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FG048 Die Zukunftsmacher

Förderung von nachhaltiger Entwicklung und Universitäten als Communities

Christoph Corves ist Professor für Geographie und Medien an der Universität Kiel (CAU). Mit Medien kennt er sich aus. Bevor er 2002 als Juniorprofessor an die CAU kam, produzierte er Dokumentarfilme in eigener Regie. Sein Film „Süßhunger“ über den Weltmarkt für Zucker wurde mehrfach ausgezeichnet. Nebenberuflich arbeitete er zuvor auch als Journalist und Fotograf für verschiedene Zeitschriften. Am Geographischen Institut hat Corves das Zentrum für Geographie und Medien aufgebaut, das er jetzt leitet.

Sein Arbeitsschwerpunkt ist „Teaching for Empowerment“. An der CAU unterrichtet er Kurse in den Bereichen Nachhaltige Entwicklung, Social Entrepreneurship, Nachhaltigkeitskommunikation und Videoproduktion, in denen Studierende in Teamprojekten selber Probleme lösen. Er bietet „Changemaker MOOC“ an, einen Kurs zur Planung von sozial und ökologisch nachhaltigen Projekten. Teilnehmer lernen, gesellschaftliche Probleme unternehmerisch zu lösen.

Corves ist zugleich Initator und Leiter des „yooweedoo“-Programms. Das Ziel von yooweedoo ist Empowerment für eine nachhaltige Entwicklung. yooweedoo unterstützt Zukunftsmacher bei der Gründung von ökologisch und sozial nachhaltigen Projekten, Organisationen und Unternehmen. Das yooweedoo Lernprogramm zeigt, wie man ein eigenes Changeprojekt Schritt für Schritt professionell plant. Das Programm macht mit Strategien von Social Entrepreneurship vertraut und zeigt, wie man gesellschaftliche Herausforderungen mit unternehmerischen Ansätzen lösen kann.

https://forschergeist.de/podcast/fg048-die-zukunftsmacher/
Veröffentlicht am: 10. August 2017
Dauer: 1:24:56


Kapitel

  1. Intro 00:00:00.000
  2. Persönlicher Werdegang 00:00:42.181
  3. Dokumentarfilme 00:09:09.309
  4. Umgang mit Verantwortung 00:13:16.389
  5. Teaching for Empowerment 00:16:39.781
  6. Social Entrepreneurship 00:21:25.295
  7. Zukunftsmacher-Plattform 00:29:04.727
  8. Programmstruktur und Anforderungen 00:42:59.086
  9. Komposttoiletten 00:50:54.921
  10. Team und Berater 00:58:13.315
  11. Finanzierung und Kooperation 01:00:07.987
  12. Zusammenarbeit mit anderen Universitäten 01:02:53.539
  13. Zukünftige Entwicklungen 01:09:15.055
  14. Hochschulen als Communities 01:16:51.451
  15. Ausklang 01:23:27.854

Transkript

Tim Pritlove
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Christoph Corves
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Tim Pritlove
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Christoph Corves
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ja das stimmt. Vielleicht muss ich noch einen Tick weiter ausholen. Ich habe angefangen, ich habe von früher auch so den Drang gehabt, Dinge in der Welt, die ich als nicht gut oder nicht gerecht finde, verändern zu können. Und ich habe dann immer, als ich meinen Zivildienst gemacht hatte, habe ich gesucht nach einer Möglichkeit, wie ich das studieren kann, was diesem Ziel eigentlich, was sinnvoll verändern zu können, nahekommt. Und hatte also, als bei mir diese Frage anstand, buchstäblich fünf komplett unterschiedliche Studiengänge, die reichten von Politik an der FU Berlin über Lehmbauarchitektur an der Gesamthochschule Kassel zu Meeresbiologen an der Uni Kiel. Und ich hatte auch noch den ersten Studiengang, wo man erneuerbare Energien studieren konnte, in Stuttgart ausfindig gemacht. Hatte mich dann auch überall entschieden, weil ich mich nicht entscheiden konnte. Und bin dann gelandet an der Uni Kiel mit Biologie. Und habe dann spätestens nach der zweiten Woche, als es dann an die Sezierübungen ging, die Tiere wurden dann leider immer größer, die dann seziert werden sollten, teilweise auch lebend, sehr schnell gemerkt, dass dieser Zugang eigentlich zu der Frage, wie kann man sinnvoll etwas verändern auf der Welt, die Fragen zwar in der Biologie interessant waren, aber die Herangehensweisen nicht meinen Vorstellungen entsprachen. Und spätestens als es dann um die Frösche und Ratten ging, habe ich dann lieber jemanden angeheuert, der das für mich gemacht hat. Die Kurse waren groß genug, dass das nicht auffiel. Und ich habe dann, ja das hört sich jetzt natürlich lustig an, aber ich habe dann lange über Jahre mit dieser Frage gerungen, liegt es an mir, liegt es am Studiengang, oder was ist eigentlich das Problem? Ich wollte ein bisschen mehr von der Welt sehen, ich habe das damals in Kiel angefangen. Das war damals mit der zentralen Vermittlung von Studienplätzen. Man kriegte den Studiengang, an dem Standort, der am nächsten beim Heimat Ort der Eltern war. Was man eigentlich genau nicht wollte. Das war für mich Kiel. Und ich habe dann die nächste Möglichkeit genutzt, um ins Ausland zu kommen. Hatte dann viele Auslandsstipendien beantragt und es kam einfach so, dass ich die erste Möglichkeit hatte, dann nach Edinburgh zu gehen in Schottland. Das war 86. Und habe dann kennengelernt ein Modell, wo man sehr frei studieren konnte. Wo man sich eine Fragestellung selber suchen konnte und dann eine Betreuung kam, um sich damit zu beschäftigen und das vertieft zu tun. Und ich hatte damals die Frage für mich, die mich interessierte, war, warum es eigentlich zu Regenwaldvernichtung im Amazonasgebiet kommt. Also das war das Centre for Human Ecology, konnte mich damit beschäftigen. War dann auch mehrere Monate im Amazonas mit einem Kollegen. Habe einen Bericht geschrieben. War danach im Jahr wieder in Kiel. Habe hier eine große Ringvorlesung organisiert mit einer Kollegin der Geographie, der Biologie, der Agrarwissenschaft, zu dem Thema, wie kommt es eigentlich zu Regenwaldvernichtung, was löst das aus? na gut das war sehr erfolgreich, aber irgendwann war das vorbei und dann drohte wieder dieser normale Studienalltag. Ich war immer noch in Biologie eingeschrieben und hatte eigentlich alles, was an Lehrveranstaltungen so gemacht werden musste, erledigt und mir standen eigentlich noch diese Diplomprüfungen bevor. Und ich hatte mich dann sicherheitshalber wieder auf Auslandsstipendien beworben. Verbrachte den Sommer in Falkenstein am Strand, immer mit einem großen Fahrradkorb voller Lehrbücher, um diese Prüfung vorzubereiten. Kam aber nie dazu. Und ich kriegte dann Gott sei Dank ein Schreiben vom DAAD vom akademischen Austauschdienst, wurde mir ein weiteres Stipendium für Edinburgh anboten. Und ich dachte, das ist ein Wink des Himmels sozusagen, ich brauche dieses Diplom in Kiel eigentlich gar nicht. Ich mache jetzt ein Masterstudiengang direkt in Edinburgh in geographische Informationssysteme und Satellitenkartierung.

