationalpark eingerichtet wird, das sind ja dann oft Waldgebiete,

00:40:54.101 --> 00:40:59.300
<v Manfred Niekisch>dann gehen so und so viele Plätze in der Holzwirtschaft verloren, weil kein Holzeinschlag mehr stattfinden darf.

00:40:59.301 --> 00:41:06.500
<v Manfred Niekisch>Also einmal kann man einige dieser Zahlen anzweifeln, man muss aber die Sorgen der Leute ernst nehmen,

00:41:06.501 --> 00:41:14.900
<v Manfred Niekisch>und wenn man dann mal zeigt, was da an neuen Impulsen entsteht, etwa durch Tourismusführer,

00:41:14.901 --> 00:41:19.400
<v Manfred Niekisch>durch Tourismus, der dort hinkommt, und die Leute können dann Zimmer vermieten,

00:41:19.401 --> 00:41:26.400
<v Manfred Niekisch>etwa durch die Einrichtung von Informationszentren, wo auch wieder Personal gebraucht wird und und und

00:41:26.401 --> 00:41:29.800
<v Manfred Niekisch>dann sieht man, was das für ein riesiger positiver Wirtschaftsfaktor ist.

00:41:29.801 --> 00:41:33.700
<v Manfred Niekisch>Insofern sind die Widerstände überhaupt nicht nachvollziehbar.

00:41:33.701 --> 00:41:37.700
<v Tim Pritlove>Aber nur mit Nationalparks alleine ist es ja sicherlich nicht getan?

00:41:37.701 --> 00:41:45.100
<v Manfred Niekisch>Mit Nationalparks alleine ist es nicht getan, aber die sind sozusagen das Rückgrat des Naturschutzes.

00:41:45.101 --> 00:41:50.600
<v Manfred Niekisch>Und was uns jetzt große Sorgen macht im nationalen Bereich ist das Insektensterben,

00:41:50.601 --> 00:41:55.100
<v Manfred Niekisch>das sich ja für jeden spürbar auswirkt.

00:41:55.101 --> 00:42:01.600
<v Manfred Niekisch>Und dass es so wenig Schmetterlinge gibt, das ist einfach schade, aber dagegen kann man etwas tun.

00:42:01.601 --> 00:42:08.800
<v Manfred Niekisch>Allerdings reicht es nicht, ein Insektenhotel auf den Balkon zu hängen, das ist eine kleine Hilfe für die Bienen beispielsweise,

00:42:08.801 --> 00:42:17.700
<v Manfred Niekisch>aber wir fordern schon, dass sich da auch politisch viel mehr tut, wir brauchen dringend eine Reform der europäischen Agrarpolitik,

00:42:17.701 --> 00:42:25.200
<v Manfred Niekisch>denn, ich muss es nochmal sagen, der Hauptverursacher des Artensterbens in Deutschland ist die Landwirtschaft.

00:42:25.201 --> 00:42:30.200
<v Manfred Niekisch>Ich sage nicht, die Bauern sind die Schuldigen, denn die stehen unter einem erheblichen Druck,

00:42:30.201 --> 00:42:39.300
<v Manfred Niekisch>die haben wenig wirtschaftliche Bewegungsmöglichkeiten, aber die sind auch die, die traditionell eigentlich die Erhalter des Bodens,

00:42:39.301 --> 00:42:48.100
<v Manfred Niekisch>die Hüter der Scholle sind und deswegen müssen sie politisch die Möglichkeit bekommen, sich auch für den Schutz ihrer Heimat

00:42:48.101 --> 00:42:51.600
<v Manfred Niekisch>und der Böden und der Schmetterlingswiesen einzusetzen.

00:42:51.601 --> 00:42:55.100
<v Tim Pritlove>Was ist der Auslöser dieses Insektensterbens?

00:42:55.101 --> 00:42:57.000
<v Manfred Niekisch>Das Insektensterben hat viele Ursachen.

00:42:57.001 --> 00:43:03.700
<v Manfred Niekisch>Einmal ist es die Überdüngung der offenen Flächen durch die Landwirtschaft.

00:43:03.701 --> 00:43:11.500
<v Manfred Niekisch>Zweitens ist es die … Überdüngung heißt ein hoher Stickstoffeintrag, und dieser Stickstoffeintrag führt dazu,

00:43:11.501 --> 00:43:21.100
<v Manfred Niekisch>dass die Pflanzendecke vereinheitlicht, dass nur noch Pflanzen vorkommen, die mit dem großen Nährstoffangebot zurechtkommen

00:43:21.101 --> 00:43:28.500
<v Manfred Niekisch>und die ganzen wertvollen Pflanzen, die in Konkurrenz mit schnellwüchsigen Pflanzen gar nicht überleben können,

00:43:28.501 --> 00:43:35.500
<v Manfred Niekisch>wie beispielsweise viele Orchideen, das ist ganz schädlich für die Schmetterlinge und andere Insekten.

00:43:35.501 --> 00:43:44.200
<v Manfred Niekisch>Also es ist die Überdüngung, es ist die Monotonisierung der Landschaft, dadurch dass eben der Anbau intensiviert wird.

00:43:44.201 --> 00:43:53.400
<v Manfred Niekisch>Es werden jede Menge Gifte eingesetzt, um die Nutzpflanzen vor Schädlingen, „Schädlingen“, zu schützen.

00:43:53.401 --> 00:43:59.200
<v Manfred Niekisch>Und ganz aktuell, wenn man jetzt sieht, wie da wieder diskutiert wird über diesen Schmetterling,

00:43:59.201 --> 00:44:04.000
<v Manfred Niekisch>der die Eichenwälder kaputt frisst und dann wird da mit jeder Menge Gift drauf gehauen,

00:44:04.001 --> 00:44:10.800
<v Manfred Niekisch>das ist ein absoluter Wahnsinn, weil mit dem Gift vernichtet man nicht nur das, was die Förster für Schädlinge halten,

00:44:10.801 --> 00:44:15.500
<v Manfred Niekisch>sondern auch die Insekten, die die Schädlinge in Schach halten könnten.

00:44:15.501 --> 00:44:19.800
<v Manfred Niekisch>Da muss man einfach etwas längerfristig und etwas vernünftiger denken.

00:44:19.801 --> 00:44:27.500
<v Manfred Niekisch>Unter normalen Umständen würden diese Spannerraupen es nicht schaffen, einen Eichenwald dauerhaft zu zerstören.

00:44:27.501 --> 00:44:33.600
<v Manfred Niekisch>Klar das sieht nun mal nicht schön aus, wenn die alles Grün weggefressen haben, aber das kann ja kein Kriterium sein,

00:44:33.601 --> 00:44:36.300
<v Manfred Niekisch>um da solche rissigen Giftaktionen zu machen.

00:44:36.301 --> 00:44:37.700
<v Tim Pritlove>Wir sprechen von den Eichenspinnern?

00:44:37.701 --> 00:44:40.900
<v Manfred Niekisch>Eichenspinnern ja.

00:44:40.901 --> 00:44:42.700
<v Tim Pritlove>Was machen wir da jetzt?

00:44:42.701 --> 00:44:46.300
<v Manfred Niekisch>Also es gibt noch eine ganze Reihe von anderen Gründen.

00:44:46.301 --> 00:44:54.600
<v Manfred Niekisch>Man könnte durch eine bessere Strukturierung der Landschaft als Strukturvielfalt, durch eine Umstellung der Agrarpolitik,

00:44:54.601 --> 00:45:03.000
<v Manfred Niekisch>das ist natürlich ein bisschen schwieriger, aber auch durch Schutzstreifen, etwa an Gewässerrändern entlang von Wegen,

00:45:03.001 --> 00:45:11.000
<v Manfred Niekisch>durch die Nichtbefestigung von Wegen, durch eine bessere Wiederbewaldung in vielen Bereichen,

00:45:11.001 --> 00:45:19.600
<v Manfred Niekisch>durch eine Schaffung von Wäldern, die artenreich sind und nicht einfach Holzäcker, schon eine ganze Menge für die Insekten erreichen.

00:45:19.601 --> 00:45:29.300
<v Tim Pritlove>Sind denn das jetzt Vorschläge von Ihnen, von einer kleinen Gruppe, oder würden Sie sagen, das ist auch wissenschaftlich schon lange Zeit erarbeitet

00:45:29.301 --> 00:45:36.900
<v Tim Pritlove>und sollte eigentlich vorherrschendes Wissen sein auf der Ebene, wo solche Entscheidungen getroffen werden können?

00:45:36.901 --> 00:45:43.000
<v Manfred Niekisch>Interessanterweise ist das Insektensterben ja nicht festgestellt worden durch große wissenschaftliche Studien,

00:45:43.001 --> 00:45:49.300
<v Manfred Niekisch>sondern in Deutschland durch zwei kleine private Initiativen, eine in Krefeld und eine in Regensburg,

00:45:49.301 --> 00:45:54.700
<v Manfred Niekisch>die Vergleichsflächen untersucht haben und festgestellt haben über die Jahre, dass die Insekten so stark zurückgehen.

00:45:54.701 --> 00:46:00.300
<v Tim Pritlove>Also die Insektenfallen aufgestellt haben über einen längeren Zeitraum und beobachtet haben, wie viel sich dort getan hat?

00:46:00.301 --> 00:46:05.900
<v Manfred Niekisch>Zum Teil quantitativ, zum Teil auch qualitativ, indem sie sagten, wir haben hier Berichte von vor 50 Jahren,

00:46:05.901 --> 00:46:12.400
<v Manfred Niekisch>wo die und die und die Schmetterlingsarten hier vorkamen und die kommen jetzt definitiv nicht mehr hier vor

00:46:12.401 --> 00:46:14.700
<v Manfred Niekisch>oder früher waren sie häufig und heute sind sie sehr selten.

00:46:14.701 --> 00:46:20.800
<v Manfred Niekisch>Und aus dieser Besorgnis heraus sind eine ganze Reihe von Initiativen entstanden.

00:46:20.801 --> 00:46:26.700
<v Manfred Niekisch>Es gibt heute keinen Zweifel mehr, warum diese Insekten zurückgegangen sind.

00:46:26.701 --> 00:46:30.500
<v Manfred Niekisch>Es gibt aber leider eine mangelnde Umsetzung dieser Erkenntnisse.

00:46:30.501 --> 00:46:36.700
<v Manfred Niekisch>Und das haben wir ja oft überhaupt in der ganzen Europäischen Union, die ja fast bestimmend ist für die Agrarpolitik,

00:46:36.701 --> 00:46:44.300
<v Manfred Niekisch>da kann Deutschland allein wenig machen, haben wir hervorragende Naturschutzgesetze, Gesetze zum Schutz der Umwelt,

00:46:44.301 --> 00:46:46.100
<v Manfred Niekisch>wo es fehlt ist die Umsetzung.

00:46:46.101 --> 00:46:51.100
<v Manfred Niekisch>Also was nützen uns die besten Gesetze, wenn sie nicht richtig angewendet werden.

00:46:51.101 --> 00:47:00.500
<v Manfred Niekisch>Also wir haben keinen Zweifel mehr, woran die Insekten sterben, wir machen gerade im Sachverständigenrat für Umweltfragen ein Gutachten zu diesem Thema.

00:47:00.501 --> 00:47:09.100
<v Manfred Niekisch>Denn die neue Umweltministerin hat ja angekündigt, dass sie sofort ein Aktionsprogramm zum Schutz der Insekten auflegen will

00:47:09.101 --> 00:47:15.000
<v Manfred Niekisch>und wir wollen ihr auch mit auf den Weg geben, dass das nicht so ganz einfach ist,

00:47:15.001 --> 00:47:22.200
<v Manfred Niekisch>sondern dass man da schon wirklich an den Rädern drehen muss, die das Insektensterben verursachen.

00:47:22.201 --> 00:47:27.700
<v Manfred Niekisch>Also beispielsweise die Land- und Forstwirtschaft mit unterschiedlichen Aspekten.

00:47:27.701 --> 00:47:34.000
<v Manfred Niekisch>Aber auch der Gifteinsatz allgemein und und und, auch die Landschaftsplanung natürlich.

00:47:34.001 --> 00:47:37.400
<v Tim Pritlove>Erklären Sie mir doch nochmal, warum das ein großes Problem ist.

00:47:37.401 --> 00:47:43.100
<v Tim Pritlove>Ich meine, jetzt könnte man ja sagen, waren eh zu viele Mücken auf der Terrasse, mir doch egal.

00:47:43.101 --> 00:47:47.800
<v Tim Pritlove>Was kümmern mich die Insekten, die stören ja nur.

00:47:47.801 --> 00:47:55.300
<v Manfred Niekisch>Ja, Mark Twain hat gesagt, kein Tier ist umsonst erschaffen, aber die Moskitos sind verdammt nah dran.

00:47:55.301 --> 00:47:56.600
<v Manfred Niekisch>Und da hat er für viele recht.

00:47:56.601 --> 00:47:58.600
<v Manfred Niekisch>Man muss aber auch was anderes sehen.

00:47:58.601 --> 00:48:07.700
<v Manfred Niekisch>Die Insekten haben einmal eine sehr sehr wichtige Bedeutung als Bestäuber, als Bestäuber von Zierpflanzen, wenn man die so klassifizieren will,

00:48:07.701 --> 00:48:08.700
<v Manfred Niekisch>aber auch von Nutzpflanzen.

00:48:08.701 --> 00:48:14.500
<v Manfred Niekisch>Das heißt, sie sind eigentlich die potenziellen Verbündeten der Bauern.