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Das sind gar nicht so viele große Produktionen. Also werden längere Filme gemacht, so zwischen einer Dreiviertelstunde und anderthalb Stunden. Für Sender wie NDR oder Arte oder ORB, die ARD und das waren vier Filme. Das waren jeweils Filme, die sich über 3-4 Jahre erstreckt haben, weil wir über mehrere Jahre gedreht haben. Wo wir natürlich auch geguckt haben, was können wir besser machen also ein Fernsehsender? Wir können halt Sachen, wenn wir unsere Honorare günstig kalkulieren, können wir Sachen sehr gut machen, die lange Recherche und lange Drehs erfordern. Und wir hatten einen Film gemacht über die Frage, die biologische Vielfalt in der Landwirtschaft was das mit Klimawandel zu tun hat, das war damals der Zeit eher voraus. Ist aber ein Film geworden, der sehr oft gesendet worden ist in Deutschland, auch in den USA, im Hochschulsystem sehr weit verbreitet war. Dann haben wir eine Reihe Filme gemacht über die Frage, wie der Weltmarkt für Zucker funktioniert. Wo wir an sehr vielen Orten gedreht haben. Wir haben gedreht hier, wie das dann sein muss, wenn das ein Film für den NDR ist, dann müssen Sie in Norddeutschland drehen. Wir hatten also einen Zuckerrübenanbau in Dithmarschen, bei dem wir immer wieder gedreht haben. Wir haben mit Nordzucker im weiteren norddeutschen Bereich gedreht. Wir waren aber auch in der Dominikanischen Republik, haben da gefilmt, wie auf Plantagen Leute eigentlich wie in der Sklavenzeit gehalten werden, Wanderarbeiter aus Haiti. Was ein komplizierter Dreh war. Wir waren in Mexiko, haben in den USA gedreht an der Warenterminbörse für Zucker. Also dass man sehen kann, das waren Filme, die halt versucht haben, eigentlich geografische Themen zu packen in einen Film, so dass auch komplexe Ideen verstanden werden können durch Leute, die eigentlich mit der Thematik sonst nichts zusammen haben. Und wir haben immer versucht das Filmmedium und Personifizierungen zu nutzen, um Leute in so ein Thema reinzuziehen.

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Tim Pritlove
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Christoph Corves
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Teaching for Empowerment genau. Und da habe ich lange drüber nachgedacht, wie wir eigentlich ein Lernprogramm dafür gestalten könnten, in dem das passiert. Und ein anderer Gesichtspunkt sozusagen bei der Überlegung, wie wir dieses Lernprogramm geboren wurde, das kam durchaus aus dem Medienhintergrund. Wenn Sie gucken einen Film, zum Beispiel einen James Bond Film 007, was können Sie als Zuschauer da machen? Sie können sich eigentlich nur den angucken und sich mit der Hauptperson identifizieren. Das heißt die Interaktionsmöglichkeiten, die Handlungsmöglichkeiten für Sie sind relativ beschränkt. Sie können den Film auch noch ausstellen, wenn er Sie nervt. Das geht aber weiter, wenn Sie gucken in den 90ern, wenn Sie gucken was alles entstanden ist an Computerspielen. Da haben ja die Leute, die Computerspiele machen, erst alleine vorm Rechner gesessen. Dann gab es die serverbasierten Spiele, wo Leute zusammenspielen. Dinge wie World of Warcraft heute. Dann ist es weitergegangen in Richtung eigentlich in den Real World Locationbased Games, wie Schottland Yard Games in einer realen Umgebung, wie zum Beispiel in London. Wo Sie über Smartphones mit einem Server verbunden sind, und Leute tatsächlich da einen virtuellen Verbrecher, einen Mitspieler im Spiel jagen. Und da entstand so die Überlegung draus, wie wäre das denn, dass wir diese Lust von Leuten eigentlich zu spielen und der Held zu sein in ihrer eigenen Geschichte, das ist nämlich das, was sie sowohl sind bei James Bond, wenn Sie sich mit dem James Bond da identifizieren, dann sind Sie eigentlich der Held. Und dasselbe sind Sie in diesen Egoshooter-Games. Oder dasselbe sind Sie, wenn Sie der Verfolger des Täters sind in so einem Schottland Yard Game. Wenn wir das in die reale Welt übertragen, wenn wir eigentlich eine Umgebung schaffen, wo Leute auf einmal zum Held ihrer eigenen Geschichte werden, aber was reales machen in der Welt. Wenn sie ein reales Problem lösen. Und wie eine Medienumgebung bauen und eine reale Umgebung mit Unterstützungsmaßnahmen wie Kursen, reale Meetups, Beratungsmöglichkeiten, aber halt auch natürlich das Mediennetz. Was über soziale Medien geht, was über eine Lernplattform integriert ist, wo das möglich wird. Und so ist die Idee zu dem Projekt YOOWEEDOO, dem Lernprogramm für Zukunftsmacher entstanden.

Tim Pritlove
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Christoph Corves
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Christoph Corves
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Christoph Corves
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Tim Pritlove
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Tim Pritlove
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Christoph Corves
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Tim Pritlove
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Christoph Corves
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Die Zukunftsmacher-Plattform haben wir gegründet als Lernplattform. Also unser Ziel, da muss ich einen Moment ausholen, unser Ziel war immer, dass wir eigentlich denken, alle Leute, alle jungen Leute, aber auch eigentlich darüber hinaus alle Leute sollten wissen, wie sie von einer Idee für eine bessere Welt zu einem realen Projekt kommen. Sonst wird die Welt nämlich nicht besser, sonst bleiben das immer nur Ideen. Und viel davon kann man lernen. Und natürlich können wir über die Kurse, wo Studenten physisch hinkommen hier an der Universität Kiel natürlich nur eine begrenzte Zahl von Menschen erreichen. Und deswegen kam die Idee, dass wir sagten, wir versuchen das Ganze in ein Onlinekurs zu packen, den wir auch gemacht haben. 2013 haben wir damit angefangen, hat der Stifterverband uns ermöglicht mit einer Finanzierung, dass wir den Kurs, wie plane ich denn überhaupt so ein Projekt? Der Kurs reicht von der ersten Ideenfindung bis zu einem detailliert ausgeplanten Projektkonzept für ein Veränderungsprojekt. Da haben wir einen videobasierten Onlinekurs gemacht, die damals also in Mode kamen unter dem Label MOOC, massive open online courses, der Kurs nennt sich der Changemaker-MOOC. Und an dem haben tatsächlich inzwischen über 15.000 Leute teilgenommen, also man sieht sozusagen, dass diese Medien natürlich einem das ermöglichen, einfach einen viel größeren Teilnehmerkreis zu erreichen. Wir haben den MOOC dann erst auf einer kommerziellen Onlinelearning-Plattform laufen lassen, 2013. Haben dann aber sehr schnell gesehen, das hat Vor- und Nachteile. Vorteile sind, die Plattform an sich hat eine große Reichweite, Nachteil ist, wir kommen an die Adressdaten der Teilnehmer nicht dran in unserem eigenen Kurs. Und wir haben gemerkt, dass also in vielen anderen Städten in Deutschland, da gibt es vereinzelte Teilnehmer an so einem Kurs, und die haben ein großes Interesse daran, eigentlich untereinander lokal in Kontakt zu kommen. Das können wir aber nicht vermitteln, weil wir die Adressen nicht kriegen, weil das eine kommerzielle Plattform ist.

Tim Pritlove
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Christoph Corves
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Genau und das war eigentlich der Hauptbeweggrund für uns zu sagen, wir brauchen eine eigene Lernplattform und Kommunikationsplattform, die sich auf diesen Bereich der Changemaker/Zukunftsmacher fokussiert. Lernangebote für die bereitstellt, aber ihnen gleichzeitig eben ermöglicht, wie so eine Art Mini-Facebook, untereinander ein eigenes Profil zu haben, miteinander in den Austausch zu kommen. Es gibt ein Blog darauf, wo wir Nachrichten reinposten, die interessant sind für diese Zielgruppe. Das ist die Zukunftsmacher-Plattform. Und die ist auch tatsächlich offen auch für andere Hochschulen zu nutzen. Wir hatten ein weiteres Problem, weil wir wollten mit Universitäten in anderen Städten zusammenarbeiten, anderen Bundesländern. Und an der Uni Kiel war es nicht möglich, dass Studenten von anderen Hochschulen unser Online-Lernsystem an der Uni Kiel benutzen. Weil die einfach sagen, das geht nur für Studierende der Uni Kiel und Mitarbeiter der Uni Kiel und wer anders kommt da nicht rein. Aus IT-Sicherheitsgründen. Dasselbe Problem, dann hatten wir Partner in Bayern, die sagten, ja virtuelle Hochschule Bayern, aber da dürfen, weil das aus dem bayrischen Landeshaushalt finanziert wird, ist die Plattform nur offen für Studierende an bayrischen Hochschulen. Also immer diese ganze Kleinstaaterei. Und dann habe wir gesagt, nein wir machen jetzt eine eigene Plattform, an die kann sich jeder einloggen, der das möchte. Wir können zusammenarbeiten mit Studierenden von egal welcher Hochschule. Die Plattform ist auch so, die hat ein deutsches Interface, lässt sich aber umschalten auf englisch, auch den Changemaker-MOOC gibt es auf deutsch und englisch, so dass man einfach sehr breit arbeiten kann mit Partnern da zusammen.

Tim Pritlove
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Christoph Corves
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Tim Pritlove
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Christoph Corves
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Das ist eine Einladung ja. Und wir haben auch über Netzwerke, wie zum Beispiel es gibt das Hochschulnetzwerk Bildung durch Verantwortung, wo mehrere Dutzend Hochschulen und Universitäten sich bundesweit zusammengeschlossen haben, die interessiert sind an diesem Service-Learning-Bereich, da sind wir auch Mitglied. Und wir führen regelmäßig da auf den Tagungen Einführungsworkshops durch und das geht dann darüber hinaus, dass wir diejenigen, die sagen, ich möchte das nicht mal nur sporadisch nutzen, sondern ich möchte wirklich so ein eigenes Changemaker-Lernprogramm bei mir aufbauen, dass wir die in einem sogenannten Changeleader-Programm dabei unterstützen. Also wir beraten die, wie sie das an ihrer Hochschule machen können, wie sie Ressourcen, die wir haben, wie sie die Zukunftsmacher-Plattform dafür nutzen können. Sie können von uns Unterlagen bekommen zu Prüfungsformaten, Workshop-Formaten, wie werden die Workshops durchgeführt. Also das stellen wir alles kostenfrei zur Verfügung. Und wir haben jetzt eine Zusammenarbeit mit den ersten Hochschulen, wo wir das also im Detail machen. Das ist die katholische Universität Eichstätt und die Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde, mit denen wir im Herbst auch Social Innovation Camps machen werden, wo also Projektideen entwickelt werden mit den Studenten, die wir durchführen zusammen mit den Partnern an den Hochschulen, wo wir in dem Kontext alle eigentlich voneinander lernen können. Und gleichzeitig beraten wir dann die Hochschulen, wie sie so ein eigenes Lernprogramm bei sich aufstellen können.