00:48:14.501 --> 00:48:20.300
<v Manfred Niekisch>Dann geht es ja nicht nur um die Honigbienen, denn die Honigbienen könnte man fast als Haustiere bezeichnen,

00:48:20.301 --> 00:48:27.100
<v Manfred Niekisch>die müssen ja vom Menschen gepäppelt werden, um da zu sein, um den Winter zu überleben und dann bestäuben zu können,

00:48:27.101 --> 00:48:35.400
<v Manfred Niekisch>sondern es geht auch um die vielen Wildbienen und Hummeln, die als Bestäuber wichtig sind, das ist ein ganz praktischer Aspekt.

00:48:35.401 --> 00:48:45.500
<v Manfred Niekisch>Dann sind Insekten natürlich auch von der Biomasse her ganz bedeutsam und stellen das Futter dar für eine große Zahl von Vögeln,

00:48:45.501 --> 00:48:52.300
<v Manfred Niekisch>von Fledermäusen, von Amphibien und Reptilien, das heißt, denen geht die Nahrung verloren.

00:48:52.301 --> 00:48:59.900
<v Manfred Niekisch>Und es gibt ja inzwischen einige Untersuchungen auch durch Citizen Sience, dass die Singvögel bei uns sehr stark zurückgehen,

00:48:59.901 --> 00:49:07.600
<v Manfred Niekisch>und das kann durchaus auch zu tun haben und wird auch zu tun haben mit dem Insektensterben.

00:49:07.601 --> 00:49:16.800
<v Manfred Niekisch>Diese Insekten, die manchem lästig vorkommen, sind aber eben ein ganz zentrales Element der Biodiversität in Deutschland,

00:49:16.801 --> 00:49:24.600
<v Manfred Niekisch>wegen ihrer Masse und wegen ihrer Vielfalt und Insekten sind ja auch natürliche Schädlingsbekämpfer.

00:49:24.601 --> 00:49:31.400
<v Manfred Niekisch>Es gibt eine ganze Reihe von Wespen beispielsweise oder dem eben schon beschriebenen Eichenspanner,

00:49:31.401 --> 00:49:42.300
<v Manfred Niekisch>die aus Sicht der Nutzer als Schädlinge zu titulierenden Tiere vernichten, indem sie beispielsweise ihre Eier da reinlegen

00:49:42.301 --> 00:49:43.900
<v Manfred Niekisch>und die so umbringen.

00:49:43.901 --> 00:49:54.400
<v Manfred Niekisch>Also es ist ein riesiges Paket von sehr komplexen Wechselwirkungen, in denen die Insekten stehen als nützliche Tiere

00:49:54.401 --> 00:50:02.100
<v Manfred Niekisch>unmittelbar für jeden, der Pflanzen mag oder produziert, aber eben auch als Teil dieses Nahrungsfilzes

00:50:02.101 --> 00:50:10.800
<v Manfred Niekisch>als ein elementarer Teil der Grundalgen der Ernährung für viele andere Tiere.

00:50:10.801 --> 00:50:19.200
<v Tim Pritlove>Also man hat es hier mit einer Überlebenskette zu tun, die also weit in Flora und Fauna eingreift.

00:50:19.201 --> 00:50:22.800
<v Tim Pritlove>Was passiert denn, wenn wir uns da nicht besser aufstellen?

00:50:22.801 --> 00:50:25.100
<v Tim Pritlove>Womit ist denn dann zu rechnen?

00:50:25.101 --> 00:50:29.800
<v Manfred Niekisch>Das sehen wir schon in einigen Regionen der Welt, also beispielsweise in China,

00:50:29.801 --> 00:50:35.600
<v Manfred Niekisch>wo jetzt angefangen wird, intensivst die Bienenhaltung auszuweiten,

00:50:35.601 --> 00:50:42.100
<v Manfred Niekisch>Weil es im Moment noch so ist, dass in den Obstbaumplantagen Menschen mit Pinseln reinklettern

00:50:42.101 --> 00:50:45.000
<v Manfred Niekisch>und die Obstbäume künstlich bestäuben.

00:50:45.001 --> 00:50:56.000
<v Manfred Niekisch>Das ist überhaupt nicht auf Dauer durchhaltbar und kann man auch nur machen für einige besonders wirtschaftlich interessante Arten von Nutzpflanzen,

00:50:56.001 --> 00:50:59.400
<v Manfred Niekisch>also beispielsweise Äpfel oder Zitrusfrüchte.

00:50:59.401 --> 00:51:07.900
<v Manfred Niekisch>Aber es gibt eine ganze Reihe von Nutzpflanzen, die bei uns durchaus Gang und Gäbe sind,

00:51:07.901 --> 00:51:13.000
<v Manfred Niekisch>die aber auf die Bestäubung angewiesen sind, die dann der Mensch gar nicht mehr machen kann,

00:51:13.001 --> 00:51:18.000
<v Manfred Niekisch>einfach wegen der Massenfrage.

00:51:18.001 --> 00:51:18.200
<v Tim Pritlove>Das heißt…?

00:51:18.201 --> 00:51:26.800
<v Manfred Niekisch>Es gibt auch zum Beispiel in Südostasien, da gibt es verschiedene wichtige Nutzpflanzen, die für die Ernährung wichtig sind,

00:51:26.801 --> 00:51:30.900
<v Manfred Niekisch>die sind abhängig vom Vorhanden intakter Wälder.

00:51:30.901 --> 00:51:40.500
<v Manfred Niekisch>Weil nämlich in ausgeräumten Gebieten, in den Zeiten, wo nicht gerade Blüten der Nutzpflanzen da sind,

00:51:40.501 --> 00:51:42.800
<v Manfred Niekisch>die Insekten ja auch überleben müssen.

00:51:42.801 --> 00:51:49.600
<v Manfred Niekisch>Und wenn ein intakter Wald da ist, da ist das ganze Jahr irgendwo etwas am Blühen und liefert Nahrung für Insekten

00:51:49.601 --> 00:51:57.100
<v Manfred Niekisch>oder auch für Fledermäuse, die ja auch eine große Rolle spielen bei der Bestäubung.

00:51:57.101 --> 00:52:01.000
<v Tim Pritlove>Wenn man jetzt mal so das Bedrohungsszenario…

00:52:01.001 --> 00:52:07.700
<v Tim Pritlove>Ich sage mal so, der Mensch will ja glaube ich dann doch immer so spüren, dass es ihn auch selbst betrifft.

00:52:07.701 --> 00:52:11.100
<v Tim Pritlove>Was sind denn die Konsequenzen für den Menschen?

00:52:11.101 --> 00:52:20.700
<v Manfred Niekisch>Das ist eine ganz spannende Frage, weil wir nämlich im Naturschutz zu lange uns auf Tiere und Pflanzen konzentriert haben

00:52:20.701 --> 00:52:28.000
<v Manfred Niekisch>und nicht so sehr in Betracht gezogen haben, was das denn für die Gesundheit der Menschen bedeutet.

00:52:28.001 --> 00:52:37.100
<v Manfred Niekisch>Da gibt es natürlich sich widersprechende Studien, aber wir haben ja auch und der Staat hat eine gewisse Pflicht zur Vorsorge,

00:52:37.101 --> 00:52:43.800
<v Manfred Niekisch>zur Risikovorsorge, zur Gefahrenabwendung, und nicht nur zur Heilung, wenn die Gefahr eingetreten ist.

00:52:43.801 --> 00:52:51.600
<v Manfred Niekisch>Und beispielsweise sind die Stickoxide in der Luft, das weiß man ja durch die Diesel-Diskussion, höchstschädlich für den Menschen.

00:52:51.601 --> 00:52:59.900
<v Manfred Niekisch>Und diese Stickoxide kommen eben nicht nur aus Auspuffen, sondern beispielsweise auch durch die vielen Stickstoffverbindungen,

00:52:59.901 --> 00:53:01.600
<v Manfred Niekisch>die in der Luft unterwegs sind.

00:53:01.601 --> 00:53:08.100
<v Manfred Niekisch>Stickstoff selber ist sehr inert, aber die Stickstoffverbindungen machen das Ganze so problematisch.

00:53:08.101 --> 00:53:16.500
<v Manfred Niekisch>Wir haben, was die Gesundheit des Menschen angeht, ja auch die reine Staubbelastung schon als ein wirkliches Problem.

00:53:16.501 --> 00:53:23.300
<v Manfred Niekisch>Dazu kommen Gifte in der Landwirtschaft, von deren Wirkung wir noch nicht genau kennen,

00:53:23.301 --> 00:53:27.900
<v Manfred Niekisch>etwa das Glyphosat, von dem wir ja annehmen, dass es Krebs erregt.

00:53:27.901 --> 00:53:35.200
<v Manfred Niekisch>Aber selbst, wenn es nicht kanzerogen wäre, muss man sagen, das gehört überhaupt nicht in die Landschaft,

00:53:35.201 --> 00:53:40.100
<v Manfred Niekisch>das darf überhaupt nicht angewendet werden, denn wir wissen, dass es bei einigen Tiergruppen,

00:53:40.101 --> 00:53:42.500
<v Manfred Niekisch>etwa bei den Amphibien, größte Schäden hervorruft.

00:53:42.501 --> 00:53:52.400
<v Tim Pritlove>Also Glyphosat wird ja vor der Ernte ausgebracht, um sozusagen alles erst mal wegzuhauen, was dort eine Konkurrenz für die eigentlich geplante Nutzpflanze sein könnte

00:53:52.401 --> 00:54:01.700
<v Tim Pritlove>und das ist dann so quasi jedes Mal so die Napalmbombe, die man über das Ökosystem abwirft und damit sozusagen nur,

00:54:01.701 --> 00:54:07.500
<v Tim Pritlove>um eine einzige Pflanze züchten zu können, alle anderen Entwicklungen im Prinzip im Keim erstickt.

00:54:07.501 --> 00:54:12.600
<v Manfred Niekisch>Und das ist genau diese monokausale Betrachtung, ich habe eine Pflanze, von der ich etwas will,

00:54:12.601 --> 00:54:17.000
<v Manfred Niekisch>ich habe einen Schädling, der diese Pflanze schädigt, also hau ich den Schädling kaputt.

00:54:17.001 --> 00:54:24.300
<v Manfred Niekisch>Was ich dabei für das ganze Umfeld kaputt mache und ob das der Pflanze wirklich nutzt, wenn der Schädling weg ist,

00:54:24.301 --> 00:54:27.200
<v Manfred Niekisch>das fragt ja dann kaum einer mehr.

00:54:27.201 --> 00:54:34.300
<v Manfred Niekisch>Und wenn Sie sich die ganze Diskussion um den Borkenkäfer anschauen, der Borkenkäfer ist ein Segen für den deutschen Wald.

00:54:34.301 --> 00:54:41.500
<v Manfred Niekisch>Der Borkenkäfer steht in einer uralten Beziehung zu den Weißtannen, das hat ja nicht erst der Mensch erfunden.

00:54:41.501 --> 00:54:49.400
<v Manfred Niekisch>Der Borkenkäfer ist natürlich immer dann schädlich, wenn ich Holz produzieren will und das möglichst noch in Monokulturen.

00:54:49.401 --> 00:54:55.100
<v Manfred Niekisch>Ansonsten schauen Sie sich die Flächen am Arber an, das sieht natürlich vielleicht nicht schön aus,

00:54:55.101 --> 00:55:02.900
<v Manfred Niekisch>dass da so viele tote Bäume rumstehen, aber wenn man sich anschaut, was da an Jungwuchs nachkommt, das ist einfach fantastisch.

00:55:02.901 --> 00:55:06.900
<v Manfred Niekisch>Und insofern ist der Borkenkäfer ein Erneuerer des Waldes.

00:55:06.901 --> 00:55:12.200
<v Tim Pritlove>Aber ich wollte nochmal kurz … gerade die Diskussion um Glyphosat finde ich insofern jetzt ganz interessant,

00:55:12.201 --> 00:55:18.900
<v Tim Pritlove>weil wir auf der einen Seite sagen, okay man muss jetzt vielleicht auch mal die Schäden für den Menschen sozusagen unmittelbar aufzeigen,

00:55:18.901 --> 00:55:24.600
<v Tim Pritlove>ich habe aber immer so den Eindruck, dass gerade bei diesem Glyphosat diese Diskussion, ja kann Krebs erregen,

00:55:24.601 --> 00:55:26.800
<v Tim Pritlove>irgendwie auch nicht so richtig greift.

00:55:26.801 --> 00:55:30.300
<v Tim Pritlove>Weil dieses „kann Krebs erregen“ gilt ja mehr oder weniger für alles.

00:55:30.301 --> 00:55:34.900
<v Tim Pritlove>Bei manchen Sachen weiß man, es ist unmittelbar und dann ist es auch leicht nachweisbar.

00:55:34.901 --> 00:55:45.200
<v Tim Pritlove>Aber vieles, wie generell in der Krebsforschung, ist halt unklar, wirkt sich statistisch aus, ist irgendwie nicht unmittelbar erfahrbar.

00:55:45.201 --> 00:55:47.200
<v Tim Pritlove>Denken Sie, das es ein Fehler ist sozusagen?

00:55:47.201 --> 00:55:58.300
<v Tim Pritlove>Also sozusagen taktisch unklug ist, diesen Aspekt zerstört Grundlage für Biodiversität zu bringen?

00:55:58.301 --> 00:56:06.500
<v Tim Pritlove>Und man ist quasi gezwungen, die Argumentation in der Öffentlichkeit über diese unmittelbare oder nicht direkt unmittelbare Menschenschädlichkeit zu führen?

00:56:06.501 --> 00:56:12.300
<v Tim Pritlove>Oder gibt es nicht auch einen Weg, diese Debatte unter dem Deckmantel Biodiversität an erster Stelle zu führen?

00:56:12.301 --> 00:56:13.500
<v Manfred Niekisch>Wir müssen beides machen.