Tim Pritlove
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Christoph Corves
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Tim Pritlove
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Christoph Corves
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Tim Pritlove
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Christoph Corves
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Also das sind ja zwei Fragen. Ich antworte erst mal darauf, wie eigentlich das Programm strukturiert ist. Ich nehme erst mal den Standardfall, es findet hier bei uns in der Uni Kiel statt. Also wir haben im Wintersemester einen Kurs, der läuft von Ende Oktober bis Ende Januar, wo der Studierende da eingebettet ist, teilweise in die deutschsprachigen Bachelor, zum Beispiel Geografie oder über das Zentrum für Schlüsselqualifikationen hochschulweit auch zugäugig ist. Und wir haben dasselbe auch eingebettet in die internationalen Masterstudiengänge der School of Sustainability. Und da lernt man, wie plane ich ein Nachhaltigkeitsprojekt oder ein sozialunternehmerisches Vorhaben. Und die Leute ist meine Erfahrung kommen meistens in diese Kurse rein mit einem Interesse, aber noch keiner konkreten Projektidee. Das heißt wir fangen eigentlich an dem Punkt an, wo die Leute sagen, ich würde gerne was, ich möchte was mit Flüchtlingen machen oder ich möchte was zum Thema Nahrungsmittelverschwendung machen oder Ressourcenschutz und dann entwickeln wir erst eine Projektidee mit den Teilnehmern zusammen. Und diese Ideen entwickeln die Teilnehmer selber. Weil ich denke, es ist ganz wichtig, dass Leute erst ein Problem eigentlich analysieren, wie man das so im Hochschulbereich ja auch tut. Aber dann halt sozusagen einen Lösungsansatz, im Sinne von Think global act local, dass man einen lokalen Handlungsansatz plant und dann haben wir eine Phase, die nennen wir immer Umfeldanalyse, wo dann die Teams, das passiert in kleinen Teams von 3-5 Studenten, die so ein Projekt planen, sich dann in Verbindung setzen mit lauter lokalen Akteuren, also zum Beispiel in den Flüchtlingsorganisationen oder je nachdem wer für dieses Projekt interessant ist, wo wir dann Kontakte mit helfen herzustellen, damit das alles schneller geht. Aber wo die im Prinzip gucken sozusagen, was gibt es denn für Angebote in diesem Bereich schon? Versuchen wir hier was zu planen, was sowieso schon existiert? Oder wird vielleicht was ganz anderes gebraucht? Was sagt denn unsere Zielgruppe dazu? Finden denn Flüchtlinge, dass sie so was überhaupt brauchen? Oder haben die da eh keinen Bock drauf? Also das ist in dieser Phase 2, das passiert normalerweise im November/Dezember. Und dann, wenn es eine Projektidee gibt, wo wir denken, so die hat Realisierungspotenzial, dann wird im Prinzip klassisch einfach ein Projekt geplant, also mit Aktivitätenplanung, Projektstruktur, Kostenplanung. Dann wird ein Finanzierungsmodell dazu geplant und das Ganze endet dann Ende Januar, dass ein detailliert ausgearbeitet Projektkonzept vorliegt, was wirklich professionell geplant ist. Und wir orientieren uns dabei an einem Berichtsformat, was in dieser sozialunternehmerischen social Entrepreneurship-Szene so zum Standard wird. Das nennt sich der Social Reporting Standard. Ist auch von Ashoka mit entwickelt. Könnte ich mehr zu erzählen. Aber wir haben dann zum 01. Februar die Möglichkeit sich mit seinem Projektkonzept bei uns im Ideenwettbewerb um Startkapital zu bewerben und ein Projekt kann maximal 2000 Euro bekommen. Und diese Projekte sind im Wintersemester immer so geplant, dass man sie im Sommersemester umsetzen kann als Piloten. Das heißt es sollte nicht mehr als 25-30% der Studienzeit eines Semesters so beanspruchen. Es sollte sich umsetzen lassen als Pilot mit geringen Ressourcen mit einem Team von 3-5 Studierenden. Die Studenten müssen was planen, wo also wir ganz klar sagen, was sind die Anforderungen an Projekte, weil wir ja die Themen nicht vorgeben. Aber wir haben trotzdem natürlich Anforderungen. Und die Anforderungen sind sehr simpel. Wir sagen, es soll in irgendeiner Form zu nachhaltiger Entwicklung beitragen. Und ihr müsst uns erklären, in welcher Form das passieren soll. Das zweite ist, es muss ganz klar sein, ihr müsst uns erklären, welchen Mehrwert hat die Gesellschaft davon, dass ihr dieses Projekt umsetzt und ihr müsst uns erklären können, welche Wirkung soll das haben. Nicht nur, dass ihr ein Projekt gemacht habt sozusagen, sondern was wird dieses Projekt wirklich auf der Welt verbessern? Die dritte Anforderung ist, dass wir sagen, wir wollen, dass die Studenten, die das machen, 100% voll verantwortlich sind. Also wir fördern im Ideenwettbewerb und wir lassen auch vorher im Projektplanungskurs keine Projekte entwickeln, wo die Studenten nicht 100% selbst verantwortlich sind, alle Entscheidungen auch selber treffen. Weil dieses selber die Verantwortung haben eben total entscheidend dafür ist, dass man hinterher das Gefühl hat sozusagen, wer ist denn dafür verantwortlich, wenn das Projekt ein großer Erfolg wird oder wenn man es vor die Wand gefahren hat. Dass man dann nicht sagen kann, das war aber dieser Prof., der hat da was gesagt. Das war der Corves, der hat gesagt, ich soll das so und so machen. Nein, da ist ganz klar, ich bin hier nur Berater, planen tut ihr und entscheiden tut ihr auch. Und das gilt natürlich auch für die ganzen … der Wettbewerb, der dann kommt im Februar/März, der ist bundesweit ausgeschrieben, da haben sich dieses Jahr über 70 Projektteams beworben und wir haben 34 fördern können mit bis zu 2000 Euro jeweils, knapp 60000 Euro ausschütten können, die von unterschiedlichsten Förderern wieder kommen. Und dann geht das ab Anfang April, so ab Ostern, in die Zeit, wo die Pilotprojekte umgesetzt werden. Und dann in der Zeit hat natürlich jedes Team sein eigenes Projekt. Die Kieler Projekte, wir haben immer so an die 15 hier in der Region, sind natürlich über uns gut vernetzt. Aber bundesweit haben wir weitere 20 Projekte, die oft dann alleine sind in der Stadt, wo sie ihr Projekt umsetzen. Und Stichwort Community, was Sie vorhin nannten, es ist also sozusagen nicht alleine zu sein mit dieser Art Vorhaben, sondern zu merken, da gibt es viele andere, die auch solche Sachen machen, das ist ganz wichtig. Und wir haben jedes Jahr im Mai ein großes Summer Camp, wo wir alle Projekte einladen für vier Tage nach Sylt. Hatten wir jetzt gerade wieder, wo dann 70-80 hochmotivierte richtig fitte Leute zusammenkommen und daran arbeiten, gemeinsam ihre Projekte weiterzuentwickeln. An Dingen arbeiten, wie Geschäftsmodell überarbeiten. Wir haben dann Berater, zum Beispiel einen Anwalt, der für sozialunternehmerische Startups für Rechtsformen Spezialist ist. Wir haben Leute aus dem Marketingbereich. Wir laden Projekte ein, die schon 2-3 Jahre älter sind, dass man sehen kann, auf was für Probleme stößt man vielleicht, wenn man so ein Projekt in ein Unternehmen weiterentwickelt oder in eine Organisation wie einen Verein. Wir haben erfahrene Coaches, die Projekte individuell beraten und so weiter und das passiert im Mai. Und zwischendurch sozusagen sind wir natürlich über das ganze Sommersemester immer verfügbar, wenn da Fragen zu den Projekten selber auftauchen. Und so das ist dieser Standardablauf, der läuft halt einmal über ein Jahr. Wintersemester Projekte planen, Ideenwettbewerb, Startup-Kapital versuchen zu kriegen von uns und dann im Sommer Projekte umsetzen. Und in dieser Umsetzungsphase gucken wir, welche Projekte möglicherweise ein Weiterentwicklungspotenzial haben. Dass man sagt, wir denken euer Projekt und euer Team ihr habt das Potenzial, dass man eine Organisation draus entwickeln könnte. Oder vielleicht auch ein Unternehmen. Das ist jetzt eigentlich falsch rum gesagt, weil meistens kommen die auf uns selber zu und dann gucken wir, welche Möglichkeiten es gibt, das für die einzelnen Teams zu erreichen. Das sind je nach Jahr ein Viertel oder ein Drittel ungefähr der Teams, die hinterher in eine Gründung gehen.

Tim Pritlove
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Christoph Corves
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Tim Pritlove
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Christoph Corves
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Abfluss von Agrargebieten. Und daraus entstand die Idee zu sagen, junge Leute in den Anfängen ihrer 20er, Mitte 20, die kennen die Situation auf großen Musikfestivals wie Wacken, aber auch viele andere, wo diese elenden Dixi-Toiletten sind, die tatsächlich ja fast Sondermüll sind durch diese Chemikalien. Kann man nicht einfach mal in die Toilette schütten hinterher, weil das die Kläranlagen abschießt. Und die Überlegung war, wie könnte man eigentlich ein Komposttoilettensystem für Festivals entwickeln? Die Bachelor-Arbeit war fertig, dann haben die bei uns in dem Projektplanungskurs den Plan entwickelt, das Konzept entwickelt für einen ersten Piloten mit zwei Toiletten. Komposttoiletten für lokale Musikfestivals, um das Konzept zu testen. Und auch um zu testen, wie sind die Festivalbetreiber, wie stehen die dazu? Nehmen die Festivalbesucher das an? Wie ist die "willingness to pay"? Was wären Leute bereit, für ihren Toilettenbesuch zu zahlen? Kann man daraus ein Businessmodell machen? Oder geht das nicht, weil sich das nicht rentieren könnte? Und und und. Und wir haben in diesem Ideenwettbewerb, wenn der läuft, werden praktisch alle Preise durch eine Jury vergeben. Ausnahme ist ein Preis, das ist ein Publikumspreis, der wird über eine große Abstimmung im Internet vergeben, eine Online-Abstimmung. Und wie man eine social media Marketingkampagne für diese Online-Abstimmung, um möglichst viele Leute für eine Stimmabgabe zu beginnen, das kann man wiederum bei uns im Onlinekurs auf der Zukunftsmacher-Plattform lernen. Und dann findet ab Mitte Februar immer für drei Wochen dieses Online-Voting statt und da kommen sehr viele Leute auf die Plattform, weil natürlich alle 70 teilnehmenden Projekte ihre eigene Kampagne machen. Und das führt dazu, dass also 70.000-120.000 Leute in drei Wochen auf der Plattform sind. Und bei Goldeimer war das dann so, dass … die hatten natürlich noch nicht angefangen, auch nur ihre Toiletten zu bauen. Dann hatten die schon fünf Festivals, die Interesse hatten daran, sich gemeldet hatten bei ihnen und sie buchen wollten für den Sommer. Und da wussten die sozusagen, da gibt es Interesse, hatten die Kontakte für ihren ersten Piloten. Haben dann in den Werkstätten hier der ehemaligen Kunsthochschule hier in Kiel, Muthesius Kunsthochschule, konnten die Werkstätten nutzen und haben da diese Toiletten gebaut, ihre ersten beiden Prototypen. Sind dann im Sommer auf die Festivals gefahren und haben also gesehen, dass Festivalbesucher durchaus bereit sind, 2-2,50 Euro pro Toilettenbesuch zu bezahlen. Ja, um eine saubere Toilette zu haben, eine saubere Komposttoilette. Und haben daraus dann im nächsten Schritt ein Geschäftsmodell entwickelt. Haben dann gegründet eine GmbH, wo dann dahinterstehen Kapitalgeber aus dem Bereich Viva con Agua und Festivalbetreiber. Und diese GmbH hat sich jetzt seit 2-3 Jahren weiterentwickelt. Es gibt einige Leute, die jetzt ganzjährig fest angestellt sind. Zwar mit keinen sehr hohen Gehältern, aber trotzdem. Und es gibt ein halbes Dutzend Leute, die saisonmäßig beschäftigt sind. Und sehr interessant. Es gibt ungefähr 150 Leute inzwischen, die auf den Festivals freiwillig Toiletten putzen. Die Festivalbetreiber stellen ein Gratisticket für Leute bereit. Dann verpflichtet man sich für drei Stunden am Tag beim Putzen, Betreuen der Goldeimer Komposttoiletten auf dem Festival mitzuhelfen. Und es gibt einen riesigen Andrang von Leuten, die Lust haben, das zu machen.