00:56:13.501 --> 00:56:18.300
<v Manfred Niekisch>Wir dürfen nichts erfinden, wir dürfen nichts dramatisieren, aber wir müssen schon darauf hinweisen,

00:56:18.301 --> 00:56:24.900
<v Manfred Niekisch>dass wir da, wo wir deutliche Hinweise haben, dass es ein Risiko gibt, warnen müssen.

00:56:24.901 --> 00:56:34.200
<v Manfred Niekisch>Und es ist ja nicht nur ein Umweltgift, das wir haben, sondern wir erzeugen für Mensch, Tier und Pflanze insgesamt einen Umweltstress,

00:56:34.201 --> 00:56:38.800
<v Manfred Niekisch>der durch den Klimawandel natürlich noch stark beschleunigt wird.

00:56:38.801 --> 00:56:47.400
<v Manfred Niekisch>Und dieser Umweltstress setzt sich zusammen aus vielen Faktoren und da sind die Gifteinsätze und das Glyphosat eben nur eine.

00:56:47.401 --> 00:56:49.900
<v Manfred Niekisch>Aber es ist eben ein gewichtiger Faktor.

00:56:49.901 --> 00:56:55.600
<v Manfred Niekisch>Und wir müssen versuchen, da wo immer es geht, an den Stellschrauben zu drehen, die den Umweltstress,

00:56:55.601 --> 00:56:58.800
<v Manfred Niekisch>die die Giftbelastung der Umwelt insgesamt erhöht …

00:56:58.801 --> 00:57:08.800
<v Manfred Niekisch>Dazu gehört aber beispielsweise auch, dass wir eben keine Braunkohle mehr verbrennen und die ganze Schwefelverbindungen in die Luft jagen.

00:57:08.801 --> 00:57:17.600
<v Tim Pritlove>Kommen wir mal ein bisschen mehr auf die Rolle der Zoos, die sich ja in gewisser Hinsicht mehr auf die großen Tiere stürzt.

00:57:17.601 --> 00:57:24.200
<v Tim Pritlove>Also weiß nicht, gibt es im Zoo Frankfurt auch eine Insektenabteilung? Vermutlich.

00:57:24.201 --> 00:57:29.100
<v Manfred Niekisch>Ja, wir haben natürlich eine Insektenabteilung, weil man da vieles zeigen kann.

00:57:29.101 --> 00:57:32.800
<v Manfred Niekisch>Und Zoos sind für Besucher da.

00:57:32.801 --> 00:57:38.300
<v Manfred Niekisch>Ein Zoo, in den keine Besucher kommen, der hat seinen Sinn verspielt.

00:57:38.301 --> 00:57:46.200
<v Manfred Niekisch>Also brauchen wir attraktive Anlagen, in denen die Besucher Tiere sehen können.

00:57:46.201 --> 00:57:52.100
<v Manfred Niekisch>Das steht aber alles unter dem Primat, dass sich das Tier auch wohlfühlt.

00:57:52.101 --> 00:57:59.200
<v Manfred Niekisch>Hier in Frankfurt legen wir großen Wert drauf und wir sind nicht die einzigen, dass unsere Tiere Rückzugsmöglichkeiten haben.

00:57:59.201 --> 00:58:03.600
<v Manfred Niekisch>Das heißt, wenn die nicht gesehen werden wollen, können die sich zurückziehen.

00:58:03.601 --> 00:58:09.100
<v Manfred Niekisch>Und wir sehen es besonders schön bei unseren Gorillas, da gibt es Phasen, wo wir den Eindruck haben,

00:58:09.101 --> 00:58:12.200
<v Manfred Niekisch>dass die es genießen, dass Besucher da sind.

00:58:12.201 --> 00:58:15.700
<v Manfred Niekisch>Die Besucher sind Teil des Unterhaltungsprogramms für unsere Affen.

00:58:15.701 --> 00:58:20.500
<v Manfred Niekisch>Es gibt aber auch Phasen, wo dann unser Gorilla-Mann sagt, nein ich will jetzt mal meine Ruhe haben

00:58:20.501 --> 00:58:23.000
<v Manfred Niekisch>und da muss er sich zurückziehen können.

00:58:23.001 --> 00:58:24.500
<v Manfred Niekisch>Also kein Stress für die Tiere.

00:58:24.501 --> 00:58:29.600
<v Manfred Niekisch>Ich habe auch schon Beschwerden gekriegt, dass unsere Brillenbär-Anlage so dicht bepflanzt ist,

00:58:29.601 --> 00:58:35.600
<v Manfred Niekisch>dass man die Tiere ja gar nicht richtig sieht und da kann ich immer nur sagen, ich war wochenlang in den Anden unterwegs

00:58:35.601 --> 00:58:39.500
<v Manfred Niekisch>im Lebensraum der Brillenbären, habe nicht einen gesehen.

00:58:39.501 --> 00:58:45.200
<v Manfred Niekisch>Wenn jemand im Zoo keine Brillenbären sieht in der Anlage, dann sind die entweder nicht auf der Anlage

00:58:45.201 --> 00:58:49.700
<v Manfred Niekisch>oder man muss einfach nur fünf Minuten warten und dann kommen sie schon.

00:58:49.701 --> 00:58:58.400
<v Manfred Niekisch>Also Zoos sind für Besucher da, aber die Tiere sollen nicht auf dem Präsentierteller sofort sichtbar sein.

00:58:58.401 --> 00:59:00.000
<v Tim Pritlove>Das war ja sicherlich nicht immer so?

00:59:00.001 --> 00:59:04.500
<v Manfred Niekisch>Das war überhaupt nicht immer so, sondern man hat über viele Jahre …

00:59:04.501 --> 00:59:11.000
<v Manfred Niekisch>die Zoos haben ja gemeinsame Wurzeln mit der Menagerie, wo es also drum geht, Tiere vorzustellen,

00:59:11.001 --> 00:59:15.500
<v Manfred Niekisch>die besonders wild sind, an die man besonders nah rankommt.

00:59:15.501 --> 00:59:24.800
<v Manfred Niekisch>Eisbären hinter dicken Gitterstäben, die sich nicht verstecken konnten, das war bis in die 50er Jahre durchaus Gang und Gäbe.

00:59:24.801 --> 00:59:27.500
<v Manfred Niekisch>Das ist hoffentlich für immer vorbei.

00:59:27.501 --> 00:59:31.200
<v Manfred Niekisch>Und Zoo ist leider kein geschützter Begriff.

00:59:31.201 --> 00:59:40.700
<v Manfred Niekisch>Es gibt in Deutschland schätzungsweise 300 Zoos, davon sind gerade mal etwas mehr als 70 im Verband der zoologischen Gärten zusammengeschlossen,

00:59:40.701 --> 00:59:45.400
<v Manfred Niekisch>alle anderen qualifizieren sich nicht, diese Standars zu erfüllen.

00:59:45.401 --> 00:59:51.200
<v Manfred Niekisch>Und die schlimmsten Feinde der wissenschaftlich geführten Zoos sind die schlechten Zoos.

00:59:51.201 --> 00:59:54.300
<v Manfred Niekisch>Denn das sind die Bilder, die im Kopf bleiben.

00:59:54.301 --> 01:00:02.300
<v Manfred Niekisch>Und mit schlechte Zoos meine ich, wo die Tiere nicht so präsentiert werden können, dass sie sich wirklich wohlfühlen,

01:00:02.301 --> 01:00:08.400
<v Manfred Niekisch>was eben auch heißt, dass die nicht nur gut ernährt sein müssen, sondern sich eben auch mal nicht zeigen können.

01:00:08.401 --> 01:00:16.400
<v Manfred Niekisch>Und da gibt es nach wie vor große Missstände, auch wenn sich das in den letzten Jahren durch eine Verbesserung der gesetzlichen Lage

01:00:16.401 --> 01:00:22.700
<v Manfred Niekisch>und das Wirken der wissenschaftlich geführten Zoos doch stark verbessert hat.

01:00:22.701 --> 01:00:25.600
<v Tim Pritlove>Das heißt, die wenigsten Zoos sind wissenschaftlich geführt?

01:00:25.601 --> 01:00:33.200
<v Manfred Niekisch>Das heißt, weltweit kann man das mit Sicherheit noch deutlicher sagen, die wenigsten Zoos sind wissenschaftlich geführt.

01:00:33.201 --> 01:00:42.100
<v Manfred Niekisch>In China, schätzen wir, gibt es tausende vielleicht 10.000 Zoos und ich glaube drei sind wissenschaftlich geführt und erfüllen die Kriterien.

01:00:42.101 --> 01:00:49.900
<v Manfred Niekisch>Die Definition für einen Zoo in der europäischen Gemeinschaft ist relativ krude, da heißt es nämlich,

01:00:49.901 --> 01:00:55.300
<v Manfred Niekisch>ein Zoo ist eine Einrichtung, der eine nennenswerte Zahl von Tieren hält

01:00:55.301 --> 01:01:01.200
<v Manfred Niekisch>und diese acht Tage im Jahr oder sieben Tage im Jahr der Öffentlichkeit zugänglich macht.

01:01:01.201 --> 01:01:14.100
<v Manfred Niekisch>Also da sind überhaupt keine Qualitätskriterien drin und deswegen muss man sagen, wir brauchen wirklich eine Verbesserung der schlechten Zoos.

01:01:14.101 --> 01:01:21.000
<v Manfred Niekisch>Die bekannten großen Zoos, die haben zum Teil Altlasten, das muss man ganz klar sagen, man kann nicht alles auf einmal neu bauen,

01:01:21.001 --> 01:01:27.500
<v Manfred Niekisch>aber die sind doch alle auf einem sehr guten Weg und manchmal gibt es auch große Missverständnisse.

01:01:27.501 --> 01:01:32.700
<v Manfred Niekisch>Also ich kenne einen Zoo, der hat eine völlig gestörten Schimpansen.

01:01:32.701 --> 01:01:36.200
<v Manfred Niekisch>Wenn man den sieht, kann einem das Tier nur leid tun.

01:01:36.201 --> 01:01:38.300
<v Manfred Niekisch>Und dann gibt es viele, die sagen, ach ist der schlecht gehalten.

01:01:38.301 --> 01:01:45.600
<v Manfred Niekisch>Man muss aber wissen, dass dieser Schimpanse aus einer miserablen Privathaltung in den Zoo gekommen ist

01:01:45.601 --> 01:01:53.900
<v Manfred Niekisch>und die Mitarbeiter des Zoos haben sich dann intensivst bemüht, diesem Tier ein einigermaßen angenehmes Leben zu ermöglichen.

01:01:53.901 --> 01:02:02.200
<v Manfred Niekisch>Und das gelingt natürlich nur mit Abstrichen, wenn dieses Tier schon älter und durch die vorhergehende Haltung so schwer geschädigt ist.

01:02:02.201 --> 01:02:08.800
<v Manfred Niekisch>Aber das ist nichts, was man dem Zoo anlasten kann, sondern das muss man aus der Geschichte des Tieres erklären.

01:02:08.801 --> 01:02:18.800
<v Tim Pritlove>Welche Zoos in Deutschland würden Sie jetzt so als erstes nennen, unter dem Aspekt wissenschaftlich geführt Vorbild für andere?

01:02:18.801 --> 01:02:27.300
<v Manfred Niekisch>Ich könnte jetzt natürlich eine ganze Reihe von Zoos aufzählen, nämlich insgesamt über 70, für die das alle zutrifft,

01:02:27.301 --> 01:02:33.200
<v Manfred Niekisch>da sind kleinere dabei, da sind größere dabei, aber die Größe eines Zoos spielt eigentlich nicht die Rolle,

01:02:33.201 --> 01:02:40.000
<v Manfred Niekisch>sondern die Frage ist immer, passt die Anzahl und Auswahl der Tiere zu meinem eigenen Zoo?

01:02:40.001 --> 01:02:42.100
<v Manfred Niekisch>Es gibt natürlich unterschiedliche Konzepte.

01:02:42.101 --> 01:02:45.700
<v Manfred Niekisch>Wir sind ein Zoo, der mitten in der Stadt liegt.

01:02:45.701 --> 01:02:48.100
<v Manfred Niekisch>Wir haben früh schon Schulklassen und Kindergärten hier.

01:02:48.101 --> 01:02:56.900
<v Manfred Niekisch>Das heißt, wir versuchen unseren Zoo als eine grüne Insel in der Stadt zu präsentieren mit einer Klassenzimmerfunktion.

01:02:56.901 --> 01:03:03.400
<v Manfred Niekisch>Das ist uns ganz wichtig, denn wir haben über 1000 geführte Gruppen pro Jahr im Zoo, das ist eine ganze Menge.

01:03:03.401 --> 01:03:12.900
<v Manfred Niekisch>Und die Schulklassen können sich da auch thematisch einiges ausstellen bzw. zusammensuchen und zusammenstellen an Führungen.

01:03:12.901 --> 01:03:20.100
<v Manfred Niekisch>Es gibt andere Zoos, die haben ein ganz anderes Konzept, die gehen eher in Richtung Vergnügungspark mit Tieren,

01:03:20.101 --> 01:03:24.000
<v Manfred Niekisch>was ich in keiner Weise abwertend meine, denn das ist an sich noch nichts schlimmes.

01:03:24.001 --> 01:03:31.600
<v Manfred Niekisch>Es geht dann nur immer drum, sind die Tiere vernünftig gehalten oder sind die nur Teil eines Vergnügungspark

01:03:31.601 --> 01:03:37.400
<v Manfred Niekisch>und dienen nur der Belustigung des Menschen, das würde ich dann nicht mehr als wissenschaftlich geführten Zoo bezeichnen.

01:03:37.401 --> 01:03:39.600
<v Manfred Niekisch>Das gibt es aber auch kaum noch.

01:03:39.601 --> 01:03:49.700
<v Manfred Niekisch>Und dann gibt es eben Zoos, die liegen in einer großen Landschaft, mit vielleicht einem herrlichen Blick von irgendeiner Anhöhe über das Tal oder die Stadt.