Tim Pritlove
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Christoph Corves
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Tim Pritlove
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Christoph Corves
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Tim Pritlove
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Christoph Corves
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Tim Pritlove
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Christoph Corves
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Tim Pritlove
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Christoph Corves
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Tim Pritlove
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Christoph Corves
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Tim Pritlove
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Christoph Corves
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Was natürlich nicht nur die Uni Kiel ist, sondern wir bieten das ja bundesweit an. Finanziert wird es über diese 300.000 hinaus natürlich durch sozusagen das, was die Uni Kiel, man muss eigentlich sagen, das Land zahlt für meine Stelle. Und in der Arbeitsgruppe für Ressourcen, die wir da mit einbringen. Und die 300.000, die dann verbleiben, werden dann aus einer Mischung unterschiedlichster Quellen müssen die permanent finanziert werden. Wichtig dabei sind Stiftungen, also Stifterverband für die deutsche Wissenschaft, deutsche Stiftung Umwelt, Robert Bosch Stiftung und und und. Energie für Klimaschutz, Gesellschaft für Energie und Klimaschutz in Schleswig-Holstein. Also wir versuchen möglichst viele Finanzierer reinzukriegen, um unsere Finanzierung halt auch nicht von einem einzelnen abhängig zu machen. Jetzt haben wir europäische Regionalfördermittel mit drin, wo die Staatskanzlei sehr behilflich war. Das Wirtschaftsministerium. Das Wissenschaftsministerium hier in Schleswig-Holstein finanziert immer wieder Teile mit. Also das ist ein Finanzierungsmix. Aus dem wir halt einerseits die Mitarbeiter finanzieren und dann natürlich die Ideenwettbewerbspreisgelder. Das ist im Augenblick so bei 50.000-60.000 Euro pro Jahr. Und das nächste, was wir planen, ist eigentlich, wie es uns gelingen wird eigentlich Unternehmen reinzuziehen als Finanzierer, die wir als ideale Partner sehen. Weil die einerseits inhaltlich Wissen mitbringen, das wir im Hochschulbereich nicht haben, aber das für unsere Projekte sehr interessant wäre, für die Teams sehr interessant wäre. Und gleichzeitig denken wir, dass der Teilnehmerkreis von Menschen, die sich an dem YOOWEEDOO-Programm beteiligt als Nutzer, als Studierende, die Projekte planen und dann auch umsetzen, das ist natürlich eine ganz attraktive Zielgruppe. Also das sind Leute, die sonst auch die Möglichkeit haben, mit Stipendium ins Ausland zu gehen. Die Studienstiftungen sind hinter ihnen her. Das ist eine sehr attraktive Zielgruppe und deswegen hoffen wir, dass es uns im nächsten Schritt gelingt, ein Unternehmernetzwerk aufzubauen, die in dem Projekt sich beteiligen und auch Finanzierung mit beisteuern. Beratung mit einbringen.

Tim Pritlove
1:02:54
Christoph Corves
1:03:13

Ist es aber eigentlich nicht. Weil wir haben das Programm, und diese Überlegungen kommen natürlich aus diesem social Entrepreneurship-Bereich, das habe ich von Ashoka gelernt muss ich echt sagen. Dass wenn man denkt, man hat ein Problem, was sehr viele Leute betrifft und ich würde sagen, dieses Problem, dass Studierende nicht lernen, wie sie aus einer Idee eine Realität machen, das betrifft praktisch alle unsere 2,7 Millionen Studierenden in Deutschland. Es gibt sehr wenige Hochschulen und Studiengänge, wo Studenten so was lernen. Und deswegen war das Projekt von Anfang an immer so geplant von der Strategie her, wie können wir Angebote machen, die mit sehr geringen Kosten skalierbar sind auf einen größeren Teilnehmerkreis, ohne dass uns die Kosten explodieren. Weil wir denken, eigentlich sollten das viel mehr Studierende an viel mehr deutschen Hochschulen machen können so was. Und diese halt Sachen lernen können. Und nicht, dass ich Leute zwangsverarzten möchte damit. Aber ich denke, jeder, der Interesse hat das zu lernen, jeder Student sollte so was lernen können. Ich habe es selber immer als riesiges Manko empfunden, in den Studiengängen, die ich selber mitgemacht habe als Student, dass genau so was nicht passierte. Und wenn ich die Studiengänge heute angucke, die ich kenne, auch an dieser Hochschule, dann sind die allermeisten weitab davon, dass Studenten so etwas lernen können. Und gleichzeitig sind es aber die Art so, die Studierenden, die so was können, die Problemlöser, die eigentlich alle suchen hinterher. Ob das jetzt in den Ministerien ist, ob das in Unternehmen ist. Alle Leute hätten gerne solche Personen, die diese Fähigkeiten haben, aber das Bildungssystem ist gar nicht drauf vorbereitet, die auszubilden.

Tim Pritlove
1:04:56
Christoph Corves
1:05:01
Tim Pritlove
1:05:13
Christoph Corves
1:05:14
Tim Pritlove
1:05:18
Christoph Corves
1:05:55
Tim Pritlove
1:05:58
Christoph Corves
1:06:32

Ja. Wissen Sie, das Problem ist ja eigentlich viel gravierender als Sie das darstellen. Das ist ja nicht nur sozusagen unsere Universität und darin gibt es dann ein Programm für unsere Studenten, sondern meistens ist es ja sozusagen unser Fach. Also Studiengänge werden ja von Fächern angeboten. Und es gibt ja schon viele Studiengänge, die sozusagen also einfach nicht mal die Fachgrenzen überschreiten. Wo man vielleicht noch ein stiefmütterliches Nebenfachangebot hat oder dann vielleicht auch mal fünf Leistungspunkte erlaubt, die dann der Student frei wählen kann. Aber selbst innerhalb einer Hochschule ist es ja kein einfaches Problem und ich will da niemanden individuell für haftbar machen. Das ist einfach die Art, wie Hochschulen organisiert sind in Deutschland. Und das macht es schwierig zusammen zu arbeiten. Wir denken aber, dass das total hilfreich wäre und ich denke auch, dass es in Zukunft viel mehr passieren wird. Sicher auch weil das die Entwicklung von Internet und so weiter auch möglich macht, weil das ja sehr viel erleichtert hat. Man muss natürlich immer gucken, diejenigen, die Lehre organisieren an Hochschulen, also die Dozenten, wir sollen ja alle so eierlegende Wollmilchsäue sein. Wir sollen forschen, wir sollen die Verwaltung der Uni mittragen, selbstverwaltete Hochschulen. Wo letzten Endes die Dozenten die Alltagsadministration mit leisten müssen, weil es keine ausreichend ausgestattete Verwaltungsebene gibt. Und dann neben der Forschung sollen wir dann auch noch super Lehre machen. Die meisten, gerade die engagierten, stehen unter einem riesigen Zeitstress. Das heißt man muss gucken, wie kann man denn die Leute, die einerseits engagiert sind, aber gerade weil sie das sind, halt auch mit der Zeit besonders eng sind, wie kann man es für die einfach machen, so was für ihre Studenten einzurichten. Und dafür sind die Angebote, die wir in dem Changeleader-Programm jetzt ausgearbeitet haben und die wir jetzt ab Herbst mit den ersten Hochschulen testen, das will ich nur sagen, also seit vier Jahren haben wir die Online-Lernangebote. Aber dass wir jetzt ein spezielles Programm haben, wo es zum Beispiel neben dem, also das ist ja eigentlich ein Blended Learning Format, der Projektplanungskurs, wo wir einmal online Lerninhalte nutzen, aber durchaus auch Präsenzworkshops haben und wie plant man so ein Blended Learning Programm für die eigene Hochschule.