01:03:49.701 --> 01:03:52.900
<v Manfred Niekisch>Das sind dann wieder ganz andere Konzepte.

01:03:52.901 --> 01:04:01.200
<v Manfred Niekisch>Also dieser große Erholungspark, irgendwo draußen vor den Toren einer Stadt, ist etwas anderes als der Stadtzoo in Frankfurt,

01:04:01.201 --> 01:04:04.800
<v Manfred Niekisch>wo rundrum Häuser sind.

01:04:04.801 --> 01:04:08.900
<v Tim Pritlove>Was genau meinen Sie denn, wenn Sie von wissenschaftlicher Führung sprechen?

01:04:08.901 --> 01:04:22.200
<v Tim Pritlove>Also wie wirkt sich das aus, was unterscheidet einen Zoo, der wissenschaftlich geführt ist, von einem, der dieses Placet vielleicht nicht verdient?

01:04:22.201 --> 01:04:30.600
<v Manfred Niekisch>Ein wissenschaftlich geführter Zoo ist ein Zoo, der geführt wird von Leuten, die die neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft

01:04:30.601 --> 01:04:39.500
<v Manfred Niekisch>in Richtung Tierernährung, Tierverhalten, Veterinärmedizin, Besucherlenkung berücksichtigt und umsetzt.

01:04:39.501 --> 01:04:43.200
<v Tim Pritlove>Nur berücksichtigt oder auch selber erforscht?

01:04:43.201 --> 01:04:44.400
<v Manfred Niekisch>Das gehört natürlich dazu.

01:04:44.401 --> 01:04:48.200
<v Manfred Niekisch>Denn solche Erkenntnisse fallen ja nicht vom Himmel.

01:04:48.201 --> 01:04:53.800
<v Manfred Niekisch>Es gibt einen intensiven Austausch im Verband der zoologischen Gärten zwischen den Zoodirektoren,

01:04:53.801 --> 01:04:58.300
<v Manfred Niekisch>was erfolgreiche Konzepte sind, was weniger erfolgreich ist.

01:04:58.301 --> 01:05:05.200
<v Manfred Niekisch>Und ich kann da als Beispiel anführen eine rein wissenschaftliche Studie, die in Frankfurt gelaufen ist,

01:05:05.201 --> 01:05:09.700
<v Manfred Niekisch>wo es um das Schlafverhalten von jungen Giraffen ging.

01:05:09.701 --> 01:05:12.000
<v Manfred Niekisch>Eine chronobiologische Arbeit.

01:05:12.001 --> 01:05:20.200
<v Manfred Niekisch>Und da ist festgestellt worden, dass diese jungen Giraffen Tiefschlafphasen haben und dann so Phasen,

01:05:20.201 --> 01:05:23.000
<v Manfred Niekisch>in denen sie halbwach oder ganz wach sind.

01:05:23.001 --> 01:05:32.000
<v Manfred Niekisch>Und es ist durch Zufall festgestellt worden, dass eine neugeborene Giraffe immer kürzere Wachphasen hatte

01:05:32.001 --> 01:05:36.800
<v Manfred Niekisch>und die Tiefschlafphasen immer häufiger und immer länger wurden.

01:05:36.801 --> 01:05:38.600
<v Manfred Niekisch>Und da hat man sich gefragt, warum?

01:05:38.601 --> 01:05:45.100
<v Manfred Niekisch>Und hat festgestellt, dass diese Giraffe zwar, diese junge Giraffe, gerade geboren, von der Mutter gesäugt wurde,

01:05:45.101 --> 01:05:48.800
<v Manfred Niekisch>aber offensichtlich nicht genug Milch bekam.

01:05:48.801 --> 01:05:52.500
<v Manfred Niekisch>Das heißt, die hat ihren Stoffwechsel runtergefahren und schlief dann möglichst viel,

01:05:52.501 --> 01:05:54.000
<v Manfred Niekisch>einfach weil sie geschwächt war.

01:05:54.001 --> 01:06:00.600
<v Manfred Niekisch>Und als wir dann mit der Flasche rangegangen sind und das Tier von Hand ernährt haben, also zugefüttert haben,

01:06:00.601 --> 01:06:06.800
<v Manfred Niekisch>weil sie von der Mutter nicht genug Milch kriegt, was man ja nicht messen kann, da kam die sehr schnell wieder zu Kräften.

01:06:06.801 --> 01:06:12.200
<v Manfred Niekisch>Und deswegen haben wir gesagt, Leute, wenn bei euch Giraffen geboren werden, schaut euch die Schlafphasen an

01:06:12.201 --> 01:06:19.500
<v Manfred Niekisch>und wenn das Jungtier zu oft schläft, dann mangelt es an der Milchversorgung der Mutter, da kann man was dagegen tun.

01:06:19.501 --> 01:06:26.400
<v Manfred Niekisch>Wir tauschen uns sehr intensiv aus über die Haltung und Aufzucht von Menschenaffen beispielsweise.

01:06:26.401 --> 01:06:31.400
<v Manfred Niekisch>Da gibt es einen regen Austausch, aber wir tauschen uns auch aus über Besucherkonzepte.

01:06:31.401 --> 01:06:39.300
<v Manfred Niekisch>Es gibt einmal im Jahr ein Treffen der deutschen Zoodirektoren, wo all das auf der Tagesordnung steht

01:06:39.301 --> 01:06:45.800
<v Manfred Niekisch>und da lernen wir voneinander und sind auch alle bemüht, dieses Wissen an andere weiter zu geben.

01:06:45.801 --> 01:06:48.700
<v Manfred Niekisch>Denn wir wollen ja nicht besser sein als andere Zoos.

01:06:48.701 --> 01:06:50.900
<v Manfred Niekisch>Wir sind auch keine Konkurrenten.

01:06:50.901 --> 01:06:56.700
<v Manfred Niekisch>Also wir haben hier in Frankfurt ja die Situation, dass wenige Kilometer von hier der Opel-Zoo ist.

01:06:56.701 --> 01:07:00.600
<v Manfred Niekisch>Und ich bin immer wieder gefragt worden, wie steht ihr zu der Konkurrenz vom Opel-Zoo?

01:07:00.601 --> 01:07:02.900
<v Manfred Niekisch>Und ich habe immer gesagt, wir sind keine Konkurrenten.

01:07:02.901 --> 01:07:07.800
<v Manfred Niekisch>Wenn es dem Opel-Zoo gut geht, dann geht es ja uns nicht schlechter, sondern dann geht es uns auch gut,

01:07:07.801 --> 01:07:09.200
<v Manfred Niekisch>weil wir beide ein gutes Image haben.

01:07:09.201 --> 01:07:18.600
<v Manfred Niekisch>Wir kooperieren, wir bilden die Lehrlinge gemeinsam aus und die wissenschaftlich geführten Zoos haben ein gemeinschaftliches Interesse

01:07:18.601 --> 01:07:26.300
<v Manfred Niekisch>und stellen eben nicht den kommerziellen Aspekt über das Wohl der Tiere, sondern ganz im Gegenteil.

01:07:26.301 --> 01:07:36.100
<v Tim Pritlove>Aber ich denke mal, dieser Austausch ist ja nicht nur zwischen Zoos, sondern das wird ja auch mit anderen Fakultäten anderer Universitäten und anderer…

01:07:36.101 --> 01:07:39.400
<v Manfred Niekisch>Das ist natürlich richtig.

01:07:39.401 --> 01:07:45.500
<v Manfred Niekisch>Wir tauschen uns nicht nur unter den Zoos aus, sondern beispielsweise kooperieren wir ja auch mit Universitäten.

01:07:45.501 --> 01:07:52.800
<v Manfred Niekisch>Es gibt Universitäten, die beschäftigen sich beispielsweise mit Veterinärmedizin, mit Verhaltensforschung,

01:07:52.801 --> 01:07:58.500
<v Manfred Niekisch>aber auch mit Fragen des Tierwohls, also des Wohlergehens der Tiere

01:07:58.501 --> 01:08:04.500
<v Manfred Niekisch>und da kooperieren wir mit sehr vielen und der Frankfurter Zoo hält das für so wichtig,

01:08:04.501 --> 01:08:10.800
<v Manfred Niekisch>dass er sogar an der Universität Frankfurt eine Professur finanziert, die sich mit den Fragen der Zootierhaltung beschäftigt.

01:08:10.801 --> 01:08:19.000
<v Manfred Niekisch>Die ist gerade besetzt worden und da erwarten wir uns schon Interessante Gespräche und interessante Ergebnisse.

01:08:19.001 --> 01:08:24.300
<v Manfred Niekisch>Also es geht nicht nur innerhalb der Zoos, sondern Zoos können ja nur sehr beschränkt selber Wissenschaft betreiben,

01:08:24.301 --> 01:08:31.600
<v Manfred Niekisch>selber Forschungsprojekte machen, da geht es schon darum, dass man mit Universitäten zusammenarbeitet

01:08:31.601 --> 01:08:36.300
<v Manfred Niekisch>und es sind auch eine ganze Reihe von solchen Arbeiten hier auch an der Uni Frankfurt entstanden,

01:08:36.301 --> 01:08:41.500
<v Manfred Niekisch>wo wir als Zoo die Fragestellung geliefert haben und die Arbeitsmöglichkeiten.

01:08:41.501 --> 01:08:47.600
<v Manfred Niekisch>Also beispielsweise zum Einfluss der Besucher auf die Haltung der Fingertiere.

01:08:47.601 --> 01:08:48.900
<v Manfred Niekisch>Die Fingertiere sind …

01:08:48.901 --> 01:08:49.800
<v Tim Pritlove>Fingertiere sind was für Tiere?

01:08:49.801 --> 01:08:56.600
<v Manfred Niekisch>Fingertiere heißen auch Aye Ayes, das sind diese merkwürdigen katzengroßen Tiere, mit einem buschigen Schwanz,

01:08:56.601 --> 01:09:03.400
<v Manfred Niekisch>großen Ohren, die in Madagaskar leben, nachtaktiv sind und einen verlängerten Finger haben,

01:09:03.401 --> 01:09:07.000
<v Manfred Niekisch>mit dem sie Maden aus dem Holz stochern.

01:09:07.001 --> 01:09:13.300
<v Manfred Niekisch>Und deren Verhalten, wie das beeinflusst wird durch Besucher, das war eine ganz interessante Arbeit.

01:09:13.301 --> 01:09:19.900
<v Manfred Niekisch>Aber wir haben jetzt auch eine Arbeit laufen über die Vergesellschaftung von Brillenbären mit Waldhunden.

01:09:19.901 --> 01:09:24.900
<v Manfred Niekisch>Das hat noch nie jemand probiert und da haben wir jemanden dran, der schaut sich an, wie funktioniert das denn?

01:09:24.901 --> 01:09:28.700
<v Manfred Niekisch>Und die Ergebnisse sind natürlich dann auch für andere Zoos interessant, weil wir sagen,

01:09:28.701 --> 01:09:32.400
<v Manfred Niekisch>nun guckt mal, es funktioniert, könnt ihr auch machen.

01:09:32.401 --> 01:09:35.900
<v Tim Pritlove>Geht es denn nur um die Tierhaltung?

01:09:35.901 --> 01:09:44.100
<v Tim Pritlove>Oder gibt es hier auch Erkenntnisse und Austausch mit Tieren, die jetzt in freier Wildbahn in Deutschland leben?

01:09:44.101 --> 01:09:49.700
<v Manfred Niekisch>Der Frankfurter Zoo hat kaum einheimische Tiere, zumindest nicht in seinen Gehegen.

01:09:49.701 --> 01:09:55.500
<v Manfred Niekisch>Im Zoo selber ja, wir haben hier Marder, wir haben hier Füchse, wir haben hier eine ganze Reihe von Singvögeln,

01:09:55.501 --> 01:10:04.900
<v Manfred Niekisch>die gar nicht zum Zoo gehören, aber im Zoo leben, eben weil wir eine solche Insel in der Stadt sein wollen.

01:10:04.901 --> 01:10:07.400
<v Manfred Niekisch>Eine grüne Insel mit einem großen Teich.

01:10:07.401 --> 01:10:13.000
<v Manfred Niekisch>Es gibt auch Zoos, die kümmern sich sehr viel stärker um einheimische Tiere, die haben wir aber gar nicht.

01:10:13.001 --> 01:10:18.900
<v Manfred Niekisch>Nur etwa in unserem benachbarten und befreundeten Opel-Zoo, die haben durchaus einheimische Tiere.

01:10:18.901 --> 01:10:26.700
<v Manfred Niekisch>Oder wenn wir denken an andere Zoos, die dann auch bei Wiederansiedlungsprojekten von Luchs und ähnlichem unterstützen.

01:10:26.701 --> 01:10:27.800
<v Manfred Niekisch>Das ist schon interessant.

01:10:27.801 --> 01:10:32.100
<v Manfred Niekisch>Der Frankfurter Zoo hat unterstützt bei der Wiederansiedlung von Nashörnern

01:10:32.101 --> 01:10:37.000
<v Manfred Niekisch>und bei der Wiederansiedlung von goldgelben Löwenäffchen in Brasilien.

01:10:37.001 --> 01:10:44.300
<v Manfred Niekisch>Das ist heute nicht mehr der Fall bei den Löwenäffchen, weil die Population inzwischen vor Ort so gut geworden ist,

01:10:44.301 --> 01:10:46.400
<v Manfred Niekisch>dass man gar keine Tiere mehr aussetzen muss.