Tim Pritlove
1:08:52
Christoph Corves
1:08:56
Tim Pritlove
1:09:17
Christoph Corves
1:09:46

Die Finanzierungsfrage denke ich mir muss eigentlich systematisch geklärt werden. Ich denke, auf Bundesebene müsste es einen Finanzierungstopf geben beim BMBF oder wo auch immer. Aber im Bereich der Bundesregierung, wo innovative Lehrvorhaben individuelle Finanzierung beantragen können. Weil meistens gibt es, also beim BMBF zum Beispiel gibt es diese Programme wie Hochschulpakt Lehre, die aber nur die Hochschule beantragen kann, aber in diesem Fall sehen wir, dass eigentlich die einzelnen Dozenten eine Möglichkeit bräuchten Gelder zu bekommen, das kommt fast nie aus der Hochschule oder man muss einfach sagen, wenn dann in verschwindend geringem Umfang. Und für so was fehlt in Deutschland ein Finanzierungsformat. Von daher denke ich mir, dass eigentlich für so was ein Format gebraucht wird, in dem das passieren kann. Und ich habe die gute Hoffnung, dass das BMBF möglicherweise in den kommenden Jahren so was auch entwickeln wird. Aber unabhängig davon, wir denken, dass es für uns der nächste Schritt wäre, wenn wir mit einem Kreis von vielleicht 5-10 Hochschulen enger zusammenarbeiten können. Weil wir denken, es hätte einen riesigen Mehrwert für die Studierenden aller Hochschulen, aber auch für die Dozenten, ein engeres Netzwerk zu haben, wo man Dinge wirklich gemeinsam machen kann. Zum Beispiel die Zukunftsmacher-Plattform. Wir sind jetzt dazu übergegangen, nachdem wir als erstes Lehrkonzept mit dem MOOC gearbeitet haben. Wir haben gesehen, dass so ein MOOC vom Umfang her mal konzipiert wurde mit der Idee, wir ersetzen zwei Semesterwochenstunden Lehrveranstaltung durch einen Onlinekurs einen integrierten. Und wir haben gesehen, dass sowohl für die Studierenden als auch für die Lehrenden das ein eigentlich zu umfangreiches Format ist. Weil da sind 120 Lerneinheiten drin, das kostet einfach relativ viel Zeit, sich damit vertraut zu machen. Und wir sind jetzt dazu übergegangen kleiner Lernmodule, Online-Lernmodule zu konzipieren. Die sehen so aus, dass man also vom Umfang her immer so denkt, was würde man vermitteln können in einem halbtägigen Workshop zum Thema zum Beispiel Rechtsformen für sozialunternehmerische Startups. Dann beauftragen wir einen Autoren, der auf diesen Bereich spezialisiert ist, jemand, der sich gut damit auskennt, mit uns gemeinsam ein Lernmodul zu konzipieren und das dann auch zu schreiben als Autor. Wir selber bitten dann die Person, auch selber ein Workshop-Konzept dafür auszuarbeiten, damit sozusagen man gleichzeitig also auch jemanden bekommen kann, den man sich anheuern kann. Wir zum Beispiel im Summer Camp, aber auch andere Hochschulen extern, wo man so was durchführen lässt, wenn man selber diese Sachkompetenz nicht hat. Wir können nicht alle alles selber wissen. Muss eigentlich eher als Produzent einer Lehrveranstaltung arbeiten, als als ich kann alles selber. Und gleichzeitig gibt es dann dazu relativ vom Umfang her begrenzte, aber sehr spezifische Lernmodule, die ich viel leichter auch als Dozent in Lernkonzepte einbinden kann. Und wir sind dazu übergegangen, das jetzt zu machen, das wird auch wiederum von unterschiedlichen Stiftungen gefördert. Die ersten Lernmodule sind jetzt schon im Aufbau. Kann man auch schon finden auf der Zukunftsmacher-Plattform. Wie Rechtsformen für sozialunternehmerische Startups oder auch wie Gemeinnützigkeit. Sozusagen was hat das für steuerliche Folgen. Also an was muss ich denken, wenn ich zum Beispiel einen Verein gründe. Ich könnte ja auch eine gemeinnützige UG gründen, eine Unternehmensgesellschaft. Oder eine gemeinnützige GmbH. Wenn ich zum Beispiel ein Team aufbaue ein kleines, das dann vielleicht dann auch in eine Gründung geht, sozusagen an was muss ich bei Teamentwicklung denken und und und. Und wir würden uns wünschen, dass auch andere Dozenten die Möglichkeiten nutzen, mit uns gemeinsam Lernmodule für diese Lernplattform zu entwickeln. Weil das würde natürlich den Nutzen für alle potenzieren. Jeder kann das nutzen, das Open Educational Ressource ist online frei verfügbar. Kostet nichts. Je mehr Leute da sinnvolle Inhalte bereitstellen und die dann gemeinsam nutzen, umso spannender wird das Ganze. Und für die Studenten denke ich mir über diesen Aufbau einer realen und auch virtuellen Community, wo Menschen sich auch untereinander beraten können. Das ist ein Bereich, den wir weiter ausbauen wollen, sowohl online als auch offline. Könnte ich gleich ein paar Worte zu sagen. Das sind so Entwicklungen, die wir in den kommenden Jahren vorantreiben werden. Dazu kommt, dass wir zunehmend Anfragen haben auch aus dem ausländischen Bereich. Also auch zum Beispiel haben wir jetzt eine Kooperation, wo wir einen Antrag stellen gemeinsam, um so was mit Universitäten in Kambodscha und auch in Myanmar solche Lernprogramme aufzubauen mit lokalen Partnern. Mit einer anderen Partnerhochschule in Deutschland. Also es gibt viele Bereiche, die uns interessieren und wo wir gucken, kann man mehr Menschen den Zugang zu dieser Art Lernen ermöglichen? Weil eigentlich denken wir, was sich an Hochschulen ändern muss ist die Art, wie gelernt wird. Ich will nicht sagen was, aber wie gelernt wird.

Tim Pritlove
1:15:04

Ja.