01:10:46.401 --> 01:10:51.700
<v Manfred Niekisch>Und bei den Nashörnern ist einfach das Problem, die kann man im Moment deswegen nicht auswildern,

01:10:51.701 --> 01:11:00.500
<v Manfred Niekisch>weil der Druck der Wilderei so groß ist, dass man die etwas überspitzt gesagt, am liebsten dann gleich zu Hause totschlagen kann,

01:11:00.501 --> 01:11:00.900
<v Manfred Niekisch>dann spart man sich den Transport.

01:11:00.901 --> 01:11:06.300
<v Manfred Niekisch>Das Risiko, dass die dann vor Ort getötet werden, ist einfach zu groß.

01:11:06.301 --> 01:11:13.000
<v Tim Pritlove>Sehen Sie sich denn als Zoo auch so als Teil der Wissenschaftskommunikation?

01:11:13.001 --> 01:11:20.000
<v Manfred Niekisch>Nicht alle Zoos sind mit Wissenschaftlern gesegnet, sondern die Stellen sind beschränkt.

01:11:20.001 --> 01:11:28.300
<v Manfred Niekisch>Und die Wissenschaftler, die in Zoos sitzen als Zoologen, als Veterinäre sind meist mit ihrer Zooarbeit ziemlich ausgelastet,

01:11:28.301 --> 01:11:31.000
<v Manfred Niekisch>können also selber keine Forschung betreiben.

01:11:31.001 --> 01:11:34.900
<v Manfred Niekisch>Aber wie gesagt, wir bieten Forschungsthemen an.

01:11:34.901 --> 01:11:39.600
<v Manfred Niekisch>Machen bis zu einem gewissen Grad auch selber Forschung und ich denke schon,

01:11:39.601 --> 01:11:42.400
<v Manfred Niekisch>dass wir Teil der Wissenschaftsgemeinschaft sind.

01:11:42.401 --> 01:11:50.300
<v Manfred Niekisch>Vielleicht sind wir eher der Teil der Wissenschaft, die ins Angewandte geht, das ist die Hauptaufgabe der Zoos.

01:11:50.301 --> 01:11:56.900
<v Manfred Niekisch>Aber ich denke, das ist eine Befruchtung in zwei Richtungen, wir liefern Input für die Wissenschaft

01:11:56.901 --> 01:11:59.900
<v Manfred Niekisch>und die Wissenschaft liefert Ergebnisse, die wir umsetzen können.

01:11:59.901 --> 01:12:05.600
<v Tim Pritlove>Na ich sprach ja konkret die Kommunikation an, die ja jetzt wirklich auf sozusagen Nichtwissenschaftler hin ausgerichtet ist,

01:12:05.601 --> 01:12:07.500
<v Tim Pritlove>also auf die Öffentlichkeit hin ausgerichtet.

01:12:07.501 --> 01:12:16.800
<v Tim Pritlove>Weil Sie haben es ja gesagt, über 1000 Führungen im Jahr, das sind ja hier fast jeden Tag drei Stück.

01:12:16.801 --> 01:12:26.000
<v Tim Pritlove>Diese Rolle, erlerntes, erforschtes, gesichertes, ausdiskutiertes Wissen auch der Öffentlichkeit zugänglich zu machen,

01:12:26.001 --> 01:12:27.700
<v Tim Pritlove>das scheint doch hier schon verankert zu sein?

01:12:27.701 --> 01:12:31.200
<v Manfred Niekisch>Ein Zoo muss Öffentlichkeitsarbeit betreiben.

01:12:31.201 --> 01:12:38.100
<v Manfred Niekisch>Ob das mehr in die Richtung Werbung geht oder mehr in die Richtung Wissenschaftskommunikation,

01:12:38.101 --> 01:12:42.400
<v Manfred Niekisch>das bleibt jedem Zoo selber überlassen, wichtig ist, dass man dabei glaubwürdig bleibt,

01:12:42.401 --> 01:12:47.400
<v Manfred Niekisch>das ist ja ganz wesentlich, dass man seine Glaubwürdigkeit nicht verliert,

01:12:47.401 --> 01:12:52.800
<v Manfred Niekisch>aber ein Zoo ist eine öffentliche Einrichtung, muss für die Öffentlichkeit da sein

01:12:52.801 --> 01:13:01.700
<v Manfred Niekisch>und hat die Verpflichtung, zu informieren über wissenschaftliche Themen, Ergebnisse, die zoorelevant sind.

01:13:01.701 --> 01:13:09.400
<v Manfred Niekisch>Die meisten unserer Besucher kommen ja nicht her, um mit dem erhobenen Zeigefinger einen Vortrag über irgendetwas zu hören,

01:13:09.401 --> 01:13:11.900
<v Manfred Niekisch>sondern die kommen zunächst mal, weil sie Tiere sehen wollen.

01:13:11.901 --> 01:13:19.000
<v Manfred Niekisch>Und über das Interesse am Tier kann man dann auch wissenschaftlich gesicherte Dinge vermitteln,

01:13:19.001 --> 01:13:24.100
<v Manfred Niekisch>die den Besucher, die Besucherin interessieren.

01:13:24.101 --> 01:13:29.700
<v Tim Pritlove>Woran messen Sie den Erfolg eines Zoos?

01:13:29.701 --> 01:13:34.300
<v Manfred Niekisch>Der Erfolg eines Zoos ist natürlich ganz unterschiedlich messbar.

01:13:34.301 --> 01:13:35.700
<v Manfred Niekisch>Also einmal sind es die Besucherzahlen.

01:13:35.701 --> 01:13:38.700
<v Manfred Niekisch>Nehmen die zu, nehmen die ab?

01:13:38.701 --> 01:13:41.300
<v Manfred Niekisch>Das ist ein ganz guter Erfolgsindikator.

01:13:41.301 --> 01:13:50.300
<v Manfred Niekisch>Der zweite Indikator ist, und das ist jetzt keine Reihenfolge, was wichtiger ist, sondern das ist ein Paket von Merkmalen,

01:13:50.301 --> 01:13:54.700
<v Manfred Niekisch>also der nächste Indikator wäre, wie geht es denn den Tieren?

01:13:54.701 --> 01:13:58.300
<v Manfred Niekisch>Sind die gut untergebracht, fühlen die sich wohl?

01:13:58.301 --> 01:13:59.400
<v Manfred Niekisch>Vermehren die sich?

01:13:59.401 --> 01:14:06.800
<v Manfred Niekisch>Vermehrung allein muss noch nicht ein Kriterium sein für die Qualität der Haltung, sie ist es aber sehr oft.

01:14:06.801 --> 01:14:13.000
<v Manfred Niekisch>Wenn Sie Tiere schlecht halten, dann vermehren die sich unter Umständen eben viel weniger, als wenn die gut gehalten sind.

01:14:13.001 --> 01:14:18.900
<v Manfred Niekisch>Das gilt insbesondere bei den größeren schwierigeren Tieren, wie etwa den Menschenaffen.

01:14:18.901 --> 01:14:24.900
<v Manfred Niekisch>Also da kann man durchaus Geburtszahlen, die Lebensdauer der Tiere mit einrechnen.

01:14:24.901 --> 01:14:31.600
<v Manfred Niekisch>Und man muss natürlich auch, wenn man sich über den Erfolg eines Zoos Gedanken macht, anschauen,

01:14:31.601 --> 01:14:41.800
<v Manfred Niekisch>sind wir denn objektiv wirklich auf dem aktuellsten Stand des Wissens, mit dem was wir hier machen?

01:14:41.801 --> 01:14:46.500
<v Manfred Niekisch>Und wenn wir das nicht sind, was hat das für Gründe und wie können wir da hinkommen?

01:14:46.501 --> 01:14:49.500
<v Tim Pritlove>Gibt es denn für solche Parameter so eine Art öffentlichen Index?

01:14:49.501 --> 01:14:55.100
<v Tim Pritlove>Werden solche Zahlen konsequent erhoben und veröffentlicht und verglichen?

01:14:55.101 --> 01:15:00.700
<v Manfred Niekisch>Weil Zoos so unterschiedlich sind, kann man da schwer nur Vergleiche machen.

01:15:00.701 --> 01:15:09.100
<v Manfred Niekisch>Es gibt immer wieder Rankings, die dann in verschiedenen Gruppen, das richtet sich meist nach den Besucherzahlen,

01:15:09.101 --> 01:15:12.200
<v Manfred Niekisch>schauen, welches sind die schönsten Zoos?

01:15:12.201 --> 01:15:14.500
<v Manfred Niekisch>Welches sind die erfolgreichsten Zoos?

01:15:14.501 --> 01:15:16.500
<v Manfred Niekisch>Aber das ist immer ein Mix.

01:15:16.501 --> 01:15:23.400
<v Manfred Niekisch>Denn ein Zoo, der sehr viel Fläche hat und vielleicht die Hälfte seiner Fläche noch gar nicht mal als Zoo nutzt,

01:15:23.401 --> 01:15:28.200
<v Manfred Niekisch>sondern einfach brachliegen lässt für die Zukunft, hat natürlich eine andere Situation,

01:15:28.201 --> 01:15:34.400
<v Manfred Niekisch>als beispielsweise der Zoo in Frankfurt, wo wirklich jeder Quadratmeter genutzt werden muss,

01:15:34.401 --> 01:15:36.700
<v Manfred Niekisch>einfach weil wir zu wenig Platz haben.

01:15:36.701 --> 01:15:43.200
<v Manfred Niekisch>Dazu kommt, dass die Zoos auch von, das sagte ich gerade schon, vom Konzept her unterschiedlich sind,

01:15:43.201 --> 01:15:47.900
<v Manfred Niekisch>und es auch sehr darauf ankommt, wer denn der Träger eines solchen Zoos ist.

01:15:47.901 --> 01:15:53.600
<v Manfred Niekisch>Frankfurt ist ein öffentlicher Zoo, den die Stadt Frankfurt finanziert.

01:15:53.601 --> 01:16:01.900
<v Manfred Niekisch>Das heißt, ich stehe nicht unter dem Druck als Zoodirektor, all das Geld, das ich ausgeben will, auch zu erwirtschaften.

01:16:01.901 --> 01:16:07.900
<v Manfred Niekisch>Das kann ich gar nicht, weil beispielsweise der städtische Zoo in Frankfurt gar nichts verkaufen darf außer Eintrittskarten.

01:16:07.901 --> 01:16:13.400
<v Manfred Niekisch>Also wir dürfen keine Plüschtiere, Bücher oder sonst was verkaufen, um Geld zu verdienen.

01:16:13.401 --> 01:16:17.800
<v Manfred Niekisch>Ein privater Zoo und da gibt es eine ganze Menge, hat es da sehr viel leichter.

01:16:17.801 --> 01:16:23.400
<v Manfred Niekisch>Und privat heißt nicht, dass die einer Person gehören, sondern beispielsweise dass das eine Aktiengesellschaft ist,

01:16:23.401 --> 01:16:28.500
<v Manfred Niekisch>eine GmbH, also da gibt es alle Rechtsformen

01:16:28.501 --> 01:16:36.200
<v Manfred Niekisch>Und auch unterschiedliche Vorstellungen, ein Zoo, der nicht öffentlich gefördert wird, muss, um vernünftig Tiere halten zu können,

01:16:36.201 --> 01:16:37.900
<v Manfred Niekisch>das Geld erwirtschaften.

01:16:37.901 --> 01:16:42.300
<v Manfred Niekisch>Der Opel-Zoo ist ein Zoo, der durch eine Stiftung finanziert ist.

01:16:42.301 --> 01:16:50.400
<v Manfred Niekisch>Und wenn da ein Finanzloch entsteht, da kommt nicht die Stadt und sagt, okay wir halten den Minimalbetrieb aufrecht,

01:16:50.401 --> 01:16:56.400
<v Manfred Niekisch>sondern dann kann der sozusagen zu machen, oder muss seine Aktivitäten in vielen Bereichen reduzieren.

01:16:56.401 --> 01:17:02.800
<v Manfred Niekisch>Hier in Frankfurt, wir sind öffentlich gefördert, wir sind ein Zoo der Stadt, das heißt wir machen am Jahresanfang ein Budget.

01:17:02.801 --> 01:17:08.400
<v Manfred Niekisch>Und natürlich versuchen wir, möglichst viele Besucher zu haben, aber unsere Einnahmen sollen,

01:17:08.401 --> 01:17:14.900
<v Manfred Niekisch>und das ist politisch gewünscht, sich eben nicht daran interessieren, wie viel muss ich denn einnehmen.

01:17:14.901 --> 01:17:21.500
<v Manfred Niekisch>Sondern zunächst mal, und das finde ich eine wahnsinnig schöne Sache, muss sich die Frage gestellt werden,

01:17:21.501 --> 01:17:28.300
<v Manfred Niekisch>und stellt sich der Frankfurter Zoo und der Magistrat der Stadt, die Stadtverordnetenversammlung, die Frage,

01:17:28.301 --> 01:17:30.200
<v Manfred Niekisch>was ist denn sozial verträglich?

01:17:30.201 --> 01:17:34.500
<v Manfred Niekisch>Was ist denn ein Eintrittspreis, den sich jeder leisten kann?

01:17:34.501 --> 01:17:45.400
<v Manfred Niekisch>Und so kommt es, dass Sie für einen Familienkarte in Frankfurt oft weniger bezahlen als mancher Zoo für einen einzelnen Erwachsenen verlangt.

01:17:45.401 --> 01:17:53.900
<v Manfred Niekisch>Weil wir eben nicht unter dem Druck stehen, alles Geld erwirtschaften zu müssen bevor wir es ausgeben können.

01:17:53.901 --> 01:18:06.100
<v Tim Pritlove>Jetzt stehen Zoos natürlich auch selbstverständlich, wie wir alle, auch so in der öffentlichen Kritik.

01:18:06.101 --> 01:18:12.300
<v Tim Pritlove>Es gibt ja immer wieder Auseinandersetzungen mit Leuten, die der Meinung sind, Zoos wären ja an sich eine schlechte Idee.

01:18:12.301 --> 01:18:16.200
<v Tim Pritlove>Warum halten wir denn überhaupt die Tiere bei uns in der Stadt?

01:18:16.201 --> 01:18:16.700
<v Tim Pritlove>Was soll denn das?

01:18:16.701 --> 01:18:24.300
<v Tim Pritlove>Lasst doch die Tiere da sein, wo sie hingehören.

01:18:24.301 --> 01:18:25.900
<v Tim Pritlove>Was ficht uns das an?

01:18:25.901 --> 01:18:30.700
<v Tim Pritlove>Diese Debatten werden Sie sicherlich kennen, besser als ich, ich kenne sie nämlich nicht wirklich.

01:18:30.701 --> 01:18:34.900
<v Tim Pritlove>Was muss man da, welche Diskussionen laufen da, wie gehen Sie damit um?

01:18:34.901 --> 01:18:40.000
<v Manfred Niekisch>Also zunächst mal muss man sagen, dass man mit konstruktiver Kritik natürlich immer umgehen kann,

01:18:40.001 --> 01:18:47.100
<v Manfred Niekisch>indem man sagt, ist da was dran, und wenn ja, wie können wir dieser Kritik begegnen, wie können wir Missstände abschaffen?

01:18:47.101 --> 01:18:50.100
<v Manfred Niekisch>Das ist aber in der Regel nicht der Fall.

01:18:50.101 --> 01:18:56.100
<v Manfred Niekisch>Sondern in der Regel kommt massive Kritik von Leuten, die grundsätzlich keine Zoos mögen.

01:18:56.101 --> 01:19:01.600
<v Manfred Niekisch>Da kann man nur sagen, ich muss auch kein Fußball mögen, ich muss auch keinen Spinat mögen.

01:19:01.601 --> 01:19:04.700
<v Manfred Niekisch>Es gibt Leute, die mögen Zoos nicht, gut aus.

01:19:04.701 --> 01:19:12.700
<v Manfred Niekisch>Aber deswegen darf man noch nicht die Existenzberechtigung infrage stellen, denn viele Menschen mögen Zoos eben.

01:19:12.701 --> 01:19:18.500
<v Manfred Niekisch>Und dann kommt es zu einer ganzen Reihe von Missverständnissen, weil viele Zoogegner,

01:19:18.501 --> 01:19:23.400
<v Manfred Niekisch>wenn man mit ihnen diskutiert und das tue ich ja am laufenden Band sozusagen, gar nicht wissen,

01:19:23.401 --> 01:19:25.500
<v Manfred Niekisch>was hinter einem Zoo alles steht.

01:19:25.501 --> 01:19:34.500
<v Manfred Niekisch>Also beispielsweise dass es Zuchtbücher gibt, wo genauestens kontrolliert wird, welches Tier mit welchem zusammenkommt,

01:19:34.501 --> 01:19:36.300
<v Manfred Niekisch>damit es keine Inzucht gibt.

01:19:36.301 --> 01:19:42.500
<v Manfred Niekisch>Dass es Vorschriften gibt, wie ein Tier zu halten ist, Mindestgrößen und so weiter.

01:19:42.501 --> 01:19:47.200
<v Manfred Niekisch>Aber auch solche Missverständnisse wie das Gitter Gefängnis signalisieren.

01:19:47.201 --> 01:19:52.900
<v Manfred Niekisch>Gitter sind wunderbar, denn durch Gitter riechen Sie, sehen Sie Tiere.

01:19:52.901 --> 01:19:54.900
<v Manfred Niekisch>Aber eben es dürfen nicht nur Gitter sein.

01:19:54.901 --> 01:20:03.900
<v Manfred Niekisch>Wenn Sie ein Tier durch Glas sehen, ist das schön, aber der Geruch ist derselbe, ob da ein Goldfisch hinter dem Glas ist oder ein Löwe.

01:20:03.901 --> 01:20:08.600
<v Manfred Niekisch>Deswegen haben diese Gitter schon Vorteile, aber sie suggerieren halt Gefängnis.

01:20:08.601 --> 01:20:11.600
<v Manfred Niekisch>Und da bin ich beim Thema Haltung in Gefangenschaft.

01:20:11.601 --> 01:20:18.100
<v Manfred Niekisch>Was kaum jemand weiß, der Zoos kritisiert, ist, dass diese Tiere ja nicht in der Natur fehlen.

01:20:18.101 --> 01:20:21.400
<v Manfred Niekisch>Die waren auch nie in der Natur, die kommen auch nicht in der Natur.

01:20:21.401 --> 01:20:29.400
<v Manfred Niekisch>Kein verantwortungsvoller Zoo fängt heute Tiere in der Natur, sondern die sind alle schon in Zoos geboren

01:20:29.401 --> 01:20:36.800
<v Manfred Niekisch>und deswegen ist dieses Wort Gefangenschaft für fast alle Tiere unzutreffend, denn die sind nie gefangen worden.

01:20:36.801 --> 01:20:39.800
<v Manfred Niekisch>Und die fühlen sich auch nicht wie Gefangene.

01:20:39.801 --> 01:20:46.000
<v Manfred Niekisch>Wenn ich bei meinen Bonobos oder Gorillas auf die Anlage gehen würde, die würden mich zerfetzen.

01:20:46.001 --> 01:20:52.500
<v Manfred Niekisch>Nicht, weil sie mich nicht mögen, sondern weil ich ein Eindringling bin in ihr Territorium.

01:20:52.501 --> 01:21:00.400
<v Manfred Niekisch>Die wissen genau, wo die Grenze ist, und die wissen, du bist der Chef auf der einen Seite und der Gorilla-Mann ist der Chef auf der anderen Seite.

01:21:00.401 --> 01:21:07.400
<v Manfred Niekisch>Das heißt, die fühlen sich wirklich als Grundstücksbesitzer und fühlen sich da wohl.

01:21:07.401 --> 01:21:12.600
<v Manfred Niekisch>Immer unter der Bedingung, dass diese Gelände auch gut gestaltet sind, das ist klar.

01:21:12.601 --> 01:21:18.900
<v Manfred Niekisch>Aber das ist ja eine Grundvoraussetzung bei einem vernünftigen Zoo, dass die Tiere auf der Fläche,

01:21:18.901 --> 01:21:23.000
<v Manfred Niekisch>auf der sie untergebracht sind, das finden, was sie zum Leben brauchen.

01:21:23.001 --> 01:21:33.300
<v Manfred Niekisch>Dann gibt es solche Argumente wie, ja ein Eisbär der bewegt sich ja im freien Lebensraum hunderte bis tausende von Kilometern,

01:21:33.301 --> 01:21:36.100
<v Manfred Niekisch>um Nahrung zu finden, das stimmt.

01:21:36.101 --> 01:21:44.400
<v Manfred Niekisch>Das braucht er aber im Zoo nicht, denn er würde es auch in der Natur nicht tun, wenn ihn nicht der Hunger, die Suche nach Nahrung dazu brächte.

01:21:44.401 --> 01:21:47.700
<v Manfred Niekisch>Jetzt muss er sagen, ja aber der hat doch dann den Bewegungsdrang.

01:21:47.701 --> 01:21:52.500
<v Manfred Niekisch>Richtig, aber er muss nicht laufen, um sein Futter zu finden, das kriegt er ja im Zoo.

01:21:52.501 --> 01:21:59.100
<v Manfred Niekisch>Aber man kann sich und muss sich jede Menge Tricks einfallen lassen, damit es dem Tier nicht langweilig wird.

01:21:59.101 --> 01:22:04.200
<v Manfred Niekisch>Dass die Bewegung haben, dass die Abwechslung haben, dass die Aufgabe lösen müssen.

01:22:04.201 --> 01:22:09.500
<v Manfred Niekisch>Also unsere Menschenaffen, unsere Bären und so weiter, die haben ständig irgendwelche Spielereien,

01:22:09.501 --> 01:22:13.300
<v Manfred Niekisch>um sich Nahrung zu erschließen, um sich Nahrung zu erarbeiten.

01:22:13.301 --> 01:22:18.800
<v Manfred Niekisch>Die kriegen nicht einfach einen Futternapf hingestellt und sind ständig satt.

01:22:18.801 --> 01:22:26.100
<v Manfred Niekisch>Die Tiere, die in der Natur sind, haben einen erheblichen Stress, an Hunger, an Durst, an Feinden.

01:22:26.101 --> 01:22:30.300
<v Manfred Niekisch>Diesen Stress können und wollen wir ihnen in einem Zoo nicht bieten.

01:22:30.301 --> 01:22:42.100
<v Manfred Niekisch>Aber diese Vorstellung, Tiere in der Natur, das ist das Paradies und Tiere im Zoo, das ist das Gefängnis, ist absoluter Quatsch.

01:22:42.101 --> 01:22:44.200
<v Tim Pritlove>Ich will Sie jetzt nicht nach Ihrem Lieblingstier fragen, aber …

01:22:44.201 --> 01:22:46.500
<v Manfred Niekisch>Das können Sie tun.

01:22:46.501 --> 01:22:54.800
<v Tim Pritlove>Okay, dann bin ich auch gespannt auf die Antwort … sagen Sie doch erst mal.

01:22:54.801 --> 01:22:57.700
<v Manfred Niekisch>Das ist eine Frage, die wird ein Zoodirektor immer wieder gefragt.

01:22:57.701 --> 01:23:01.100
<v Manfred Niekisch>Es gibt eigentlich drei Fragen, die häufig sind, wenn man Zoodirektor ist.

01:23:01.101 --> 01:23:08.100
<v Manfred Niekisch>Nämlich erstens, wann werden die Löwen gefüttert, zweitens, wo sind die Toilette und drittens, was ist denn Ihr Lieblingstier?

01:23:08.101 --> 01:23:08.600
<v Tim Pritlove>Ja okay.

01:23:08.601 --> 01:23:16.000
<v Manfred Niekisch>Und ich sage dann immer, ein Zoodirektor muss alle seine Tiere lieben, der kann, wie ein Familienvater das ja auch nicht kann,

01:23:16.001 --> 01:23:20.400
<v Manfred Niekisch>nicht sagen, ja dieses Kind ist mir lieber als das andere.

01:23:20.401 --> 01:23:26.500
<v Manfred Niekisch>Deswegen muss das Lieblingstier ein Tier sein, das außerhalb der Konkurrenz der Zootiere läuft.

01:23:26.501 --> 01:23:28.000
<v Manfred Niekisch>Das ist schon mal das erste Kriterium.

01:23:28.001 --> 01:23:32.600
<v Manfred Niekisch>Und da habe ich mir die Gelbbauchunke ausgesucht.

01:23:32.601 --> 01:23:33.000
<v Tim Pritlove>Die hatten wir ja schon.

01:23:33.001 --> 01:23:37.300
<v Manfred Niekisch>Erstens läuft die … aber das hat ja Gründe, dass wir die hatten.

01:23:37.301 --> 01:23:40.500
<v Manfred Niekisch>Also erst mal lebt die außerhalb der Konkurrenz der Zootiere.

01:23:40.501 --> 01:23:44.500
<v Manfred Niekisch>Zweitens hat sie eine herzförmige Pupille, wer hat das schon.

01:23:44.501 --> 01:23:46.500
<v Manfred Niekisch>Und drittens verdanke ich ihr meinen Doktortitel.

01:23:46.501 --> 01:23:52.300
<v Manfred Niekisch>Das ist ja schon was, das sind drei gute Gründe, die Gelbbauchunke zu mögen.

01:23:52.301 --> 01:23:58.700
<v Manfred Niekisch>Nein, aber man ernsthaft, es gibt natürlich Tiere, wo man eine persönliche Beziehung aufbaut.

01:23:58.701 --> 01:24:05.700
<v Manfred Niekisch>Also wenn man bei den Menschenaffen ist und man merkt, dass die auf einen als Individuum reagieren,

01:24:05.701 --> 01:24:06.800
<v Manfred Niekisch>das ist schon was.

01:24:06.801 --> 01:24:13.200
<v Manfred Niekisch>Wenn Sie vor einer Python-Anlage stehen und der Python schaut Sie an, da kommt wenig persönliches rüber.

01:24:13.201 --> 01:24:17.600
<v Manfred Niekisch>Also da ist Interaktion und da sind auch Emotionen.

01:24:17.601 --> 01:24:21.600
<v Tim Pritlove>Darauf wollte ich eigentlich ein bisschen hinaus, weil mir geht es selber auch so.

01:24:21.601 --> 01:24:27.000
<v Manfred Niekisch>Weil ich bei den allermeisten Tieren mir denke, okay wir bewohnen zwar denselben Planeten,

01:24:27.001 --> 01:24:30.700
<v Tim Pritlove>aber wir haben einfach mal einen komplett anderen Film.

01:24:30.701 --> 01:24:38.700
<v Tim Pritlove>Aber wenn man sich Gorillas und Orang Utans anschaut, da wird mir irgendwie anders.

01:24:38.701 --> 01:24:46.000
<v Tim Pritlove>Ich kann es gar nicht so richtig beschrieben, allein wahrscheinlich auch deshalb, weil ich letztlich viel zu wenig Zeit damit verbracht habe.

01:24:46.001 --> 01:24:54.800
<v Tim Pritlove>Sie sind ja diesen Tieren häufiger gegenüber, was geht Ihnen da durch den Kopf?

01:24:54.801 --> 01:25:02.900
<v Manfred Niekisch>Also da geht mir sehr viel durch den Kopf, denn da entstehen durchaus Gefühle und persönliche Bindungen.

01:25:02.901 --> 01:25:08.200
<v Manfred Niekisch>Nicht nur dem Zoodirektor gegenüber, sondern wir haben beispielsweise einen jungen Gorilla retten können,

01:25:08.201 --> 01:25:13.500
<v Manfred Niekisch>weil die Gorilla-Mutter ein sehr gutes Verhältnis zu einer Tierpflegerin hatte.