Christoph Corves
1:15:06
Tim Pritlove
1:15:20
Christoph Corves
1:15:26
Tim Pritlove
1:16:53
Christoph Corves
1:17:36

Also wenn ich das etwas ketzerisch ausdrücke, dann denke ich, wir müssen uns doch als Hochschule fragen, was ist eigentlich unsere Rolle in der Gesellschaft und was ist auch unsere Existenzberechtigung? Denn zum Beispiel hier so eine Universität Kiel wir verbrauchen an Landesmitteln jedes Jahr 160 Millionen, haben weitere 100-120 Millionen Drittmittel, und warum sollte die Gesellschaft uns dieses Geld geben? Und wenn ich mir ansehe, wie Hochschulen entstanden sind, Hochschulen waren natürlich einmal sozusagen der Wissensspeicher, für die Gesellschaft, ein wichtiger Wissensspeicher. Waren auch ein Ort, wo Wissen weitergegeben wurde und natürlich auch, wo neues Wissen geschaffen wird. Was natürlich so diese Art Wissensspeicher manifestiert sich ja rein baulich in diesen großen Universitätsbibliotheken. Und wir hatten natürlich ganz wichtig ein Monopol auf die Vergabe von Abschlüssen. Also Hochschulabschlüssen, die wiederum mit dafür entscheidend waren, wer hatte denn eigentlich welche Chancen auf Wohlstand und Mitwirkungsrechte in der Gesellschaft. Ich habe selber in einer Zeit studiert, da haben 10% eines Jahrgangs in Deutschland, eines Geburtenjahrgangs, studiert, inzwischen sind wir bei knapp 60%. Und wenn ich das rein marktwirtschaftliche betrachte, dann würde ich sagen, hier findet eine Inflation von Hochschulabschlüssen statt, das heißt inzwischen ist es doch fast normal, dass jeder, der sich auf irgendeine Stelle bewirbt, so einen Hochschulabschluss hat. Das stellt ja die Frage, welchen Wert hat das denn noch? Und ich möchte nicht sagen, dass Hochschulabschlüsse nichts wert sind. Man kann das betrachten, dass Hochschulabsolventen trotzdem im Leben besser verdienen, mehr Gehalt kriegen über die Lebenszeit als Leute ohne Hochschulabschluss. Aber ich kann es mir auch andersrum angucken. Zum Beispiel Google seit 2013 gucken die bei ihren Bewerberscreenings. Also sie haben über eine Million Bewerbungen im Jahr und sie gucken überhaupt nicht mehr drauf, wer hat denn welchen Hochschulabschluss? Weil die sagen, der Hochschulabschluss hat keinen Vorhersagewert aus ihren Untersuchungen über die Qualität der Arbeit, die jemand hinterher macht. Und sie gucken nicht mal mehr, ob jemand von Stanford ist. Und dann frage ich mich natürlich so, welchen Wert hat denn der Hochschulabschluss, wenn Stanford keinen Wert mehr hat für solche Arbeitgeber. Wie ist denn der Wert eines Hochschulabschlusses der Universität Kiel oder jeder anderen deutschen Hochschule. Ich denke das muss man sich als Hochschule perspektivisch fragen. Und ich denke, wir verlieren das Monopol auf die Vergabe von Abschlüssen, weil diese Abschlüsse, dadurch dass immer mehr Menschen sie haben, gesellschaftlich diese Bedeutung nicht mehr haben. Und da stehen wir eigentlich am Anfang eines Prozesses, wenn also Firmen wie Google, die vielleicht Vorreiter sind, sagen, nein wir wählen nach anderen Kriterien aus. Dann werden das in 10 Jahren viel mehr machen. Und wenn ich gleichzeitig sozusagen also mein zweites Monopol verliere, nämlich Zugang zu spezialisiertem Wissen, weil übers Internet heutzutage sehr viel Wissen verfügbar ist und ich dafür nicht notwendigerweise für jede Art von Wissen an eine Hochschule gehen muss … … dann sind so zwei der zentralen Daseinsberechtigungen für mich als Universität gefährdet durch die Entwicklungen, die einfach passieren, technologische, gesellschaftliche Veränderungen. Und wenn ich dann überlege, was ist eigentlich die Rolle von Hochschule in 20 Jahren, denke ich, es ist Community, es ist Community von Forschern, es ist auch Community von Studierenden, die davon leben, dass sie die Leute real zusammenbringen und diese Leute was machen lassen, was in deren Augen sinnstiftend ist. Und einen Mehrwert hat gegenüber dem, was sie sowieso im Internet oder wo auch immer kriegen können. Und ich denke, gemeinsam an einem Problem arbeiten zu können, was man gemeinsam löst, ist was extrem sinnstiftendes, besonders wenn es Probleme sind, die für die Gesellschaft relevant sind. Sinn können Sie nicht alleine herstellen. Sinn entsteht dadurch, dass jemand anderes das für wichtig betrachtet, was Sie machen. Und ich glaube, Hochschulen müssen, wenn ich mir das ansehe, was bedeutet das eigentlich für die Art, wie an Hochschulen gelernt wird, glaube ich, dass der Kern von dem, was in 10-20 Jahren an Hochschulen passieren sollte, und vielleicht auch zunehmend wird, vielleicht gar nicht mehr die Vermittlung von Stoff ist primär. Also vielleicht sehr spezialisierter Stoff. Aber der ganze allgemeine Stoff, wie die Einführung in die Betriebswirtschaft, Mikroökonomie, Makroökonomie, Einführung in die Statistik, das gibt es ja heutzutage schon alles im Netz. Dafür brauche ich nicht in eine Vorlesung gehen. Und das gilt für sehr viele disziplinäre Fachbereiche, gerade im Einstiegsbereich. Und es aber einen großen Mehrwert hat, das heißt nicht, dass diese Menschen, die das unterrichtet haben, alle überflüssig sind, ich sage ganz im Gegenteil. Aber die Zeit könnte man besser nutzen, wenn man betreut, wie Studenten relevante Probleme selber zu lösen lernen. Vor dem Hintergrund dieser Fachkontexte. Und die meisten Probleme ordnen sich nicht einem universitär disziplinären Fachkontext unter, sondern die meisten Disziplinen wird man interdisziplinär betrachten müssen. Das heißt ich glaube innerhalb der Hochschulen wird es eine Verschiebung brauchen, eigentlich wie gelernt wird. Und es wird viel mehr brauchen, dass diese disziplinären Grenzen aufgelöst werden.

Tim Pritlove
1:22:54
Christoph Corves
1:23:40
Tim Pritlove
1:23:53
Christoph Corves
1:23:54
Tim Pritlove
1:23:59