01:25:13.501 --> 01:25:21.000
<v Manfred Niekisch>Die Tierpflegerin saß 24 Stunden vor dem Gehege der Mutter mit dem Jungtier, hat das hochgepäppelt, bis es stabil war

01:25:21.001 --> 01:25:24.200
<v Manfred Niekisch>und dann haben wir es nach einigen Tagen der Mutter wiedergegeben.

01:25:24.201 --> 01:25:30.900
<v Manfred Niekisch>Die Mutter wäre durchgedreht, die Gorilla-Mutter, wenn das ein Pfleger gewesen wäre, den sie nicht mag.

01:25:30.901 --> 01:25:32.900
<v Manfred Niekisch>Also da gibt es solche ganz persönlichen Beziehungen.

01:25:32.901 --> 01:25:34.700
<v Tim Pritlove>Aber warum war das Tier überhaupt gefährdet?

01:25:34.701 --> 01:25:39.200
<v Manfred Niekisch>Das Tier war gefährdet, weil es eine Zwillingsgeburt war, der eine Zwilling war unterentwickelt und ist gestorben

01:25:39.201 --> 01:25:43.900
<v Manfred Niekisch>und der andere war so schwach, dass wir gesagt haben, es gibt zwei Möglichkeiten, wir lassen ihn bei der Mutter,

01:25:43.901 --> 01:25:49.800
<v Manfred Niekisch>dann stirbt er garantiert, oder wir päppeln ihn intensivst ein paar Tage auf und geben ihn der Mutter zurück.

01:25:49.801 --> 01:25:52.800
<v Manfred Niekisch>Das hat sich wunderbar machen lassen.

01:25:52.801 --> 01:25:59.400
<v Manfred Niekisch>Also da gibt es persönliche Beziehungen, die sich auch darin äußern, dass beispielsweise unser Bonobo-Mann,

01:25:59.401 --> 01:26:04.900
<v Manfred Niekisch>die hießen früher mal Zwergschimpansen, aber der tobt jedes Mal gegen die Scheibe, wenn ich komme,

01:26:04.901 --> 01:26:14.100
<v Manfred Niekisch>um mir zu zeigen, ich bin hier der Boss, du kannst der Boss auf der anderen Seite sein, aber da ist dann schon ein Rangkampf sozusagen,

01:26:14.101 --> 01:26:18.900
<v Manfred Niekisch>auf den ich mich natürlich nicht einlassen kann, weil ich da unterliegen würde.

01:26:18.901 --> 01:26:20.600
<v Tim Pritlove>Aber man wird individuell erkannt?

01:26:20.601 --> 01:26:22.200
<v Manfred Niekisch>Man wird individuell erkannt.

01:26:22.201 --> 01:26:29.100
<v Manfred Niekisch>Das hat sehr leidvoll der Kölner Zoodirektor erfahren, als dem mal die Schimpansen abgehauen sind,

01:26:29.101 --> 01:26:33.600
<v Manfred Niekisch>ist nur einer schwerverletzt worden von dem Schimpansen, das war nämlich er.

01:26:33.601 --> 01:26:39.800
<v Manfred Niekisch>Den hat der Schimpansen-Mann total zusammengebissen, weil er eben den Anführer treffen wollte, nicht seine Pfleger.

01:26:39.801 --> 01:26:41.500
<v Manfred Niekisch>Da wird man schon individuell erkannt.

01:26:41.501 --> 01:26:47.300
<v Manfred Niekisch>Übrigens nicht nur bei den Gorillas oder bei den Orang Utans, über die wir gerade gesprochen haben,

01:26:47.301 --> 01:26:49.200
<v Manfred Niekisch>auch bei den Nashornleguanen.

01:26:49.201 --> 01:26:55.900
<v Manfred Niekisch>Wenn der vertraute Pfleger zu den Nashornleguanen reingeht, die füttert, der kann die auf den Arm nehmen,

01:26:55.901 --> 01:26:59.500
<v Manfred Niekisch>der kann die am Nacken kraulen und es passiert gar nichts.

01:26:59.501 --> 01:27:04.600
<v Manfred Niekisch>Wenn ich reingehe, gibt es Panik, weil die mich nicht kennen.

01:27:04.601 --> 01:27:08.700
<v Manfred Niekisch>Und das ist ein langer Prozess, bis einen ein Tier akzeptiert.

01:27:08.701 --> 01:27:14.800
<v Manfred Niekisch>Also da entstehen durchaus persönliche Verbindungen, die auch schnell mal kippen können.

01:27:14.801 --> 01:27:23.100
<v Manfred Niekisch>Dazu ein Beispiel, wir haben einen Anruf vom Flughafen Frankfurt gekriegt, da sein ein Tiger in einer unsicheren Kiste angeliefert worden,

01:27:23.101 --> 01:27:28.900
<v Manfred Niekisch>und der darf weder auf den Flieger noch zurück auf den LKW, entweder wir übernehmen den hier,

01:27:28.901 --> 01:27:32.600
<v Manfred Niekisch>solange bis eine vernünftige Transportkiste da ist oder er wird erschossen.

01:27:32.601 --> 01:27:37.300
<v Manfred Niekisch>Und da haben wir natürlich gesagt, na dann übernehmen wir, den retten wir den Tiger.

01:27:37.301 --> 01:27:46.300
<v Manfred Niekisch>Und haben ihn erst mal in die Bärenanlage gebracht, also in das Haus, wo auch die Bären sind, aber in einem anderen Abteil.

01:27:46.301 --> 01:27:49.000
<v Tim Pritlove>Wie kurzfristig mussten Sie da reagieren?

01:27:49.001 --> 01:27:50.200
<v Manfred Niekisch>Stunde.

01:27:50.201 --> 01:27:54.800
<v Manfred Niekisch>Und wir hatten gerade dieses Haus fertig, das hat also insofern gut gepasst.

01:27:54.801 --> 01:27:58.300
<v Manfred Niekisch>Und ich war da in einer Besprechung, kam etwas später hin.

01:27:58.301 --> 01:28:06.800
<v Manfred Niekisch>Der Tiger in dieser Kiste hat gebrüllt, war verletzt, es roch nach Urin und so weiter und er hat einen unglaublichen Krach gemacht.

01:28:06.801 --> 01:28:14.600
<v Manfred Niekisch>Und ich habe festgestellt, dass die Bärenmutter mit den Jungen hinten in dem Trakt diesen ganzen Krach ja hören musste.

01:28:14.601 --> 01:28:20.800
<v Manfred Niekisch>Und habe mir naiv wie ich war gedacht, da gehe ich jetzt hin und beruhige die oder schau wenigstens mal,

01:28:20.801 --> 01:28:21.700
<v Manfred Niekisch>dass nichts passiert.

01:28:21.701 --> 01:28:29.100
<v Manfred Niekisch>Die hat mich danach wochenlang gehasst, weil sie nämlich den ganzen Krach mit mir und meinem Erscheinen assoziiert hat.

01:28:29.101 --> 01:28:37.300
<v Manfred Niekisch>Und es hat mich viele Nüsschen und Äpfel gekostet, die dann davon zu überzeugen, dass ich ein lieber Mensch bin.

01:28:37.301 --> 01:28:38.600
<v Tim Pritlove>Und was ist aus dem Tiger geworden?

01:28:38.601 --> 01:28:44.700
<v Manfred Niekisch>Der Tiger ist dann bei uns ein paar Tage gehalten worden, bis eine sichere Transportkiste da war und dann ist er weiter.

01:28:44.701 --> 01:28:50.600
<v Manfred Niekisch>Der war auf einem Transport von einem nichtdeutschen Zoo in einen anderen Zoo außerhalb Deutschlands,

01:28:50.601 --> 01:28:53.000
<v Manfred Niekisch>welchen weiß ich jetzt nicht mehr.

01:28:53.001 --> 01:28:59.000
<v Tim Pritlove>Und hat sich denn der Tiger dann auch an diese Situation so schnell gewöhnen können?

01:28:59.001 --> 01:29:01.200
<v Manfred Niekisch>Ja, der hatte ja keine andere Wahl.

01:29:01.201 --> 01:29:06.200
<v Manfred Niekisch>Es ging ihm auf jeden Fall bei uns besser als in dieser Transportkiste.

01:29:06.201 --> 01:29:10.400
<v Tim Pritlove>Ja okay, das ist nachvollziehbar.

01:29:10.401 --> 01:29:25.900
<v Tim Pritlove>Vielleicht nochmal so, weil mich das auch auch interessiert, wie muss man sich die Organisation eines solchen Zoos vorstellen?

01:29:25.901 --> 01:29:29.500
<v Tim Pritlove>Wie findet so ein Zoo seinen Modus operandi?

01:29:29.501 --> 01:29:38.700
<v Tim Pritlove>Das sind natürlich Dinge, die jetzt über Jahre, Jahrzehnte gewachsen sind und wo sich die Dinge nicht von heute auf morgen ändern.

01:29:38.701 --> 01:29:48.400
<v Tim Pritlove>Aber wenn man jetzt neu in so ein Zoosystem dazustößt, hier irgendeine Rolle einnimmt,

01:29:48.401 --> 01:29:57.200
<v Tim Pritlove>also jetzt keine Verwaltungsrolle ist, sondern sozusagen Pflegerrollen, Leute, die sozusagen auf dem Zoogelände selber aktiv werden,

01:29:57.201 --> 01:30:03.200
<v Tim Pritlove>wie lange dauert das, bis man da reinkommt, was muss man verstehen, was muss man lernen,

01:30:03.201 --> 01:30:06.400
<v Tim Pritlove>um in so ein System eintauchen zu können?

01:30:06.401 --> 01:30:10.200
<v Manfred Niekisch>Das komplexeste in einem Zoo ist sicherlich die Mitarbeiterschaft.

01:30:10.201 --> 01:30:14.600
<v Manfred Niekisch>Das heißt, man muss wissen, wie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ticken.

01:30:14.601 --> 01:30:21.000
<v Manfred Niekisch>Was die für Vorstellungen haben, was die für Wünsche haben, was die Individuen im Zoo wollen?

01:30:21.001 --> 01:30:24.800
<v Manfred Niekisch>Da gibt es welche, die sagen, ich möchte Revierleiter werden, ich möchte nach oben kommen.

01:30:24.801 --> 01:30:30.900
<v Manfred Niekisch>Und andere sagen, lass mich in Ruhe meinen Job machen, ich bin froh, wenn ich jeden Tag bei den Tieren sein darf.

01:30:30.901 --> 01:30:38.400
<v Manfred Niekisch>Also diese ganze komplexe Geschichte der Mitarbeiterführung, das ist etwas, von dem hängt das Wohl und Wehe eines Zoos

01:30:38.401 --> 01:30:41.600
<v Manfred Niekisch>und eines Zoodirektors ab, das ist ganz klar.

01:30:41.601 --> 01:30:45.300
<v Manfred Niekisch>Und da hat man eben viel mehr mit Menschen zu tun als mit Tieren.

01:30:45.301 --> 01:30:50.600
<v Manfred Niekisch>Ansonsten ist natürlich die Frage, welche Geschichte hat der Zoo?

01:30:50.601 --> 01:30:53.500
<v Manfred Niekisch>Wir sind da doch schon ein bisschen traditionsbewusst.

01:30:53.501 --> 01:31:00.200
<v Manfred Niekisch>Was erwartet sich der Träger des Zoos von einem Zoodirektor und der Mannschaft?

01:31:00.201 --> 01:31:01.700
<v Manfred Niekisch>Wie ist der Tierbestand?

01:31:01.701 --> 01:31:04.200
<v Manfred Niekisch>Sind da eventuell zu viele Tiere da?

01:31:04.201 --> 01:31:05.800
<v Manfred Niekisch>Sind die falschen Tiere da?

01:31:05.801 --> 01:31:07.700
<v Manfred Niekisch>Sind zu wenige Tiere da?

01:31:07.701 --> 01:31:12.600
<v Manfred Niekisch>Wir haben eine ganze Reihe von Tierarten abgeschafft, weil wir gesagt haben, die können wir nicht vernünftig halten.

01:31:12.601 --> 01:31:13.700
<v Tim Pritlove>Zum Beispiel?

01:31:13.701 --> 01:31:16.700
<v Manfred Niekisch>Zum Beispiel unsere Rappenantilopen.

01:31:16.701 --> 01:31:21.400
<v Manfred Niekisch>Und wir haben andere Tiere angeschafft, die wir vorher nicht hatten.

01:31:21.401 --> 01:31:28.000
<v Manfred Niekisch>Wir haben beispielsweise auch die Brillenbären angeschafft mit einer ganz neuen Anlage,

01:31:28.001 --> 01:31:33.600
<v Manfred Niekisch>die wir speziell für die gebaut haben, weil wir gesagt haben, wir brauchen Bären, wir wollen Bären haben,

01:31:33.601 --> 01:31:37.900
<v Manfred Niekisch>die gibt es auch in anderen Zoos, wir können von dort welche bekommen.

01:31:37.901 --> 01:31:42.800
<v Manfred Niekisch>Und wir wollen Bären haben, die man sommers und winters sehen kann.

01:31:42.801 --> 01:31:49.500
<v Manfred Niekisch>Vorher hatten wir zwei tropische Bärenarten, Lippenbären und Malaienbären.

01:31:49.501 --> 01:31:55.200
<v Manfred Niekisch>Die haben wir abgegeben, weil man die nämlich nur im Sommer sah, im Winter waren die in einem geheizten Haus,

01:31:55.201 --> 01:32:04.100
<v Manfred Niekisch>wo die Besucher nicht hin konnten und die Anlage war auch einfach völlig veraltet, das war ein Zementgraben aus den 50er Jahren.

01:32:04.101 --> 01:32:08.800
<v Manfred Niekisch>Also da muss man sich zum Teil beschränken, muss man zum Teil Tierarten austauschen.

01:32:08.801 --> 01:32:16.000
<v Manfred Niekisch>Und dann haben wir aber beispielsweise eben auch Tierarten angeschafft, wie die Ameisenbären oder die Waldhunde,

01:32:16.001 --> 01:32:22.800
<v Manfred Niekisch>weil man die Waldhunde etwa mit den Bären auf einer Anlage halten kann und dann haben alle Späßchen.

01:32:22.801 --> 01:32:27.400
<v Manfred Niekisch>Für die Bären ist ein bisschen mehr los, für die Waldhunde auch und die Besucher sehen auch dann etwas,

01:32:27.401 --> 01:32:30.900
<v Manfred Niekisch>wenn die Bären faul unterm Busch liegen und nichts tun.

01:32:30.901 --> 01:32:37.700
<v Tim Pritlove>Das hatte ich mich vorhin schon gefragt, aber dann nicht zur Frage formuliert, ist denn das ein Trend,

01:32:37.701 --> 01:32:43.100
<v Tim Pritlove>dass man versucht, kompatible Tiergruppen in denselben Bereich zu finden?

01:32:43.101 --> 01:32:46.900
<v Tim Pritlove>Weil als wir davon gesprochen haben, dass Tiere ja schon immer in dieser Situation waren,

01:32:46.901 --> 01:32:50.500
<v Tim Pritlove>ist natürlich in gewisser Hinsicht auch so ein bisschen öde, wenn sie immer nur unter sich selber sind.

01:32:50.501 --> 01:32:51.700
<v Manfred Niekisch>Richtig. Das ist …

01:32:51.701 --> 01:32:52.900
<v Tim Pritlove>Ist das so Teil der Forschung?

01:32:52.901 --> 01:32:58.000
<v Manfred Niekisch>Das ist ein Trend, und es ist mit Sicherheit ein Trend hier bei uns in Frankfurt.

01:32:58.001 --> 01:33:00.800
<v Manfred Niekisch>Denn die Tiere sind ja in der Natur auch nicht allein.

01:33:00.801 --> 01:33:01.600
<v Tim Pritlove>Ja eben.

01:33:01.601 --> 01:33:08.300
<v Manfred Niekisch>Und wenn wir uns beispielsweise anschauen, wir haben eine Anlage, da sind Erdferkel drin, da ist eine Eule drin,

01:33:08.301 --> 01:33:13.300
<v Manfred Niekisch>da sind die Buschbabys drin, da sind die Springhasen drin, alles in einer Anlage.

01:33:13.301 --> 01:33:16.900
<v Manfred Niekisch>All diese Tiere haben unterschiedliche Aktivitätsrhythmen.

01:33:16.901 --> 01:33:23.200
<v Manfred Niekisch>Und wenn ein Besucher hinkommt und die Erdferkel schlafen, dann hat er immer noch andere Tiere, die er da sehen kann.

01:33:23.201 --> 01:33:28.600
<v Manfred Niekisch>Und wenn die Erdferkel aktiv sind und andere Tiere sich zurückziehen, ist auch wieder was los.

01:33:28.601 --> 01:33:31.900
<v Manfred Niekisch>Und die Erdferkel merken eben auch, dass sie nicht allein sind.

01:33:31.901 --> 01:33:38.700
<v Manfred Niekisch>Das heißt, es riecht ein bisschen anders, die Gerüche verändern sich, je nachdem wo so ein Buschbaby gerade markiert hat.

01:33:38.701 --> 01:33:44.300
<v Manfred Niekisch>Es ist immer irgendetwas los, das ist spannender für die Tiere und es ist spannender für die Besucher

01:33:44.301 --> 01:33:53.800
<v Manfred Niekisch>und gleichzeitig kann man auf relativ wenig Fläche auch ein bisschen mehr an Tierarten zeigen, ohne da bestimmte Grenzen zu überschreiten.

01:33:53.801 --> 01:34:00.100
<v Tim Pritlove>Sind denn das immer Tiere, die auch in ihrem natürlichen Habitat auf demselben Fleck miteinander auskommen würden,

01:34:00.101 --> 01:34:04.700
<v Tim Pritlove>oder kommen hier auch Tierarten zusammen, die eigentlich sonst so sich nie gesehen hätten?

01:34:04.701 --> 01:34:12.500
<v Manfred Niekisch>Wir haben, und das haben eigentlich alle Zoos, die Tendenz, nur Tiere miteinander zu vergesellschaften,

01:34:12.501 --> 01:34:15.400
<v Manfred Niekisch>die auch in der Natur gemeinsam vorkämen.

01:34:15.401 --> 01:34:22.300
<v Manfred Niekisch>Es gibt aber beispielsweise den Fall eines einsamen Elefanten in einem Zoo, der nicht allein sein sollte,

01:34:22.301 --> 01:34:25.000
<v Manfred Niekisch>der Freundschaft geschlossen hat mit einer Ziege.

01:34:25.001 --> 01:34:27.200
<v Manfred Niekisch>Und da waren eben Ziege und Elefant dann.

01:34:27.201 --> 01:34:31.700
<v Manfred Niekisch>Aber sagen wir mal mehr aus sozialen Gründen als aus biologischen Gründen.

01:34:31.701 --> 01:34:39.400
<v Manfred Niekisch>Ansonsten ist es schon so, wir halten nur Tiere zusammen, die auch im selben Lebensraum vorkommen.

01:34:39.401 --> 01:34:44.000
<v Manfred Niekisch>Das stößt an Grenzen, Löwen und Zebras kommen in der Natur im selben Lebensraum vor,

01:34:44.001 --> 01:34:46.800
<v Manfred Niekisch>bei uns im Zoo nicht.

01:34:46.801 --> 01:34:51.600
<v Tim Pritlove>Ja. Ist das so eine psychologische Begleitungsziege sozusagen?

01:34:51.601 --> 01:34:54.900
<v Manfred Niekisch>Bei dem Elefanten war das eine psychologische Assistenz.

01:34:54.901 --> 01:34:55.700
<v Tim Pritlove>Und das hat geholfen?

01:34:55.701 --> 01:34:56.500
<v Manfred Niekisch>Das hat geholfen.

01:34:56.501 --> 01:34:57.500
<v Tim Pritlove>Woran merkt man das?

01:34:57.501 --> 01:35:02.300
<v Manfred Niekisch>Das merkt man daran, dass die sehr gut interagiert haben, dass sich der Elefant nicht allein gefühlt hat.

01:35:02.301 --> 01:35:11.500
<v Manfred Niekisch>Es ist natürlich ein Notbehelf, nur für mehr Elefanten war in diesem Zoo kein Platz und inzwischen ist der auch gestorben aus Altersgründen.

01:35:11.501 --> 01:35:12.300
<v Tim Pritlove>Was macht die Ziege jetzt?

01:35:12.301 --> 01:35:15.500
<v Manfred Niekisch>Die Ziege hat sich neue Freunde gesucht, wie das Ziegen halt so machen.

01:35:15.501 --> 01:35:17.400
<v Tim Pritlove>Okay, die sind da nicht so?

01:35:17.401 --> 01:35:19.600
<v Manfred Niekisch>Nein, die sind da unempfindlich.

01:35:19.601 --> 01:35:24.200
<v Tim Pritlove>Jetzt ist das ja nicht mehr Ihre Aufgabe, aber Gedanken werden Sie sich ja wahrscheinlich darum trotzdem machen,

01:35:24.201 --> 01:35:27.200
<v Tim Pritlove>wohin sollte denn die Reise gehen für die Zoos?

01:35:27.201 --> 01:35:31.200
<v Tim Pritlove>Jetzt gibt es viel Geschichte, viel hat sich geändert, die ganze Ausrichtung ist anders,

01:35:31.201 --> 01:35:39.100
<v Tim Pritlove>es gibt diese wissenschaftliche Komponente, es gibt permanent angepasste, sich weiterentwickelnde Haltungsformen,

01:35:39.101 --> 01:35:42.500
<v Tim Pritlove>Kombination von Tieren etc., wie man mit den Tieren umgeht.

01:35:42.501 --> 01:35:44.100
<v Tim Pritlove>Wo geht die Reise hin?

01:35:44.101 --> 01:35:54.200
<v Tim Pritlove>Was sehen Sie ist die Aufgabe von Zoos sowohl für sich sich selber zu entwickeln als auch, was ist die Aufgabe von Zoos in der Gesellschaft

01:35:54.201 --> 01:35:57.800
<v Tim Pritlove>und dann halt auch in der wissenschaftlichen Forschung, auch in Hinblick auf den Artenschutz,

01:35:57.801 --> 01:36:00.700
<v Tim Pritlove>den wir anfangs diskutiert haben?

01:36:00.701 --> 01:36:08.200
<v Manfred Niekisch>Ich glaube, Zoos haben in der Zukunft eine große Aufgabe und eine sehr sehr wichtige Berechtigung,

01:36:08.201 --> 01:36:10.200
<v Manfred Niekisch>die wird ja oft hinterfragt.

01:36:10.201 --> 01:36:15.600
<v Manfred Niekisch>Dazu gehört erstens, dass die Tiere optimal gehalten sind, dazu gehört zweitens,

01:36:15.601 --> 01:36:21.300
<v Manfred Niekisch>dass Information vermittelt wird, der Bildungsauftrag der Zoos ist ganz wichtig.

01:36:21.301 --> 01:36:26.900
<v Manfred Niekisch>Dazu gehört, dass sich Zoos im Zoo bemühen um den Naturschutz.

01:36:26.901 --> 01:36:34.900
<v Manfred Niekisch>Einmal, indem sie Besuchern sagen, was man für den Naturschutz tun kann, aber auch indem sie beispielsweise Tiere züchten,

01:36:34.901 --> 01:36:40.500
<v Manfred Niekisch>die in der Natur bedroht sind, um Zoopopulationen aufzubauen stabile.

01:36:40.501 --> 01:36:51.700
<v Manfred Niekisch>Und die Zoos sollten sich alle soweit sie das können und so viel sie das können engagieren im Naturschutz außerhalb der Zoomauern.

01:36:51.701 --> 01:36:56.500
<v Manfred Niekisch>Viele Zoos können keine Naturschutzprojekte selber machen, brauchen sie auch gar nicht,

01:36:56.501 --> 01:37:01.700
<v Manfred Niekisch>dazu gibt es die Profis, dazu gibt es Naturschutzorganisationen, die spezialisiert sind auf so was.

01:37:01.701 --> 01:37:07.000
<v Manfred Niekisch>Aber Zoos können beispielsweise Geld sammeln für den Naturschutz.

01:37:07.001 --> 01:37:10.900
<v Manfred Niekisch>Und wir haben hier in Frankfurt natürlich die besonders glückliche Situation,

01:37:10.901 --> 01:37:18.900
<v Manfred Niekisch>dass der Zoo Frankfurt und die zoologische Gesellschaft Frankfurt, die ja formalrechtlich überhaupt nicht miteinander verknüpft sind,

01:37:18.901 --> 01:37:26.000
<v Manfred Niekisch>dass die so eng kooperieren und die zoologische Gesellschaft Frankfurt macht weltweit Naturschutzprojekte,

01:37:26.001 --> 01:37:28.500
<v Manfred Niekisch>was wir als Zoo gar nicht könnten.

01:37:28.501 --> 01:37:35.700
<v Manfred Niekisch>Aber wir können der zoologischen Gesellschaft anbieten beispielsweise, die Büros in unserem Haus

01:37:35.701 --> 01:37:43.600
<v Manfred Niekisch>und die Plattform des Frankfurter Zoos, um ihre Botschaften zu verbreiten, um Geld zu sammeln und so weiter.

01:37:43.601 --> 01:37:50.600
<v Tim Pritlove>Ja Herr Niekisch, haben Sie noch einen letzten Gedanken, den wir noch nicht gestriffen haben,

01:37:50.601 --> 01:37:53.700
<v Tim Pritlove>den Sie vielleicht hier noch mit auf den Weg geben wollen?

01:37:53.701 --> 01:38:04.100
<v Manfred Niekisch>Ich habe noch viele Gedanken und ich hoffe, dass ich die Diskussion um die Zoos, wie sie von ihren Gegnern geführt,

01:38:04.101 --> 01:38:11.000
<v Manfred Niekisch>versachlicht wird, dass die Gegner sich die Argumente anschauen für den Zoo und gegen den Zoo.

01:38:11.001 --> 01:38:18.900
<v Manfred Niekisch>Und ich bin sicher, wer sich die Argumente sorgfältig anschaut und gegeneinander abwägt, er wird zu der Erkenntnis kommen,

01:38:18.901 --> 01:38:25.600
<v Manfred Niekisch>Zoos werden immer wichtiger und verlieren nicht ihre Daseinsberechtigung.

01:38:25.601 --> 01:38:29.100
<v Tim Pritlove>Ja dann bleibt mir nur noch, danke zu sagen für das Gespräch.

01:38:29.101 --> 01:38:29.500
<v Manfred Niekisch>Ich danke Ihnen.

01:38:29.501 --> 01:38:38.400
<v Tim Pritlove>Für die tiefen Einblicke hier in die Situation des Artenschutzes und die Situation der Zoos, der zoologischen Gärten.

01:38:38.401 --> 01:38:43.300
<v Tim Pritlove>Und das war es hier bei Forschergeist mit dieser Ausgabe.

01:38:43.301 --> 01:38:47.200
<v Tim Pritlove>Ich bedanke mich natürlich auch bei allen, die hier zuhören.

01:38:47.201 --> 01:38:51.700
<v Tim Pritlove>Das war es für heute, wir kommen wieder, ich sage, tschüss und bis bald.
